Örebro oder Travelling is a dirty job

Nun denn, da bin ich also. Nach einer guten Reise – zwei Flügen, einer Zug-, einer Bus- und einer weiteren Zugfahrt – bin ich in Örebro gelandet, das größer ist, als ich dachte. Und schöner.

Nachdem ich gestern hier aus dem Zug in Irgendlinks Armen gelandet bin, wanderten wir zusammen quer durch die Stadt. Eine Stadt voller eigenwilliger Kunstaktionen, die mir allesamt gut gefallen. Ganz besonders das mit zig Frauenstrumpfhosen eingehüllte Ratshaus.

Wunderschön ist, dass sich die Regenwolken verzogen haben. Der Campingplatz ist riesig. Und hat Wlan – theoretisch. Wenn es denn zum Bloggen reichen würde. Vermutlich werde ich Irgendlinks Handy hotspotten – wie gestern, als ich nach dem essen einige Here we are-Bilder getweetet habe.

Ray wiederzusehen, ist eine Freude. Sein Zelt ist etwa einen Steinwurf von „unserm“ entfernt, das ich schon von Weitem erkennen kann. My home is where my castle is, grinse ich in Richtung Zelt deutend. Zeltchen eigentlich. 

Jürgen nimmt seine Matte heraus und setzt sich auf den Boden. Er kennt mich – weiß, dass ich jetzt zuallererst um ankommen zu können, mein Nestchen machen will.

Man muss der Verwahrlosung Zeit geben, sage ich, den Rucksack öffnend und wohlsortiertes Ding um Ding herausziehe. Matte aufpumpen. Schlafsack drauf. Dies und das.

Wir essen im Restaurant, lassen uns von einer Cover-Band die Ohren voll dudeln, trinken das beste Bier ever (Eriksirgendwas – 5,3 Promille) und genießen lecker Eis.

Ich schlafe herrlich im kleinen Zelt und alles ist gut. Der kleine Regen heute morgen geht wieder vorüber und wir schmieden Plänchen.

Mal schauen.

Tag 0 … in vierlerei Hinsicht

Morgen reise ich mit dem Flugzeug nach Stockholm, von Arlanda aus mit dem Zug nach Örebro und treffe dort endlich Irgendlink. So jedenfalls unser aktueller Plan. Doch vorhin, als ich für die Gärtchengiesserin Wasservorräte bereitstellte, schoss mir ein Hexlein in den Rücken. Nur ein bisschen. Es hat genügt, mir bewusst zu machen, wie fragil ein Menschenleben ist. Ich darf gar nicht denken, was alles passieren könnte.

Gestern habe ich Freundin L. (1) im Krankenhaus besucht, die sich bei einem Fahrradselbstunfall die Nase gebrochen hat. Zum Glück nichts Schlimmeres.

Zum Glück.

Glück und Pech. Beides hat schon bei mir gelebt und gewohnt. Beidem habe ich schon die Türen geöffnet. Dem Pech nicht freiwillig, dem Glück auch eher mit einem seltsam verbotenen, fast heimlichen Gefühl. Derweil begreife ich immer mehr, dass das Leben nicht ideal ist. Aber ich weiß auch immer umfassender, dass jeder Tag der erste vom Rest meines Lebens. Es ist die Gegenwart, die das Leben lebendig macht. Nicht was vor Jahren passiert ist, auch wenn es mich geprägt hat.  Und auch wenn ich meine Erfahrungen immer wieder teile, hier und im echten Leben, so weiß ich doch, dass eigentlich nur der heutige Tag relevant ist für das Gelingen meines Leben.

Heute also, heute habe ich eine ganz besondere Mail bekommen – von einer Frau aus der Blogosphäre, die bei mir und Irgendlink mitliest. Ich hoffe, es ist okay, wenn ich daraus einen Satz zitiere: „Danke, dass Ihr Euch mitteilt, Euch teilt, Euch verschenkt!“

Eine Mail, die mich sehr glücklich macht, ein Satz, der mich sehr glücklich macht. Denn eigentlich ist es genau das, was ich mit meinem Blog will, so ich denn noch etwas anderes wollen würde als den Überdruck an Gedanken in mir irgendwie zu verarbeiten …

Danke, dass ihr da seid, liebe Leserinnen und liebe Leser. Dank euch habe ich heute die 100’000 BesucherInnen-Schwelle überschritten. In den bald viereinhalb Jahren, die ich nun dieses Blog führe, durfte ich von euch ganz viel Wertschätzung erfahren. Und viele spannende Diskussionen fühlen führen.

