Fast wie Brote

Wären wir Brote, entspräche das Mehl unserer Herkunft, sagte ich. Dinkel, Roggen, von mir aus auch Weizen. Vollkorn oder fein gemahlt, gemischt oder pur, mit Nüssen und Kernen womöglich. Dazu kämen weitere genetische Veranlagungen – Hefe, Sauerteig, Backferment, was immer dem Mehl Auftrieb gibt, damit es nicht verklebt, sondern sich entfalten kann. Und natürlich Wasser und Salz, beides unabdingbar. Maß und Qualität sind dabei entscheidend für ein gutes Ergebnis. Geknetet wird das Ganze neun BrotMonate im Mutterbauch. Schließlich wird das Ganze einige Jahre mit oder ohne Backform gebacken, bevor der junge Mensch irgendwann auf eigenen Füßen in die Welt hinausziehen kann.

So sinnierte ich, als wir auf Irgendlinks Zug warteten, der ihn nach den gemeinsamen Tagen bei mir heimwärts fahren würde.

Klar, sagte ich, das Bild hinkt. Im Gegensatz zum Brot kann sich ja ein Mensch, selbst wenn er ein Leben lang das Format seiner Backform mit sich herumtträgt, weiterhin entwickeln. Das Hirn verändert sich schließlich laufend, nichts muss bleiben wie es ist. Wir sind nicht auf Gedeih und Verderb Gefangene unserer Prägungen.

Ich seufzte. Theorie ist eins, aber praktisch ist es so einfach nicht wirklich, das Ding mit dem Sich-Selbst-Verändern. Der Vorsatz zum Beispiel, hinfort glücklich zu leben, wird ein Vorsatz bleiben, wenn ich ihn nicht nach und nach auf eine zu mir passende Weise integriere. Ein bisschen ist es ja wie mit der geschrumpften Gelenkkapsel in meiner frozen shoulder. Immer wieder muss ich die Gelenke ein wenig über die harten Schrumpfungsgrenzen hinausdehnen, damit meine Schulter als Ganzes langsam wieder beweglicher wird.

Notwendig gewordene oder auch ersehnte und gewünschte Veränderungen umzusetzen ist vielleicht eine der größten Herausforderungen des Menschseins. Immer wieder geht es dabei darum, unsere Grenzen zu weiten; Grenzen, die aus Gründen der Bequemlichkeit und der Gewohnheit gewachsen sind. Grenzen, die wir möglicherweise gezogen haben, um unsere Ruhe zu haben.

Um Grenzen geht es auch bei Irgendlinks neuer Reise, auf welche er sich dieser Tage machen wird. Um Identifizierung, Orte, Geschichte. Sein Reisealltag bildet das Rankgerüst dieser neuen reiseliterarischen Studie, die sich mit dem kollektiven Wir-Alltag einer europäischen, globalisierten Gesellschaft vermischt. Heute, also am 8. März, interviewt ein Fernsehteam des SWR Jürgen Rinck zu seiner Tour, denn seine Reise wird in eine Doku über das Land Rheinland-Pfalz integriert.

Immer wieder bricht er – brechen wir, brechen Reisende – aus Gewohnheiten aus. Immer wieder brechen wir alte Grenzen auf und machen uns daran, Neues zu erkunden, doch wie viel Gewohnheit, wie viel Neues für jede und jeden gut ist, können wir nur selbst entscheiden.

Hey, diese Metapher mit dem Brot? Auch wenn sie hinkt, sie gefällt mir, sagte Irgendlink zwischen dem dritt- und viertletzten Abschiedskuss. Und, weißt du was? Wenn wir alt, sprich altbacken, geworden sind, werden wir einfach zusammen Torta di pane (Brottorte).

Romantisch? Kann er.


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Der Kohlraub zu T. oder das etwas andere Containern

Wir hatten die Wanderschuhe geschnürt, gestern Nachmittag, und fuhren mit dem Auto einfach mal drauflos. Irgendwohin, wo wir noch nie gewesen sind. Die Sonne hatte uns herausgelockt, hatte von Weitblick und Übers-Land-Wandern geschwärmt.

Da, guck, da könnten wir rauf! Beim Vorüberfahren entdecken wir auf einem kleinen Hügel eine kleine Ruine, doch in der unmittelbaren Nähe ist keine Parkbucht, der Weg zudem kurvig und schmal. So parkten wir im nächsten Dorf und wanderten zwischen Häusern, an Gärten und Bauernhöfen vorbei an einen nahen Bach, der uns von der Ruine trennte. Auf einmal fanden wir, wider Erwarten, eine kleine Brücke.

