Im Flugmodus

Zweieinhalb Tage sind vergangen, sagt der Kalender. Ich muss nachzählen. Manche Tage dehnen sich aus. Zeitlöcher.

Luftlöchern ähnlich, die ich allerdings weit weniger mag. Dieses leise Fallen, einem Schweben gleich, etwas unfassbares, etwas ungefähres. Auflösung in etwas, das mein Verstand zu definieren sich weigert. Fallen aus etwas konkretem, das wir gemeinhin Alltag nennen.

Fallen in etwas Weiches. Etwas wie eine Blase. Etwas wie Zuckerwatte ohne Zucker. Nicht klebrig, nein.
Ach, so komme ich nicht weiter.
Nicht so jedenfalls wie das Flugzeug, in dem ich sitze. In dem ich vielleicht genau jetzt über Halle an der Saale hingefliege (winke, winke Emil!).

Zielgerichtet waren die zweieinhalb Tage im luftleeren Raum jedenfalls nicht. Oder bestenfalls so: Das einzige Ziel, das ich hatte, war es, mich dem Moment hinzugeben.

In fünfzig Minuten ungefähr werden wir landen. Ein volles Flugzeug. Auf den letzten Platz besetzt. So voll, dass der Chef de Cabine um Rücksicht bat. Schnelles Verlassen des Ganges. Rücksicht. Dafür liebe ich mein Land: Nehmen Sie Rücksicht aufeinander.
Dieses Gefühl, dieses Lebensgefühl brauche ich um mich wohlzufühlen.

Wie wir drei Frauen heute Nachmittag zum Bahnhof Stendal fuhren und der Abschied nahte, resümmierten wir. Einzigartig diese Erfahrung dreier bis dato erst virtuell mehr oder weniger vertrauter Frauen, sich über alle möglichen Themen so lange, so ausgewogen, so gleichberechtigt, so aufrichtig und wahrhaftig miteinander zu sprechen. Ohne sich profilieren zu müssen. Ohne Schönen.

So etwas wünsche ich mir für unsere Politiker, fasste es die Mützenfalterin zusammen.

Mit Zug, U-Bahn und Flughafen-Shuttle näherte ich mich Berlin-Tegel.

Auf einmal ging gar nichts mehr. Stau auf der Kreuzung fünfhundert Meter vor dem Flughafen. Abwarten. Langsam aufkeimende Nervosität hinter mir. Die Busfahrerin sagt, dass sie die Türen nicht öffnen kann so mitten auf der Kreuzung. Zu gefährlich. Ich mache ein Bild aus dem stehenden Bus. Langsam kann die Fahrerin ein paar Meter aufschließen und neben einer gestrichelten Fläche halten. Sie lässt die, die wollen, aussteigen.

Ich beschließe, rauszugehen. Einfach weil ich Teil dieser Gruppe sein will, die zu Fuß zum Flughafen geht.

Mitten auf der Kreuzung stehen zwei Rettungsfahrzeuge. Wahllos darum gruppiert unzählige Taxis, Shuttlebusse von Hotels und Privatfahrzeuge. Die Ampel zeigt grün. Der Menschenstrom quillt über die Straße auf den Gehweg und strömt zum Flughafen.

Rollkoffergeschepper und Zielstrebigkeit. Ein Gefühl von Schicksalsgemeinschaft ist es, das mich immer wieder grinsen lässt.

Ich gebe meine Reisetasche auf und setze mich in ein Café. Freies Wlan, juhu!

Handys sind feine Reisegefährtinnen irgendwie. So vergeht die Zeit wie im Flug. Ähm, ja. Wie im Flug stimmt genau. Schreibend fliege ich jetzt durch die Nacht. Unter uns Bayern, rechts der Schwarzwald.

Und nun döse ich. Das kleine handgemachte Schweizer Sandwich hat köstlich geschmeckt, das Schweizer Schokolade-Stück werde ich dem Liebsten aufs Kopfkissen legen.

Sinkflug. Zwanzig Minuten bis Zürich.

Ich sag es ja, dir Zeit vergeht manchmal wie im Flug.

Zürich-Flughafen. Freundlich werde ich von der Bordcrew schweizerdeutsch verabschiedet. Wohltuende Laute. Heimatgefühle.

Der Zug kommt gleich und nun fahre ich auch schon heimwärts durch die Nacht.

