Reisejanka aus einer Stadt im Harz

Den heutigen Beitrag zu Geschichten von unterwegs hat der Emil geschrieben.

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Erwartungen, Veränderungen, Enttäuschungen

Daß der Himmel auch anderswo
blau ist oder mit Wolken bedeckt:
Das enttäuscht mich heute noch immer wieder.

Vom anderen Ort erwarte ich
viel zu viele Veränderungen.

Ein Janka nach Helmut Maier.

Ein Kreuz am Himmel Klick aufs Bild macht groß
Ein Kreuz am Himmel
Klick aufs Bild macht groß

© für Text & Bild: Der Emil | 2014

Ganz ehrlich? Oder eine Art Credo.

Ganz ehrlich – das Älterwerden macht mir Angst. Früher, als ich dachte, ich werd‘ keine fünfzig, so wie ich lebe, war alles anders. Ich musste mir weder um Altersvorsorge noch um Falten Sorge machen. Ich würde schließlich vorher sterben. Gut so.

Nicht, dass ich mir Sorgen um Falten mache, um Altersvorsorge auch nur minim, doch heute, acht Tage bevor ich mein fünfzigstes Lebensjahr antreten werde und die neunundvierzigste Runde vollende, stelle ich fest, dass ich trotzdem Angst vor dem Altwerden habe.

Nein, nicht das Älterwerden an sich macht mir Angst, nicht die Jahresringe … Mehr ist es wohl die zunehmende Erkenntnis, wie diskrepant Realität und Illusion sind. Mein Bild davon, wie Altsein sein müsste, ist bestenfalls in mir drin. Echte Vorbilder habe ich kaum. Im Gegenteil, ich sehe und höre davon, wie hässlich mit alten Menschen umgegangen wird. Und ich ahne, wie viele Menschen im Alter allein sind.

Ich neige dazu, Leid zu sehen, zu spüren, zu ahnen, wo keins ist, denn letztlich weiß ich nicht, woran andere leiden. Daher kann ich eigentlich nur von mir auf andere schließen. (Und das ist wohl kaum das, was Empathie wirklich meint?)

Wie gerne würde ich andern ihre Lasten und schwere Erfahrungen abnehmen, doch ich ahne, dass ich das nicht wirklich kann. Nein, abnehmen kann ich niemandem etwas, aber vielleicht kann ich sie da und dort dem einen oder andern Menschen, Baum oder Tier ersparen, in dem ich dazu beitrage, dass schlimme Erfahrungen gar nicht erst gemacht werden müssen.

Ich will, dass niemand leiden muss. Und auch ich will nicht leiden. Den Sinn von Leiden habe ich noch immer nicht verstanden. Dass Leid adelt, ist Bullshit. Niemand ist zum Leiden geboren. Weder zum Leid an körperlichen Schmerzen noch an Grausamkeiten anderer.

Ich glaube, dass das Leben dazu da ist, das, was in uns ist, zu entwickeln. Den Kern, den Samen, zur Reife zu bringen, einen Kreis zu vollenden. Aus einem Apfelkern wächst kein Elefant, eine Gitarre ist keine Thailänderin und ein Kind mit Downsyndrom ist kein Mammutbaum. Aber ich bin ich, du bist du und die Kuh macht muh.

Ich habe Angst, sagte ich, Angst vor dem Älterwerden. Ja. Ich habe insbesondere Angst davor, mich zu verlieren, bevor ich weiß, was und wer und wozu ich wirklich bin.

Ich will bis am letzten Tag meines Lebens die fließenden Asanas des Sonnengrußes üben können. Wenn ich will. Ich will so schmerzfrei und gesund wie möglich, ich will achtsam und bewusst alt werden. Ich will das Leben als Geschenk betrachten, auch wenn der Radius womöglich immer kleiner wird, den ich aus eigener Kraft begehen kann. Ich will das Altwerden als ein In-die-Mitte-gelangen erfahren.

Ich will bei Verstand bleiben. Ich will meine Wahrnehmung behalten und ihr trauen, bis ich sterbe. Ich will in Verbindung mit lieben Menschen alt werden.

Und vor allem eins will ich: Mich und andere lieben bis zum letzten Atemzug.

Dreispurigkeit

Die heutige Geschichte von unterwegs hat Ulli Gau geschrieben. Ihr könnt sie heute auch auf ihrem Blog lesen.

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Zunächst ist es der Tanz mit den Kurven, der Kupplung, dem Schaltknüppel und den Bremsen, während der Blick über blühende Löwenzahnwiesen, weisse Kirsch- und Pflaumenbäume gleitet, hin zu den verblühten Fliederbüschen im Tal und den frischen Holunderblüten.

