Was raus muss

Manchmal ist schreiben wie kotzen. Was raus muss, muss raus. Raus in die Tasten. Was da ist, jetzt? Sehnsucht. Immer eigentlich, immer ist da eine Sehnsucht. Eine nach einem sorglosen Leben für alle. Weil alle für einander Verantwortung tragen. Verantwortung: ja, Sorge und Angst ums Überleben: nein.

Eine der Ideen eines Sozialstaates ist es ja, jene Menschen finanziell mitzutragen, die zu jung, zu alt, zu gebrechlich, zu krank, zu dies und zu jenes sind, sich ihren Unterhalt mit ihrer eigenen Hände Arbeit zu verdienen. Das Solidaritätsprinzip. Eigentlich. Doch die Definition der Eigenschaften, welche die einen Menschen von den andern Menschen unterscheidet – fast hätte ich trennt geschrieben – ist schwierig und wohl noch schwieriger umzusetzen. Als Basis dienen – so mutmaße ich – die Menschenrechte und andere verfassungsgemäße Inhalte.

Gut und schön. Ich mag ja das Solidaritätsprinzip. Eigentlich (schon wieder). Mir gefällt der Gedanke, dass jeder etwas dazu beiträgt, damit die Welt lebenswert ist, bleibt und wird – je nachdem, wo wir uns gerade aufhalten. Nicht überall ist das Leben so einfach wie hier, wo ich bin. Nicht überall regnet es genug, nicht überall scheint die Sonne genug. Nicht überall gibt es genug Arbeit für alle, letztes eigentlich fast nirgends. Nein, das alles meine ich nicht moralisierend, ich zähle nur ein paar Fakten auf, die zum Ungleichgewicht auf der Welt mittragen.

Der Kuchen müsste nach Solidaritätsprinzip so verteilt werden – ja, das wissen wir alle –, dass alle davon was abgekommen, alle davon satt werden. Wir können es kaum mehr hören, dieses Reden über Gerechtigkeit.

Was ich sagen will? Dass ich mich frage, ob oder besser warum nicht auch Kulturschaffende und Eltern (insbesondere Alleinerziehende) – ähnlich wie früher die Prediger und Pfarrerinnen von ihren Gemeinden – von der Gesellschaft mitgetragen werden. Zwar arbeiten diese Berufsgruppen sehr viel und auch konkret im Dienste der Gesellschaft und zur Lebenswertsteigerung der Um- und Mitwelt, doch ihr Werk wird wenig anerkannt, kaum wahrgenommen, kaum honoriert. Nur ein kleiner Teil aller Kunst- und Kulturschaffenden kann von seiner Arbeit leben, Alleinerziehende schon gar nicht (von der zuhause geleisteten Arbeit jedenfalls nicht). Dabei sind es gerade diese zwei Berufsgruppen, von denen Gedeih und Verderb einer Gesellschaft zentral abhängt. Die einen, weil sie den Zeitgeist abbilden, transformieren, mitgestalten, die andern, weil sie hauptverantwortlich für die Qualität der Geschäftsleute, Verkäufer, Dozentinnen, Ärzte, Straßenbauerinnen, Lehrkräfte, Arbeitskräfte von morgen sind. Weil sie mit ihren Erfahrungen, mit ihren Ressourcen, mit ihrem Wissen, mit ihrem Leben formen, wie ihre Kinder die Zukunft gestalten werden.

Ob ich hier bin, um das alles zu verstehen? Eine Frage, die ich mir sehr oft stelle. Vielleicht hilft es mir auch einfach, zu akzeptieren, dass ich nicht alles verstehen kann. Nicht einmal einen Bruchteil von allem, denn so etwas wie ein Alles gibt es eh nicht. Da gibt es ja immer neues, das nachwächst und altes, das verschwindet auf der größten aller Festplatten, dem Universum, in dem wir leben. Vielleicht ist ja schon viel mehr verschwunden, als noch kommen wird und alles doch irgendwie endlich? Ausgehend von einer Endlichkeit dieser Erde … oder von allem. Schwindlig wird mir ob dieser Gedanken, die meine Finger fast ohne mein Zutun in die Tasten hauen.

Diese Illusion des Wissens.

Was ist Wissen schon? Macht es mich frei, mächtig, besser im Hinblick auf das Wohlergehen der Welt?

Freiheit – eine große Illusion, denn meine Freiheit reicht nicht weiter als an meine eigenen Grenzen, jenen im Kopf und jenen, die meine Gesellschaft und meine Erziehung mir auferlegen. Schutzgrenzen auch, viele. Vielleicht nicht mal so schlecht. Vielleicht einfach zu akzeptieren, dass sie sind. Und sind Grenzen wirklich das Gegenteil von Freiheit? Wenn nein, was dann?

Ist Freiheit womöglich eher eine Art Gesinnung, ein Denken-über-Dinge, eine Art Umgangsform, die sich daran zeigt, wie wir mit gesellschaftlichen Problemen und persönlichen Sorgen umgehen, eine Haltung dem Nicht-Ideal der Welt gegenüber?

Vielleicht geht es ja darum, zu begreifen, dass ich allein nichts, mit andern zusammen alles verändern kann. Eine Rückkehr zum Kollektiv wagen – als Gesellschaft? Modelle gäbe es schon ein paar.
Doch was wäre gewonnen?, höre ich sie fragen, die Menschen, wenn ich diese Gedanken aussprechen würde.

Muss man immer gewinnen? Muss es immer mehr und noch mehr sein?
Der Individualismus: eine Gratwanderung, auf der wir Menschen uns befinden. Eine, die ich mitwandere. Eine, die ich grundsätzlich unterstütze. Grundsätzlich. Aber manchmal unterwandere ich meine eigenen Grundsätze mit subversiven Gedanken: Wohin führt es, wenn wir alle uns selbst verwirklichen? Und was genau heißt das wirklich und überhaupt?

Werden wir schmerzfreier und gesünder leben, wenn wir uns selbst gefunden haben? Wir alle, meine ich. Auch die im Süden, im Osten, im Westen, im Norden. Alle.

ICH – manchmal macht mich dieses Wort und alles, was es beinhaltet, beinahe kotzen.

