Weiterleben irgendwie

Ich habe ständig Kopfweh und bin erschöpft. Bin zerstreut und vergesslich. Ferienreif. Und ich fühle mich immer ein bisschen neben der Spur. Gut, das mag wohl alles auch damit zusammen hängen, dass der Liebste ans Nordkap radelt und alles so spannend ist, aber ich glaube, da steckt mehr dahiner.

Ich ahne, dass da noch ein weiterer Abschied dahinter steckt.

Tage, nachdem ich die letzten Sätze meines Manuskripts (Teil eins, autobiografische Essays) geschrieben habe, stelle ich fest, dass mir etwas Essentielles fehlt. Der tägliche Schreibflow.

Vielleicht wird darum das hier mein neues letztes Buchkapitel?

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Und wenn sie nicht gestorben ist, schreibt sie heute noch? Heute, ein paar Tage nach der Vollendung des letzten Kapitels, begreife ich, wie schwer mir der Abschied fällt. Von diesem intensiven Schreibprozess ebenso wie von alldem, was er bei mir ausgelöst hat. Das Schreiben an sich, vor allem aber dieser liebevolle regelmäßige und sehr dichte Hinblick, die Konzentration auf meine Erfahrungen und mit ihr dieses Innehalten. All das beeinflusste meinen Alltag, meine Befindlichkeit, sogar meine Kommunikation. Es floss in meine Mails hinein. Und jetzt – wie soll ich sagen? – jetzt fehlt es mir. Ähnlich wohl, wie mir Irgendlink fehlt, der heute Halle an der Saale erreichen und dort den lieben Emil besuchen wird.

Das biografische Schreiben ist mir eine liebevolle Freundin geworden. Eine, die mir täglich den Spiegel hingehalten hat.

Jetzt, in dieser postscriptalen Phase, werde ich vermutlich wieder mehr zur Tagebuch- und Mailschreiberin. Und zur Bloggerin. Was ich alles vorher schon war, aber in den letzten schreibintensiven Monaten vernachlässigt habe.

Und jetzt … jetzt, stelle ich fest, dass mein vielgerühmter Synchronisationsprozess, über den ich ja immer wieder geschrieben habe, bei mir definitiv ans Schreiben, ans biografische Schreiben gekoppelt ist. Ich verstehe endlich, wie sehr ich mich schreibend synchronisiere, wie sehr mich Schreiben erdet und zentriert. Schreiben ist mir Atmen, ist mir Denken, ist mir Ruhen geworden. Je länger je mehr.

Da ist nun diese unangenehme Leere, die an Abschied erinnert. Die sich wie jenes Fremdsein in der alten, nun leeren Wohnung nach einem Umzug anfühlt, ein klein bisschen sogar wie das Ende einer Freundschaft.

Anders gesagt: Ich bin auf Entzug.
Und noch anders gesagt: Ohne Schreiben kann ich nicht leben.

Wie ich nun mit dieser Leere umgehen werde, mit dieser ganz konkreten? Ich weiß es noch nicht. Zumal das Buch ja noch nicht fertig ist. Es folgt ja noch Teil zwei. Das erste der drei bis vier geplanten Gespräche mit anderen Gewaltbetroffenen ist aufgezeichnet; ein Tondokument, das ich aufschreiben werde – und als Gespräch ins Buch integrieren. Das zweite Gespräch ist bereits geplant. Ich wünsche mir drei bis vier Gespräche als Ergänzung zu meiner Geschichte, damit „Weiterleben“ noch mehr zu dem Mutmach-Buch werden kann, das ich mir vorstelle. Und damit Menschen, die es lesen – ob sie nun ähnliche Dramen wie ich erlebt haben oder andere – ahnen, dass es manchmal zwar lange dauern kann, bis ein Leben vom „Status: Überleben“ zum „Status: Weiterleben“ wechselt. Aber, und das ist wichtig, dass es möglich ist. Bei mir, bei andern. Und bestimmt auch bei meinen zukünftigen Buchleserinnen und -lesern.

Sommersonnwende: jetzt

Ullis kleiner Wetterzauber hat gewirkt. Kaum bei mir angekommen, drückte ich ihr mein Tablet in die Hand, das ich als neues Zeichnen-Spielzeug entdeckt habe.

