Fortsetzung?

Will ich wirklich einen MĂ€zen, eine MĂ€zenin? Nein, Ă€hm, jein, meine ich, will heißen, nicht auf die klassische Weise … Nachdem ich meinen letzten Blogartikel auf die Öffentlichkeit losgelassen hatte, ĂŒberfielen mich – wie so oft – Zweifel, missverstanden zu werden. Ich war sogar nahe dran, den Artikel zu löschen. Doch ist fortsetzen nicht besser als löschen? So wie ich meine LektĂŒre in besagtem Buch fortgesetzt habe. Dabei fand ich heraus, dass Richard, der Ich-ErzĂ€hler, sich mitnichten Henry als MĂ€zen angelacht hat, wie ich zuerst gedacht hatte. Richard ist ein Stipendiat und erarbeitet sich, was er zusĂ€tzlich zum Leben braucht, selbst. Im Gegensatz allerdings zu seinem Kommilitonen Bunny, der … (nein, halt, Die geheime Geschichte von Donna Tartt muss wirklich selbst gelesen werden. Das Drama bahnt sich an, zeichnet sich ab … lĂ€sst mich mit vielen Fragen kaum schlafen …).

Das Stichwort heißt sich den Lebensunterhalt erarbeiten. Lasst mich das Thema fĂŒr einmal von einer ganz andern Seite aufrollen.Fakt ist: KĂŒnstlerinnen und KĂŒnstler aller Genres spiegeln ihre jeweilige Gesellschaft mittels ihrer Ausdrucksmittel wider. Zu allen Zeiten haben sie Spuren beobachtet, mithilfe ihrer Medien ausgedrĂŒckt und den Mitmenschen und der Nachwelt hinterlassen. Eine Definiton des historischen Wertes von Kunst – super vereinfacht gesagt. Der gegenwĂ€rtige Wert von Kunst – fĂŒr einmal nicht in Franken oder Euro, sondern im umfassenden Sinn – erschließt sich oft erst auf den zweiten Blick. Das war bei Van Gogh so, das ist noch heute so.

KĂŒnstlerischer Ausdruck findet in der Gegenwart nicht immer RezipientInnen, die ihn verstehen. Dennoch wurde diese so gesehen „wertlose“, sprich wirtschaftlich nicht relevante Kunst geschaffen. Will heißen, wirtschaftlich gesprochen konnte der oder die Kunstschaffende in dieser Zeit keiner „richtigen Arbeit“ nachgehen, der oder die Kunstschaffende hat in dieser Zeit kein Geld verdient, sondern Zeit verplempert mit …

Schnitt.

KĂŒnstlerInnen entsprechen und entsprachen, sage ich mal, den Hofnarren des Mittelalters. Ein bisschen jedenfalls. Sie waren wichtig damals, die Hofnarren, weil sie als einzige – theoretisch – ungestraft alles sagen konnten. Und sie gehörten zum Hofstaat. Weise Herrscher und Herrscherinnen konnten vom unverstellten Blick ihrer Narren lernen und hörten ihnen genau zu. Möglicherweise vertrauten sie ihnen so sehr, dass sie sogar Kriege absagten, wie ich meine, es vor langem in einem historischen Roman gelesen zu haben. (Wir brauchen sie auch heute, diese mutigen Hofnarren und HofnĂ€rrinen.)

ZurĂŒck in die Gegenwart. Ich verbessere mich, wie gesagt. Ich brauche keinen persönlichen MĂ€zen. Nicht MĂ€zenInnen braucht die Welt, sondern ein neues Förderkonzept fĂŒr die akutellen Kunstschaffenden, die heutigen Weltnarren und WeltnĂ€rrinnen! Ich behaupt, dass es schon bald weniger Drogenprobleme, weniger TablettenmissbrĂ€uche, weniger Burn-Outs, weniger Suizide, weniger Depressionen, weniger Krankheiten, weniger Stress geben wĂŒrde, wenn Kunstschaffende, die noch nicht von ihrer Kunst leben können, ganz selbstverstĂ€ndlich finanzielle UnterstĂŒtzung und damit auch gesellschaftliche Anerkennung erhalten wĂŒrden. Ein bisschen ist es bei ihnen – also bei uns, bei mir! – nĂ€mlich wie bei Hausfrauen/-mĂ€nnern mit Kindern: Sie tun wertvolle Dinge, die allerdings niemand so richtig sieht. Sie kreieren Dinge, deren Wert nicht in Geld messbar ist. Wie MĂŒtter und VĂ€ter gestalten Kunstschaffende die Welt von morgen mit.

