Ausgelesen II. #13 – Die Frau ohne Gesicht

Nein, nicht wirklich in einem Zug gelesen, weder noch. Weder im Zug sitzend noch in einem Rutsch. Seit ich nicht mehr regelmäßig Zug fahre, lese ich weniger Bücher und arbeite mehr. Mehr an den eigenen Projekten auf jeden Fall. Aber meine Buchbesprechungsserie soll trotzdem weitergehen. Wenn auch sporadischer, wie ihr wohl gemerkt habt … 🙂 Und eine richtige Buchbesprechung ist das hier auch nicht. Dafür eine herzliche Leseempfehlung.

Als sich die Aufzugtür öffnete, wurde ihr noch etwas anderes bewusst. Sie hatte keine Angst. Nach dem die Gefahr vorbei war, verspürte sie ein merkwürdig angenehmes Gefühl.
So dürfte ich nicht empfinden. Ich war in Lebensgefahr. Aber ich fühle mich stark und in jeder Hinsicht verdammt gut.
[…]
„Ich verstehe jetzt, warum du diese Arbeit machst“, sagte Lia. „Sie gibt einem das Gefühl, stark zu sein.“
Mari nickte.
„Nicht immer. Aber ziemlich oft.“

hiltunen_frauDiese Zeilen aus dem Buch Die Frau ohne Gesicht des Finnen Pekka Hiltunen klingen bei mir nach. Eine tolle Buchbesprechung dazu gibt’s bei Nicole auf My CrimeTime. Dort habe ich mir auch die Inspiration, dieses Buch zu lesen, geholt.

Ich mochte dieses Buch von der ersten bis zur letzten Seite – wegen des Schreibstils (dicht, authentisch, detailreich und äußerst realistisch) ebenso wie wegen der Figuren (nachvollziehbar, mehrdimensional, lebendig). Das tröstete mich über die tragischen Ereignisse hinweg, die der Autor erzählt. Doch was mir an dieser neuen Serie besonders gut gefällt, ist, wie die beiden finnischen Frauen Lia und Mari, die sich in London kennenlernen, gemeinsam Dinge in Bewegung setzen, um die Welt zu einer besseren zu machen – zuweilen auch jenseits des Gesetzes. Und das so ganz ohne Moralin, Pathos und gänzlich ungekünstelt. Einfach, weil sie ein Unrecht nicht länger mitanschauen können. Und weil sie Mitgefühl haben. Weil sie Menschen sind.

Ich verstehe jetzt, warum du diese Arbeit machst, sagt Lia. Ich verstehe jetzt, warum ich schreiben muss, sage ich. Und ich verstehe jetzt, warum so viele schreiben müssen und wollen. Es gibt uns das Gefühl, stark zu sein und die Welt ein klein bisschen besser machen zu können. Mit unseren Gedanken über das Leben, über die Welt, über die Liebe, über Missstände. Und ja, auch mit unseren Gedanken über die Schönheit. Und auch mit Humor machen wir die Welt ein klein bisschen besser.

Wir schreiben uns die Welt lebenswerter. Wenn ich durch den Reader gescrollt bin und meine Lieblingsblogs besucht habe, fühle ich mich gut genährt. Nach diesem Seelenfrühstück sieht die Welt doch gleich lebenswerter aus.

Und nun freue ich mich auf die Fortsetzung von Pekka Hiltunen. Auf Lias und Maris neue Geniestreiche.

Das Geheimnis neuer Wege

Endlich an den Anfang gehen. Will heißen: ans Ende. Dahin, wo die Reuss zu sein aufhört. Wo sie in die Aare mündet, wo sie Aare wird. Denn wir haben geschummelt, damals, vor ein paar Monaten. Ende Juni haben wir bei unserer Reusswanderung nämlich nicht genau dort angefangen, wo sie wirklich aufhört, die Reuss, sondern ein paar Kilometer südlicher. Es passte eben besser damals. Und es wäre ein Umweg gewesen.

Heute nun, endlich, sind wir gemeinsam zum Wasserschloss gewandert. Das Schloss? Der Zusammenschluss, der Zusammenfluss der drei größten Schweizer Flüsse. Den Rhein, der größte von allen, zu dem die drei hier später werden, nicht mitgezählt, denn er besucht ja nach der Schweiz noch andere Länder.

Item. Die Reuss. Wir nehmen einen Weg, den Irgendlink noch nicht kennt. Wir zeichnen unterwegs, machen Fotos. Bleiben da und dort stehen. Staunen. Lassen uns besonnen. Neun Vögel genießen den blauen Himmel, fliegen Kreise. Immer ein anderer führt an. Kreise fliegen sie, Bögen.
Ästheten seid ihr, denke ich. Ihr mögt das Schöne so sehr wie ich. Wie fühlst du dich, Vogel, da oben? Ja, du; dich meine ich.

Wir verlassen die Zivilisation und tauchen in den Wald ein, in eine andere Welt, eine Wildnis, eine Zwischenwelt, einen Dschungel und mir ist zumute wie vor drei Monaten. Nur der schwere Rucksack am Rücken fehlt.

neue Wege_1
auf neuen Wegen

Beim Wasserschloss angelangt, stellen wir fest, dass der Wasserstand der drei Flüsse so tief ist wie selten und dass wir direkt am Fluss, diesmal ist es die Aare, zurückwandern können. Weiter stapfen wir durch den Wald und gehen matschige Wege, die unsere Wanderschuhe ganz schön versauen. Weiter durch den Dschungel. Herrlich.

