„Zu“ ist doof.

Seit ich bei Twitter bin, habe ich einen neuen Weg entdeckt, Dinge auf die lange Bank zu schieben. Ich lese Twitter, wie ich einen Roman lese. Ich lese in den Gedanken der Menschen, in den geschönten, in den ungeschönten. Oft in traurigen, verzweifelten, manchmal sehr komisches, dann wieder zynisches, groteskes; Philosophisches und Wortspielereien auch. Ich mag es. Aber es ist anstrengend, denn mein Problem ist, dass ich hinter jedem Wort den Menschen spüre, der es geschrieben hat. Und dann will ich natürlich, dass es ihm oder ihr gut geht. Dann will ich aber auch wissen, wie es mit ihr oder ihm weitergeht. Ich mische mich lesend in viele Leben ein, nicht aktiv zwar, aber als Voyeurin.

Voyeurin | pic by 1.000.000 pictures
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Will ich das wirklich und ist das womöglich eine Flucht aus oder zumindest eine Ablenkung vor dem eigenen Leben? Mein nächstes Problem ist, dass ich (fast) alles und (fast) alle ernst nehme. Dass ich nicht „nicht betroffen“ sein kann, wenn ich etwas lese. Dass ich nicht „keine Meinung“ haben kann. Und dann dieser Traum heute Nacht.

Meine neue Arbeitsstelle. Eine Art Flüchtlingszentrum. Ein Mix aus Europa und Afrika. Wir Angestellten hatten ein Großraumbüro in einer alten zugigen Lagerhalle. Unsere Schreibtische standen zu einem Labyrinth aufgestellt und wirkten allesamt improvisiert, ziemlich versifft und waren staubig. Auf einer Seite der Halle war eine Fensterfront, der Raum war ansonsten eher dunkel und mit Neonlicht erleuchtet. Eine Art Tresen im Bereich der Türe war die Rezeption, ansonsten alles offen. Keine Schutzräume, keine Türen außer der Eingangstüre.

Unser Team bestand aus einer extrem enthusiastischen Chefin (die ich in echt nicht kannte) und aus ein paar ArbeitskollegInnen von früheren Arbeitsstellen. Wir fingen alle zusammen an, eröffneten das Zentrum. Ich saß am Schreibtisch vor meinem Laptop und wusste nicht so genau, was ich sollte. Woraus meine Arbeit bestand. Im Team waren L. und R., meine unliebste und meine liebste Arbeitskollegin bei meiner letzten Stelle. Sozialarbeiterinnen. Sie waren dort wegrationalisiert worden und hier gelandet.

In der nächsten Szene gingen wir durch Slums, die von der Architektur definitiv in der Schweiz waren (ich tippe mal auf Bern), wir waren umgeben von schwarz- und braunhäutigen Kindern, die noch kaum Schweizerdeutsch konnten. Wir redeten mit ihnen, sie mit uns. Keine Ahnung, was der Sinn dieser Gespräche war. Es war berührend und beklemmend zugleich.

Zurück im Büro. Die Chefin ist tot. Ich weiß nicht mehr genau, ob wir sie gefunden haben oder jemand anders. Auch war es offenbar nicht der erste Mord in unserm Umfeld. Was tun? Wir müssen uns neu organisieren, damit der Betrieb weiterlaufen kann, sagte L.. R. schlug vor, dass L. vorläufig den Laden leiten könnte. Seltsamerweise war L. in diesem Umfeld viel freundlicher als ich sie an meiner letzten Arbeitsstelle erlebt hatte. Sie war echter und ohne dieses giftige Misstrauen, das sie mir gegenüber immer an den Tag gelegt hatte.

Alle waren einverstanden. Ich weiß noch, dass ich dachte und wahrnahm, dass ich mich an diesem Ort wohlfühle. Weil wir alle zusammen neu angefangen haben.

Zugleich empfand ich ständig einen leichten Ekel über die ganze Schmuddeligkeit der Welt, des Büros, der Slums, den ich zum einen rational wegzufühlen versuchte und zum andern hätte ich am liebsten mal alles richtig geputzt, am liebsten die ganze Welt in Ordnung gebracht. Dieses Gefühl war sehr stark, dass ich die Welt retten musste. Im Beiboot die Hilflosigkeit, meine Lebensgefährtin seit immer.

Der Tod der Chefin löste bei niemandem von uns ein Drama aus. Es gehörte wohl einfach dazu, wenn man so lebte wie wir. Wir alle lebten gefährlich, jeder und jede von uns konnte der oder die nächste sein.