Was … jetzt schon? Ich staune. So, wie ich immer staune, wenn die Ebene in einem Kleid erscheint, das auf dem Berg noch im Schrank hängt. Surreal wirkt die leuchtend rote Klatschmohnwiese unter dem Alupalast, zwischen der Höhe und unten angekommen.

Nach all dem Gleiten und Schalten von oben nach unten hat mich irgendwann der Sog der Strasse wieder. Der Sog, der mich immer mal wieder, am Ziel angekommen, fragen lässt, wer sich nun eigentlich bewegt hat: die Strasse unter den Rädern, einem Fliessband gleich, oder eben doch ich den faradayschen Käfig? Wären da nicht die Pausen und damit mein Blick von aussen auf die Bahn, mit einer eigenen Komponente von Unwirklichkeit, wüsste ich es manchmal nicht mit Gewissheit zu sagen. Fahren auf der Autobahn kommt oft einer Trance gleich, einer mit hellwachen Sinnen, immer das Obachtschild im Kopf, die Strasse und ihr Geschehen im Auge.

Geschichten von damals und vordamals weben sich ins Jetzt hinein. Manchmal genügt ein Kennzeichen und schon halte ich Ausschau nach Menschen aus längst vergangenen Zeiten. Oder es ist eine Ausfahrt zu einem Ort, wo ich einst jemanden kannte oder selbst einmal lebte oder Besuche machte und mache, nur nicht gerade jetzt, oder es ist eine Raststätte, ein Parkplatz wo sich Geschichten über das Jetzt legen. Sie kommen und gehen im Takt der vorwärts rollenden Räder.

Weisst du noch … es erzählt sich von selbst …

… diese drei schweren Jungs von vor ein paar Wochen, ihre Blicke so finster, wie das gesamte Drumherum … drei schwere Jungs und die Helden der Dreispurigkeit im Allgemeinen, ihre Ungeduld, ihr Gedrängel, ihre Lichthupen und ihre bösen Blicke, wenn ich endlich rechts einschere, um sie vorbei rasen zu lassen. Manchmal gerate ich dabei in zu viel gesehene amerikanische Spielfilme, halte kurz den Atem an, spüre fast schon den Aufprall auf der linken Seite, als ob sie mich endgültig von der Bahn schubsen wollten …

01 unterwegs
unterwegs | copyright by Ulli Gau

Brumm, brumm, brumm der olle Grimm, der fährt herum, wer ihn anschaut oder lacht, kriegt den Buckel voll gemacht …

Ausatmen, weiterfahren, den schweifenden Blick geradeaus, nach hinten und zur Seite. Felder bestückt mit Windrädern, neuerdings auch mit Sonnenkollektoren,neben blühenden Rapsfeldern. Die junge Gerste schaukelt ihre Grannen im Wind … Die nächste Raststätte kommt. Pause.

Seltsam leer ist es hier und ich frage mich, ob sie nicht ganz geschlossen wurde. Steige aus, trete ein. Drinnen palavern zwei Italiener an der leeren Lounge. Ich folge dem WC-Schild. Als ich zurückkomme, palavern beide, nun auch von lebhaften Gesten untermalt, mit zwei Polizisten:
###„Ein LKW-Fahrer, er sprach nur schlecht Deutsch, hat uns gesagt, dass dort hinten eine Frau liegt. Tot ist sie nicht. Aber wir wissen auch nicht. Sie reagiert nicht.“

Dann bin ich auch schon wieder draussen. Was war das denn? Ich steige ein, fahre weiter und lausche der Fortsetzung des Krimihörbuchs von Hakan Nesser …

Pinkelpausen müssen sein. Das nächste Mal ist es ein Parkplatz. Der Wald ruft. Auf dem Weg kommt einer, der sich gerade den Hosenstall hochzieht von rechts, ich gehe nach links. Gut so … denn nur kurz dahinter kommt schon der Zweite. Autobahnstrich für Kerle? Seltsam … Was passiert hier?

Die nächste Geschichte kommt, die von den Wohnwagen, die neben der Strasse in einem Waldstück abgestellt wurden, mit Herzchen verziert und leuchtenden roten Lämpchen am Abend. Von hier geht es zu den verdreckten Dünen vor den Türen Roms, zwischen denen ausgemergelte farbige Frauen auf Campingstühlen sassen, einer wackeliger als der andere …

Vielleicht sollte ich beim nächsten Mal ein anderes Hörbuch wählen, eins, das mich zum lachen bringt, wie vor einigen Wochen der Hundertjährige, der aus dem Fenster sprang, vielleicht finden ja dann die kleinen Krimis innerhalb der Realityshow auf anderen Pausenplätzen statt. Oder ich höre wieder nur Musik, Lieder bei denen ich laut mitsingen kann, Töne finde, die ich sonst zurückhalte, nur nicht in meinem faradayschen Käfig, dem einzigen Käfig, in den ich mich gerne freiwillig begebe.