Hier könnte man das Zelt aufbauen, sagt Irgendlink. Stimmt. Oder schau, hier drüben! Tolle Plätze.

Familiengartensiedlung, an der wir das erste Mal auf der Fluss- statt auf der Straßenseite vorbeiwandern.

Schließlich und endlich wollen wir, es wird dunkel und kühl, wieder nach Hause. Aber nicht auf dem bekannten Weg, nicht heute. Heute sind es neue Wege, die locken. Neue Wege haben einen ganz eigenen Charme.

Ich liebe neue Wege, die mir neue, ungeahnte Möglichkeiten auftun. Wenn ich denn den Mut habe, nicht immer auf den bekannten Straßen zu gehen. Wir finden unerwartet einen Waldweg, der mit Stufen in den Berg gelegt ist und gelangen so vom Unter- ins Oberdorf.

Wer hätte das gedacht?

Nein, da war ich noch nie, obwohl es doch so nahe ist.

Nach uns die Zukunft?

Heute Morgen habe ich leer geschluckt. Emil hat – ohne meinen Text gelesen zu haben – sozusagen die Fortsetzung meines gestrigen Artikels geschrieben. Er fängt mit einem Zeitungszitat, aus dem ich hier rezitiere an:

Zwar leben wir in einer Zeit galoppierender Modernisierung, der Begriff Zukunft wird jedoch nicht mehr durchweg positiv wahrgenommen. Wir wissen nicht, ob Kriege, Umweltkatastrophen, demografische Probleme oder Wirtschaftskrisen auf uns zukommen, bestenfalls bleibt alles, wie es ist. Man möchte an diese Zukunft nicht erinnert werden, man möchte vielmehr von dem Gedanken an sie abgelenkt werden. Also feiern wir in Mode und Stil die vergangenen Jahrzehnte. Die fünfziger, sechziger, siebziger, achtziger, sogar die neunziger Jahre: Jede vergangene Dekade erscheint uns attraktiver als das, was noch kommt. […] Früher bedeutete Industrie-Design, das gleiche Produkt für viele Menschen herzustellen. Ein Design musste für alle passen. […] Ein innovatives Produkt reißt die Menschen nicht mehr mit – es passt sich an sie an. Man kann kaum noch eine Zukunftsvision für alle formulieren. Denn die Menschen nehmen sich nicht mehr als Teil eines Ganzen, sondern als Individuen wahr. Mit ganz eigenen Werten und Interessen.

Quelle: Tillmann Prüfer im ZEITmagazin Nr. 43/2014; S. 24

Aus seinen Gedanken zitiere ich hier ebenfalls. Und zwar jene Sätze, die auch ich schon so ähnlich gedacht.

Ein Einzelner ist leicht abzulenken, die Kraft eines einzelnen Menschen ist schnell erschöpft. Eine Masse könnte tatsächlich etwas am System ändern – das aber ist nicht gewollt. Also wird der Mensch, der Bürger, zum Konsumenten gemacht. Und damit es ihm nicht langweilig wird, darf er sich seine Konsumgüter selbst gestalten: Farbe, Material, Oberflächenbeschaffenheit sind auswählbar. Aber schon die Haltbarkeit ist etwas, das keinesfalls mehr beeinflussbar ist: Gleichwohl etwas geschont wird, es wird wirklich kurz nach Ablauf seiner Gewährleistungsfrist kaputtgehen.
[…] Keiner mag mehr normal oder gar Durchschnitt sein, in irgendeiner Weise sich eben nicht nur unterscheiden von allen anderen, sondern sogar besser sein als alle anderen. Aber wir sollten uns unsere Gemeinsamkeiten nicht aus den Augen verlieren, sie uns nicht aberziehen (lassen) und sie schon gleich gar nicht verkaufen …
Und wir sollten uns wieder einer Zukunft bemächtigen, einer gemeinsamen, einer, die allen Menschen ein Leben gestattet ohne Existenzängste, ohne Hunger, ohne Sterben an heilbaren Erkrankungen, ohne Krieg und ständige andere Kämpfe.

Quelle: Der Emil, Denkaufgaben Individualismus vs. Gemeinschaft

Ich freue mich immer, wenn ich bei meinen Blogbesuchen auf Gedanken treffe, die meine eigenen spiegeln, weiterentwickeln und so bei mir als Inspiration und Ermutigung zum Weiterspinnen ankommen. Ich freue mich, wenn andere das Leben auf mir vertraute, ähnliche Art wahrnehmen.

Personalize-me überall wer dieses Blog liest, liest einen von mir personalisierten Blog. Zwar gibt es nur eine beschränkte Anzahl WordPress-Designs (Hunderte inzwischen, vermute ich), aber diese lassen sich immer – teilweise gratis, teilweise mit Aufpreis – den persönlichen Bedürfnissen anpassen. Kaum jemand hat ein unverändertes Standardthema. Wir alle wollen doch, wie Emil sagt, anders sein als der Durchschnitt. (Notiz an mich: Warum ist eigentlich die Normalität und der Durchschnitt so negativ gefärbt? Zumal wir alle, wenn es hart auf hart geht, auf gar keinen Fall nicht normal sein wollen.)

