Wie werden wir diese aktuelle Zeit wohl später im Rückblick betrachten? Ich hoffe sehr, dass wir uns daran erinnern werden, dass wir alles für uns und die Mitwelt Machbare und Beste getan haben werden. Und dass wir uns nicht für unsere Begrenztsein verurteilen werden.
Ich finde ja, dass diese aktuell auf Teufel-komm-raus praktizierte ’Normalität um jeden Preis’ für uns alle nicht unbedingt das Hilfreichste und Gesündeste ist, auch wenn vertraute Strukturen natürlich dabei helfen, auf dem Weg, den wir gehen, zu bleiben.
Wie auch bei einer Krankheitsdiagnose, die Klarheit schafft und dabei hilft, die passende Therapie zu finden, fände ich es allgemein gesünder, wenn wir als Gesellschaft akzeptieren, dass wir in einem Ausnahmezustand leben. Und dass wir nicht die gleichen Maßstäbe benutzen sollten wie im Normalmodus – bezogen auf Corona ebenso wie auf die Klimakrise.
Ich bin der Meinung, dass wir uns nicht um jeden Preis und schon gar nicht auf Kosten der Gesundheit ’normal’ verhalten müssen, sondern Wege für uns suchen, die uns dabei helfen, so gesund wie möglich zu bleiben und zu werden, mental und physisch.
Zwar bin ich dieses Jahr weder gereist noch verreist, doch zum Glück gibt es Bücher und Filme. Dieser Tage nun bin ich lesend – Tagebücher-und Blogs-sei-Dank – auf der eigenen Zeitachse zu früheren Reiseorten, die wir zwischen den Jahren erforscht haben, gereist.
Eben hatte ich im Uraltblog nach Erinnerungen an meine allerersten gemeinsam mit dem Liebsten erlebten Ferien gesucht. Gemeinsam waren wir nach Südfrankreich gereist, in die pyrenäischen Berge. Im winzigen Dorf Boule-d’Amont hatten wir eine winzige Gîte gemietet. Ende 2009/Anfang 2010 war das gewesen, unser erster gemeinsamer Jahreswechsel.
Bilder in Herz und Kopf habe ich zuhauf, doch wollte ich mir nun auch die Bilder aus Pixeln angucken. Damals hatte ich noch mit einer winzigen digitalen Kamera geknipst und mit einem Handy ohne Smart dafür mit Tasten telefoniert und Koordinaten für Geocaches wurden in ein portables Ding namens GPS-Gerät eingegeben. Tatsächlich gibt es auf meinem Rechner keine Bilddatenspuren dieser Ferienzeit. Und keinen einzigen Eintrag dazu in meinem alten Blog. Erst wieder einen kleinen Danach-Artikel kann ich finden. Selbst der Liebste hat nur einen Spaziergang verbloggt. (Und ein paar Tage später hat er über das Jahr 2020 nachgedacht.)
Wir zwei
Immerhin bin ich bei meiner Suche über diese Geschichte hier gestolpert, die auch heute noch passt.
Sie saßen da und schüttelten immer wieder den Kopf. Unglaublich, was sie da sahen. Was sie da sehen mussten! Ab und zu rempelten sie sich an oder runzelten die Stirnen. Sie wollten es einfach nicht verstehen. Obwohl … Natürlich konnten sie es verstehen. Gut sogar. Sie waren schließlich auch mal so gewesen. Dennoch war es krass, wie seltsam sich die Menschen da unten verhielten. Behaupteten doch tatsächlich, sie wüssten es besser. Besser als andere. Sie wüssten die Wahrheit. Sie wüssten, was wirklich zählt und was wirklich wirklich ist.
Wir müssen endlich etwas unternehmen!, sagte einer der alten weisen Engel schließlich, während er sich einmal mehr die wenigen ihm noch verbliebenen Haare raufte. Aus Angst, diese auch noch zu verlieren, musste eine Lösung gefunden werden. Wir müssen einschreiten!, sagte er ein weiteres Mal.
Was willst du tun?, fragte ein jüngerer Engel, den das Getümmel auf der Erde bisweilen amüsierte. Diese Sucht der Menschen, sich ins beste Licht zu rücken! Dieses Getue, wer besser, klüger, größer, interessanter sei. Wer was besser wisse und besser könne. Darüber konnte doch eigentlich nur gelacht werden.
Ich habe eine Idee!, sagte eine jener weisen Engelinnen, die immer schon den Wunsch gehabt hatte, den Menschen zu ein bisschen mehr Durchblick zu verhelfen. Wir offenbaren ihnen die ganze Wahrheit!
Die anderen Engel und Engelinnen waren näher gerückt und nickten zustimmend. Dass sie den Menschen irgendwie helfen wollten, war bald allen klar, doch galt es, die beste Form zu finden. Die Wahrheit konnte ja alle möglichen Gestalten annehmen. Sie konnte dem einen gasförmig, der anderen als Flüssigkeit erscheinen, mal sichtbar, mal transparent, mal nur mit geschlossenen Augen fühlbar, mal auf der Haut, mal auf der Zunge und oft genug nur im Herz drin wahrnehmbar.
Endlich einigte sich die Engelschar darauf, dass sie der Wahrheit, die sich inzwischen in ihre Runde gesetzt hatte, ein möglichst prunkvolles Aussehen verleihen wollte. Eine große leuchtende Kugel würde ihrem Inhalt am besten gerecht werden, fand die Wahrheit selber. Eine Kugel, die jenen bunten Kugeln an den Decken mancher Musik- und Tanzlokale ähnelte. Grösser noch als jene dort und grösser auch als alles, was die Menschen je gesehen hatten, würde sie – an einem zuvor bestimmten Ort und für alle zugänglich – ihre Attribute der Erkenntnis an alle nach ihr Hungernden austeilen. Sie würde glitzern und glänzen, mehr als alles, was Menschenaugen je gesehen hatten. Wer die Wahrheit sähe, würde endlich alles und für alle Zeit klar sehen.
Doch ein Problem haben wir noch!, sagte schließlich der alte Engel, der die ganze Wahrheitslawine losgetreten hatte. Wie wollen wir die Wahrheit auf die Erde bringen? Daran sind vor uns ja schon viele andere gescheitert!
Alle nickten angeregt, zustimmend oder schauten nachdenklich vor sich hin.
Ichichich!, sagte der kleinste aller Engel, von allen Springimhimmelrum genannt, und hüpfte mit hochgehaltenem Finger auf und ab. Ich werde den Menschen die Wahrheit bringen!
Die einen nickten freundlich, während andere ihre englischen Stirnen runzelten. Schließlich wurden Vor- und Nachteile diskutiert und irgendwann waren sie sich einig: Springimhimmelrum durfte die Wahrheit auf die Erde bringen, wenn er es denn schaffen sollte, die große Kugel vor der gesamten Engelschar hochzuheben. Dass diese nicht auf die leichte Schulter zu nehmen ist, kann sich ja jeder denken.
Mutig trat Springimhimmelrum vor und lud sich unter Aufbietung seiner ganzen mentalen Kräfte die Kugel auf seine kurzen Flügel. Sein Gesicht leuchtete, als er es geschafft hatte. Großer Applaus belohnte seine Mühen.
Doch als er sich mit seinen kurzen Beinchen auf der Wolke, die ihn trug, vor den anderen verneigen wollte, geschah es: Die große Kugel rollte davon. Zu Anfang noch ganz langsam dann immer schneller hopste sie von Wolke zu Wolke. Als sie die Atmosphäre der Erde erreicht hatte, blieb ihr nichts übrig, als sich den Gesetzen der Schwerkraft und deren Wahrheit zu beugen, die sie ja immerhin auch in sich trug, da sie ja die GANZE Wahrheit war. Immer schneller fiel sie Richtung Erde und zerschellte schließlich mit einem lauten Knall auf einem Felsen. Sie war so groß, dass sich ihre einzelnen, winzigen Teilchen über die ganze Erde verteilten.
Wer immer nun auf der Erde eines dieser klitzekleinen Teilchen findet, sieht, fühlt, erkennt, durchschaut oder isst, ahnt ein klein bisschen davon, was Wahrheit sein könnte.
Was für ein Film! Ein Kammerspiel, ein Theaterstück, das den provokativen Titel ’Gott’ trägt, geschrieben von Ferdinand von Schirach, gespielt von einer kleinen Gruppe Schauspieler:innen, die allesamt in ihren Rollen überzeugen.