Lektion 1: Alles ist anders als es scheint.

Einem wunderbaren kleinen Wanderweg durch den steilen Wald bergan folgend, finden wir uns auf einmal auf einer kleinen Ebene mit Feldern und Wiesen wieder, an deren Ende die Ruine auf uns wartet.

Lektion 2: Umwege sind oft schöner als direkte Wege.

Eine Performance könnten wir es nennen, das hier, und ich könnte, so sagte ich zu Irgendlink, ich könnte morgen einen vollumfänglich im Konjunktiv geschriebenen Blogartikel kreieren. Im Artikel würde es, so sagte ich, um dieses Kohlfeld hier gehen. Um die Fülle und den Überfluss zum einen und um die Wegwerfmentalität zum anderen. Um die Schönheit im Zerfall und um den Reichtum, den man nur findet, wenn man sich bückt. Im Krieg, sagte ich, im Krieg wäre dieses Feld hier nicht so, wie es jetzt ist und nun wisse ich nicht, ob ich darüber froh oder traurig sein solle. Dass kein Krieg ist. Und dass wir von dem, was hier noch rumliegt, einen Jahr lang leben könnten.

Lektion 3: Es hat genug für alle. Eigentlich.

Containern kann man offenbar auch auf dem Land. Nur ohne Container. Wir bücken uns und ernten einige krause Köpfe. Irgendlink nicht ganz ohne Skrupel, weshalb wir uns gegenseitig beim Weiterwandern erzählen, was wir sagen werden, wenn uns jemand des Kohldiebstahls bezichtigen würde. Unsere Geschichten werden skuriller, je weiter wir wanderen.

Zurück beim Auto, das nahe beim dörflichen Werkhof auf uns wartet, finden wir weitere Sujets. Auch hier wieder Abfall. Überfluss. Reichtum.

Lektion 4: Schönheit ist überall und liegt im Auge der Betrachtenden. Kunst auch.

Lektion 5: Spielen macht Spaß.

Am Abend gabs – wen wundert’s? – Kohl. Kohlroulade, blanchierte und mit Kicherbsen-Gemüse-Zöix gefüllte Kohlblätter. So lecker.

Und über die Krönung unserer Kohl-Performance kichern wir noch immer. Unsere neue Kunstrichtung heißt nämlich Des Kaisers neue Fürze.

Ausgelesen #11 – Schattenstill von Tana French

Manche Geschichten hallen über die letzten Seiten eines Buches hinaus nach. Mit Schattenstill von Tana French geht es mir so.

Schon der Klappentext ging mir unter die Haut: »Broken Harbour, eine windgepeitschte Geisterstadt voller Bauruinen nördlich von Dublin: In einem der wenigen bewohnten Häuser wird eine junge Familie tot aufgefunden. In den Wänden ihres hübsch eingerichteten Häuschens klaffen rätselhafte Löcher. Detective Mike Kennedy ist überzeugt, dass er den Fall lösen wird, schließlich arbeitet niemand in der Mordkommission so effektiv wie er. Doch Broken Harbour entpuppt sich als erbarmungsloser Abgrund, der auch ihn zu verschlingen droht.«
Quelle: krimicouch

Geht es hier um erweiterten Suizid, fragte ich mich mit Mike Kennedy, dem Dubliner Ermittler, als er das erste Mal den Tatort betritt. Oder ist alles ganz anders, da keine Waffe gefunden wird.

Jennys Sehnsucht nach der perfekten heilen kleinen Welt am Arsch der Welt, Pats Anspruch an sich selbst, seine kleine Familie ernähren zu können und die Rezession, die sowohl Karriere- als auch Lebensträume auffrisst. Familienwahnsinn vom Feinsten. coverfrenchUnd wie passt Conor da hinein, der mehr und mehr sein eigenes Leben verpasst und sich stattdessen ein anderes übergezogen hat? Und Fiona, Jennys Schwester, wie viel weiß sie wirklich?

Wie Wahnsinn entsteht? Hier können wir ihm zuschauen. In den Ritzen des Alltags, aus einem winzigen Sprung, einem Leck, unerwartet. Leise zuerst, allmählich fordernder. Und doch so verdammt alltäglich.

Die ganze Geschichte dreht sich um fast nichts anderes als um die vielen Farben des Sterbens und ist eine der heftigsten, die ich in der letzten Zeit gelesen habe. Zwischen den Zeilen die drängende Sehnsucht danach, anders zu leben. Und nicht mehr zu leben auch. Jedenfalls nicht mehr so. Auch die Sehnsucht nach Dazugehörigkeit trieft aus jeder Zeile.

