Leben, träumen & schreiben

Lebst du noch oder träumst du schon? Irgendlink hat in mir was losgetreten, als er letzte Woche seine neu überarbeitete Roadmap bloggte. Was für eine Karte, was für ein tolles Fährtenbuch, in welchem er seine Abenteuer – die erlebten ebenso wie die zu bestehenden – begeschrieben hat. Seine Leitplanke, um im Ideenfluss der Künste nicht zu ertrinken.

Wo Wunsch ist, kann Wirklichkeit werden. Oder andersrum: Jede Wirklichkeit fing klein an, war zuerst eine kleine Idee, ein Wunsch, ein Traum.

Welche Bücher möchte ich gerne schreiben?, fragte ich mich also, als ich über meine eigene noch ungeschriebene Roapmap nachdachte – und über jene Dinge, die in meinem Fährtenbuch erwähnt werden wollen.

Kaum gedacht, standen auch schon ein paar Ideen Schlange. Nun ja, meine angefangenen, eingeschlafenen, an Keine-Zeit-Haben eingetrockneten Projekte möchte ich fertigstellen, natürlich. Jedenfalls, wenn ich sie bei näherer Betrachtung noch gut finde … Noch lieber jedoch möchte ich ein neues Buch schreiben. Ich habe Lust, mich vom biografischen, essayistischen Schreiben zu entfernen und wieder mehr zusammenhängende Geschichten zu schreiben, längere Geschichten, Romane.

Auf einmal stand die Protagonistin vor mir. Sie gleicht mir ein wenig und ist doch ziemlich anders. In etwas aber gleicht sie mir sehr: Sie ist eine Anti-Heldin, eine Hochsensible, die aneckt mit ihrem Gespür. Aber sie ist dennoch eine, die – ja, das muss sein! – ihren Weg geht und Dinge schafft, die womöglich gegen alle Vernunft sind.

Nun ja, zur Krimiautorin fühlte ich mich bisher nicht berufen, darum wird es wohl keine Leichen in meinem neuen, angedachten Buch geben, aber ein paar Abenteuer natürlich schon. [Keine Ahnung, ob ich jemals von meinen zentralen Themen (Tod, Amok, Suizid) wegkomme.]

»Schreib über jene Themen, die dir unter den Nägeln brennen!«, riet mir ein bekannter Schweizer Autor in einem Schreibseminar. Ich kann ja im Grunde nicht anders, denn alles andere wäre gekünstelt und gebastelt und an den Haaren herbeigezogen. Ich kann ja zum Beispiel auch nicht reimen und etwas damit anfangen auch nicht, wozu also sollte ich es versuchen? Das überlasse ich anderen. Also bleibe ich bei meinen zu meinem Fuß passenden Schustersleisten.

Nicht, dass ich mich nicht weiterentwickeln will. Und das Abenteuer des Lebens besteht ja oft genau darin, Grenzen auszuloten und auszudehnen. Doch noch habe ich meine Schreibgrenzen längst nicht ausgereizt, wozu also sollte ich sie schon jetzt ausdehnen?

Da träume ich lieber zuerst ein wenig von meinen Schreibabenteuern, auf dass sie wirkliche Wirklichkeit werden.

Und schon bald träume ich übrigens im Zelt liegend. Übermorgen geht’s los! Wanderst du mit uns mit am Rhein entlang? > flussnoten.de

Ein paar Schreibtricks

Ich schreibe gerne über das Schreiben und ich lese gerne, wenn andere über das Schreiben schreiben. Aber noch lieber, schreibe ich einfach.

Dennoch gebe ich euch hier vier Schreibtricks von Ksenia Anske, einer russisch-amerikanischen Autorin, weiter:

1. Imagine you’re describing a movie.
2. Think about all five senses.
3. It’s the little things that matter.
4. Orient us like we’re lost.

1. Stell dir vor, einen Film zu beschreiben.
2. Denke mit allen fünf Sinnen.
3. Es sind die kleinen Dinge, die zählen.
4. Führe deine LeserInnen, als hätten sie sich verirrt/als seien sie verloren.

Quelle: Ksenia Anskes Blog

Ich glaube, dass diese Ansätze für fast alle Genres taugen. Auch für Lyrik.

So zu schreiben ist eine sehr sinnliche, hingebungsvolle Art, die Lesenden in die eigene Welt mitzunehmen, ihnen unseren Blick auf die Welt zu zeigen und ihnen danach zu überlassen, wie sie damit umgehen.