Wir sind als Zuschauer:innen Teil des Publikums in einem großen Tagungszimmer, das einer Verhandlung innerhalb der fiktiven deutschen Ethikkommission beiwohnt. Am Schluss dürfen wir sogar abstimmen, denn am Ende der TV-Ausstrahlungen auf ARD und SRF fand ein Voting, das auf ARD mit einer Zweidrittelmehrheit dem Antragsteller das erhoffte Okay zu seinem Anliegen erteilte. (Das Ergebnis von SRF finde ich leider nicht, gehe aber davon aus, dass es ähnlich ausgefallen ist.)
Screenshot einer Filmszene aus dem besprochenen Film.
Worum es geht?
»Ferdinand von Schirach fragt in ’Gott’, ob der Mensch sein Leben nach seinem freien Willen beenden darf: Ein Mann will nach dem Tod seiner Frau ein Medikament, das ihn tötet. Sein Fall wird vor dem (fiktionalen) Ethikrat diskutiert. […]
Der 78-jährige ehemalige Architekt Richard Gärtner (Matthias Habich) möchte seinem Leben ein Ende setzen. Dies soll jedoch nicht im Ausland, sondern ganz legal mit der Hilfe seiner Hausärztin geschehen. Für Dr. Brandt (Anna Maria Mühe) kommt es aus persönlicher Überzeugung nicht infrage, ihrem zwar betagten, aber körperlich und geistig gesunden Patienten, ein todbringendes Präparat zu besorgen. Richard Gärtners Fall wird exemplarisch vor dem Deutschen Ethikrat diskutiert. Strittig ist dabei nicht die Frage, welche Formen von Sterbehilfe für Ärzte straffrei sind, sondern ob Mediziner dem Patientenwunsch eines Lebensmüden entsprechen sollten – egal ob jung, alt, gesund oder krank.
Ethikrat-Mitglied Dr. Keller (Ina Weisse) befragt die Sachverständigen und lässt so die unterschiedlichen Experten zu Wort kommen. Die Verfassungsrechtlerin Prof. Litten (Christiane Paul) und Biegler (Lars Eidinger), der Anwalt von Richard Gärtner, stehen Bischof Thiel (Ulrich Matthes) und Ärztekammerchef Sperling (Götz Schubert) dabei mit unterschiedlichen Meinungen gegenüber. Am Ende richtet sich die Ethikrat-Vorsitzende (Barbara Auer) direkt an das Publikum: Soll Richard Gärtner das tödliche Präparat bekommen, um sich selbstbestimmt das Leben zu nehmen?
[…] Der bekannte Strafverteidiger, Schriftsteller und Dramatiker von Schirach zeigt […], dass die Frage, ob ein Mensch sein Leben nach seinem freien Willen beenden darf, Teil des gesellschaftlichen Diskurses ist, aber die persönliche Entscheidung in jedem Einzelfall schwierig bleibt.«
Unglaublich berührend und überzeugend spielt Matthias Habich den sterbewilligen Richard Gärtner. Gesund, aber lebenssatt, lebensmüde, seit drei Jahren Witwer, hat er sein Leben zu Ende gelebt. Wie er von seiner langjährigen Liebesbeziehung zu seiner Frau erzählt und wie er sich davor fürchtet, wie sie in einem Krankenhaus dahinzuvegetieren, geht mir unter die Haut.
Ich hätte ja nie gedacht, dass ich je Lars Eidinger zu seinem Schauspiel applaudieren könnte. Den Anwalt spielt er so hervorragend, dass ich ihn ihm abnehme. Keine sympathische Figur zwar, nein, aber in sich überzeugend und kompetent. Insbesondere bei seinem Schlussplädoyer hatte ich regelrecht Gänsehaut.
Doch am meisten resonierte ich mit der Haltung von Christiane Paul, die als Verfassungsrechtlerin Prof. Litten über das Recht auf ein selbstbestimmtes Sterben referierte.
Ebenfalls zu Wort kamen ein Arzt und ein Bischof. Beide lehnten sie aus unterschiedlichen Gründen den Antrag des Antragsstellers ab. Auch diese Rollen waren hervorragend gespielt, auch wenn ich ihre Sicht der Dinge nicht teilen kann.
Die Frage am Schluss hallt nach: Wem gehört unser Sterben? Schon lange beschäftigt mich das Thema Suizid, habe ich doch so viele Suizide in nächster Nähe erlebt, dass eine Hand nicht mehr zum Aufzählen reicht. Allen voran mein damaliger Mann, der dabei unsern gemeinsamen, dreijährigen Sohn ’mitgenommen’ hat (siehe auch hier). Doch darum geht es mir hier und heute nicht.
Im Film ’Gott’ wird als erste die Hausärztin des Antragstellers, Frau Dr. Brandt, befragt, die dem übrigens legalen Wunsch Richard Gärtners aus ethischen Gründen nicht nachkommen kann. Sie wird vom Anwalt des Antragsstellers zu erfolglosen, missglückten Suiziden befragt und erzählt, wie schwierig das Leben von betroffenen Menschen, die nach einem solchen Unglück oft seelisch und körperlich schwer beschädigt weiterleben, aussehen kann. Daraus leitet der Anwalt über zur Frage, warum es für seinen Mandanten so wichtig sei, auf legalem Weg ein sicheres Mittel zu bekommen.
Genau da will ich anknüpfen. All den verzweifelten Menschen, die sich im Laufe meines Lebens in meiner Nähe suizidiert haben, hätte ich es von tiefstem Herzen gewünscht, dass sie die Möglichkeit gehabt hätten, legal ein todsicheres Mittel zu erhalten. Dass sie mit ihrem Sterbewunsch nicht alleingelassen gewesen wären. Dass ihr Sterbewunsch, der ja vor allem eine So-kann-und-will-ich-nicht-mehr-weiterleben-Sehnsucht ist, kein Tabu mehr hätte sein müssen, kein Verbrechen, keine Verdammnis durch bigotte Menschen, sondern etwas, worüber offen und ohne Scham und Pein gesprochen wird. Und auch ohne, dass mit einer Einweisung in die Psychiatrie gedroht wird.
Im Film werden viele Informationen und Zahlen genannt, die ich jetzt nicht mehr alle zitieren kann, doch geblieben ist mir, dass von jenen Menschen, die in ihrem Staat, rechtmäßig und ärztlich verschrieben, ein Sterbemittel erhalten haben, nur etwa ein Drittel auch tatsächlich davon Gebrauch gemacht hat. Nur schon das Wissen um die Möglichkeit, dass man sich, wenn das Leid unerträglich werden sollte, selbst von der Bürde des Lebens befreien könnte, hilft wohl beim Weiterleben. So schlussfolgere ich.
»Ist ein Mensch krank, darf er das Mittel bekommen, aber ein gesunder Mensch darf das nicht!«, höre ich zuweilen. Auch im Film sagt das jemand. (Ich weiß jetzt leider nicht mehr wer und wann. Vielleicht war es Frau Dr. Keller, die Vertreterin des Ethikrates.)
Ich aber sage: Gesundheit ist trügerisch. Weder körperlich noch psychisch gesund zu sein ist aller Weisheit letzter Schluss. Es geht vielmehr darum, ob ein Mensch dieses Leben als für sich grundsätzlich und sehr persönlich als lebenswert erfährt – und zwar langfristig. Wer die Welt und sein/ihr Leben nicht mehr erträgt, ist nicht zwingend psychisch krank.
Auch die psychische Gesundheit oder Krankheit ist ein zu berücksichtigendes Kriterium, denn was nützt ein gesunder Körper, wenn der Seelenmotor langfristig nicht mehr kann, lebensmüde, lebenssatt, erschöpft, kraftlos ist. So war beispielsweise mein Mann zwar körperlich gesund, trotzdem war er immer wieder schwer psychotisch. Eine lange, schwierige, traumatisierende Geschichte, die mit einem legal verschriebenen, tödlichen Barbiturat vielleicht anders geendet hätte, würdiger.