Die Reise

Ich sitze auf Platz B. Nicht Fenster, nicht Gang. Am Fenster eine deutsche Frau, die die Bunte liest und die Armstütze annektiert hat.

+++ Wir rollen aufs Flugfeld. Stehen nun da. Bereit.

+++ Rechts von mir, am Gang, eine junge Frau, Schweizerin, die ein Gesundheitsheft studiert. Schlanke Frauen, Rezepte, Diäten.

+++ Nun fliegen wir. I love it

+++ Pinkeln. Lesen. Essen. Dösen.

+++ Landeflug. Es geht abwärts. Kaugummi hilft immer. Das Land kommt näher.

+++ Unten. Immer wieder neu ein kleines Wunder, wie sanft so ein schweres Metallteil auf der Erde aufsetzen kann. Das Liftfahrgefühl hat ein Ende, das ich am Landeflug so mag. Wir rollen zur Landebahn.

+++ Die im Glashaus sitzt. Nach dem ich die Überfliegerin war, vorhin, sitze ich nun am Ende von Gleise vier. Im geheizten Wartehäuschen, das zwar auch schon bessere Tage gesehen hat, aber bezaubert mit Rundumverglasung und Wärme. Hier ist es nicht so schön wie daheim. Es hat sogar ein wenig geregnet, als wir aus dem Flugzeug gestiegen sind. Grauverhangen der Himmel. Aber morgen! Morgen wird’s auch hier schön. Hier und bei Kerstin.

+++ Herrliche Szene vorhin am Billettautomaten, ähm, sorry, Fahrkartenautomaten natürlich. Alle meine MitüberfliegerInnen wollten offenbar mit dem Zug in die Stadt. Gruppenweise standen sie an, diskutierten über die Knöpfe, die zu drücken seien, über Tarife, über dies über das. Köstlich. Und gänzlich stressfrei.

+++ Ich habe nach Brandenburg gelöst und werde kurz nach halb drei dort sein. Viertel vor acht bis viertel vor drei: sieben Stunden Reisezeit. Nun ja, das ist es mir wert.

+++ Ich bin müde und entspannt. Vorfreudig auch, ja, aber die Nervosität ist von mir abgefallen. Ich bin hier bei mir. Und dieses Häuschen hier kommt mir gerade recht.

+++ Bald kommt der Zug. Vorher will ich noch bloggen. Tagespass und deutsche SIM-Karte-sei-Dank ist das kein Problem.

Wenn eine eine Reise tut

Wie lange bin ich nicht mehr so früh aufgestanden? Und wie lange bin ich schon nicht mehr so früh morgens Zug gefahren? Und wie anders ist es, wenn man frühmorgens um acht nach Basel-Flughafen fährt, als wenn man perversfrühmorgens um halb acht ins Büro fährt und dazu anderthalb Stunden Weg hin und am Abend wieder anderthalb Stunden zurück hat.

Bin ich froh, dass das vorbei ist.

Basel. Nordwärts fahre ich.

Noch nordwärtser fliege ich danach. Berlin-Schönefeld ist mein erstes Ziel. Mit dem Zug nach Brandenburg oder was anderes in der Richtung. Von dort schließlich mit dem Privattaxi called Kerstin the Eckisoap ins Kloster. Oder so.

Am Abend kommt Frau Mützenfalterin dazu und morgen die Vierte im Bunde, Ulli vom blauen Café Weltenall.

Das kann ja heiter werden. Lustig und ernst. Ich hoffe auf feine Gespräche, gemeinsames Lachen, Kichern, Tratschen und Schweigen. Und auf tiefes Verstehen. Ja. Das ist so ene Ahnung und Hoffnung, die ich habe. Und es ist auch das, was mich bereits jetzt mit diesen drei Frauen, von denen ich erst Ulli persönlich kenne, verbindet. Viele Mails haben wir alle schon getauscht, viele Herzgedanken, wie das nur Frauen können, die schon vieles erlebt, erlitten und erkannt haben.

Frauenpower ist etwas Wunderbares. Etwas Nährendes.

Na ja, Frauen können leider auch anders. Können sich gegenseitig mit Zickenkriegen und dergleichen mehr, mit Vergleichen, mit Eifersüchteleien bis aufs Blut zerstören. Nicht nur Frauen, nein, aber zuweilen haben Frauen diese ganz fiese Art drauf, die ich bei Männern so noch nie gesehen und erlebt habe. Darin unterscheiden sich die Geschlechter auch, finde ich. Und ja,  natürlich machen sich auch Männer gegenseitig fertig, wenn es sein muss.

