99 Jahre Einsamkeit?

Es gab eine Zeit in meinem Leben, da ich von den Ereignissen in meinem Leben so sehr aus der Bahn geworfen worden war, dass ich nicht einfach nur depressiv war (obwohl schon einfach nur depressiv zu sein zu viel Leid ist). Damals also gesellte sich zur tiefsten Depression die unverrückbare Gewissheit, dass ich niemals wieder ein normales Leben würde führen können. Normal stand damals bei mir sowohl für die Fähigkeit, je wieder soziale Kontakte pflegen zu können, zu lieben, geliebt zu werden, als auch dafür, mich adäquat um mich selbst kümmern und mein Ein- und Auskommen wieder selbst bestreiten zu können. Meine einzige Perspektive war die, dass ich vereinsamen, verbittern und verarmen würde, in der Gosse landen, ungeliebt und unbeachtet sterben. Keine schöne Aussicht.

IMG_6146Meiner alles übertönenden Angst standen zwar Freundinnen, Freunde und liebe Familienangehörige gegenüber, die in dieser schweren Zeit da waren und mir alle nur erdenkliche Hilfe anboten; doch taten sie das, da war ich mir in meiner damaligen Verblendung sicher, eh nur, weil sie sich mir gegenüber dazu moralisch genötigt fühlten; nicht etwa wegen mir, nicht für mich, nicht, weil sie mich mochten oder gar liebten. Undenkbar!

Suizid war zwar natürlich auch eine Option, doch da ich ja damals an den unmittelbaren Folgen eines erweiterten Suizides litt, war es doch keine zu Ende denkbare Lösung. Zumal irgendwo in mir drin doch eine klitzekleine Hoffnung hinter den Erinnerungen an das Lachen meines toten Sohnes funkelte.

Von meinen drei Hauptängsten – zu vereinsamen, zu verbittern und zu verarmen – war seltsamerweise die vor der Vereinsamung damals die allergrößte. Sie höhlte mich aus und mästete meine Panikattacken zu Monstermaßen. Über diese eine Angst sprach ich kaum, wohingegen ihre beiden Schwestern immer wieder Thema von Gesprächen mit meinen Lieben waren. Wie hätte ich auch mit Freundinnen über die Angst vor der Einsamkeit sprechen können?

Kurz vor besagtem Drama hatte ich die gemeinsame Familienwohnung verlassen und war mit meinem kleinen Sohn in eine neue Wohnung umgezogen. Zum allerallerersten Mal in meinem Leben wohnte ich zeitweise, wenn unser Sohn beim Papa war, allein in einer Wohnung, die weder Partner- noch klassische Familienwohnung war und schon gar nicht WG.

Und auf einmal war ich ganz allein. Allein mit mir. Des Allerliebsten beraubt. Wozu also weiterleben? Einsamkeit und Leere sind mir auf die Pelle gerückt, obwohl wunderbare Menschen in der Nähe waren, die sich offenbar für mein Befinden interessierten.

Natürlich, auch davor war ich hin und wieder alleine gewesen, hatte mich ab und zu zurückgezogen, um in Ruhe zu schreiben, nachdenken oder kunsten zu können, doch waren solche Allein-Zeiten als Familienfrau und Teilzeit-Flüchtlingsbetreuerin damals ziemlich rar gewesen. Und ganz gewiss nicht einsam.

Einsamkeit riecht nach Niemand-mag-mich, nach abgeschoben, nach unwichtig, nach Sinnlosigkeit, nach abgestempelt, unwichtig, unwürdig, unwirklich. Wäre das erwähnte kleine Flämmchen der Hoffnung nicht dagewesen, ich hätte resigniert, hätte meine drei Hauptängste mich auffressen lassen.

Wo genau und wann genau ich den Schalter umlegen konnte, weiß ich nicht mehr so genau. Das Wissen um die Notwendigkeit des Akzeptierens muss mit im Spiel gewesen sein. Und ja, gewiss hatte ich mich auch irgendwie an meinen neuen, anderen Alltag gewohnt, den ich − vorerst als Krankgeschriebene später als Stellensuchende − neu gestalten lernen musste. Lernen wollte. War es im Trauerseminar gewesen, als ich das erste Mal wieder herzhaft gelacht hatte?

Einsamkeit. Irgendwann hat sie ihre Maske ausgezogen und sich von mir umarmen lassen. Ich habe das Bedürfnis, gerne und viel alleinsein zu wollen, zu meiner bevorzugen Lebensform gemacht. Nicht, weil ich keine andere Wahl hatte, sondern bewusst-unbewusst, weil ich gemerkt habe, dass ich die Freundschaft mit mir nur im Alleinsein pflegen kann. Und nur wenn ich diese Freundschaft pflege und lebe, bin ich wirklich fähig, anderen eine wahre Freundin sein zu können.

Happy End? Nein. Noch immer hocken da ein paar Ängste. Dass ich eines Tages verbittern werde, halte ich im Moment für ziemlich ausgeschlossen, denn dazu ist meine Werkzeugkiste zu gut mit mentalem Zöix und Lebenserfahrungen bestückt. Dass ich verarmen werde, ist hingegen nicht auszuschließen. Obwohl ich in einem Land lebe, dessen Sozialsystem mehr oder weniger gut funktioniert. Heute. Aber wer weiß heute schon, was übermorgen ist?