Ich jedenfalls habe großen Respekt vor jenen mutigen Ärzt:innen, die Rezepte für Sterbemittel ausstellen. Sie helfen den Sterbewilligen auf einem schweren Weg. (Für mich ist das übrigens eine ähnliche ethische Diskussion wie das unbedingte Recht jeder Frau auf Abtreibung.) Es ist ein Abwägen zwischen dem einen und dem andern Leid. Dem des betroffenen Menschen und dem seiner Angehörigen. Was zählt mehr? Ich vermute übrigens, dass ein legaler, angekündigter Suizid weniger Verstörung hinterlässt als ein unerwarteter.
Auch wenn es jetzt nicht zum Antragssteller im Film passt, muss ich das hier noch loswerden: Auch einer/einem Psychischkranken darf das Recht auf ein Sterbemittel nicht verwehrt bleiben, finde ich, denn nicht jede:r Psychischkranke ist therapiewillig und wirklich nicht jede psychische Krankheit therapierbar. Manch psychisches Leid ist mindestens genauso unerträglich wie manch körperliches zum Beispiel durch Krebs verursachtes Leid.
Ich weiß nicht, wie die Rechtslage in der Schweiz ist. Dank Organisationen wie EXIT ist hierzulande der Umgang mit dem Thema weniger tabubehaftet als in Deutschland, darum stelle ich mir gern vor, dass ein offener Dialog über Suizid langfristig zu weniger Suiziden führt. Nicht zuletzt, weil es sich in einer offenen Gesellschaft besser lebt als in einer bigotten.
Danke an Frau Croco, denn bei ihr habe ich das erste Mal von diesem Film erfahren, den ich mir gestern Abend in der Mediathek anschaute.
Unser erstes Mal sollte auf dem Bözberg sein. Ein neues Zelt will schließlich getestet werden. Darum haben wir letzten Freitagmorgen beschlossen, es ein erstes Mal trocken aufzubauen. Also noch ohne Übernachtung. Auf dem Spielplatz einer Dorfschule.
Dazu muss erzählt werden, dass mir auf meinen Hilfeschrei nach dem Bündnerland-Ausflug neulich, als ich des Liebsten Wanderzelt eine enge Sardinendose genannt und mir ein größeres, aber ebenso leichtes Wanderzelt gewünscht hatte, ein Twitterer, dessen Weltreise wir vor einigen Jahren in dessen Blog live mitverfolgt hatten, sein ’altes Zelt’ zum Testen und Kaufen angeboten hatte. Mit seiner Partnerin zusammen hatte er mit ebendiesem Zelt die Welt bereist.
Und was soll ich sagen? Das Zelt fühlt sich noch fast wie neu an und sieht auch so aus, denn es wurde sehr gut gepflegt. Es ist viel größer, aber nur ein winziges bisschen schwerer als das von Irgendlink. Und es hat, was mir sehr wichtig war, zwei seitliche Eingänge, so dass wir nun einfacher ein- und aussteigen können. Gerade bei nächtlichem Pinkelmüssen oder so ist das sehr genial. Und es hat auch mehr Platz für unsere Sachen. Und mehr Platz für das Kochen vor dem Zelt. Kurzum: Wir sind beide schockverliebt, nachdem wir das Zelt das erste Mal auf dem Bözberg aufgebaut haben.
Auf dem Rückweg fahren wir an die Aare und stellen fest, dass sie durchaus noch eine erträgliche Badetemperatur hat. Hätte. Schade, dass ich mein Badezeug nicht dabei habe. Irgendlink hupst in der Unterhose rein, der Glückliche.
Am Samstagmorgen wissen wir nur, dass wir mit dem Zelt und den Rädern losfahren werden. Aber wohin ist unklar. Die Region Hallwilersee steht zur Diskussion, der Aareweg zum Rhein ebenso und natürlich auch das Fricktal, diese Landschaft, die uns mit ihren Dörfern, Weilern und Hügeln immer wieder so bezaubert. Also fahren wir ohne Plan los und entscheiden laufend. Es wird schließlich ein spannender Mix aus Vertrautem und Neuem.
Doch zuerst kaufen wir im Unterdorf ein Brot, zwei Dosen Bier und ein paar Goodies. Wir radeln zuerst der Reuss und später der Aare entlang Richtung Villigen und Böttstein und auf einmal sind wir in Laufenburg am Rhein. Und es hat noch nicht mal wirklich weh getan. Zumal wir immer wieder Pausen machen. Gegen Abend finden wir, in den Hügeln in der Nähe von Kaisten, eine Wiese, auf der wir praktisch unsichtbar sind, aber einen wunderbaren Ausblick haben. Hier bleiben wir.
Auf dem Trangia kochen wir unser Abendessen und bauen später, kurz vor Sonnenuntergang, das Zelt auf.
Zur Feier des Sonnenuntergangs stoßen wir aufs Leben und die Liebe an. Nach einem Nachtspaziergang genießen wir den vielen Platz im Zelt. Leider habe ich gegen Morgen schreckliche Träume von Krieg und Tod. Meinem intensiven Nachdenken und Mitfühlen mit den Menschen in Moria geschuldet? Selbst wenn ich (wie schon so oft) versuche, mich wenigstens für einen Tag nur auf meine kleine Welt einzulassen, nehme ich ja doch immer alles mit. Die Welt ist in mir, ich bin die Welt, wir alle sind die Welt.
Nun ja, richtig gut schlafen geht anders, aber weil ich genug Platz habe, mich, ohne dabei den Liebsten zu stören, hin und her zu wälzen, war das Wachliegen nicht so schlimm wie in Irgendlinks schmalem Wanderzelt. Ich genoß die Nachtgeräusche. Lauschte Eulen und Käuzchen. Dort ein Rascheln, da ein Zischen und ein Klopfen in den Bäumen.
Um acht tauchen wir aus unsern Nachterlebnissen auf und begrüßen uns und den neuen Tag. Kaffee und Tee im Bett; hach, wie ich das liebe! Das Frühstück verschieben wir auf später. Auf eine Bank. Und das Zelt packen wir nass ein. Auch das wird später trocknen dürfen. Es ist schattig auf unserer Wiese, nicht kalt, eher frisch auf die angenehme Art.
Später, bei einer Halbschatten-Bank, breiten wir das Zelt auf der sonnigen Wiese und über meinem Fahrrad aus; es darf an der schon warmen Sonne trocknen, während wir gemütlich frühstücken. Später radeln wir weiter südwärts. Nicht mehr auf Radwegen nun, sondern auf Wanderwegen, weil wir zum Sennhütten-Kneipchen wollen, das wir diesen Juni auf einer Wanderung entdeckt haben. Sagte ich Wanderwege? Bergwege eigentlich eher, denn das Gefälle war streckenweise 36%. Ich übertreibe nicht. Die Wasserwaage in meinem Handy hat es gemessen. Es ist schlicht zu steil zum fahren. Räderschieben ist anstrengend, jedenfalls wenn es so steil bergan geht. Wir schieben darum immer abwechselnd mal das eine, mal das andere Rad zu zweit hoch. Total müssen wir wohl etwa einen bis zwei Kilometer schieben. Einmal sogar über eine Treppe. (Das kommt davon, wenn man Wanderwege radeln will.)
Aber dann sind wir da. Das Sennhütten-Beizli ist voll. Es summt und brummt. Wir fragen am Selbstbedienungstresen, ob wir eine Bank neben der Scheune im Schatten aufstellen dürfen. Weg vom Gewusel. Dürfen wir. Auch frisches Wasser bekommen wir. Einfach so. Und Kuchen. Und Getränke.
Wir lagern gemütlich und füttern unsere Handys übers mitgebrachte Solarpanel. Nach einer ausgiebigen Siesta fahren wir weiter, runter nach Kästhal, weiter nach Effingen, weiter nach Linn, weiter nach Bözberg. Vieles nun ist Abfahrt. Manches steil, meistens aber moderat, so wie ich es mag. Staunen darüber, dass wir zuvor sooo viel hochgeradelt sind.
In Linn finden wir endlich einen Brunnen, doch als wir unsere leeren Flaschen füllen wollen, sehen wir, dass es kein Trinkwasser ist. Ein alter Mann im Bauernhaus gegenüber spricht uns an. Wir dürfen unsere Flaschen füllen. Meine ist noch halbvoll, das reicht bis daheim, aber Irgendlink nimmt das Angebot gern an und folgt dem Mann in die Bauernküche. So sollte es sein, denke ich. Teilen aus der Fülle, die wir haben.
Von Bözberg radeln wir über Riniken nach Umiken und sind schließlich wieder an der Aare. Und diesmal haben wir die Badesachen dabei, und diesmal will ich baden. Es ist heiß. Und das kalte Wasser tut so gut.