Irgendwann ist der Höhepunkt jeden Wachstums erreicht. Alles hört irgendwann auf, zu wachsen, jeder Mensch, jeder Baum. Oder sagen wir es so: Ein Baum wächst irgendwann nur noch langsam; mehr in seiner Qualität als in der Quantität (Größe, Länge, Höhe, Breite, Dicke, Umfang und so weiter). Auch der Umfang von Individualismus wird eines Tages nicht mehr zu toppen sein. Was dann? Wird das Pendel vom höchsten Punkt – wie es die Schwerkraft vorgibt – wieder zum andern Ende zurückschwingen, zum Kollektivismus? Zu einer neuen Form davon womöglich?

Werden wir Menschen – wenn wir schon die Vergangenheit so glorifizieren wollen, wie im obigen Artikel beschrieben – aus der Geschichte lernen und irgendwie einen Weg finden, der als ganze Gesellschaft gangbar ist. Und zwar für alle, nicht nur für eine Elite, zu der wir  – selbst wenn wir nicht viel Geld haben – dennoch gehören. Immerhin sitzen wir an einem Laptop/PC/iBook oder Notebook und können lesen und schreiben. Und ein paar andere Dinge mehr.

Wie wir – als Ganzes, als Gesellschaft – uns unserer Zukunft bemächtigen, weiß ich nicht. Ich bin gespannt. Und ich hoffe, dass ich dazu beitragen kann, dass es ein Weg ist, der uns allen das Leben lebenswerter macht.

Geschmeidige Finger oder goldenes Schweigen?

Ich möchte so gerne mal wieder einen richtig schönen, klugen Blogartikel schreiben, einen sofasophischen, einen nahrhaften. Nicht immer nur Dinge über meine Reisen schreiben, nicht immer nur Dinge über Dinge schreiben, sondern Dinge über das wirkliche Leben, bewegende Dinge. Manchmal jedoch hindert mich etwas, das ich schwer benennen kann, daran, einfach drauflos zu schreiben. Drauflos zu sophieren.

Die über dreihundert Follower auf WP und FB: warum followen sie mein Blog? (Followt man wem oder wen? Und wenn ja: warum?) Lesen sie meine Artikel wirklich oder lesen sie sie nur quer? Verstehen sie, was ich sagen will? Was sind das für Menschen, abgesehen von den vielleicht zwanzig-dreißig Menschen, die regelmäßig – oder auch nur hin und wieder – kommentieren? Und wie beeinflusst das Wissen um diese unbekannten Menschen mein Schreiben? Darf es mich überhaupt in irgendeiner Weise beeinflussen? Soll es sogar? Nennt man das womöglich Inspiration oder ist es eher Anpassung? Und warum schreibe ich überhaupt öffentlich? Falls ich nicht wollen würde, dass mir jemand beim Schreiben zuschauen und seinen Senf dazu abgeben kann, sollte ich es lieber im stillen Kämmerchen tun. Tue ich aber nicht. Weil ich bloggen will. Weil ich mich regelmäßig warm schreiben will. Damit die Finger schön geschmeidig bleiben. Und der Geist erst recht.

Sind öffentlich Schreibende narzisstisch? (Darüber habe ich hier schon oft andeutungsweise geschrieben.) Womöglich leben wir einfach in einer durch und durch narzisstischen Gesellschaft? Sage ich das nun, um von mir abzulenken? Jein. Ablenken muss ich nicht, denn vermutlich stimmt es – und ich bin es, auch, narzisstisch, meine ich. Denn ich gestehe, dass ich mich über mein Blog freue. Dass ich gerne rauf- und runterscrolle. Dass ich mich über Kommentare und so weiter freue. Dass ich mich über euch freue, die ihr mein Blog besucht. Dass ich mich über den Austausch mit euch freue. Abzulenken gibt es also nichts, nur zuzugeben.

Wenn ich mich auf andern sozialen Medien umschaue, begegnet mir – noch mehr als hier – Likegeilheit. Weniger auf meiner Timeline vielleicht, als bei Seiten und Gruppen, die ich hin und wieder frequentiere. Nicht immer, nicht überall. Aber doch oft und immer wieder. Und eine Oberflächlichkeit, gegen die auch ich nicht immun bin, weil wir doch alle immer zu wenig Zeit haben. (Wofür?) Wir wollen in möglichst kurzer Zeit möglichst viel lesen, möglichst viele Infos einnehmen, verdauen, allenfalls gleich outputen und reagieren und kommentieren und eine Meinung dazuhaben. Überall und zu allem wollen wir/sollen wir eine Meinung bilden. Eigentlich leben wir diesbezüglich in einer wirklich verrückten Zeit: überall ist unsere Meinung gefragt. Unsere (Be-)Wertung. Unsere Empfehlung. Überall haben wir die Möglichkeit, unsere Meinung zu sagen, zu schreiben, mitzureden, mitzudiskutieren.