Und nein, ich bin nicht zu faul fĂŒr „richtige Arbeit“ (was immer das ist!), ich wehre mich nur einfach innerlich gegen diese Trennung von „richtiger Arbeit“ und dem latenten Vorwurf an Kunstschaffende, „nichts“ zu tun. Ich wehre mich gegen den allein-selig-machenden Maßstab Geld, an dem heute jede „Leistung“ gemessen wird. Und ja, ich wĂŒnsche mir, dass das Bedingungslose Grundeinkommen Wirklichkeit wird.

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Mehr Infos:

bedingungslos.ch
www.grundeinkommen.ch
Facebook-Seite Bedingungsloses Grundeinkommen

Auch ruhende Vulkane sind Vulkane

Richard, der Ich-ErzĂ€hler – dank eines Stipendiums am College –, findet zufĂ€llig Aufnahme in der Klasse des exzentrischen Professor Julian, der als Einziger diese Gruppe AuserwĂ€hlter unterrichtet. Die sechs jungen Leute aus dem Buch Die geheime Geschichte von Donna Tartt, das ich seit vorgestern lese, nĂ€hern sich in ihren Studien dem Wesen und Denken der Klassiker an, den alten Griechen, den alten Römern. Alle sind sie irgendwie besessen von dieser fernen alten Welt. Besonders Henry. FĂŒr ihn gibt es fast nur seine BĂŒcher und die vielen Sprachen, die er studiert. Er will sich nach dem Studium, falls er es denn je abschließen wird, voll und ganz der Erforschung alter Sprachen und Kulturen widmen und BĂŒcher schreiben. Geld genug hat er, um ein Leben lang nie etwas anderes arbeiten zu mĂŒssen. FĂŒr den jungen Kalifornier Richard, bis dahin kaum gereist, ist diese Gruppe ein GlĂŒcksfall. Seine Ă€rmliche Herkunft verbirgt der NeunzehnjĂ€hrige, der die neue Welt im Nordosten der USA mit offenen Sinnen aufnimmt, hinter einer erfundenen Biografie. Nach und nach ĂŒbernimmt er den Lebensstil seiner neuen Freunde, die ein vom Rest der Welt losgelöstes Leben fĂŒhren. Geld ist genug da um sorglos einen Tag nach dem andern nehmen zu können. (Doch eines Tages … Nein, mehr gibt’s nicht. Bin ja auch noch nicht weiter. Lest selbst. Das Buch lohnt sich!)

Schnitt.

Mein „neues Leben“, wie ich den neuen Lebensabschnitt als SelbstĂ€ndige fĂŒr mich gerne nenne, ist ein Leben ohne sicheres Einkommen. Das ist, zugegeben, eine Herausforderung, die ich noch nicht so ganz verinnerlicht habe. Das bedingungslose Grundeinkommen ist leider noch nicht eingefĂŒhrt worden und so sollte ich endlich mal in die GĂ€nge zu kommen und neue Werbeaktionen fĂŒr meinen Textservice aufzugleisen.

Stattdessen widme ich mich hingebungsvoll meinem technischen und kreativen Flow, vertiefe mich in HTML und CSS, arbeite an einem Kunstobjekt, das in fĂŒnf Wochen ausgestellt werden soll, texte da und dort an Artikeln und BĂŒchern, bearbeite Bilder, gehe spazieren. Schlafe viel. Arbeite viel. Gehe spĂ€t zu Bett. Schreibe morgens stundenlang im Bett Tagebuch. Oder notiere Textideen. Kurz und gut: Ich lebe das Leben, wie es mir gefĂ€llt. Aber, Ă€hm, darf ich das ĂŒberhaupt? Darf man das? Nein, keine Angst, ich lebe nicht in Saus‘ und Braus‘, auch konsumiere ich keine anderen Drogen außer Schokolade und Buchstaben. Dennoch brauche ich ein wenig Geld zum Leben, denn ich muss monatlich Miete und Krankenkasse zahlen, Lebensmittel brauche ich auch und ab und zu Benzin.