Menschenrechte. Ja, die braucht es. Und es braucht uns, die sie anwenden.

automatisch geschrieben und von Tippfehlern befreit am Freitag, den 20. Juni 2014

Die lange Bank

Vor drei Jahren war ich zum ersten Mal in Rendsburg. Auf dem Weg nach Skandinavien hatten wir dort zwei Nächte in einem kleinen Bed & Pizza gebucht, wie uns Freunde sehr ans Herz gelegt hatte. Die längste Bank der Welt: ich hätte nicht geglaubt, dass sie sooo lang ist.

Schweden11_langeBankIm letzten Jahr wurde meine eigene lange Bank vielleicht noch länger als jene in Rendsburg. Vieles blieb unfertig, stapelte sich, dehnte sich aus …
Das mach ich später irgendwann!, ist wohl jener Satz, den ich im letzten Jahr am häufigsten gedacht und gemurmelt habe, wenn mir die Energie fehlte, Dinge, die nicht wirklich dringend waren, zu erledigen. Herzanliegen zum Teil, für die mir einfach die Kraft nicht zur Verfügung stand.

Meine Arbeitsstelle mit dem langen Arbeitsweg wurde zuweilen so belastend, dass ich am Abend halbtot war. Knapp reichte es zum Filme gucken. Bücher lesen. Schlecht schlafen war die Regel.

Gestern nun hatte ich meinen „Letzten“ und feierte ihn mit meinen Arbeitskolleginnen und -kollegen bei einem ausgiebigen Znüni. Unsere Chefin hielt eine kleine Ansprache, lobte meinen Einsatz, dankte mir und überreichte mir einen echt wunderbaren Blumenstrauß. 20140619-164005-60005536.jpgUnd als wäre das nicht genug, bekam ich ein Taschenbuch, von dem mir eine Arbeitskollegin mal vorgeschwärmt und mich sehr interessiert hatte und ein wunderschönes von allen gemeinsam gestaltetes Album mit persönlichen Lieblingsbüchern und Buchtipps – inklusive großzügigem Büchergutschein. Auf dass ich noch viele schöne Lesestunden genießen darf.

Nun fühle ich mich ein klein bisschen wie auferstanden, aus einer langen Haftstrafe entlassen; so, als wäre eine Tür aufgegangen, die ein Jahr lang geklemmt hatte …

Der Rest meines Lebens fängt jetzt an. Jetzt. Und jetzt endlich will ich meine lange Bank kürzer sägen. In dem ich aufräume zum Beispiel. Ich fange mit den Textleichen an. Fasse Notizen zusammen. Sichte, archiviere, lösche, teile, blogge …

Hier mal paar erste kleine Puzzleteilchen.

Darf man die Baustelle sehen, das Making-of, den Prozess, bevor etwas veröffentlicht wird? Muss etwas, das veröffentlicht ist, perfekt sein? Ist es eine Abwertung der eigenen Kunst, wenn man hin und wieder den Vorhang öffnet? Fluxus – sag ich nur. Kunst leben. Schwach-sein-dürfen. Mut zeigen zum Unperfekten. Fehler machen dürfen. (4.14) 

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Es gab Pizza, als sie begriff, dass alle jemanden brauchen, der sie liebt und an sie glaubt. Zumindest so lange, bis wir es selbst können. Denn das ist eins von ein paar Notwendigkeiten des Lebens. Dass wir uns selbst lieben, ganz und gar. Auf dass es der Welt ein bisschen besser gehe, als wenn wir es nicht tun. (21.5.11)

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Wunde Wunder, die wir sind, wissen wir um die Verwundbarkeit. Von den dünnen Stellen, aus denen ein Mensch gemacht ist und die ihn lebenslang anfällig sein lassen für dauerhafte Beschädigungen aller Art; berührbar, zugleich empfindlich, empfänglich für wie auch immer geartetes Glück. Doch wir hüten unser Geheimnis gut. (4.14)

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Heute bin ich eine Scherbe …(28.9.11)

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Lebst du das Leben, das du leben willst?
Nein, noch nicht, sage ich, noch nicht. Erst ansatzweise.
Der Vogel fragt weiter:
Wann lebst du denn endlich das Leben, das du leben willst? Ich zucke mit den Schultern, so fest, dass er fast herunterpurzelt, der Piepmatz. Aber nur fast, zum Glück, denn er soll nicht aufhören mit seinen Fragen. (20.12.11)

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Lob des Kleingeistigen – Wie gerne hätte ich manchmal ein einfacheres Gemüt … (12. 12.11)

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Gestern im Auto zurück in die Schweiz und heute im Zug zur Arbeit über Wichtiges nachgedacht. Heißt, über die Dinge, die im Leben wichtig sind. Dass jeder Mensch geliebt und wertgeschätzt zu werden braucht, sonst serbelt er dahin und verdorrt wie eine Topfpflanze ohne Wasser. Ein Mensch, der geliebt wird, lebt und handelt anders als einer, der nicht geliebt wird. Wenn wir niemandem haben, der uns liebt, fällt uns die Selbstliebe schwerer als wenn uns andere Menschen lieben. Doch ist es letztlich die Liebe zu uns selbst, die uns Frieden mit uns und mit unserer Mitwelt gibt. Nur, wenn wir uns selbst möglichst umfassend lieben, sind wir frei vom Denken und Urteilen anderer über uns. (11.6.14)

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Sauber machen
kann sie
gut, sie putzt
als ginge es um ihr Leben.
Die ganze Welt
möchte sie putzen. Damit
sie sauber wäre.
Endlich. Ein Ort
zum Leben.
(24.11.13)

Unterwegs

Montagmorgens um perversfrüh halb acht auf dem Bahnhof B.. Menschen fluten die Treppe herunter, die ich hinauf muss. Ab und zu bleibe ich stehen, um nicht angerempelt zu werden. Oder um niemanden anzurempeln.

Meine zweitletzte Fahrt mit dem Zug nach Bdf steht mir bevor. Anderthalb Stunden bis ins Büro, am Abend nochmals. Ich datiere meine Fahrkarte und gehe langsam, mich um die andern Pendlerinnen und Pendler schlängelnd, zu meinem bevorzugten Einstiegsort fast in der Mitte des Perrons, zwischen den Treppen. Dort wird am wenigsten geplappert, auf dem Steig und im Zug. Kaum bin ich dort, fährt der Zug ein. Immer bin ich knapp, nie habe ich ihn verpasst und nur gerade zweimal in einem ganzen Jahr kam ich wegen technischer Probleme zu spät. Verschlafen habe ich mich nie, ich Schweizerin. Dafür war ich ein paar Mal krank. Resümée im Zug auf Handytastatur.