Ich arbeitete gerne dort und fühlte mich wohl, doch daneben hatte ich auch mein anderes Leben. Das dort war nur meine Arbeitsstelle. Nicht das, wonach ich hungerte: Das tun, was mir am meisten entspricht. Danach suche ich noch immer. Im Traum ebenso wie im echten Leben. Und eigentlich habe ich es gefunden, mein Leben. Nur kann ich davon nicht leben. Paradox.

Ob es damit zusammenhängt, dass ich alles zu ernst nehme?
Dass ich mich zu viel einlasse auf die Leben der andern?
Dass ich zu viel …

„Zu“ ist doof. Vergleichen auch. Eigenschaften zu Problemen umbenennen auch. Und überhaupt: Das Leben ist nicht ideal.

Wieso fallen mir in letzter Zeit keine guten Schlusssätze ein? Mist.

Hashtags, Depressionen und wie sie wirken

Man kann sagen, was man will über die neuen Medien, doch was ich an ihnen schätze ist, dass sie sozusagen basisdemokratische Auswirkungen haben. Etwa im Fall der Aktion „Nicht einfach nur traurig“, die seit ein paar Tagen durch die Medien streift und das Thema Depression aus der Tabuzone sozusagen in die Wohlfühlzone bringt. Mit der Hoffnung auf Entstigmatisierung und mehr Verständnis.

Es ist ein Schritt der Enttabuisierung: Mit dem Hashtag #NotJustSad hat eine Berlinerin eine Diskussion über Depression angestossen. Dabei zeigt sich: Solange wir an einer Gesellschaft feilen, in der scharf getrennt wird zwischen Versagern und Gewinnern, tragen wir Mitschuld an dem Leid der anderen.

[…]

Seitdem die Berliner Internet-Nutzerin «Jenna Shotgung» auf dem Online-Netzwerk Twitter mit dem Hashtag #NotJustSad ihre Depression thematisiert hat, schildern immer mehr Menschen in 140 Zeichen, was es heisst, eine Depression zu haben. Die Inneneinsichten sind bald poetisch, bald traurig und zumeist tief verstörend. Sie geben einen Eindruck davon, mit welchen Ängsten, aber auch gesellschaftlichen Stigmatisierungen die Betroffenen umgehen müssen. Obwohl Depressionen zu den häufigsten Krankheiten gehören, fühlen sich viele Erkrankte nicht richtig ernst genommen.

[…]

Solange wir an einer Gesellschaft feilen, in der scharf getrennt wird zwischen Versagern und Gewinnern, zwischen Reichen und Armen, zwischen Privilegierten und Schmarotzer, Hübschen und Hässlichen, Inländern und Ausländern und diese Klüfte sich auch noch ausweiten lassen, tragen wir Mitschuld am Leid der anderen. Depressionen sind psychische Krankheiten, die nicht nur auf biologischen Prädispositionen, sondern auch auf Ausgrenzungsmechanismen basieren, die in den westlichen Gesellschaften dramatisch zugenommen haben. Noch nie gab es so viele Menschen in Europa und den USA, die im Niedriglohnsektor arbeiten. Sie alle blicken in eine trübe, ungewisse Zukunft.

Hinzu kommt noch ein sozialer Aspekt: Der Distinktionsdruck ist gewachsen. Es war noch nie so schwer, ein verletzlicher Mensch zu sein. Die Pop-Kultur besteht mehr denn je aus Inszenierungsspielen, die keinen Platz lassen für ehrliche Traurigkeit und tief verwurzelten Ernst. Geschickt inszenierte Selfies, unvermittelte Bewertungen von Aussehen und Rang sind das Gemisch, aus dem Ausgrenzungen entspringen. Diese Mechanismen züchten das Begehren heran, ein einzigartiges Individuum zu sein, anstatt sich als Teil einer grossen Gemeinschaft zu fühlen.

Liebe verkommt zu einem Streben nach dem narzisstischen Selbst statt nach einem Ich, das man nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Schwächen liebt. An einen positiven Liebesbegriff erinnert Walter Benjamin: «Wer liebt, der hängt nicht nur an ‹Fehlern› der Geliebten, nicht nur an Ticks und Schwächen, ihn binden Runzeln im Gesicht und Leberflecken, vernutzte Kleider und ein schiefer Gang viel dauernder und unerbittlicher als alle Schönheit.» Kompromissloses Verständnis – das ist es, wonach Depressive suchen. «Wir wünschen uns nur jemanden, der uns an die Hand nimmt, ohne Fragen zu stellen», schreibt der Twitter-Nutzer Caine.