Die Autorin wechselt virtuos die Erzählebenen, schwenkt von der Gegenwart zurück in Mikes Kindheit, von der Ermittlungsarbeit zur privaten Ebene, in welcher sich Mikes Sorgen vor allem um seine schon als Kind verrückt gewordene geliebte, kleine Schwester Dina dreht, die den erweiterten Suizid der Mutter aus bis heute unerfindlichen Gründen als kleines Mädchen überlebt hat.

Und schließlich ist da noch der junge Detective, Mikes neuer Partner, der die Gerechtigkeit neu erfinden will.

Fragen nach den Grundwerten, nach dem Warum und dem Zufall, nach Gewissen und Wahrhaftigkeit tauchen auf. Wo fängt Korruption an und was kann man ihr entgegenhalten, wenn es ans Eingemachte geht?

Niemals moralisiert Tana French, sie lässt aber ihren Figuren Raum, ihre eigene Sicht der Dinge fühlbar, sichtbar, erkennbar zu machen. Sie zeichnet komplexe Charaktere, eine dichte und dennoch nachvollziehbare, lebendig geschilderte Handlung. Mit ihrer beinahe lyrischen Sprache schafft sie eine dichte Atmosphäre, die diesen Kriminalroman zu einem Erlebnis macht, das nachhaltig berührt.

Am Schluss bleibt Respekt. Am Schluss bleiben auch Enttäuschung, Traurigkeit und eine leise Verzweiflung drüber, dass es so gekommen ist, wie es gekommen ist. Die Unvermeidlichkeit der Dinge.

Trotz allem fühle ich mich nicht nur aufgewühlt, erschöpft und traurig trotz der schweren Kost. Ich fühle mich auch irgendwie ein bisschen besser verstanden in meiner eigenen Geschichte, die auf einigen Ebenen mit dieser hier resoniert. Verständnis, ja. Schmerzliche Erleichterung, sozusagen.

Der inneren Weisheit trauen

Seit ich mich erinnern kann, habe ich nach Antworten gesucht. Nach einfachen, nach komplexen, nach überzeugenden, nach wohltuenden, nach heilsamen. Nach Wegen vielleicht, die meine sein könnten. Wenn ich mich nur genug anstrenge. Wenn ich nur genug glaube. Wenn ich nur alles richtig mache … Ja dann würde ich bestimmt eines – hoffentlich nicht allzu fernen – Tages glücklich werden und bis ans Ende meiner Tage zufrieden leben.

In meinem Leben bin ich vielen herzklugen und herzweisen Menschen begegnet. Manchen im echten Leben, manchen in Büchern. Sobald das, was sie sagten, bei mir die Hoffnung auszulösen vermochte, dass sie wissen könnten, wie das mit diesem Leben geht, habe ich mich ihnen angeschlossen – als Jugendlichen den Frommen, später den Suchenden. Ich habe mir deren Wissen und Erkenntnisse einzuverleiben versucht, denn ich war überzeugt davon, dass alle anderen eh viel klüger und viel weiser sind, als ich je sein kann. Ja, ich fühlte mich in meinem Leben sehr oft dumm und unwissend – jedenfalls was die wirklich wichtigen Dinge des Lebens betrifft. Die Sache mit der Zufriedenheit und so. (Denn eigentlich ging es mir ja vor allem und immer nur darum …).

Nein, dieses tiefe Sehnen ist nicht grundsätzlich schlecht, im Gegenteil, es macht mich neugierig auf AntwortenBlick zum Himmel, nackte Birkenäste tanzen.. Schädlich für mich war daran, dass ich mich mehrheitlich am Außen orientiert und andern mehr statt mir und meinem inneren Wissen geglaubt habe. Mir zu vertrauen gar nicht erst richtig probiert habe. Weil es mich, wann immer ich es doch getan hatte, ins pure Chaos führte. (Erst jetzt, hinterher, begreife ich all die Chancen, die im Chaos liegen und die ich selten genutzt habe … wobei … wer weiß das schon so genau?)

Mit all dem gesehenen, gehörten, mir angelesenen Wissen könnte ich ganze Weisheitsbücher füllen. Und ja, natürlich ist das eine oder andere Wissenspflänzlein da und dort in meinem Herzgärtchen angewachsen und hat mir beim Leben geholfen. Es ist nicht alles Theorie geblieben. Zum Beispiel jetzt, die Erkenntnisse Klaus Bernhardts aus der Hirnforschung: Das sind tolle Hilfsmittel. Aber, wie alle vorher kennengelernten Werkzeuge wirken auch sie nur, wenn ich ihnen in mir eine Brücke baue, vom Kopf in den Bauch, ins Herz.