Weiterschreiben

Mag sein, dass es im Internet viel Mist hat, aber was ich in letzter Zeit an feinen Texten, genialen Gedankenimpulsen und neuen Ideen dort gefunden habe, wiegt für mich den Mist bei weitem auf.

Für alle, die schreiben, zitiere ich heute ein paar ermutigende Zeilen aus dem Blog von Ksenia, einer russisch-amerikanischen Autorin. (Übersetzung unten).

Dear writer, please stop beating yourself up. The thing is, there is always luck involved in any art making, books or whatever else. If your art is read (seen, heard, etc.) by the right person at the right time, it might just get the push it needs to be exposed to lots of people. It doesn’t mean YOU have done something wrong. It doesn’t mean YOU have to keep getting out of your skin to do EVERYTHING. Stop. Breathe in. Breathe out. And just keep writing more books. […] The more of them you write, the better your books will get. And while you’re writing them, luck will either find you, or it won’t. Be content with it. Be ready to be NEVER found. That’s not why you write, is it? You write for yourself. Because if you write for fame and riches, you better quit NOW.

You know how I know? I’ll tell you my story. I’m smack in the middle of this.

[…] I’m writing my 6th book and only now, note, ONLY NOW, after having written 5 other books over the period of about 4 years do I begin to feel like I know what I’m doing. Which is to say, I don’t know what I’m doing and I’m finally okay with it because I know I will know as I write it. There is tremendous freedom that comes with this knowledge of not knowing. It can’t be achieved any other way except by writing enough books for you to get there. Some of us are lucky and get there faster, and some get there slower. It’s no fault of ours. We’re all different. It will take as long as it will take. But it will take longer if you spend time on other shit instead of spending time on writing more books. You see what I’m saying? You can’t do more than you can physically do. And you can’t beat yourself up for not doing more and somehow not succeeding in your own eyes. You’re already succeeding by writing. And your luck will either come, or it won’t. So forget about doing EVERYTHING for the books you have already written and write more. […]

Fortsetzung und Quelle: Ksenia Anske

Liebe/r AutorIn, bitte höre damit auf, dich selbst zu verprügeln. Es ist ja so, dass immer auch Glück im Spiel ist, bei aller Kunst, die wir erschaffen, ob nun Bücher oder was auch immer. Wenn deine Artikel von der richtigen Person zur richtigen Zeit gelesen (gesehen, gehört, etc.) werden, braucht es womöglich nur einen kleinen Schubser, damit dein Werk viele Menschen erreichen kann. Es bedeutet nicht, dass DU etwas falsch gemacht hast. Es bedeutet, dass es nicht nur an DIR liegt, ALLES selbst zu tun. Stopp. Atme ein. Atme aus. Und nun schreibe weitere Bücher. […] Je mehr (von ihnen) du schreibst, desto besser werden deine Bücher werden. Und während du schreibst, wird dich das Glück zu finden oder auch nicht. Nimm es, wie es kommt. Sei bereit, NIE gefunden zu werden. Es ist ja nicht der Grund, warum du schreibst, nicht wahr? Du schreibst um deinetwillen. Wenn du nur für Ruhm und Reichtum schreibst, hör JETZT besser damit auf.

Weißt du, warum ich das weiß? Ich werde dir meine Geschichte erzählen. Ich bin genau in ihrer Mitte.
[…] Während ich also mein sechstes Buch schreibe, nach fünf anderen Büchern, die ich über den Zeitraum von ca. 4 Jahren geschrieben habe, fällt mir ERST JETZT auf, dass ich beginne zu fühlen, dass ich (endlich), was ich tue. Was soviel heißen soll, dass ich (zwar) nicht weiß, was ich tue, aber damit endlich einverstanden bin, weil ich weiß, dass ich es erfahren werde, wenn ich es schreibe. Mit dieser Erkenntnis nicht zu wissen (was wird), entsteht enorme Freiheit. Sie kann nicht anders erreicht werden als damit, dass ich genügend Bücher für dich schreibe, um dorthin zu gelangen. Einige von uns haben Glück und kommen schneller dorthin, bei anderen geht es langsamer. Es ist nicht unsere Schuld. Wir sind alle verschieden. Es dauert so lange, wie es dauern wird. Aber es wird länger dauern, wenn du Zeit für andere Scheiße verschwendest, anstatt deine Zeit damit verbringst mehr Bücher zu schreiben. Verstehst du, was ich sage? Du kannst nicht mehr tun, als du physisch tun kannst. Und du kannst dich verprügeln, weil du nicht mehr tust, um in deinen eigenen Augen erfolgreicher zu sein. Du bist bereits durch das Schreiben an sich erfolgreich. Und dein Glück wird entweder kommen oder nicht. Vergiss also ALLES zu tun für die Bücher, die du schon geschrieben hast und schreibe mehr.