Das Nichtverstehen begreifen

Das Leid kann nur dann gelindert werden, wenn wir uns alle dazu bereit erklären, den individuellen Druck auf die Betroffenen zu verringern. Das fängt bei gesundheitspolitischen Aspekten wie der Bereitstellung von Therapieplätzen an und hört bei der Sensibilität am Arbeitsplatz und in der Familie nicht auf. Bei der Frage auf Twitter, was gegen Depressionen hilft, antworten die meisten Betroffenen mit ähnlichen Vorschlägen: Ruhe, Geduld, Verständnis und Zuneigung. Das Schlimme dabei ist, dass sich Depressionen nicht verstehen lassen. Als Beobachter muss man lernen, ein Verständnis für das Nicht-verstehen-Können zu bekommen. «Wenn du merkst, dass die Tränen in die Augen schiessen, und du weisst einfach nicht, warum.» So schildert die Nutzerin «who?» ihre Depression.

Quelle: nzz.ch

Mehr Infos:
Spiegel online

Timeline auf Twitter

screenie-notjustsad

 

To do or not to do

Da heute ja angeblich Tag der schlechten Wortspiele ist, darf der Titel so. Ich habe nämlich keine Zeit, nach einem besseren zu suchen. Meine Liste ist lang, die Zu-tun-Liste, sie wächst täglich nach, schneller als weiße Haare, Zehennägel und Unkraut zusammen.

Was darauf schmerzlich fehlt, ist eine Nische für Kreatives, Unvorhergesehenes, für Surfen, für Lesen, für Kür. Und wohl darum fühle ich mich oft am Ende eines Arbeitstages ein bisschen unzufrieden mit meiner Leistung. Ich sehe manchmal nur, was ich alles nicht getan habe. Weil ich stattdessen vieles, was nicht auf der Liste steht, getan habe. Gesurft, geschrieben, gebloggt. Ich habe Zeit vertrödelt statt für Buisness, Geschäftsaufbau, Bewerbungen, Kohle scheffeln eingesetzt.

Wäre das auch ein Talent, dieses Andere-Dinge-tun, wäre ich sehr talentiert. Was mich an ein Gespräch denken lässt, das ich neulich mit Freundin R. geführt habe. Man muss wissen, dass R. viel liest und sich für vieles interessiert. Als Mutter und aus persönlichem Interesse hat sie viel über das Menschsein und -werden nachgedacht. Eben auch über Dinge wie Talente und dergleichen. Die Gehirnforschung hätte keinen Hinweis und keinen Beweise für das physische Vorhandensein von Talent gefunden, sagte sie. Man gehe heute eher davon aus, dass das, was wir als Talent wahrnehmen, eine Folge von Trainig oder Konditionierung sei. Ich werfe ein, dass mir in diesem Fall – sollte das stimmen – unklar sei, warum wir uns dann für gewisse Dinge und Themen interessieren, während uns andere überhaupt nicht ansprechen. In meinem Fall Sprache und Kunst. Ob denn gewisse Affinitäten nicht in unseren Genen seien oder sonst wo. Wieder zitiert sie, dass diese Dinge nicht nachweisbar seien. Gut, nachweisbar beweist für mich nicht wirklich ein Nichtvorhandensein. Was vor hundert Jahren nicht nachweisbar war, muss es heute nicht noch immer nicht sein. Oder in hundert Jahren. Darum wird ja geforscht.

Wir überlegen gemeinsam, warum ein Mensch zum Beispiel für Geschichten, für Texte, für Sprachen, für Bücher, für Kunst Affinitäten entwickelt, wie bei uns beiden. Die Kinder, die wir waren und noch immer sind, mochten und mögen Geschichten. Sie ließen und lassen uns aus dem nicht immer so tollen Alltag entfliehen. Ich habe ja schon als Dreivierfünfjährige Bildergeschichten, Comics mit und ohne Worte, gezeichnet. Und immer ist da die perfekte Familie drauf, meine Traumfamilie. Später dann Bilder und Geschichten von Traumfreundinnen. So, wie ich sie mir wünschte, nicht so, wie ich sie im echten Leben hatte. Da ich in diesen Ausdruckprozessen von meinem Umfeld bestärkt wurde – du zeichnest aber schön! du kannst aber schöne Geschichten schreiben! du hast aber viel Phantasie! –, habe ich eben weitergemalt, -gezeichnet, -geschrieben, gerne sogar und immer lieber. Talent? Training, sagt R. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Nein, ich werde nicht heute weiter über Autodidaktik versus Diplome nachgrübeln. Dazu ist meine Zu tun-Liste zu lang. Dazu fehlt mir die Zeit.

