kreisen

Dieser Tage genieße ich fast nicht so sehr, wie nach getaner Arbeit – oder auch ganz ohne Pflichten davor – am Ofen zu sitzen und Krimis zu lesen. Wieso Krimis? Die Theorie, dass Krimilesen die eigenen schwarzen Seiten neutralisieren soll, die ich irgendwann irgendwo las, hat sicher was. Doch so furchtbar schwarz innen drin kann ich gar nicht sein, um die vielen Krimis, die ich lese, zu rechtfertigen. Wohl liebe ich einfach die Gegenwelten. Und gute Literatur. Denn ich lese längst nicht jeden Krimi. Die Sprache ist wichtig. Die Vielschichtigkeit. Die Dichte. Der Tiefgang. Die Menschen. Leseerfahrung, habe ich neulich gelesen. Ein Wort, das ich mir auf der Zunge zergehen lasse. Es riecht nach Kompetenz. Ein Wort, das ich bis dahin, trotz meiner Leseerfahrung, schlicht nicht kannte. Dennoch habe ich sie. Als Buchhändlerin, die ich ja auch bin, ein Muss. Und fast lese ich wieder so viel wie damals, als ich noch im Buchladen arbeitete. Auf zwei Bücher die Woche komme ich gut und noch viele Bücher warten darauf, von mir verschlungen zu werden. Es kommt bei der gelesenen Fülle sogar vor, dass ich mir Bücher unwissentlich ein zweites Mal aus der Bibliothek hole.
Ist es wohl gut oder schlecht, dass ich die gelesenen Geschichten und Titel vergesse?, fragte ich meinen Liebsten heute augenzwinkernd.
Weder noch, sagte er, das ist Alzheimer.
Buchstaben – ich liebe sie! Ich verschlinge Buchstaben. Ich ernähre mich von Geschichten. Ich schwimme in Geschichten. Ich surfe in Geschichten. Ich verschlinge Buchstaben allerdings nicht nur, ich spucke sie hinterher immerhin auch wieder aus. Gut verdaut, wie ich hoffe. Ich denke. Ich fühle. Ich beobachte. Ich nehme wahr. Ich schreibe. Buchstaben hat es ja genug für alle.
Energie wird nicht verbraucht, sagte gestern Abend S., das ist eine Lüge. Und sie kann auch nicht erzeugt werden. Das ist irreführend formuliert. Energie ist immer da. Das einzige, was wir tun, ist sie umzuwandeln.
Sag ich doch schon lange. Alles ist immer da, wechselt nur die Form. Ob Alphabet oder Energie ist dabei einerlei. Buchstaben sind sowieso Energie pur. Und absolut neutral. Denkt nur, was sich mit diesen kleinen Kerlchen alles anrichten lässt – Krieg ebenso wie Frieden …
Im Kreis, immer im Kreis …

0 Kommentare zu „kreisen“

  1. Ich habe in den letzten Jahren eigentlich Probleme, gute Bücher zu finden. Vielleicht bin ich einfach auch zu kritisch geworden oder habe wenig Glücksgriffe gelandet. Manchmal wünschte ich, ich könnte diese kritische Brille wieder ausziehen. Übrigens hole ich mir nie freiwillig einen Krimi. Ich weiß nicht wieso, aber Krimis reizen mich nicht. Dafür mag ich Fantasy und Science Fiction. Aber auch nicht oft, nur manchmal als Ausgleich. Im Moment lese ich fast nur auf Englisch. Da haben die Geschichten noch einmal einen anderen „Geschmack“ und andere Farben …

    1. ja, gut geschriebene bücher finden ist in der tat eine große herausforderung. ich lese längst nicht alles. selten mal lese ich ein schlecht geschriebenes buch zu ende, da muss dann der plot schon superspannend sein. englisch lese ich nur selten, geht aber recht gut und ist eine gute übung, um meine kenntnisse nicht einrosten zu lassen.
      ich kann mit SciFi und Fantasy wenig anfangen. ersteres gar nicht, zweiteres ab und zu.
      ich denke, die faszination beim krimi (und wahrscheinlich bei dir bei deinen lieblingsgenres) ist, dass es eben meistens zu einer klärung von dramen kommt. dass es lösungen gibt. wenn diese allerdings zu simpel sind, gefällt mir die geschichte nicht. ich liebe es, wenn die protagonistInnen einen weg zurücklegen und sich unterwegs zum guten verändern 🙂
      (warum ich jetzt an märchen denken muss? keine ahnung … *lach*)