Mehr noch als über meine Ängste vor dem Leben denke ich heute allerdings darüber nach, wie ich gut älter und alt werden kann. Wie ich möglichst gesund und möglichst lebendig leben kann, möglichst echt und aufrichtig, wahrhaftig, übermütig und beherzt.

Gestern las ich in einem Artikel über Gesundheit, wie wichtig eine basische Ernährung, genug Entspannung und Bewegung seien. Stimmt sicher alles, aber für mich gehört da noch eine vierte Säule dazu: Die seelische Ausgeglichenheit, die sich aus Zufriedenheit, Gelassenheit, Verbundenheit mit allem, Verantwortung für die Mitwelt und einigen anderen Essenzen zusammensetzt. Der Frieden mit mir selbst ist das größte Geschenk, das ich mir in den letzten sagen wir mal anderthalb bis zwei Jahren gemacht habe. Ich habe mir erlaubt, dieses Geschenk, das vermutlich immer da, vor meiner Nase lag, endlich auszupacken.

Ich habe Frieden mit dem Wissen gemacht, dass ich vergänglich bin. Dass ich nicht alles verstehen kann. Dass ich nie alles geschafft haben werde, wenn es eines Tages mit mir zu Ende geht.

Auf dieser übergeordneten, inneren Ebene lebe ich endlich gerne. Auf der ganz alltäglichen materielle Ebene tue ich mich allerdings noch immer schwer. An Baustellen fehlt es mir nicht.

Aber gut und sehr gut sind gut genug; perfekt ist etwas für Außerirdische.

Wir sind ja nicht hier, um perfekt zu sein, sondern menschlich.

Du bist hier, um menschliche Liebe zu lernen.
Allumfassende Liebe. Schmuddelige Liebe. Schwitzige Liebe.
Verrückte Liebe. Gebrochene Liebe. Ungeteilte Liebe. […]
Dass Du leuchtest und fliegst und lachst und weinst
und verwundest und heilst und fällst und wieder aufstehst.
und spielst und machst und tust und lebst und stirbst als unverwechselbares DU.
Das genügt. Und das ist viel.

(Quelle: Courtney A. Walsh. Dear human, ins Deutsche übertragen von Kai-Uwe Scholz)

[Den ganzen wunderbaren Text, den ich allen sehr ans Herz lege, gibt es bei Ulli auf Deutsch. Danke, dass du ihn neulich in deinem Blog geteilt hast (hier → klicken).]

Keine Rolle mehr

Langsam erwachte ich heute aus einem sehr farbigen Traum. Ich hatte Besuch von Menschen, die ich nicht kenne und auch im Traum nicht kannte. Meine erste Besucherin war eine mir unbekannte Frau. Sie sah sich die Bilder an meinen Wänden an, doch es war nicht meine aktuelle Wohnung, auch keine meiner früheren. Eher war es eine Art Galerieraum mit riesigen Fenstern, den ich als meine Wohnung betrachtete. Immerhin stand mittendrin ein Bett, das im Traum mein Bett war. Ein großes Bett, eins für richtig große Träume denke ich jetzt, aber auch dieses Bett war nicht mein „richtiges“ Bett aus meinem aktuellen Leben. An den Wänden hingen große, auf Rahmen gespannte Leinwände, die wie gemalt aussahen. Es waren aber Appspressionismen, also von mir offenbar zu einem früheren Zeitpunkt mit Foto-Apps gestaltete Bilder. Keines kam mir aber wirklich vertraut vor. An keines konnte ich mich erinnern, auch nicht an den Schaffensprozess, weder im Traum noch im echten Leben.

Ich identifizierte mich jedoch sehr mit den Bildern, sie mussten also – so sagt mir mein Traumwirklichkeitsgefühl – von mir sein. Die Besucherin wählte ein Bild aus, das noch nicht auf einem Rahmen aufgespannt war, sondern in einer der Kisten an der Wand gesteckt hatten. Es war ein Bild, das ich besonders mochte. Alle Bilder waren eigentlich eher abstrakt und doch auf eine Weise sehr konkret und unmittelbar, so konkret und unmittelbar wie Wolkenbilder und Rorschach-Tests vielleicht. Voller einzelner Elemente, die vom einen ins Nächste führten, wenn man sich einließ. Bilder wie Labyrinthe. Selbst ich war fasziniert. Meine Bilder kosteten alle um die Fr. 1000.–, doch so viel Geld hatte die Frau nicht dabei. Ich durfte es ihr weder schenken noch günstiger geben, das war uns beiden klar.. Ich legte also zur Sicherheit das Bild unter mein Bett, bis sie mit dem Geld zurückkommen würde.

Sherlocks LupeNächste Szene: Eine Frau mit einem Kind besucht mich. Ich scheine sie flüchtig zu kennen. Sie entdeckt die Bilder, obwohl sie eigentlich wegen mir da ist, mich besucht. Sie ist hin und weg von meinen Bildern, was mich eigentümlich berührt, mehr als von einem Menschen, den ich nicht kenne. Weil sie mehr sieht, weil sie dahinter sehen kann. Sie murmelt, dass sie nicht verstehen könne, warum ich nicht längst „entdeckt“ worden sei. Meine Bilder seien einfach einmalig. Ihr Kompliment schmeichelt mir, ich merke, dass sie es ernst meint, dennoch weiß ich natürlich, dass meine Bilder, da ich ein NoName bin, niemanden außer ein paar Fans, ansprechen werden. Ich bin zu leise, ich bin zu beliebig, zu unauffällig, zu wenig Mainstream. Und ich kenne den Markt. Weiß wie Hypes entstehen. Mache mir da nichts vor, obwohl ich weiß, dass diese Bilder gut sind.