Schön und gut, doch wenn ich manchmal öffentliche Diskussionen und Kommentarstränge lese – insbesondere bei politischen Themen – muss ich oft mit lesen aufhören. Weil … das ist oft respektlos und unter der Gürtellinie, was da geredet wird. Selbst aus hochsensiblen Themen werden bald schwarzweiße Grabenkämpfe. Polarisierung. Und das ist, so hoffe ich, nicht der Sinn dieser Meinungsfreiheit?

Kommt dazu, dass man sich, will man von seiner Meinungsfreiheit und -möglichkeit Gebrauch machen, fast überall anmelden muss. Daten, Daten, Daten … Sie wollen ja nur deine Seele, die Netzwerke! Um zu wissen, womit und wie sie dich noch besser und noch persönlicher bewerben können, damit du (weiterhin) eine gute Konsumentin bist. Nein, darüber werde ich heute nichts schreiben, darüber könnt ihr euch heute und immer wieder ganz allein den Kopf zerbrechen.

Deine eigene Meinung: zählt sie wirklich, bewirkt sie wirklich etwas?

Meine eigene Meinung: Hauptsache du machst dir Gedanken, du lässt dein Denken nicht vom Mainstream kämmen und föhnfrisieren, sondern erlaubst dir persönlich deine eigene Meinung. Das Wichtigste, was du dazu brauchst, ist wohl Mut, nein, das Wichtigste, was du zum Leben brauchst, ist natürlich Liebe. Die zu dir. Die zu andern. Die zur Welt. Weil – ohne sie könntest du wohl nicht mutig deine Meinung sagen wollen.

Tja, … und schon wieder ist nichts aus meinem Schöner Artikel-Plan geworden (siehe oben). Vielleicht sollte ich also einfach mal nichts sagen/schreiben … schweigen ist ja bekanntlich Gold?

Zur Quelle hin: Mein Pilgertagebuch

Frühstück in Vira
Frühstück in Vira

Ab sofort ist mein Pilgertagebuch Zur Quelle hin als eBook oder PDF bei mir erhältlich (kostenlos oder gegen Unkostenbeitrag). Das Buch habe ich diesen Sommer während unserer Pilgerwanderung quer durch die Schweiz verfasst.

Ihr erinnert euch? Hier gab und gibt es Bilder.
Im Buch findet ihr schließlich und endlich den Text dazu.

Hier für mehr Infos klicken und weitererzählen.

Patchwork | Textklau, Kunst oder Hommage?

Gestern schrieb ich auf fb ungefähr folgende Zeilen:

Wenn ich jetzt aus all den heute gelesenen wunderbaren Blogartikeln meine Lieblingssätze nehmen würde, nur mal angenommen, und damit – aus diesen veredelten Rohstoffen sozusagen – eine neue, eigene Geschichte schreiben würde, wäre das eine Hommage, Klau, Kunst gar oder alles aufs Mal? Und funktioniert – so ähnlich jedenfalls – nicht alles irgendwie? Everything Is A Remix?

Heute Morgen dachte ich mir: Warum eigentlich nicht. Und hier ist er nun, mein Remix mit Textelementem von Lakritze, Fürhilde, Demenz für Anfänger, Mützenfalterin, Der Emil, Andreas Glumm, Irgendlink und mir selbst. Die Text-Verbindungen stammen ebenfalls von mir. Teilweise habe ich einzelne Wörter und/oder Wort- und Satzteile gelöscht oder eingefügt, damit es als Ganzes sinnvoll ist.
Selbstverständlich freue ich mich, wenn auch andere diese Idee umsetzen. Vielleicht auf der Dada-Schiene oder …?

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Damals, die Geschichten mit gutem und schlechtem und die ohne Ende, das liegt schon tief innen. Wollte ich das loswerden, ich müsste mich aushöhlen. Diese Schwebe trägt mich von kleinen Glücken in die Nischen aus Kämpfen. Ständig muss man um irgendwas kämpfen, man muss andauernd sicher sein, und sichergehen, während man glaubt eigentlich unterzugehen, während man sicher ist, dass man gar nicht weitergehen kann, dass nur noch eine Pille deine Neurotransmitter überlisten kann. Aber du musst ja. Du musst ja atmen, wenn du das Gefühl hast unter dem tristen Alltag zu ersticken. Atmen. Atmen. Und ruhen. Schlafen. Ich könnte immer schlafen. Heute hätte ich sogar problemlos eine Stunde länger schlafen können, hätte eine Stunde weniger schwitzen müssen, mich eine Stunde weniger so angefressen gefühlt. So recht weiß ich grad nicht, wie und was das hier werden soll. Der Impuls, einfach meinen Krempel zu nehmen und wieder heimzugehen, ist stark …

Um fünf Uhr in der Früh schreckte ich auf. Nachdem ich vielleicht zwanzig Minuten am Stück geschlafen hatte, wachte ich von der Stille auf. Mutters Atem hatte ausgesetzt. Nach einigen Sekunden röchelte sie. Dann atmete sie weiter. Ich verliere alle Erwartungslosigkeit. Und die Schwellen, an denen auf einmal alles schwierig scheint, voraussetzungsvoll ist, weh tut. Und die Liebe, die alles überwindet. Vielleicht sogar den Tod. Mein Blick gleitet aus dem Fenster. Die Kinder auf der Bank am Bahnhof. Bewegungslos. Still. Eines dick und ganz grau gekleidet, das andere schmal und bunt. Sommerkleider, die gegen den Regen antreten.