Warum eigentlich?

Nein, darauf suche ich keine Antwort. Nicht jetzt jedenfalls.

Jetzt will ich einfach nur genießen. Die Reise, so gut es mit meiner ganzen Nervosität überhaupt geht, die ich in mir habe. Genießen auch mit all der Vorfreude. Wie es wohl sein wird? Meine erste Bloggerlive-Begegnung – die mit Mösiö Irgendlink vor bald sechs Jahren – war jedenfalls sehr nachhaltig. 🙂

Gleich Rheinfelden. Bald Basel. Umsteigen.

Kurz nach zwölf lande ich in Berlin. Drückt mir die Daumen, dass alles klappt. Hach, ich Landei …

Winke-winke!

In den Pyrenäen #10 – Gestern und heute

Wenn dieser Artikel erscheint, sind Irgendlink und ich am Räumen, Packen und Putzen. Und bald schon auf dem Weg nordostwärts. Nach Hause. Unterwegs. Neue Schritte gehend. Neue Spuren legend.

Schneekind
Schneekind, getroffen am 2. Januar in der Nähe des Thermalbades von St. Thomas

Die Schritte, die ich bis hierher gegangen bin, kann mir niemand nehmen. Was ich erlebt, gesehen, gehört, gespürt habe, hinterlässt Spuren in mir. Das Gestern formt mein Heute mit und jeden Tag, der kommt.

Und der Schnee von gestern wird zum Schneekind. Die Sonne von heute bleibt auch irgendwo in meinen Zellen hängen und dieses Blog ist je länger je mehr zu einem ausgelagerten Gedächtnisbackup geworden. Wenn auch nur als Teil des ganzen. Wie alles immer nur ein Teil von allem ist (was immer alles überhaupt ist). Doch heute – wie Irgendlink und ich nach St. Thomas gefahren sind, um den letzten Nachmittag in den Pyrenäen im dortigen Thermalbad zu genießen – redeten wir darüber, wie lange uns diese Tage hier vorgekommen sind.

Wir erinnerten uns an die erste Wanderung dieser Ferientage so, als ob sie schon Jahre oder zumindest Wochen her sei. Die Tour zu den Wasserfällen, als es regnete? Fand in einem andern Leben statt … Die Wahrnehmung von Zeit verblüfft mich immer wieder neu – Ausdehung, Verdichtung … Die Zeit ist omnipotenter als wir ahnen.

Sie ist die kleine Schneekugel, in der alles drin ist und die im Verbund mit einer zweiten zu einem veritablen Schneekind wird.

Nun aber genug sofasophiert. Gute Reise, wohin immer ihr unterwegs seid, echtes Gewahrsein, wahrhafiges Hinhören, aufmerksames Unterwegssein, intensives Stillwerden – immer und immer wieder.

Bis bald in diesem Theater.

In den Pyrenäen #8 – Gestern: Ein letzter Gang im alten Jahr

Ein zwar ambitions- und zielloser dafür umso lustvollerer und bilderreicher Spaziergang gestern Nachmittag führte uns vor Augen, wie wenig es im Grunde braucht, um zufrieden zu sein. Einfach die Augen öffnen und gehen. Die Kameras klickten oft. Die Sonne schien unverdrossen. Und irgendwann wurde es kalt.

Wie schön, in die warme Bude heimkehren, sich aufwärmen und später gemeinsam etwas Gutes kochen zu können. Aus ganz einfachen Zutaten und dem unterwegs gepflückten Rosmarin.

Unaufgeregt und vermutlich ziemlich uncool haben wir um Mitternacht das alte Jahr zurückgegeben und das neue Jahr ausgepackt. Es sieht gut aus, das 2015. Ich mag die Zahlen. Und ich freue mich drauf. Sehr sogar. Trotz allem. Und weil ihr alle da seid, du und du, und du auch.

Danke!

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Auch heute hat Irgendlink frisch gebloggt. Hier.