  2. Was, Du bist gelernte Buchhändlerin?
    Wow.
    Meine Freundin macht in die von ihr gelesenen Büchereibücher um die Seitenzahl 15 immer einen kleinen Bleistiftkreis….Inzwischen gibt es auch eine 11-er-Umkreiserin…
    Gruß in den Tag….
    Sonja

    1. joooah, in meiner zweitausbildung hab ich mich mit büchern rumgeschlagen. eine tolle welt, die mich immer noch fasziniert. wenn man/frau davon bloß leben könnte!
      deine idee muss ich aufgreifen. das ding ist, dass ich hier in zwb. ja nicht die gleichen bücher vor mir in den gestellen finde wie in bern. selbst wenn ich dort die bücher markiert hätte, würde es mir hier nix nützen. da ich schon so oft umgezogen bin … hm. und viele bücher lese ich auch von freundInnen. kurz und gut: die übersicht halten könnte ich echt nur, wenn ich meinen plan, den ich seit zwanzig jahren habe, nämlich jedes buch, das ich lese, aufzuschreiben und kurz zusammenzufassen, endlich umsetzen würde. guter vorsatz für 2012 🙂

    1. jaaa, ich liebe bibliotheken auch. nur schon der geruch! meine wohnung ist eh schon voller bücher, wenn ich ein neues kaufe, muss ich immer platz suchen. ich kaufe trotz bibliotheken doch pro monat mindestens ein neues buch. eins von denen, die ich einfach haben muss 🙂
      welche krimis ich liebe?
      meine favoriten sind …
      – fred vargas, die pariser autorin mit einer ganz eigenen art, die welt zu sehen und einer genialen sprache. ich liebe ihre figuren! von ihr habe ich alle bücher gelesen und die meisten im gestell.
      – dann der norweger jo nesbö. seinen harry hole kenn ich schon seit zwei jahren, oder erst, aber auch hier: alles gelesen, was er geschrieben hat (und in deutsch zu haben ist).
      – der exilschweizer und in berlin lebende linus reichlin ist eine eher neue entdeckung. seine romane sind in erster linie romane mit thrillerelementen. er hat einen zugang zur metaphysik, die voll gut vermittelt werden kann.
      – dann die schwedin anne holt: bei ihr liebe ich die weibliche weltsicht und ihre verschrobene, lesbische kommissarin hanne.
      – die schweizerinnen petra ivanov und mitra devi können es mit den genannten autorInnen ebenfalls aufnehmen.
      – dann mankell, larsson, edwardson, indridason, undundund
      ich liebe fortsetzungen wie bei den meisten genannten: wenn die immer gleichen figuren vorkommen und unterwegs prozesse erleben.
      literarisch bin ich – wie du siehst – ebenso eine skandinavienliebhaberin wie in natura 🙂
      viel spaß beim neuentdecken.
      deine favoriten interessieren mich sehr!

  3. wie froh ich bin, dass auch du titel und autorInnennamen vergisst, das macht meinen persönlichen alzheimer erträglicher. bücher verschlingen… ja, das tue ich auch, es sei denn ich habe gerade mal eine praline in den händen, wie gerade das zweite paradies von Hilde Domin… da ist fast jeder satz eine kleine offenbarung, eben, weil sie weiß die buchstaben zu setzen! daraus worte und sätze zu formen, die über das allgemeine weit hinaus gehen.
    krimis… ich lese sie und dann brauche ich wieder eine pause, so wie gerade eben. krimis, gut geschrieben, tief recherchiert sind für zeitgeist, wenn auch manchmal ein sehr gruseliger- fühle mich oft wie komissar walander: müde ob der zunehmenden gewalt und perversion, aber die gibt es eben und darum lese ich auch krimis, damit ich nicht den faden verliere zu dem was welt eben auch ist!

  4. jaaa, ich esse ja auch nicht immer das gleiche. immer nur pralinienbücher würde nicht gehen. und immer nur krimis auch nicht. doch bei krimis ist es eben meistens so, dass es irgendwann eine art lösung (eine punktuelle für das konkrete problem) gibt. und doch, das große ganze lässt sich nicht aufdröseln. wie bei wallander und seinen kollegInnen.
    es macht dennoch mut, dass es – zumindest in büchern – menschen gibt, die für das gute kämpfen. auch wenn sie sich dabei aufreiben. hm … ein abbild des zeitgeists. ich habe grad gestern einen ake-edwardson aus dem letzten jahrhundert (1997) fertig gelesen. die welt hat sich seither verändert. und doch ist sie auch irgendwie gleich geblieben … gleich schlecht und gleich gut.

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