Aufrufe
Aufrufe und Kommentare

Danke, dass ihr da seid!

Wer weiß, vielleicht kommt ihr mit mir mit nach Schweden?

19 Tage liegen vor mir. Darüber, wie ich sie verbringen werde, habe ich nur sehr rudimentäre Ideen. Außer dem gebuchten Häuschen in Falun in der zweiten Hälfte der Ferienzeit, ist wenig definiert. Ich bin für alles gerüstet. Für draußen schlafen, in Irgendlinks Zelt oder eben im Häuschen.

Ich bin gespannt, ich bin nervös, ich bin vorfreudig und ich bin vor allem eins: Dankbar.

Über das zLeidwerchen

Letzte Gedanken vor dem Einschlafen haben bei mir oft was Unzähmbares. Sie kommen und gehen, wann und wie sie wollen und fragen nicht, ob ich Zeit und ob ich Lust habe, ob ich mit ihnen am gleichen Tisch, im gleichen Bett liegen will.

Gestern, nachdem ich zuerst auf arte Die Eisläuferin und später auf ARD einen alten Borowski-Tatort geguckt hatte, stellten sich, als ich so in der Stille und Dunkelheit meines Schlafzimmers lag, Gedanken über das subtile zLeidwerche ein. Leider kenne ich, trotz guter Kenntnisse, kein deutsches Wort, das diesem schweizerdeutschen Ausdruck gerecht wird. Tipps willkommen. Wörtlich übersetzt heißt es zu Leide werken, zu Leide wirken, meint also dass wir beim zLeidwerche vorsätzlich Dinge tun, die einem anderen Menschen Leid zufügen. Sabotage en miniature sozusagen.

Wer von euch noch nie, muss nicht weiterlesen.
Alle andern dürfen. Willkommen in der Runde derer, die …

Neulich, es muss am letzten Sonntagnachmittag gewesen sein, habe ich auf dem Dachboden, der hierzulande Estrich heißt, für den internen Büro-Umzug ein paar Umzugkartons geholt. Drei sperrige Dinger. Unser Treppenhaus ist wendelrund und die Treppe relativ schmal. So stieß ich also immer mal wieder seitlich an Mauer oder Treppengeländer, was im Resonanzkörper des Treppenhauses ganz schön lärmte. Zu sagen ist, dass ich Lärm nicht mag. Und dass ich Lärm, wann immer möglich, vermeide. Zu hörenden ebenso wie selbstgemachten. Und nun machte ich also, noch immer unabsichtlich, Lärm.

Zu sagen ist auch, dass der Nachbar über mir, im ersten Stock, ein junges Männlein ist, das sehr oft sehr laut ist. Nicht mehr so oft wie früher und auch kaum mehr zu Unzeiten, nachdem wir das zum Glück im Gespräch klären konnten. Dennoch. Laut ist das Männlein, wie gesagt, immer noch oft. Heute aber, heute ist es still. Aber es ist da, wie das Auto vor dem Haus verrät. Vermutlich schläft es seinen Rausch aus, so es denn einen hatte?

Und ich? Ich lärme durch das Treppenhaus! Unabsichtlich noch. Statt nun aber aus Rücksicht, wie ich das immer von andern mir gegenüber unausgesprochen erwarte, leiser zu sein, lärme ich gleich noch ein bisschen lauter. Ich kann ja nichts dafür, dass das Treppenhaus so eng ist. Ich lärme an seiner Wohnung vorbei, schramme gar ein bisschen gegen seine Tür – ooops, sorry! – und als ich unten angelangt bin, wäre ich vor Scham im Boden am liebsten im Boden versunken. Scham vor mir selbst.

Gut, das mag harmlos klingen. Aber … nein, ich will nicht moralisieren. Doch, ich will moralisieren. Weil es so unkuhl ist. Und weil sich kaum jemand traut, es hin und wieder zu tun.

Nach den beiden Filmen gestern  – in denen der Zufall eine entscheidende Rolle gespielt und ungeahnte Kräfte in Bewegung gesetzt hatte –, grübelte ich im Bett liegend über Kollateralschäden, Zufälle und Zusammenhänge nach, darüber, wie eins nach dem anderen ruft. Und warum – warum das so ist.

