Moment mal

Ist es egoistisch, besonders in Krisenzeiten gut zu sich zu schauen? Sich Gutes zu tun, sich kreativ zu betätigen, lesen, lachen, spielen und sich nicht ständig mit den neuesten Infos zur Krise auf dem Laufenden zu halten?

Zum einen ist da die zurzeit alle Kanäle erfüllende globale Krise, doch zum anderen sind da die ganz vielen, ganz persönlichen (und dennoch kollektiven) Krisenherde. Manche köcheln zum Glück nur auf kleiner Flamme, doch manche brodeln über. Die Isolation, die Quarantäne, die erzwungene Ruhe überfordert viele. Ruhe? Ja gern, aber dann lieber nicht mit solchen Vorzeichen und nicht unter diesen Umständen der Unfreiwilligkeit. Ich kenne niemanden, den oder die das alles kalt lässt, doch ich sehe je länger je mehr unterschiedliche Möglichkeiten, mit dem Virus und dem, was es anrichtet, umzugehen.

Über die Trauerphasen, die wir kollektiv durchschreiten, schrieb ich neulich schon. Selbst switche ich zwischen Wut und Akzeptanz. Und manchmal stampfe ich innerlich mit dem Fuß auf und will, dass alles wieder ist, wie …

Nein, Halt, vor der Krise war ja auch schon große Krise. Klimakrise. Die ist auch. Die ist nicht einfach weg, auch wenn Corona dem Klima gut tut. Auch sind da noch ein paar andere Krisen am Brodeln. Also bitte, nein, so wie vorher will ich es auch nicht, ich will es ’wie nachher’, ich will es anders, ich will es besser – für alle, nicht nur für ein paar wenige.

Ich will, dass wir als Gesellschaft aus dem, was jetzt unbefriedigend oder schlecht funktioniert – allem voran das Gesundheitswesen –, Lehren ziehen und die dann auch wirklich umsetzen. Im Großen ebenso wie im Kleinen. Ich will, dass man nicht nur jetzt auf Fachleute hört, sondern auch bei anderen Themen. Besonders in Sachen Klima.

Dass man jetzt, mitten in der Corona-Krise auf wissenschaftliche Fachleute hört, ihnen glaubt und ihren Rat befolgt, obwohl zu diesem Wissensbereich viel mehr Unsicherheit besteht als bei der viel besser erforschten Klimathematik, ist eigentlich verrückt. Denn das hier ist – jedenfalls in dieser Dimension – für die meisten Menschen Neuland.

Ich habe vor etwa einer Woche praktisch aufgehört, mich mit Zahlen und Statistiken verrückt zu machen. Alle paar Tage mal, das muss reichen. Ich will nicht abstumpfen, vor allem aber will ich nicht in Zahlen, sondern an Menschen denken und fühlen. Und daran ändern kann ich nichts.

Ich versuche besonnen zu bleiben. Manchmal kann ich der Angst in meiner Brust mit bewusstem Atmen punktuell Raum geben, sie anschauen, ihr zuhören, wenn sie mir mal wieder die Kehle zudrücken will. Ja, ich will ihr ins Gesicht schauen, aber Wohnrecht bekommt sie nicht. Auch versuche ich, die Verantwortung für die ganze Welt nicht allein zu tragen. (Wer ähnlich tickt wie ich, weiß, was ich meine.) Und ich versuche, aufrecht stehen zu bleiben. Mit beiden Füßen. Wie auf einem Seil. Auf einem Grat.

Uns fehle es an Visionen und Utopien, lese ich, wir lebten inmitten von Dystopien. Ja, ist wohl so.

Andere Frage: Wann hatten wir je eine bessere Gelegenheit dazu die Gesellschaft neu erfinden, wenn nicht jetzt? Ob wir sie nützen?

Schon vor wenigen Wochen, als sich die Corona-Krise gerade erst wie eine kleine Regenwolke vor die Sonne zu schieben begonnen hatte, dachte ich: Wann, wenn nicht jetzt wäre der richtige Zeitpunkt gekommen, das Grundeinkommen einzuführen und – schwupp! –  sind fast über Nacht Initiativen dafür gestartet worden. Wie wunderbar das doch wäre, denn viele Menschen fallen zwischen die Stühle. Leider decken die Hilfspakete nicht alle Nischen ab. Grundeinkommen wäre also DIE Lösung.

Mir fällt auf, dass existentielle Themen auf einmal nicht mehr nur solche Menschen wie mich beschäftigen, die eh immer viel über das Leben und die Welt nachdenken.

Auf einmal wird deutlich, wie existentiell wichtig bildende Kunst, Kunsthandwerk, Handwerk, Literatur, Musik, Tanz, Sport und alles was wir für unsere Gemüter tun und um den Druck in uns zu regulieren. (Was bin ich froh über meine seit zwanzig Jahren (fast) tägliche Yogaroutine, die ich aktuell um einige physiotherapeutische Übungen ergänzt habe, damit mein Fersensporn sich erholt.) Existentiell ist all das, was mir beim Existieren hilft, beim Überleben, beim Leben. Und dazu gehört definitiv  auch die Radreise des liebsten Irgendlink, der aktuell vom Schreibtisch aus höchst velosophisch* von Zweibrücken nach Andorra radelt. Er hat übrigens noch Platz auf dem Gepäckträger, falls du mitradeln willst. Vor zwanzig Jahren das erste Mal, vor zehn Jahren das zweite Mal und heuer das dritte Mal betrachtet er den Weg, die Landschaft, die Orte, die Menschen vom Sattel – respektive vom Bürostuhl –  aus und schreibt sehr anschaulich über die Welt, wie er sie sieht.

Gerade hilft mir diese seine Reise, ihn nicht allzu sehr zu vermissen. Nicht zu wissen, wann wir uns wiedersehen können, ist diesmal allerdings deutlich schwerer auszuhalten als wenn er tatsächlich auf dem Radel unterwegs wäre. Natürlich ist da immer Ungewissheit, weil das Leben überall und immer lebensgefährlich ist, doch diesmal die Ungewissheit anders. Die Dauer des Nicht-Sehen-Könnens ist ungewiss und unfreiwillig, der Verlauf der ganzen Quarantäne ist ungewiss. Außerdem ist Irgendlink für mich systemrelevant und diese Geschlossene-Landesgrenzen-Ungewissheit bindet viel Energie (auch wenn ich das natürlich akzeptieren muss).

Ich weiß inzwischen, dass es aus mentalgesundheitlicher Sicht hilfreicher ist, mir solche Ängste, Unsicherheiten und Ungewissheiten einzugestehen und sie zuzulassen als sie zu unterdrücken. Und ich weiß auch, dass es normal und menschlich ist, an die eigenen Grenzen zu kommen, besonders unter solchen Umständen.

Zusammenreissen erzeugt Überdruck, der in Unterdruck münden kann – Depression und anderes –, und nein, das ist nicht nur ein lustiges Wortspiel. Ich weiß, wovon ich rede.

Was ich sagen wollte? Nein, im Gegenteil! Es ist überlebenswichtig, dass ihr alle gut zu euch schaut. Bitte-bitte tut es. Und ja, ich weiß, manche haben dafür keine Zeit. Vielleicht ist es darum gut, wenn die, die ein bisschen mehr Zeit haben, auch ein bisschen mehr für andere mitschauen. Oder so.