Das Kind hat sich auch vor die Bilder gestellt und ist total vertieft in die Betrachtung. Es erzählt, was es alles sieht und erlebt, was ihm aus den Bildern entgegenkommt und ihm begegnet. Mir kommt es vor, als wäre das Kind, es ist so ungefähr fünf bis sieben Jahre alt, nun wie in Trance, als wäre es ein Teil meiner Bilder geworden. Es wirkt wie eingetaucht. Gerade sagte ich zu der Frau, dass das übrigens keine Gemälde seien, sondern Bildbearbeitungen, die ich auf digitalen Medien geschaffen habe. Sie kann das kaum glauben.

Inzwischen liegt das Kind unter meinem Bett und betrachtet, auf dem Bauch liegend, das Bild, das dort für die andere Frau bereit liegt. Es ist total begeistert. Auch das Kind mag das Bild sehr. Ich selbst bin einfach nur total gerührt, wie sehr sich Kind und Frau auf die Bilder einlassen können. Wie sehr sie von den Bildern berührt werden. Das macht mich unglaublich froh.

Irgendwo in diesen Traumsequenzen drin, mitten drin, bin ich dann auf einmal in meiner echten, aktuellen Wohnung, die allerdings im Traum viel größer und geräumiger ist als in echt. Ich habe einen doppelt oder dreimal so großen Küchenwohnraumteil. Dort stehen im Traum nicht nur ein Tisch mit Stühlen, sondern gleich zwei. Es ist Morgen und ich wusle wie üblich noch im Pyjama herum. Meine Mutter hat Geburtstag und sie will, mit meinem Vater und andern Verwandten, um 11 Uhr zu mir kommen. Sie wohnen – obwohl sie schon lange gestorben sind – in diesem Traum in einer anderen Wohnung im selben Haus. Kurz vorher bin ich kurz oben bei ihnen gewesen, um etwas zu holen/fragen. Nun wusle ich also durch meine Wohnung, räume da und dort ein bisschen auf und habe die Zeit vergessen. Auf einmal klingelt es. Elf Uhr. Huch, die Verwandten! Und ich noch immer im Pyjama. Die Leute kommen herein, viele sind es, und immer kommen noch mehr. Ich denke: Huch, ich bin ja noch ungeduscht! Und mein Yoga hab ich auch noch nicht gemacht. Das geht doch so gar nicht. Ich fühle mich nackt und ungeschützt und alle kommen in meine Räume und tragen die Schuhe an den Füßen, was ich überhaupt nicht gerne habe.

Ich lasse die Leute Platz nehmen und will mich schon zurückziehen, da rufe ich laut: Alle sofort die Schuhe ausziehen! Bitte! Also ziehen die Leute widerwillig ihre Schuhe aus. Alle genau dort, wo sie sind/sitzen/stehen. Was ja nun auch nicht wirklich etwas bringt. Außer Chaos. Alle schauen sich ungeniert um und sehen ebenfalls überall meine Bilder an. Ab hier an sind wir alle auf einmal in jener anderen Wohnung und der Traum geht dort weiter. Später sind die Leute wieder weg und die Frau mit dem Kind kommt.

Die Bilder, das spüre ich, sind ohne inneren Zensor entstanden. In einer Zeit, als ich noch mit dem Herzen gestalten konnte. In einer Zeit, wo ich mich nicht von allem Wissen und all den Maßstäben, wie Kunst zu sein habe, verwirren lassen habe.

Habe ich das? Tatsache ist, dass dieser innere Zensor furchtbar brutal, anspruchsvoll, gnadenlos und ziemlich zynisch ist.

Ich sehne mich zuweilen an meine erste Zeit des Appens zurück, wo ich einfach daruflos gebildert und gekunstet habe ohne viel zu denken. Heute kenne ich mich je länger je besser mit all der Technik, mit all dem Handwerk aus, das ich brauchen kann. Ja, ich kenne wohl auch mich und meine Bildsprache besser. Aber, und da hänge ich fest, ich bin heute weniger spontan denn je. Beim Bildern vor allem, aber auch oft beim Schreiben. Auch dort stellt sich der Kopf in den Weg und winkt ab.

Wie kann ich mich wieder aus dieser Befangenheit befreien? Wie kann ich den unmittelbaren Zugang zu meinen Bild- und Wort-Bildern wieder finden? Wie erschließe ich mir meine Herzsprache wieder, die ich einmal kannte und konnte? Natürlich darf sie nachher durch all die handwerklichen Filter laufen, aber zuerst soll sie einfach mal unzensiert fließen dürfen. Weil es nämlich genau das ist, was ich am liebsten mache. Es ist dieses freie Draufloskreieren, das mich nährt, das ich brauche, um leben zu können. Um mein Schreiben und Kunsten in seiner ganzen Weite und auch ganz und gar leidenschaftlich erleben zu können.

Tun ohne Denken und Selbstzensur. Mich sein. Wenn mir das gelingt, bin ich glücklich und froh und bei mir, synchronisiert mit mir selbst. Wenn ich keine Rolle mehr spiele, sondern nur noch bin.