Wir Menschen. Was steht hinter dem zLeidwerche? Ohnmacht vermutlich. Die Erkenntnis eigener Kleinheit und einer Art Mangel? Ich weiß es nicht wirklich – schon gar nicht für andere. Ich weiß nur, dass es immer eine Sackgasse ist.

Wie viele Momente meines bewussten und unbewussten Lebens verbringe ich mit überflüssigem Ärger auf Dinge und Menschen, die und denen ich am liebsten …

Gift.

Wie die Welt wohl aussehen würde, wenn wir unseren Impulsen des zLeidwerchens nicht nachgehen und stattdessen zLiebwerchen würden?

Anders handeln ist eine Frage des Bewusstseins. Der Selbsterkenntnis. Reflexion ja gerne – aber liebevoll.
Mir zLiebwerche? Das wäre doch schon mal ein guter Anfang.

Versehrte Kindheiten

Bastard, dieser deutsche Psychothriller mit Martina Gedeck als Kriminalpsychologin, der zurzeit auf ARD Mediathek zu sehen ist, wartet mit Szenen auf, die beinahe die Netzhaut verätzen. Ein Film, der Bilder sichtbar macht, wie ich sie Tage vorher im neuen Buch von Linus Reichlin gelesen habe. In einem anderen Leben.

Zwar ist es unmöglich, beiden – Film und Buch – in diesem Artikel gerecht zu werden, da die Geschichten grundsätzlich verschieden sind; ich möchte einzig ein paar Parallelen erwähnen.

ReichlinCoverDie weibliche Hauptfigur aus Bastard, das Mädchen Mathilda, erinnert nämlich an das Kind, das die erwachsene weibliche Hauptfigur Nora in Reichlins neuem Roman, einmal war. Beide haben eine Kindheit erlebt, die keine war. Beide haben ihre Gespenster – auch Noras Partner und Ich-Erzähler Luis. Kindheiten, die keine waren. Eltern, Elternteile, die sich aus der Verantwortung gesoffen oder mit Pillen heraus katapultiert haben.

Während in Bastard dreizehnjährige Kinder versuchen, einzufordern, was ihnen versagt geblieben ist, versuchen Luis und Nora einen Weg zu finden, mit den Entbehrungen ihrer Kindheit umzugehen.

Im Film diese Szene, wo Mathilda nach Hause kommt und ihre Mutter, die den Tod des Vaters vor zehn Jahren noch immer nicht verarbeitet hat und mehr trinkt als ihr gut tut, vom Boden aufkratzt und in die Dusche schleppt. Natürlich hat sie nichts gekocht.

Im Buch diese Szene, wo Nora Luis erzählt, wie ihre Mutter jeweils in der chinesischen Reisschale ihre Tabletten vermörsert hat. In eine Wattewelt geflüchtet ist. Dem Kind nicht die Mutter war, die dieses gebraucht hätte. Versehrte Kinder.

Reichlin seziert die Gefühle der beiden, entblößt, schaut hin, schönt nicht, schreibt über Verdrängung so dicht, so unglaublich menschlich, so schwerzhaft präzis, dass wir nicht anders können als verstehen. Er macht es sich nicht einfach, wenn er beschreibt, wie sich Nora und Luis angesichts der Veränderungen, die sich in ihrem Leben abzeichnen, beinahe gegenseitig kaputtmachen.

Beinahe.

Buch und Film ist gemein, dass die Enden neue Anfänge sind Und dass sie Mut machen, wider alle Vernunft, Mut, dem Leben doch immer wieder neu zu vertrauen. Und dass trotz der erlebten Dramen neue Möglichkeiten warten.

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Bastard – Film von Carsten Unger
In einem anderen Leben – Roman von Linus Reichlin

Mein Montagskontigent

Wenn Montag, der 13. Juli Tag eins ist, ist heute Tag minus 3? Oder so. Und so ähnlich fühle ich mich auch. Also irgendwie. Ich meine: Minus.