—-

*velosophisch = Ich bin Emil ewig dankbar für dieses wunderbar treffende Wort.

Mein Klopapier ist Ingwer

Aber nicht so, wie ihr denkt. Nö, nicht Klopapier, das ist zu banal. Ingwer ist mein Kryptonit sozusagen. Oder mein Anti-Kryptonit. Egal, das eine kann eh nicht sein ohne das andere. Stark nicht ohne schwach.

Was ich sagen will: Ich brauche Ingwer. Ingwer ist mein Antidot. Er geht zur Neige, reicht vielleicht noch für zwei Tage.

Was ich eigentlich sagen will: Heute werde ich einkaufen gehen müssen.

Ich gestehe, ich trage mich mit der Absicht, heute Ingwer zu hamstern, Bio-Ingwer. Meine Herz- und Nervennahrung. Und – insbesondere bei Halsweh – mein Lieblingsgetränk.

Diesen Frühling will ich versuchen, ihn selbst anzupflanzen. Für schlimme Zeiten. Ich meine für noch schlimmere Zeiten natürlich. Weil es ja immer ‘noch schlimmer‘ werden kann, denn wir sind noch längst nicht am Ende der Fahnenstange angekommen. Jedenfalls was die äußeren Einschränkungen betrifft. Noch können wir unsere Wohnungen verlassen, noch wird von unseren Regierungen (D und CH zumindest) auf unsere Vernunft vertraut. Noch können wir in den Wald. (Bitte nehmt mir nie den Wald weg!)

Manchen, vielleicht sogar ganz vielen, ist das alles schon zu viel. Für manche ist das hier schon die Vorhölle. Für ‚normalen Menschen‘, die normalerweise einen Alltag mit vielen Menschen, vielen Begegnungen, viel Ablenkung – kurz: viel Input – haben, ist das hier gerade eine sehr grenzwertige Erfahrung. Für sie ist das jetzt, diese Entschleunigung, purer Horror. Sie wissen nicht, was sie mit sich anfangen sollen und drehen im Kreis. Viele halten es kaum aus.

Für Menschen, die – wie ich – gesundheitlich eh eingeschränkt sind und dieses Höhlenleben bereits Alltag nennen, ist die Übung im Eingeschränktleben auf einmal eine Ressource.

Für mich ist anderes schwierig: Ich leide am Wissen, dass es ganz vielen Menschen genau jetzt, gleichzeitig, ganz verdammt schlecht geht und ich – wie meistens – nicht wirklich viel dagegen tun kann. Oder nur in kleinen Häppchen.

Da ist gerade so viel Leid. Genau jetzt.

All die Menschen in den Flüchtlingslagern zum Beispiel, die neben ihres ganz individuellen persönlichen Leid politisch längst zu Instrumenten geworden sind.
Ja, und all die Klimaflüchtlinge überall.
All die Menschen, die in Ländern ohne unsere doch zweifellos trotz allen Spardrucks recht gute medizinische Versorgung leben.

Ich fühle dieses ganze Leid mal wieder so verdammt schwer, unerträglich schwer auf meinen Schultern. Ich ziehe es mir an wie ein Kleid, ein viel zu enges Kleid, das mir nicht gehört. Jedenfalls gehört es nicht mir allein. Es gehört uns allen und wenn wir es uns gemeinsam anziehen, dann wird es auf einmal groß und weit und passt sich an und wir können etwas tun. Vielleicht jedenfalls. Ich hoffe es.

Gehöre ich eigentlich eher zu denen, die Hilfe brauchen oder zu denen, die Hilfe geben können?, fragte ich mich gestern. Die Antwort ist in meinem Fall (jetzt und noch) ein Sowohl-als-Auch.

Auf jeden Fall täte ich mich schwerer damit, Hilfe zu erbitten, denn anzunehmen. Das war immer schon so. Und damit bin ich vermutlich nicht allein.

Seit über drei Wochen bin ich krank. Nichts Schlimmes. Immer Schluckweh. Zuweilen Fieber, aber immer nur ein wenig. Zuweilen Schnupfen, aber ohne Fließnase, die dafür oft ganz schön juckt. Hui, bin ich plötzlich pollenallergisch? Die Symptome klingen jedenfalls nicht nach Covid19, dennoch lebe ich ‚mit Abstand‘ und das schon seit über zwei Wochen, mit wenigen Ausnahmen. Termine habe ich längst alle abgesagt und ich verlagere Soziales auf Messengerdienste und Socialmedia. Videotelefonie wird schon bald die physischen Therapiegespräche ablösen.

Doch heute werde ich einkaufen gehen müssen. Wegen Ingwer. Und Bier. Und ich werde der Kassierin danken, dafür dass sie da ist. Und ich werde ihr wünschen, dass sie gesund bleiben möge.

Hoffentlich geht es meiner Lieblingskassiererin, die immer ein Lächeln auf den Lippen hat, gut, ihr und ihren Lieben auch.

Und gerade wünsche ich mir sehr, das Wünsche helfen.

Neue Wirklichkeiten

Über Sollbruchstellen nachgedacht. Denn:

»Es sind merkwürdige Zeiten, in denen alles unglaublich beschleunigt passiert aber gleichzeitig auch alles in einer unglaublichen Klarheit reduziert ist, alle Sterne brillieren, alle Sollbruchstellen brechen, es gibt sehr wenig ’dazwischen’ im Moment«,

schreibt Frau Novemberregen.

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Wo breche ich, wo brichst du?
Wo setzen wir uns neu zusammen, wenn der Sturm vorbei ist?

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Viele verhalten sich so normal, als könnten sie mit ihrem Ignorieren der Maßnahmen, die Veränderungen aufhalten.

Andererseits brauchen wir Normalität und Rituale. Nutzen wir doch die Chance, diese zu überdenken.

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Verhalte dich so, als hättest du das Virus.
Oder verhalte dich wenigstens so, als würdest du lieben. Als würdest du jemanden sehr lieben, dem das Virus voraussichtlich sehr schaden könnte.

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Fast fünf Jahre her. Irgendlink und ich hatten für eine Woche ein Häuschen in Falun gemietet. Ich flog nach Stockholm und traf ihn, der mitten in seiner Live-Kunst-Rad-Tour ans Nordkap unterwegs war, für eine kleine Auszeit in Örebro, von wo aus wir uns mit zwei Campingplatz-Zwischenstopps Richtung Falun durchschlugen, ich mit ÖV, er mit dem Radel.

Wir überlegten damals auf unseren kleinen und größeren Touren durch die schwedische Pampa, wie es wäre, wenn seine Reise statt mit Muskelkraft auf seinem Fahrrad nur in seinem Kopf stattfände. Wenn er sich mit dem Blick auf Karten und virtuellen Weltbetrachtungstools seine Reise zusammenfantasieren würde. Wenn er aus den tiefen seiner Erfahrungen schöpfen und eine Reise rein virtuell rein fiktiv erzählen würde. Täglich. Als wäre er unterwegs.

Diese Phantasie hat uns eingeholt. Diese Phantasie ist seit drei Tagen Wirklichkeit geworden. Andorra, das Irgendlink in diesen Tagen mit dem Rad hatte anpeilen wollen, ist weiter weg denn je. Die Grenzen sind geschlossen. Die äußeren Grenzen ja … vergessen wir nicht die inneren Grenzen. Kraft unserer Phantasie können wir um die Welt reisen. Oder nach Andorra. Mit Irgendlink. Täglich neu. Täglich ein bisschen weiter. Hier.