Ein MĂ€zen, ich brauche einen MĂ€zen!, habe ich heute morgen zu Irgendlink gesagt, als wir kurz telefonierten. Ich brauche einen Henry (oder eine Henriette), wie ihn Richard gefunden hat … jemanden, der seinen materiellen Reichtum mit mir teilt. Habe ich zu ihm gesagt. Brauche ich. Weil ich mir nichts mehr wĂŒnsche, als so zu arbeiten, wie es mir entspricht. Ich arbeite viel, doch meine Arbeit ist nicht mit den MaßstĂ€ben der Wirtschaft messbar. Es ist Herzarbeit, Seelenarbeit, Arbeit, die nicht jetzt sofort sichtbar wird, allenfalls spĂ€ter. Es ist Arbeit, die ich gerne tue. [NatĂŒrlich sind wir, als Liebende und GeschĂ€ftspartner auch MĂ€zen und MĂ€zenin fĂŒreinander. Zurzeit relauncht Irgendlink meine GeschĂ€ftswebseite, wofĂŒr ich anderswo teuer Geld zahlen mĂŒsste. Und ich lektoriere ihm immer mal wieder Texte. Gabentausch, wunderbar!]

ElitĂ€r, so zu denken – in einer Welt voll Krieg und Armut? Darf ich mir ein materiell sorgenfreies Leben wĂŒnschen – und dĂŒrfte und könnte ich es genießen und mir gönnen, wenn ich es denn endlich hĂ€tte? Wie geht es andern Kunstschaffenden mit der Materie, dem Geld, dem schnöden Mammon? Und wie geht es allen andern damit?

Nachdem ich diesen Artikel heute Morgen, noch im Bett, notiert hatte, las ich Irgendlinks Blog. Siehe da:

Konstruktion und Dekonstruktion sind wie ungleiche Zwillinge, die ein Lebtag miteinander ringen, wer der stĂ€rkere ist. Einzig die Herzblutdinge, Texte wie diesen hier zu schreiben etwa, völlig ohne finanzielle Hintergedanken, einfach nur um des Textes willen, oder eben ein Kunstwerk zu schaffen, das man einfach nur um des Werkes willen schafft, sind ein Lichtblick im Werden und Vergehen, in dem die KrĂ€fte in unbeschreibbaren Zyklen kommen, einander aufwiegen, ĂŒberwiegen und wieder vergehen.

Quelle: Irgendlink, Zerfall, 11. 8. 2014

Neulich habe ich mal wieder meinen Essay ĂŒber die KĂŒnstlerInnenseele gelesen, den ich vor Jahren verfasst habe. Das Fazit daraus?

Auch ein ruhender Vulkan ist ein Vulkan. Er wird durch seine Beschaffenheit definiert, nicht durch die HĂ€ufigkeit seiner Eruptionen.

Quelle: Das Wesen der KĂŒnstlerInnenseele, © by Sofasophia/dm

spazierengehen

Freitag. Ich sitze auf jener Wiese bei der großen Linde. Über dem Dorf. Weitblick ins Tal. Im RĂŒcken ein kleiner Baum. Kleiner als die große Linde, aber dennoch groß, relativ groß, grĂ¶ĂŸer als ich. Vor mir auf der Wiese, eingezĂ€unt mit Stacheldraht, ein paar KĂŒhe. Rinder noch vielleicht; sie sind zu weit weg, als dass ich es erkennen könnte. Mit Glocken um die HĂ€lse, wie es fast nur noch KĂŒhe auf weiten Alpwiesen tragen. Glockengebimmel. Über mir ein kleines Sportflugzeug.

Bei der Linde
Bei der Linde

Weiter weg das auf- und abschwellende GerĂ€usch eines Traktors, dessen AnhĂ€ngsel einen Acker pflĂŒgt. Ein paar Vögel schwatzen im nahen Wald. Von unten im Dorf ab und zu kreischende Kinderstimmen. Sonst nichts. Feierabend. Das Buch bleibt im Rucksack. Ich erinnere mich an die Pilgerwanderung im Juli. Wie oft ich einfach nur dasaß, ohne zu reden, zu schreiben, zu lesen, zu denken. Einfach nur sein. Mich erinnernd werde ich still. Wird es in mir still. Meditieren kann ich nicht, aber immer öfter kann ich diese Stille einfach zulassen. Dieses gegenwĂ€rtige Sein. Dieses Nichts-Tun außer zu sein. Weil es mir gut tut. Und weil es eine klitzekleine Flucht aus dem Alltag ist, einer dieser not-wendigen Fluchten, die helfen, Distanz zu bekommen. Die Dinge anders zu sehen.