Eigentlich hätte ich ja heute Vormittag meinen letzten Bürohalbtag vor den Schwedenferien gehabt, doch kaum erwacht, ruft schon Scheffe an und meint, ich müsse nicht kommen, weil … was gemacht werden müsse, könne ich eigentlich auch von daheim aus machen.
Ich: Aber ich muss dir doch noch die Versicherungsdokumente, die du brauchst … Außerdem muss ich noch den letzten Kram verpacken. Für den internen Büroumzug.
Er: Oh, stimmt, die Doku hab ich voll vergessen. Treffen wir uns halb elf im Büro?

Wer aber die Dokus daheim vergisst, bin ich. *grmpf* – mein Glück ist, dass Scheffe eh in meine Richtung muss. Also kurzer Schlenker bei mir vorbei. Da hast du die Dinger. Und nun: Homeoffice. Mein letzter Vor-den-Ferientag passiert ganz passend daheim.

SchaumkrönchenUnd doch: Dieser Donnerstag tut schon von Anfang an so als wäre er ein Montag. Überhaupt: Das war eine Woche voller Montage! Außer am Dienstag. Da war Dienstag und ich hatte frei. Überzeit kompensieren. Wobei: Am Dienstag habe ich erfahren, dass mein Auto unheilbar krank ist. UnTÜVabel sozusagen. Kurz und schlecht: Auch Dienstag war ein Montag!

Nun denn, mein Tisch ist voll letzter To-dos und Mitsollkram. Packen tu ich aber erst am Schluss. Davor Waschen und Putzen. Endlich mal wieder. Und hoffen.

Hoffen, dass am nächsten Montag, wenn ich nach Stockholm fliege, mein Montagskontingent für diesen Monat aufgebraucht ist.

Sommer, jetzt!

Vor wenig mehr als zwei Wochen haben wir ihn gerufen, den Sommer. Here it is! Und ich gestehe es: Ich bin froh, dass er da ist. Nun ja, ganz so heiß müsste er nicht sein, und auch nicht so verherrend und dramatisch, das auch nicht, aber dass er da ist, mag ich. Ich mag die hellen Tage.

sommer-jetzt-sm
Das hier ist ein GIF. Bei manchen Browsern braucht es einen Draufklick, um die Animation zu starten.

Und ich gestehe ebenfalls und sehr gerne, dass ich mich auf meine Reise nach und durch Schweden freue wie ein Kind. Tagezählend – noch sieben Mal schlafen bis – und ein bisschen ungeduldig seiend. Wohl auch wegen der Hitze, die sich Hierzulande nur ganz kurz ein bisschen abgekühlt hat. Heute Morgen waren es hier nur gnädig 25 Grad. Wunderbar kühl empfand ich es, als ich das Haus Richtung Büro verließ. Morgen schon wird es wieder 36 oder gar 37 Grad haben. In Stockholm, wo ich heute in einer Woche den Flieger verlassen werde, ist es jetzt 19 Grad. Ein bisschen bewölkt.

Alles habe ich mit eingepackt, ins Bild oben, das Ulli neulich auf mein Tablet skizziert hat, den Flieger, die Krone, die schwedische, das Licht, das dort auch nachts den Weg leuchtet, die Wolken ebenso wie den blauen Himmel, die Sonnenbrille … und über allem das romantische Glitzern meiner Vorfreude auf den Liebsten, der heute schon in Växjö angelangt ist (hier klicken für mehr).

Nein, das ist kein sehr geistreicher Artikel, kein hochphilosophischer, kein spirituell nährender, kein Was-auch-immer-für-einer, er ist bloß voller Dankbarkeit.

Ich danke, also bin ich.

Und ja, ich danke euch. Die lieben Kommentare zu meinem letzten Artikel (und natürlich auch die privaten Nachrichten darauf) haben mir sehr wohl getan. Ich fische hier nicht nach Mitgefühl, nach Mitleid schon gar nicht, ich will aber einfach teilen, was ist. Was ich fühle. Was ich denke. Weil ich euch mag, meine Leserinnen und Leser.

Danke, dass ihr mein Schreiben hier zu einem Dialog macht!