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Gestern war ich im Wald. Es waren mehr Menschen unterwegs als auch schon. Und alle in respektvollem Abstand.

Ich pflückte Bärlauch und begriff, wie alles zusammenhängt.
Obwohl es letztlich unbegreiflich ist.

(Über die Natur der Natur schrieb Ulli heute hier.)

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Leben, so gut es geht.
Es jeden Tag üben, dieses Leben.
Jeden Tag von neuem.

Depression zwischen Buchdeckeln #8 | Ausgelesen #31 | Marianengraben von Jasmin Schreiber

»Es geht um Depression, Trauer, kleine Brüder und um die langsamste Verfolgungsjagd in der Geschichte der Verfolgungsjagden.« So beschreibt die Autorin Jasmin Schreiber ihr Buch Marianengraben auf ihrer Webseite. Was irgendwie stimmt, aber irgendwie auch viel zu tief stapelt. Denn das Buch ist mehr. Es ist eine Liebeserklärung an das Leben. Nun ja, nicht von Anfang an, denn am Anfang wird gestorben. Paulas zehnjähriger Bruder Tim ertrinkt. In den Ferien. Und Paula, die Ich-Erzählerin, ist nicht da, um ihn zu retten.

Das Buchcover hat einen dunkelblauen, tiefseefarbigen Hintergrund. Darauf in hellviolett die Tentakeln eines Tintenfisches. In der Bildmitte in hellblau der Buchtitel, darüber kleiner der Name der Autorin, darunter der Begriff Roman, ganz unten am Bildrand der Verlagsname.
Cover des vorgestellten Buches

Paula, die kurz vor ihrer Doktorarbeit als Biologin steht, fällt in eine tiefe Depression. Zwei Jahre lang mäandert sie in tiefer Trauer durch ihr Leben und beginnt schließlich und endlich mit einer Therapie. Ihr Therapeut, mit dem sie – um dem Kern ihres Schmerzes nicht in die Augen schauen zu müssen – stundenlang über Kochrezepte diskutiert, gibt Paula den entscheidenden Schubser, der dazu führt, dass Paula eines Nachts Helmut kennenlernt. Eine turbulente Begegnung mit Folgen, die weder Paula noch Helmut hätten ahnen können. Und Hündin Judy schon gar nicht.

Paula begibt sich spontan zusammen mit Helmut auf eine abenteuerliche Reise. Und es wird eine von jene Reisen, die Menschen zuweilen brauchen, um zu sich selbst zurückzufinden. Paula, von Helmut zuweilen Heulboje genannt, da sie beim kleinsten Anlass in Tränen ausbricht, erzählt hier von ihren Erlebnissen nach dem Tod ihres Bruders und so ist dieses Buch letztlich ein einziger langer Brief an Tim, in welchem sie sich immer wieder an Gespräche mit ihm erinnert. Und an seine Begeisterung für das Meer, deren tiefste Stelle, der Marianengraben, den Titel für das Buch liefert. Aus Gründen. (Und ganz nebenbei lernen wir auch viel über die Tiefen der Tiefsee.)

Weil sich Paula an Gespräche erinnert, erfahren wir viel über die Dynamik ihrer Beziehung zu Tim. Ihre Kapitel benennt Paula nach der jeweils aktuellen Tiefe ihres persönlichen Marianengrabens, dem Synonym für ihre Trauer.

»Jetzt liebe ich dich nur noch gefangen in einer Zwischenwelt aus Präteritum und Konjunktiv und in einer Realität, die vor deinem Tod ein Leben und danach nur noch ein Zustand war.« (S. 9.)

»Ich hatte schon oft in meinem Leben das Gefühl, einsam zu sein. […] Aber erst jetzt verstand ich, dass man nur wirklich einsam ist, wenn man zurückbleibt, wenn man übrig ist. Und dann fährt man in die Berge, weil sie so unendlich groß und mächtig sind und man selbst so klein, und man hofft, dass das irgendetwas kompensiert. Dass die Weite des Gebirges den Raum ausfüllen kann, den der andere zurückgelassen hat, dass das Schmelzwasser der Gletscher in alle kleinen Ritzen und Lücken eindringt und alles wieder mit Leben befüllt. Aber kein Gebirge der Welt kann diese Leere kompensieren.« (S. 52)

Jasmin Schreiber, ursprünglich Biologin wie Paula, schöpft, was das Sterben betrifft, aus einem tiefseetiefen Erfahrungsschatz. Sie begleitet ehrenamtlich Eltern, deren Kinder im Sterben liegen oder gerade gestorben sind. Als ehrenamtliche Trauerbegleiterin weiß sie, wovon sie redet. Und auch Depressionen sind ihr persönlich bekannt.

Ihre beiden Figuren hat sie sehr glaubwürdig und vielschichtig gezeichnet. Helmut und Paula kommen sich im Laufe der Reise, die sie zusammen unternehmen, innerlich näher und teilen Gefühle und Gedanken um geliebte und verstorbene Menschen. Sie sprechen sozusagen die gleiche Sprache, die Sprache der Trauer.

»Wenn Trauer eine Sprache wäre, hätte ich jetzt zum ersten Mal jemanden getroffen, der sie genau so flüssig sprach wie ich, nur mit einem anderen Dialekt.« (S. 96)

Wer jetzt aber meint, dass Marianengraben ein furchtbar trauriges Buch sein muss, täuscht sich. Und zwar mega. Noch nie habe ich über Trauer so ein witziges Buch gelesen, und das ohne jegleiche Plattheiten, Geschmacklosigkeiten oder Kitsch. Wer allerdings Heile-Welt und Happy End sucht, ist hier falsch.

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal gleichzeitig so viel gelacht und geweint habe. Trotz aller Situationskomik erzählt die Autorin hier eine sehr schmerzhafte Geschichte, eigentlich sogar mehrere. Geschichten aber,  die mich allesamt – mit meinen eigenen Trauergeschichten – ein bisschen getrösteter zurücklassen. Und die mir Hoffnung schenken. Und immer wieder ein Lächeln.

Ich bedanke mich sehr herzlich bei der Autorin und beim Eichborn-Verlag für das nicht nur innen, sondern auch außen wunderschön gestaltete Buch.


Eichborn Verlag

Webseite der Autorin: www.jasmin-schreiber.de

Fehlhaltungen

Ein kleines anatomisches Gleichnis zum Samstag gefällig? Na dann los. Wir widmen uns dem Thema Fersensporn.

Laut Wikipedia ist das ein knöcherner Sporn am Fersenbein. Der untere Fersensporn geht gelegentlich mit einer Entzündung der Plantarsehne an der Fußsohle einher. (Und, pssst, so eine Entzündung tut verdammt weh.) Heißt: Nicht der Fersensporn an sich entzündet sich und tut weh, sondern es schmerzen die involvierte Nerven und Sehnen. Die eigentlich therapiebedürftigen Beschwerden treten, laut Wiki, bei […] einer Entzündung in diesem Bereich, auf. Da ein abgesenktes Fußlängsgewölbe als Ursache einer chronischen Zugbelastung der Sehnenansätze am Fersenbein anzusehen ist, in dessen Folge es zu einer Ansatzverkalkung (dem sogenannten Fersensporn als Röntgendiagnose) kommen kann, besteht die wichtigste therapeutische Maßnahme in der passiven Korrektur mittels Schuheinlagen.