Das Fieberorakel zu Dada

Ich bin nicht der einzige Weg zu einem anderen Land. Und die Kinder sind wir. Uns. In den nächsten Wochen, in den nächsten Jahren. Nicht so viel – zu viel?– für mich. Nicht so viel Geld zu verlangen. Und der andere? Nicht aus den Federn? Zu den Favoriten hinzugefügt, in der Stadt und Land …

Mein Handy kann Dada. Dank des neuen Betriebssystems werden mir, wenn ich etwas schreiben will, immer jene Wörter angezeigt, die ich meinen/denken/schreiben wollen könnte. Es erinnert sich sogar an meine selbstkreierten Wörter und es zeigt sogar dann mögliche Wörter an, wenn ich noch keinen ersten Buchstaben getippt habe. Dann entsteht sowas wie der kurze Text oben. Nur die Satzzeichen habe ich nachträglich eingefügt.

Mein Handy ist ein Orakel? Vielleicht. Ich gestehe, dass zwischen uns eine Art Liebesbeziehung besteht. Eine einseitige allerdings, denn mein Handy hat mir noch nie gesagt, dass es mich liebt. Und weder Liebe noch lieben hat es mir je spontan zu schreiben vorgeschlagen. So weit geht seine Erinnerung noch nicht. Wenn es nur lang genug bei mir ist und meinen Wortschatz besser kennt, vielleicht dann? Ob es lieben kann, steht eh nicht zur Diskussion. Was immer Liebe ist.

Mein Handy braucht mich nicht. Doch das erste Wort, das es anzeigt ist immer Ich. Immer. Es braucht mich trotzdem nicht.

Mein Handy ist nicht Ich. Ich bin nicht mein Handy.

 

Es ist das Leben, das zählt. Und das Schreiben ist Teil des Lebens. Ohne Verdauung würde ich krepieren.

Das Leben. Mein Leben. Zählt. Ja. Aber nur für mich. Und immer nur jetzt. Nicht morgen. Nicht gestern. Illusionen nur. Nehmen wir uns nicht zu wichtig. Aber wichtig genug. Denn wir wissen es nicht. Wir wissen nichts. Ich bin nicht der einzige Weg zu einem anderen Land. Wäre ich Weg, wäre ich jenen zu mir. Durch die Fieberträume hindurch. Durch das Dunkel, das nie dunkel genug ist, um nicht irgendwo doch noch ein kleines Lichtlein unter der Tür zuzulassen. Keine Dunkelkammerschwärze. Die gibt es nur künstlich.

Der Schweiß auf der Haut stört mich erst, wenn er den Pyjama erreicht, dann kühlt er mich, und ich föhne mich morgens um fünf Uhr trocken. Kalter Schweiß. Das Fieber sinkt wie ein Mäusebussard und macht mutig, dem Leben zu erlauben, zu sein, wie es ist. Dem Körper auch. Der Liebe sowieso. Und mir. Und die Kinder sind wir. Immer. Auch wenn wir alt sind.

Kleines literarisches Experiment #1

Mach mit, wenn du Lust hast:

1.) Ich skizziere in möglichst anschaulichen aber banalen/trivialen Worten (ähnlich einer Szenenbildbeschreibung/Filmdrehbuch oder Regieanweisung), ein bis zwei Szenen.

2.) Du setzst dich hin und schreibst in eigenen Worten über diese Szene/n, so wie du einen Romananfang schreiben würdest. Oder einen Kapitelanfang. Oder diese Szene/n als Teil einer Kurzgeschichte.

3.) Du mailst mir deine Sätze. Ich werde sie demnächst verbloggen – unter Angabe der Namen der AutorInnen (Echtname oder Initialen oder Pseudonym je nach deinem Wunsch). sofasophia (((ät))) lebenswertvoll (((punkt))) ch. [Mailadresse ohne Leerschläge natürlich 🙂 ]

Ziel ist es, uns an der Vielseitigkeit unserer Sprache zu erfreuen. Und uns gegenseitig zu inspirieren. Zu erkennen, wie unterschiedlich wir Dinge nicht nur wahrnehmen, sondern auch ausdrücken.