Obwohl. Wenn es Häute regnet, geht alles. Aber nur Häute. Morgan nicht. Und ab sofort gibts auf meiner Liste auch den Punkt Wie es mir gefällt. Wenn ich schon mit Shakes Bier angeben will.

Followerpower

Diesmal habe ich eine technische Frage an euch und hoffe, dass jemand, der oder die hier mitliest, die Antwort kennt.

Klickcounter/Blogstatistik ist das Stichwort. Als WordPresserin kann ich ja auf unzählige Plugins für die Widgetleiste zugreifen, die es manchmal ähnlich auch für selbstgehostete Blogs gibt. Leider nicht immer. Oder doch?

Ich habe neulich testweise auf diesem Blog in meiner Seiten-/Widgetleiste den Klickcounter, der bei WordPress schlicht und einfach Blogstatistik heißt, eingefügt. Geht ja ganz einfach.

Genau das möchte ich nun im selbstgehosteten Blog einer Kundin auch tun. Nach vielen Recherchen und noch mehr Herumfragen haben wir nicht wirklich eine befriedigende Lösung gefunden. Es gibt zwar diverse Counter für einzelne Artikelklicks oder Seitenklicks und das mächtige Statistik-Tool Piwik, das aber für unseren Bedarf übers Ziel hinausschießt.

Kennt jemand von euch ein leicht zu installierendes Plugin, das quasi dem WP-Widget Blogstatistik entspricht? Und ja, es sollte auch die bereits erfolgten Klicks (also von Anfang an) mitzählen, also irgendwie Jetpack-kompatibel sein.

Als Finderlohn werden wir – Irgendlink, die Kundin und ich – uns etwas ausdenken. 🙂

Bitte meldet euch direkt per Mail bei mir: Kontakt.

Danke!!!

Das zweite Stöckchen

liebster-awardLiebe Fürhilde, endlich, besser spät als nie, löse ich mein Versprechen ein, dir deine Stöckchenfragen zu beantworten. Ich danke dir für deine Wertschätzung und dein Interesse am Austausch von Gedanken rum um das Schreibhandwerk.

1.) Wie viel Platz hat das Bloggen in deinem Alltag?
Die Frage lässt sich gar nicht so einfach beantworten. Bloggen ist für mich nicht nur das Schreiben eines Artikels, sondern eben auch die dem Schreiben vorausgehende Auseinandersetzung mit einem Gedanken, mit einem Thema, mit einem Problem. Ich denke ständig und viel, doch nicht aus jedem dieser Gedanken wird ein Blogartikel. Manche Gedankenflüsse verlaufen im Sand, andere werden verdichtet zu einer kleinen Lyrik im Tagebuch, noch andere werden ins Blogartikelformat gebracht. Zu meiner Auseinandersetzung mit der Welt gehört das Blogschreiben längst dazu und auch der Austausch mit anderen Bloggerinnen und Bloggern ist mir in diesem Kontext längst unverzichtbar geworden.

2.) Wie viele deiner Verwandten, Bekannten und Freunde setzen sich mit deinem Schreiben auseinander?
Noch so eine schwer beantwortbare Frage! Das Blog zeigt bei mir ja nur ein Teil meines Schreibens. Da ich auch immer mal wieder Geschichten und Artikel veröffentliche, wird die Beantwortung unübersichtlich. Zumal auch ehemals unbekannte Bloglesende zu Bekannten und FreundInnen geworden sind. Verwandte sind es eher wenig, die mein Blog oder meine Texte lesen. Sie wissen zwar, dass ich schreibe, aber selten was. 🙂 Und das ist auch ganz okay so. Der Austausch mit Bekannten und FreundInnen ist mir in diesem Lebensbereich wichtiger.

3.) Wohin gehst du, wenn du traurig bist?
Das hängt davon ab, wo ich gerade bin, wenn die Traurigkeit zu Besuch kommt. Meistens gehe ich in die Natur, an einen Fluss oder in den Wald. Manchmal allein, manchmal mit Lieblingsmenschen. Oder ich schlafe eine Runde. Das hilft auch oft.