Auf meinen Wegen von Süd nach Nord und zurück liegen die Geschichten und Bilder am Wegesrand, ich muss sie nur pflücken.

© für Bild & Text: Ulli Gau | 2014

Mit den Augen …

… aber vor allem und mit dem Herz

sehen
[endlich]
hinsehen
absehen
* von deiner und meiner Schuld
* davon, dass es ist, wie es ist, das Leben
aufsehen
* zu dir will ich (nicht)
* erregen (mit großem A allerdings)
aussehen
* tun wir alle irgendwie
* müssen
* wahren (wieder mit großem A)
[Nein, nicht mehr, nie mehr aussehen müssen irgendwie,
einsehen dafür,
nach innen sehen
einblicken …]

… braucht Mut.

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Das Wunder an der Zimmerdecke

Dienstagmorgen. Ich atme tief ein und aus. Stehe wie ein Berg. Übe genüsslich Yoga. Ein freier Tag liegt vor mir, an dem ich einige Dinge tun und noch mehr Dinge lassen will. Ich atme tief ein und aus. Nun dehne ich mich stehend himmelwärts. Ein Mantra fällt mir ein, das ich spreche. Dazu drehe ich meine Wirbelsäule mit in Schulterhöhe ausgestreckten Armen in die Gegenrichtung zu den gekreuzt stehenden Beinen.

Und da, auf einmal, sehe ich es. Das Wunder an der Zimmerdecke. Es fließt durch die Luft. Langsam. Zierlich. Auf Augenhöhe hält es inne und schaut mich an. Schaut sie mich wirklich an? Können Spinnen Menschen anschauen? Seit heute wage ich, diese Frage mit ja zu beantworten. Ich sage Hallo. Kann ja nie schaden. So graziös wie sie sich vor mir schwingen lässt, so anmutig wie sie nun an ihrem Faden näher bodenwärts fließt, werde ich nicht mal im Traum Yoga üben können.

Notizzettel "Das Wunder an der Zimmerdecke"
Notizzettel „Das Wunder an der Zimmerdecke“

Du hast Mut, sage ich, aber du weißt ja bestimmt, dass ich dir nichts tue! Ich betrachte sie aufmerksam und versuche mir vorzustellen, wie es sich anfühlt, am selbstgesponnenen Faden zu baumeln. Voller Vertrauen, dass das, was ich da eben gesponnen habe, hält. Dass es mich trägt. Dass ich mich auf mich verlassen kann.

Wie ich sie so betrachte, klettert sie ohne äußeren Anlass wieder fadenaufwärts. Lächelt sie womöglich? Oder war das eben ein Zwinkern?
Danke!, sage ich und lege mich auf die Matte um die nächsten Asanas zu üben.

Um die Ecke lacht das Glück

Warum denn in die Ferne schweifen?, fragten wir uns heute beim Frühstück.
Lass uns doch mal wieder an die Aare gehen!, sprachen wir und tatens auch.
Schön wars.

Für fb-Freundinnen:
Liebe Grüße von der Aare

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Appspressionismus: Bilder auf dem iPhone kreiert und mit Gimp verkleinert und wassergezeichnet.

Wiesen-Wald-Wanderung, ein anderes WWW

Ach, die zwei Herzen in meiner Brust … So sehr mich Technik, Virtualität und all die Tools, die es dafür gibt, faszinieren, so sehr –oder noch mehr! – liebe und brauche ich die Natur.

Gestern und heute waren wir unterwegs in den nahen und nicht ganz so nahen Wäldern des Aargau.

Heute wanderten wir – nach einem Abstecher und einer wunderbaren Gratwanderung über die Burghalde bei Mönthal – mal wieder zum Cheisacher-Turm, dessen schlichte Architektur und weite Aussicht uns gleichermaßen begeistern.

Burghalde | Quelle: www.moenthal.ch

Hundertneun Treppenstufen mit Zwischenböden habe ich gezählt, bis wir ganz oben waren. Fünfundzwanzig Meter hoch ragt der Turm über den Berg und wir sehen von hier aus bis ins Innerste der Schweiz und weit in den Schwarzen Wald hinüber.