Rezepte für ein gutes Leben funktionieren eben nicht bei allen gleich. Wichtig ist, dass wir unsere eigenen Menüs entdecken.

Ausgelesen #10 – Hannes von Rita Falk

Nun ja, mit den Dampfnudel-Krimis von Rita Falk bin ich ja nie warm geworden, obwohl Freundin L. mir immer vorgeschwärmt hat, wie viel Spaß sie ihr machen. hannesAls Hörbücher. Mag ja sein.

Aber ich bin nun mal einfach keine Hörbuchhörerin, keine Radiohörerin. Keine Ahnung, warum mir dieses Medium nicht behagt. Und als Leserin war mir jedenfalls dieses bayrisch anmutende groteske Geschwurbel nicht geheuer. Zu unliterarisch. Und ich habe es wirklich versucht. Eine Seite lang.

Hannes sei aber gaaanz anders, sagte Freundin L. so lieb und voller Überzeugungskraft, dass ich das Buch annahm und zu lesen versprach.

Letzten Sonntag habe ich es schließlich verschlungen. Nun ja, literarisch anspruchsvoll ist es zwar nicht, aber es ist reiche, reichmachende, tief berührende Herzliteratur. Nicht auf die zuckersüße, herzrosafarbene, rosamundehafte und romantische Weise, sondern … hm, anders.

Uli, ein fast zweiundzwanzigjähriger Zivi, wird eines schönen Februartages auf Motorrad-Tour mit Freund Hannes Zeuge des schweren Unfalls, den sein Freund trifft. Hannes liegt viele Monate im Koma. Uli schreibt ihm Briefe, damit Hannes, wenn er wieder ins Bewusstsein zurückkehrt, nichts verpasst hat, sondern sich lesend schlau machen kann.

Ulis Briefe sind so echt, so warm, so hoffnungsvoll, so liebenswert, so liebevoll, dass mich immer mal wieder schauderte. Uli erzählt aus seinem Zivi-Alltag in einer privaten Klapse, die er Vogelnest nennt, erzählt aus dem Leben seiner Zöglinge, erzählt von den gemeinsamen Freunden und von Nele, Hannes’ Freundin , die schwanger ist. Vielleicht von Hannes, vielleicht von Kalle, der sie seit des Unfalls hingebungsvoll tröstet. Was Uli empört. Wie können die beiden!?

Nein, weiter erzähle ich nicht. Die Geschichte nimmt auf eine Weise ihren Lauf, die für mich sehr glaubwürdig ist. Und die, so ahne ich, kaum jemanden kalt lässt.

Kurz: Eine Hommage auf eine Männerfreundschaft, die selbst der Arzt im Krankenhaus ganz außerordentlich toll findet.

Auflösen

Manchmal brauche ich offenbar Schmerzen, körperliche zum Beispiel, damit ich endlich aufmerke, mich endlich frage, was ich wirklich brauche. Wegschauen geht nicht mehr. Also gut: was brauche ich? Was kann ich tun, um wieder beweglich zu werden?

Nun ja, mit der Selbstmotivation ringe ich, seit ich mich erinnern kann. Außer natürlich bei Gerne-Dingen, dort nicht. Dort fließt es. Und so lange es fließt, so lange ist alles gut. Und so lange geht es mir gut. Wenn nicht, dann nicht. Dann staut sich der Fluss, dann friert der Fluss ein und dann fängt es in meiner Landschaft, in meinem Körper, über kurz oder lang irgendwo zu schmerzen an. Zuerst ganz leise.

Am besten wäre es also, ich könnte-dürfte-wollte-würde diesen Gerne-Dingen Raum geben, schamlos und ohne schlechtes Gewissen.

Ich weiß, manche der unlieben Dinge sind unumgänglich: Einkaufen (außer ich wäre totale Selbstversorgerin), Steuererklärung ausfüllen (außer ich würde auf dem Mond leben), Rechnungen bezahlen (außer ich würde nichts mehr konsumieren, weder Strom noch Wasser), Fenster putzen (außer es wäre mir egal, wenn die Sonne nicht mehr hineinscheinen kann). Kurz: Sachen halt, die, unerledigt noch lästiger sind als erledigt.

Doch es gibt unliebe Dinge, die eigentlich gar nichts mit mir zu tun haben und sich doch in mir eingenistet haben wie Viren: sich vergleichen mit, sich sorgen um.