Mit https://photomosh.com/ gemachte Bildanimation, aus einer Ölpfütze, die aussieht wie ein stilisiertes, tanzendes Paar.
Mit https://photomosh.com/ gemachte Bildanimation

Supervereinfacht gesagt bewirkt eine zu große Belastung an der einen Stelle eine Verkalkung an der anderen Stelle, die wiederum zu einer schmerzhaften Entzündung führt. Eine falsche Körperhaltung, die wir uns aus Gründen über eine lange Zeit angeeignet haben, macht, dass der Körper zu Selbstreparatur(re)aktionen greift und mit Kalk hantiert. Allerdings sind solche Aktionen nicht immer dasjenige, was eigentlich wirklich langfristig heilsam wäre, sie dienen eher der Schadensbegrenzung und Stabilisierung.

Ich bin weder Ärztin noch sonstwie medizinische Fachperson und das eben Gesagte habe ich vermutlich – oder sogar ziemlich – sicher anatomisch nicht ganz korrekt interpretiert, aber als Gleichnisgrundlage passt so ein Fersensporn allemal.

Es gibt ja nicht nur unsere Körperhaltung, sondern wir haben auch dem Leben gegenüber eine innere Haltung eingenommen. Da sind die Gedanken, die wir denken. Die Gefühle, die wir empfinden. Da ist die ständige Wechselwirkung zwischen all unserm Erleben und unserem Weltbild, das wir uns im Laufe unseres Lebens zurechtgezimmert haben.

Kann es da die eine ’richtige Haltung’ überhaupt geben? Ich glaube nicht, aber vielleicht kann ich immer wieder neu die für mich am besten passende, mich am besten fördernde Haltung herausfinden. In dem ich laufend reflektiere, welche Haltung zu welchen Reaktionen führt und welche Haltung welche Schmerzvermeidungsmuster erzeugt – ob nun auf der Körper- oder auf der Seelenebene ist letzlich egal, den beide sind miteinander verbunden. Körper und Seele versuchen beide ’von Natur aus’, Schmerzen zu vermeiden. Darum hilft es mir, in Kontakt mit mir und meiner Natur zu sein.

So weit so gut? Jetzt gehen wir einen Schritt weiter und übersetzen unser hübsches Gleichnis vom Fersensporn auf die menschliche Gesellschaft, denn auch hier wirken sich kollektiv eingenommene Haltungen heilsam oder schmerzhaft auf die besonders sensiblen Stellen des Gesellschaftskörpers aus.

Gesellschaft, zeige mir deine wunden Stellen und ich sage dir, welche Haltung du hast!

Ich denke da politisch. Mir fallen Gesetzesentwürfe* ein, die es – wenn sie zu Gesetzen werden – Menschen, die aus Gründen eh schon wenig Ressourcen haben, noch schwieriger machen, in Würde zu leben.

Wir brauchen alle mehr Solidarität.

’Von Natur aus’ kümmert sich ein gesunder Mensch um die Stellen an Körper undn Seele, die schmerzen. Er verhält sich sich selbst gegenüber solidarisch. Er sucht nach Lösungen, Selbsthilfe, Hilfe, Besserung. Das ist das Natürlichste der Welt. Wäre es jedenfalls.

Wieder schreibe ich ’von Natur aus’ und wieder mit Gänsefüßchen. Ich beobachte, wie uns – als kapitalistische Gesellschaft – diese Natur mehr und mehr abhanden kommt, diese Natur-in-uns (Selbst-Natur-Sein) ebenso wie diese Natur da draußen (Nahrungsanbau, Tiere, Werden und Vergehen). Vor allem aber fehlt uns der Zusammenhang zwischen mir selbst und der Natur da draußen, denn da wäre eigentlich keine Trennung. Natur ist Natur, ob nun innerhalb oder außerhalb meines und deines Organismus. Das Wissen um den kleinen (internen) und großen (externen) Zusammenhang fehlt uns immer mehr. Fehlen im Sinne von Lücke, von Verlust, von Sehnsucht.

So kann ich, kannst du auch nicht wirklich solidarisch sein, weder innerhalb des eigenen Organismus noch innerhalb der Gesellschaft.

Wir haben von klein auf gelernt, Schmerzen zu ignorieren, Druckstellen auszublenden. Wir ignorieren Störfaktoren, bis die Schmerzen nicht mehr nur Schmerzen sind und die Symptome sich nicht mehr ohne weiteres behandeln lassen. Wir Menschen tun es bei uns selbst und wir Menschen tun es auch in der Politik, wir tun es mit der Erde, wir tun es bei unseren Mitmenschen.

Wie sagte neulich eine kluge Frau zu mir? Wäre da mehr Selbstliebe, sähe die Welt ganz anders aus.

Selbstliebe, Selbstfürsorge, Mitgefühl für sich und andere, Empathie. Nenn es wie du willst. Im Grunde meine ich hier einfach das Gegenteil von Egoprofilierung, Selbstbeweihräucherung, Ich-zuerst-Denken.

Wir brauchen wieder mehr von diesem Ding, das wir ’von Natur aus’ in uns drin haben. Hätten. Von diesem Ding, das macht, dass wir merken, wenn etwas nicht mehr rund läuft. Wenn die Erde brennt zum Beispiel. Oder wenn die Füße schmerzen.


* Aktuell in der Schweiz (Abstimmung vom 9. Februar 2020) empfehle ich herzlich folgende Parolen. Fpr ein lebenswerteres Miteinander.

  • Gesetz über das Kantons- und das Gemeindebürgerrecht (KBüG); Änderung vom 7. Mai 2019: NEIN
  • Volksinitiative vom 18. Oktober 2016 „Mehr bezahlbare Wohnungen“: JA
  • Änderung vom 14. Dezember 2018 des Strafgesetzbuches und des Militärstrafgesetzes (Diskriminierung und Aufruf zu Hass aufgrund der sexuellen Orientierung): JA

Wie Menschsein sein könnte

Ich habe da schon lange so ein Ideal vom Menschen und vom Menschsein in mir drin. Mein Ideal, wie wir sein könnten. Wie wir sein sollten. Wie ich gern wäre.

So ist mein idealer Mensch liebevoll und geht sowohl mit sich selbst als auch mit seinen Mitmenschen achtsam um. Selbstliebe und Liebe sind seine innere Haltung, die sein Handeln steuert. Ungekünstelte Liebe, die aus dem Selbstverständnis und dem Verständnis vom eigenen Wert und dem Wert jedes anderen Wesens gewachsen ist.

Mein idealer Mensch handelt respektvoll, kreativ, reflektierend und auch wenn er Fehler macht – denn die macht er, und nicht zu knapp! –, bleibt er den anderen und sich selbst gegenüber liebevoll. Er verzeiht sich selbst.

Je nachdem, was mein idealer Mensch für ein Temperament und für einen Charakter hat, arbeitet er eher still vor sich hin oder macht sich sichtbar. Er setzt sich für eine lebenswertere Welt ein, im Bewusstsein, dass alles vergänglich ist. Er ist gegenwärtig, ist sich aber sein Vor- und sein Nachher jederzeit bewusst. Mein idealer Mensch ist in der Lage, jetzt aus Überzeugung zu agieren und auf Umstände zu reagieren.