Alte Wege gehen

Die Arbeit an meinem Buch „Weiterleben“ mit Texten von Menschen mit Gewalterfahrungen bringt mich zuweilen an meine Grenzen. Gestern habe ich eine Frau besucht, die nur neun Monate vor mir sehr ähnliche Lebenserfahrungen gemacht hat. Auch sie hat an den Folgen eines erweiterten Suizids ihren Sohn verloren. Wir haben uns damals kennengelernt, über die Opferhilfe, und intensiv ausgetauscht. Mit meinem Wegzug in die Nordschweiz haben wir uns zwar ein bisschen aus den Augen verloren, niemals aber aus dem Herz. Ich habe sie gebeten, mir für mein Buch ihre Geschichte und ihren Weg zurück ins Leben nochmals zu erzählen. Aus heutiger Sicht.

Nach dem sehr intensiven Besuch bei ihr bin ich auf den altbekannten Straßen, die ich aus der Zeit, in der mein Sohn noch gelebt hat und in der er bereits tot war, bestens kenne. Straßen, die in eine andere Zeit und in ein anderes Leben gehören. Ich bin auf diesen altbekannten Straßen durch W., wo einst seine Patentante gewohnt hatte, gefahren, durch G. nach O..

Da der Wald, in dem ich damals, nach Lars‘ Tod oft Trost gesucht habe. Dort das Schwimmbad, wo ich mit ihm manchmal – ein- oder zweimal, mehr war es wohl nicht – gebadet hatte. Hier dieser Weg nach Hause. Bachstraße wie viel? Nein, die Hausnummer weiß ich nicht mehr. Ich fahre die Hauptstraße entlang, am Coop vorbei, wo wir immer eingekauft haben. Und nachher vor allem ich. Ich hab Hunger, überlege, welchen Tankstellenshop ich ansteuern soll, will aber zuerst zum Friedhof. Ich biege links ab, ohne zu denken, den Weg kenne ich auswendig. Der Friedhof ist gleich an der Ortsgrenze, auf Stadt-Berner Boden. Er ist riesig und er ist, jetzt, kurz vor acht, still. Ein Biotop der Trauernden. Der Verkehr drumherum ist gering um diese Zeit. Das Nachtleben hat noch nicht begonnen, der Feierabendverkehr ist vorbei.

LavendelgärtchenUm acht Uhr stehe ich oben, beim Kinderfriedhof, an Lars‘ Grab. Noch immer ist es sehr heiß, doch hier oben spendet der große Baum Schatten. Das Lavendelbäumchen, das wir vor einem Jahr gesetzt haben, der Liebste und ich, bevor wir losgepilgert sind. Es hat lange Äste, die sich zum Himmel ausstrecken. Die andern Lavendelstöcke feiern Hochzeit mit den Bienen, die hier ein Fest feiern.

Die Vergissmeinnicht sind schon verblüht. Etwas anderes gibt es nicht mehr. Der Hauswurz ist längt überwachsen, die große Schnecke aus Ton im Vergissmeinnichtfeld verschwunden.

Ich betrachte die neuen Gräber, das neue Grabfeld ist seit meinem letzten Besuch sehr gewachsen. Oder habe ich einfach keine Erinnerung mehr daran, wie es das letzte Mal ausgesehen hat? Auch auf den drei Plätzen für die ungeborenen Kinder hat sich vieles getan. Meine ich nur oder sind es mehr Gegenstände denn je, die hier abgelegt worden sind, um an ein ungeborenes Kind zu erinnern?

Hier weine ich kaum. Nicht hier.

Ob ich ihn hier spüre? Ich kann es nicht sagen. Hier ist der Ort, der mich an die vielen Menschen erinnert, die Lars mit mir zu Grabe getragen haben. Und hier ist der Ort, den ich auch immer wieder mit anderen, mir lieben, nahen Menschen aufgesucht habe. Hier ist ein Ort, an dem ich tiefes Mitgefühl erlebt habe. Und an dem ich tiefes Mitgefühl für all die anderen Menschen, deren Kinder hier begraben liegen, empfinde.

Ich habe ein paar Lavendelzweige gepflückt, wie immer, wenn ich zur Zeit der Blüte hier bin. Lars‘ Gärtchen.

Nachdem ich an einer Tankstelle das letzte Käsesandwich erstanden habe, fahre ich Richtung Autobahn. Alles vertraute Straßen. Hier die Bibliothek, wo ich mit Lars Bücher geholt habe. Seinen Ausweis habe ich nach seinem Tod löschen lassen müssen. All diese Kleinigkeiten waren wie Peitschenschläge damals, Spießruten.