In den Pyrenäen #4 – Gestern: Heldenzöix

Gestern vor der Wanderung. Nach-dem-Frühstück-Tischtuch-Quatscherei …

Fast zur Quelle hoch sind wir gestern gestiegen. Immerhin bis zum zweiten Wasserfall. Und das womöglich nur, weil ich mich in diesen Ferien entschlossen habe, mich nur rudimentär an der Planung unserer Aktivitäten zu beteiligen. Andernfalls hätte ich uns vielleicht ausgebremst? Mir so eine Tour nicht zugetraut? Was das Tagesprogramm betrifft, hat ja Irgendlink immer so tolle Ideen, dass ich mich diesen gerne anschließe. Einerseits, weil ich bis jetzt damit immer gut gefahren – und gewandert! – bin und andererseits auch, weil es meiner aktuellen Entscheidungsunlust so toll entgegen kommt.

Schon vorgestern zog es ihn zu den Wasserfällen, doch weil die Sonne uns auf die sonnige Bergseite gelockt hatte, waren wir ihrem Ruf gefolgt.

Vernet-Cascades_19Gestern nun war Regen angesagt, über Mittag und gegen Abend wieder. Wir sollten also wohl möglichst bald raus, wenn wir Regen vermeiden wollen. Na ja, möglichst bald heißt bei uns so gegen Mittag. Nach Regen sieht es nicht aus. Trockenen Fußes durchqueren wir das unter einer Wolkendecke liegende, verschlafen wirkende Dorf und fotografieren uns bergan.

Einzig eine süße Katze und später eine Frau in unserm Alter, die Holz auf ihre Karre lädt, treffen wir unterwegs. Die Holz ladende Frau meint, es sei den Leuten draußen zu kalt. Bei acht Grad ist Winter angesagt und gemütliches Zuhauseherumsitzen. Niemand mag dann draußen sein.

C’est la vie.

Bald finden wir das Wanderwegzeichen zu den Cascades, den Wasserfällen.
Die sind hier in der Nähe, sagt Irgenlink seit Tagen, und da hat’s zwei Geocaches.
Wir wandern also gemütlich bergan. Bald schwitzen wir. Bald setzt leichter Regen ein. Bald kommt die Gabelung, von wo an es zur Sache geht, denn bis hierher war es ein schöner Waldspaziergang, ab jetzt eine Bergwanderung.

Eine Stunde zwanzig Minuten bis zu den Fällen, sagt die Tafel, und es regnet nun schon stärker. Vernunft versus Abenteuerlust? Wir gehen weiter, keine Frage eigentlich.

Links der Bach, tosend und wild, der Weg immer wilder, immer steiniger, immer steiler. Tolle Wanderung. Eigentlich. Bloß nicht an noch mehr Regen und an Abstieg denken, ermahne ich mich innerlich.

Bild um Bild nehmen wir mit. Wunderbare Natur. Köstliche Luft. Stille. Immer öfter müssen wir auf abenteuerlichen Brücken und Furten den Bach queren, mal von rechts nach links, dann wieder zurück.

Und auf einmal finden wir ihn, den ersten Wasserfall. Der Cache ist vergessen. Atemlos vom Anstieg bestaunen wir dieses Naturkunstwerk, das kein Künstler schöner hinbekommen hätte. Ich hebe die Kamera. Genau in diesem Moment pustet mir ein frecher Windstoß, im Verein mit der Schwerkraft, meinen Schirm weg, den ich als Kameraschutz aufgespannt hatte. Mist! Doch schon klettert mein Held behände ins Flussbett und holt den Schirm. Nur die Melone fehlt, Charme dafür im Überfluss.

Das Wegstück zur zweiten Kaskade ist das bisher gefährlichste, steilste, nasseste und ich frage mich, ob wir bei solch verrückten Wanderungen eigentlich immer Regen als Background-Sound gebucht haben. Irgendlink macht Bild um Bild, Film um Film, während ich mich an einer trockenen Stelle, an eine Felswand gelehnt, ein bisschen ausruhe.

Beim Abstieg über die klitschnassen und glatten Felsen rutsche ich gleich zweimal aus. Autsch. Zum Glück ohne Schaden. Und zum Glück ist mein Held da und reicht mir immer mal wieder die Hand. Meine Beine sind kürzer als seine, was ich besonders deutlich merke, wenn es um die Querung von Furten geht. Bergwandern, das hat uns spätestens die Pilgerwanderung auf den Gotthard gelehrt, ist ein dauerndes Ausbalancieren. Jeder Schritt will geplant sein. Nur so kommen wir voran. Oder abwärts. Noch immer regnet es, doch irgendwann sind wir unten. Und der Regen hat auch endlich aufgehört.