Ich freue mich auf eine rege Beteiligung. Wer meine Idee aufnehmen will und das gleiche Experiment mit anderen Szenen umsetzen will: Gerne!

_________________________________

MEINE SZENEN:

Nacht. Eine Frau rennt. Ihr Gesicht ist nass. Die Haare kleben ihr im Gesicht. Niederschlag. Entsetzen im Gesicht.
Schnitt.
Ein dunkler Raum. Zwei tote Menschen am Boden. Todesursache unbekannt. Irgendwie weiß man als ZuschauerIn, dass diese beiden Menschen vermisst worden sind.

_________________________________

(Das ist ein Traumfetzen von heute Nacht.)

Und nun viel Spaß beim Schreiben. Ich bin gespannt auf eure Texte.

Abgabetermin: 11. Oktober 2015

Wirkt Wahres wirklich?

Wie wahrhaftig können wir uns selbst sehen und beschreiben?

Sehen wir uns nicht immer durch irgendwelche Filter? Und was ist mit all den nicht erzählten Dingen? Opfere ich die Reste meiner kleinen Privatsphäre, wenn ich hier über meine Alltagsgewohnheiten schreibe, wie es Knausgård getan hat? Verrate ich mich sogar ein wenig, wenn ich zu viel schreibe? Was soll mein Maßstab sein?

Nun ja, wenn ich über mich schreibe, ist es immer eine Form der Selbstdarstellung. Im Zeitalter von Selfies ist das Selbstbildnis aus dem Ruder gelaufen.

Wie bewundere ich die alten Meister, die in stunden- was sage ich da? in tagelanger Konzentration vor dem Spiegel saßen und nicht nur ihr Äußeres wiederzugeben versuchten, sondern auch ihr Innen unter die Lupe nahmen.

Ein Bild ohne Schatten nennen wir überbelichtet. Wo die Schatten fehlen, werden die Falten geglättet und zeigen eine nicht wirkliche, eine nicht wahre Wirklichkeit, eine wirkungslose Wirklichkeit. Wird sie damit unwahr? So unwahr wie eine Mathematik ohne den Einbezug von Minuszahlen.

Voyeurismus beobachte ich bei mir, ein klein wenig zumindest, wenn ich Bücher wie jene von Knausgård lese. Biografien. Anders als bei fiktiven Lebensgeschichten gehe ich bei einer Biografie davon aus, dass der Blick, der mir schreibend vermittelt wird, der Wahrheit nahe ist. Der Wahrnehmung zumindest. Und das interessiert mich. Ich möchte wissen, was andere Menschen denken, sagen, machen, fühlen, wie sie dies und jenes tun, worüber sie sich nerven und was ihren Alltag versüßt. Nicht geschönt, nicht selektiert. Vielleicht lese ich deshalb auch so gerne in Blogs. Sie sind noch unzensierter als Bücher, roher, näher dran an den Menschen.

Löcher im Eis und anderes Schreibzöix

Auf dem Heimweg wars, gestern, nach dem Schreibtreffen in Bern. Im Auto. Und diesmal war der Liebste mitgekommen, sein erstes Mal.
Ich hätte Lust, sagte er, die Geschichte von R. mit meinen eigenen Worten zu erzählen. Geschichtencoverer wäre eigentlich ein toller Beruf für mich. Wir spinnen ein wenig darüber, wie sie weitergehen könnte, diese Geschichte, und wie inspirierend doch der Austausch am offenen Herzen eines Textes ist.
Wie immer hat es mich fasziniert, wie unterschiedlich die einzelnen Personen der Schreibgruppe auf die unterschiedlichen mitgebrachten Texte und auf verschiedene Textstellen darin reagiert haben. Während den einen eine Stelle richtig gut gefiel, wünschten sich die andern genau da mehr Dialoge, dort weniger Ausschmückung, an jener Stelle kürzere Sätze und am Schluss diese zwei Wörter weg.
Ich finde es auch immer wieder genial, die verschiedenen Lebens- und Leseerfahrungen, die aus den jeweiligen Rückmeldungen sprechen, zu beobachten.