Ein paar Bilder vom Followerfest

Freitags mit Emil unterwegs in der Galerie Prisma

 

Samstags auf dem Einsamen Gehöft

 

Sonntags auf dem Einsamen Gehöft

 

Montags auf dem Einsamen Gehöft

Erwartungen erfüllen?

Erwartungen anderer an mich müssen nicht erfüllt werden, steht schon über drei Jahre mit abwischbarem Stift auf meinem Kühlschrank. Kaum mehr lesbar. Meine Erwartungen an mich will ich immer wieder neu überprüfen. Steht eigentlich auch da, doch kaum mehr lesbar. Die Sätze sind damit für mich nicht weniger wahr geworden, obwohl ich sie oft vergesse.

Wie oft tappe ich in die Falle zu glauben, die anderen hätten irgendwelche Ansprüche darauf, dass ich ihren Erwartungen an mich gerecht werden müsste. Erwartungen, wohlverstanden. Ich spreche hier nicht von Pflichten.

Mein Schreibprogramm, Libreoffice, schlägt Ahnungen, Glauben, Meinungen, Annahmen als Synonyme für Erwartungen vor und zeigt mir damit, was ich schon ahnte: Erwartungen siedeln im Bereich des Irrationalen und drücken manchmal ganz schön auf die Brust. Mich engen sie meistens ein.

https://i2.wp.com/waslesen.ch/wp-content/uploads/2014/04/Lieben.jpgWie ich gestern, beim Lesen von Karl Ove Knausgårds Buch LIEBEN Seite um Seite über seine komplizierte Liebesbeziehung zu Linda las, musste ich immer wieder leer schlucken. Er erwartet von ihr, dass sie ihm Raum gibt. Sie erwartet von ihm, dass er ihr ganz nahe ist. Kann das gut gehen? Sie erwartet, dass er sie hält und unterstützt, da sie ihn doch so sehr braucht. Da sie doch immer wieder bipolaren Schwankungen ausgesetzt ist. Er erwartet, er hofft, dass sie ihn versteht. Sie hofft, dass er sie versteht. Ich leide, wenn ich das lese. Weil ich ähnliches in einer längst vergangenen Liebesbeziehung ebenfalls erlebt habe. Ich lebte damals sozusagen an Knausgårds Stelle und bin darum beim Lesen zuweilen richtig wütend auf Linda, die ihn so bedrängt. Aber da ich in meinem Leben ja ebenfalls schwere depressive Schübe hatte, kenne ich auch Lindas Verfassung. Diese Hoffnungs- und Perspektivelosigkeit, all diese Ängste, diese Panikschübe sind mir ebenfalls vertraut. Ich leide mit ihr. Ich leide mit ihm. Sehe keinen Ausweg für die beiden. Sie lieben sich und gehen doch zuweilen heftig aufeinander los. Ähnliches las ich heute auf Glumms Blog.

Erwartungen, wie ich sein sollte. Was ich tun sollte. Was ich denken sollte. Wozu ich in der Lage sein sollte. Was ich vermeiden sollte. Andere an mich. Ich an andere. Ich an mich.

Überall Erwartungen. Auch bei der Arbeit. Nein, dort sind es Erwartungen und Pflichten. Dass ich meine Arbeit gut mache, ist meine Pflicht. Aber dass ich immer wieder, wie er, über meine Kräftegrenzen gehe, ist keine Pflicht. Bestenfalls eine Erwartung meines Scheffs an mich. Trotzdem bin ich heute, weil das Fieber mich lahmlegte, nach Hause gegangen, nachdem ich alle an Termine gebundenen, heute notwendigen Aufgaben erledigt hatte. Lohnzahlungen auslösen – zum Beispiel – ist ja auch *hüstel* in meinem eigenen Interesse.

Erwartungen bewegen sich, wie gesagt, auf der irrationalen Ebene. Moralische Pflichten könnten wir sie möglicherweise auch nennen, denn zuweilen fühle ich mich von ihnen beinahe so in die Pflicht genommen wie von definierten, in Worten gefasste Pflichten.

Wie verhält sich Verpflichtung zu Solidarität − insbesondere in Freundschaften? Wo bleibe ich? Was kosten mein Nein und warum scheue ich diesen Preis zuweilen auf Kosten meiner eigenen körperlichen und seelischen Ressourcen? Was darf eine Freundschaft kosten? Dürfen andere/darf ich in einer Freundschaft überhaupt etwas erwarten, in einer Liebesbeziehung?

Gestern habe ich in meinem abendlichen Fieberdusel beim allabendlichen Telefongespräch mit Irgendlink, der schon bald am Nordkap ist, über Knausgård gesprochen. Habe dabei auf unsere Beziehung Bezug genommen. Was wäre wenn? Wie würde es uns gehen, wenn wir uns mit gegenseitigen Erwartungen beladen würden? Mache ich mir etwas vor, wenn ich glaube, keine Erwartungen an ihn zu haben? Kann ich überhaupt keine Erwartungen haben – an ihn, an mich, an andere Menschen, ans Leben?

Und wo, bitte schön, liebes Leben, ist die Grenze zwischen Vision und Erwartung?

Fiebrige Gedanken. Gedacht und geteilt. Gespannt, was sie mit euch, meinen Leserinnen und Lesern machen.