Dieser ideale Mensch ist sich nicht zu schade, den Dreck aufzuwischen, den andere verursacht haben – zum Wohl aller. Er tut es ohne jede Servilität, weil er weiß, dass alle zusammen im gleichen Boot sitzen. Aber er tut es auch in einer kritischen Haltung, denn er lässt sich nicht ausnützen. Er hat Rückgrat und eine klare innere Haltung.

(Ja, ich weiß, ich habe sehr hohe Ideale. Geht das auch in kleiner?, fragen manche. Nö, geht nicht.)

Ein solcher Mensch gedeiht natürlich nicht von allein und das ideale Umfeld um darin ideal aufzuwachsen gibt es natürlich auch nicht, so wie es auch die ideale Kindheit nicht gibt. Und auch die idealen Lebensbedingungen gibt es nicht.

Außerdem haben manche mehr Glück als andere. Und manche haben tauglichere Krücken als andere. Manche können mit den zur Verfügung stehenden Werkzeugen besser umgehen als andere. Manche haben von Natur aus ein sonnigeres Gemüt als andere. Und vergessen wir nicht: Ganz viel, was geschieht, mit uns geschieht, können wir nicht beeinflussen. Und alle erleiden wir im Laufe des Lebens Verletzungen, die uns beeinflussen. Unser Denken, unser Handeln.

Kurz: Wir alle leben nicht unter idealen Bedingungen und unsere Befindlichkeiten sind selten ideal. Darum können wir oft nicht unseren Idealen gemäß denken und handeln. Ich jedenfalls bin von meinem Ideal weit entfernt. Dennoch und vielleicht auch darum bin ich froh, dass ich ein paar Vorbilder habe, die Selbstliebe, Schwachseindürfen, Empathie leben. Ja, ich weiß, Vergleiche sind müßig und ja, auch diese Menschen sind nicht ideal. Dennoch denke ich, dass wir alle Vorbilder und Ideale brauchen, um uns vorwärts zu entwickeln.

Es braucht Menschen wie Greta Thunberg oder Luisa Neubauer. Oder auch wie die neuseeländische Präsidentin und viele andere, die im Stillen handeln. Es braucht Menschen, die nicht aus Profiliersucht Gutes tun, denen es egal ist, was die andern von ihnen denken, die ihr Handeln am Nutzen für andere messen, nicht am Nutzen fürs eigene Ego.

Es braucht einen Wertewandel. In allen Lebensbereichen. Je länger je dringender.

+++

Apropos Wertewandel:
Gestern habe ich das neue Asterix-Heft – Die Tochter des Vercingetorix – verschlungen. Ich kann es nur herzlich empfehlen.

Hier gibts einen kleinen Happen zum Anfixen:

Die vier abgebildeten Comic-Strips aus dem neuen Asterix-Band zeigen eine Szene auf dem Schiff. Im ersten Bild sieht man zwei alte und einen jungen Gallier, die darüber reden, dass sie die Tochter des Häuptlings in Sicherheit bringen müssen. Der junge Mann ist Kapitän des Schiffes und heißt Letibix. Normalerweise transportiert er Blumen. Er zitiert im dritten Bild den Beatles-Song Imagine. Ihr mögt sagen, ich bin ein Träumer, doch wie ihr, glaube ich, dass eines Tages Frieden herrschen wird.  Im vierten Bild sagt er: Stellt euch vor, es gibt keine Grenzen mehr, Römer und Gallier tauschen ihre Waffen gegen Saatgut und pflanzen überall gemeinsam Getreide und Blumen ...
Halbe Seite aus dem neuen Asterix-Band (Bildbeschreibung im Quelltext)

Wenn die Berge rufen | #flussnoten19

Die Aare also. Dieser Fluss, an dem ich vor vielen Jahren geboren wurde. Dieser Fluss, in dessen Nähe ich die meiste Zeit meines Leben gelebt habe. (Aufzählungen erspare ich euch. Ich bin so oft umgezogen, dass ich selbst manchmal nicht mehr weiß, in welcher Reihenfolge ich wann und wo gelebt habe.) Sie hat mich geprägt, die Aare. Auch die wenige Jahre, die ich nicht im Dunstkreis der Aare gelebt habe, wohnte ich – fast immer – in der Nähe eines Gewässers, zum Beispiel an der Limmat mit ihrem schönen Zürichsee.

Kurz und gut: Es ist höchste Zeit, endlich herauszufinden, woher mein Heimatfluss überhaupt kommt.

Es sind die Aargletscher – eine Gletschergruppe in den östlichen Berner Alpen am Finsteraarhorn –, welche die Aare gebären, auf ihre lange Reise schicken, ins Tal, in den Rhein, ins Meer. Als Hauptquell nennt Wikipedia den Unteraargletscher auf 1977m ü. M. im Grimselgebiet.

Von da aus fließt die Aare stetig abwärts, durch Berge, Schluchten, kleine und große Seen, um schließlich bei Koblenz – bei 312m ü. M. – in den Rhein zu münden. Bis dahin hat sie einen Höhenunterschied von 1665m überwunden und 291,5 km zurückgelegt.

Karte, die das Einzugsgebiet von Quelle bis Mündung in den Rhein zeigt
Karte, die das Einzugsgebiet von Quelle bis Mündung in den Rhein zeigt

Von Friedrich-Karl Mohr | CC BY-SA 3.0 de | Quelle: commons.wikimedia.org

So weit werden wir es in den zwei Wochen, die wir uns freigeschaufelt haben, allerdings nicht schaffen. Nicht im gebirgigen Auf-und-Ab, nicht mit den 15kg-schwerem Wanderrucksäcken mit Zelt-Matte-Schlafsack auf den Rücken. Auch geht es ja nicht um sportliche Leistung, es geht um Entschleunigung, um Ruhefinden, um Kraftschöpfen.

Manche Aarewege bin ich bereits früher in meinen Leben schon geradelt – allein, mit andern, mit Irgendlink. Andere Teilstücke sind uns von gemeinsamen Wanderungen bekannt. Doch jenen Abschnitt ganz oben im Berner Oberland haben wir beide bisher weder erwandert noch erradelt. Darum werden wir – wie vor drei Jahren beim Rhein – bei der Quelle anfangen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren wir auf den Grimselpass, da dort irgendwo die Aare, inmitten von Bergseen, ihr Dasein als Fluss anfängt.

>> Karte Grimsel <<<

[googlemaps https://www.google.com/maps/embed?pb=!1m17!1m8!1m3!1d10971.27604956059!2d8.322541!3d46.5710443!3m2!1i1024!2i768!4f13.1!4m6!3e2!4m3!3m2!1d46.5728261!2d8.331545!4m0!5e0!3m2!1sde!2sch!4v1560783763454!5m2!1sde!2sch&w=600&h=450]Am Samstag werden wir Freunde am Thunersee besuchen und bei ihnen übernachten. Bei ihnen dürfen wir auch das Auto abstellen, um von dort aus mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Berge zu fahren.

Die ersten Wandertage sehen dann ungefähr so aus:
>>> Karte <<<

[googlemaps https://www.google.com/maps/embed?pb=!1m25!1m12!1m3!1d175259.74878618063!2d8.054490034953101!3d46.65770042045961!2m3!1f0!2f0!3f0!3m2!1i1024!2i768!4f13.1!4m10!3e2!4m3!3m2!1d46.5728261!2d8.331545!4m4!2s46.74310%2C+8.05306!3m2!1d46.7431!2d8.05306!5e0!3m2!1sde!2sch!4v1560783722308!5m2!1sde!2sch&w=600&h=450]Ich freue mich total.