Da, zeichne was!, sagte ich.
Hat sie. Das da. ↓

Sommersonnwende2015_1

Keine zehn Minuten später öffnet sich die Wolkendecke und auf der Fahrt nach Winterthur bedaure ich, dass die Sonnenbrille im Kofferraum liegt.

Mit Freundin M. (1) sowie vielen anderen Freundinnen und Freunden, kleinen und großen Menschen zwischen 10 Monaten und sechs Jahrzehnten plus ein paar Jährchen mehr wandern wir zum Ritualplatz über Winterthur.

Wir bereiten ein Ritualfeuer vor, über das auch Ulli ganz wunderbar in ihrem heutigen Blogartikel schreibt.

Loslassen. Wünschen. Beten. Sich eins sein im Lied, der Stille, dem Jubel und in der Lebensfreude. Danke, liebe Freundinnen und Freunde!

Und ja, ich habe mir auch für den Liebsten etwas gewünscht: Dass er gut reisen möge. Und wohlbehalten zurückkehren, wenn er seine Reise zu Ende gereist habe.

Das gemalte Feuer erinnert mich an unser Wintersonnwendefeuer vor einem halben Jahr, das ebenso hell loderte wie das gestrige, nur höher und schmaler. Jedes Feuer ist anders, jeder Mensch ist anders.

Das Bild mit dem Fuß? Ja, der Fuß gehört mir. Und ja, der gehört auch hier her. Denn nach dem Feuer und nach dem Essen, am frühen Abend, sind wir zurückgekehrt, zurück in Freundin M. (1)s Haus. Die drei größeren Kinder haben uns mit einem Konzert auf Djemben und anderen Rhythmusinstrumenten beglückt. Und da musste ich doch Autogramme haben, logisch!

Mein Leben in der Blase

Ich switche von Ausnahmezustand zu Ausnahmezustand. War ich vor paar Wochen im Neue Patent Ochsner-CD-Rausch, ist es nun eine Art Reiserausch. Nein, falsch. Anders. Rausch ist das falsche Wort. Blase? Ja, das trifft es wohl besser. Ich halte mich derzeit in Räumen auf, die sich wie Blasen anfühlen. Paralleluniversen. Dazu das ganz normale Alltagsleben mit Büro, Sitzungen, Präsentationen, Problemlösungen, Elternkontakte, Gespräche und Mails allüberall.

Ich reagiere. Ich kommuniziere. Ich denke. Ich sehe hin. Ich rede. Ich höre zu. Ich verstehe. Ich agiere.

Overflow. Ja. Schon. Aber.

Denn meistens fühle ich mich dabei gut, richtig gut sogar. Nun ja, meistens. Gestern jedoch war auf einmal alles zu viel. Schlecht geschlafen wegen zu langer Zu-tun-Listen im Kopf war ich nach einer Sitzung mit den Lehrpersonen, endlich allein in meinem Büro, froh darüber, meine Ruhe zu haben. Beinahe war mir schlecht, aber da war noch so viel zu tun. Dazu noch ein oder zwei letzte ‚Könntest du bitte noch, bevor du ins Wochenende gehst …?‘-Bitten meines Chefs. Schließlich, gestern um halb zwei, endlich Feierabend. Wochenende.

Wieder Freiraum, mein Leben zu leben. Ähm. Wie genau sieht das denn zurzeit aus?
Zuerst waren da einfach mal Kopfweh, Nickerchen und Ruhe.

Overflow, wie gesagt … Und doch – ich lebe gerne. Trotz allem.

  • Als Homebase meines geliebten Artist in Motion betreue ich von zuhause aus auch diesmal wieder, und auch diesmal – trotz weniger Zeit als vor drei Jahren – wieder sehr gerne, Irgendlinks Blog, während dieser langsam aber stetig – in Eile mit Weile sozusagen – Richtung Nordkap kurbelt (mitlesen kann man hier – Blog – und hier – Twitter).
  • Als Selbständige sollte ich endlich mal wieder ein paar Aufträge akquirieren (für deren Erledigung ich zwar aktuell kaum Zeit noch Muße habe).
  • Als Schriftstellerin will ich mein Buchprojekt endlich weiterbringen, es bis Ende Jahr abschließen (und danach verlegen lassen).
  • Als Künstlerin habe ich wie immer zig Ideen, für die mir an allen Enden und Ecken die Zeit fehlt.
  • Als Bloggerin, die einfach nur ein bisschen drauflosschreiben möchte und als Twitterin ebenso. Dort ein bisschen verspielter noch als hier.
  • Als Freundin, als Mitmensch, als Schwester und Tante, habe ich so viele liebe Menschen in Herznähe, mit denen ich Zeit, ganz viel Zeit verbringen möchte – in echt und virtuell.
  • Als die, die ich bin, eben auch bin, außerhalb all dieser Irgendwie-Rollen, sehne ich mich oft einfach nach Alleinsein, nach Ruhe, nach Buchlesen, nach Seelebaumelnlassen, nach Ferien, nach Zeit.