Derweil stehen die Gerne-Dinge bereit, hüpfen übermütig, wollen lostanzen; und ich, ich halte sie zurück. Ich muss doch schließlich zuerst noch.

Muss ich wirklich so viel müssen, wie ich zu müssen meine? Müsste ich nicht vielleicht mehr mir zuliebe leben lernen? Die Gerne-Dinge tun?

Ich schweife ab. Die Schmerzen. Die Schulter, die wehe, die nun so langsam meine Lehrerin geworden ist, eine mir eigentlich wohlgesinnte, aber eine, die sich weigert, das Lernziel aus den Augen zu verlieren.

Je länger sie mich fordert – sprich: weh tut –, desto lauter fragt sie mich, ob ich daran glaube, ob ich hoffe, ob ich mir vorstellen kann, dass es je wieder anders werden könnte. Manchmal zweifle ich. Weil ich keine Kraft mehr zu haben glaube, weder zum Hoffen noch zum Vorstellen. Dennoch will ich meine Beweglichkeit zurück und so nicke ich. Meine wehe Schulter fordert mich auf, mich der Dehnung, dem Schmerz darin, zu stellen, mich ihm sogar hinzugeben, ihm zu vertrauen (ja, so habe ich auch geguckt!). Sie fordert mich zu Geduld auf und zu Ausdauer, beides eher nicht so meine Tugenden. Und ja, Zielstrebigkeit – auch diese will sie mir beibringen: Das Ziel heißt in diesem Fall größtmögliche Beweglichkeit der Schulter und des Arms; wie vor dem Vorfall. Das klare Ziel heißt Heilungserfolg. Ich übe. Dehne. Spanne. Drücke. Täglich mehrmals. Allfälliger Kolleteralnutzen könnte sein, dass ich auch in anderen Situationen hinfort ausdauernder, geduldiger, zielstrebiger und beweglicher bin. (Für einmal kein Konjunktiv. Ich will es so. Punkt.)

Ja, klar, ich bin mir bewusst, sehr sogar, dass ich auf einem schmalen Grat wandere, denn nicht alles ist heilbar. Andererseits: Heilung ist eine Tochter von Akzeptanz. Was geworden ist, wurde zuerst als Idee akzeptiert. Erst dann konnte es werden, sich manifestieren, wahr werden. Darum akzeptiere ich also jetzt, so gut es geht, die eingeschränkte Beweglichkeit; und ich imaginiere mir dazu eine bewegliche Schulter, einen wieder wunderbar geschmeidigen Arm.

Nur schon, damit ich hinfort wieder einen Wanderrucksack anziehen kann. Damit wären wir wieder bei meinen Gerne-Dingen, die ich viel mehr tun sollte.

Noch mehr aufräumen

Als ich vor zwei Tagen auf meinem neuen Tablet eine Root-App installiert hatte, tat ich dies in der Hoffnung, damit alle Malware und alle Adware, inklusive all der dämlichen Werbeeinblendungen, für alle Zeiten loszusein. Offenbar hatte ich mich zu früh gefreut, denn nun erschienen die Werbebanner nicht mehr als aufpoppende Fensterchen, sondern tabletwurden mir als Mitteilungen bei der Rückkehr aus dem Standby-Zustand in den aktiven Zustand angezeigt. Nicht ganz soo nervig, aber auch immer noch unsympathisch. Auch wurde die Root-App vom einen der inzwischen drei installierten Antivirusprogramm als Malware angezeigt, was leises lautes Herzklopfen bei mir auslöste. Auch die eine Malware, die mir im zweiten Antivirusprogramm angezeigt worden war, konnte ich weder mit dem Antivirusprogramm noch mit der Root-App entfernen.

Entsprächen aber, wie ich im letzten Artikel schon schrieb, entsprächen also diese Ad- und Malwares unsere eigenen destruktiven, lebensfeindlichen Gedanken, entspräche dann der Antivirus-Scanner meiner inneren Heilerin? Oder ist gar die Root-App die heilende Instanz? Was aber, wenn diese selbst schon verseucht war? (War sie das und war sie somit ein Scharlatan?)

Ich entschied mich nach einigem Lesen in Foren, schließlich dazu, eine weitere Root-App, eine, die überall nur beste Rückmeldungen bekam, zu installieren. Leider hat das nicht wirklich funktioniert, aber immerhin konnte ich nun endlich die andere, angeblich verseuchte Root-App deaktivieren. Was immerhin soviel bedeutet wie blockieren, stummschalten, ihr die Hände zu binden.