Lemminge. Der Zug fährt immer langsamer, ruckelt nur noch in Dezimetersprüngen, und bleibt schließlich stehen. Wir tun es ihm gleich. Wie Japanerinnen mit kleinen Füßchen ruckeln wir Wartenden möglichst nahe zur Tür, ellbögeln uns unauffällig in die erste oder zumindest in die zweite Reihe.

Die Türen öffnen sich mit schrillem Gejammer, dann kotzt der Zug Menschen aus. Nach der letzten Frau – ist es eigentlich immer eine Frau, die zuletzt aussteigt? – wechselt die Fließrichtung. Wie bei den Lachsen. Oder ist es ein großer Magnet, der uns Menschen in den Zug hineinzieht, uns Lemminge?

Ich finde einen Platz in einem Viererabteil, das ich mit einer jungen Frau teile. Bereits macht sich die Sommerferienzeit bemerkbar. Der Zug ist weniger voll als sonst. Wir fahren los, während ich mein Phone aus dem Rucksack hole um diese Zeilen hier zu tippen.

Nächster Halt: B…! Ein Raunen und Lächeln geht durch den Zug, einige (ich zum Beispiel) blicken verstohlen aus dem Fenster. In B. bin ich doch vorhin eingestiegen? Bin ich im falschen Zug? Fahre ich gar rückwärts, zurück ins kuschelige Bett?
Nächster Halt: A…!, klingt nun die korrekte Ansage durch die Lautsprecher. Fehler sind menschlich, aber sie müssen korrigiert werden.

In A. spuckt der Zug wieder viele Leute aus und saugt mit seinem großen Magnet neue Leute an.
Billettkontrolle! Alle Billette bitte! Kollektives Kramen in Taschen, Hosen, Jacken und Rucksäcken. Ich hatte immer ein gültiges Billett dabei, ergänze ich meine Kopfstatistik. Nein, falsch, einmal bin ich dunkelgrau gefahren. Ich wollte kurzfristig ein Handybillett lösen, da ich erst auf dem Bahnhof gemerkt hatte, dass die Mehrfahrtenkarte voll war. Dummerweise konnte ich mich partout nicht ins Internet einloggen und doppelt dumm war, dass ich ausgerechnet an jenem Morgen mein Portemonnaie zuhause im andern Rucksack vergessen hatte. Doch das Glück war mir hold und an jenem Morgen gab es keine Kontrolle. Im Büro hatte ich mir Geld für die Rückfahrt ausgeliehen.

Wir treffen pünktlich in O. ein, Ausstieg in Fahrrichtung links, schallt es aus den Lautsprechern. Ob es wohl noch ein anderes Land gibt, dass sich in der Durchsage für seine Pünktlichkeit rühmt? Japan vermutlich? Früher, als sowieso alles besser war und die Züge immer pünktlich fuhren, pünktlicher als heute, brauchte es diese attributive Aus- und Ansage nicht.

Pünktlich auf die Minute steige ich in O. aus, lasse mich mit dem Fluss der PendlerInnen treiben, in die Unterführung spülen und eine weitere Treppe hoch. In einen andern Zug. In einen noch sehr stillen Zug. Vielleicht zehn Nasen bis L., voller wird der Zug erst in H.. Ich packe mein Joghurt und meine Karotte. Mein bewährtes erstes Frühstück. Zuhause bringt ich außer ein paar Feigen noch nichts runter. So früh morgens kann ich nichts essen.

Durch ihre Augen
Durch ihre Augen

Nachher suche ich den E-Book-Reader und lese bis ich um zwanzig vor neun in Bdf. ankomme. Der zweitletzte Bürotag mit Austrittgespräch.

***

Stunden später. Es ist Abend. Viertel nach fünf. Wieder besteige ich einen Zug. Nachhause. Heute ist der Feierabendzug nur halbvoll. Die andere Hälfte der Menschheit ist in den Ferien. Angenehm ruhig ist es. Nicht zu heiß, nicht zu kalt. Manchmal wünsche ich mir ja auch im richtigen Leben diese Ausgewogenheit, aber lauwarm passt nicht wirklich zu mir.

***

Ein weiterer Beitrag für unseren Zyklus Geschichten von unterwegs

© by Sofasophia 2014

Mädchensein

Wenn ich morgens aufwache und die Füße aus dem Bett strecke, bin ich hin und wieder die Alte, die ich einmal werde (wenn der Rücken knarzt) eher aber bin ich – eigentlich meistens – das Kind, das ich noch immer in mir hege. Nicht jenes, nein, das ich früher war, jedenfalls nicht genau jenes. Jenes Kind bin ich heute, das sich die Welt schöndenkt. Heute lebe ich in einer schönen Welt. Ich meine gar, so aussehen zu müssen. Als dieses Kind, das so denkt und fühlt. Nein, fühlen tu ich mich auf jeden Fall nie und nimmer neunundvierzig wie ich es seit drei Tagen bin. Jahreszahlen für Menschen sind mir immer abstrakt geblieben. Und eigentlich verstehe ich gar nicht, warum ich mich gestern so über das Kompliment meiner Kundin gefreut habe, die mich zehn Jahre jünger geschätzt hat.

Warum nur kommt für uns das Alter, das Altern einer Beleidigung gleich, einer Schmach? Warum assoziieren wir mit Älterwerden viel zu oft und viel zu wenig bewusst eine Art wachsende Un(zurechnungs)fähigkeit in Bezug auf Denken, Fühlen, Wissen, Können und Lebenskunst? Und warum ist Sterben so hässlich konnotiert?
Ob es eher mehr oder eher weniger Menschen gibt, für die das Altern schlimm ist, richtig schlimm meine ich, mit Schmerzen und Leid?
Und das Sterben – wie steht es damit? Nenn sie trüb meine Gedanken, egal. Denn draußen knallt die Sonne vom Himmel und ich fühle mich heute Mädchen. Ich bin Mädchen.

girlme1Ich gehe barfuß durchs Leben dieser Tage. Erwachsensein fühlt sich oft an wie das Kinderspiel So-tun-als-ob. Fake it till you make it. Will ich das denn machen, dieses Erwachsen-Sein? Und wenn nein, welches Erwachsen-Sein würde zu mir passen?