Wir dösen und auf einmal kriecht das Kopfweh der letzten zehn Tage wieder in meinem Schädel herum. Umso besser tut die Siesta. Wir genießen die Frühabendstimmung und irgendwann radeln wir noch das letzte Stück wieder nach Hause.
Und jetzt weiß ich übrigens, dass ich für kommende Touren Anhängertaschen brauche und dass das mit dem Radeln vielleicht doch etwas für mich sein könnte. Nicht im großen Stil wie der Liebste, aber ab und zu so dreißig, vierzig Tageskilometer mit dem Zelt? Ja, das könnte mir durchaus gefallen.
oder Drei Tage Leben aus den Bordmitteln
oder Mit dem Liebsten in den Alpen (#mdLidA, mein Twitterhashtag)
Endlich doch noch ein bisschen raus. Ein bisschen was wie Ferien. Mit möglichst wenig Gepäck wandernd unterwegs sein. So der Plan. Wir wollten unterwegs sein ohne auf Einkaufsmöglichkeiten angewiesen zu sein, denn auf über tausend oder gar zweitausend Höhenmetern, zumal am Wochenende, könnte es schwierig werden, einen offenen Laden aufzutreiben. Wir schafften es mit Kocher, Wasser, Lebensmitteln und Übernachtungskram auf nur rund zehn Kilo pro Person. Plusminus. Omni mecum porto. Mein Wandermantra. Ich trage alles (was ich brauche) mit mir.
Mit dem Gedanken, doch noch so ein mehrtägiges Abenteuer zu wagen, hatten wir seit Wochen gespielt, und dann war da auf einmal dieses eine Wochenende ohne Termine und Pflichten. So packten wir am Freitagmorgen unsere Siebensachen und fuhren gegen Mittag los in die Berge. Bruthitze. Richtung Thusis zuerst und von dort dann westwärts den Berg hoch. Bei Ober Rascheins haben wir mein Autochen zweieinhalb Tage stehen lassen und machten uns von dort zu Fuß und per ÖV auf den Weg. (Route: siehe unten*)
Ein Freund führt seit Juni die Alp Bischola-Summerbeiz und hat uns quasi hergelockt. Darum sind wir schließlich auch als erstes dorthin und haben uns ein wenig an die für uns doch ungewohnte Höhe (knapp 2000 m. ü. M.) akklimatisiert. Zwischen Parkplatz und Bergrestaurant liegt der wunderschöne Pascuminersee. Noch zuhause haben wir ihn als ersten Lagerplatz auserkoren und zum Glück waren am Freitagabend noch nicht so viele Leute dort wie am Sonntagnachmittag. Am Freitagabend waren nur noch eine Frau mit ihrer Tochter dort. Sie zelteten ebenfalls direkt am See. Eine Jugendclique hatte sich zum Glück etwas weiter weg auf einer Anhöhe eingerichtet. [Als es dunkel war, ließen die doch tatsächlich ein Feuerwerk steigen. Auf 2000 m. ü. M.! Was für Volldeppen!]
Beat, der Wirt, hieß uns herzlich willkommen und servierte uns – da es (neben dem Käseteller) das einzige Gericht ohne Fleisch war – einen Eblysalat. Na ja. Immerhin habe ich es mal wieder probiert, aber Ebly und ich werden wohl nie Freundinnen. Dafür schmeckte die Nussschnitte göttlich, eine Bündner Spezialität, die süchtig macht. Und die zwei Kuchenstücke, die er uns als Bettmümpfeli mit auf den Weg gegeben hat, als Geschenk des Hauses, schmeckten – am See genossen – einfach nur wunderbar. Annettes Zucchini- und Zitronencake sind echt eine Entdeckung!
Zurück am See war es ziemlich unruhig. Wir beobachteten eine Weile das Geschehen, bevor wir schließlich doch direkt am See und bei der Feuerstelle unser Lager einrichteten. Die Idee, ohne Zelt zu schlafen, ließen wir aber bleiben, weil es doch recht feucht und kühl wurde. Und weil eine Mutter und ihre halbwüchsige Tochter sich zu uns gesellten, als wir gerade das Feuer entfacht hatten.
Gut schlafen geht anders. Für eher schlaflose Nächte ist unsere winzige Sardinendose, pardon unser hübsches kleines Wanderzelt doch ein bisschen eng**, so dass ich bei der ersten Morgendämmerung aus dem Zelt schlüpfte und herumspazierte. Etwas, das ich daheim nie tun würde, da ich ja eher eine Eule als eine Lerche bin. Es war jedenfalls einer der schönsten Sonnenaufgänge, den ich je erlebt habe.
Nach einem herrlich erfrischenden Morgenbad frühstückten und packten wir, um den Tguma hochzuwandern (knapp 2200 m. ü. M.). Um ins Safiental zu gelangen, mussten wir von dort aus über sehr steile Serpentinen etwa tausend Höhenmeter abwärts steigen. Was mir mal wieder so richtig fett in die Knie gefahren ist. Sie schrien laut, ich schwör! So sehr, dass ich unten, am Stausee, angekommen – die letzten zwei Kilometer mit zig Pausen wegen der brutalen Schmerzen –, kaum mehr gehen konnte. Wir fanden zum Glück bei einem Holzlager direkt am See einen tollen Nachtplatz, von wo aus wir auch gleich im nahen Bach Wasser holen konnten. Beide waren wir sooo müde, dass wir – nach dem Essen und einer Katzenwäsche im Bach – um halb zehn schon in den Schlafsäcken waren und bis kurz vor Sonnenaufgang durchschliefen. Ha, geht doch!
Meinen Knie ging es am Morgen deutlich besser, aber an den zuhause geplanten Aufstieg zur Alp Bischola respektive nach Ober Rascheins, wo das Auto stand – diesmal auf einer andern Route als beim Abstieg – war nicht wirklich zu denken. Also setzten wir den am Samstagnachmittag gefassten Plan um, mit ÖV so nahe wie möglich ans Auto ran zu kommen. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass ich zwar relativ schmerzfrei aufwärts und geradeaus gehen kann, aber nur mit relativ starken Schmerzen abwärts.
Wir studierten Karten und Höhenprofile und entschieden uns, mit ÖV zum Glaspass oder bis kurz davor zu fahren und von dort die letzten, nicht erschlossenen Kilometer nach Ober Rascheins zu wandern. Der Glaspass war im Grunde direkt über uns, die wir in Safien Carfil, am Stausee, lagerten. Von hier unten hinaufzusteigen hieße aber mit dem Feuer spielen, denn ich war ja nicht schmerzfrei. Immerhin waren die Schmerzen aber über Nacht erträglich geworden.
Um auf den Glaspass zu kommen, mussten wir die ganze Gebirgskette umfahren, um von der anderen Seite auf den Pass zu kommen. Heißt, wir mussten das Safiental abwärts mit dem Postauto, dort dann mit dem Zug dem Rhein abwärts ins Vorderrheintal zurück nach Thusis und von dort mit dem Postauto hoch zum Pass. Verrückte Rundreise! Aber schön wars. Trotz Maske.
Auf der Karte zeigen die roten Bömbel in Uhrzeigerrichtung unsere Rundfahrt an. (Den Link zur Karte gibt es hier und ganz unten.)
Screenshot der Karte
Irgendlink und ich hatten tatsächlich unsern Spaß, denn Postautofahren in den Bergen ist ja schon ein tolles Erlebnis. 🙂 Und die Rhätische Bahn ist auch irgendwie angenehm. Zum Glück hatten wir unsere Masken dabei und die behielten wir dann bis auf dem Glaspass auf, denn es gibt ja immer so Menschen, die … (aber das ist jetzt doch ein anderes Thema.)
Die Strecke vom Glaspass nach Ober Rascheins war nicht allzu anspruchsvoll, eine etwa vier- bis fünf Kilometer lange Wanderung rüber zum Parkplatz mit vielleicht zweihundertfünfzig Höhenmetern aufwärts und ein bisschen weniger abwärts. Wir wählten halb absichtlich, halb zufällig jene Route mit den wenigsten steilen Abstiegen und errreichten – nach einer köstlichen Picknickrast auf einer Bank mit Blick auf den Piz Beverin – gegen drei Uhr das Auto. Weil es meinen Knien noch immer relativ gut ging – super wäre übertrieben, aber ich hatte keine starken Schmerzen – und der Tag noch zu jung war, um bereits nach Hause zu fahren, beschlossen wir, nochmals ins Beizli zu wandern. Eine knappe halbe Stunde rauf, eine knappe halbe Stunde runter. Ohne Gepäck. Auf dem Rückweg wollten wir ein letztes Mal im Pascuminersee baden.