Nun ja, was die beiden Ad- und Malwares schon alles ausspioniert und vielleicht sogar angeknabbert haben, weiß ich nicht. (’Digitaler Krebs’, gibts den Begriff schon?) Fakt ist aber, dass ich jetzt mit zwei nicht mehr wirklich deinstallierbaren, aber immerhin auch auch nicht aktiven Root-Apps und drei Antivirus-Programmen Ruhe vor der Werbung habe.

Auch nicht schlecht und schon wieder eine Art Gleichnis. Nun ja, ein wenig plump ist es vielleicht schon und ein bisschen schwarz-weiß, aber irgendwie stelle ich mir grad vor, dass dieses Tablet wie ein Menschenleben ist. Alles da. Schwarz, weiß und vor allem die ganze Palette an Grautönen, an Bunttönen. Das »Böse« ist bereits drin, mit einem trojanischen Pferd eingedrungen, aber ich kann es vielleicht aushungern. Und ich kann dem, was heil ist, mehr Raum geben, immer noch mehr Raum, statt das zu fokussieren, was kaputt ist. Stattdessen kann ich das Kaputte mit Salbe und mit Übungen unterstützen, ihm mit Ermutigungen zum Heilerwerden verhelfen. Wenn ich es jedoch immer nur betrachte und stattdessen bedauere, was ich alles versäumt habe und darüber nachdenke, wie das denn überhaupt geschehen konnte und was ich womöglich alles falsch gemacht habe (oh ja, das tue ich; in solchen Gedanken bin ich sozusagen Weltmeisterin!), verliere ich ständig – und vor allem verdammt viel – Energie. Es ist mein verdammtes Leck, das ich endlich versiegeln will.

Mein Kaputtes will ich, wie gestern in der Physiotherapie angefangen, wieder beweglich und geschmeidig machen, es wieder so heil wie möglich werden lassen. Aktiv.

Und das, was heil ist, will ich bestaunen. Will dafür dankbar sein. Will es loben, will es sorgsam berühren, will mich freuen darüber. Ja!

Denn ich kann schließlich – im Gegensatz zu einem PC, einem Handy, einem Tablet – meine körpereigene, seelendurchdrungene Lebensfestplatte nicht einfach auf Werkseinstellung zurückschalten, ich kann sie nicht einfach neu aufsetzen.
(Schön wärs. Oder auch nicht.)

aufgeräumt

Da habe ich also neulich dieses Billigtablet gekauft – ja, ja, Asche auf mein Haupt –, weil das Alte kaputtgegangen ist. Trotz wenig Geld habe ich mich dazu entschieden, weil mir ein Tablet Bibliothek, Fernseher und Notizbuch ist; kurz gesagt etwas, auf das ich nicht mehr so einfach verzichten mag. So weit so gut.

Nun ja, weniger gut ist, dass dieses Billig quasi ein mit Nerven erkauftes Billig war. Hätte ich mir eigentlich denken können.

Die Hersteller haben für ihr Billig nämlich Adware auf die Festplatte des kleinen Computerleins geschmuggelt. Werbezöix. So ploppt also, wenn ich nichts böses ahnend buchlese oder einen Film gucke, Werbung für eine App auf, die ich unbedingt nicht brauche. Dass ich jedes Mal, wenn ich diese unerwünschte Werbung über das x lösche, einen Werbebatzen der App-Hersteller an die Tablet-Hersteller auslöse, weiß ich erst seit gestern.

Irgendwann gestern Abend wurde es mir nämlich zu nervig und ich wollte wissen, was dahinter steckt. Zuerst ließ ich mein Antivirusprogramm einfach mal die Festplatte scannen. Siehe da: eine unerwünschte App ist schuld. Wie ich sie loswerden kann? Da gibt es viele Antworten. Die glaubwürdigsten empfehlen, die Root- also Superuserrechte des Tablets zu erlangen und sodann die App zu löschen. System-Apps lassen sich nämlich, anders als selbstgeladene, nicht so einfach löschen.

Root-Apps gibts zuhauf, doch wenige halten, was sie versprechen, wenn stimmt, was ich da lese. Eine, die mir Chip empfohlen hat, findet schließlich meine Gnade und ich lade sie außerhalb des Guugl-Appstores auf das Tablet. Da sie zwar von Chip empfohlen, von meinem Antivirusprogramm aber als gefährlich bewertet wird, muss ich zuerst ein paar Schwellen, Steine, Baumstämme aus dem Weg räumen, um der Neuen Platz zu schaffen. Das braucht ein paar Anläufe, da die Root-App offenbar auch den Codes des Betriebssystems zuwiderläuft.

