Parallelen

Gestern hat Irgendlink (hier) bloggenderweise über Paralleluniversen nachgedacht. Ein Thema, das mich auch immer mal wieder streift, mit dem ich hin und wieder gerne flirte. Ich weiß echt nicht so recht, was ich darüber denken soll.

Ich mag den Gedanken, dass ein anderes Wesen, das auch ich bin, oder so ähnlich irgendwie, Seiten von mir lebt, die ich hier auf diese Weise nicht lebe, nicht leben kann. Weil ich zu wenig Zeit habe zum Beispiel oder zu wenig Energie. Womöglich gibt es da ein paar andere Ichs, die auch ich bin (ähm, oder sind?), die viel mutiger, böser, frecher, braver sind als das Ich, das ich hier bin. Wenn oder falls es denn Paralleluniversen gäbe.

Zuweilen überlege ich mir, ob ich in einem Paralleluniversum wohl Bestsellerschundromaneautorin wäre und in einem andern Philosophie- oder Literaturprofessorin? Und manchmal stelle ich mir vor, dass wir unsere Auch-Ichs in unsern Träumen besuchen oder beobachten. Und ich frage mich, ob es unsere Auch-Ichs sind, die unsere Wünsche mitbringen in dieses Ich-Leben hier. Und wie steht es wohl mit unseren Sehnsüchten? Womöglich sind sie auch die, die unseren Hunger nach Mehr und damit unsere latente Unzufriedenheit kreieren.

Erklärungsansätze der etwas anderen Art.

Psychologisch betrachtet ist das Glauben an Paralleluniversen vielleicht ein Krankheitsbild. Flucht vor der Wirklichkeit. Ob Internet ebenfalls eine Art Paralleluniversum ist, oder mein Blog? Alle meine Avatare und Pseudonyme da und dort.

Egal.

Ich kann, zumindest wenn ich wach bin, nur dieses eine Leben leben. Oh, das klingt ja furchtbar moralisch.

Macht nichts, tröste ich mich, eins meiner Auch-Ichs hält bestimmt einen besseren Schlusssatz bereit. Vielleicht bloggt es sogar auch gerade jetzt – falls es woanders auch Blogs gibt.

Nun denn, ihr da draußen, ihr meine Auch-Ichs und alle andern … den Schlusssatz müsst ihr euch heute selbst ausdenken.

So und nicht anders. Jetzt.

Manche Geschichten, glaube ich, wollen einfach erzählt werden. Sollen. Müssen sogar.
Anders gesagt: Warum habe ich den Nelken- und nicht den Buchenweg genommen?
Warum so und nicht so?
Wäre ich, hätte ich nicht.
Wäre ich nicht, hätte ich.

Sie steht hinter ihrem kleinen quietschgrünen Kleinwagen und versucht mit der rechten Hand den Kofferraum zu öffnen. Mit der linken hält sie sich am Auto fest. Ihr Stand ist wackelig, dennoch zögere ich kurz, doch schon mache ich – fast reflexartig – ein paar Schritte auf sie zu. Ich spreche sie  an, um sie nicht zu erschrecken, bevor ich ihr beim Öffnen des Kofferraums helfe. Ein Klapprollator liegt darin. Wir ziehen ihn gemeinsam heraus. Sie sagt mir, wie es am besten geht. An den Rädern, nämlich, sie lege ihn immer so hin, damit sie ihn gut einhändig herausziehen könne. Leichtes Teil. Was es nicht alles gibt!, denke ich und klappe das Teil vor ihr auf. Sie nimmt meine Handreichung dankbar an, obwohl sie alles selbst kann.

Den habe ich im Internet bestellt. Zuerst habe ich alle miteinander verglichen, sagt sie nun. Lächelt schelmisch. Ich habe alle Daten runtergeladen. Das war der leichteste und er ist mit diesen großen Rädern auch geländegängig.

Damit können Sie sogar über holprige Wege wandern, sage ich. Sie lacht weise und nickt. Ihr Wangen sind von der Anstrengung gerötet. Mit ihren weißen Locken und der roten Jacke wirkt sie wie eine liebe Großmutter aus dem Bilderbuch. Eine moderne Großmutter. Keine Spur von Senilität. Wach. Herzlich. Lebendig ist sie. Und lebensfroh. Ich frage, ob ich den Kofferraum schließen soll.

Ja gerne, und ich muss noch zur Beifahrerseite, die Einkäufe rausholen. Ich trete einen Schritt zurück, um sie an mir vorbei zu lassen, doch schließlich biete ich ihr an, die Einkäufe auf den Rollator zu stellen. Warum eigentlich nicht gleich hineintragen? Sie sucht den Schlüssel in der Jackentasche und sagt: Ja gerne. Es ist kein Bitten und keine Peinlichkeit in ihrer Stimme. Sie nimmt einfach ein Geschenk an, weil sie merkt, dass ich das gerne mache und weil sie weiß, dass sie es auch selbst kann. Mir gefällt das.

Ich trage die beiden Taschen ins Haus und stelle sie in den Flur. Als hätte ich das schon immer gemacht. Oder jedenfalls schon oft.
Sie haben eine Katze?, frage ich. Katzenfutter liegt oben auf dem Einkaufskorb. Zwei sogar. Und wie auf Stichwort kommt ein riesiger, rot-weißer Moudi, ein zehnjähriger Kater, aus dem Haus. Er kommt sofort auf mich zu, lässt sich liebkosen, umkreist mich eins ums andere Mal.