Zeit? Eigentlich bin ich ja auch darum ganz schön froh, dass es Bücher, Blogs und Briefe gibt, denn für alles, was ich je leben wollen würde, fehlt mir die Zeit nämlich. Außerdem tun es ja andere. Ich nenne dieses Phänomen das Stellvertreter-Ding. Ich kann andere jene Dinge tun lassen, die ich nicht tun kann.

Beispiele gefällig?

  • Irgendlink radelt ans Nordkap. Etwas, das ich so nicht könnte. Er geht an meiner Stelle dahin und ich darf teilhaben, lesend und schauend. Er ist mein Stellvertreter.
  • Freundinnen mit Kindern teilen mit mir ihren Mutteralltag. Etwas, das ich so nicht erleben kann und konnte, darf ich über sie miterleben. Ich freue mich (ja, heute kann ich das) über diesen Austausch. Sie sind sozusagen Stellvertreterinnen.
  • Mir fallen so viele Menschen ein, die etwas leben, dass ich so nicht kann: MusikerInnen, politisch engagierte Menschen, Ärzte in Krise- und Notgebieten etc.

Tun? Lassen. Loslassen. Sein lassen. Die Dinge entschleunigen. Das Tempo drosseln. Ja, das übe ich.

Vermutlich ist das einer der Gründe, warum so viele Menschen sich zurzeit mit uns über Irgendlinks Reise mitfreuen. Ist es die Langsamkeit sogar? Die Art und Weise, wie er sich auf Begegnungen einlässt und das Leben auf sich zukommen lässt? Diese temporäre Freiheit, die er an unserer Stelle praktiziert?

Doch auch wir haben ja die Wahl. Wir können – statt uns täglich von schlimmen Nachrichten aus Tageschau und Zeitungen überfluten lassen – uns auf seine täglichen Inputs mitten aus dem Radleralltagsleben heraus berühren lassen. Good News statt Bad News sozusagen. Ohne dass man dazu den Rest des Weltgeschehens ausblenden müsste.

Botschafter der lobbyfreien Kunst nannte ich ihn heute Morgen am Telefon, auf den Text von Fulbert Steffensky anspielend, der oben auf seiner Fundraising-Seite steht.

Rote Fäden

Es gibt so Themen, sagte Irgendlink gestern vor dem Einschlafen, schon mit Schlaftrunkenheit in der Stimme, diese Themen kleben an uns. Andere kommen aus dem Nichts wollen gesehen werden und werden viel zu oft ignoriert. Weil wir zu faul sind, über sie nachzudenken oder gar über sie zu schreiben.

Ja, rote Fäden habe ich viele. Die Sache mit dem Flow ist so einer – ein Thema wie ein Refrain. Ich suche den Flow, ich lebe ein bisschen für ihn. Insbesondere für den Schreibflow.

Roter Faden? Nun ja, über das Schreiben kann ich schon nicht mehr als roten Faden schreiben, ein rotes Gewebe ist es längst. Auch die punktuellen Themen gibts bei mir zuhauf. Doch selbst sie sind Verwandte meiner roten Fäden, ahne ich.

Glimpflich nennt Irgendlink unsere heutigen und gestrigen Arbeitserfolge. Dinge, die wir zusammen tun wollten und sollten, solange es noch geht. Die linke Lampe meines Autos ist durchgebrannt. Ich kann zwar vieles, vieles selbst reparieren sogar, aber vieles kann Irgendlink besser. Noch besser geht es allerdings zusammen. Im Handbuch lese ich, während er rumwerkelt um an die Lampenapperatur zu kommen, dass man den Kühlergrill rausziehen soll. Klasse Tipp, danke Handbuch! Nun kommen wir wunderbar an die Lampensache heran und ich kann das Birnchen einsetzen. Teamwork. Ich mag es.