Ob wir bloggen oder twittern werden, wird von der Tageslaune abhängen, vom Netz, von der Befindlichkeit. Vielleicht werden wir auf Twitter sogar unseren Rheinwander- und Rheinradelhashag #Flussnoten wachküssen. Und vielleicht sogar das gleichnamige Blog?

Die Tageslaune wird es zeigen.

Ausgelesen #27 | Die wundersame Mission des Harry Crane von Jon Cohen

Buchcover zeigt auf einem dunkelblauen Hintergrund ein goldenes Blatt. In dunkelblauen Handlettering-Buchstaben steht darin der Titel des Buches. Unter dem Blatt sind in weißen Lettern Autor- und Verlagsnamen zu lesen. Auf dem blauen Hintergrund leuchten goldene Punkte, die an Goldmünzen oder Sterne erinnern.
Buchcover zeigt auf einem dunkelblauen Hintergrund ein goldenes Blatt. In dunkelblauen Handlettering-Buchstaben steht darin der Titel des Buches. Unter dem Blatt sind in weißen Lettern Autor- und Verlagsnamen zu lesen. Auf dem blauen Hintergrund leuchten goldene Punkte, die an Goldmünzen oder Sterne erinnern.

Am Anfang von Jon Cohens Märchenroman sterben zwei Menschen. Doch keine Angst, trotz des traurigen Auftaktes ist Die wundersame Mission des Harry Crane keine traurige Geschichte. Märchen, Heldenepos, Weisheitsgeschichte? Auf alle Fälle lesenswert!

Wie schon oft finde ich persönlich den deutschen Titel übrigens ziemlich schlecht gewählt, zumal ich diesen Bandwurm-Titel-Trend eh nicht mag. Im Original heißt dieser Roman schlicht Harry’s Trees, was der Sache schon näher kommt. Harrys Bäume. Als Titel hätte mir auch Orianas Wald gut gefallen.

Was wäre, wenn über Nacht Wunder geschähen und die Probleme, die uns am meisten belasten, sich von selbst oder durch Zauberfeenhand gelöst hätten und unsere Welt beim Aufstehen eine andere wäre? Was wäre am Morgen anders?

Harry Cranes Antwort wäre vermutlich ziemlich einfach: Seine Zauberfee hätte über Nacht die Uhr zurückgedreht. So hätte er dieses eine Los nicht gekauft und seine Frau nicht an dieser gefährlichen Straßenecke warten lassen. Stattdessen wäre er mit Beth, seiner großen Liebe, wie geplant schnurstracks ins Kino gegangen. Der tödliche Unfall wäre nicht geschehen und Beth noch am Leben. Auch die zehnjährige Oriana müsste vermutlich nicht lange überlegen: Ihr wunderbarer Vater Dean wäre nicht gestorben.

So aber ist geschehen, was geschehen ist. Kurzum: wir brauchen ein neues Wunder. Harrys Wunder geschieht, als er einen Anruf von seinem Anwalt bekommt. Die Baufirma, die Beths Tod zu verantworten hat, zahlt sieben Millionen Schadenersatz. Geld allerdings, das Harry gar nicht will. Nur seinem großen Bruder Wolf zuliebe ist er mit zum Anwalt, der schließlich eine Schadenersatzklage angeleiert hatte. Harry will nicht das Geld, Harry will Beth. Die Schuld, die er sich an Beths Tod gibt, ist im Laufe des seither vergangenen Jahres nicht kleiner geworden. Nach dem anwältlichen Anruf setzt er sich darum in sein Auto und fährt los. Mitten in die Wälder Pennsylvanias, die erbisher tagtäglich von Berufs wegen verwaltet hat. Harry will nicht mehr leben. Mit Blutgeld schon gar nicht.

Derweilen ist Oriana davon überzeugt, dass ihr Vater Dean nicht tot ist, sondern sich in ein geflügeltes Tier verwandelt hat. Darum legt sie ihm im Wald seine Lieblingsleckereien hin. Überhaupt ist sie ganz oft im Wald. Mit oder ohne Bücher, die sie sich bei der betagten Bibliothekarin Olive in der Stadtbibliothek holt. Von ihr hat sie auch das handgeschriebene Märchenbuch des alten Grum, eine Geschichte, die sie schon viele Male gelesen hat. Ausgerechnet dieses Buch aber hat sie verloren. Vermutlich im Wald, an einem ihrer vielen schöne Leseplätze.

Oriana, die mit ihrer Mutter Amanda nach dem verlorenen Buch sucht, findet Harry, der beim Versuch, sich das Leben zu nehmen, von einer maroden Mauer gestürzt ist. Drei Menschen, die um einen geliebten Menschen trauern, lernen sich kennen – der Beginn einer großen Seelenfreundschaft. Amanda bietet Harry an, seine Beule zu verarzten, ist sie doch von Beruf Krankenschwester und von Natur aus sehr pragmatisch, ganz anders als ihre belesene und von Märchen besessene Tochter.

So kommt es, dass Harry für drei Wochen ins Baumhaus der Familie einzieht, um die Bäume zu zählen. Als Forstbeamter kommt ihm diese Ausrede gerade recht. Vielleicht kann er in dieser Zeit ja ein bisschen Frieden finden? Waren Wälder, waren Bäume denn nicht schon immer – schon als er ein Kind war –, seine große Leidenschaft gewesen? Auf ihren Ästen und in ihrem Blätterwerk hatte er sich versteckt, wenn ihn sein großer Bruder Wolf piesacken wollte oder die Eltern sich einmal mehr in die Haare geraten waren.

Schließlich beginnt er, den Wald und dessen Bäume zu erkunden und zu erklettern. Immer ein bisschen höhere. Immer ein bisschen mehr kommt Harry wieder zu Kräften. Die sich entwickelnde Freundschaft zwischen ihm und Oriana weicht allmählich Orianas Fixierung auf die Rückkehr ihres Vaters als geflügeltes Wesen auf. Gemeinsam wollen die beiden jetzt die Geschichte des alten Grum in die Wirklichkeit holen, der sein Glück gefunden hat, nachdem er all seine Schätze verschenkt hat. Harry fühlt sich in den Wäldern Pennsylvanias je länger je sicherer. Auch vor seinem Bruder Wolf, der einen Anteil von Harrys Schatz für sich beansprucht. Derweilen schlägt sich Amanda mit ihren Verehrern herum, die nach ihrem Trauerjahr anfangen, mit den Hufen zu scharren. Doch dann geschehen Dinge, mit denen niemand gerechnet hat.

Die Geschichte entwickelt nach und nach eine ihr eigene Dynamik, die sowohl märchenhaft als auch lebensnah ist. Jon Cohen webt eine weise und phantasievolle Geschichte, von der ich am Schluss nicht weiß, ob sie Märchen, Heldenepos, Weisheitsgeschichte, Liebesroman, Coming of Age-Geschichte oder Feelgood-Roman ist. Nun – sie ist all das. Und noch viel mehr. Liebevoll und warmherzig geschrieben ist sie pure Medizin für Menschen, die Bäume lieben, gerne teilen, gerne träumen und die Hoffnung auf ein menschlicheres Miteinander nicht aufgeben wollen.