Es ist, als müsste ich einen Schlüsseldienst davon überzeugen, dass ich wirklich das Recht habe, meinen Hausschlüssel zu verwenden. Oder ist es ein ’Die Guten gegen die Bösen’-Ding? Big Buisness auf jeden Fall. Immerhin: jetzt ist es geschafft. Beim Viren-Scan wird zwar die App noch immer als vorhanden angezeigt, aber Werbung ploppt keine mehr auf. Darum habe ich das Teil nun neu gestartet, ähm, gerootet meine ich natürlich.

Huhu, noch da? 😉

Dass ich das alles nicht einfach nur aus Spaß an der Technik schreibe, könnt ihr euch sicher denken. Wenn Virus, Malware, Adware für alle meine schädlichen Gedanken stehen, stehen Rootrecht und Aufräumaktion dann nicht für Eigenverantwortung?

Meine Osteopathin war heute Morgen einigermaßen erschrocken über das Ausmaß der Blockaden in meinem Körper, als sie – ausgehend von einer verkalten Schulter, die inzwischen ziemlich sicher als Frozen Shoulder zu definieren ist – meinen Unterleib behandelte. Alles großräumig blockiert. Kein Wunder, dass ich kaum Atem bekäme und dass mir oft schlecht sei, meinte sie. Bloß: was war zuerst da? Wo alles anfing und wie sich alles auf meiner Körperfestplatte verbreitet hat, weiß weder sie noch ich. War die Malware ein Gedanke, der Kreise gezogen hat? Etwas rein physisches vielleicht? Gibt es in unserem persönlichen – sprich: körperlichen – Betriebssystem solche Trennungen überhaupt?

Vielleicht ist es auch müßig, nach Schuld und Ursachen zu suchen. Fakt ist, dass alles zusammenhängt. Und ich hoffe, meine Ärztin findet nachher, wenn ich bei ihr bin, einige Ansatzpunkte für eine Verbesserung meines Zustandes.

Vielleicht bin ich ja auch irgendwie rootbar, vielleicht gibts da etwas, womit ich die Malware ausschalten, löschen kann? Und vielleicht wäre diese Wanderung, von der der Liebste und ich heute am Telefon getagträumt haben, gar nicht mal so übel. Im Sommer am Nordkap loswandern und im Winter in Südspanien ankommen. Oder so. Nun ja, Träumen darf man ja.

Über Panikattacken und wie wir sie (vielleicht) loswerden können

Ich hörte und las mich die letzten Tage intensiv durch die Erkenntnisse Klaus Bernhardts, der mit seinen Ansätzen die Angsttherapie revolutionieren will. Was er lehrt, ist mir auf der theoretischen Sachebene nicht neu, von den ganz konkreten Übungen einmal abgesehen, auf die ich nachher noch eingehen werde. In einem früheren Leben, in einer sehr sehr suchenden Zeit, habe ich nämlich zig Selbsthilfebücher rauf und runter gelesen, esoterische ebenso wie (küchen-)psychologische. Und bereits vor zwanzig Jahren habe ich bei Luisa Francia die Kunst des positiven Formulierens gelernt und vieles anderes, das nun offenbar auch endlich in der wissenschaftlichen Welt im Allgemeinen, bei den Hirnforschenden im Speziellen, angekommen ist.

Vor zwanzig Jahren hätte Klaus Bernhardt aus all den gesammelten Erkenntnissen vielleicht einen schönen Roman geschrieben, heute aber wollen wir Rezepte. Anwendbares. Lifehackzöix. Bernhardt erfüllt uns diesen Wunsch und reichert das Gesammelte mit Erkenntnissen, Forschungsergebnissen und Erfahrungen aus seiner eigenen Praxis an. Sein ausgewiesenes Spezialgebiet ist, sagt er, die schnelle Behandlung von Angsterkrankungen. Und ehrlich, ja, ich glaube, mit seiner Rezeptur tut er vielen, auch mir, einen großen Dienst. Er hat nämlich für uns die Wirkstoffe aus all dem vielen schamanischen, esoterischen und wissenschaftlichen Wissen extrahiert, bekömmlich aufbereitet und in handliche Flaschen abgefüllt.

Den Fehler, seine Erkenntnisse als Allheilmittel mit Sofortheilversprechen zu verkaufen, begeht er nicht. Er punktet mit deutlichen, klaren Anleitungen, erklärt gut nachvollziehbar seine Theorien, die er mit Beispielen unterlegt, leitet methodisch zu konkreten Übungen an und zitiert zufriedene Ex-PatientInnen. Und seine Therapie wirkt offensichtlich. Obwohl ich auch die manipulative Kraft hinter seinen Worten und den Zahlen, die seine Heilerfolge belegen, spüre, will ich nichts mehr, als erleben, dass das Rezept funktioniert. Auch bei mir.