Auch für die Access-Sache für die Webseite an der Arbeitsstelle, für die ich zuständig bin – nämlich ein entsprechendes Plugin finden, installieren und verstehen –, hätte ich alleine doppelt oder dreimal so lange gebraucht. Zusammen finden wir einfache Wege: Ich probier mal so, was meinst du? Mach mal so, funktioniert das?

Glimpflich also. Gut. Dennoch ist da Angst. Wie wird es diesmal sein, drei Monate ohne den Liebsten meinen Alltag zu leben – während er mit dem Fahrrad ans Nordkap kurbelt und andere, eigene Ängste und Sorgen vor sich herschiebt. [Weniger diesmal um mich (kein depressiver Schub in Sicht) als um seine Eltern, denen der große Garten, den mein Liebster mehr und mehr übernommen hat, langsam aber sicher zu groß ist. Es muss!, sagen sie; und ich ahne, dass es auch gut so ist.]

Seine Sorgen gelten auch den Finanzen (ein bisschen) und der Sinnhaftigkeit einer Radtour von Süddeutschland ans Nordkap.

Stell dir vor, Liebster, wie du am Montag losradelst, nachdem du alles erledigt hast. Wie nach und nach alle Sorgen von dir abfallen und auf einmal ist er wieder da, der Flow! Selbst wenn dich niemand unterstützt, selbst wenn niemand die geplante Zeitungsartikelserie über deine Reise liest, selbst wenn niemanden deine Blogartikel oder Tweets interessieren: du tust das trotz und vor allem für dich. Du sammelst dabei neue Erfahrungen, erfährst neue Perspektiven, lernst neue Menschen kennen, denkst neue Gedanken und fühlst neue Gefühle. Es ist dein Leben. Und der Sinn ist das Reisen an sich, das Unterwegssein.

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Mehr Infos über #AnsKap finden sich hier:
Irgendlinks Blog
Irgendlinks Twitteraccount (mitlesen ohne eigenen Account jederzeit möglich)
Crowdfunding, u. a. mit iDogma-Kunst-Postkarten-Aktion 

Geniessen lernen

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Zwei Tage feiern, da, dort, am Hallwilersee, auf dem Tête de Moine und anderswo.

I lov‘ it!

Lieben Dank euch allen für all die lieben Wünsche!

Fast 50 Geburtstagsblüten und -häppchen

 

Auf der Fahrt in die Südwestpfalz gefundene Alltagskunst
 
 

 

  
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Geografische Infos zum Tête de Moine-Gebirge gibt’s hier => klicken.

Reisen. Und reisen lassen

Lakritze findet einmal mehr die genau richtigen Worte:

„Zum Nordkap wird er wieder fahren, mit dem Fahrrad (würde ich nie machen!), und ich freue mich auf seine Texte und Bilder. Kostet auch gar nicht viel, wenn man als einer von vielen Lesern dabei sein möchte. (Nein, man muß nicht spenden. Ich habe es aber gemacht, weil ich will, daß solche Projekte möglich sind auch ohne Großsponsoren. Und weil es mir wichtig ist, etwas zurückzugeben für Dinge, die mein Leben bereichern.)“

Ausnahmezustand. Ausklaar?

Alle paar Jahre gibt es ihn, diesen Zustand. Diese Phase. Immer, wenn Patent Ochsner eine neue Platte releasen. Ausnahmezustand.

Schon gegen Ende meiner ersten Ehe, so Mitte-Ende Neunziger, habe ich diese Rockband, die Berndeutsch zelebriert wie keine zweite, für mich entdeckt. Damals hatten sie ihre ersten zwei oder drei Platten veröffentlicht und waren noch Insider-Tipps. Doch schon damals sah ich: Das hat etwas mit mir zu tun. Und schon damals erkannte ich mich in der Sprache, in den Melodien, in der Melancholie, im Überschwang und auch in der Opulenz dieser Band wieder. Keine andere Band hat es je geschafft, dieses Heimat-in-mir-Gefühl zu reanimieren, eine Reflexion, die ich bis dahin bei Musik weder gekannt noch bewusst vermisst hatte.