Im Beizli angelangt, freuten wir uns darüber, auch Annette noch zu sehen, die Partnerin des Beizers. Es herrschte Hochbetrieb, doch nach 17 Uhr wurde es ruhiger und wir hatten Zeit, ein bisschen auszutauschen. Eile hatten wir ja keine und die angenehme Temperatur um die 25 Grad war es wert, solange wie möglich zu bleiben. Auf dem Rückweg dann wieder alles abwärts. Und ja, ich habe das bewusst in Kauf genommen. Ich ahnte, dass das für meine Gelenke nicht so gut sein würde, doch ein letztes kühles Bad im Pascuminersee wollte ich mir eben nicht entgegen lassen. Unten angelangt pochten meine Kniegelenke wieder heftig. Gut, dass Irgendlink fuhr.
Inzwischen geht es den Gelenken zum Glück wieder besser und auch der Muskelkater-aus-der-Hölle verkrümelt sich so langsam. Und ja, unsere Bordmittel haben gereicht und wir hatten am Schluss sogar noch ein bisschen Nüsse und Dörrfrüchte übrig. Oh, warte! Da war doch noch dieser köstliche Cake im Alp Bischola-Summerbeizli. Den darf ich nicht vergessen. Der war nämlich nicht Bordmittel, der war Zugabe.
Was bleibt? Erinnerungen. Viele Bilder. Filmchen mit Kuhgebimmel und Bergbachrauschen. Und immer wieder bleibt mir diese Sehnsucht nach dem nächsten Mal, wenn der Berg ruft.
Tag 1
Aufstieg: Alpwiesen unter Blauhimmel
Wegweiser mit gelb-rotweißen Bergwanderungen
Irgendlink von hinten beim Aufstieg
Kuh von hinten auf erhöhter Weide
Bergsee vor Bergmassiv unter Blauhimmel
Bergsee, im Vordergrund Wiese, im Hintergrund Bergmassiv
Weidende Kühe, Kälbchen uns zugewandt
Wanderwegweiser auf dem Bischola-Pass
Alp Bischola-Bergrestaurant: Sonnenschirme unter Blauhimmel in Bergumgebung
Zwei Wanderrucksäcke an Stange gelehnt
Wieder der Bergsee mit Bergmassiv im Hintergrund, vorne und drumrum Wiesen
Feuerstelle vor See und Bergmassiv
Alpglühen bei untergehender Sonne
Tag 2
Vor dem Sonnenaufgang: See, Berge. Alles im Dämmerlicht, hinten ein erster orangefarbener Streifen
Dämmerung in den Bergen: Die ersten Spitzen färben sich rosa
Blick von unten auf den See, den Hügel darum und das Zeltlager mit unserm Zelt und dem unserer beiden Nachbarinnen.
Die Bergspitzen sind schon ein bisschen mehr in rose Morgenlicht getaucht. Die Wiesen im Vordergrund sind noch im Schatten.
Sonnenaufgang vom Hügel oberhalb des Sees. Die Sonne taucht alles in goldenes Licht, der See glänzt.
Die Sonne hat die Wiese am See erreicht und auch der Piz Beverin im Hintergrund ist im Sonnenlicht.
Blick aus dem Zelt auf den See und das Bergmassiv dahinter. Spiegelungen im See.
Auch das Zelt ist nun in der Sonne. Irgendlinks Hand greift nach der Kaffeetasse, die vor dem Zelt steht.
Kühe im morgendlichen Gegenlicht vor dunstigen Bergen in der Ferne.
Irgendlink schwimmt im See Richtung Bergmassiv zu.
Wir wandern bergan auf Tguma. Rechts im Bild ist ein Zipfel der Alp Bischola zu sehen, die wir bereits hinter uns gelassen haben. Ich steige bergan, Irgendlink fotografiert von oben.
Nochmals ein ähnlicher Bildausschnitt, diesmal mit Alp Bischola im Bild, Alpwiesen, Hügel, Berge unter Blauhimmel.
Irgendlink von halber Höhe aus fotografiert, wie er immer weiter auf dem Grat auf den Berg steigt.
Oben angelangt: Ausblick auf den weiterführenden Grat zum nächsten Bergspitz und die Aussicht in die Weite.
Noch ein Ausblick in die Weiten.
Irgendlink sitzt auf dem Tguma am Boden auf der Wiese und betrachtet seine Aufnahmen im Handy. Hinter ihm das Gipfelkreuz.
Die erste Seite des Gipfelbuches, in das wir uns eingetragen haben.
Weiter geht es auf dem Grat.
Ich genieße die Aussicht vom Grat aus in die Weite.
Irgendlink strebt auf dem Gratweg dem nächsten Gipfel entgegen. Von weitem fotografiert.
Beim nächsten Wegweiser steigen wir abwärts. Im Bild die Wegweiser und Irgendlinks Rucksack.
Bei der nächsten Siesta landet ein Schmetterling auf meinem Hosenbein.
Dieser Screenshot zeigt die Serpentinen des Abstiegs zum Stausee im Safiental. Sehr sehr steil. Tausend Höhenmeter abwärts geht es.
Wir sind unten angelangt. Ich habe Knieschmerzen-from-Hell. Aber wir sind beide glücklich, es geschafft zu haben.
Wir improvisieren aus einem Brett und Steinen eine Sitzbank bei einem Holzlagerplatz, wo wir später unser Zelt aufbauen.
Nach dem Essen spült Irgendlink am Bergbach, der gleich nebenan in den Stausee fließt, den Topf mit einem Grasbüschel und Wasser.
Der Stausee in der Dämmerung, umgeben von Bäumen, Kiesbänken, Hügeln.
Unser Bach mit viel Kies und Geröll.
Tag 3
Morgendämmerung: Bergspitze in der Sonne, Wälder, Wanderweg und Wiesen noch im Schatten.
Die Sonne erreicht bereits ein bisschen mehr Land, doch beim Zelt im Vordergrund ist noch immer Schatten.
Drei Steine stabilisieren die Zeltheringe im kiesigen Boden.
Auslegeordnung: Auf gefällten Baumstämmen sind unsere Sachen ausgebreitet, damit die Sonne die Morgenfeuchte trocknen kann.
Am Stausee ein Blick in die Hügel. Alphütten auf den Wiesen. Darüber Wald. Alles spiegelt sich im See.
Noch ein Blick auf den Stausee und in die Hügel. Alphütten auf den Wiesen. Darüber Wald. Alles spiegelt sich im See.
Schon fast ist alles eingepackt. Die Sonne hat unseren Platz erreicht.
Die zwei fertig gepackten Rucksäcke lehnen an der provisorischen Sitzbank.
Postautohaltestelle unter Bäumen.
Bei der Postautostation steht unter Bäumen ein Wanderwegweiser mit den umliegenden Zielen.
Ein Schmetterling hat sich auf Irgendlinks Buff gesetzt.
Im Postauto: von hinten nach vorn fotografiert bei der Station Versam Post.
Vor diesem Dorflädchen saßen wir vor Jahren auf unserer Rheinwanderung.
Kirche Versam, vom Postauto aus fotografiert. Vorne Wiesen, hinten Gebirge, darüber Blauhimmel.
Wir können vom Postauto aus hinunter in die Rheinschlucht schauen, wo wir vor Jahren gewandert sind.
Bahnhof Versam-Safien. Auch hier waren wir vor Jahren schonmal.
Ein großes Gebäude, das wie ein Wohnhaus aussieht. Links im Bild unser Postauto.
Der rote Zug der Rhätischen Bahn nach Reichenau-Tamins ist eingefahren. Menschen steigen ein und aus.
Blick vom Zug aus auf den Rhein. Im Hintergrund Felswände, darüber Blauhimmel.
Und noch ein Blick vom Zug aus auf den Rhein. Im Hintergrund Felswände, darüber Blauhimmel.
Station Trin, vom Zug aus fotografiert. Auch hier wieder ein Gebäude, das wie ein Wohnhaus aussieht. Dahinter Bäume.