Nach einem kleinen Einkauf im Dorfladen machen wir es uns daheim im Studio gemütlich. Hach, toll war das, und ich bin einmal mehr froh, die Strecke nicht im Voraus gekannt zu haben. Es geht doch nichts über keine Recherche und viel Vertrauen. Besser als jede Vorschuss-Angst!

Ich gehe um des Gehens willen. Ich lebe um des Lebens willen.

Verlieren und wieder finden

Meine letzten Monate waren intensiv, äußerlich und innerlich. Randvoll fühle ich mich, fast übersättigt. Voll mit Wörtern, mit Bildern. Heute ist fasten, verdauen und ausscheiden angesagt. Selbst Worte finden. Allenfalls ein Buch lesen. Allenfalls ein Buch besprechen. Spazieren gehen vielleicht. Ansonsten: selbst schreiben. Selbst kreieren. Selbst denken. Und dieser leisen Irritation in meinem Leben zuhören, die mich da fragt, was wirklich ist, wahr war und echt wird. In diesem Augenblicken möchte ich mein Netz sehen, alle meine Spuren, die ich bis hierher gegangen bin. Alle Verbindungen, Vernetzungen, Verstrickungen, Beziehungen, Verwandtes und Verwandte, Relations. Denn relativ ist alles. In Bewegung auch. Ein Ziehen und ein Lassen. Dichte Netze, in denen ich hänge. Dichte Schichten, gedichte Schichten. Geschichten. Gedanken, Spiele, Worte. So viele, dass mir nur schreiben bleibt. Ausscheiden.

Über das Verlieren nachdenken und was man finden kann, wenn man loslässt. Selbst wenn man es nicht bewusst getan hat. Die vielen Menschen, die meinen Weg kreuzen. Gekreuzt haben. Noch kreuzen werden. Manche sind eine Zeitlang fast parallel zu mir unterwegs, ganz nah tangieren oder kreuzen sie meine Umlaufbahn sehr oft und sehr intensiv. Irgendwann verändern sich unsere Lebenskurven und man sieht sich seltener, hört sich weniger und auf einmal ist ein Mensch weit weg. Obwohl er im Herz geblieben ist. Solche Menschen auf einmal wiederzusehen, ist für mich immer wieder wie Briefkasten öffnen am Geburtstag. Danke, liebe R., für diesen wunderbaren Nachmittag und Abend gestern. Den Einblick in dein Leben. Und in das deines kleinen-großen Sohnes. Ich fühle mich beschenkt.

Umlaufbahnen. Wege, die wir gehen. Ich möchte, wie gesagt, meine Wegkarte manchmal sehen, von oben am liebsten, wie einen von meiner Track-App aufgezeichneten roten Weg auf meiner Lebenskarte. Aber nicht nur die Wege von gestern, von letztem Monat, von letztem Jahr. Ganz von Anfang an! Würde ich so womöglich meine Lieblingsorte herausfinden, jene Orte, die mich am meisten nähren? Wären dies jene Orte, wo ich am häufigsten bin? Oder hat Häufigkeit keine Bedeutung, weil sie im Grunde nichts über die Qualität eines Ortes aussagt? Lieblingsorte – was müssen sie erfüllen, um diesen Namen zu verdienen?

Was Bern für mich ist, versuche ich noch immer zu verstehen. Immer wieder. Gestern war ich mal wieder dort und in der Umgebung unterwegs. Zuerst auf dem Friedhof. Ihn zu meinen Lieblingsorten zu zählen, wirkt auf den ersten Moment zynisch. Vor allem, wenn man nicht weiß, dass ich schon früher Friedhöfe gemocht habe. Vor allem, weil sie oft genau das sind, was ihr Name bedeutet; für mich jedenfalls. Die Gegenwart sichtbarer Endlichkeit erlebe ich nirgends so sehr wie auf Friedhöfen. Mir ist das Trost, meine Endlichkeit tröstet mich; jegliche Endlichkeit tröstet mich. Im Wissen darum, dass sich das Universum stetig ausdehnt und Endlichkeit letztendlich ja doch nur eine Illusion ist. [Und mittendrin die Frage, ob man elf Jahren danach wieder normal sein sollte. Normal?] Vermutlich. Keine Antworten finden und haben zu müssen, ja, auch das finde ich auf Friedhöfen. Und ganz viele Paradoxien. Am meisten aber finde ich hier Liebe. Liebe? Ja. Sie liegt unter der Erde, schwebt über den Gräbern, steht auf den Grabsteinen, vor allem aber ist sie Teil der Luft, die ich atme. Verlust. Trauer. Tränen. Ja, auch sie, am stärksten aber ist die Liebe.