4.) Wann ist die beste Zeit zum Schreiben?
Sehr unterschiedlich. Meistens habe ich am meisten Schreiblust in der ersten Stunde nach dem Erwachen. Ich schnappe mir dann mein iPhone und die externe Tastatur und schreibe drauf los. Oft ist es aber auch am späten Nachmittag oder am Abend, wenn die Ideen purzeln. Am wenigsten kreativ bin ich wohl so um den Mittag herum und am frühen Nachmittag. Die beste Schreibzeit ist dann, wenn ich voller Gedanken und Ideen bin.

5.) Wann hast du angefangen zu schreiben?
Mit drei. Ohne Witz. Ich habe mit drei die Buchstaben gelernt und angefangen comicartige Bildergeschichten zu kritzeln. Inklusive Sprechblasen. Später ging es mit Aufsätzen als Lieblingsschulfach, Tagebuchschreiben und Kurzgeschichten weiter. Erste Veröffentlichungen dann so ab 2005.

6.) Welche ist deine Lieblingsjahreszeit?
Frühling-Sommer-Frühherbst. Hauptsache nicht zu kalt.

7.) Wirst du irgendwann aufhören zu schreiben?
Ziemlich sicher nicht, es sei denn, ich könnte nicht mehr …

8.) In welcher Stadt fühlst du dich am wohlsten?
Wenn Stadt, dann Bern. Aber eigentlich bin ich inzwischen fast lieber in kleinen Orten unterwegs. Oder ganz auf dem Land.

9.) Was liefert dir die Rohstoffe aus denen am Ende ein Text entsteht?
Das Leben selbst: Erfahrungen. Beobachtungen. Gespräche. Menschen. IT-Technik als Metapher für das Leben. Alles, worüber ich nachdenken mag.

+++++++++++

Das Stöckchen mit dem Liebster-Award drumrum fange diesmal bitte auf, wer immer Lust hat. Ich werde ausnahmsweise niemanden nominieren. Wer aber Lust hat, Fürhildes neun Fragen ebenfalls zu beantworten, darf das bei sich auf dem Blog gerne tun. Also los, Stöckchen, fliege weit und lande weise …

3 – 2- 1 – werf … Juhuuuu …

Eigentlich und einfach

Über Berührung zu schreiben, ist mindestens so unmöglich wie über Liebe. Vielleicht noch unmöglicher, wenn es diese Steigerung denn gäbe.
Was berührt und warum und wie und wohin Berührungen führen und warum sie für mich so wichtig sind? Was für ein komplextes Thema, das sich vorgestern auf einmal in meine Fahrgedanken geschoben hatte!

Kaum von zu Hause aufgebrochen, nordwärts fahrend, tat sich auf einmal Raum in mir auf. Die Tage davor waren emotional sehr herausfordernd gewesen, alte Narben spürten den Wetterwechsel und juckten wie verrückt. Seelennarben, selbst gut gepflegte und verheilt aussehende, werden nie verschwinden. Vielleicht wird die Seelenhaut eines Tages fast wieder so glatt wie einst sein und vielleicht werden Außenstehende von der Narbe nichts mehr sehen, sie nicht bemerken. Nicht auf den ersten Blick.

Aber. Jedoch.

Wir sind eine Summe. Die Summe und noch viel mehr all dessen, was uns je berührt hat. Wir sind Gewordene. Geformte. Wie das Stück Holz, der Baumstamm, den ich vor einigen Tagen auf der Bildergalerie Pixartix gezeigt habe. Wir sind die Summe auch all jener Berührungen, die wir entbehrt haben. Nach denen wir uns gesehnt haben. Die wir womöglich noch nicht einmal vermisst haben, weil wir sie als unmöglich betrachtet hätten, als unverdient sogar, hätten wir darüber nachgedacht. Doch selten denkt ein Kind darüber nach, was sein könnte. Oder nicht so, nicht auf diese Weise. Differenzen. Diskrepanzen. Löcher. Lecks. Berührungslecks. Auch sie lassen uns Gewordene, Geformte sein.

Weit mehr als Haut auf Haut ist Berührung, viel mehr als Küsschen hier und Küsschen da und auch mehr als die Umarmung einer liebe Freundin oder des Geliebten. Berührung ist Erschütterung. Berührung ist Unterhaut auf Unterhaut, ist Seele auf Seele, ist Herz auf Herz. Doch hier höre ich mit meiner Definition auf, denn sonst wird es hier unerträglich sentimental. Wie ich halt auch bin. Und nicht mal ungerne.