Ich verlasse das Dorf Richtung Klinik. Die Psychiatrie steht da, stark und mächtig, erinnert mich daran, dass ich es geschafft habe damals, ohne sie von innen zu sehen.

Auf der Autobahn Richtung Aargau, nach Hause, im Rücken die damalige Heimat, zerreißt es mich beinahe. Es ist mir als würde ich Lars verlassen, hinter mir lassen. Kein neues Gefühl. Ich hatte es schon damals, als ich das erste Mal in den Aargau umgezogen bin. Und ich hatte es, als ich nach Deutschland umgezogen bin. Und nun, heute, wieder. Obwohl ich weiß, dass es Lars‘ Wunsch ist, dass es mir gut geht. Dass ich glücklich lebe. Das weiß ich.

Ich denke über N.s Sätze nach: Dass sie nie Schuldgefühle hatte, nie dachte, sie hätte das voraussehen und verhindern können. Sie hatte auch keine Wut, damals. Es war ihr klar: Y., der Vater ihres Sohnes, war krank, Y. hat wider die Natur gehandelt. Kein gesunder Vater bringt sein Kind um. Es ist in seiner Verantwortung nicht in ihrer gewesen, was er getan hat.

N. gibt mir ein Buch mit auf den Weg. Es hat ihr sehr geholfen.

Ich schlage es heute Morgen auf und möchte diesen Text hier mit euch teilen. Weil er mich sehr berührt hat.

Zum Lesen bitte großklicken:

Ebbe und Flut

Seit Tagen tummelt sich dieser Gedanke durch mein Leben, dass ich oft vergesse, was uns die Natur vormacht. Dass ich oft so lebe, als wäre immer so, dabei ist es oft eben auch anders.

Die Arbeit hat mich in den letzten Wochen überflutet. Schuljahrabschluss ist, das weiß ich nun, ein tammi harter Zustand. Eine Flut, deren Ende noch nicht absehbar ist. Meine Liste ist zwar gestern und heute um einiges kürzer geworden, doch noch immer warten viele Dinge, die getan werden müssen, damit wir im neuen Schuljahr gut starten können. Wie viel es rund um die Organisation einer Schule zu tun gibt, glaubt man von außen nicht.

Dazu immer wieder Alltasszenen wie diese hier: Ein Kind aus einer nicht subventionierten Gemeinde will bei uns in den Gesangsunterricht, kann es sich aber – so befürchte ich – nicht leisten. Und so weiter. Momentaufnahmen. Dazwischen die Listen, die geführt werden müssen, damit jede Lehrperson weiß, welche Kinder nach Ferien zu ihr kommen werden. Und Kontakte knüpfen kann.

Running Gag zwischen Scheff und mir: „Wenn mir mal gaaanz viel Zeit haben, machen wir dies, machen wir das …“

Flut also, wie gesagt.

Ich wäre so langsam für Ebbe, doch es wird noch ein paar Tage so weiter gehen. Nächste Woche aber erst. Unsere Arbeitsplätze werden umgezogen in einen anderen, kleineren Raum, weil der Volksschule-Schulleiter unser Büro will. Ich befürchte, dass der Tausch nicht so toll sein wird, weil vorne mehr Lärm ist, direkt neben der Aula mit Musikunterricht. Nun denn … das haben andere entschieden.

Öresund

Flut. Kisten packen. Umziehen muss ich sie nicht selbst, zum Glück, und Scheffhimself wird beim Ausmisten helfen. Nächste Woche, wie gesagt.

Ebbe. Neumond. Pause. Ruhe. Wir lernen es, wenn wir hinschauen. Würden. Lernen ist den Konjunktiv überholen. Im die Zunge rausstrecken und sagen: Würdest du nicht immer dazwischenfunken, wäre alles einfacher, du Mistkerl.

Ebbe also. Entschleunigung. Mein Tempo finden. Ich erinnere mich dieser Tage gerne an die Pilgerwanderung genau vor einem Jahr. Als wir dem Lauf der Reuss folgten, ihrer Quelle entgegen wanderten. In unserem Tempo. Immer gerade dort unser Zelt aufschlugen, wo es uns gefallen hat.

Ebbe und Flut leben – könnte heißen, mal schlemmen, mal fasten, mal schuften, mal pausieren.