Doch als ich sie fand, wusste ich: Diese Musik ist mir ab jetzt Hafen. Einer, den ich vermisst hatte, ohne es zu wissen. Genau wie es in einem ihrer Lieder heißt.

Patent Ochsner also. Ja, ich habe alle Tonträger und ich habe auch jene Songs auf meiner Festplatte, die nur eine Zeitlang, kostenlos, im Netz gehangen haben. Dennoch bin ich keine Stalkerin und auch keine Groupie. Es sind nicht die Menschen als einzelne, sondern das Ganze, das, was diese Band zusammen mit mir teilt. Als ich jung war, gab es dieses eine Wort, Fan, das ich noch heute mag. Ein Wort, das heute wieder leer ist, weil heute wieder alles drin Platz hat.

Gestern ist die neue Platte, Finitolavoro, erschienen. Irgendlink hat sie mir zum Geburtstag bestellt – ein zu frühes Geschenk zwar – und das muss so, weil es gestern höchste Zeit für dieses Ohrenfutter war. Zwischen Bürokram, Steuererklärung und Einkauf habe ich sie gestern erst zweimal gehört.

Ja, es ist Liebe, Liebe auf den ersten Ohrenblick sozusagen. Eine Liebe, die noch wachsen wird … Patent Ochsner-Songs haben meistens einen doppelten Boden, ein Geheimnis, das sie mir erst nach und nach enthüllen, eine Geschichte hinter der Geschichte. Einen tieferen Sinn. Ob der so oder anders angedacht war, ist mir dabei egal. Ich erkenne diese Geschichten und ihren Bezug zu meinem Leben ganz unabhängig von der Absicht. Aber vielleicht ist ja genau das die Absicht?

So möchte ich auch schreiben können. So möchte ich vermutlich gelesen werden. Von Menschen, die den Vorhang zur Seite schieben können und dahinter blicken. Vermutlich schreibe ich für diese Menschen. Und vermutlich schreibe ich also in erster Linie doch nur für mich, die ich so ein Mensch bin, und die so etwas wie das hier lesen würde.

Ausnahmezustand ist bei mir also, wenn ich ein- bis zweimal im Jahr vielleicht, an ein Konzert gehe. Früher war es anders. Früher war es mehr. Heute ist es so. Aber Musik ist für mich noch immer lebensnotwendig. Klassische ab und zu, aber eigentlich ist meine Musik der Rock, Reggae auch, Punk hin und wieder, Indie, Singer-Songwriter …

Nun ja, eigentlich ist es egal was, Hauptsache ich mag die Stimmen, den Instrumentemix, die Melodien und Rhythmen. Hauptsache ich werde berührt – von Texten, von Inhalten, vom Ausdruck. Nicht anders eigentlich als bei Büchern, als bei Filmen. Der Ausdruck muss mich meinen. Es muss eine Resonanz in mir entstehen, eine Interaktion, ein Echo. Ich muss mich beim Hören in der Musik auflösen können.

Tanzen ist auch so etwas. Das freie Tanzen und dabei eins werden mit mir selbst und mit den Tönen, die mich in mich und aus mir raus bringen – weil ich es zulassen kann, weil ich mich loslassen kann.

AUSKLAAR?

Und heute, heute ist nun Konzert. Nicht irgendeins. Patent Ochsner eben. Eins, auf das ich mich seit vielen Wochen gefreut habe.

Quasi der Prolog der Tournee, den die Band unter einem Inkongnito-Bandnamen zeigt. Vielleicht wird es noch ein bisschen harzen, vielleicht wird es noch ein wenig holpern? Macht nichts. Wir sind ja unter uns. Auch das mag ich an dieser Band. Es ist ein bisschen wie Familie, wenn ich an einem Konzert bin – auch wenn alle Plätze meistens schon lange im Voraus ausverkauft sind.

Heute treffe ich Freundin T (2)., eine liebe Ex-Arbeitskollegin aus Bern, die meine Tochter sein könnte. Wir mögen uns sehr und wir lieben beide ähnliche Musik. Patent Ochsner unter anderem. Obwohl sie eine Generation jünger ist. Bei Patent Ochsner ist eben alles ein bisschen anders. Ausnahmezustand, wie gesagt.