Ist die Welt, so denkt es auf einmal in mir, ist die Welt nicht wie eine einzige große Wiese mit vielen verschiedenen Grassorten?
Fettwiesen, gedĂŒngte Wiesen, in denen nur die robustesten Blumen ĂŒberleben. Eine Wiese also mit Blumen und GrĂ€sern, die schnell nachwachsen und sich den UmstĂ€nden anpassen können. WĂ€ren das die StĂ€dte und die StĂ€dterInnen?
Magerwiesen, wo sich Schmetterlinge tummeln, wo viele bunte Blumen wachsen, wo GrashĂŒpfer – hierzulande HöigĂŒmper –, Grillen und andere Insekten sich ihres Lebens erfreuen. WĂ€ren das die Dörfer und ihre BewohnerInnen?
Nein, das ist zu einfach, das Bild. Ich selbst habe beides, ĂŒberdĂŒngte und Magerwiesen, in meiner Seelenlandschaft. Wie die meisten von uns. Dennoch: es ist eine ĂŒppige Magerwiese mit vielen Blumensorten, die ich zuweilen imaginiere, wenn ich mich entspannen will. Eigentlich fast wie hier sitze ich in solchen Vorstellungsbildern an einen Baum gelehnt oder ich spaziere an Magerwiesen vorbei oder durch WĂ€lder. Es ist immer die Natur, die mir hilft, zur Ruhe zu kommen – vorgestellt oder in echt.

Die fetten Wiesen, die der möglichst nĂ€hrstoffreichen Nahrungsaufnahme zwecks Milchproduktion bei KĂŒhen dienen, sind vor allem wirtschaftlich relevant. Ebenso wie nicht alle Menschen in der Schweiz EinfamilienhĂ€user bauen können, weil der Platz dafĂŒr gar nicht reichen wĂŒrde, können die KĂŒhe auch nicht alle auf mageren Weiden grasen und deren langsam nachwachsendes Gras essen. Sie wĂŒrden langfristig zu wenig Milch produzieren. Und diese wĂ€re deshalb zu teuer fĂŒr die Massen. FĂŒr welche all die HochhĂ€user, Blocks und MehrfamilienhĂ€user ĂŒberall gebaut werden. Und außerdem könnten sich eh nicht alle ein Einfamilienhaus leisten. [Zynisch? Ich? … aber nein … fast gar nicht … ;-)]

Unten das Dorf
Weitblick ins Tal

Ist das Einfamilienhaus nun eine Mager- oder eine Fettwiese? Je lĂ€nger ich mich mit meiner Wiesen-Parabel auseinandersetze, desto mehr stelle ich fest, dass mein Vergleich hinkt. Auf beiden Beinen sogar. Schwarz-weiß gibt es nicht mal in der Fotografie. Nuancen, Schattierungen, Details, Differenzierung 
 Dinge, die wir im Zeitalter der schnellen Klicks und der noch schnelleren GedankensprĂŒnge zuweilen vergessen.
Auch, dass der erste Blick eben nicht mehr ist als ein erster Blick. Dass ein Bild immer nur ein Ausschnitt vom Ganzen ist und sogar das vermeintlich Ganze nur vorlĂ€ufig ganz. Auch eine Metapher deckt nie alles ab – und auf. Alles hat immer noch mehr Seiten als die, die man beim ersten, zweiten und dritten Hinsehen erkennt. Immer gibt es noch den einen, nicht unwesentlichen Teil, den unsichtbaren, unbewussten, unfassbaren.

Womit wir bei dem Buch wĂ€ren, das ich gestern zu lesen begonnen habe – das erste nach fĂŒnf oder sechs Wochen Buchabstinenz! In Die geheime Geschichte* von Donna Tartt doziert der Griechisch-Professor:

„… weil es gefĂ€hrlich ist, die Existenz des Irrationalen zu ignorieren. Je kultivierter ein Mensch ist, je intelligenter, je beherrschter, desto nötiger braucht er eine Methode, die primitiven Impulse zu kanalisieren, an deren Abtötung er so hart arbeitet.“

Das Unsichtbare, das Irrationale also? Ja. Unsere wilde Seite. Unsere „primitiven Impulse“. Unsere archaischen SehnsĂŒchte – nenne ich es lieber. Ich töte sie nicht ab, nein, ganz im Gegenteil, ich lebe sie. Beispielsweise, wenn ich in den Wald gehe, raus in die Natur, auf die Berge. Wenn ich mich ins Gras lege. Wenn ich jauchze. Wenn ich die BĂ€ume streichle. Wenn ich dem Wald ein paar Lieder singe, wie gestern auf dem Heimweg.