In der Natur ist gleich viel Ebbezeit wie Flutzeit, gleich lang Neumond wie Vollmond.

Der andere Reichtum

Was sein Leben reicher macht, beantwortet Martin Lagrange hier. Eine Erfahrung, die ich ihm von Herzen gönne. Da ich vermutlich nicht 102 Jahre alt werde, wird es bei mir nie genau so sein. Aber ähnlich.

Auch mein Leben wird reicher durch mir kostbare Menschen, allen voran der Liebste, gleich danach Freundinnen und Freunde. Der herzliche, warme und offene Austausch mit ihnen allen. Ob nun persönlich, per Telefon, in Mails oder über die sozialen Medien wie Threema, Twitter und so weiter …

Quelle: ZEITmagazin
Quelle: ZEITmagazin

Mein größter Reichtum, mein größter Schatz ist es, Liebe zwischen Menschen zu erleben. Andere Menschen so zu nehmen, wie sie sind. Ach, ich Romantikerin ich, denn ich stelle ja auch immer mal wieder fest, dass ich in der Praxis nicht immer so empathisch sein kann, wie ich es eigentlich von mir erwarte. Wie ich es gerne möchte.

Gestern las ich auf Twitter diesen genialen Satz hier von 4. März

„Ich wünsche niemandem etwas Schlechtes. Ich wünsche allen nur, dass sie Menschen wie sich selbst begegnen.“ (Direkter Link zum Tweet)

HA! Was wäre wenn? Würde ich mich mit mir selbst anfreunden? Wäre ich eine meiner Freundinnen, wenn ich mir begegnen würde? Sind meine Freundinnen und Freunde eher „Gegenteile“ von mir selbst? Hm, Fragen über Fragen …

Und wie steht es mit der Liebe zu mir selbst? Ja, auch sie macht mich reich. Vermutlich bin ich nicht nur gerne alleine mit mir, weil ich mich mag, sondern auch, weil es mich manchmal auch anstrengt, mit anderen Menschen zusammenzusein. Das klingt wohl wie ein Widerspruch zu meinen Aussagen am Anfang dieses kleinen Textchen hier? Ist es aber nicht – nicht wirklich.

Reicher macht mein Leben nämlich auch die Stille. Wandern in der Natur. Sitzen an einem Fluss. Lauschen in einem Wald. Im Gras zu sitzen. Den Himmel zu betrachten. Und das geht am besten, wenn ich allein bin.

Was mein Leben auch noch reicher macht? Gefühle, Gedanken, Erfahrungen in Worte oder Bilder zu kleiden. Weiter macht mein Leben reich, dass ich mir und andern Gutes gönne.

Diese Grundhaltung war nicht immer da. Ich kenne Neid.

Es war aber nicht so, dass ich andern nichts Gutes gönnte, aber dass ich immer mal wieder dachte oder eher wohl fühlte: Das will ich auch! Warum kann die, warum darf der, und ich nicht?! Dieser Hader war ein Teufelskreis; geboren aus Minderwertigkeitsgefühlen hat er dazu geführt, da ich mich dafür schämte, dass ich mich noch kleiner machte. Es war ein langer Weg zu mir. Heute weiß ich: Mir und andern Gutes zu gönnen, tut mir gut und tut andern gut. Und mir bricht dabei kein Zacken aus der Krone.

Ironisch augenzwinkernd bringt das Twitterin @schusanne auf den Punkt.

Es lebe das Leben!

Ausgelesen #3 – Die Tote von Saint-Loup von Danielle Ochsner

Schon seit etwa acht oder neun Jahren lese ich ihr Blog. Es war das erste überhaupt, das ich kennenlernte. Ich gestehe, dass Madame Lila meine Idee vom Blogschreiben maßgeblich mitgeprägt hat. Und sie war es auch, die mich zum Bloggen inspiriert hat – lange bevor wir uns persönlich kennengelernt haben. Sie war es auch, die mich mit ihrer damaligen Blogroll mit andern Blogs bekanntgemacht und mir so gezeigt hat, was ein Blog alles so sein und bewirken kann. Vernetzung zum Beispiel.