Alt und weise sein, eines Tages, ja gut, das tät‘ ich gerne. Eines fernen Tages. Aber es zu werden, den Weg dahin zu gehen, mich diesem Ding namens Altsein anzunähern jeden Tag einen Schritt mehr …
Doing by doing? Kannst du es, tust du es?

Ich bewundere Menschen, die Dinge tun, die ich nicht kann. Autorinnen und Autoren oft genug für ihren ganz eigenen Stil. Für ihre Worte, ihre Wendungen, ihre Metaphern. Für ihre Text(ili)e(n), die sie weben. Für ihren Blick auf die Welt, der immer anders ist als meiner. Zwar beschreiben sie oft Erfahrungen, die mir vertraut sind, doch in Worten, die mir fehlen. Und ich bewundere auch andere Fotografierende. Oder Menschen, die besser singen und tanzen können als ich. Ja, ich weiß, vergleichen ist Schei***, aber bewundern und staunen dürfen, das werde ich mir nicht nehmen lassen.

So gehe ich meinen Weg. Mädchen, Frau, Alte, die ich bin.

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Das obige Bild stammt aus meinem Fotoalbum. Ich bin darauf etwa acht- oder neunjährig, auf Sonntagsspaziergang mit den Eltern und Geschwistern (mit Gimp und iPhone nachbearbeitet).

All das Gewürfelte in ihrem Kopf

Heute ein Artikel einer Bloggerin, die ich leider er vor kurzem entdecken durfte. Kein Text zum schnell Nebenherlesen. Aber einer, der berührt!
Danke, Candy!

Ursprünglich veröffentlicht auf Candy Bukowski:

Eigentlich habe ich sie erst an ihrem 50. Geburtstag ein wenig näher kennengelernt. Vorher war das recht unverbindlich, man sah oder las sich mal. In meinen Augen fiel sie eher unter etwas naiv, ein viel zu kleines Mädchen in einem viel zu großen Frauenkörper, das zu viel träumte und zu wenig lebte. Wie man eben oft so in Schubladen steckt, um eine gewisse Grundordnung zu halten.

Sie feierte ihren Geburtstag grundsätzlich nie und wirkte trotz dieser getroffenen Entscheidung alleine, deshalb habe ich sie zu mir nach Hamburg eingeladen, da könnten ihn ja auch zusammen nicht feiern. Das fand sie gut. Sie kam. Und wir hatten ein nettes Wochenende, mit einem uneingepackten, kleinen Geschenk zum Nichtgeburtstag, und erzählten uns rund um die Alster ein wenig mehr voneinander.
In manchen Dingen blieb sie mir nicht nur fremd, sondern seltsam. Ich steckte sie um, von der Naiv- in die Hartschublade, von dort in…

Original ansehen noch 851 Wörter

Urban ArtWalk Zweibrücken

Am Freitagnachmittag war bei Irgendlink mal wieder Prisma-Hüten angesagt. Darum haben wir uns und den Gästen die Zeit mit einer Live-Print-Urban-Artwalk-Aktion versüßt. Was nichts anderes bedeutet, als dass zuerst ich und später er mit dem iPhone durch die Stadt gestreift sind und unsere Texte und Bilder an den Drucker in der Kunstgalerie Prisma geschickt haben, die der oder die andere von uns direkt aus dem Druckerschacht an die Wand gehängt hat. Klingt komplizierter als es ist und macht Spaß.

Und damit die Leute in der Galerie sehen, wo der ArtWalker durchspaziert, wird die Krümelspur von Hänsel und Gretel direkt per Tracking auf dem Laptop-Bildschirm aufgezeichnet.

Hier noch ein paar  Schaufenster-Spiegeleien aus Zweibrücken

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Appspressionismus: Bilder auf dem iPhone kreiert und mit DigiCam verkleinert und wassergezeichnet.

Spazierensehen

Heute darf ich mit euch eine noch unveröffentlichte Geschichte von unterwegs teilen. Geschrieben hat sie Uwe Heckmann, dessen Bilder einige von euch von Pixartix und von seinem Blog kennen.

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Unterfuehrung-header_uweheckmann

Ach, dieses Gehen auf den Straßen der Stadt, wie es mich ablenkt und unterhält, abstößt und dann wieder mitreißt in den Fluss der winzigen Ereignisse und mit flüchtigen Begegnungen füttert, welche eine Mitschrift fordern, heute anders als gestern und morgen wieder neu.

Gleich beim Raustreten, diese Lichtfülle: blendend heller Sonnenschein, ein Vademekum auf einer Runde, die mich zunächst kurz den Stadtpark durchstreifen lässt. Dort springen mir die samtig grün in der Sonne leuchtenden Baumrinden in die Augen. Vereinzelt kommen mir Jogger mit ihren Leidensmienen entgegen, und eine walkende Rentnerschar kreuzt meinen Weg, aus deren Mitte ich das Satzfragment „schlau machen über die grünen Damen“ vernehme. Bevor ich länger über den möglichen Sinn dieser Verlautbarung ins Grübeln gerate, lenkt mich schreiender Graffitikitsch ab, der die strenge Tektonik einer Backsteinwand mit einer silbern glänzenden Haut und einem mir unbekannten Schriftzug bedeckt. Ich schlendere weiter, ohne Mühe und Not, überspringe federleicht die Baumschatten, höre in der Ferne das Lärmen der Spielplatzhirsche, schaue zwei Eichhörnchen beim Umkreisen eines Stamms im flotten Tanz ihres Liebesspiels zu, und pfeife dem dunklen Begleiter an meiner Seite ein munteres Liedchen.

Kurz hinter dem Park komme ich an einem „Space Art Center“ vorbei, in dem „TranceEvents“ angeboten werden. Amüsiert über diese „multikreative“ Erlebnishilfestellung erfreue ich mich am Anblick einer gewöhnlichen Plastiktüte, die durch den böigen Wind aufgeblasen und auf die Straße gefegt wird. Ein Auto überfährt sie mit einem hellen Ton, durch den einige Passanten erschrocken ihren Gang unterbrechen und innehalten. Die Ramschauslage eines Buchladens lasse ich aus Gründen meiner leichten Verführbarkeit lieber links liegen und trotte weiter durch verminte Grünanlagen, überhole einen übergewichtigen Briefträger mit honiggelbem Bürstenhaar, in dem sich Pappelsamen verfangen haben, und treffe in einer Einkaufsstraße auf rastlose Beauty-People beim Konsumglücksspiel, die ich treidelnd umgehe.