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* Mehr ĂŒber das Buch, das seelenverwandt mit dem Film Dead Poet Society ist, hat gestern My Crime Time gebloggt. Vom Artikel angefixt habe ich das Buch sofort gekauft. Was ich nicht bereue.

renoviert

Aus lauter Lust daran, Ordnung in mein „neues Leben“ zu bringen, habe ich mein Blog umgebaut. Da und dort habe ich neue WĂ€nde hochgezogen, die SchrĂ€nke ein bisschen umgestellt und neue Sitzgelegenheiten geschaffen. Eine Lounge fĂŒr meine Texte sozusagen. Alles, was vorher schon da war, ein bisschen leichter zugĂ€nglich gemacht.

Unter Meine Projekte zum Beispiel findet ihr meine Spiel- und TummelplĂ€tze fĂŒr Kreatives wie Texte und Bilder.

Unter Sichten stelle ich alle meine Buchprojekte vor.

screenie blog neu2

Unter Stoff findet ihr ein paar bunte Text(ili)e(n) aus meiner Schublade.

screenie blogneu1

Probiert es einfach aus und fahrt mit der Maus ĂŒber die MenĂŒs. So entdeckt ihr ganz leise ein paar nĂ€here Infos ĂŒber die Inhalte der einzelnen MenĂŒpunkte.

Viel Spaß beim Lesen, Stöbern und Finden … 😉

Die Technik und ich – ein paar Parabeln

Ein bisschen ist es wie nach einem Bad in der Onsernone. Oder in der Reuss meinetwegen. Ich fĂŒhle mich wie neugeboren. Vielleicht sogar besser, denn an meine erste Geburt habe ich leider keine wirklichen Erinnerungen mehr. Egal. Hauptsache ich fĂŒhle mich so. Wie neugeboren, wie frisch getankt, wie frisch gefĂŒttert. Und so Ă€hnlich fĂŒhlt sich jetzt bestimmt auch mein Laptop. 🙂

Ich mag Metaphern, Gleichnisse – Bilder, die mir die Welt erklĂ€ren. Schon sehr jung habe ich mir solche Bilder notiert oder aufgemalt. An eins erinnere ich mich noch genau. Es war in meiner pĂ€dagogischen Ausbildung, als ich Kindern beim Sandburgenbau zuschaute. Das Loch wurde immer tiefer, der Berg daneben wuchs im gleichen VerhĂ€ltnis zum Loch. Wenn das kein Gleichnis ist! Eben.

Ein weiteres habe ich vor kurzem auf unserer Pilgerwanderung erlebt. Eines Morgens war Irgendlinks Rucksack wie vom Erdboden verschwunden. SpĂ€ter haben wir ihn in der zehn Meter tiefen Reussschlucht unten gefunden, ziemlich lĂ€diert, von einem großen Tier angeknabbert. (DarĂŒber hat Irgendlink hier (klick) gebloggt). Auch meine Überlebensdecke, die ich als Regen- und SchutzhĂŒlle nachts um meinen Rucksack gewickelt hatte, war zerrissen und als Regenschutz nicht mehr brauchbar. Am nĂ€chsten Tag, in Andermatt, konnte ich mir eine neue kaufen. Eine grĂ¶ĂŸere und bessere – was fĂŒr eine Metapher und Verheißung fĂŒr mein „neues Leben“ als SelbstĂ€ndige! Ich verstehe dieses Bild als BestĂ€tigung dafĂŒr, dass ich dem Leben vertrauen kann.