Wir plaudern über Katzen und über das Älterwerden. Ob sie eine Hüftoperation gehabt habe, frage ich. Gestürzt sei sie, im Garten. und die Ärzte hätten sie aufgegeben.
Ein riesiger Gehirntumor, sagt sie und zeigt auf ihre Stirne. Hier. Das kann man nicht operieren. Ich bekam also einfach nur Chemo und Bestrahlungen. Ein Arzt meinte, ich werde nie wieder gehen können und für immer ein Pflegefall bleiben, selbst wenn der Tumor nicht mehr wachsen werde. Aber mein Schwiegersohn der hatte Beziehungen. Er ist Dr. bio-chem und der hat dann einfach nicht aufgehört zu forschen und so habe ich ein Medikament zusätzlich zur Bestrahlung bekommen. Und auf einmal war der Tumor weg. Und nun trainiere ich. Ich kann alles wieder alleine machen. Ich gebe einfach nicht auf.

Kurz habe sie im Pflegeheim in unserm Dorf gelebt, das ich immer mal wieder von außen betrachte und über all die Geschichten nachdenke, die darin wohnen. Ein Heim und seine Menschen mit ihren Geschichten.

Wir verabschieden uns herzlich, nennen zuvor aber noch unsere Namen, sagen: Auf ein ander Mal! und mein Herz ist froh und dankbar, als ich heimwärts bummle.

Neue Bilder braucht die Welt

Gleich vorweg: Ja, ich betrachte mich als emanzipierte Frau, was nach Wikipedia eine Frau ist, die aus der väterlichen Gewalt entlassen worden ist. Wäre ich je eine Sklavin gewesen, wäre ich (sagt ebenfalls Wiki) emanzipierterweise eine freigelassene Sklavin. [Nun ja, über die väterliche Gewalt – oder auch über die mütterliche – diskutieren wir vielleicht ein andermal.] Heute liegt mir jedoch ein anderer Schwerpunkt auf dem Herzen.

Emanzipation ist für viele – Männer wie Frauen – längst ein Reizwort, ausgelutscht und unattraktiv, sexy schon gar, und wird oft mit einer männerfeindlichen und radikalen Ablehnung klassischer Rollenbilder à la Frauen zurück an den Herd, Frauen sind Mütter, Frauen als Dienende gleichgesetzt. Nach Wortbedeutung (siehe oben) und auch in meinem Verständnis, meint Emanzipation aber, dass der emanzipierte Mensch – Frau oder Mann – in seinem Denken und Handeln unabhängig von der Macht anderer ist. Dass dieser Mensch eigenständig, aus freiem Willen und ohne Hörigkeiten von Eltern oder Partner für sich entscheidet, was er tut. Und dass dieser Mensch die Konsequenzen seines Tuns auch selbst trägt. So weit einverstanden?

Vor diesem Hintergrund also ein paar Gedanken über den Wert unserer täglichen Arbeit …

  • Viele von uns gehen täglich wohin, wo sie für Geld eine bestimmte Arbeit tun. Idealerweise eine, die sie mögen. Dann sind sie ein bisschen glücklicher, als jene, die für Geld Dinge tun, die sie nicht mögen.
  • Viele von uns sind Freischaffende, die teils zu Hause und teils bei ihren Kundinnen und Kunden für Geld eine bestimmte Arbeit tun – oft sogar eine, die sie besonders gut können und mögen.
  • Viele von uns sind alleinerziehende Frauen oder Männer, die ihre Arbeitszeit zu Hause und außerhalb leisten und so, mit der Betreuung ihrer Kinder, des Haushaltes und eines Jobs für Geld quasi rund um die Uhr arbeiten. (Nachtrag. Über diese Menschengruppe folgt ein zweiter Artikel in den nächsten Tagen.)
  • Viele von uns sind Frauen oder Männer, die ihre ganze oder Teile ihrer Arbeitszeit zu Hause leisten, mit der Betreuung ihrer Kinder und ihres Haushaltes.

Hast du es gemerkt: Im letzten Satz fehlt der Hinweis für Geld.

Und Geld, ihr wisst es alle, ist die Währung in der wir unseren Wert definieren und mit dem wir unseren Status finanzieren. Mein Haus, mein Auto, mein Boot. (Sorry, das war jetzt ironisch gemeint …)

Die Konsequenzen unbezahlter Familienarbeit liegen auf der Hand: Diese Arbeit ist gesellschaftlich betrachtet jene mit dem tiefsten Status.
Ach, du arbeitest nichts?, ist noch eine der harmlosesten Bemerkungen, die nette Zeitgenossen für Nur-Hausfrauen und -männer übrig haben. Hand hoch: Wer von euch (von denen, die keine Kinder haben) hat das noch nie gesagt, gedacht oder gefühlt?

Kein Wunder also, wenn sich viele Familienfrauen und -männer minderwertig fühlen. Und das oft sogar auf zwei Ebenen: Das eine ist, dass sie die Arbeit, die sie täglich tun, nicht wirklich von Berufs wegen gewählt haben oder hätten.
Das zweite nenne ich eine Art Scham. Eine Scham, die es vermutlich erst so in den letzten dreißig Jahren entstanden ist. Heute ist nicht die Frau, die arbeiten geht die Böse Mutter, sondern jene, die daheim bei den Kindern bleibt. Der arme Mann muss alles alleine stemmen, wird da schon mal gemunkelt. Von netten Frauen ebenso wie von andern Männern.

Die Frau daheim arbeitet derweil schließlich nichts. Sie sitzt nur rum, malt sich die Nägel an und geht jeden Tag zur Kosmetikerin. So will es das Klischee.

Wir alle, ob wir es nun schon am eigenen Leib erfahren haben oder nicht, wir alle wissen, dass es nicht so ist, sondern dass die Familienfrau/der Familienmann verdammt viel schuftet und im Grunde nie Feierabend hat. Dennoch lässt sich der tiefe Status der Familienfrau und des Familienmannes nur schwer mit dem wirklichen Wert dieser Arbeit in Verbindung bringen.