An einer Baustelle beneide ich für einige Momente den Kranführer wegen seiner Übersicht, mit der er das Wimmelleben unter sich zu betrachten in der Lage ist, bis mich das Wort „Tageszulassung“ in dem Schaufenster eines Autohauses zu einer Instant-Meditation über Tage mit und ohne Zulassung anregt: etwas loslassen, sich gehenlassen, andere fallenlassen, alles oder nichts zulassen. Als lässliche kleine Sünde gönne ich mir bei einer Bäckerei drei Quarkbällchen und gehe weiter, um nach wenigen Schritten einen Vertreter der Generation Golf beim Parken einzuweisen und dafür ein geschäftsmüdes Lächeln als Dankeschön zu erhalten.

Parfümbomben explodieren in der Nähe der „Wohnsinn“-Anlagen, wo betuchte und statusbewusste Mütter in spe ihren Nachwuchs stolzgeschwellt vor sich hertragen. Eine der Hochschwangeren wendet angeekelt den Blick von dem Schauspiel ab, das sich an der nahegelegenen Ampel ereignet. Dort taumelt ein junger Mann unruhig umher. Er versucht offenbar mit seiner rechten Hand aus der Hosentasche ein paar Münzen zu fischen, warum und zu welchem Ende bleibt auf immer unerkannt. Eine ewiglange Minute verbringt er mit dieser Tätigkeit in einer unbequemen, wankenden Körperhaltung. Als er sich aufrichtet, sehe ich, dass eine glühende Zigarette lose in seinem halboffenen Mund hängt. Dann nimmt er die beiden neben sich stehenden Bierflaschen an sich und torkelt bei Rot über die Straße. Von keinem Auto erwischt, doch von vielen Umstehenden ungläubig und missgünstig beobachtet, erreicht er unversehrt die andere Seite und entschwindet bei der nächsten Ecke in der Menge. Ich wundere mich über den passgenauen Satz, den ich unvermutet auf einem Mülleimer zu lesen bekomme: „Drink your Beer and Mosh“.

Zuletzt fällt mir noch ein „ReadyMix“-Lkw auf, der mich freudig heimkehren lässt, da dieser Name an meine promisken Augenreisen auf den Straßen der Stadt erinnert. Es ist ein ständiger Wechsel der Szenen, in die ich nicht eintrete, ein Puzzle zufälliger Bilder, die mein Blick isoliert und dann wieder dem Fluss der Erscheinungen übergibt, zwischen Sehen, Würdigen und Loslassen pendelnd, einzig betreut von meinen Assoziationen und inneren Texten, mit dem Vorteil, am Ende eines jeden Spaziergangs weder vollkommen zufrieden noch wirklich enttäuscht zu sein. Und so werde ich weiter hoffnungsfroh meine Tage verwalsern und dabei im steten Vertrauen auf den nächsten Schritt diese verspielt hinfälligen Scherben des Alltags sammeln: Was braucht man andere Abenteuer!

© für Text und Bild bei Uwe Heckmann | 2014

Über die Enden

Viele Enden habe ich schon in meiner Sammlung. Enden von Arbeitsstellen, letzte Tage in Wohnungen, letzte Tage von Ferienreisen, Enden von Beziehungen, Liebesgeschichten und Blumensträußen.

toteRose_wzDie letzten Tage naher Menschen auch – Mutter, Vater, Sohn. Dann die Enden von Büchern, Musikstücken und Filmen. Und von Texten, die ich selbst geschrieben habe.

Doch selbst nach so viel Erfahrung mit Enden bin ich immer zuerst hilflos. Nein, an Enden kann ich mich nicht gewöhnen, oder zumindest nicht an die Löcher, die sich jeweils mit ihnen in mir auftun. Löcher ohne Brücken.

Aber immer auf Vorrat Brücken mit mir herumtragen, nur damit ich im Notfall gewappnet bin, wenn das nächste Ende kommt, will ich nicht. So bleibt mir nichts anderes als warten, bis sie langsam zuwachsen. Ballast habe ich eh schon genug. Sogar (zu) viele Wörter schleppe ich mit mir herum. Wörter, die keinen Sinn ergeben, solange ich sie nicht ausgespuckt habe.

Ob sie danach noch immer Ballast sind, kann ich nicht sagen. Oder sind sie neue Anfänge, sobald sie aufgeschrieben sind – von mir, von andern? (Und spielt es überhaupt eine Rolle, wer die Wörter aufschreibt, an denen ich kaue?)

Dort drüben, jenseits der Brücke, die es mir diesmal aus Wörtern zu spinnen gelungen ist, lauern sie, die neuen Anfänge. Das weiß jedes Kind, denn jede Brücke ist eine Verheißung. Eine Verführung vielleicht. Drüben ist es anders, ist es drüben besser gar? (Was die Frage impliziert, ob ich über die Brücke gehen soll. Lohnt es sich, dieses Ende hier, so sehr, dass es den neuen Anfang rechtfertigt? Aber was sonst? Denn so weitermachen kann ich schließlich nicht, oder?)

Fragen wogen auf und ab. Wellen im Fragenmeer.
Flut. Ebbe.
Manchmal ertrinke ich.
Manchmal finde ich ein Stück Treibholz und ertrinke diesmal nicht.
Manchmal finde ich sogar ein Ufer.

Schon wieder ein neuer Anfang.

Ja, ich kann sie gut, die Enden, auch wenn sie mich hilflos machen. Und leer. Paradox, ja, und auch die Sache mit den Brücken ist suspekt. Vielleicht klappen sie, wenn ich mittendrin stehe, hoch und lassen zuerst einmal die Schiffe passieren, auf jenem Fluss unter meinen Füßen, der Anfang und Ende verbindet und den Weg zum Meer weiß, weil er ihn ist.

(écriture automatique, 3.6.14, überarbeitet)

Tagesstruktur

Eieiei
Eieiei – klick mich an und mach mich groß

Bei mir drehen sich die meisten Reizwörter (wer keine hat, werfe den ersten Satz!), die mit Reizwäsche so viel gemeinsam haben wie ein Elefant mit Tanzschuhen, um die Themen Erfolg im Beruf, Karriere und gesellschaftskonforme oder -kompatible Lebenszeitgestaltung.