Mein mitgebrachter Text, ein Ausschnitt aus meinem Romanprojekt Alessa und das Loch im Eis, gefiel mir nicht so richtig. Irgendwie fand ich ihn fad. Nicht schlecht, aber nicht wirklich so, wie er sein könnte. Wie könnte man ihn lebendiger machen, so, dass die Bilder darin noch eindringlicher und fühlbarer würden? Kurz: wie bringe ich ihn von der derzeitigen Rohform zum geschliffenen Stein inklusive aller Kanten, die durchaus sein dürfen, ebenso mit Brüchen da und dort und Einschlüssen.
Jetzt ist eins der Textblätter, die ich gestern mit dabei und den andern vor meiner kurzen Lesung verteilt hatte, vollgekritzelt mit Ideen, Anregungen und Verbesserungsvorschlägen. Danke, Leute, für diese Text-Massage!

Wie andere den Inhalt meines Textes in ihren Worten wohl schreiben würden?

Irgendlink sitzt mit am großen Tisch und schreibt ebenfalls an einem Text. Ich unterbreche ihn mit meiner Frage, wie es wohl wäre, den Plot einer noch ungeschriebenen Kurzgeschichte kurz zu skizzieren und ihn danach verschiedenen Schreibenden zur Ausarbeitung in die Hand zu drücken. Oder, wie seinerzeit bei Hansjörg Schertenleibs Anthologie-Projekt Wiener Walzer*: Nur minimale Vorgaben skizzieren. In diesem Fall waren der Zug, sein Fahrplan von Zürich nach Wien sowie das Zugpersonal. Schließlich versammeln sich zig verschiedene Nachtzug-Geschichten in einem einzigen Buch. Ein Buch, das mir übrigens sehr gut gefallen hat.

Ja, es geht mir um Diversität. Obwohl ich immer wieder der Versuchung erliege, bei Dingen, die ich zu können oder zumindest deren Prozesse ich zu durchschauen glaube, meine Vorgehensweise als die einzig Richtige zu betrachten (ich weiß, das tun viele von uns, was es für mich nicht toller macht). Eigentlich ist es ja genau das, was die Schreibarbeit, den Umgang mit andern Menschen, kurz: das Leben und das Leben, so spannend machen: Dass wir unterschiedliche Lebenserfahrungen auf unterschiedliche Arten sammeln, verarbeiten (oder auch nicht) und irgendwie ausdrücken. Ob nun als Schreibende, als Kunst Malende, als Fotografierende, als Twitternde, im Tagebuch, klagend oder tratschend … Output-Diversität. Alle scheißen ein klein bisschen anders. Und doch irgendwie gleich natürlich, denn wirklich Neues gibt es nicht wirklich. Nur viele Varianten des Immergleichen, immer wieder neue Ideen, sich diesem Immergleichen auszusetzen, sich mit ihm auseinanderzusetzen.

Dennoch finde ich es spanennd, dass ich mit unsern bekannten fünfundzwanzig Buchstaben, mit bekannten und teils neu geschaffenen Wörtern, mit den bekannten Satzzeichen immer wieder andere, zumindest für mich neue Satzkonstruktionen schaffen kann, um dieses Immergleiche ein klein bisschen anders zu beschreiben.

Beseelt von der Frage, wie ich etwas so schreiben kann, dass das Ergebnis nicht nur meiner Intention gerecht wird, sondern auch beim lesenden Menschen eine Resonanz erzeugt, die sowohl meinem Erlebnis so nahe wie möglich kommt als auch die individuellen Erfahrungen der Lesenden wertfrei stehenlässt und nicht überschreibt. Und ja, ich weiß, dass Intention und Wirkung auf die Lesenden zwei Paar Schuhe sind.

Genug der Theorie. Nun sollte ich wohl den Text von gestern auch überarbeiten, solange die Erinnerungen noch warm und meine Kritzeleien im Text noch verständlich sind. 🙂

________________________________________

* Wiener Walzer. Eine literarische Reise mit dem Nachtzug von Zürich nach Wien, (Hrsg. Hansjörg Schertenleib)
188 Seiten. Fr. 32.90; Nagel & Kimche. Zürich 2008. (mehr …)

To do or not to do

Da heute ja angeblich Tag der schlechten Wortspiele ist, darf der Titel so. Ich habe nämlich keine Zeit, nach einem besseren zu suchen. Meine Liste ist lang, die Zu-tun-Liste, sie wächst täglich nach, schneller als weiße Haare, Zehennägel und Unkraut zusammen.