Solange eine Gesellschaft diese unbezahlten und unbezahlbaren Aufgaben nicht mehr wertschätzt, wird sie sich nicht gesund entwickeln können, behaupte ich. Wenn alle nur noch Fast- und Convenience Food aus der Mikrowelle kaufen und essen, weil sie sich schämen, für ihre Kinder, für ihre Partnerin, für ihren Partner etwas Gesundes zu kochen (kochen zu können), wie sollen da Kinder lernen, was Wertschätzung für gesunde Ernährung, für liebevoll zubereitetes nährendes Essen bedeutet? Wo sollen Kinder Werte wie Verlässlichkeit und Geborgenheit kennenlernen und erleben, wenn beide Eltern immer nur am Arbeiten außer Haus sind? Wer, wenn nicht pirmär einmal Mutter und Vater, soll den Kindern denn zeigen, was Leben heißt? Die Aufgabe (und das sage ich jetzt als wirklich-wirklich emanzipierte Frau!), die Aufgabe, die eine Familienfrau oder ein Familienmann tagtäglich für das Wohlergehen seiner kleinen aber gesellschaftlich für die Gegenwart und Zukunft relevanten Zelle tut, ist im Grunde die wichtigste und am meisten unterschätzte Arbeit auf der Welt. Diese Menschen, Mütter und Väter, formen immerhin die Gesellschaft der Zukunft!

Es macht mich immer wieder verdammt wütend, dass diese Aufgaben gesellschaftlich nicht anerkannt und mit einer Art Familienrente oder einem Bedingungslosen Grundeinkommen honoriert werden und diesen Tatsachen, dass sie eben nicht finanziell entschädigt werden, verdanken sie ihren tiefen Status – was für ein kranker Teufelskreis. Aber so läuft das leider in einer Gesellschaft, in der Aufgaben und Werte primär mit Geld aufgewogen werden. Bringen wir doch mit unserer Haltung den Menschen, die diese so wertvolle Arbeiten tun, ab sofort mehr Wertschätzung entgegenbringen. Bedingungslos.

Change dolls
Change dolls

Eine emanzipierte, unabhängig denkende Frau oder ein emanzipierter, unabhängig denkender Mann kann sich bewusst dafür entscheiden, nicht in der Berufswelt draußen Karriere zu machen, sondern zu Hause an der Welt der Zukunft mitzubauen, in dem sie/er ihren/seinen Kindern gibt, was nur Eltern so ihren Kindern geben können: Liebe. Boden unter den Füßen, Geborgenheit, Anerkennung. Und vieles mehr.
Neue Frauenbilder braucht die Welt. Und neue Männerbilder auch.

Dazu fällt mir ein feines Schlusswort ein. Etwa zum optischen Frauenbild, das ebenfalls erneuerungsbedürftig ist: Neue Puppen braucht die Kinderwelt nämlich auch, und zwar solche, die wieder wie richtige Kinder aussehen dürfen.
treechangedolls.tumblr.com

[Ein Teil 2 über alleinerziehende Mütter und Väter folgt demnächst]

Die Zeit, das Leben und ich

Unter der Dusche ein Gedankenblitz: mich als Kind, wie ich immer dachte: Wartet nur, wenn ich endlich groß bin, kann ich machen, was ich will. Ein großer Gedanke war das. Einer, der bald mein Kehrreim war, je älter ich wurde und je öfter mein Dürfen-was-ich-will eingeschränkt wurde von Verboten, von Geboten, von elterlicher Neugierde. Doch statt zu erzählen, was ich vorhatte, erfand ich immer öfter Halbwahrheiten. Von meinem ersten Freund zum Beispiel wussten meine Eltern nichts. Ich gehe mit meiner Freundin in die Stadt!, sagte ich vielleicht, wenn ich ihn am Mittwochnachmittag besuchen wollte. Oder Wir haben eine Klassenfête, wenn ich ihn am Samstagabend treffen wollte. So richtig kontrollieren konnten sie mich ja nicht. So ohne Handy wie ich damals war. Ich und wir alle. Von Handys träumten damals höchstens ein paar Visionäre und verrückte Spinner. Wir nicht. Auch nicht von Internet und von Facebook und Konsorten. Noch nicht mal von Karriere träumten wir. Damals war noch vielmehr möglich, es würde dann schon irgendwie werden. Und irgendwas kommen. Obwohl – so richtig an alle Möglichkeiten glaubte ich schon damals nicht. Und schüchtern war ich auch. Bin es noch immer. Oft jedenfalls. Aber ich würde ja bald einmal groß sein und dann konnte ich endlich tun, was ich wollte. Und ich würde es ihnen zeigen, den Erwachsenen. Ja, dieses Erwachsensein schien mir das Maß aller Dinge. Wenn ich dann endlich die Schule und die Ausbildung abgeschlossen haben würde. Ja, wenn ich dann endlich …

Meine Erwachsenen sagten immer: Genieße das Kindsein, solange du noch kannst. Bitterkeit schwang leise mit und manchmal auch eine leise Drohung. Was ich nie verstand, denn Erwachsensein war doch das Ziel …?

Unter der Dusche also, heute Morgen nun, auf einmal dieses Paradoxon mit allen Fasern spürend:
Das Kind will groß und frei sein zu tun und zu lassen, was immer es will. Die/der Erwachsene sehnt sich nach der Narrenfreiheit ihrer/seiner Kindheit.

Ich jedenfalls tue es. Oft. Ich will das Kind-in-mir nicht verlieren. Nie.

Und doch … manchmal nerve ich mich, ganz ehrlich, über diese Neue Infantilität, die ich ganz oft in unserer Gesellschaft spüre. In meiner Generation und in der nächsten, nachwachsenden. Ob es dafür wohl psychologische Bezeichnungen gibt? Und eine pathologische Diagnose? Oder ist es einfach bloß eine Zeitgeist-Erscheinung?