Denn sagen wir es mal so: die meisten westlich formatierten Menschen würden wohl das Leben, das ich lebe, als gescheitert betrachten. Zum Beispiel habe ich damals keinen akademischen Weg Laufbahn eingeschlagen, obwohl ich gekonnt hätte. Ich habe stattdessen mehrere unterschiedliche Berufe gelernt und je ein paar Jahre auf ihnen und in verwandten Gefilden gearbeitet, aber irgendwann hatte ich in allen Jobs – so gut sie auch waren – genug gesehen und zog weiter, statt mich auf etwas zu spezialisieren, mich weiterzubilden und höher zu klettern. Getrieben einzig und immer wieder von der Sehnsucht nach so etwas wie Berufung im Beruf.

Seit fünfundzwanzig Jahren bringe ich mich mit Teilzeitjobs oder als Selbständige durch, wenn auch manchmal eher schlecht als recht, doch war mir Zeit von jeher wichtiger als viel Geld auf dem Konto. Grüne Zweige sehe ich vor allem im Wald. Ich brauche meine Lebenszeit für meine kreativen Projekte, für andere Menschen, für mich, fürs Lesen, fürs Nichtstun und um aufzutanken.

Okay, fragst du dich, schön und gut, aber was hat das alles mit Reizwörtern zu tun? Tja, ich habe es wirklich nicht so mit den allgemein verbreiteten Werten unserer Gesellschaft, viele dieser Wörter wie Erfolg und Tagesstruktur jucken auf meiner Haut, reizen mich. Ich bewerte gewisse Wörter, ihre Inhalte, ihre Bedeutung, wohl einfach anders. Erfolg zum Beispiel ist für mich etwas anderes als für meine Arbeitskolleginnen. Für sie ist Erfolg, wenn ein Stellenloser, der bei uns zur Beratung kommt, einen Praktikumsplatz und später eine neue Arbeitsstelle findet und so wieder eine Tagesstruktur erhält. Fakt ist, dass Leute, die lange arbeitslos sind, es schwerer haben, wieder eine Stelle zu finden. Sie werden weniger gerne angestellt, weil sie oft über längere Zeit keine (staatlich nachvollziehbare) Tagesstruktur mehr gehabt haben. [Sie sind nicht mehr so einfach handzuhaben vielleicht. Verwildert?]

Tagesstruktur. Das ist eins dieser vielen Wörter, die sich einfach so in den deutschen Sprachgebrauch geschlichen haben. Wird jemand arbeitslos, bedauert man ihn nicht in erster Linie für den Lohnausfall, sondern für den Verlust seiner Tagesstruktur. Las ich heute in der Tageszeitung. Und ich glaube, es stimmt, denn viele Stellenlose, die ich am Telefon hatte, jammern darüber, dass ihnen das Dach auf den Kopf falle, wenn sie immer nur zu Hause sitzen müssen. Sie wollen arbeiten gehen, sie fühlen sich wertlos so ganz ohne Arbeit.

Und da, genau da, stößt es mir auf: Kann es denn sein, dass wir Menschen uns a.) derart ausschließlich über unsere Arbeit definieren, die wir außer Haus und gegen Bezahlung verrichten, und b.) nichts mit unserer Zeit anfangen können außer panisch Daumen zu drehen, sobald man uns keine Arbeit in die Hände drückt und dann dieses Tätigkeit als unsere Tagesstruktur definiert?

Gut, als wir noch alle Jägerinnen, Bauern, Schreinerinnen und Bäcker waren, sah es diesbezüglich anders aus. Da wurde das verkauft, getauscht oder gegessen, was unsere Hände kreiert hatten. Unsere Arbeit war unmittelbar nachvollziehbar. Ursache und Wirkung.

Heute ist Arbeit ganz oft eine abstrakte Größe, die in erster Linie unsern Tag strukturiert, in Felder unterteilt, die im Kalender als ganztägige Beschäftigung aufgeführt werden. In zweiter Linie hält die Arbeit unsern Kontostand über Null. Abstrakt, wie gesagt.

Reizwort Tagesstruktur. Besser noch Reizinhalt Tagesstruktur. Es fängt ja schon im Kindergarten an. Die Kinder brauchen Tagesstruktur, später die Angestellten und die Stellensuchenden und im Altersheim gibt’s um vier Uhr Tee und um fünf wird gesungen, nachdem morgens um zehn Gymnastik war und um elf Stricken im Gemeinschaftsraum. Jede Minute wird gefüllt. Bloß keine Lücken!

Ich brauche keine vorgegebene Tagesstruktur!, sagte ich vor Jahren zu meinem Berater auf dem Arbeitsamt, als er mich in ein Programm packen wollte, wo ich eine solche bekommen würde. Noch heute bin ich stolz auf meine Schlagfertigkeit. Obwohl – es war nicht eigentlich eine schlagfertige Antwort, sondern die Wahrheit. Meine Wahrheit.

Ja, ich schaffe mir meine Struktur gerne selbst: Wenn ich kann, wie ich will, schlafe ich viel und arbeite vor allem nachmittags, abends und nachts. Ja, ich arbeite gerne an meinen Projekten, künstlerische oder handwerkliche. Ich arbeite auch gerne an KundInnenaufträgen. Und ich nehme mir Zeit für Pausen. Sie sind die not-wendigen Lücken zwischen den Worten.

Ohnelückewärediesertextziemlichschwerzulesen, darum mache ich jetzt sofort wieder Leerschläge.

[Und jetzt?
Jetzt ist es 17 Uhr.
Feierabend im Büro.
Mittwochabend.
Der Auftakt meines Pfingst-Wochenendes.
Ich Glückspilzin.
Tschüss Büro.]

© für Text und Bild: Sofasophia | 4. Juni 2014

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Appspressionismus: Bild von A-Z auf dem iPhone kreiert.

Hundert Archen werden kommen und uns retten

Die heutige Geschichte von unterwegs hat uns Andreas Glumm zur Verfügung gestellt.

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Hundert Archen werden kommen und uns retten

Spaziergänge mit struppigen Hunden sind eine gesunde Sache, sagt der Doktor, schon wegen der vielen Hundehaare, die man beim Gehen einatmet und die sich weiträumig ums Herz legen und es abfedern.