Was darauf schmerzlich fehlt, ist eine Nische für Kreatives, Unvorhergesehenes, für Surfen, für Lesen, für Kür. Und wohl darum fühle ich mich oft am Ende eines Arbeitstages ein bisschen unzufrieden mit meiner Leistung. Ich sehe manchmal nur, was ich alles nicht getan habe. Weil ich stattdessen vieles, was nicht auf der Liste steht, getan habe. Gesurft, geschrieben, gebloggt. Ich habe Zeit vertrödelt statt für Buisness, Geschäftsaufbau, Bewerbungen, Kohle scheffeln eingesetzt.

Wäre das auch ein Talent, dieses Andere-Dinge-tun, wäre ich sehr talentiert. Was mich an ein Gespräch denken lässt, das ich neulich mit Freundin R. geführt habe. Man muss wissen, dass R. viel liest und sich für vieles interessiert. Als Mutter und aus persönlichem Interesse hat sie viel über das Menschsein und -werden nachgedacht. Eben auch über Dinge wie Talente und dergleichen. Die Gehirnforschung hätte keinen Hinweis und keinen Beweise für das physische Vorhandensein von Talent gefunden, sagte sie. Man gehe heute eher davon aus, dass das, was wir als Talent wahrnehmen, eine Folge von Trainig oder Konditionierung sei. Ich werfe ein, dass mir in diesem Fall – sollte das stimmen – unklar sei, warum wir uns dann für gewisse Dinge und Themen interessieren, während uns andere überhaupt nicht ansprechen. In meinem Fall Sprache und Kunst. Ob denn gewisse Affinitäten nicht in unseren Genen seien oder sonst wo. Wieder zitiert sie, dass diese Dinge nicht nachweisbar seien. Gut, nachweisbar beweist für mich nicht wirklich ein Nichtvorhandensein. Was vor hundert Jahren nicht nachweisbar war, muss es heute nicht noch immer nicht sein. Oder in hundert Jahren. Darum wird ja geforscht.

Wir überlegen gemeinsam, warum ein Mensch zum Beispiel für Geschichten, für Texte, für Sprachen, für Bücher, für Kunst Affinitäten entwickelt, wie bei uns beiden. Die Kinder, die wir waren und noch immer sind, mochten und mögen Geschichten. Sie ließen und lassen uns aus dem nicht immer so tollen Alltag entfliehen. Ich habe ja schon als Dreivierfünfjährige Bildergeschichten, Comics mit und ohne Worte, gezeichnet. Und immer ist da die perfekte Familie drauf, meine Traumfamilie. Später dann Bilder und Geschichten von Traumfreundinnen. So, wie ich sie mir wünschte, nicht so, wie ich sie im echten Leben hatte. Da ich in diesen Ausdruckprozessen von meinem Umfeld bestärkt wurde – du zeichnest aber schön! du kannst aber schöne Geschichten schreiben! du hast aber viel Phantasie! –, habe ich eben weitergemalt, -gezeichnet, -geschrieben, gerne sogar und immer lieber. Talent? Training, sagt R. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Nein, ich werde nicht heute weiter über Autodidaktik versus Diplome nachgrübeln. Dazu ist meine Zu tun-Liste zu lang. Dazu fehlt mir die Zeit.

Obwohl. Wenn es Häute regnet, geht alles. Aber nur Häute. Morgan nicht. Und ab sofort gibts auf meiner Liste auch den Punkt Wie es mir gefällt. Wenn ich schon mit Shakes Bier angeben will.

Das zweite Stöckchen

liebster-awardLiebe Fürhilde, endlich, besser spät als nie, löse ich mein Versprechen ein, dir deine Stöckchenfragen zu beantworten. Ich danke dir für deine Wertschätzung und dein Interesse am Austausch von Gedanken rum um das Schreibhandwerk.

1.) Wie viel Platz hat das Bloggen in deinem Alltag?
Die Frage lässt sich gar nicht so einfach beantworten. Bloggen ist für mich nicht nur das Schreiben eines Artikels, sondern eben auch die dem Schreiben vorausgehende Auseinandersetzung mit einem Gedanken, mit einem Thema, mit einem Problem. Ich denke ständig und viel, doch nicht aus jedem dieser Gedanken wird ein Blogartikel. Manche Gedankenflüsse verlaufen im Sand, andere werden verdichtet zu einer kleinen Lyrik im Tagebuch, noch andere werden ins Blogartikelformat gebracht. Zu meiner Auseinandersetzung mit der Welt gehört das Blogschreiben längst dazu und auch der Austausch mit anderen Bloggerinnen und Bloggern ist mir in diesem Kontext längst unverzichtbar geworden.