Und nun dies. Seit ein paar Wochen, Monaten gar, zickte mein sechsjĂ€hriger Laptop herum. Er lud den Akku nicht mehr richtig – vor allem nicht, wĂ€hrend ich arbeitete. Dummerweise lief er zuweilen nur noch ĂŒber diesen kaum mehr richtig befĂŒllbaren Akku und stĂŒrzte in der Folge immer mal wieder ab. Ohne Akku lief er irgendwann gar nicht mehr. Irgendlink und ich tippten auf ein Hardwareproblem und ich suchte im Netz nach Ă€hnlichen FĂ€llen, las dies und das und probierte aus. Die Rede war von BIOS neu installieren und von doppelten EintrĂ€gen, von denen man einen löschen mĂŒsse. Was ich nicht alles versuchte und nichts half! Schließlich bestellte ich mir einen neuen Akku und war glĂŒcklich, dass sich dieser immerhin wieder besser laden ließ und ich so lĂ€nger am Laptop arbeiten konnte, bevor ich mein Uralt-Teil, einen bereits zehnjĂ€hrigen Laptop, aufstarten musste. Das Uralt-Teil ist so weit okay, aber unendlich langsam und kann immer nur etwas aufs Mal laden. Dennoch war ich froh darĂŒber und saß vor den Ferien immer öfter an diesem Kistchen.

Mein Laptop ist wie ich, sagte ich zu Irgendlink vor den Ferien, er ist ĂŒberlastet, mĂŒde, der Akku ist leer. Er braucht viel Zeit um laden.

Nach der Wanderung beobachtete ich, dass sich mein Laptop auf dem einsamen Gehöft schneller und besser laden ließ als am Schweizer Stromnetz. Erstmals kam mir der Gedanke, dass womöglich etwas mit der Spannung, mit dem Netzteil nicht in Ordnung sein könnte. So suchte ich im Internet nach Hinweisen, die diese Theorie bestĂ€tigten oder verwarfen. Mein Verdacht verdichtete sich jedoch, als ich las, dass man meinen Laptop zwingend mit 90 Watt fĂŒttern sollte, damit er den Akku laden kann. Dass nĂ€mlich sonst zu wenig Spannung dafĂŒr sei um den Akku befĂŒllen zu können. Ich bestellte also einen Original-Adapter, einen, der sogar mit Wechselstrom klarkommt und Spannung ausgleichen kann. Und siehe da: Seit gestern lĂ€dt sich mein Akku wieder auf, wĂ€hrend ich arbeite.

Es fĂŒhlt sich wirklich an, als wĂ€ren mein Laptop und ich neugeboren. Wir können nun wieder zusammenarbeiten ohne stĂ€ndig Angst vor AbstĂŒrzen haben zu mĂŒssen. Mein Lappi lĂ€uft jetzt wieder sowohl mit Akku als ohne und ist – ich spĂŒre es genau! – sehr glĂŒcklich, diesen stĂ€ndigen Mangel und dieses stĂ€ndig falsche Futter hinter sich zu haben!

Was habe ich ihm da bloß angetan, vor drei Jahren, als ich das neue Netzteil gekauft hatte, in der Meinung, dass es das richtige sei! Gut, so was funktioniert womöglich eine Weile ganz gut, aber irgendwann eben nicht mehr. So wie ich ja auch eine ganze Weile an meiner nicht zu mir passenden Arbeitsstelle arbeiten konnte und funktioniert hatte, bevor der berĂŒhmte Krug brach, ich krank wurde und schließlich kĂŒndigte.

Es braucht eben immer das zu uns passende Netzteil und die zu uns passende Spannung, damit unser Akku gefĂŒllt wird und wir froh und zufrieden arbeiten können. Und leben. Und wenn sie nicht gestorben ist, schreibt sie heute noch … 😉

sich erinnern

Gestern Nachmittag habe ich mir endlich mal alle Bilder unserer Nord-SĂŒd-Schweiz-Wanderung angeschaut, die ich im Juni/Juli mit Irgendlink gemacht habe. Wie ich mich durch seine und meine Bilder auf meiner Festplatte klickte, war ich einmal mehr erstaunt, wie anders wir Dinge sehen – worauf er sein Augenmerk richtet und worauf ich. Wie gut es mir getan hat, diese Reise nochmals Revue passieren zu lassen! Mich an die neu gefundene Kraft zu erinnern, an die Herausforderungen, GlĂŒcksmomente und erlebte Naturerfahrungen. Schweres, Schönes.

Ich bekam Lust, hier im Blog ein kleines Archiv zu publizieren. Ich hoffe, dass auch ihr Spaß daran habt?