Lebt man zudem im Bergischen Land, im fiebrigen Wupperdelta, in der Neuen Eisenzeit, wo die Wälder wieder rauschen, dann ist das Herz mehr als gewappnet.

Dann darf man noch viel längere Spaziergänge machen.

Oder, wie mein türkischer Arbeitskollege Erhan vor Jahren zu sagen pflegte, bevor er sich beim Ein-Euro-Job wieder mal in die Kulissen verdrückte: “Erhan jetzt Spazirrgehen bla-bla-bla!” Dann streckte er einem die Zunge raus und war weg für den Rest des Tages.

Sehr gesund.

Spazierengehen.

Ein Wort, das fatalerweise in der Kindheit an die Tugendhaftigkeit verfüttert wurde, an biedere Sonntage mit Oma und Opa. Dabei ist es ein Streunen. Ein wildes Klettern, ein Raufen im Morast! ein Brennen! Ein Erobern von Landschaft! Den Göttern folgen, in ständiger Vorfreude auf den nächsten Schritt!

voran!

*

“Das ist nicht schön!” schnaubt die Gräfin.

Na, da hat sie recht.

Das ist in der Tat nicht schön, wenn man aus der Haustüre tritt und es wabert ein Geruch durch die Luft, als habe der mopsige alte Mann von gegenüber Leberwurstbrötchen gegessen und in der Folge mehrmals kräftig aufgestossen.

“Ich hab überhaupt keine Lust mehr auf Spazierengehen”, jammert sie.

“Ja ich denn?” jammere ich zurück.

“Leberwurst”, denkt der Hund, die Nase hart im Wind.

Ach was! Spaziergang am frühen Abend! Zur besten Sportschau-Zeit im Herbst! Leichter Regen! Ritual! Abenteuer!

Wir drehen eine Runde über die Felder. Es riecht nach Leder und Licht, nach unserer Erde. Nach wenig Schlaf und kess durch die Zellen klimpern. Nach Radfahrern, die von hinten heranflattern, nach Hundekötteln am Wegesrand, dick wie Sonntagsbuchstaben.

Alle drei Meter bleibe ich stehen und notiere etwas. Eine Idee, ein Bild, ein kleiner Satz.

“Was schreibst du denn da andauernd auf?”

“Drei Meter Sätze”, sag ich.

*

Wir biegen in den Wald ein. Der Wald in den Wupperbergen ist eine große dunkle unheimliche Truhe. Man kann dreißig Mal an derselben Stelle abbiegen und glauben, jeden kleinen germanischen Feuerbusch zu kennen, doch biegt man aus Versehen auch nur einen halben Meter zu weit rechts ab, tut sich gleich unbekanntes Terrain auf, die neue, die andere Welt.

Spaziergang.

Ein kleines Blatt, das AUGENSCHEINLICH keine Lust hat, zu Boden zu fallen, steht mitten in der Luft. Regungslos. “Ich bin ein Wunder”, säuselt es wie angetrunken und schwebt auf uns zu, tänzelt wie am unsichtbaren Faden. Den Trick offenbart das Gegenlicht: das kleine Blatt ist tot vom Baum gefallen und hat sich in einem Spinnennetz verfangen, das quer über den Weg gezimmert wurde, in Kopfhöhe.

“Dass der Tod so schön sein kann, so leicht”, murmelt die Gräfin.

Jäh reißt ein Windstoß das Blatt fort; wie eine Sternschnuppe saust es um mich herum und kracht mir mitten auf die Stirn, samt Spinnennetz. Die Gräfin lacht frei heraus. Es sind kleine LSD-Tränen.

Sie steht da wie das Sterntalermädchen.

*

Wir alle sind nur da Mensch, wo wir uns fallen lassen können, ohne wenn und aber, keine Stützräder und keine Fixseil, wo wir ohne Angst in den Augenblick hineinrauschen.

Geschlagene anderthalb Stunden sind wir auf dem alten Postweg unterwegs. Andauernd bleibt einer stehen, um sich etwas anzugucken, der andere schliesst auf und schaut es sich auch an. Wir kreisen wie Satelliten um die eigene Geschichte.

“Das ist kein Gehen, das ist relativ flottes Stehen”, übernehme ich die Deutungshoheit.

Wir verlassen den Andromedanebel der gesicherten Pfade und kraxeln die Wupperberge rauf und runter, der Hund begeistert voran. Das ist sein Metier. Unterwegs in unwegsamen Gelände, die Nase am Boden, ein Trüffelschwein.

“Molli riecht wie meine alte Blockflöte”, schnupperte die Gräfin am Fell des Hundes, “wenn das Mundstück nass war, voller Speichel.”

*

Erinnerungen an die Kindheit waren unsere Morgengabe, vom ersten Moment an. Wenn man sich kennenlernt, spürt man instinktiv, ob der andere ähnlich aufgewachsen ist. Ob man in etwa das gleiche braucht im Leben. Als wir uns kennenlernten, war da als erstes dieses Muttermal über ihrer Oberlippe, diese Schokoperle. Ich hatte ein Grübchen, in dem ein Muttermal Platz hatte. Das ging in Ordnung. Das passte.

Es konnte losgehen.

*

Als Frau Moll noch klein war, gerade dem Welpenalter entwachsen, räuberte sie oft mit Spikey, einem Rüpel von einem Schäferhundrüden aus der Nachbarschaft. Die Nahkämpfe der Beiden endeten oft mit Zahnfleischbluten und ausgerupften Fellbüscheln, sie knallten mit den Rippen aneinander, dass es nur so schepperte, unter Einsatz des ganzen schnaubenden Hundekörpers.

Doch Frau Moll ist nicht mehr so beweglich, sie knickt schon mal mit den Hinterläufen ein, gerät ins Stolpern.

“Unsere alte Oma”, ruft die Gräfin verliebt.

*

Der Wald, ein Körbchen voll schräger Geräusche. Eicheln gehen zu Boden, Kastanien klackern. Eine Krähe kräht im Fliegen mit ihrem Kumpan um die Wette.

“Krah-krah!”

“Wenn man im Herbst vorüberfliegende Krähen hört, ist man innerhalb Sekunden im Mittelalter”, meint sie. “Dieser Herbst ist uralt.”

“Bronzezeit”, schätze ich.

Wir stöbern in Schonungen, entdecken einen verwunschenen, illegalen Grillplatz, wir rücken dem Wald tiefer auf die Pelle: über den alten Postweg, wo uns alle anderthalb Meter ein frischer Kuhfladen auflauert.