Ich habe mir vorgestern gleich, wie im Buch beschrieben, zehn Sätze aufgeschrieben, die mein ideales Leben beschreiben, und ab heute will ich täglich einen von ihnen durch meine fünf Kanäle geben und Kraft meiner Vorstellungskraft meine Neuronen neu verlinken. Für jeden meiner Sinne – Hören, Sehen, Riechen, Schmecken, Fühlen – installiere ich also in meiner Vorstellungskraft einen eigenen Kanal.

Womöglich sind ja unsere Neuronen die Schnittstellen zur spirituellen Wirklichkeit?

Die Theorie, dass wir durch unsere Gedanken ständig neue Neuronenvernetzungen schaffen um damit Abläufe und Reaktionen wo immer möglich zu automatisieren, leuchtet mir ein. Dass ich mit meinen düsteren, negativen, ängstlichen, depressiven Gedanken ganze Netzwerke an schädlichen Automatismen geschaffen habe, ebenfalls. Und auch, dass es not-wendig und heilsam ist, diese Netzwerke durch neue, positive neu zu schreiben. Das geschieht zum Beispiel eben mit Übungen wie der erwähnten Zehn-Satz-Methode. Doch anders als bei der klassischer Affirmationsarbeit kommt hier die sinnliche Komponente hinzu. Wird jeder Satz nämlich auf jedem der fünf Kanäle dem jeweiligen Sinn entsprechend wahrgenommen, entstehen ungleich mehr neue Knoten im neuronalen Netz als wenn wir nur den gemeinhin üblichen auditiven Kanal mit unseren Affirmationen füttern. Das ist eine der eher langfristigen Techniken. Doch im Werkzeugset gibt es auch Sofort-Stopp-Techniken. Eine ist etwa das Verschieben negativer Bilder, Sätze und Wahrnehmungen von der einen in die andere Hirnhälfte. Oder die Slowmotion-Technik, bei welcher wir uns potentielle Gefahren statt blitzartig uns diese in Zeitlupe vorstellen. Mit der Pitching-Technik wird die Stimmlage der Stimme, die uns vor vermeintlichen Gefahren und potentiellen Ängsten warnt, verändert – wie bei einer Comicfigur redet sie also zum Beispiel gaaanz langsam oder viel zu schnell und wird so ihres Ernstes beraubt. Und damit auch ihrer destruktiven Macht. Weiter kommt Embodiment zum Einsatz, die Verkörperlichung innerer Haltungen: Wer lächelt, wer sich in eine Chef- respektive Powerpose setzt, vermittelt seinem Körper nämlich auch eine Botschaft. Ich bin hier die Chefin, zum Beispiel. In Chefpose – Beine auf dem Tisch, Hände hinterm Nacken – steigt innert weniger Minuten der Testosteronspiegel messbar, während der Cortisolspiegel sinkt. Diese Übung habe eine sehr unmittelbare Wirkung auf unsere Stimmung. Sagt Bernhardt. Und ja, ich habe diese Übung sofort getestet. Es stimmt. Selbst wenn vielleicht nur, weil ich es will. Doch vielleicht geht es ja genau darum? Diese Neuprogrammieren hat immerhin damit zu tun, sich das Leben neu zu denken, es sich anders zu denken.

Soweit so gut. Aber jetzt kommt mein persönliches Aber. Keins zur Therapie, eins zum Leben. Bei alledem geht es nämlich um Eigenverantwortung. Ich kann meine Heilung nicht delegieren. Trotz aller Rezepte bin ich es, die das hier tun muss, die die Übungen umsetzen soll um etwas zu verändern. Auch die Suche nach den Punkten, die verändert werden wollen.  Eine Panikattacke sei ein Liebesdienst des Körpers, sagt Bernhardt. Einer, der uns dringend, psychosomatisch, sagt, dass wir endlich etwas verändern müssen. Dass wir zum Beispiel endlich ernst machen sollen mit der neuen Ausbildung, eine Beziehung beenden oder aber, wie bei mir, endlich eine Perspektive entwickeln sollen. Endlich wieder große Ziele fassen. Endlich.

Niemand anders als ich ist hier, bei diesen Grundsätzen, gefragt. Ich bin die einzige Therapeutin, die mich heilen kann.

Also werde ich ausprobieren. Und hoffen. Neu anfangen. Immer wieder. Und mir endlich erlauben, große Ziele haben zu dürfen, Perspektiven zu benennen, anfangen groß zu denken.