Grillen zirpen uns ihr Lied auf dem Rückweg zum Auto.

Ohne Technik könnten wir leben, sage ich unterwegs, aber nicht ohne Wald.

(© by Sofasophia für Text und Bilder, Freitag, 23. Mai 14)

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Appspressionismus: Alle Bilder von A-Z auf dem iPhone kreiert (fotografiert & montiert).

Einmal Heldin sein

Wir liegen noch dösend im Bett, als es klingelt. Oh, das muss wohl das DHL-Paket sein, schießt es mir durch den Kopf. Ich habe denen gestern auf die Webseite geschrieben, dass sie es vor die Türe legen dürfen, falls ich nicht öffne. Im Halbschlaf murmle ich etwas von Juhu, der neue Schlafsack ist da! und wie gespannt ich auf die Matte bin.

Der Liebste bietet an, das Paket zu holen, zieht sich schnell was über und huscht auch schon aus dem Zimmer. Oh, der ist ja mindestens so gespannt und aufgeregt wie ich! Ich rapple mich auf, tappe in die Küche, wo er bereits Teewasser und Kaffee aufsetzt. Gleich darauf schlüpft er auch schon auf meinen Gartenschlappen auf die Terrasse und kommt gleich darauf mit einem großen Karton zurück. Weihnachten mag ich ja nicht. Ich finde es viel besser, sich mitten im Jahr zu beschenken. Den neuen Schlafsack kenne ich schon ein wenig, weil Jürgen den gleichen zum Geburtstag geschenkt bekommen hat, die minim dünnere, rote Variante. Die Matte allerdings habe ich noch nie in echt gesehen. Nein, es ist keine selbstaufblasbare, sondern eine Art Luftmatratze, aber eine aus superdünnem Material, die sich so klein wie eine Literflasche zusammenrollen lässt. Wir blasen sie auf. Oh wie herrlich liegt es sich auf ihr!

meineheldinnenzutatenNein, das ist kein Werbespot und nein, du bist (hoffentlich) nicht im falschen Film und ja, du bist hier bei Sofasophia.

In etwas mehr als einem Monat werden wir uns mit einem Minimum an Gepäck, inklusive Zelt und Kocher, auf den Weg machen. Loswandern. Eine Pilgerreise ohne eigentliches Ziel soll es werden. Eine Pilgerreise, die das Unterwegssein feiert. Den Augenblick des Gehens. Das Sein.

Jaja, ich weiß, ich verkläre das Wandern im allgemeinen und unsern Plan im besonderen. Ich schöne es mir im Voraus zurecht. Anders könnte ich wohl den Mut zu diesem Abenteuer nicht aufbringen, das – ich gestehe es – auf meinem Mist gewachsen ist. Irgendlink musste ich dazu allerdings nicht überreden, schnell fing mein abenteuerlicher Liebster Feuer.

Wo die Reise losgehen wird? Vielleicht hier, vor meiner eigenen Haustür? Vielleicht wo anders. Alles ist möglich.

Was hat dich eigentlich geritten, dass du auf so etwas gekommen bist?, fragt Irgendlink heute Morgen, als ich den Schlafsack auf der Matte probeliege.
Hm, ich glaube, ich möchte mich wohl einfach mal als meine Heldin fühlen …, murmle ich und kuschle mich noch tiefer in das weiche, warme Material.

Wir bewegen uns in Japan

Den heutige Beitrag zu Geschichten von unterwegs hat Christian Popp verfasst.

Bereit für eine Reise mit ihm durch Japan?

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Wir sind zu Fuß unterwegs, mit dem Zug oder mit dem Bus oder Taxi. Zu Fuß finden wir nicht immer gleich, was wir suchen, denn in Japan haben nur manche Straßen einen Namen. Wenn die Straße oder Haltestelle einen Namen hat und er steht auch noch auf einer Karte, fühlen wir uns als Analphabeten. Und doch ist es schön zu Fuß unterwegs zu sein. Besonders in Fukuoka genießen wir die Ampeln, bei Grün erklingen bekannte Melodien. Bei Mozart überqueren wir eine große Kreuzung.

Wir sind sicher, denn an jeder Baustelle wird uns von wenigstens einem, meist zwei Winkern der Weg gewiesen. Diese Sicherheitsfachleute haben rot leuchtende Westen und Leuchtstäbe wie Laserschwerter. Unterwegs trinken wir kalten Grüntee aus dem Automaten und manchmal Melonenlimonade, kalten Kaffee, oder Match – einen Energiedrink. Wir trinken aus und wissen nicht wohin mit der Dose oder Flasche, Mülleimer sind selten. Wir wissen wohin mit der vollen Blase, denn Toiletten sind häufig und sauber.