Wenn man so will, ist sie sogar ein klein bisschen schuld daran, dass ich meinen Liebsten kennengelernt habe. Über Bloglinks bei ihr bin ich damals nämlich auf andern Blogs gelandet, irgendwann schließlich auf der damals noch aktiven Blogbibliothek, und endlich, im Winter 2008/2009 auf einem Artikel Irgendlinks, der dort verlinkt gewesen war. Der Rest ist Geschichte. Aber eine andere als die, über die ich jetzt hier berichten will.

Madame Lila hat nämlich auch eine geschrieben. Was heißt da eine? Im Blog schrieb sie ja schon ganz viele. Immer mal wieder kleine Erzählungen und dazwischen persönliche Erlebnisse. Ein herznährendes Blog. Ja, diese kleinen Erzählungen mochte ich schon immer sehr, ich mochte Frau Lilas samtweiche Sprache, die mich die Welt immer ein klein bisschen besser und schöner sehen machte. Und ein klein bisschen liebevoller und voller Düfte. Ihre Geschichten, die – obwohl sie mitten im Alltag gewachsen waren – zeigten mir immer wieder, dass es eben darauf ankommt, wie wir schauen und wohin. Und dass selbst Alltagsgrau viele Nuancen hat und viele Gerüche.

Und nun hat sie also eine Geschichte geschrieben, eine ganz lange sogar. Einen Krimi. Keinen wirklich schwarzen, keinen Psychothriller, nein, keinen, bei dem man sich nachts nicht mehr aus dem Haus traut.

Danielle Ochsner hat einen Krimi geschrieben, der mit seiner ganz besonderen Atmosphäre und seinem Hinblick schnell klar macht, dass der erste Schein noch trügerischer ist als wir ahnen. Dass sich hinter netten Fassaden – über Jahrzehnte aufrecht gehalten –, hinter schönen und schweren Erinnerungen, Geschichten und noch mehr Geschichten verbergen. Und auf einmal steht die Welt im beschaulichen französischen Kuhkaff Saint-Loup Kopf. Cover_StLoupZuerst taucht eine tote Frau auf. Bald darauf wird die zweite Leiche gefunden: ein toter Mann. Was genau geht hier vor und in welcher Beziehung standen die beiden zueinander?

Yvan Duclos und sein Assistent Ahmed rätseln tagelang ohne wirkliche Spur. Was genau ist von all den Lobhudeleien auf das erste Opfer zu halten? Die Mauer des Schweigens in Saint-Loup ist sprichwörtlich; und erst ganz allmählich bröckelt der erste Verputz. Die beiden Polizisten fangen an, Zusammenhänge zu verstehen, ausgelöst durch einen Satz im Obduktionsbericht über die weibliche Leiche. Was steckt hinter ihrem Geheimnis?

Zugegeben, einiges an der Geschichte ist vorhersehbar. Der Schluss war es nicht, definitiv nicht. Nicht so jedenfalls. Und nicht bei mir. Raffiniert, beinahe ingridnollesk entwickelt Danielle ihren Plot. Aber halt, mehr verrate ich nicht! Denn Lesen lohnt sich.

Aber – und auch das muss gesagt werden und ich gestehe, dass ich es befürchtet hatte – eben auch in ihrem Buch steht Madame Lila mit den Verben, der Konjugation, den Zeiten, gewissen Wörtern und Pronomen auf Kriegsfuß. Und auch fanden mich recht viele – zugegeben teils sehr originelle – Tippfehler (fliegende Trauben statt Tauben).

Nichtsdestotrotz hält Danielle Ochsner, was sie versprochen hat – auch wenn sie das eine oder andere Klischee bedient (das allerdings so geschickt, dass ich manchmal zwei Augen und die nicht vorhandenen Hühneraugen zugedrückt habe). Danielle erzählt uns nicht nur eine spannende und unterhaltsam, sondern auch eine doppelbödige Geschichte. Sie zeichnet die Stimmungen und die Menschen des verschlafenen kleinen französischen Dorfes so sensibel, dass ich es keine Sekunde bereue, dass ich dieses Buch mitsubventioniert habe. Per Crowdfunding. Und dass ich über all diese Schwächen eines Erstlings hinweg sehe. Ich wünsche ihr und der Toten von Saint-Loup viele LeserInnen.

Und für ihre nächsten Bücher wünsche ich ihr einen richtigen Verlag und ein professionelles Lektorat/Korrektorat.  Denn Erzählen kann sie!

Die Tote von Saint-Loup von Danielle Ochsner
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