Im Zug bei einer Tunneldurchfahrt fotografiert Irgendlink uns beide als Spiegelbilder im gegenüberliegenden Fenster.
Bahnhof Reichenau-Tamins: Warten auf den Anschlusszug nach Thusis. Vorne Schienen, hinten Gebäude, darüber Drähte und Blauhimmel.
Wir überqueren den Rhein, der sich hier aus Vorder- und Hinterrhein zusammensetzt. Blick auf Brücke, dahinter Flüsse, Bäume, Berge und Blauhimmel.
Eisenskulptur zeigt eine wartende Frau mit Koffern und Regenschirm auf einem Bahnsteig des Bahnhofs Thusis.
Fensterfront im Bahnhof Thusis aus roten, hell- und dunkelblauen Quadraten, darunter wartende Menschen. Von unten, die Treppe hoch fotografiert.
Auf der Passhöhe des Glaspasses auf dem Postautowendeplatz angelangt. Viele Autos parken hier.
Viele Tafeln zieren den Wanderwegweiser auf dem Glaspass. Wir nehmen den Weg Richtung Ober Gmeind.
Unterwegs. Blick von unserer Picknickbank aus.
Natürliche Skulpturen aus vom Wetter geschliefenen Wurzeln.
Irgendlink fotografiert von weitem, wie ich zu zu den Holzskulpturen gehe. Sie stehen inmitten von Gras, Gebüsch und Bäumen. Drumherum Berge.
Holzskulptur ragt in den Himmel.
Wir erreichen in der Nähe der Skiliftstation einen künstlichen See, was wir den Tafeln am Zaun entnehmen.
Der eingezäunte künstliche See, inmitten von Alpwiesen.
Aussicht von einer Ruhebank aus.
Der See von nahe, Steine am Ufer.
Steinmauer mit Flechten bei einem Haus am Ende des Weges.
Verschlossene, hölzerne Türe auf der Rückseite einer Holzhütte, davor Gebüsch.
Blume im Kuhmist. Was wohl zuerst war?
Im Bergrestaurant auf der Alp Bischola, wo alles anfing …
Auf dem Rückweg fotografiert Irgendlink nochmals die Umgebung und ich ihn.
Kühe grasen am Straßenrand nahe des Parkplatzes. Hinter ihnen eine Alphütte und dahinter Berge.
Im Auto sitzend ein letzter Blick zurück.
*Für die Karte (hier) habe ich drei Wegpunktefarben verwendet. Der unterste der blauen Bömbel markiert den Parkplatz und ist somit Ausgangs- und Schlusspunkt. Die blauen Wegmarkierungen gehören zu den Tagen eins und zwei, die lilafarbenen gehören zur Wanderung am Sonntag und die roten markieren unsere Reise per ÖV. Die Karte liest sich im Uhrzeigersinn.
**Das Sponsoring für ein leichte(re)s größeres Wanderzelt für zwei Personen ist hiermit eröffnet. 😉
Etwas über zwei Jahre sind seit meiner ersten allein und ohne Zelt in der Natur verbrachten Nacht vergangen. Ausgeheckt hatte ich die Idee damals mit der lieben Freundin M. (2). Beide übernachteten wir irgendwo an der Aare, sie dort, ich hier in der Nähe. Ein Erlebnis, das ich damals als sehr bereichernd erlebt habe und gerne als Inspiration weiterempfehle.
Ich brauche sie hin und wieder, diese Abenteuer außerhalb meines gewohnten Alltags. Ich brauche Wald, ich brauche Erde unter den Füßen. Ich brauche Abenteuer und Abwechslung, auch wenn es oft nur etwas relativ Kleines, zeitlich Kurzes ist – ein sogenanntes Mikroabenteuer also, wie Outdoorerlebnisse in nächster Nähe neuerdings heißen. Aber besser klein als gar nicht. Und ja, ich weiß, dass das ein Privileg ist. Privilegiert bin ich auch dadurch, dass ich auf dem Land, inmitten von Flüssen und Wäldern, wohne.
Seit einiger Zeit geistert die leise Idee in M.s und meinem Kopf herum, dass wir eigentlich auch mal zusammen eine Nacht in der Natur verbringen könnten. Anläufe genommen haben wir dazu schon einige, doch entweder spielte das Wetter nicht mit oder der einen oder anderen kam etwas Kurzfristiges oder die Befindlichkeit dazwischen.
Vor einigen Tagen war ich mit dem Gedanken aufgewacht, dass dieses Wochenende eigentlich ein neuer Anlauf fällig wäre. Vielleicht würde es ja endlich klappen. Irgendwie wunderte es mich so gar nicht, dass ich – als ich an jenem Morgen mein Mailprogramm öffnete – eine Mail von M. fand, die genau die gleiche Idee gehabt hatte. Nach ein paar Hin- und Hermails einigten wir uns darauf, uns am Samstag Nachmittag um 16 Uhr am Bahnhof Brugg zu treffen.
Kurz nachdem wir uns begrüßt haben, beichtet M. mir, dass sie später Lust auf ein Bierchen haben können würde. Ich meinerseits beichte ihr, dass ich nur eine Flasche Bier mitgenommen hätte, für mich, aber selbstverständlich würde ich diese gerne mit ihr teilen oder – noch besser – ich würde ihr schnell eine kaufen gehen. Für sie hätte ich darum keine mitgenommen, weil sie ja keinen bis nur sehr wenig Alkohol trinke. Ich hupse schnell in den nahen Laden und schon bald wandern wir los. Vorbei an Königsfelden, runter an die Aare. Wie erwartet tummelt sich dort viel Volk. Fast jede Badebucht ist besetzt. Für uns kein Problem, denn wir wollen ja eh weiter wandern, vorerst nordwärts zum Wasserschloss.
Inzwischen ist es richtig warm geworden und uns beiden ist nach einem baldigen Hupser in die Aare, die Reuss oder die Limmat. Sobald wie möglich verlassen wir die Straße und wählen aarenahe Waldweglein. Bei der Brugger Kläranlage überqueren wir die kleine Fussgänger:innenbrücke um auf der anderen Seite eine erste Badestelle zu finden.
Ab ins Wasser, wie gut das tut! Ein Nebenarm der Aare, lauschig, wohltuend kühl. Erfrischend.
Nach einer kleinen Pause gehen wir über die Brücke zurück und schlagen uns auf schmalen Pfaden zum Wasserschloss durch, wie der Zusammenfluss der Reuss in die Aare heißt. Hier gilt es nun, eine Entscheidung zu treffen. Rechts, der Reuss entlang Richtung Süden, links der Aare entlang Richtung Stroppelinsel.
Seit ich diese Halbinsel vor einigen Jahren zufällig entdeckt habe, ist sie rasch eine meiner liebsten Badestellen geworden. Zwar sind immer ein paar Menschen dort, aber immer sehr angenehme. Auch ist sie nie überlaufen, denn man kommt nicht direkt mit dem Auto hin. Selbst das Fahrrad muss draußen warten, denn um auf die Wiese zu kommen, muss man durch ein Drehkreuz. Eingezäunt ist der Zipfel der Halbinsel, weil auf dem Grasland eine Herde Hochlandrinder weidet. Friedliche, sanfte, zottelige Tiere mit schönen, riesigen Hörnern. Und ja, auch mit M. war ich schon das eine und andere Mal hier und so wundert es mich nicht, dass sie sich für diesen Platz entscheidet. Eine falsche Entscheidung kann es hier eh gar nicht geben.
Ich lotse uns also über die Eisenbahnbrücke nach Vogelsang und schließlich quer durch Wohnquartiere zum Anfang des Wanderwegs, der in die Badestelle am nördlichen Zipfel der Halbinsel mündet.
Unterwegs überlegen wir, wo wir später unser Lager aufschlagen könnten. Die Badewiese noch außerhalb der Kuhweide ist, so denken wir, eine erste ernsthafte Alternative. Dass wir auf der weitläufigen Weide übernachten könnten, ist noch kein Thema. Schließlich sind wir fast die einzigen, die sich an diesem Samstagspätnachmittag noch hier aufhalten. Angenehm ruhig ist es. Schnell klettern wir in die Schwimmanzüge und stürzen uns ins die Nicht-Fluten. Ah, herrlich! Genau die perfekte Temperatur. Wohltuend kühl, aber nicht kalt.