Die Frage für wen man schreibt und warum. Und dass das nie folgenlos bleibt. Ein rosa Raunen, das dem Finger entschlüpft, überzeichnet das Alter – mein wahres Gesicht.

Wir müssen weinen und laut lachen. Wir müssen anhalten, einatmen und auch wieder aus. Wir müssen ausscheiden und unsere Schuhe binden, wir müssen Material vorzeigen und Emotionen beseitigen. Wir müssen so tun als ob, auch wenn dahinter eine Horde Rabauken wüten, die wir verschließen sollen, weil: wir müssen ja Anstand haben, und Werte, und wir müssen ja sittlich sein und solide. Wir müssen ja schreiben was die anderen lesen wollen, und sagen was die Menschen hören wollen, wir müssen ja lachen, wenn man lachen soll und weinen, wenn jemand bestattet wird.

Seit einer Woche verfällt Vater zusehends. Da ist nicht nur die runterhängende, an einen Schlaganfall gemahnende Backe, das Gesicht insgesamt wirkt schief und instabil, ein versinkendes Reich: Man hat wieder einmal versäumt, ihm die obere Zahnprothese einzusetzen. Ich löse die Bremsen seines Rollstuhls und schiebe ihn über den Gang in sein Zimmer.
„Da tun wir dir erst mal die Zähne rein.”

„Gerade Ihr Vater ist so ein netter Mann,“ sagt die Schwester mit dem dunklen Teint. „An guten Tagen macht er immer seine Späßchen mit mir. Weil wir beide den gleichen orangefarbenen Schlüsselanhänger um den Hals tragen, stellt er sich mir in den Weg, wie ein Bandit, und ruft: He, rück meinen Zimmerschlüssel raus! Verdammte Italienerin! Dabei bin ich gar nicht aus Italien, ich seh nur südländisch aus.”
Ich muss lachen. Verdammte Italienerin beschimpfte Vater Zeit ihres Lebens meine Mutter, eine Halbitalienerin.

Kein guter Tag. Ich bin froh, als ich mich verabschiede, und im Dunkeln auf den Bus warte. Ein scheiß Tag. Mit einem Ende, das einen glauben machen kann, der Herrgott erlaube sich seine Späßchen mit uns Menschen.

Unsere Unzufriedenheit – ist sie nicht in erster Linie die Unzufriedenheit mit uns selbst. Weil wir nicht wirklich handeln, wie wir wollen. Weil wir nicht wirklich sind, wer wir sind. Weil … oh, nun köchelt meine Gedankensuppe. Die Suppe dickt ein. Die Essenz kommt zum Vorschein. Ihr Name ist Inkonsequenz. Darum, begreife ich, darum sind wir mit uns nicht im Frieden. Mit uns nicht. Mit der Welt nicht. Banal? Gut möglich. Mir egal, denn in mir drin habe ich diese Erkenntnis, die ja nun wirklich nicht neu ist, bisher nie so ganz mit allen Sinnen begriffen. Der Kopf reicht eben nicht um zu verstehen. Nicht ganz. Er ist nur ein Teil und selbst mein aktuelles Verstehen ist immer nur ein Anfang. Verstehen wollen ist nur ein Weg, eine Möglichkeit, das Leben irgendwie zu schaffen.

Nicht, dass nicht jeder Mensch grundsätzlich ganz viele Möglichkeiten hätte. In der Regel verbringt man aber sein Leben derart kanalisiert, dass die Möglichkeiten nicht so möglich erscheinen, dass man sie wählen könnte. Im kanalisierten Leben verbirgt sich die Unzahl dessen, was man alternativ zu der einen Sache, die man tut, machen könnte hinter einem dicken Vorhang namens Es-hat-ja-doch-keinen-Sinn. Und so laufen wir immer weiter auf unserer Sinnsuche. Auch ich laufe. Ich laufe immer wieder durch die Mittelstraße und denke: Mittelweg. Ob es den überhaupt gibt? Aufschreiben sollte ich das. Ein Buch schreiben. Einen Roman gar? Ein Roman ist ein anderes Kaliber. Fiktion, plotten, Geschichten weben, Personage lebendig werden lassen. Das ist echte Strafarbeit – im Vergleich dazu ist das Liveschreiben wie wenn man in der Schule eine Klassenarbeit schreibt, während der Lehrer mal eben den Raum verlässt und man nach Herzenslust abschreiben kann.

Oder vielleicht doch lieber selbst etwas erfinden? Eine Nachbarin, die mich kennt. Weiß sie etwa, dass ich die Bilder kenne, dass ich alles von ihr auf den Bildern gesehen habe? Ist in den Bildern vielleicht ein Programm verborgen, das die Betrachter der Bilder über die Webcamera des Notebooks überwacht?