Weil ich ein Mensch bin

Es ist diese ewige, seltsame, unfassbare Ambivalenz. Zerrissenheit sogar. Oder Hin- und Hergerissenheit. Das Leben auf der Wippe. Es ist dieses Mal so-mal so, das uns vermutlich ganz besonders von den Tieren unterscheidet.

Wie ich immer tiefer in die Schichten von Knausgårds Buch Lieben einsinke und dabei erschrocken feststelle, dass auch andere, außer mir, solche beinahe abstrakten Sinneswahrnehmungen haben, wie er sie beschreibt, werde ich mir bewusst, dass ich vermutlich bisher von Lieben erst einen kleinen Vorgeschmack erhalten habe. Ich liebe weder mich noch andere so vollumfänglich, dass ich einfach jederzeit in der Liebe sein kann. Immer ist mein Lieben verknüpft mit subjektiven Ereignissen, mit Erfahrungen, mit Bedingungen, mit Zusammenhängen. Es ist kein Lieben-an-sich. Kein Lieben um der Liebe willen. Mag sein, dass das furchtbar negativ klingt, furchtbar depressiv sogar. Ist aber nicht so gemeint. Ich bin mir einfach nur, einmal mehr, meiner Beschränktheit, meiner Grenzen bewusst. Und dass ich vermutlich gar nicht anders sein kann als so. Weil ich als Mensch so bin.

Wären da bloß nicht diese unerreichbar hohen Ansprüche an mich. Diese perfekte, losgelöste, den andern ganz und gar meinende, objektive, umfassende Liebe gibt es sie vielleicht unter uns Menschen gar nicht – außer in unseren romantischen Vorstellungen? Selbst als die Mutter eines kleinen Buben, die ich ja mal war, muss meine Liebe mit Bedingungen verknüpft gewesen sein wie, dass mein Sohn wunderbar, herzig, schlau … ist

Mag sein, dass unser Geschmack – alles was uns gefällt – äußerlich von den Umständen neu tariert wird, wenn uns jemand sympathisch ist, den wir im ersten Moment mit unseren bisherigen, inneren Wertmaßstäben nicht attraktiv fanden. Dass wir jemanden auf einmal schön finden, einfach darum, weil er uns sympathisch ist. Und dass sich sodann der Inhalt unseres Schön-Begriffes verändert. Doch sind äußerliche Aspekte denn nicht nicht immer irgendwie trügerisch? Ohne blinden Menschen da mit Vorurteilen meinerseits zu nahe treten zu wollen, doch zuweilen frage ich mich ja schon, ob es vielleicht einfacher ist, Menschen zu mögen, wenn man sie nicht sieht? Ist dafür nicht sogar die Welt der sozialen Medien ein Beweis?

Möglich, dass auf Grund von Stimmen, Texten, Berührungen, die Wahrnehmung eine reinere ist, eine wahrere, eine unabgelenktere, doch ist nicht selbst dann Lieben von subjektiven Faktoren abhängig? [Oh, ich merke schon … das, was ich da schreibe, kann ein anderer Mensch wohl nur schwer verstehen.] Ach. Und Liebe als etwas Universelles zu verstehen ist ja vielleicht gar nicht Sinn eines kleinen Lebens wie meinem. Universelle Liebe ist ja vielleicht nur das Innenfutter für unsere Illusion vom Liebengott?

http://waslesen.ch/wp-content/uploads/2014/04/Lieben.jpgWenn ich Knausgård lese, der noch ziemlich am Anfang des Buches über einen Kindergeburtstag-Nachmittag schreibt, über die Menschen dort und über die Begegnungen und wie er diese hinterher auch gleich wieder aus seinem inneren Speicher löscht und die keine Spuren bei ihm hinterlassen haben, und wie er emotional losgelöst ist von all den Menschen, die er im Grunde liebt, frage ich mich, zuerst entsetzt, dann begreifend, wie das sein kann. Denn ich merke, dass auch ich, wenn ich allein bin und an andere denke, manchmal nichts fühle, wo doch ganz viel Liebe sein sollte. Nicht nichts, aber nicht Wow-Liebe, sondern einfach: Ich bin da. Du dort. Und nun lasst mich doch bitte alle in Ruhe! Diese Verbundenheit, die ich unter allem und von allen zu allem und mit allem ahne, weiß, diese Verbundenheit fühle ich nämlich nicht immer.

Denke ich an Irgendlink, ist da immer, auch nach all den Jahren, dieser kleine Herzhüpfer, dieses kleine Aus-dem-Takt-kommen meines Herzschlages. Immer. Ich halte das für Liebe. Ich halte es für Verbundenheit. Die größtmögliche, die geht. Dieses Das-Beste-für-ihn-wollen ist immer da. Aber zugleich ist da auch mein Wollen. Es soll ihm möglichst gut gehen, doch er soll bitteschön täglich bloggen, möglichst schnell vorankommen (und bitte möglichst ohne Regen und Stress), möglichst viele schöne Pausen haben. Und am liebsten wäre mir, er wäre immer hier bei mir, mit mir.

Aber das alles geht nicht. Nicht alles. Nicht gleichzeitig. Alles, was lebendig ist, ist immer in Bewegung, im Prozess, in der Veränderung, in der Wandlung. Hin und Her. Wieder die Schaukel, siehe oben. Den Nullpunkt gibt es immer nur einen Bruchteil einer Sekunde lang im Vorbeischwingen. Die totale Stille ist immer nur im Jetzt. Nichts kann ich aufhalten. Alles schwingt. Alles fließt. Alles pumpt sich, wie es Irgendlink heute (hier) gebloggt hat, von A nach B und so weiter.