Viele Erwachsene sind nie wirklich erwachsen geworden. Versteht mich richtig: ich meine nicht jenes Erwachsensein, das sich an Krawatte oder Deuxpièces messen lässt; nicht Anzug und nicht Highheels meine ich. Ich meine innere Reife, inneres Wachstum, wachsende Weisheit. Es geht mir um das Abstreifen jener kindischen Weltsicht, die glaubt, dass ich der Mittelpunkt der Welt bin und sich alles um mich dreht; in der negativen Form, dass ich an allem Schuld bin, sowohl am Streit meiner Eltern als auch am Erdbeben in Südafrika und sogar an Frau Meiers Sturz auf dem Glatteis.

Ich wünsche mir für uns ein Erwachsensein und ein Erwachsenwerden im Sinne eines erweiterten Blicks auf die Welt. Auf das Geschehen in ihr. Auf die gesellschaftlichen Entwicklungen. Erwachsensein im Sinne von Mitverantwortung tragen und von Mitgefühl empfinden.

Die Zeit und ich
Die Zeit und ich

Sogar das Kind-in-mir kann das, denn von Kindern – den inneren, den eigenen und fremden – können wir viel lernen. Ich werde es mir nicht nehmen lassen, auch in Zukunft quer über matschige Felder oder durchs Unterholz zu streifen und wann immer möglich lieber Umwege statt direkte Wege zu nehmen (es sei denn, eines Tages versagen meine Beine mir diesen Dienst).

Und ich will mir auch bis ans Ende meiner Tage meine Meinung selbst bilden und sie sagen, wenn ich es für angebracht halte. Ich will dem Kind-in-mir Raum geben für Übermut, für Luftsprünge, für Tränen, für Wut, für Empörung. Kinder können all diese Emotionen oft viel besser und viel unmittelbarer ausdrücken und loswerden. Ich will, dass das Kind-in-mir und die Große, die ich auch bin und immer mehr werde, Freundinnen sind. Sich gegenseitig unterstützen. Miteinander statt gegeneinander unterwegs sind.

Und ich will bis ans Ende meiner Tage mit Gedanken, mit Worten, mit Metaphern und Bildern jonglieren, spinnen, weben, leben. Erwachsen und kindlich, verspielt und weise will ich sein.

Bin ich. Werde ich.

Der Apfel, du und ich

ApfelIch bin. Du bist. Warum auch immer. Oder vielleicht, weil einzig ich tun kann, was nur ich tun kann. Und einzig du kannst tun, was nur du tun kannst. Mithilfe des in dir installierten Betriebssystems sozsagen.

Ich sehe es so, dass unsere Aufgabe in uns angelegt ist. Ebenso wie in einer Blume. Oder wie in einem Apfelbaum, dessen Aufgabe es ist, zu wachsen und eines Tages Äpfel zu tragen.

Ich muss deine Aufgabe nicht kennen, nur wissen, dass du wächst, weil es in deiner Natur liegt. Und ich weiß auch, dass du so wichtig bist wie alle andern. Ich auch. Und dass wir, wie alle andern, dennoch nur ein Pünktchen auf dieser Welt, in dieser Zeit sind. Vielleicht sind wir Doppelpunkte für die, die nach uns kommen? Wer weißt das schon.

Größe und Nichtigkeit schließen sich für mich nicht aus. Sie helfen uns dabei, uns in einer angemessenen Relation im großen Ganzen zu sehen und zu verstehen – oder auch nicht. Es geht darum, uns nicht zu wichtig zu nehmen aber wichtig genug. Verrückt eigentlich, dass wir, die wir Menschen, die wir schon so vieles erforscht und verstanden und erkannt haben, noch immer das Meiste nicht verstehen. Nicht im mindesten, wage ich sogar zu behaupten. Wir alle kratzen nur an der Oberfläche. Da wo der Schmerz, der menschliche Schmerz liegt. Da, wo das Herz klopft und das Blut fließt. Da wo wir materiell sind, körperlich. Da kratzen wir und da trauern wir und da leben wir. Und da hoffen und lieben wir.

Ich ahne, dass alles viel größer und unbegreiflicher ist, und dass das hier, das sogenannte Leben, möglicherweise nur eine Art Versuch oder Vorbereitung darauf ist, uns dem große Geheimnis des wirklichen Lebens anzunähern. In diesem großen Geheimnis drin (nein, ich werde es nicht göttlich und nicht Gott oder Göttin nennen) schläft und wacht die Liebe. Das ist ihr Raum, ein Raum allerdings, der durch nichts begrenzt ist.

Das mag jetzt alles womöglich ziemlich abgehoben klingen. Egal. Ich sehe und spüre dies alles ganz losgelöst von religiösen Dogmen, größer und ganzer. Ganz im Sinne von unbeschädigt und für immer unkaputtbar. Ohne Löcher. Wie eine unzerstörbare Atmosphäre. Wie Luft, die nicht verschmutzbar ist. Es ist all das, was zwischen allen Zeilen Platz hat. Und noch viel mehr. Es ist größer als alle Zerstörung und aller Hass, größer und heiler als aller Schmerz und jede Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Tiefer als jede Schlaflosigkeit und weiter als jede Sehnsucht.

Ich suche in mir nach Worten, stoße an Grenzen, stelle fest, wie wenig ich ausdrücken kann, was ich ahne, wahrnehme und erlebe, in mir trage. Tief in mir drin, wo ich kaum hinkomme. In den Räumen, die ich gut hüte vor jenen, die spotten und nicht verstehen können. Vor den Zynikerinnen und Hasspredigern. Vor den Menschen, die sich mit Oberflächen zufrieden geben. Und ich gestehe: ich lasse das, was ich ahne, meistens innen vor – nein, nicht außen vor –, weil es sehr anstrengend ist, mit diesen Ahnungen zu leben.

Was genau es ist? Ich weiß es nicht. Vielleicht schlicht und einfach meine einzig wirkliche Wirklichkeit. Und dahinter, wenn es denn ein Dahinter gibt – eher wohl ist es wohl ein Darin? –, da gibt es die Wahrheit über den Tod und das Leben. Eine Ahnung wie eine Art Traumerinnerung. Paradies würde ich es nicht nennen, nein, bestenfalls ein anderes Paradies, anders als jenes, das uns Bibel, Koran und Co. beschreiben, denn mein geahntes Paradies ist nicht als Trost gedacht und ist weder Pokal noch Lohn für ein gescheitertes oder zerstörtes Leben. Nichts was sich verdienen ließe. Es ist das Leben an sich. Das, was Leben wirklich ist.