Herzlichen Dank an den Suhrkamp-Verlag für das Rezensionsexemplar.


Jon Cohen | Die wundersame Mission des Harry Crane – Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Alexandra Kranefeld

Erschienen: 02.10.2018
insel taschenbuch 4662 | Klappenbroschur, 536 Seiten
ISBN: 978-3-458-36362-0
Auch als eBook erhältlich

D: 15,95 € | A: 16,50 € | CH: 22,90 sFr

Suhrkamp

Ausgelesen #26 | Into madness von A. K. Benjamin

Buchcover. Im Hintergrund laufen von oben nach unten abwechselnd gelbe und blaue Wellenlinien. Darauf zuoberst in weißen Großbuchstaben der Autorname, darunter in blauen Großbuchstaben der Buchtitel, kleiner der Untertitel, unten rechts der Verlag. Von unten links geht eine blaue Figur zum oberen Bildrand. Um sie richtig zu sehen, müsste man das Bild nach links drehen.
Buchcover. Im Hintergrund laufen von oben nach unten abwechselnd gelbe und blaue Wellenlinien. Darauf zuoberst in weißen Großbuchstaben der Autorname, darunter in blauen Großbuchstaben der Buchtitel, kleiner der Untertitel, unten rechts der Verlag. Von unten links geht eine blaue Figur zum oberen Bildrand. Um sie richtig zu sehen, müsste man das Bild nach links drehen.

Ich kann dieses Buch nicht besprechen ohne vor ihm zu warnen. Weil es ziemlich verrückt ist. Und weil es verrückt. Weil es Sichtweisen verrückt. Weil es auf den Kopf stellt, was wir für unverrücktbar hielten. Weil es Geschichten erzählt, die vom Verrücktwerden und vom Verrücktsein handeln.

Ich mag das Buch, weil es nicht nur verrückt, sondern auch zurechtrückt. Es räumt zum Beispiel mit dem Märchen des omnipräsenten Arztes und der allwissenden Ärztin auf.

Der englische Originaltitel lautet Let me not be mad – A story of anravelling minds (Lass mich nicht verrückt sein – Eine Geschichte über das Entwirren des Verstandes) und wie so oft gefällt mir dieser besser als die für die deutsche Ausgabe gewählte Version.

Was sich am Anfang wie ein persönlich gefärbtes Sachbuch mit spannenden Fallanalysen liest, wird zunehmend zu einer Spurensuche, die, je länger wir dem Neuropsychologen Alasdair Benjamin, Ally, beim Leben zuschauen, desto verrückter wird. Irgendwann sind wir von Lesenden zu Mitfühlenden geworden, Teil seiner Gedanken, Teil seiner Suche, Teil seines eigenen Leids.

Er hatte uns gewarnt, ziemlich am Anfang des Buches. Er hatte erklärt, dass die Fallbeispiele aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes verfremdet worden seien. Was einleuchtet. Erst kurz vor dem Finale des Buches wird klar, was Benjamin mit seiner Information meinte, dass er auch über seine eigenen Erfahrungen schreibe.

Eben noch hatte uns der auf Diagnostik und akute Rehabilitation spezialisierte Arzt einige klinische Begegnungen präsentiert. Wir hatten eine verwirrte ältere Frau namens Lucy kennengelernt, die Alzheimer hat – oder nicht. Und da war dieser merkwürdige Junge gewesen, dessen Aggressionen und Autoaggressionen die Eltern hatten den Arzt aufsuchen lassen und dann war auch noch jener fünfzigjährige Geschäftsmann, dessen schwere Hirnverletzung ihn zu einem exaltierten unberechenbaren Menschen gemacht hatte. Benjamin entgeht in seinem Beratungsraum in einem verschuldeten Londoner Klinikum nichts. Auch nicht die Schweißflecken, die sich über Lucys Kleid bewegen und einer animierten Landkarte auseinander driftender Kontinente ähneln. Benjamins Blick ist scharf und er findet Worte, um den Dingen Gestalt zu verleihen, für die weniger Sensiblen, weniger für solcherlei Reize Empfänglichen der Blick fehlt. Er trägt nicht nur das Herz, er trägt auch das Hirn auf der Zunge und es gelingt ihm problemlos, all die Widersprüche des wissenschaftlichen Betriebes mit all seinen Grenzen in der Diagnose und der immer vorhandenen Möglichkeit von Fehldiagnosen nebeneinander zu stellen. Dass Weißkittel auch nur Menschen sind, dass auch sie gute und schlechte Tage haben, wird klar, als bei Lucy, die nach der Diagnose Demenz alle Anzeichen einer Demenz entwickelt, obwohl sie klinisch gesehen gesund ist und die Diagnose de facto falsch war. Benjamin zeigt, dass das menschliche Bewusstsein ein beschränkter Ort ist, an dem selten alles so ist wie es anfangs aussah. Und sich eben auch Ärztinnen und Ärzte irren können.

Nach und nach verändert sich das Erzähltempo – zuerst schier unmerklich –, und schon bald sind die Sprünge auf der Zeitachse der Erzählung nicht mehr immer ganz einfach nachzuvollziehen. Auch die Andeutungen mehren sich, dass Benjamin selbst ein Seiltänzer und Gratwanderer ist, ähnlich seinen Patientinnen und Patienten. Sein Blick hinter den Vorhang des alltäglichen Horrors neurodegenerativer Erkrankungen gleicht mit viel gutem Willen einer schwarzen Komödie und oft weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Unberührt sein geht nicht. Längst bin ich mitten drin. Teil der Geschichten. Intelligenz, Weisheit und Wahnsinn wohnten schon immer nahe beieinander.

Nach und nach offenbart sich, wie es um Benjamin selbst steht. Die Beziehung zur Mutter seiner beiden Töchter ist zerbrochen, neue Liebschaften scheitern an seiner analytischen Vorgehensweise und spätestens als er für den britischen Ironman trainiert und diesen dann auch tatsächlich bestreitet, wird klar, dass auch Benjamin selbst psychisch krank ist. Dass er es wohl schon immer war. Während er mit seinem Rennrad durch die britischen Berge rast, denkt er über das Profil seiner Kunstfigur Brad76 nach, das er erschaffen hatte, um auf einer Datingplattform eine neue Partnerin zu finden. Ein Prozess, der ihn wahnsinnig gemacht habe. Kein Detail seines Profils hat er dem Zufall überlassen. Obwohl fast nichts der Realität entspricht. Manisch und getrieben versucht er, sein Leben, das mehr und mehr auseinander zu brechen droht, zusammenzuhalten, versucht, bei der Arbeit, professionell zu bleiben, was ihm immer weniger gut gelingt, und wird schließlich eines Tages vor die Wahl gestellt, selbst in die Therapie zu gehen oder mit der Arbeit aufzuhören. Längst arbeitete er da schon nicht mehr mit Patient*innen.

Augenzwinkernd erzählt der Autor von einem Syndrom, das vom Kollegium nach ihm benannt wurde: Dieses Benjamin-Syndrom handelt vom Impuls, Geschichten zu erzählen, die vordergründig witzig und selbstironisch sind, sich aber ungewollt gegen die Erzählenden selbst richten. Sein Buch ist das beste Beispiel für das besagte Syndrom, denn Benjamin erzählt schonungslos, schönt nicht, übertreibt aber auch nicht wirklich, nicht jedenfalls im Sinne einer inszenierten Übertreibung. Mich erinnert der Text übrigens streckenweise an Knausgård.