Getriebensein? Ist es das? Ist das die große Verwechslung? Dass wir eigentlich zu sein und zu lieben meinen, es aber mit diesem ewigen Strom verwechseln?

„Denn Sinn ist nichts, was wir bekommen, sondern etwas, das wir geben.
Der Tod macht das Leben sinnlos, weil alles, wonach wir jemals gestrebt haben, mit ihm aufhört, und er macht das Leben sinnvoll, weil seine Gegenwart das wenige, was wir davon haben, unverzichtbar, jeden Augenblick kostbar macht.
Aber in meiner Zeit war der Tod entfernt worden, er existierte nur noch als fester Bestandteil in Zeitungen, Fernsehnachrichten und Filmen, wo er nicht den Abschluss eines Verlaufs markiere, die Diskontinuität, sondern angesichts der täglichen Wiederholung im Gegenteil eine Veränderung des Verlaufs, eine Kontinuität bedeutete, und so seltsamerweise zu unserer Sicherheit und zu unserem Halt geworden war.“

Zitat aus Lieben von Karl Ove Knausgård

Die Erkenntnis, dass ich im Grunde immer wieder bei Null, das es so also gar nicht wirklich gibt, anfange, macht mich demütig. Nichts wirklich zu verstehen, nichts wirklich Wesentliches – nur solange ich darüber nachdenke, ist das Ding wesentlich, für mich – zu leben. Aber vielleicht geht es genau darum? Wegzukommen von diesen großen hehren Zielen. Nicht, dass ich nicht noch immer die ganze große weite Welt retten wollen würde … Aber weiß ich denn wirklich, was sie braucht, um gerettet zu werden? Wovor und wohin?

Ist es da vielleicht für mich nicht besser, mich treiben zu lassen? Mich hinzugeben? Dem Schreiben zum Beispiel. Den Worten. Und zu verstehen, dass Liebe immer subjektiv ist.

Wieder da … oder doch noch nicht ganz?

Als ich  am Montagmittag durchs Dorf Richtung Arbeitsplatz radelte, ertappte ich mich dabei, wie ich die Leute auf der Straße ganz selbstverständlich mit Hej-hej grüßen wollte. Auf dem Weg zur Arbeit, kurz vor dem Büro, ein Anruf meines Chefs. Wann wir uns wo sehen zur Lagebesprechung und so, wollte er wissen. Morgen, elf Uhr?, frage ich. Wie immer? Erst als ich aufgelegt hatte, merkte ich, dass das meine ersten schweizerdeutschen Worte seit Wochen gewesen waren.

Alles wie immer?

Nein, wie immer ist es noch nicht. Wird es auch hoffentlich nicht so bald. Was dieses ‚wie immer‘ auch immer sein soll.

Und heute, im Büro, wie ich mit meiner Arbeitskollegin unser neues Büro fertig einrichte – den Tisch so? Oder doch besser so? Meinen Rechner da? Oder nein, so ist es besser! – spreche ich nach einer kleinen Pause auf einmal hochdeutsch mit ihr. Ganz automatisch. Immerhin nicht englisch.

Bin ich also wirklich schon da?

Schweden 4_Falun_54Genau heute vor einer Woche, um diese Zeit, saß ich mit dem Liebsten am See. Es war ein wunderbarer Abend, einer der schönsten unserer acht Tage in Falun-Udstiggen. Wehmut vor dem bevorstehenden Abschied wollte sich ein klein bisschen vor den Augenblick des Genießens schieben. Am Nachmittag hatten wir ein Interview geführt. Ich wollte ein paar Dinge über die Reise erfahren, die – so dachte ich mir – vielleicht auch andere interessieren.
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Wir hatten nach dem Abendessen einen Spaziergang in der nächsten Umgebung unternommen, im Quartier, am See, am Wald, der immer länger und länger wurde und einmal mehr merkte ich, was ich so sehr mag an Schweden, an Skandinavien. Und was ich eben manchmal in der Schweiz vermisse: Weite.

Mag sein, dass anderes das viel weniger brauchen als ich, doch für mich bedeutet Weite definitiv Lebensqualität.

Enge – im Denken ebenso wie in der konkreten Wirklichkeit des Raumes (wie wirklich diese auch immer ist) – bekommt mir schlecht.

Heute, im Büro, als wir kurzzeitig zu viert hin und her sprachen, Dinge klärten, hätte ich am liebsten gerufen: Seid doch alle mal still. Obwohl … da musste ich eben einfach durch.

Später hat meine Kollegin aus Versehen den Alarm ausgelöst, als sie die Nottüre entriegelt hatte. Was für ein schriller Ton, der doch glatt meinen Tinnitus übertönt hat. Gut, dass Kollege R. den Trick kannte und uns erlöste.

Wenn es so etwas wie Schreiasphalt gibt, über den Irgendlink heute getwittert hat, muss es wohl auch so etwas wie Kreischräume geben?

Schulhausflure zum Beispiel. Ich mag es, dass die Schule diese Woche noch fast leer ist. Nur wir zwei Verwalterinnen und die beiden Schulleiter waren am Morgen da, dazu ein paar Lehrpersonen, die im Laufe des Tages kamen und gingen. In einer Woche schon werden die Flure wieder Kreischflure sein. Nicht, dass ich mich nicht auf die Kids freue …
… aber Stille, Weite, Leerheit sind Qualitäten, die ich nie mehr missen möchte.