Nein, ich verstehe nicht, wie das alles hier zusammenhängt, nur dass es das tut. Auch wenn da ganz bestimmt nicht überall Kameras hängen. Nicht so, wie ich es als Kind dachte, wenn ich Streiche spielte – dass nämlich immer jemand alles sieht, was ich tue. Einen allwissenden Big Brother gibt es nicht und auch keinen Liebgott, der alles sieht. Nicht meine Gedanken jedenfalls. Und auch nicht meine Phantasien. Schlimmstenfalls das, was ich hier in die Zeilen hacke und publiziere. Aber meine Gedanken und Träume? Nein. Nie. Vielleicht, weil ich sie selbst oft genug nicht sehe, nicht verstehe, sie mir nicht glaube?

Und ich kann auch oft nicht glauben, dass ich noch an mich glaube, ich kann nicht verstehen, dass Menschen das hier lesen. Ich kann nicht einfach nicht wissen, wieso manches passiert und weshalb nie etwas endet, was mich kaputt macht. Ich kann nicht und das ist das Problem.

Doch ich gehe weiter. Ob Mittelweg oder Umwege. Nein, ich bleibe nicht stehen. Ich fülle mir auf dem Weg nach Hause die Taschen mit Kastanien und Nüssen und ich bin nicht die einzige: mich beobachten Mäuse, ein prächtiges Eichhorn und Dohlen mit Eissplitteraugen. Unmäßig bin ich nicht, und es gibt genug, beruhige ich sie und ziehe meines Wegs.

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Ich bedanke mich für die Text-Anleihen hiermit allerherzlichst bei Lakritze, Fürhilde, Demenz für Anfänger, Mützenfalterin, Der Emil, Andreas Glumm, Irgendlink. Verzeiht, dass ich nicht vorher gefragt habe. Oder verzeiht mir auch nicht. Ich wollte einfach. Ich musste … Danke!

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Quellen in alphabetischer Reihenfolge:
http://demenzfueranfaenger.wordpress.com/2014/10/17/der-nachste-tag/
http://deremil.wordpress.com/2014/10/16/privattagebuch-tagesklinik/
http://deremil.wordpress.com/2014/10/17/kunstfuegung/
http://deremil.wordpress.com/2014/10/18/kennenlernen/
http://fuerhilde.wordpress.com/2014/10/17/du-bist-was-du-musst/
http://glumm.wordpress.com/2014/10/17/geplant-war-ewigkeit-13-die-letzten-tage/

http://lakritze.wordpress.com/2014/10/16/jahresringe/
http://lakritze.wordpress.com/2014/10/17/fulle/
http://muetzenfalterin.wordpress.com/2014/10/17/grau-und-grun/
http://sofasophia.wordpress.com/2014/08/15/10223/

Mein neues Leben

Seit ich meine Arbeitsstelle Ende Juni freiwillig verlassen habe (StammleserInnen erinnern sich?), habe ich konstant das Grundgefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Ein für mich fast neues Gefühl übrigens. Jedenfalls im Bereich Arbeit-Beruf-Berufung. Der Plan, mich nur noch selbständig durchzubringen, fühlt sich noch immer genau richtig an, obwohl ich mich nun doch wieder „offiziell arbeitslos“ gemeldet habe. Ein bisschen finanzielle Unterstützung hat noch nie geschadet. Eine kleine feste Stelle zum Beispiel als Verlagskorrektorin oder -lektorin wäre doch auch toll? Sicherheit und so. Geld? Leider noch immer so etwas wie ein Reizwort für mich alte Anarchistin. Oder Idealistin. Oder Naivistin. Was auch immer …

Seit ich Bürgerin von Secessionistan! geworden bin (Blogleserinnen erinnern sich?), denke ich oft über Satz 5 in der Verfassung (siehe unten) dieser Kunstrepublik nach. Doch auch die andern Satzungen sprechen mir zutiefst aus dem Herzen! Es geht um Solidarität, Teilen, Gleichheit im Sinne von Gleichwertigkeit. Eine Verfassung, die – würde sie so auf der Welt so umgesetzt – allen ein menschenwürdiges Leben erlaubt. Und das Bedingungslose Grundeinkommen dürfte eigentlich auch noch gleich mit drin stehen. 🙂

Geld. Das liebe Geld. Das dreckige Geld. Und die Möglichkeiten des Lebens, über die Irgendlink heute Morgen gebloggt hat und die man als Selbständige, als Freischaffende, als Lebenskünstlerin hat … Wie anders könnte man leben, wenn …

Gestern las ich einen spannenden Artikel über bedingungslose Geldgeschenke:

Ein erstaunliches Experiment mit einer Gruppe von Menschen zeigte, wie tief das Geld mit dem Selbstwert des Menschen verbunden ist. Um unsere Beziehung zum Geld zu heilen, müssen wir es in den hellen Spiegel bringen, in dem es der Ausdruck unserer Wertschätzung und Liebe ist. […]

Vor einigen Jahren, im Mai 2010, nahm ich an einem fünftägigen Seminar teil, bei dem es um die spirituelle Bedeutung von Geld ging. Eine Übung, die wir machten, bestand darin, dass die Seminarleiter eine Glasschüssel mit Geld vorne hinstellten. In dieser Schüssel befanden sich 4000 € in zerknitterten Scheinen. Dadurch, dass die Scheine zerknittert waren, füllten sie die ganze Schüssel. Es sah aus wie ein Salat aus Geld. Das Geld verschenkten sie.