Mein rotes Straßennetz also. Wo wären meine häufigsten Kreuzungen? Vielleicht dort, wo es am wenigsten Wege gibt. Und schon gar keine Schnellstraßen. In Wäldern vermutlich. Auf Hügeln. An Flüssen. In der Natur jedenfalls.

Gestern also. Um Bern herum. Vom Friedhof nach M.see, an die Fotoausstellung von Freundin R., die ich fast vier lange Jahre nicht mehr gesehen habe. Sporadische Mails zuerst noch. Irgendwann nichts mehr. Nicht absichtlich. Die Zeit, die Zeit. Das schnelle Leben. Auf fb haben wir uns schließlich vor ein paar Monaten wiedergefunden.

Am Anschluss an ihre Ausstellung lädt sie mich zu sich ein. Mit Sohnemann und ohne Autositz in meiner Karre will sie aber mit öffentlichem Verkehr nach Hause fahren, derweil ich mich durch den frühen Samstagabendverkehr fuhrwerke. Über Land mache ich kurz Halt und genieße die Weitsicht. Die Alpen. Den diesigen Nebel, der sich nun langsam, wo es Abend wird, wieder vor die sinkende Sonne schiebt, die alles gegeben hatte, um sich von ihrer besten Seite zu zeigen. Weite. Schneebergspitzen.

Eine ältere Dame sitzt in der Nähe, kommt auf einen Schwatz auf mich zu, später kommt ihre Schwester zurück, die mit dem Hund unterwegs war. Wir reden über die Berge, das Land, das Leben, den Weg von hier nach K., wo Freundin R. wohnt. Autobahn oder über Land, geht beides. Nein, hier lang gelangt man zwar nicht nach K., aber der Schlenker hat sich gelohnt. Die Aussicht. Die zwei Frauen. So will ich mal sein, so ähnlich, wenn ich so alt sein werde. Falls ich so alt werde. Offen. Interessiert.

Bevor ich nach K. fahre, zieht es mich, wenn ich schon in der Nähe bin, nach Ausserholligen, meinem früheren Wohnquartier. Sechs Jahre mein Zuhause. Und ja, wirklich ein Zuhause. Es ist auch jetzt noch, nach dreieinhalb Jahren, wie heimkommen. Erinnerungen überschwemmen mich. An die erste Zeit hier vor allem und an die Zeit, als ich Irgendlink schon kannte. Wie wir dieses Quartier gemeinsam erforschten. Ich betrachte die neuen Häuser, die Schule, die ich als Baustelle verlassen hatte. Ich sehe die neuen Läden im Quartier und frage mich, wie lange sie sich halten werden. Ich höre das stetige Straßenrauschen meiner Lieblingsstadt. Das Quietschen der Straßenbahn. Ich liebe diese Stadt, auch wenn ich ein Landei bin. La nostalgia. Nach K. fährt es sich fast wie von allein, ist ja mein früherer Arbeitsweg.

Monster
Tausendfüssler

Bei R. erzählen, lachen, staunen, fein essen, mit Sohn B. (6) über die Ausdehnung des Universums fachsimpeln und rumalbern. Sich wiederfinden, ohne sich je ganz verloren gehabt zu haben.

Lebenswege. Roter Faden. Heimweg.

Ich fädle mich in den Zubringer und schließlich in die Autobahn ein. Wie oft bin ich früher hier eingespurt? Richtung Süden am Anfang, später eher Richtung Norden, Basel, Strasbourg, Pfalz.

Das Leben. Meine Wege.

Über das Leben und alles unterwegs verlorene, verloren geglaubte, denke ich nach. Und was ich alles wieder zurückbekommen habe. Denn was ich losgelassen habe, ist nicht wirklich verloren. Aber ich muss nicht alles, was war, wiederhaben, nein. Weil es ja gar nicht weg ist. Habe ich die Musik, die Bücher, die Geschichten, die Menschen, die ich früher in meinem Leben hatte, verloren? Bin ich womöglich eine Ewig-Gestrige, weil ich noch immer einiges so habe wie früher? Und wenn schon. Schubladen sind mir egal. Ziemlich jedenfalls.