Apropos Schweden: Ich habe mit dem zweiten Buch der Knausgård-Biografie angefangen, Lieben,  das in Malmö, Schweden, geschieht. Nach einem zähen Einstieg bin ich nun wieder in diese wunderbar-bildreiche, berührende Sprache voll mit Knausgårds ehrlichen, selbstkritischen Beobachtungen eingetaucht. Und seiner Auseinandersetzung mit dem schwedischen Lebensstil, den er, als Norweger, seltsam findet.

Fremd und vertraut ist mir diese Welt hier. Die dort ebenfalls. Und manchmal frage ich mich, ob man wirklich je irgendwo, geografisch gesprochen, daheim sein kann. Oder ob das nicht eine der größten Illusionen überhaupt ist.

Sommersonnwende: jetzt

Ullis kleiner Wetterzauber hat gewirkt. Kaum bei mir angekommen, drückte ich ihr mein Tablet in die Hand, das ich als neues Zeichnen-Spielzeug entdeckt habe.

Da, zeichne was!, sagte ich.
Hat sie. Das da. ↓

Sommersonnwende2015_1

Keine zehn Minuten später öffnet sich die Wolkendecke und auf der Fahrt nach Winterthur bedaure ich, dass die Sonnenbrille im Kofferraum liegt.

Mit Freundin M. (1) sowie vielen anderen Freundinnen und Freunden, kleinen und großen Menschen zwischen 10 Monaten und sechs Jahrzehnten plus ein paar Jährchen mehr wandern wir zum Ritualplatz über Winterthur.

Wir bereiten ein Ritualfeuer vor, über das auch Ulli ganz wunderbar in ihrem heutigen Blogartikel schreibt.

Loslassen. Wünschen. Beten. Sich eins sein im Lied, der Stille, dem Jubel und in der Lebensfreude. Danke, liebe Freundinnen und Freunde!

Und ja, ich habe mir auch für den Liebsten etwas gewünscht: Dass er gut reisen möge. Und wohlbehalten zurückkehren, wenn er seine Reise zu Ende gereist habe.

Das gemalte Feuer erinnert mich an unser Wintersonnwendefeuer vor einem halben Jahr, das ebenso hell loderte wie das gestrige, nur höher und schmaler. Jedes Feuer ist anders, jeder Mensch ist anders.

Das Bild mit dem Fuß? Ja, der Fuß gehört mir. Und ja, der gehört auch hier her. Denn nach dem Feuer und nach dem Essen, am frühen Abend, sind wir zurückgekehrt, zurück in Freundin M. (1)s Haus. Die drei größeren Kinder haben uns mit einem Konzert auf Djemben und anderen Rhythmusinstrumenten beglückt. Und da musste ich doch Autogramme haben, logisch!

Werden und vergehen

Tulpendasein
Tulpendasein

Ein Kehrreim meines Lebens ist das Nachdenken über unseren Platz in dieser Welt. Der Wunsch, der mich dabei durchdringt, ist, dass jede und jeder da sein sollte, wo sie oder er am besten gedeihen kann. Mensch, Tier, Pflanze, Mineral … alles.

Zu wissen oder zumindest zu ahnen, wozu ich da bin – und dies dann auch zu sein, zu tun, zu leben – ist Teil der Basis eines zufriedenen Lebens.

Immer wieder dieses Ahnen in mir, dass es nicht keinen Sinn in allem gibt.

Das Ahnen aber auch, dass die Blüte der Tulpe nicht zur Erquickung menschlicher Augen stattfindet. Und ihr Zerfall auch nicht deshalb so schön ist, weil er uns würdevolles Loslassen lehren will. Und dass die Schönheit auch im Sterben wohnt. Wohnen kann.

Geheimnisse.

Vielleicht liegt eines dieser vielen Geheimnisse des Lebens ja in der Zwiebel verborgen, diesem Ding, das in der Erde überwintert – scheinbar tot. Jeden Frühling neu geboren werdend. Vielleicht kann ja die Zwiebel uns ein wenig mehr Geduld lehren, doch nicht dazu ist sie da.

Nicht sind die Dinge, die Pflanzen, die Steine, die Tiere, die Menschen dazu, das Dasein aller anderer Wesen und Dinge zu erklären – und dennoch ist da diese Verbindung in allem.

Und Erde, Luft, Wasser und Feuer, die alles erst ermöglichen. Vielleicht ist der Schlüssel zu allen Geheimnissen des Lebens ja in der Vielfalt verborgen und in all den Möglichkeiten, in dieser Vielfalt miteinander zu sein – statt gegeneinander.

Mit- und nebeneinander. Inspiration.

Biene und Blüte lehren sie uns. Zeigen uns, wie teilen geht. Wie Hingabe ans Leben geht. Und wie Loslassen.

Tulpenalter
Tulpenalter

Während andere ihre verblühenden Blumen längst weggeworfen haben, lasse ich sie sehr oft sehr lange auf dem Tisch stehen. Nennt mich faul, nennt mich meinetwegen sogar nekrophil, aber ich mag es einfach. Ich mag das Welken. Und wie würdevoll Blumen Abschied nehmen. Wie sich ihre Schönheit offenbaren, indem sie sich ein letztes Mal ganz öffnen. Alles gebend. Alles loslassend.