2.) Wie viele deiner Verwandten, Bekannten und Freunde setzen sich mit deinem Schreiben auseinander?
Noch so eine schwer beantwortbare Frage! Das Blog zeigt bei mir ja nur ein Teil meines Schreibens. Da ich auch immer mal wieder Geschichten und Artikel veröffentliche, wird die Beantwortung unübersichtlich. Zumal auch ehemals unbekannte Bloglesende zu Bekannten und FreundInnen geworden sind. Verwandte sind es eher wenig, die mein Blog oder meine Texte lesen. Sie wissen zwar, dass ich schreibe, aber selten was. 🙂 Und das ist auch ganz okay so. Der Austausch mit Bekannten und FreundInnen ist mir in diesem Lebensbereich wichtiger.

3.) Wohin gehst du, wenn du traurig bist?
Das hängt davon ab, wo ich gerade bin, wenn die Traurigkeit zu Besuch kommt. Meistens gehe ich in die Natur, an einen Fluss oder in den Wald. Manchmal allein, manchmal mit Lieblingsmenschen. Oder ich schlafe eine Runde. Das hilft auch oft.

4.) Wann ist die beste Zeit zum Schreiben?
Sehr unterschiedlich. Meistens habe ich am meisten Schreiblust in der ersten Stunde nach dem Erwachen. Ich schnappe mir dann mein iPhone und die externe Tastatur und schreibe drauf los. Oft ist es aber auch am späten Nachmittag oder am Abend, wenn die Ideen purzeln. Am wenigsten kreativ bin ich wohl so um den Mittag herum und am frühen Nachmittag. Die beste Schreibzeit ist dann, wenn ich voller Gedanken und Ideen bin.

5.) Wann hast du angefangen zu schreiben?
Mit drei. Ohne Witz. Ich habe mit drei die Buchstaben gelernt und angefangen comicartige Bildergeschichten zu kritzeln. Inklusive Sprechblasen. Später ging es mit Aufsätzen als Lieblingsschulfach, Tagebuchschreiben und Kurzgeschichten weiter. Erste Veröffentlichungen dann so ab 2005.

6.) Welche ist deine Lieblingsjahreszeit?
Frühling-Sommer-Frühherbst. Hauptsache nicht zu kalt.

7.) Wirst du irgendwann aufhören zu schreiben?
Ziemlich sicher nicht, es sei denn, ich könnte nicht mehr …

8.) In welcher Stadt fühlst du dich am wohlsten?
Wenn Stadt, dann Bern. Aber eigentlich bin ich inzwischen fast lieber in kleinen Orten unterwegs. Oder ganz auf dem Land.

9.) Was liefert dir die Rohstoffe aus denen am Ende ein Text entsteht?
Das Leben selbst: Erfahrungen. Beobachtungen. Gespräche. Menschen. IT-Technik als Metapher für das Leben. Alles, worüber ich nachdenken mag.

+++++++++++

Das Stöckchen mit dem Liebster-Award drumrum fange diesmal bitte auf, wer immer Lust hat. Ich werde ausnahmsweise niemanden nominieren. Wer aber Lust hat, Fürhildes neun Fragen ebenfalls zu beantworten, darf das bei sich auf dem Blog gerne tun. Also los, Stöckchen, fliege weit und lande weise …

3 – 2- 1 – werf … Juhuuuu …

Geschmeidige Finger oder goldenes Schweigen?

Ich möchte so gerne mal wieder einen richtig schönen, klugen Blogartikel schreiben, einen sofasophischen, einen nahrhaften. Nicht immer nur Dinge über meine Reisen schreiben, nicht immer nur Dinge über Dinge schreiben, sondern Dinge über das wirkliche Leben, bewegende Dinge. Manchmal jedoch hindert mich etwas, das ich schwer benennen kann, daran, einfach drauflos zu schreiben. Drauflos zu sophieren.

