Der Anfang vom Ende – Akt zwei

Akt eins, wen wundert’s, ging am Tag X über die Bühne. Jenem Tag, als ich den Kindern an der Schule, wo ich letzten Herbst für ungefähr drei Monate gearbeitet habe, meinen baldigen Abschied vorankündigte.
Akt zwei läuft jetzt. Meine letzten Tage in Deutschland. Morgen in zwei Wochen laden wir das Umzugsauto und fahren in die Schweiz. Danach werde ich hier noch ein paar Tage Abschied nehmen. Und putzen – als Akt des Abschließens. Die Zugabe. Mein Bonustrack sozusagen.
Akt zwei begann heute. Mit meinem Gang in den Keller, wo ich die leeren Umzugskartons gestapelt habe. Einige sind schon mindestens fünfmal mit mir umgezogen. Ich erkenne es an den Schriftzügen der Helferinnen. Küche steht da – in B.s akurater Schrift. Akt zwei also. Wie ich mit drei leeren Kisten ins Wohnzimmer betrete, mir einen Packplatz einrichte und Bücher mit leichten Sachen kombiniert verpacke, damit die Kisten nicht zu schwer werden.
Drei Kisten später kommt J. von der Arbeit nach Hause. Wir stehen vor dem halbleeren Büchergestell. Seltsam, wie leere Gestelle das Lebensgefühl verändern. Seltsam, wie Leere nach Fülle schreit. Seltsam schön, dass diese Dinge, diese Kleinigkeiten nun verpackt sind. Ein Grundgefühl von Schwerelosigkeit will sich in mir breitmachen. Auf einem Regalboden meines Büchergestells waren noch vor ein paar Stunden Bücher von Menschen, die ich persönlich kenne, versammelt. Allesamt signierte Bücher, selbst oder bei einem Verlag herausgegeben, einige wenige auch handgebunden. Eins von J., eine limitierte, wunderschön handverschraubte Ausgabe eines Weblog-Buches, das er vor bald zehn Jahren publiziert hat. Er erzählt darin aus einer Zeit vor unserer Zeit. Der gleiche Mensch, doch mir noch unbekannt. Seltsam vertraut. Ich tauche lesend – nicht zum ersten Mal – in das Leben eines Menschen ein, den ich heute kenne. Heute? Kenne? Beides relativ. Beides immer im Wandel.
Außen- und Innenwelt gehen zurzeit nahtlos ineinander über. Da ist Vorfreude auf sovieles. Auf den Frühling. Auf den Neuanfang. Auf die Schweiz. Auf die neue Wohnung und das Einrichten. Mit-Vorfreude auch – zusammen mit Irgendlink – auf dessen große Reise.
Eine Kehrseite hat alles. Kehrseite von neuer Wohnung ist alte Wohnung. Von Neuanfang Loslassen. Von Schweiz in meinem Fall hier Deutschland. Von Reise Sehnsucht. Von Abenteuer Ungewissheit.
Innendrin sitzt Geborgenheit und innendrin ist auch Angst zuhause. Nachbarinnen, die sich zuweilen aneinander aufreiben. Angst nimmt oft noch zu viel Platz ein und tapeziert das Treppenhaus mit großen, einschüchternden Plakaten. Geborgenheit schüttelt leise den Kopf darüber und sagt, dass ich mich nicht fürchten soll. Am Ende sei sie stärker. Am Ende vom Ende. Da wo alles anfängt. Immer. Und jetzt auch.

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