Die Übung bestand darin, dass man freiwillig vortreten konnte, um Geld aus der Schüssel zu nehmen. Die einzige Bedingung war, dass man offen sagte, wie viel und wofür man das Geld haben möchte. […]

Der 500-€-Schein lag sehr, sehr lange in der Schüssel und niemand traute sich, ihn zu nehmen. Irgendwann trat eine Frau vor. Sie erklärte, dass sie als Kind nie Taschengeld bekommen hatte, aber von ihrem Vater für kleine Arbeiten bezahlt wurde und er ihr die Groschen in einer mahnenden Weise vorgezählt hatte, was sie sehr beschämte und erniedrigte. Sie wollte Geld nehmen, einfach um mal etwas zu bekommen, ohne dafür etwas leisten zu müssen. Der Seminarleiter fragte sie, wie viel sie denn nehmen wolle. Es wurde deutlich, dass es hier um ihren Selbstwert ging, der in ihrer Kindheit schon verletzt worden war. Sie war sehr unsicher und hatte Tränen in den Augen. Sie zögerte und traute sich nicht an die Schüssel zu treten. Der Seminarleiter musste sie mehrfach auffordern, aber sie konnte keinen Betrag nennen. Schließlich musste sie sich direkt vor die Schüssel stellen und nahm schließlich einen 20-€-Schein. Alle im Raum waren sehr betroffen. Waren es 20 €, die sie sich wert war? Hatte sie so viel Angst und Scham, sich mehr zu nehmen, wenigstens 50 € oder vielleicht 70 €? Sie zitterte und weinte. Der Seminarleiter trat zu ihr, nahm sie in die Arme, griff in die Schüssel und gab ihr den 500-€-Schein. Da brach sie zusammen. In dieser Geste verdichtete sich das ganze Leiden ihres Lebens, die Erniedrigung als kleines Kind und ihr Leben als Frau, die nie die Chance hatte, Selbstwert zu entwickeln. Es war wirklich bestürzend, welche Kraft das Geld hatte und wie stark es in den Selbstwert eingriff.

Quelle: www.tattva.de

Geld ist in unserer Gesellschaft, auf der ganzen Welt wohl gar, das Gefährt, das Mobil, das Werkzeug, das Ding geworden, über das wir alle unsere Werte definieren. Gut oder schlecht? Egal. Es gilt einfach, sich das bewusst zu sein. Und zu verstehen, wie sehr es uns beeinflusst. Was es mit uns macht, wenn es fehlt oder im Überfluss da ist.

Im Moment läuft es bei mir oft so, dass ich in Bezug auf Dinge, die ich zu brauchen glaube oder die ich haben möchte, überlege, ob es eine Tauschmöglichkeit dafür gibt. Mit einer Künstlerin aus Norddeutschland verhandle ich aktuell über Kunst gegen Kunst. Auch in anderen Beziehungen scheinen sind neue Wege aufzutun. Tauschhandel ist womöglich der Handel der Zukunft?

Ooops, schon nach zwei! Ich müsste so langsam die Rechnung für meine letzte Kundin schreiben – damit Geld reinkommt und ich die Miete zahlen kann. Und ein paar Werbeaktionen müsste ich auch mal angehen … 🙂

Kunst aufgeräumt

So ein Galerie-Umzug ist zeitaufwändig. Zuerst gilt es alle Bilder von den Wänden zu hängen, denn die alte Galerie hat dicht gemacht. Bilder abhängen und möglichst ohne Ecken anzustossen sowie Dellen und Scherben zu produzieren, zu verpacken. So weit, so gut.

Und jetzt, wohin damit? Sie einfach in den Keller stellen mag ich nicht. Dort stauben sie nur ein. Wohin also?
DSC_0684b_fG_In Berns Straßen
Ich könnte ja auf diesem Blog hier eine Galerie eröffnen? Doch nein, halt, hier sind eher Texte als Bilder zuhause. Wie wäre es dagegen mit meinem zweiten Bilderblog namens Sofasophia appt die Welt?

Hm, ja, stimmt, die Bilder, die ich heute Nachmittag von den Wänden gehängt habe, sind keine Appspressionismen. Somit gehören sie nicht wirklich in die Räume einer Appspressionismen-Galerie, richtig, aber ein neues Blog eröffnen, bloß um meine Erinnerungsbilder zu publizieren, will denn doch nicht. Hat ja genug Platz an den Wänden.

Kommt doch vorbei und schaut euch ein bisschen Frankreich, Nordspanien, Skandinavien, Bern und anderes Zöix an, falls ihr Lust habt … Keine neuen Bilder zwar, aber es  hat ein paar feine Impressionen darunter, nämlich genau hier: Sofasophias Fotogalerie.

Innen und außen

In der Stadt ist mir draußen nicht draußen genug, bloggte Lakritze gestern und hat mir voll aus dem Herzen geschrieben. Wie Irgendlink und ich gestern Nachmittag durch den Wald wanderten, der einst als Park das längst von der Natur wieder verschlungene Lustschloss Tschifflik umrundete, wurde mir genau dies klar. Mein Draußen, das ich brauche, heißt Wald. Heißt Erde unter den Füßen. Heißt Laub, heißt Baum, heißt Himmel-über-mir. Gut, den gibts auch in der Stadt, falls man ihn denn sehen kann (hochblicken ist in der Stadt zudem nicht ganz ungefährlich …).