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Platte testhören und/oder kaufen? → hier klicken.

 

Bedingungslos?

Ich arbeite gerne. Und je mehr das, was ich arbeite, meinem Wesen und meinen Werten entspricht, desto lieber arbeite ich. Ja.

Aber.

Aber Arbeiten zu können, zu arbeiten, die Arbeit an sich – das alles ist nicht das, was mich ausmacht. Ist nicht das, was meinen Wert definiert. Ist nicht das, wofür ich primär geliebt und wertgeschätzt werden will. Ich bin nicht meine Arbeit. Das ist einer der Gründe, warum ich mir das Bedingungslose Grundeinkommen herbeiwünsche. Möglich, dass es in der Schweiz angenommen wird, nächstes Jahr, bei der Abstimmung. Es wäre zwar ein Wunder, doch unmöglich ist es nicht.

Die Vorstellung, dass alle Menschen – unabhängig von gesellschaftlichem Status, von gesundheitlichem Zustand, von sozialem Umfeld – Ende des Monats bedingungslos ein Grundeinkommen bekommt, beflügelt mich. Eine Utopie? Wer zahlt das und wird es nicht zwangsläufig zu einer Art Inflation kommen? Wer es bezahlen soll, haben klügere Köpfe als ich ausgetüftelt. Umverteilung ist das Zauberwort. Das mit der Inflation? Mag sein.

Doch wenn wir es nicht ausprobieren, wird es zu einer zunehmenden Inflation des Menschen und seines Wertes kommen. In diesem Prozess stecken wir ja bereits mittendrin (fest).

Es wollen gar nicht alle nicht arbeiten gehen müssen, sagen Gegnerinnen und Gegner. Stimmt. Und es muss ja auch niemand nicht arbeiten gehen (müssen), nur soll sich niemand mehr über die Arbeit, die er tut oder nicht tun kann/darf, definieren müssen, insbesondere wenn es eine Arbeit ist, die ein Mensch nur tut, weil er sonst nicht überleben kann.

Nein, ich will hier jetzt nicht weiter über das Bedingungslose Grundeinkommen, das BGE, sondern über meinen Wunsch, über meine Vision – nenn es Utopie! – vom selbstbestimmten Leben erzählen. Davon, dass es uns allen viel besser ginge, wenn wir mehr das tun würden, was wir tun wollen, als was wir tun müssen. Müssen hat ja meist – am Rand oder primär – mit Überleben zu tun. Mit Geld. Mit Verdienst. Mit Status und mit Image.

Eine Welt, die mir persönlich fremd ist. Obwohl ich ja nun schon fast 50 Jahre in ihr drin lebe.

Schnitt.

Was ist von einem Künstler zu halten, der so wenig wie möglich konsumiert, um so wenig wie möglich vom Geld abhängig zu sein, und der sich, seine Ideen und seine Fotoausrüstung mit eigener Kraft per Fahrrad ans nördlichste Ende der Welt schiebt, um von unterwegs über das gelebte Leben – unmittelbar im Moment des Erlebens – schreiben, erzählen und es mit Bildern illustrieren zu wollen? Was ist von einem Künstler zu halten, der – auch wenn er einfach und bescheiden lebt – seine Mitmenschen, oder zumindest jene unter seinen Mitmenschen, die seine Kunst lieben, um Unterstützung bittet?

Viel!, sage ich, weil er sich und seinem Weg treu ist und weil er an die Kraft der Crowd glaubt.

Mit Crowdfunding wurden schon viele großartige Projekte von der Idee in die Wirklichkeit geholt. Crowdfunding verstehe ich als Tausch: Du gibst von deinem Herzblut und ein bisschen von deinem Geld für ein wertvolles Projekt und erhältst später etwas konkretes dafür, dass du das Projekt unterstützt hast. Die Kraft, die Energie der Crowd, der Gruppe, des sozialen Netzes, darf nicht unterschätzt werden.

gemeinsamWir sind Teile eines Ganzes. Unterschiedlich. Ähnlich. Grundsätzlich verbunden.

Wenn alle einander helfen, ist allen geholfen.