Ja, es gibt Dinge, die kitschig aussehen, klingen, wirken, wenn man nur ihr Abbild, ihren Ausdruck sieht, eine Postkarte, ein Bild, Worte in einer Geschichte, in einem Blogartikel. Doch genau diese Dinge sind im echtem Leben so essentiell, dass wir ohne sie nicht leben sondern darben, wie eine ungegossene Pflanze eingehen, schrumpfen. Okay, ohne Sonnenauf- und -untergänge kann man vielleicht leben, aber ohne liebevolle Berührungen nur schwer, verdammt schwer.

Ja, Berührung war es, die ich am meisten vermisst habe, damals. Meine Nase konnte nicht mehr am Haar meines kleinen Sohnes schnüffeln, wenn wir zusammen Bücher anschauten und er mir dabei mit einem staunenden Kichern seine Welt erklärte.
Aber Mama, das ist doch der Goldnackenara nicht der Gelbbrustara, das sieht man doch.

Bei Missgeschicken meinerseits war er mir sofort mit gutem Rat zur Seite:
Aber Mama, das muess doch eigentlich eifach so sii.

Wie recht er hatte, mein kleiner Prophet, erkenne ich erst nach und nach. Verstehen tu ich vieles nicht, was das Leben mit mir macht, aber akzeptieren, dass Dinge manchmal und eigentlich einfach so sein müssen. Weil wir sie nicht ändern können.

Über den Gartenzaun

Aus dem Fenster nannte Sherry ihren Blogartikel, in welchem sie einige ihrer sehr dichten Gedanken über unsere Menschheit schreibt. Ich zitiere:

Mir fehlen die Autoren und Autorinnen, die es noch schafften, über sich zu schreiben, ohne den Radius ihrer Beschreibungen so eng an sich zu pressen, dass man beim Lesen unwillkürlich das Gefühl bekommen muss, sich um die Autorin oder den Autor zu drehen.

Die meisten Texte hören sich an wie bunt gestellte Bilder aus dem hauseigenen Facebookalbum. Als ich Dostojewski las, fühlte ich, dass sein Kämmerlein dunkel war und sein Mantel verstaubt, auch wenn das vielleicht nicht so war. Mir fehlt der Schmerz und der Dreck beim Schreiben. Das Kerzenlicht, der vergilbte Teppich und die Erschöpfung. Heute müssen Texte gut aussehen, wie ein Instagram Foto. Ich glaube, Autoren sind weniger anfällig für diese Art des Schreibens. (Ich lasse mich hier gerne eines Besseren belehren). […]

Es ist überall das Selbe, völlig gleich, welche Religion und Kultur man hat. Der individuelle Unterschied besteht nur darin, wie viel man sehen, erleiden, und aushalten kann, bevor man selbst zum Raubtier wird.[¹]

Seit Tagen liegt ein Zettel auf meinem Schreibtisch, auf dem das Wort Menschheit? steht. Ja, dahinter steht ein Fragezeichen. Was genau ich dachte, als ich den Zettel geschrieben habe, weiß ich nicht mehr. Was noch drauf steht? Machen gesättigte Menschen andere Kunst als hungrige? Eine mögliche Antwort darauf hat Sherry mir oben gegeben, wenn wir für einmal jeden schriftlichen Selbstausdruck Kunst nennen.

Ich erinnere mich, wie wir eines Sommerabends mit Freundin S. am Feuer saßen und über Kunst und Kunst redeten. Wie so oft. Und worin sich Kunst von Kunst unterscheidet.
Sie sind alle so verdammt satt!, sagte S. über einige Künstlerinnen. Und das sieht man ihren Bildern auch an.

Diesen Satz kaue ich oft. Bin auch ich zu satt, bin auch ich eine dieser Autorinnen und Autoren, über die Sherry im Zitat oben schrieb? Ich will hier nicht ihr Ja oder ihr Nein, sondern meine Antwort, meine ganz persönliche, aufrichtige. Und ich will auch nicht, dass wir alle hungern müssen.
Ich wollte schon immer so schreiben, dass dein Blick beim Lesen meiner Zeile in die Weite fliegt. Dass du merkst, dass ich über das Leben aller schreibe, ausgehend zwar von meinem, aber dass ich auch dich meine. Selbst wenn ich in erster Linie für mich schreibe.