Ich sehe das alles heute aus einer andere Art Perspektive als bis anhin. Wie oft habe ich das Leben kaum ausgehalten. Ich spreche hier nicht explizit von persönlichem Leid. Mehr noch erschütterte und erschüttert mich immer wieder das Leid, das Unschuldigen angetan wird. Am allermeisten das Leid von Kindern und von jenen Menschen, die stellvertretend für Ängste oder im Zusammenhang mit von Menschen gemachten Dogmen gequält, gefoltert, ausgepeitscht werden. Krieg, Verfolgung, Naturkatastrophen, Hunger, Korruption, Machtmissbrauch, Gewalt, sexuellen Übergriffen … und ja, auch seelische Grenzüberschreitungen haben viele Gesichter. Wenn ich das alles aufzähle, verschwindet dieses Ahnen um das große Ganze, das ich oben beschrieben habe, beinahe; es wird blass und zieht sich zurück. Allerdings, und das ist der alles entscheidende Punkt, es zieht sich nur aus meinem Blickfeld zurück. Es bleibt da. Es ist stärker. Es durchdringt alles und verbindet alle und alles mit allem. Unabhängig von mir und meinem Blick und meiner Wahrnehmung. Glaube ich. Ahne ich.

Da wo einst keine Hoffnung mehr in mir war, ist wieder Hoffnung entstanden. Vielleicht darauf, dass das hier – gemeinhin Leben genannt – wie gesagt, nur eine Art Vorspann ist. Oder ist das alles nur eine Art tröstliche Illusion, die ich mir geschustert habe, um leben zu können? Und wenn?

Die Liebe, diese Hauptenergie meines Ahnens, ist auf alle Fälle real. Vielleicht die einzige Realität überhaupt. Größer als jeder Hass ist sie. Und als jede Wut und sogar als jede Trauer.

„Zu“ ist doof.

Seit ich bei Twitter bin, habe ich einen neuen Weg entdeckt, Dinge auf die lange Bank zu schieben. Ich lese Twitter, wie ich einen Roman lese. Ich lese in den Gedanken der Menschen, in den geschönten, in den ungeschönten. Oft in traurigen, verzweifelten, manchmal sehr komisches, dann wieder zynisches, groteskes; Philosophisches und Wortspielereien auch. Ich mag es. Aber es ist anstrengend, denn mein Problem ist, dass ich hinter jedem Wort den Menschen spüre, der es geschrieben hat. Und dann will ich natürlich, dass es ihm oder ihr gut geht. Dann will ich aber auch wissen, wie es mit ihr oder ihm weitergeht. Ich mische mich lesend in viele Leben ein, nicht aktiv zwar, aber als Voyeurin.

Voyeurin | pic by 1.000.000 pictures
Voyeurin | pic by 1.000.000 pictures

Will ich das wirklich und ist das womöglich eine Flucht aus oder zumindest eine Ablenkung vor dem eigenen Leben? Mein nächstes Problem ist, dass ich (fast) alles und (fast) alle ernst nehme. Dass ich nicht „nicht betroffen“ sein kann, wenn ich etwas lese. Dass ich nicht „keine Meinung“ haben kann. Und dann dieser Traum heute Nacht.

Meine neue Arbeitsstelle. Eine Art Flüchtlingszentrum. Ein Mix aus Europa und Afrika. Wir Angestellten hatten ein Großraumbüro in einer alten zugigen Lagerhalle. Unsere Schreibtische standen zu einem Labyrinth aufgestellt und wirkten allesamt improvisiert, ziemlich versifft und waren staubig. Auf einer Seite der Halle war eine Fensterfront, der Raum war ansonsten eher dunkel und mit Neonlicht erleuchtet. Eine Art Tresen im Bereich der Türe war die Rezeption, ansonsten alles offen. Keine Schutzräume, keine Türen außer der Eingangstüre.

Unser Team bestand aus einer extrem enthusiastischen Chefin (die ich in echt nicht kannte) und aus ein paar ArbeitskollegInnen von früheren Arbeitsstellen. Wir fingen alle zusammen an, eröffneten das Zentrum. Ich saß am Schreibtisch vor meinem Laptop und wusste nicht so genau, was ich sollte. Woraus meine Arbeit bestand. Im Team waren L. und R., meine unliebste und meine liebste Arbeitskollegin bei meiner letzten Stelle. Sozialarbeiterinnen. Sie waren dort wegrationalisiert worden und hier gelandet.

In der nächsten Szene gingen wir durch Slums, die von der Architektur definitiv in der Schweiz waren (ich tippe mal auf Bern), wir waren umgeben von schwarz- und braunhäutigen Kindern, die noch kaum Schweizerdeutsch konnten. Wir redeten mit ihnen, sie mit uns. Keine Ahnung, was der Sinn dieser Gespräche war. Es war berührend und beklemmend zugleich.

Zurück im Büro. Die Chefin ist tot. Ich weiß nicht mehr genau, ob wir sie gefunden haben oder jemand anders. Auch war es offenbar nicht der erste Mord in unserm Umfeld. Was tun? Wir müssen uns neu organisieren, damit der Betrieb weiterlaufen kann, sagte L.. R. schlug vor, dass L. vorläufig den Laden leiten könnte. Seltsamerweise war L. in diesem Umfeld viel freundlicher als ich sie an meiner letzten Arbeitsstelle erlebt hatte. Sie war echter und ohne dieses giftige Misstrauen, das sie mir gegenüber immer an den Tag gelegt hatte.