Wir benutzen die Bahn, den Shinkansen oder einen Expresszug. Die Expresszüge fahren unruhig, denn die Spur ist schmal, das erschwert den Klogang erheblich. Die Shinkansen sind schnell und bequem. Innen wie außen gleichen die Schnellzüge einem Flugzeug. Wie bei einer Concorde hat der Triebwagen eine lange Schnauze, damit wird der Tunnelknall vermieden und in Japan gibt es viele und sehr enge Tunnel. Der Zug zittert, wenn er in den Tunnel eintaucht. Die Shinkansen sind pünktlich, ein Zugführer muss sich schriftlich erklären, wenn er sich um mehr als 15 Sekunden verspätet. Alle Shinkansen in Japan zusammen verspäten sich um weniger als 5 Minuten am Tag. Gibt es einen einzigen ICE der sich nur um 5 Minuten verspätet? Man stelle sich den Aufwand vor, wenn sich deutsche Zugführer für ihre Verspätungen rechtfertigen müssten. Unser Shinkansen nach Hiroshima hat 60 Sekunden Verspätung, diese Fahrt kostet den Zugführer vermutlich die nächste Beförderung. Die Shinkansen sind schnell, sie benutzen ihr eigenes Schienensystem und halten fast nie. Wenn sie halten, dann nur kurz, zum schnellen Onboarden muss man am richtigen Waggon stehen. Wir fahren vorzugsweise das Modell N700, die aktuelle Generation mit Neigetechnik und einem Interieur der 90er Jahre. Sie sind sicher. Einer ist mal entgleist, doch da war gerade Erdbeben, eines, das auch einem Atomkraftwerk Schwierigkeiten machte.

Schaffner im Zug sind sehr freundlich, bevor sie den Waggon wechseln, drehen sie sich nochmal um und verbeugen sich vor den geschätzten Fahrgästen, auch wenn diese alle mit dem Rücken zu ihm sitzen. Schaffner sind Männer, Frauen servieren Getränke und kleine Speisen, sie sammeln den Müll ein.

Wir benutzen Busse und in Nagasaki und Hiroshima die Straßenbahn. Bei unserer allgemeinen Sprachlosigkeit zählen wir immer wieder Stationen durch. Wir fragen den Fahrer, wo wir sind oder wo wir aussteigen müssen, er nickt und wir denken – hat er auch verstanden? Haben wir verstanden? Spricht er gerade Japanisch oder Englisch? Straßenbahnfahrten kosten 120 Yen fix, das ist gut.

Wir fahren Taxi, Toyota Crown oder einen Nissan Crew. Autos im Design der frühen 80er Jahre, die es wohl nie bis nach Europa geschafft haben und so robust sind, dass sie niemals sterben. Das Alter der Taxifahrer passt zum Kraftfahrzeug. Die Fahrer sind elegant, sie tragen Schirmmütze und weiße Handschuhe. Ich denke auch, die Taxifahrer fänden Straßennamen oder Hausnummern toll. Ich wüsste gern, wie die Navigationssyteme hier funktionieren. Die Taxis sind gelb, schwarz oder weiß. Unter den Luxusautos ist weiß die populärste Farbe. Deutsche Autos werden also meist in weiß geordert, und mit vier Auspuffrohren. Wenn schon ein deutsches Auto, dann mit allen Extras, dem großen Motor und am besten von AMG, bei den Einfuhrbeschränkungen fallen die Kosten für Extras nicht ins Gewicht. Das macht Japan zu einem attraktiven Gebrauchtwagenmarkt, wenn man einen wirklich seltenen und unverbastelten Youngtimer sucht, obwohl das Lenkrad auf der falschen Seite ist. Und was in Deutschland schwarz bedeutet, ist in Japan weiß, die Farbe der Trauer. Ist es deshalb die häufigste Autofarbe? Weiß, habe ich gelesen, bedeutet auch Macht und Männlichkeit, denn die Unterwäsche der Samurai war weiß. Das erklärt selbstverständlich viel. In Japan fahren also japanische Autos. Besonders Suzukis Wagin R, oder ähnliche Modelle, passen in die kleinen Parklücken. Diese „Kei Cars“ werden dann aufgepimpt, dann sehen sie von außen böse aus oder innen wie eine Disneyphantasie.

Eine Woche werden wir uns noch in Japan bewegen und ich bin schon gespannt auf die U-Bahn in Tokyo, mal sehen, ob wir noch reinpassen.

© für Bild & Text: Christian Popp | 2013