Früher habe ich vor allem geschrieben, wenn mein Herz hungrig war nach Lebensmitteln, die mich wieder mitten und mein Leben stärken würden. Heute schreibe ich, weil ich das Schreiben als Lebensmittel begreife. Weil ich glaube, dass es mein Ding ist. Und weil ich Worte habe. Etwas zu sagen zuweilen auch. Weil ich schreibend mein Menschsein zu begreifen versuche, und vielleicht sogar die Menschheit als ganzes ein bisschen mehr. Obwohl. Die Menschheit als ganzes – das ist schon mal eine komische Sache …

Aber an diesem ersten Tag im Bordell saß ich in einem Kreis von Kolleginnen und sagte: „Ich habe das Gefühl, ich habe nie etwas anderes gemacht.“ […] Was ich aber eigentlich gemeint hatte, als ich diesen Satz zu der Kollegin gesagt habe, war: Die Qualitäten, die ich in der Erziehung zur Tochter aus gutem Hause gelernt habe, sind die Qualitäten, dank derer ich mich im Bordell heimisch gefühlt habe. Weil ich genau wusste: Du bedienst das, was die Welt von außen an Erwartungen an dich stellt. Und die Welt ist im Patriarchat erst mal eine männliche. Was wir an Hörigkeit den Erwartungen der Welt gegenüber lernen, als Kinder in diesem Schulsystem und später in der Welt aus Studium und Ausbildung, bereitet dich perfekt auf den Puff vor. [²]

Die einen Menschen sind selbstzerstörerisch, andere zerstören fremdes Eigentum, fremdes Leben. Wieder andere kreieren ständig neue Dinge, erfinden Sachen, die einem kleinen Teil der Menschheit den Alltag, die Arbeit, die Freizeit, ein bisschen leichter macht, während der andere Teil der Menschheit dafür schuftet und dafür nicht mehr als einen Hungerlohn bekommt. Noch andere sind ganz und gar für andere da, sie kämpfen für bessere Lebensbedingungen. Für eine bessere Welt. So viele Kontraste! Mehr Farbnuancen hat die Gesamtmenschheit als mein Laptop erzeugen kann. Und dann soll es je dieses Licht im Kosmos geben, so lernte ich neulich, das wir mit unseren Augen nicht sehen können, weil uns dafür die entsprechenden Sinnesorgane fehlen (oder so ähnlich) – die notwendigen Apps oder Programme um diese Lichtsensationen zu öffnen … Diese Menschheit also?

Und ich als Teil davon. Du auch. Und du ebenfalls. Untrennbar mit ihr verbunden. Und mit allem andern, was lebt. Menschheit …

Manchmal bin ich so verdammt satt, ja, vom Leben. Lebenssatt. Ich weiß, das kann man nun so oder so verstehen. Und ja, das ist Absicht. Nein, das hätte ich jetzt nicht erklären müssen, ich weiß, ihr habt es alle selbst gemerkt. Ich habe eben schlaue Leserinnen und Leser. *stolzbin*.

Und jetzt? Sherry, darf ich dich nochmals zitieren? Zum Abschluss und weil es so wahr ist, was du schreibst.  … und damit wir es nie vergessen!

Die Tage sind nach oben und unten hin wild.

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Quellen

[¹]  http://iranique.wordpress.com/2014/11/05/aus-dem-fenster/
[²]  https://krautreporter.de/71–wir-verschiessen-standig-potenzial (Simone hat in Berlin mehrere Jahre lang in einem Bordell gearbeitet. Hier erzählt die 32-Jährige, was sie in dieser Zeit gelernt hat: Über den Puff als Lebensschule, warum Reden aufregender als Sex sein kann und über die archetypische Sehnsucht des Mannes, Frauen glücklich zu machen.)

Unerwünschte Erweiterungen

Der gestrige Polizeiruf 110 ist ja echt etwas vom heftigsten, was ich je gesehen habe. Wahnsinn auch fand ich diese Verknüpfung des zu lösenden Falls mit Bukows Privatleben.

Zur Geschichte:

Katrin König und Alexander Bukow geraten mitten in ein Familiendrama. Arne Kreuz, ein bisher unbescholtener Familienvater, befindet sich nach Trennung und Jobverlust im freien Fall. Er hat seine Frau sowie seinen jüngsten Sohn getötet. Jetzt ist er flüchtig – und auch von seinen Kindern Nicole und Jonas fehlt jede Spur. Unter Hochdruck versuchen Bukow, König und ihr Team, das tragische Verbrechen zu begreifen, den Amok laufenden Mann zu finden und Nicole und Jonas zu retten. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit – und die Kommissare können nur erahnen, welches Ziel sich Arne gesetzt hat.