Alle waren einverstanden. Ich weiß noch, dass ich dachte und wahrnahm, dass ich mich an diesem Ort wohlfühle. Weil wir alle zusammen neu angefangen haben.

Zugleich empfand ich ständig einen leichten Ekel über die ganze Schmuddeligkeit der Welt, des Büros, der Slums, den ich zum einen rational wegzufühlen versuchte und zum andern hätte ich am liebsten mal alles richtig geputzt, am liebsten die ganze Welt in Ordnung gebracht. Dieses Gefühl war sehr stark, dass ich die Welt retten musste. Im Beiboot die Hilflosigkeit, meine Lebensgefährtin seit immer.

Der Tod der Chefin löste bei niemandem von uns ein Drama aus. Es gehörte wohl einfach dazu, wenn man so lebte wie wir. Wir alle lebten gefährlich, jeder und jede von uns konnte der oder die nächste sein.

Ich arbeitete gerne dort und fühlte mich wohl, doch daneben hatte ich auch mein anderes Leben. Das dort war nur meine Arbeitsstelle. Nicht das, wonach ich hungerte: Das tun, was mir am meisten entspricht. Danach suche ich noch immer. Im Traum ebenso wie im echten Leben. Und eigentlich habe ich es gefunden, mein Leben. Nur kann ich davon nicht leben. Paradox.

Ob es damit zusammenhängt, dass ich alles zu ernst nehme?
Dass ich mich zu viel einlasse auf die Leben der andern?
Dass ich zu viel …

„Zu“ ist doof. Vergleichen auch. Eigenschaften zu Problemen umbenennen auch. Und überhaupt: Das Leben ist nicht ideal.

Wieso fallen mir in letzter Zeit keine guten Schlusssätze ein? Mist.

Unerwünschte Erweiterungen

Der gestrige Polizeiruf 110 ist ja echt etwas vom heftigsten, was ich je gesehen habe. Wahnsinn auch fand ich diese Verknüpfung des zu lösenden Falls mit Bukows Privatleben.

Zur Geschichte:

Katrin König und Alexander Bukow geraten mitten in ein Familiendrama. Arne Kreuz, ein bisher unbescholtener Familienvater, befindet sich nach Trennung und Jobverlust im freien Fall. Er hat seine Frau sowie seinen jüngsten Sohn getötet. Jetzt ist er flüchtig – und auch von seinen Kindern Nicole und Jonas fehlt jede Spur. Unter Hochdruck versuchen Bukow, König und ihr Team, das tragische Verbrechen zu begreifen, den Amok laufenden Mann zu finden und Nicole und Jonas zu retten. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit – und die Kommissare können nur erahnen, welches Ziel sich Arne gesetzt hat.

(Quelle: ARD mediathek, Link: siehe unten)

Nein, ich werde nun nicht das Drehbuch loben, obwohl es wirklich saugut war. Die schauspielerische Leistung ebenfalls. Und auch die Story werden ich nicht besprechen.

Nein. Ich schreibe, weil ich mich outen will. Ich will nicht euer Mitleid, bitte nicht, und nein, ich habe keine Ahnung, wie sich die Diskussion, die ich womöglich lostrete, entwickeln wird, doch es ist mir ein Bedürfnis, hier und jetzt einmal zu sagen, dass ich …

Hm. Wie schreibt man so was? Dass ich auch das Opfer (die Hinterbliebene, die Betroffene?) eines sogenannten Erweiterten Suizides war bin war. Ich hasse die Wörter Opfer und Erweiterter Suizid. Erstes impliziert eine passive Haltung, die ich – dank intensiver Arbeit an mir – allmählich ablegen durfte. Wie schreibe ich es denn nun, dass es richtig rüberkommt? Und was ist richtig? Gibt es das in solchen Fällen überhaupt? Vielleicht so: Ich hatte einen Partner, der so ähnlich wie Arne tickte. So ähnlich und doch anders. Zwar hatte ich nicht drei Kinder wie Jeanette und Arne, ich hatte „nur“ eins. Ich hatte einen wunderbaren, goldigen, lebensfrohen Sohn, der an seinem dritten Geburtstag mit seinem Vater zusammen gestorben ist.

Erweiterter Suizid – auch das: ein falscher Begriff. Er impliziert, dass die Person/en, die mit dem Menschen, der den Suizid begeht, einverstanden sind. Mag sogar sein, dass in solchen letzten Momenten so etwas wie Einverständnis besteht. Ein Kind versteht längst nicht alles, was ein sterbewilliger Elternteil sagt. Beschlossen hat. Will. Und dieser wohl auch selbst nicht. Dennoch: Einverständnis ist eins, freie Wahl etwas total anderes.

Andreas Schmidt spielt den psychisch kaputten Vater Arne mit einer so überzeugenden Ambivalenz, dass ich nicht anders kann als ein klein bisschen besser zu verstehen. Nicht gutheißen, keine Sekunde, aber verstehen. Wie ich das auch den Vater meines Sohnes konnte. Und kann. Eine kranke Art von Liebe, sage ich mal wenig differenziert und vereinfacht. Krass wird dieses Dilemma im Film vor allem am Schluss, am Strand, wo es um das Leben von Sohn Jonas geht.

Ebenfalls krass finde ich, dass Bukows Privatleben eine ähnliche Krise erfährt, die auch Arne wenige Wochen zuvor erlebt hat. Seine Frau hat sich entschieden, ohne ihn weiterzuleben. Was das mit einem Menschen macht, wie es ihn durcheinanderbringen kann, erfährt Sascha Bukow wortwörtlich am eigenen Leib. Sein Glück ist, dass er Teil eines Teams, eines funktionierenden sozialen Netzes ist und die Gabe hat, zu reflektieren.

Arne hatte das nicht mehr. Oder nie. Was dann, wenn nicht …?

Müsste man sich mehr einmischen in die Beziehungen anderer?, fragte mich nach meinem Drama eine Freundin.
Ich weiß es nicht.