So langsam macht sich ein kleiner Hunger breit. Wir arrangieren ein Picknickbüffet auf der Wiese und genießen die mitgebrachten Leckereien. Und Bier. Und mal wieder eine Zigarette oder zwei.
Inzwischen sind alle anderen Menschen, die da gewesen oder nach uns gekommen sind, wieder weg. Und so langsam kommt die Müdigkeit. Die letzten Nächte habe ich nicht sonderlich gut oder viel geschlafen. Wir beschließen also, solange wir noch genug sehen, unsere Lager auszubreiten. Unterlagen, Matten, Schlafsäcke. Die Rucksäcke stellen wir vorsorglich an einen nahen Baum, an welchem auch unsere nassen Badesacken hängen. Ein tolles Lager das!
Zähneputzen, Pinkeln und ab ins Bett. Langsam ist es kühler geworden, der Schlafsack wärmt. Wir genießen den Sonnenuntergang, die Abendstimmung, erzählen einander von anderen Wildübernachtungen. Das Feierabendkonzert der Vögel untermalt unser Gemurmel. Die äsenden Rinder, eben noch weit weg, näheren sich einer Futterstelle mit Heu. Immer noch ziemlich weit weg. Ich strecke mich aus – ah – und schließe mich entspannend die Augen. M. sagt: Du, da sind zwei Kühe.
Wie jetzt? Huch, die sind ja direkt hinter uns und dann auch schon direkt neben mir. Nein, ich habe keine Angst. Nicht um mein Leben jedenfalls. Respekt aber schon, denn ich möchte nicht wirklich und unbedingt so nahen Kuhbesuch. Das dann doch nicht. Der Bulle und die Kuh haben sich nun zwischen mich und den Baum geschoben und schnuppern an unseren Rucksäcken herum. Sie gehen sehr behutsam und bewegen sich unendlich langsam. Von ihnen geht keine Bedrohung aus. Weil ich dennoch Respekt vor den großen Hörnern, halte ich mir den Arm übers Gesicht, wir verhalten uns ruhig. Da der Bulle immer näher kommt und mich nun ein bisschen anstupst, wirklich nur ganz sachte, aber bei jeder Kopfbewegung die Hörner mitbewegt, wird es mir doch ein bisschen mulmig (da wusste ich übrigens noch nicht, dass es ein Bulle ist). Ich rede ruhig mit den Tieren und bitte sie, doch woanders hinzugehen. Die einzige Angst, die ich habe, ist, dass die Rinder meine Luftmatratze betreten und sie so kaputt machen. Ganz langsam schlüpfe ich aus meinem Schlafsack, umkreise M., die noch links von mir in ihrem Lager liegt, und gehe von vorne auf die Tiere zu. Ich versuche, die Technik, wie man Pferde ohne Peitsche, mit bloßem Gegenübertreten, zu Rückschritten bringt, auf die Kühe anzuwenden, doch ich scheitere. Ich bin zu wenig überzeugend. Und zu wenig überzeugt. Schließlich sind wir hier die Gäste. Die beiden schauen mich mit lieben Augen an und warten einfach ab, was wir zu tun gedenken.
Inzwischen ist auch M. aufgestanden und wir versuchen gemeinsam mit sanftem Bitten die beiden Tiere wegzuschicken. Als wir auch zusammen keinen Erfolg haben, ziehen wir unsere Schlaflager, soweit es geht, aus dem Einflussgebiet der großen Kuhfüße. An meine Turnschuhe komme ich nicht ran, die liegen genau zwischen den beiden Tieren. Auch M.s Flipflops müssen wir liegen lassen, ebenso wie unsere Rucksäcke und die Badesachen am Baum. Den Rest packen wir so gut es geht zusammen und spazieren mit dieser ersten Ladung – es ist schon nach Sonnenuntergang, doch noch hell genug, um den Weg zu sehen – zum nördlichsten Zipfel der Wiese und der Insel. Dahin, wo sich die Insel verjüngt, mit unmittelbarem Blick auf den Zusammenfluss von Limmat und Aare. Eine wunderbare Stelle, flacher als der erste Lagerplatz. Absolut perfekt. Hier wollen wir bleiben.
Mit wieder leeren Händen gehen wir nochmals zurück, um zu sehen, ob wir an unsere restlichen Sachen herankommen. Können wir. Einzig M.s Flipflops bleiben irgendwo unter dem Bullen liegen, denn ja, der Bulle hat sich genau da hingelegt, wo eben noch M.s Lager war. Oke. Die wollen ja nur schlafen. Gut so, gut für uns.
Als M. später nochmals nachschauen geht, liegt die ganze Herde genau dort, wo wir eben noch lagerten. Ob diese Tiere immer am gleichen Ort schlafen? Ob wir ihre Lieblingsstelle besetzt hatten? Oder ob es für die Rinder deshalb dort so spannend war, weil wir uns dort hingelegt hatten? Wir werden es nie erfahren.
Noch eine ganze Weile liegen wir kichernd undzuweilen prustend in den Schlafsäcken und erzählen uns das Erlebte immer wieder neu. Herrlich, trotz des Schreckens. Als es immer dunkler wird, zündet der volle Mond wie ein Suchscheinwerfer direkt auf unser Nachtlager. Wow! Hat was.
Später, ich bin das erste Mal eingedöst, höre ich plötzlich Menschenstimmen und Ghettoblaster-Musik. Ganz nahe. Huch, da sind ja doch Menschen!, sage ich erwachend. Ein paar Taschenlampen leuchten zu uns. Die Musik verstummt. Flüsternde Stimmen junger Menschen, die sich wieder entfernen und sich woanders einen Platz suchen. Später hören wir Stimmen, nicht laut; junge, rücksichtsvolle Menschen, die sich vermutlich ein Nachtbad gönnen wollen. Später Gitarrenklänge und Gesang, weit genug weg um nicht zu stören.
Ich schlafe in Etappen. Das Rauschen der beiden Flüsse, der Tinnitus, Frösche, Enten, irgendwann größtmögliche Stille. Sterne am Himmel. Der wandernde Vollmond. Der Geruch von Gras und Erde und Wasser. Und ein bisschen Kuhmist, ja, das auch.
Gegen Morgen sehe ich die orangefarbene Sonne hinter den Bäumen, wie schön!, doch ich döse erneut ein. Gegen sieben ist die Blase dann bereit für eine erste Leerung und so ziehe ich mir die warme Jacke an und schlüpfe in die geretteten Turnschuhe. Für barfuß ist es mir doch noch ein klein bisschen zu kühl. Ein erster kleiner Spaziergang. Wie schön es ist. Wie still. Wie friedlich. Wie schön doch so ein Sommermorgen ist! Diese saubere Luft.
Die Rinder sind bereits am futtern und auf unserm ehemaligen Lagerplatz liegen einsam und verlassen M.s Flip-Flops, die ich mitnehme, im Fluss wasche, die Wassertemperatur teste und ein Bad zu nehmen beschließe.
Zurück beim Lager ist M. auch aufgewacht. Sie hat Cold Brew-Kaffee dabei, ich eine Thermosflasche mit gestern gekochtem Heißwasser für meinen Tee (zur Nachahmung empfohlen), sodass wir beide mit unseren Aufwachgetränken in den Tag starten können. Schließlich das Morgenbad, wohltuend, erfrischend. Schnell in die Kleider, bevor ich friere.
Ich bekomme fast nicht genug von dieser Insel, spaziere herum, genieße die Stimmung, die Sonne, die langsam zu wärmen beginnt.
Es ist halb neun, als wir unsere Sachen gepackt haben und loswandern wollen. Während ich noch die letzten Dinge verstaue, merke ich gar nicht, dass eine der Kühe sich uns genähert hat. Nummer 3802, unser Abschiedskomitee. Neugierig beschnuppert sie meinen Rucksack. Ich kann es nicht lassen und muss unbedingt ein Bild schießen. Irgendwie mag ich diese sanften, diese beharrlichen Tiere.
Barfuß spaziere ich neben M. zurück zur Straße. Bevor wir wieder ein Stück durch die Quartierstraßen gehen müssen, ziehe ich mir die Schuhe wieder an. Auf weichen Wegen gehe ich sehr gern barfuß, Straßen aber sind nichts für mich.