Von wem auch immer dieser Satz ist: Er ist wahr. Wir alle sind mit Herzen, die brennen können, geboren worden. Wir alle haben schon gebrannt, für das eine oder andere. Die einen für das Leid von Tieren, andere kümmern sich um Kinder in Not, andere kämpfen gegen Frauenhandel, Internetpornografie oder für Menschenrechte und Gleichberechtigung von Menschen und von anderen Menschen, die anders sind, denken, fühlen …

Wir alle brennen für etwas, wenn wir lebendig sind. Und wenn alle das tun und unterstützen, wofür sie brennen (statt sich gegenseitig dabei zu behindern und zu konkurrieren), ist allen sogar noch mehr geholfen.

Die einen brennen für Kunst. Dafür, das Leben mit anderen Augen zu betrachten, mit bildnerischen oder mit literarischen Mitteln zum Beispiel. Kunst und Kreativität sind Kräfte, sind Türen, sind Wege, Werkzeuge und Möglichkeit, das Leben zu begreifen. Anders als nur mit den Alltagsaugen.

Kunst?
Nein, sie ist nicht lebenswichtig.
Ja, sie ist lebenswichtig.

Ein Volk, eine Gesellschaft ohne Kultur, ohne Kunst, ohne Ausdruck gibt es wohl nicht. Und gäbe es dieses Volk, würde es wohl über kurz oder lang zu Grunde gehen.

Irgendlink ist ein Chronist. Ein Chronist der Zeit. Von Anfang an hat er die digitale Entwicklung miterlebt, genau hingeschaut, experimentiert, sich selbst darauf eingelassen. Und nun will er hinschauen, während er ans Nordkap radelt. Hinschauen und berichten: Was hat sich in den letzten zwanzig Jahren verändert?

Willst du ihm über die Schulter schauen? Just do it! Am 15. Juni radelt er los. Und bloggt täglich frisch. Auf http://irgendlink.de und auf https://twitter.com/irgendlink

Ach, und ja, das Crowdfunding darfst du auch unterstützen. Musst du aber nicht. Obwohl es sich lohnt. Hauptsache du machst dein Ding → hier klicken zum Tausch-Tisch!

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Mehr über das Bedingungslose Grundeinkommen (in der Schweiz) gibt es hier:

– Zur Volksinitiative in der Schweiz: bedingungslos.ch
Grundsätzliches zum Thema: grundeinkommen.ch

Die Sache mit Dahn

Da fuhren wir gestern also nach Dahn, um weiße Wände zu befüllen. Und dann das! Keine weißen Wände! Sie waren bräunlich statt weiß. Ging aber trotzdem.

Und nichtsdestotrotz wurden wir herzlich Willkommen geheißen. Und ja, es hat total Spaß gemacht. Die Technik war schnell eingerichtet. Irgendlinks Handy fungierte als Router/Hotspot für Drucker und Laptop und ich würde die erste Runde machen. Losspazieren. Bilder sammeln. Texte mir ausdenken und in die Galerie mailen, an den Drucker, und im Hintergrund würde der Track mitlaufen, damit auf dem Laptop meine Strecke sichtbar würde.

Bereits standen erste interessierte AusstellungsbesucherInnen da, als ich mich auf den Weg machte. Ohne groß zu überlegen, wendete ich mich nach links. Schon sprangen mich erste Motive an, die ich mitnahm. Im Kopf entstanden Kombinationen. Collagen. Mit jedem Bild kam ein neuer Aspekt hinzu. Meine Sicht der Welt, meine Sicht auf Dahn, dieses nette deutsche Kleinstädtchen an einem Sonntagnachmittag im Mai. Bald wurde es mir zu warm und ich musste mein langes Shirt ausziehen. Auf der schönsten Bank der Welt.

Bank und so

Dort montierte ich auch die erste Collage und schickte einen daheim rudimentär zusammengeschusterten Text in die Galerie.

Liebe GaleriebesucherInnen der Galerie N in Dahn

Nun wird also diese verrückte Idee schon zum dritten Mal schon Wirklichkeit. Fängt nicht alles mit einem Gedankenblitz an, mit einem Samen, der winzigklein irgendwo in unseren Hirnwindungen herumzappelt. So lange, bis wir ihn zu Tode ignoriert oder ins Leben geholt haben.