Über Ursachen kann immer nur spekuliert werden. Und sie variieren von Situation zu Situation.

Wie kann man das Leben seiner Mitmenschen, die Welt, so mitgestalten, dass solche Situationen gar nicht erst entstehen müssen?
Ich weiß auch das nicht.

Am Ende sind immer mehr Fragen als Antworten. Und das gilt es zu akzeptieren. Vielleicht.

Ich habe gelernt, dass Verzeihen etwas ist, dass man im Grunde vor allem um seinetwillen tut. Um sich zu versöhnen mit seiner Geschichte. Ohne Verzeihen gibt es nur schwer „ein Leben danach“.

Etwas anderes, was ich im Kontext mit Suizid noch loswerden möchte: Suizid kann man selten oder nie als eine isolierte Handlung anschauen. Sie ist eine Folge gesellschaftlicher Prägungen und unzähliger Erlebnisse, Erfahrungen, Verletzungen. Ich spreche niemandem das Recht ab, seinen Tod selbst zu bestimmen. Aber bitte allein.

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ARD-Mediathek
www.ardmediathek.de/tv/Polizeiruf-110/Familiensache-Video-tgl-ab-20-Uhr/
www.ardmediathek.de/tv/Günther-Jauch/Familiendrama-wenn-Eltern

angewachsen

Nein, nicht klein
werden will ich. Ich strebe auch
nicht einen randlosen, unscharfen,
unfassbaren Gegensatz von
Narzissmus an, will kein
Mensch ohne Struktur, Gesicht, Gewicht
und Meinung sein. Und nein, auch nicht unsichtbar
zu werden, zu verschwinden ist mein
Ziel.
Doch anders mein
Gewicht verteilen will ich, anders
den Fokus auf mich und
mein Leben werfen.
Aufrichtiger. Mutiger.
Aufstehen. Aufrecht stehen.
Bewusst leben, atmen, gehen, üben, sein. Wahrnehmen.
Ausdrücken, was ich
wahrnehme. Ich müsste
platzen, könnte ich es nicht. Dürfte ich
es nicht.
Mit meinen Talenten.
Mit meinen Werkzeugen.
Mit meinem Wissen.
Mit meinem Können.
Dass alles nur meins geworden ist, weil
ich es wachsen lassen habe
während meines bisherigen Lebens.
Am Baum – wäre ich einer – sind
es Äste. Gewachsen, weil da Raum
war. Andere Äste habe ich nicht.
Einige sind abgebrochen, irgendwann, aus
Unachtsamkeit. Oder
erforen. Andere hatten
zu wenig Raum. Zu wenig Wasser. Und
jetzt bin ich so. Ein Baum unter
vielen. Mit Wurzeln. Mit Ästen. Verbunden mit allen
und doch die, die ich bin. Jetzt. Ein
Leben lang. Und nur die kann ich jetzt sein. Niemand
kann das besser als ich.

Winterhöhle reblogged

In meinem Uralt-Blog zu lesen, fasziniert mich. Heute teile ich mit euch einen mehr als fünf Jahre alten Artikel vom 14. Juli 2009 über Segen und Fluch von Schönheit.

Winterhöhle

„… das Schreckliche, das einer Seele durch Schönheit angetan werden kann … „

Ein Satz, der mich nach Luft schnappen lässt.  „Wintergewölbe“ von Anne Michaels hat mich nach einem längeren Unterbruch nun endlich doch gepackt hat. Dieser dreihundertfünfzig Seiten dicke Roman erzählt von Heimat und Heimatlosigkeit, vom Verpflanztwerden, von der Illusion von Liebe und jener Liebe, die so schön ist, dass sie unerträglich wird. Von Harmonie auch. Und deren Gegenteil. Kein Easyreading, dieses Buch, sondern eins, das meine ganze Aufmerksamkeit beansprucht, das mich innehalte heißt, Sätze wieder und wieder kauen lässt, um sie ein klein bisschen leichter verdauen zu können.

Gestern, vor dem Einschlafen, gedacht:
Wer einmal jene unfassbare jenseitige Schönheit erlebt, gesehen, geahnt, an ihr geschnüffelt, sie gerochen, geschmeckt, ertastet, gespürt hat, wer einmal den Himmel und den letzten Vorhang offen gesehen hat, für diesen Menschen ist alles, was danach kommt, ein Abklatsch, eine Imitation, eine Irritation. Die Ansprüche sind hinterher unfassbar. Nichts und niemand kann sie erfüllen. Dieser Mensch weiß nun nicht, ob er sich darüber freuen soll, dass er sie gesehen hat, diese absolute Schönheit, oder sie verfluchen und sich wünschen, er hätte damals weggeschaut. Und er weiß nicht, wie er inmitten dieser Unvollkommenheit leben kann.

Heute, beim Lesen meiner gestrigen Notiz ahne ich: Dieser Mensch bin ich – dieser Mensch sind wir alle. Wir alle haben sie gesehen. Irgendwann. Irgendwo. Und da, in uns, ist sie noch immer. Deshalb die Sehnsucht. Deshalb die Unzufriedenheit …

Mein Weg, damit zu leben, ist es, mich mit der Unvollkommenheit zu versöhnen. Ohne dabei die Augen vor der Schönheit in und um mich zu verschliessen. (Ende Zitat)

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Heute – es ist August 2014 – bin ich wieder an einem ganz ähnlichen Ort, innerlich. Obwohl … heute ist es weniger Unzufriedenheit als große Freude darüber, dass ich sie gesehen habe. Dass ich um sie weiß. Dass ich sie in mir trage. Jetzt. Hier. Und manchmal wird sie, ist sie ganz groß und sichtbar und schier unerträglich stark da. Sie macht mich dankbar, diese Schönheit, die ohne Dimensionen, ohne Raum, ohne Zeit auskommt, aber nicht ohne Sinn. Ihr Sinn ist es, uns Kraft zum Leben zu geben. Sie ist eine alles umfassende Schönheit, die sich allen Definitionen entzieht und sich nicht religiöse oder spirituelle Gewänder anziehen mag.