(Quelle: ARD mediathek, Link: siehe unten)

Nein, ich werde nun nicht das Drehbuch loben, obwohl es wirklich saugut war. Die schauspielerische Leistung ebenfalls. Und auch die Story werden ich nicht besprechen.

Nein. Ich schreibe, weil ich mich outen will. Ich will nicht euer Mitleid, bitte nicht, und nein, ich habe keine Ahnung, wie sich die Diskussion, die ich womöglich lostrete, entwickeln wird, doch es ist mir ein Bedürfnis, hier und jetzt einmal zu sagen, dass ich …

Hm. Wie schreibt man so was? Dass ich auch das Opfer (die Hinterbliebene, die Betroffene?) eines sogenannten Erweiterten Suizides war bin war. Ich hasse die Wörter Opfer und Erweiterter Suizid. Erstes impliziert eine passive Haltung, die ich – dank intensiver Arbeit an mir – allmählich ablegen durfte. Wie schreibe ich es denn nun, dass es richtig rüberkommt? Und was ist richtig? Gibt es das in solchen Fällen überhaupt? Vielleicht so: Ich hatte einen Partner, der so ähnlich wie Arne tickte. So ähnlich und doch anders. Zwar hatte ich nicht drei Kinder wie Jeanette und Arne, ich hatte „nur“ eins. Ich hatte einen wunderbaren, goldigen, lebensfrohen Sohn, der an seinem dritten Geburtstag mit seinem Vater zusammen gestorben ist.

Erweiterter Suizid – auch das: ein falscher Begriff. Er impliziert, dass die Person/en, die mit dem Menschen, der den Suizid begeht, einverstanden sind. Mag sogar sein, dass in solchen letzten Momenten so etwas wie Einverständnis besteht. Ein Kind versteht längst nicht alles, was ein sterbewilliger Elternteil sagt. Beschlossen hat. Will. Und dieser wohl auch selbst nicht. Dennoch: Einverständnis ist eins, freie Wahl etwas total anderes.

Andreas Schmidt spielt den psychisch kaputten Vater Arne mit einer so überzeugenden Ambivalenz, dass ich nicht anders kann als ein klein bisschen besser zu verstehen. Nicht gutheißen, keine Sekunde, aber verstehen. Wie ich das auch den Vater meines Sohnes konnte. Und kann. Eine kranke Art von Liebe, sage ich mal wenig differenziert und vereinfacht. Krass wird dieses Dilemma im Film vor allem am Schluss, am Strand, wo es um das Leben von Sohn Jonas geht.

Ebenfalls krass finde ich, dass Bukows Privatleben eine ähnliche Krise erfährt, die auch Arne wenige Wochen zuvor erlebt hat. Seine Frau hat sich entschieden, ohne ihn weiterzuleben. Was das mit einem Menschen macht, wie es ihn durcheinanderbringen kann, erfährt Sascha Bukow wortwörtlich am eigenen Leib. Sein Glück ist, dass er Teil eines Teams, eines funktionierenden sozialen Netzes ist und die Gabe hat, zu reflektieren.

Arne hatte das nicht mehr. Oder nie. Was dann, wenn nicht …?

Müsste man sich mehr einmischen in die Beziehungen anderer?, fragte mich nach meinem Drama eine Freundin.
Ich weiß es nicht.

Über Ursachen kann immer nur spekuliert werden. Und sie variieren von Situation zu Situation.

Wie kann man das Leben seiner Mitmenschen, die Welt, so mitgestalten, dass solche Situationen gar nicht erst entstehen müssen?
Ich weiß auch das nicht.

Am Ende sind immer mehr Fragen als Antworten. Und das gilt es zu akzeptieren. Vielleicht.

Ich habe gelernt, dass Verzeihen etwas ist, dass man im Grunde vor allem um seinetwillen tut. Um sich zu versöhnen mit seiner Geschichte. Ohne Verzeihen gibt es nur schwer „ein Leben danach“.

Etwas anderes, was ich im Kontext mit Suizid noch loswerden möchte: Suizid kann man selten oder nie als eine isolierte Handlung anschauen. Sie ist eine Folge gesellschaftlicher Prägungen und unzähliger Erlebnisse, Erfahrungen, Verletzungen. Ich spreche niemandem das Recht ab, seinen Tod selbst zu bestimmen. Aber bitte allein.

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ARD-Mediathek
www.ardmediathek.de/tv/Polizeiruf-110/Familiensache-Video-tgl-ab-20-Uhr/
www.ardmediathek.de/tv/Günther-Jauch/Familiendrama-wenn-Eltern