Nichts geht verloren, wandelt sich aber. Auch du und ich – wir alle verändern uns. Ich habe vieles beerdigt, und tue es noch. Immer mal wieder ist Beerdigung angesagt. Auf meinem ganz persönlichen Friedhof. Friede meinen Erlebnissen. Friede meinen Erfahrungen. Friede meinen Erinnerungen. Rest all in Peace. Restmüll ist es dennoch nicht. Alles biologisch abbaubar. Verwandlung, wie gesagt. Und auf einmal wird altes neu, wächst aus der Erde dem Licht entgegen.

Ausgekotzt – so fühle ich mich nun, Befindlichkeitsbloggerin ich. Leer.

Gut so. Platz für neues. Austausch ständiger. Raus. Rein. Essen. Trinken. Verdauen. Vergessen.

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Berlin

Jetzt sind wir also da. Eine ausgesprochen stress- und staufreie Fahrt hatten wir, obwohl uns die Zeltnachbarn am Sonntag gewarnt hatten. Mag sein, dass es an unserm Umweg über Lüneburg lag?

Auch den Tipp, Lüneburg zu besuchen, haben uns unsere Campingplatznachbarn gegeben. Es sei einfach so schön dort. Hätte uns das nicht schon misstrauisch machen sollen? Okay, Lüneburg war schön, stimmt. Schön, nett, ein wenig schief, aus schönen Backsteinen, die es nur hier gibt, gebaut … Aber es war mir persönlich doch fast ein bisschen zu sehr scheinbar heile Welt, als dass ich es als bleibende und unverzichtbare Erinnerung abbuchen müsste. Sorry, liebe LüneburgerInnen.

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Immerhin waren die belegten Brote wirklich köstlich, die wir uns in einer Pizzeria bauen lassen haben.

Ziemlich weit vom Schuss ist es auch, doch auf dem langen Weg zur Autobahn fanden wir schließlich einen Baumarkt und konnten dort eine neue rechte Scheinwerferbirne erstehen. (Ach, das wäre schon eine Geschichte für sich. Mal schauen, ob ich darüber mal berichte. Oder Irgendlink. So viel sei schon verraten: Es gibt manchmal Menschen, die toppen jede Fiktion und jedes Klischee. Und wir haben vorne rechts wieder Licht.)

Auch die Futtervorräte stockten wir unterwegs, in Aussicht auf einen Berliner Kühlschrank, wieder auf.

Klasse übrigens, dass wir ein Navi dabei haben. Was ich früher immer belächelte, macht süchtig. „Folgen Sie der Straße für 22 Kilometer“-Sprüche vermitteln Sicherheit, die ich zu schätzen gelernt habe. (Danke Journalist F., falls du das liest, für das tolle Geschenk!) 🙂

So fanden wir unsere Berliner Bleibe auf Anhieb. Eine Kleinanzeige hat uns hierher gebracht. Günstige, temporär leerstehende Studentenbude, Altwohnung, gemütlich, für wenig Geld. Dazu zwei Fahrräder zur freien Benutzung. (Danke, Sebastian!)

An der Wand hängt eine Karte der DDR, die mich an Emil denken lässt und sein Herz bestimmt höher schlagen ließe.

Bilder gibts noch keine. Außer von unterwegs.

Wildgänse?

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Heute ist es bedeckt, kühl … eine Radtour in den Prinzessinnengarten wäre fein? Mal schauen …

Gegenüber, im Aufbauhaus, gebe es eine große Versuchung für KünstlerInnen-Herzen: Eine Art Kunstzubehör-Baumarkt. Gefährlich! 🙂

Bild zum Tag #3

Die Gunst des freien WiFi nutzend, die wir im Hotelchen Sternen* zu Gurtnellen auf 700 Höhenmeter haben, blogge ich doch gerne kurz ein Bildchen.

Die Wetteraussichten sind nicht so toll, wie unsere Wanderlust – die ist ungebrochen. Trotz der strengen Etappe gestern (rauf, runter, rauf, runter, rauf … den Berg höher und höher).

Jetzt gehen wir auf die Post und schicken ein Paket mit überflüssigem nach Hause.

* Das Hotelchen ist zu verkaufen!

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