Erste Etappe: Windisch – Zugersee (Buonas)

Zweite Etappe: Zugersee – Gotthardpass

Dritte Etappe: Gotthardpass – Tessin – Windisch

Zurzeit arbeite ich daran, mein Pilgertagebuch in eine lesbare Form zu bringen. Als eBook und als PDF werde ich es spĂ€ter hier vorstellen. Mich freut es, wenn ihr mir – hier oder per Mail – eine RĂŒckmeldung gebt,

a.) ob ihr daran grundsÀtzlich interessiert seid und
b.) in welchem Format lieber lesen wĂŒrdet/werdet (als .epub fĂŒr den eBook-Reader oder als .pdf fĂŒr den Selbstausdruck als BroschĂŒre z.B.) und
c.) ob ihr allenfalls bereit wĂ€rt, dafĂŒr etwas zu bezahlen (freiwilliger Unkostenbeitrag? SchutzgebĂŒhr von paar Franken/Euro?)

Das Tagebuch ist ca. 40 A4-Seiten/ca. 65 Buchseiten lang und enthÀlt meine zum Teil sehr persönlichen Erfahrungen auf der Wanderung.

Ein Blogreisetagebuch gibts auch bei Irgendlink -> hier klicken!

furchtbar bĂŒrgerlich

Seit ein paar Tagen geistert diese Worte durch meinen Kopf. Seit ich Ich hatte auch mal so eine furchtbar bĂŒrgerliche Phase irgendwo in einem meiner vielen Blogkommentare der letzten Tage geschrieben habe.

BĂŒrgerlich, furchtbar bĂŒrgerlich – sogar? War ich das? Vermutlich schon, zumindest als ich noch gaanz jung war, am Anfang meiner ersten Ehe, als wir dazu noch freikirchlich und fromm waren. Puh. Und damals hat‘s wohl sogar auch zu mir gepasst. Und mich vor dem einen oder anderen bewahrt, wie ich hinter festgestellt habe. Mir aber auch den einen oder andern Kratzer beigefĂŒgt. Wenn und wĂ€re? Egal. Das gehört eben auch zu mir und meiner Suche. Außerdem kann ich ja Dinge in meinem Leben, die mir heute nicht mehr passen, nicht einfach mit Mausmarkierung und Tastenklick auslöschen. Das echte Leben schlĂ€gt eben manchmal die seltsamsten Umwege und Haken. Verworfen habe ich dieses christliche Wissen, wie man richtig lebt, glaubt und sich von Jesus seine Schulden von den Schultern nehmen lĂ€sst schließlich zugunsten einer spannenden Ungewissheit, zugunsten eines Lebens, das an den RĂ€ndern unscharf war, das viel zuließ, viel möglich machte, viel Raum fĂŒr eigene Erfahrungen bot. Das passte und passt besser zu mir. Fertige Antworten stehen mir nicht. Sie drĂŒcken wie zu enge Schuhe.

Ähm? Wo war ich gleich? BĂŒrgerlich also, darĂŒber wollte ich ja schreiben. Furchtbar bĂŒrgerlich sei ich gewesen. Tja. Erwachsen sei man erst dann, wenn man die RatschlĂ€ge der Eltern nicht mehr per se ablehne, las ich mal in jener bĂŒrgerlichen Zeit und vielleicht deshalb versuchte ich das eine oder andere aus, das mir meine Eltern und andere Verwandte und zum Teil sogar Gleichaltrige vorlebten und war ganz die nette Hausfrau, kochte und buk fĂŒr den abends von der Arbeit heimkehrenden Ehemann und ja, dabei fĂŒhlte ich mich gar nicht mal so schlecht. Neue Rezepte kochte ich aus KochbĂŒchern nach und nĂ€hte VorhĂ€nge und Ă€hnliche Sachen. Macht das schon bĂŒrgerlich aus, furchtbar bĂŒrgerlich? Hm, nein, das reicht wohl noch nicht. Ist bĂŒrgerlich denn nicht eher eine Haltung, eine politische, eine Werte-so-und-so-definierende, die Art und Weise zu denken und zu handeln?