Das Erzähltempo nimmt weiter zu, Benjamins Verwirrung, durchwoben von analytischen und gesellschaftpolitischen und -relevanten Erkenntnissen, klugen Lebensweisheiten und seiner unüberlesbaren Sehnsucht nach dem Verständnis der großen Zusammenhänge mit den kleinen Details wird dichter und schließlich bleibt seiner Vorgesetzten nur noch eins: Ihm ein Sabbatical aufzunötigen.

So verlässt Benjamin seinen Arbeitsplatz im Krankenhaus und verbringt einige Monate in einem Meditationszentrum irgendwo im Fernen Osten, wo er sich der Selbstheilung und der Achtsamkeit widmet. Auch hier – vor allem zu Beginn – geschieht nichts ohne Selbstironie, trotz aller Ernsthaftigkeit. Und es ist keineswegs ein einfacher Prozess, den er da durchläuft. Im Gegenteil. Wer immer über das Leben nachgedacht und es analysiert hat, kann diesen inneren Lärm nicht einfach ausknipsen. Der Autor durchlebt eine schwierige Zeit und obwohl es eigentlich verboten ist, schreibt er immer mal wieder einige Erkenntnisse auf. Mal dienen diese eher der Forschung, der Selbsterforschung, mal eher dem persönlichen Heilungsweg. Wie soll man das auch trennen können?

»’Wahnsinn’, das Symptom des Festhaltens am Ich: unser Zwang, uns ständig selbst zu bestätigen. Es ist, als würde man den Vorhang beiseite ziehen und entdecken, dass der große und schreckliche Zauberer von Oz ein tatteriger alter Mann ist, der zugibt, dass er statt eines Herzens und eines Gehirns nur eine Uhr und ein Diplom geben kann. […] Nach Vorhang über Vorhang ist nur noch ein nackter Neunzigjähriger im letzten Alzheimer-Stadium übrig, der kaum mehr blinzeln kann. Bis nichts mehr hinter dem Vorhang ist. Lass mich nicht nichts sein.« (Zitat, S. 221, eBook)

Benjamin wäre nicht er selbst, wenn er das Buch mit weisen violett schimmernden Szenen und verklärten Erkenntnissen aus dem Meditationszentrum beenden würde. Im Gegenteil. In seinem letzten Kapitel sitzt er in einem Londoner Pub, überlagert ist diese Momentaufnahme mit einer Szene aus einem Trickfilm. Und auch Alkohol ist mit im Spiel. Leben ist eben mehr, als die einzelnen Teilchen an die richtigen Stellen zu fügen. Das Gesamtbild ändert sich laufend und hat eigentlich keine klaren Ränder.

Ich mag A. K. Benjamins Buch sehr. Es ist letztlich, unabhängig vom Genre, ein Hilferuf, ein Beitrag zur Aufklärung über psychische und neurodegenerative Erkrankungen und hat viele Leserinnen und Leser verdient. Mutige Menschen, die sich nicht scheuen, sich auf diese doch recht verrückte Geschichten einzulassen. Inzwischen lebt Benjamin (Pseudonym) übrigens in Indien, wo er eine Klinik für Kinder mit neurologischen Störungen aufgebaut hat.

Herzlichen Dank an den Ullstein-Verlag für das Rezensionsexemplar.


Into Madness | Geschichten vom Verrücktwerden
Erzählendes Sachbuch, Memoir
Hardcover und eBook
Aus dem Englischen von Simone Jakob
288 Seiten
ISBN: 978-3-86493-067-6
D: € 20.00/19.99 | CH: Fr. 25.90/Fr. 21.–

Verlag: Ullstein extra

Mein Bedürfnis nach Weite

Ich erwachte heute mit Gedanken zu Enge und Weite. Was welche Gefühle in mir erzeugt und warum.

Enge mag ich nicht, Weite dagegen sehr. Außerdem haben Begriffe wie Weite und Enge für mich neben der persönlichen immer auch eine politische und ökologische Dimension.

Was ist es denn, das in mir Gefühle von Enge erzeugt und mir das Atmen schwer macht?

  • Menschen und Aussagen, die darauf hinzielen, einzelne Menschen oder auch ganze Menschengruppen auszuschließen, auf ganz unterschiedliche Weise. Und aus ganz unterschiedlichen, für mich oft nicht nachvollziehbaren Gründen.
  • Dumme Menschen, die keine Zusammenhänge verstehen.
  • Menschen, die Fragen stellen, die mir im gegebenen Setting zu persönlich und/oder übergriffig sind.
  • Behörden, die Macht haben und diese missbräuchlich einsetzen.
  • Menschen, die die Grenzen anderer einmalig oder regelmäßig überschreiten.
  • Zynismus und Ironie ab einer persönlichen inneren Schwelle.
  • Menschen, die etwas von mir oder andern wollen, es aber nicht direkt sagen und damit potentiell missverständlich kommunizieren.
  • Jegliche Form von Manipulation, insbesondere subtile, sich im Subtext befindliche.
  • Menschenmaßen auf Plätzen und Bahnhöfen.
  • Lärm.
  • Stark parfümierte Menschen.
  • Starke Gerüche und Gestank.
  • Extreme wie Hitze oder Kälte.
  • Hektik.
  • Kassenschlangen.

Was mich dagegen Weite empfinden und mich gut atmen lässt?

  • Ein Spaziergang oder eine Wanderung in der Natur.
  • Der Wald.
  • Radfahren.
  • Weitblick und Aussicht.
  • Gewässer von außen oder schwimmend erlebt.
  • Menschen, die echt sind und echt über sich reden.
  • Menschen, bei denen ich nicht immer überlegen muss, wie sie meinen, was sie sagen und ob sie mit einer Aussage etwas bezwecken wollen.
  • Wohlwollende Menschen, die zuhören können, ohne gleich zu meinen, sie müssten Lösungen aus der Tasche ziehen.
  • Herzliche Toleranz und gegenseitiges Verstehen.
  • Herzumarmungen und achtsame Berührungen.
  • Gegenseitige Rücksichtnahme aus Empathie.

Ja, ich werte, ich bewerte, und nein, ohne Werte und Werten kann und will ich nicht und ja, ich weiß, dass beim Üben von Achtsamkeit nicht gemeint, dass ich alles dulde, hinnehme, mit mir machen lasse, was mir geschieht.

Gemeint ist dagegen ein klares und nicht-wertendes Gewahrsein dessen, was in jedem Augenblick geschieht. Jetzt. Und jetzt. Ein Beobachten: Ist, was ich jetzt erlebe, für mich angenehm, unangenehm oder neutral? So kann ich üben, beengende Situationen – denn alles Beengende lässt sich ja nicht umgehen –, in einem ersten Schritt wertfrei zu erfahren und so zu akzeptieren, wie sie sind. Erst danach kommt dann das mit dem Verändern. Denn manches geht, manches nicht.
Manches heilt, manches nicht.
Was heilen kann, heilt.
Was unheilbar ist, heilt nicht.
Das ist die Natur der Dinge.
Manche abgebrochenen Äste wachsen nach, manche nicht.
(Von nachwachsenden Beinen habe ich allerdings noch nie gehört.)

(Und nein, das ist nicht zynisch gemeint.)