Ich fühle mich hier unendlich weit und geborgen. Werde ruhig. Atme tief.

Wir bücken uns nach Kastanien, füllen alle Säcke unserer Jacken und ich sage zum Liebsten:
Arme Menschen, die noch nie im Wald waren, die noch nie Kastanien gesammelt haben, die noch nie Erde unter den Fingernägeln hatten.

Das Glück liegt auf dem Waldweg
Das Glück liegt auf dem Waldweg

Auf dem letzten Stück unserer kleinen Wanderung regnet es ein bisschen. Guter Laufregen. Reinigt Luft und Lungen. Tut gut. Spült den Stadtstaub von den Autoscheiben.

Nun sitze ich in meiner gemütlichen Schweizer Wohnung. Am Schreibtisch. In der Waschküche kurbelt sich die Ferienwäsche Richtung Sauberkeit. Draußen regnets. Innen drin in mir ist es wieder ruhig geworden.

Langweilige Ruhe? Nein, ja, heilsam-langweilige Ruhe. Wohltuende Ruhe.

Neben mir eine Liste. Dinge, die getan werden wollen und sollen.
Eins nach dem andern.

Einsehen oder aussehen?

Seltsame Vorstellung, dass ich heute Abend in meinem Schweizer Bett schlafen werde. Noch sitze ich am Schreibtisch in Irgendlinks Künstlerbude. Das Einsame Gehöft hat uns seit gestern Abend wieder. Nach einer staufreien Fahrt, wenn man mal vom kleinen Berliner Stau am Anfang absieht.

Die Dichte von Ereignissen, die Geschwindigkeit des Lebens überrollt mich immer wieder. Gestern noch in Berlin aufgewacht, vorgestern mit den Rädern mitten durch die Metropole – am Holocaustdenkmal vorbei – nach Kreuzberg geradelt, nun hier, bald dort.

Was ist das Leben anderes als Dinge von A nach B zu bewegen. Vielmehr noch sich selbst. Stetiges Geschiebe. Stetige Mobilität.

Wozu nur? Netzwerke knüpfen ist meine erste Antwort, Beziehungspflege. Nein, ich bin weniger wegen Hamburg nach Hamburg gereist und auch nicht wegen Berlin nach Berlin. Es waren die Menschen. Die Bloggerinnen und Blogger, die Freundinnen und Freunde. Die Begegnungen.

Wie wir vorgestern Nachmittag mit Frau Freihändig ein vorläufig letztes Mal auf den Stufen des Kreuzbergdenkmals hockten und nach Norden guckten, wurde die Welt in mir drin auf einmal klitzeklein und bestand auf einmal nur noch aus uns drei Menschen, stellvertretend für die ganze Menschheit. Eine Welt aus Menschen, die sich mögen, die Sorgen und Freuden teilen, die sich aufeinander verlassen, die miteinander in dieser Zeit durch diese Zeit unterwegs sind und am einen oder andern leiden. Da zählt auf einmal nichts anderes mehr. Und diese Verbundenheit ist es, die zählt. Die nährt. Diese Sein.

Berlin1
Wasserkunst in Berlin

Sein und Schein … jaja, total abgelutschte Wörter, sorry, dennoch nachdenkenswert. Ich habe mich immer wieder dabei beobachtet, wie ich dieses Städte – Hamburg, Berlin –, diese geschichtsträchtigen und berühmten Orte und seine Menschen, auf Echtheit abgeklopft habe (wie ich es eigentlich ständig und überall tue). So vieles tut so als ob. So viele tun so als ob. So oft tun wir alle als ob. Zeigen uns größer als wir sind. Leben lauter als uns lieb ist, schneller als wir eigentlich können, hektischer als uns gut tut. Über unsere Verhältnisse sozusagen, und das eben nicht nur finanziell …

Die Sehnsucht nach dem Echten, nach dem Dahinter und Darunter ist es, die mich im Leben immer wieder innehalten lässt. Dann brauche ich ein echtes Lächeln. Augen, die mich als Menschen sehen, nicht als potentielle Käuferin. Ein Lächeln nährt mich, ganz im Gegensatz zu all dem Glitzerklimbim und Lärm. Beides gibt es. Überall.

Den Menschen auf dem Land täte es gut, ihre Herzen mit städtischer Toleranz zu weiten. Den Menschen in der Stadt täte es gut, ihre Herzen der ländlichen Naturverbundheit zu öffnen.

Ach, ich sentimentaler Sack! … wie gerne würde ich Brücken bauen zwischen den Welten. Und vielleicht tue ich es ja immer wieder ein bisschen? Bloggenderweise?

Auf einem engen Radstreifen in Berlin Mitte auf einmal die immer wieder neu atemberaubende Erkenntnis, dass dies alles ein und dieselbe Welt ist. Die selbe Welt, durch die wir im Sommer geflussundbergwandert sind. Die selbe Welt, auf der gekriegt, geliebt, gefoltert, gefüttert, gemordet, getanzt und gelacht wird. Und gehofft. Alles verbunden. Alles vernetzt.

Ewiger Wasserkreislauf.