Und dann träume ich immer mal wieder von einer neuen Alterskultur. Von einer Gesellschaft in der das Lebensalter keine Rolle mehr spielt. Ich träume von einer Gesellschaft in der Altersweisheit eine Gabe ist und in der Augen- und Stirnfalten sowie weiße Haare willkommen sind. Weil wir wissen, dass wir einander brauchen. Und weil wir wissen, dass wir voneinander lernen können. Von alten Menschen zum Beispiel Verantworung füreinander zu tragen. Auf dass diese Qualität niemals aussterbe.

Hexen oder Heilige?

Dass es in meiner Wohnumgebung sehr schöne Ecken hat, entdecke ich je länger je öfter. Zwar bin ich hier in der Nähe ja aufgewachsen, doch meine Eltern waren – nicht zuletzt da wir kein Auto hatten – eben nicht so die Ausflügler-Eltern. Auch weil das Geld fehlte. Und die Zeit sowieso.

Im Grunde waren meine Kenntnisse meiner nächsten Umgebung sehr rudimentär, was ich viele Jahre später in der Fahrschule dann mit Erstaunen festgestellt hatte. Dazu kommt, dass ich zwar gut Karten lesen kann und mir alles, wenn ich eine Karte vor mir habe, bestens vorstellen kann, mich aber – sobald die Karte verstaut ist – weder Himmelsrichtungen noch die ganzen räumlichen Zusammenhänge wirklich in 3D vorstellen kann.

Auf der Gisliflueh zum Beispiel war ich als Kind zuletzt, dabei ist sie nur grad ein Katzensprünglein von meinem Heimatdorf und zwei Katzenhupser von meinem jetzigen Zuhause entfernt. Nun denn …

Dank Geocaching-Webseite stellte ich vor ein paar Tagen fest, dass auf der Gisliflueh ein paar Geocaches liegen. Und eigentlich wollten wir diese schon vor ein paar Tagen suchen …

Wie auch immer – wir sind erst heute los. Und zwar von der andern Bergseite als der mir bekannten.

Freundin L.-sei-Dank, die gestern nach ihrem Besuch etwas bei uns vergessen hatte, fuhren wir nämlich heute einen Umweg und näherten uns dem Berg von der Aaretalseite statt von der mir minim vertrauteren Seite, vom Schenkenbergertal. Neuland für Irgendlink und mich.

Warum also weit fahren, wenn man fast vor der Haustüre ein paar Berge hat, die ich erst dank Irgendlink entdecke?

Von Biberstein aus wanderten wir steil bergan. Dreihundertfünfzig Höhenmeter müssen es ungefähr gewesen sein, auf nur ungefähr vier Kilometer.

Steil zwar, doch die wunderbare, herrlich frühlingsgrüne Umgebung machte das längst wett. Ein erwachender Wald, magisch und bärlauchüppig.

Auf kleinen Trampelwegen stiegen wir bergan. So mag ich es, obwohl wir beide recht ins Schwitzen kamen. Und dies trotz des kühlen Windes, der uns je höher je mehr um die Ohren pfiff.

Wie währschafte Gipfelstürmer, die einen Viertausender besteigen, kamen wir schließlich oben an. Stolz und glücklich.

Dreihundertsechzig Grad-Rundsicht bis in die Ostschweizer, Innerschweizer und Berneroberländer Alpen. Ein kleiner Dunst verhinderte die perfekte Fernsicht zwar, doch auch so war es grandios.

Gisliflueh1

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panorama

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frischgeschlüpft

Hexe oder Heilige? Wem verdankt die Gisliflueh wirklich ihren Namen? Und wer war Gisela? Eine Kräuterfrau, eine Hexe, eine Weise?

Eingeholt

Seit Wochen war ich mir hinterher. Die Arbeit im Büro, dazu all meine privaten Baustellen und Projekte, die mir unter dem Herzen und den Nägeln brennen.

Schlecht abschalten zu können, ist dann etwas vom nächsten. Wenig Schlaf, schlechter Schlaf, viele Träume, Kopfweh, Unruhe … und trotzdem fühlte ich mich gut und wohl. Aber eben. Ein Zustand, der kein Dauerzustand sein sollte. Nicht, wenn man gesund leben will, sich zuliebe leben will, wie ich das anstrebe.

Vorgestern Nachmittag, nachdem mein Chef gesehen hat, dass ich schon über zwei Wochen Überzeit habe, schickte er mich – zumal ich Kopfweh hatte und mich ein wenig angeschlagen, fast krank fühlte – nach Hause. Wir hatten für das Konzert am Abend alles vorbereitet, die Tische mit Tüchern bezogen die Sachen für den Aperitif bereitgestellt.

Geschenkte Zeit.

Mittwochabendstimmung

Zeit?

Ich versuche immer, so viel wie möglich aus ihr zu quetschen. Wie doof eigentlich.

Besser ich streiche sie glatt, die Minuten. Besser ich lasse sie zu, die Stunden.

Ausgerechnet als ich gestern auf der Fahrt zum Liebsten bei Strasbourg im Stau stand, fand ich zurück zur Ruhe.

Und nun, nun bin ich da. Bei mir. Außen und innen wieder kongruent. So gut es geht, wo doch alles immer im Wandel ist. Immer.

Jetzt.

Jetzt auch.

Und jetzt ist es gleich zwölf. Oder war es eben?