Die über dreihundert Follower auf WP und FB: warum followen sie mein Blog? (Followt man wem oder wen? Und wenn ja: warum?) Lesen sie meine Artikel wirklich oder lesen sie sie nur quer? Verstehen sie, was ich sagen will? Was sind das für Menschen, abgesehen von den vielleicht zwanzig-dreißig Menschen, die regelmäßig – oder auch nur hin und wieder – kommentieren? Und wie beeinflusst das Wissen um diese unbekannten Menschen mein Schreiben? Darf es mich überhaupt in irgendeiner Weise beeinflussen? Soll es sogar? Nennt man das womöglich Inspiration oder ist es eher Anpassung? Und warum schreibe ich überhaupt öffentlich? Falls ich nicht wollen würde, dass mir jemand beim Schreiben zuschauen und seinen Senf dazu abgeben kann, sollte ich es lieber im stillen Kämmerchen tun. Tue ich aber nicht. Weil ich bloggen will. Weil ich mich regelmäßig warm schreiben will. Damit die Finger schön geschmeidig bleiben. Und der Geist erst recht.

Sind öffentlich Schreibende narzisstisch? (Darüber habe ich hier schon oft andeutungsweise geschrieben.) Womöglich leben wir einfach in einer durch und durch narzisstischen Gesellschaft? Sage ich das nun, um von mir abzulenken? Jein. Ablenken muss ich nicht, denn vermutlich stimmt es – und ich bin es, auch, narzisstisch, meine ich. Denn ich gestehe, dass ich mich über mein Blog freue. Dass ich gerne rauf- und runterscrolle. Dass ich mich über Kommentare und so weiter freue. Dass ich mich über euch freue, die ihr mein Blog besucht. Dass ich mich über den Austausch mit euch freue. Abzulenken gibt es also nichts, nur zuzugeben.

Wenn ich mich auf andern sozialen Medien umschaue, begegnet mir – noch mehr als hier – Likegeilheit. Weniger auf meiner Timeline vielleicht, als bei Seiten und Gruppen, die ich hin und wieder frequentiere. Nicht immer, nicht überall. Aber doch oft und immer wieder. Und eine Oberflächlichkeit, gegen die auch ich nicht immun bin, weil wir doch alle immer zu wenig Zeit haben. (Wofür?) Wir wollen in möglichst kurzer Zeit möglichst viel lesen, möglichst viele Infos einnehmen, verdauen, allenfalls gleich outputen und reagieren und kommentieren und eine Meinung dazuhaben. Überall und zu allem wollen wir/sollen wir eine Meinung bilden. Eigentlich leben wir diesbezüglich in einer wirklich verrückten Zeit: überall ist unsere Meinung gefragt. Unsere (Be-)Wertung. Unsere Empfehlung. Überall haben wir die Möglichkeit, unsere Meinung zu sagen, zu schreiben, mitzureden, mitzudiskutieren.

Schön und gut, doch wenn ich manchmal öffentliche Diskussionen und Kommentarstränge lese – insbesondere bei politischen Themen – muss ich oft mit lesen aufhören. Weil … das ist oft respektlos und unter der Gürtellinie, was da geredet wird. Selbst aus hochsensiblen Themen werden bald schwarzweiße Grabenkämpfe. Polarisierung. Und das ist, so hoffe ich, nicht der Sinn dieser Meinungsfreiheit?

Kommt dazu, dass man sich, will man von seiner Meinungsfreiheit und -möglichkeit Gebrauch machen, fast überall anmelden muss. Daten, Daten, Daten … Sie wollen ja nur deine Seele, die Netzwerke! Um zu wissen, womit und wie sie dich noch besser und noch persönlicher bewerben können, damit du (weiterhin) eine gute Konsumentin bist. Nein, darüber werde ich heute nichts schreiben, darüber könnt ihr euch heute und immer wieder ganz allein den Kopf zerbrechen.

Deine eigene Meinung: zählt sie wirklich, bewirkt sie wirklich etwas?

Meine eigene Meinung: Hauptsache du machst dir Gedanken, du lässt dein Denken nicht vom Mainstream kämmen und föhnfrisieren, sondern erlaubst dir persönlich deine eigene Meinung. Das Wichtigste, was du dazu brauchst, ist wohl Mut, nein, das Wichtigste, was du zum Leben brauchst, ist natürlich Liebe. Die zu dir. Die zu andern. Die zur Welt. Weil – ohne sie könntest du wohl nicht mutig deine Meinung sagen wollen.

Tja, … und schon wieder ist nichts aus meinem Schöner Artikel-Plan geworden (siehe oben). Vielleicht sollte ich also einfach mal nichts sagen/schreiben … schweigen ist ja bekanntlich Gold?