Vielleicht ist DANKE darum aktuell mein Lieblingswort.

Von A bis Z

Es ist halb sieben abends, als ich endlich loskomme. Im Auto Kram für fünf Tage. Auch Arbeitszöix. Laptop und Kunst und so. Ich fahre los. Der Tank ist fast voll. Der Verkehr moderat. Alles gut. Und auch die Rush hour, dieser tägliche Wahnsinn, für heute fast vorüber. Ich fädle mich in den Verkehr ein, höre Kristofer Åström beim Singen zu und lasse meinen Gedanken von der Leine.

Viel zu schnell bewegt sich ein Auto, denke ich bald, viel zu schnell für einen Menschen, viel zu schnell für eine Seele. Und zugleich kann es mir nicht schnell genug gehen, bis ich endlich dort bin, wo ich hin will. Zum Liebsten aufs einsame Gehöft. Paradox.

Menschen!, denke ich, Menschen – alles machen wir kaputt. Wir scheißen unserer Mutter in den Bauch, bloggte Glumm neulich, die Gräfin zitierend.*

Was ist das Schlimmste, was wir tun?, frage ich mich. Das Schlimmste? Krieg natürlich. Immer diese Powergames. Immer dieses Mehr-wollen, dieses Nicht-genug-bekommen, dieses Besser-sein-müssen-sollen-wollen … Wie ich mich vom einen Gedanken zum nächsten hangle, ist es mir wie beim Zoomen zumute. Zuerst Weitwinkel. Nun Zoom. Nun mich im Visier. Nicht verurteilend, einfach nur betrachtend.

Krieg fängt im Kleinen an!, predigte unsere Mutter immer. Frieden auch, sage ich. Stimmt ja auch. Frieden mit mir selbst? Ja, auch der. Ich schäle Schicht um Schicht – schon bald Basel, der Regen hat zum Glück aufgehört – und schaue mir bei der Häutung zu. Immer kommt noch was neues untendrunter zum Vorschein.

Unsere Unzufriedenheit  – ist sie nicht in erster Linie die Unzufriedenheit mit uns selbst. Weil wir nicht wirklich handeln, wie wir wollen. Weil wir nicht wirklich sind, wer wir sind. Weil …oh,  nun köchelt meine Gedankensuppe. Grenzübergang nach Frankreich soeben passiert. Die Suppe dickt ein. Die Essenz kommt zum Vorschein. Ihr Name ist Inkonsquenz. Darum, begreife ich, darum sind wir mit uns nicht im Frieden. Mit uns nicht. Mit der Welt nicht. Banal? Gut möglich. Mir egal, denn in mir drin habe ich diese Erkenntnis, die ja nun wirklich nicht neu ist, bisher nie so ganz mit allen Sinnen begriffen. Der Kopf reicht eben nicht um zu verstehen. Nicht ganz. Er ist nur ein Teil und selbst mein aktuelles Verstehen ist immer nur ein Anfang.

Immer weiter. Da vorne muss ich abzweigen, wenn ich nicht in Mulhouse landen will. Richtung Strasbourg.
Hey, was willst du denn? Blink doch, wenn du auf meine Spur willst, du Depp! Ich kann schließlich nicht Gedanken lesen? Puh. Wo war ich gleich?

Verstehen? Ähm, nein, Stopp! Inkonsequenz war das Stichwort. Gut. Also weiter. Was kann ich also tun, um meiner Inkonsequenz zu begegnen und wo bin ich selbst inkosequent – ganz konkret? Auto- statt Zugfahren, ja, das ist schon mal ein Thema. Als Grüne sollte ich doch eigentlich … Ja, aber die Reise zum Liebsten dauert mit dem Zug doch fast doppelt so lang und ist außerdem doppelt so teuer und überhaupt! Schon geht’s los. Die zwei Herzen in meiner Brust. Sie sind es, die sich nicht einig sind und mich zu all meinen inkonsequenten Taten verführen.

Baustelle bei Colmar. Schmalspur. Die Straße wird saniert. Wurde aber auch Zeit! versus Och, war das wirklich nötig?

Also, schön langsam, immer der Reihe nach. Die zwei Stimmen. Ja, ihr Gezänk macht mich oft sehr unzufrieden. Und Unzufriedenheit schürt bekanntlich neue Unzufriedenheit, wenn sie nicht gelöst wird. Meine Gedanken mäandern, ohne dass ich ihnen immer so genau beim Plappern zuhöre. Kurz vor Strasbourg merke ich auf, als es in der wilden Diskussion auf einmal um fehlende Selbstliebe als Ursache allen Übels geht.
Ja, genau!, werfe ich ein. Das ist der Punkt, um den sich alles dreht. Denn wenn ich mir mit Selbstliebe begegne, umfassend, umfassender, am allerumfassendsten, kann ich mir meine Inkonsequenz und alles, was daran klebt, jederzeit verzeihen – statt mich mit meiner Unfähigkeit fertig zu machen. Das eine nimmt mir Energie, das andere gibt mir welche. Und wenn ich mehr Energie zur Verfügung habe, kann ich auch konkrete Schritte tun, konsequenter zu handeln, zu denken, zu sein. Denn eigentlich-eigentlich-eigentlich möchte ich ja schon, aber eben …

Bei Haguenau verlasse ich die Autobahn und fädle mich nach zwei Kreisvortritten auf die Überlandstraße nach Norden, Richtung Bitche, ein. Bald da. Nur noch etwa siebzig Kilometer.

Die Sonne verabschiedet sich. Wunderbare Stimmung. Und eigentlich-eigentlich-eigentlich ist es ja schön, das Leben, aber eben …

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* “Weißt du, was Naturzerstörung ist, Joe? Naturzerstörung ist nichts anderes, als der eigenen Mutter in den Bauch zu scheißen.”