“Wie zum Teufel kommen Kühe in den Wald?”

“Zu Fuß”, vermute ich. “Die grillen hier. Das ist ein uralter Grillplatz der Kühe.”

Auf Laub geht man weich, wie auf frischen Leichen.

*

Ich kann nicht anders. Mir entfährt ein “kleil!”, weil sich mein Sprachzentrum auf die Schnelle nicht entscheiden kann zwischen “Klasse!” und “Geil!”, als die Gräfin sich die rote Lederleine von Frau Moll um die Hüfte wickelt, drapiert mit okkergelbem Laub tanzt sie die Herbst-Domina, im Napoleonmantel.

KLEIL!

Die Gräfin, ein seltsames, ein seltenes Arrangement von Frau.

Wie lange noch.

Nasses Laub glimmt tief im Forst, abseits der Pfade, der Hund buddelt im Erdreich, im Windschatten unserer Worte.

Die Gräfin nimmt sich vor, in Zukunft nicht mehr so viel und sorglos zu plappern, (“ach du Schande!” rufe ich aus, “mein armes Notizbuch!”), sondern ihre Gedanken lieber ins Nichts rascheln zu lassen, “dann bin ich glücklich.”

“Na schön”, sag ich. “Dann lauere ich mit dem Notizbuch künftig im Nichts.”

Geht in Ordnung. Auch gut.

*

Entlang der Bahngleise. Im Schotter nach Gegenständen fahnden, die Leute aus dem Regionalzug werfen, der alle zwanzig Minuten zwischen Solingen, Wuppertal, Remscheid verkehrt:

3 mumifizierte dunkle Rosen im Gleisbett.

“Eine Rose ist noch ein bisschen schön”, sagt die Gräfin, und legt sie zurück. “Vielleicht ist hier mal jemand tödlich verunglückt. Was meinst du? Vielleicht ist das eine Kultstätte.”

“Kann sein.”

Es kann vieles sein. Und es ist auch viel. Gewesen, vor allem. Vergangenheit überall. Solange der Mensch lebt, produziert er Vergangenheit. Und je mehr Menschen auf der Erde leben, desto mehr Vergangenheit ist in der Welt. Es ist eine mächtige Überproduktion. Man weiss nicht mehr wohin mit all der Vergangenheit. Große Deponien bedecken schon den Kontinent: VERGANGENHEIT! Ein Maximum an FRÜHER, wohin man auch den Blick wirft.

(Weil wir die Zukunft nicht kennen, multiplizieren wir einfach unsere Vergangenheit und glauben, hundert Archen werden kommen und uns retten.

Ja sicher.)

*

Ein warmer Herbstschauer pixelt vorübergehend die Gegenwart. Die Haut. Es regnet – Bindfäden?

“Wieso Bindfäden? Nein, es regnet – Bleistifte! Graphit!” ruft sie.

Und mutmaßt sofort: “Oder meinst du, der liebe Gott gurgelt? Es riecht sogar ein bißchen nach Odol.” Sie schnuppert an ihrem Ärmel. “Hier. Riech mal.”

“Leberwurst?” frag ich vorsichtig, weil ich nicht gut rieche.

“Odol! Blödmann!”

*

Pferdegetrappel in der Ferne, ein Streifen Sonne fegt heiß über unsere Köpfe, als ur-plötzliches Bügeleisen.

“Wo kommt denn die Sonne auf einmal her..?”

Ist schon wieder verschwunden.

“War nur ne Bügelvisite.”

*

Plötzlich Kuddelmuddel in der Luft. Zwei Vogelschwärme geraten aneinander, kurzfristiges Aufbrausen, denn genauso schnell wie es begonnen hat, wird die Kollision für beendet erklärt, und jeder fliegt wieder seines Luftraums.

Der Waldweg verläuft eine Weile schnurgerade, ist sogar mit Kopfstein gepflastert. Ein Biker kommt uns entgegen, mit Stirnlampe und Leuchtdioden an den Knöcheln. Fesch und sportiv rumpelt er übers Pflaster, doch als wir auf gleicher Höhe sind und grüßen, stösst er nur ein klägliches “Moin..!” aus, wie ein defektes Hodenkehlchen.

“Schätze, sein Skrotum ist angegriffen von allerhand Überlandfahrten”, so die Gräfin.

Dann doch lieber Spaziergang. Ein tugendhaftes, zutiefst biederes Wort, in der Kindheit an langeweilige Sonntage verfüttert. Dabei ist es ein Streunen. Ein Klettern und ein Raufen im Morast! Den Göttern folgen, in ständiger Vorfreude auf den nächsten Schritt! weiter!

voran!

Da taucht eine Buche vor uns auf. Präsentiert längst vergangene Botschaften, eingeritzt ins Holz. ONLY TO MY LADY-FRIEND.

Erstaunliche Daten: 23. 3. 1976. MARCH 1966. 22. 3. 1946. (!)

“..BELLA.. EYE OF MY..”

Manche Zeichen sind tief in die Baumrinde gesunken, lassen sich kaum noch entziffern, anderes wirkt wie gestern erst eingeritzt. Es ist diese plötzliche Präsenz, die verblüfft, die Wiederentdeckung eines Evergreens.

Selbst die Sonne sucht sich ein Loch in den Wolken und schaut uns zu.

MARCH 1946. HENRY U. BELLA. (Ich folge einem Pfeil zur anderen Seite des Stamms..) HENRY AND BELLA IN THE WOOS TONIGHT! Es wurde ein D vergessen im August 1946, IN THE WOODS TONIGHT. War es ein Soldat der Alliierten, der sich am bergischen Frollein (Bea) bediente?

“Hallooo.. ihr Zweiiiii!” hallt es durch die Wupperberge, eine erregte Walddurchsage der Gräfin, die bereits den Hang hoch ist. Ich blicke den Hund an, der Hund bellt mich an: nichts wie hinterher!

Feuerahorn raschelt unter unseren Füßen und Pfoten.

Der Herbst ist die einzige Jahreszeit, wo es im Wald brennt, aber niemand muss löschen, hatte sie am Morgen gemeint, als wir loszogen. Der Herbst ist der Feuerläufer.

Die Sache ist geritzt.

© für Texte & Bilder bei Andreas Glumm | 2014