Die Idee, die gelebte und erlebte Wirklichkeit eines Menschen, der hier sitzt oder geht, einem andern Menschen woanders sicht- und nachvollziehbar zu machen, ist sicher nicht neu.

Neu ist aber, dass wir heute so viele technische Hilfsmittel zur Verfügung haben, dass wir jemandem andern an einem andern Ort in Echtzeit teilgeben können, was wir hier und jetzt erleben.

Mit seinem Livereiseblog hat J+++ R+++ als Blogger Irgendlink das vor drei Jahren bereits praktiziert. Kaum geschrieben konnten wir seine Texte auch schon im Blog lesen.

Was nun hier und heute mit seinem Drucker geschieht, ist eine folgerichtige Fortsetzung seiner Livereise-Vision.

Ich bin jetzt hier draußen, in den Straßen Dahns, unterwegs. Auf dem PC könnt ihr mir folgen, könnt schauen, wo ich lang spaziere. Unterwegs werde ich einige Bilder aufnehmen, vielleicht sogar einige kurze Texte schreiben und ihr könnt zeitgleich mitkommen.

Die Bilder und Texte, die ich an den Drucker maile, werden praktisch in Echtzeit ausgedruckt.

Viel Spaß beim Spaziergang mit mir zusammen durch Dahn.

Herzlich, Sofasophia

Collagen und Einzelbilder folgten, während ich durch den kirmesschwangeren Kurpark mit Bühne für die SchunkelliebhaberInnen schlenderte. Alles da. Spielplatz. Menschen. Heile Welt. Neooppulenz.

WeisseRosen

Auf dem Rückweg spülte es mich an eine Tankstelle. Vier Elemente – ja, warum eigentlich nicht. Ist doch so.

vierElemente

Und zum Abschluss ein Openair, das mir besser als die Weiße Rosen-Schlager im Kurpark gefiel.

_ zur Dahnschen Soundcloud: hier → klicken!

Laufend neue Bilder und gehend neue Mails an die Galerie. Schnell sind meine anderthalb Stunden rum. Als ich zurück komme, ist in der Galerieviel los. Zwei Künstler, die wir kennen und die ebenfalls ausgestellt haben, stehen im Entrée. Hallo und wie gehts. Dann rauf zu Irgendlink, der eben meine letzten Bilder an die Wand klebt.

rotesFenster

Hippoesk

Der Journalist stellt Fragen zu unserer Arbeitsweise, ein Besucher will alles ganz genau wissen und fragt, wie wir die Bilder in klein, auf dem Handy, so großartig hinbekommen und ist begeistert von den beiden Collagen – eine aus Kopenhagen und eine aus Göteborg – die Irgendlink mitgebracht hat. Einzige Panne, die nicht vorauszusehen war: Mein Handy, das nun der neue Router/Hotspot sein soll, wird vom Drucker nicht erkannt. Restarts bringen auch nichts. Doof.

Irgendlink muss (oder darf) also mit meinem Handy losziehen. Ich habe zwar die ähnlichen Foto-Apps, aber es ist eben nicht das Gleiche (und das Selbe auch nicht). Dennoch schickt er schon bald klasse Bilder in die Galerie.

Jungfernstieg | Pic: Copyright by Irgendlink
Jungfernstieg | Pic: Copyright by Irgendlink
Seine Route läuft kreuz und quer durch den Ort.

Inzwischen stehen immer mehr Menschen vor der Bilderwand, die sich kontinuierlich füllt. Gute Gespräche mit immer wieder neuen BesucherInnen über Kunst entstehen, über authentische Kunst, die im Moment, genau jetzt, genau hier geschaffen wird. Großes Staunen über die Werke, die auf dem kleinen Handy entstehen. Und wie viel Knowhow sich bei uns beiden in den letzten vier bis fünf Jahren mit dem iPhone sich angesammelt hat. Jedes einzelne Bild ist im Grunde die Folge dieses verinnerlichten Wissens. Handwerk zum einen, einen geschulten Blick zum anderen. Dazu Phantasie, eine Idee vom fertigen Bild. Und die Freude am Kreieren. Die ganz besonders.

Später, mit Freunden im nahen Kurpark, schunkelmusikberieselt, merke ich, wie intensiv dieser Nachmittag war. Aber auch wie klasse. Und wie sehr es Spaß gemacht hat!