Okay, ich lege jetzt einfach mal los mit meiner Definition: Ein bĂŒrgerlicher Mensch hĂ€lt sich immer schön am SicherheitsgelĂ€nder seiner Arbeitsstelle und seiner FĂŒnftagewoche fest. Er hat in der Regel eine Hunderprozent-Stelle und legt regelmĂ€ĂŸig Geld fĂŒr Ferien, Steuern, Dritte SĂ€ule, Lebensversicherung und ein neues Auto zurĂŒck, zahlt monatlich per Dauerauftrag seine Hypothek ab (Haus oder Wohnung) und ist mindestens in einem Verein oder einer Stammtischrunde dabei. Ob Fasnacht, HĂ€keln, Jassen oder Samariter ist dabei einerlei. Er hört am liebsten Schlager im Dreivierteltakt, liest Arzt- oder Heimatromane und schaut am Samstagabend eine Quizshow. Über seine Arbeitsstelle definiert er sich als lebenswerten Menschen, als integeres Mitglied der Gesellschaft. WĂ€hlen tut er in der Regel irgendwas in der Mitte, was nicht zu viel VerĂ€nderung verspricht oder vielleicht ein bisschen rechts davon, insbesondere wenn es um fremde Dinge wie FlĂŒchtlinge oder ArbeitsplĂ€tzeklau oder sowas geht. Schließlich haben wir uns ja diesen heiligen Wohlstand erarbeitet, da geht es doch nicht, wenn Fremde einfach daherkommen und sich in das von uns mĂŒhsam gemachte Nest legen. MĂŒhsam? Das ist es, mĂŒhsam … Ein bĂŒrgerlicher Mensch arbeitet mĂŒhsam und lobt sich selbst dieser MĂŒhe und des Schweißes seines Angesichtes. Er hat wenig VerstĂ€ndnis fĂŒr jene, die möglicherweise gerne arbeiten und auch mal nichts tun und darum vielleicht nur Teilzeit „in den Stollen gehen“, vielleicht sogar freischaffend sind, und dann womöglich noch etwas mit Kunst oder Kultur oder so am Hut haben. Wozu soll das bloß gut sein? Die zahlen eh kaum Steuern. Sozialschmarotzer!

BĂŒrgerlich bedeutet fĂŒr mich eine innere Haltung, die ziemlich wenig RĂ€ume hat fĂŒr unbekanntes, die sich auf Traditionen und Wege festlegt, die man schon immer so und nicht anders gegangen ist. BĂŒrgerlich ist vielleicht mein Synonym fĂŒr unflexibel? Obwohl … nein, das ist zu wenig. BĂŒrgerlich ist mehr. Es hat sogar Farben: beige, orange, grĂŒn, und riecht nach Staub und nach Siebzigerjahre. HĂ€keldeckchen sind sein Markenzeichen und saubere Fenster mit Gardinen davor und SĂ€tze wie „was denken wohl die Nachbarn, wenn ich …“. BĂŒrgerlich sein ist ein freiwilliges GefĂ€ngnis.

Obwohl … sind wir nicht alle Gefangene unserer eigene Denkmuster, unserer Haltungen und Prinzipien? Und bin ich womöglich nicht doch auch ein klein bisschen bĂŒrgerlich mit meinem GĂ€rtchen auf der Terrasse, mit den selbst eingekochten Marmeladen, EinbaukĂŒche, SpĂŒlmaschine und Auto? Oder ist mein Auto womöglich zu alt fĂŒr BĂŒrgerlichkeit?

Was genau steckt denn hinter meinem Feindbild BĂŒrgerlichkeit? Wohl ist es die Intoleranz, die mich am meisten reizt, diese aus allen Poren triefenden Überheblichkeit spießbĂŒrgerlicher Menschen, dieses zur Schau getragene SelbstgefĂ€lligkeit, diese Haltung von „ Schaut her, ich mache es richtig!“, die ich nicht ab kann. Und ja, vielleicht bin ich insofern tatsĂ€chlich auch ein klein bisschen bĂŒrgerlich, dass ich natĂŒrlich auch davon ĂŒberzeugt bin, dass ich den besseren Durchblick habe als die andern, denn – im Gegensatz zu ihnen – weiß ich zumindest, dass ich nichts weiß. Weil ich begriffen habe, dass es keine letzten Antworten gibt. Weil ich nicht mehr an Gerechtigkeit glaube. Ach, ich gestehe es, ich habe schon so oft Menschen dieser Spezies mit einer Art Verachtung und Intoleranz betrachtet. Mit genau dieser inneren Haltung sogar, die ich an ihnen verabscheue.

Ich habe es ja gesagt, auch ich habe furchtbar bĂŒrgerliche Seiten. 😉

Warnung:
Das ist so etwas Àhnliches wie eine Satire. Zu allfÀlligen Nebenwirkungen befragen Sie bitte Ihre Bloggerin oder Ihr Herz.