Als wir wieder zurück über der Eisenbahnbrücke sind, schlage ich vor, dass wir der Reuss entlang zurückzuwandern könnten. Zurück durchs Kunzareal und am Wehr vorbei über eine weitere Brücke. Bei der Gebenstorfer Reuss-Badi hupsen wir nochmal kurz ins kühle Nass. Diesmal ist es die Reuss. Es ist bereits wieder heiß geworden und wir schwitzen. Eine junge Frau, die einzige Anwesende auf dem Platz, warnt uns vor der starken Strömung, weshalb wir nicht schwimmen, sondern nur ein kleines Reintunk-Erfrischugsbad nehmen und uns anschließend unter die Duschen stellen. Aaaah. Wie gut das tut. Ich beschließe, das Badekleid anzubehalten, da wir ja eh bald daheim sind.
Dort gibt es Frühstück. Und endlich noch mehr Kaffee, diesmal heißen, für die liebe M.; was muss, das muss.
Was für ein tolles Abenteuer das war! Aber, äh, so Mikro nun auch nicht, nein, eigentlich richtig groß und in 3D.
Wenn ich so erschöpft bin wie diese Woche, hilft eigentlich nur noch wandern.
Wie oft, wenn die Wanderschuhe locken, fahren wir nach Bözberg auf den Bözberg. Im Dorfteil Kirchbözberg der sehr weitläufigen Gemeinde parken wir bei der Kirche und beschließen spontan, Richtung Sennhütten zu wandern, diesem kleinen Weiler, den ich bisher nur vom Hörensagen kannte.
Kaum haben wir Oberbözberg hinter uns gelassen, bergan wandernd, betreten wir Neuland. Verrückt eigentlich, wie sehr uns die nahe Umgebung oft unbekannt bleibt. Normalerweise lockt ja das Ferne mehr, doch gerade in den letzten zwei Monaten haben wir sowohl hier als auch ins Irgendlinks Wohnumgebung neue, nahe Wanderschätze entdeckt. Gestern auch wieder. Eintauchen in die Wald-und-Hügelwelt. Wohltuendes Im-Wald-Gehen, moderat bergan, hinter uns ein herrliches Alpenpanorama, die Schneeberge der Zentralschweiz zum Greifen nah.
Unterwegs zwischen Wiesen und Feldern philosophieren wir, wie schön und wertvoll doch Alleen sind, wie sehr doch Schattenbäume rechts und links des Wegen sowohl der Umwelt gut tun als auch uns Wandernden doch das Leben versüßen würden. Immerhin können wir uns immer mal wieder von Kirschbaum zu Kirschbaum mundrauben, denn ein paar Bäume stehen zum Glück ja doch am Wegrand. Und ach, was für eine wunderbare Frucht doch so eine Kirsche ist!
Und auf einmal sind wir im Weiler Sennhütten. Ein kleines Bergrestaurant, Take & Sitz, lädt zum Verweilen ein. Schön weit auseinander sind Tische auf dem Gelände verteilt, ein paar Menschen wuseln herum, vom Nachbarhof ennet der Weges dudelt Volkstümliches, das ich sonst ja nicht wirklich mag, aber hierher passt, und wir holen uns am Tresen etwas zu trinken. Kaum haben wir uns hingesetzt, hopst ein Kater auf unsern Tisch und will nur genau etwas: Gestreichelt werden. Zuerst oben, dann am Bauch. Wie so ein Brotteig breitet er sich auf dem Tisch aus und lässt es sich gut gehen.
Später gesellt sich die Wirtin zu uns und wir erzählen uns gegenseitig Geschichten von Katzen und Hunden und werden auch gleich noch ihrer Hündin Carma vorgestellt, einer sehr zutraulichen Mischlingshündin. Kater Courage hat sich nun wieder verabschiedet und später tun wir es ihm gleich, holen beim Wirt noch ein paar Tipps für die Weiterwanderung über Kästhal zurück nach Kirchbözberg ab und machen uns auf den Weg.
Zuerst Richtung Effingen, hat er gesagt, dann aber steil runter nach Kästhal. Der schmale Wanderweg nach Kästhal ist fast zugewachsen, so dass wir an einer besonders dichten Stelle beschließen, direkt querfeldein durch den Wald abzusteigen. Unten, am Waldrand, angelangt hält uns ein elektrischer Zaun auf. Die Kuhweide ist groß und die Kühe weit weg, weshalb wir beschließen, ein Stück über die Kuhweide zu gehen. Wozu gibt es schließlich Wanderstöcke, wenn nicht um elektrische Zäune herunterzudrücken um bequem darüber steigen zu können? Nach einem weiteren Wald- und Quer-über-die Wiese-Stück sind wir wieder auf Kurs.
Kästhal ist ein Nest am Ende der Welt. Oder mittendrin? Wer weiß das schon so genau. Jedenfalls kommen wir uns vor wie irgendwo in den Bergen, nicht wie gerade mal ein paar Kilometer von den nächsten Kleinstädten in einem sehr dicht besiedelten Kanton entfernt.
Wieder bergan steigend peilen wir wieder jenen Weg nach Bözberg an, den wir teils bereits gegangen sind. Auf einer schattigen Bank angelangt vespern wir Mitgebrachtes und genießen das Alpenpanorama in der Ferne, den Blick in die Weite.
Kurz vor Kirchbözberg dann eine letzte Schattenbank. Unter uns das Dorf. Du, wie lange waren wir eigentlich unterwegs? Eine Woche? Ach nein, nur ein paar Stunden.
Eine Biene setzt sich auf meinen Arm und leckt mich ab. Hat die mich eben Blüte genannt? Ich mag das, ihr zuzugucken, wie sie sich ganz langsam vorantastet bis sie genug hat und weiterfliegt.
Als wäre das alles nicht schon genug des Guten steht auch noch unweit des parkenden Autos ein Bücherschrank und natürlich können wir nicht widerstehen, lesen je ein Buch aus und geloben, das nächste Mal neue Bücher mitzubringen.
Alles vibriert. Die Luft schwirrt. Unzählige winzige Insekten glitzern im Sonnenlicht. Vor uns Bäume, hinter uns eine Felswand und rechts ein kleiner Wasserfall. Idylle vom feinsten. Blauhimmel, dazu eine sehr angenehme Lufttemperatur.
Rechts oben, am Hang, beobachte ich etwas Dunkles. Zuerst halte ich es von der Größe her für ein Eichhörnchen, doch dann stelle ich fest, dass es ein großer Vogel ist. Eine Krähe? Oh, der hat ja eine rote Haube, guck mal!, sage ich zu Irgendlink. Also doch keine Krähe. Was für ein schönes Tier!
Nun setzt sich der große Vogel auf einen abgebrochenen Baumstamm und hämmert los. Ein Specht? Hätte ich doch in der Schule besser aufgepasst! Sein Ruf tönt wie ein Ballon, den man – aufgeblasen – losfliegen lässt. Die entweichende Luft klingt dem Ruf dieses Vogels sehr ähnlich. Heute schließlich verrät mir das Internet, dass es ein Schwarzspecht ist. (So klingt er: https://www.deutsche-vogelstimmen.de/schwarzspecht/Und so sieht er aus: https://www.ecosia.org/images?q=schwarzspecht…)
Später, am Kneippbecken, eine kleine Wassertreten-Pause. Und der Beschluss noch nicht zurück zum Auto zu gehen, sondern noch einen zum Katzenfels zu spazieren, etwas mehr als einen Kilometer entfernt, wo wir uns, kurz pausierend und philosophierend, an den Holztisch setzen, der dort für müde Wandersleute steht.
Seit ich das Buch von der Schnecke lese [Das Geräusch einer Schnecke beim Essen von Elisabeth Tova Bailey], achte ich mich mehr denn je auf Unscheinbares in der Natur. (Vielleicht ist sogar der Lockdown mitverantwortlich.) Ich nehme Umwelt und Natur jedenfalls noch sinnlicher wahr als zuvor.
Der Tisch wirkt wie ein natürliches Terrarium für Ameisen. Wie wenig ich doch von ihnen weiß!, geht es mir durch den Kopf. Ich lasse mich ein und beobachte. Natürlich betrachte ich ihr Verhalten mit menschlichen Augen und natürlich versuche ich mit meinem menschlichen Wissen und Bewusstsein zu verstehen, was sie tun und warum. Wohin sie wuseln und was sie beabsichtigen.
Grundlosigkeiten kann ich mir bei einem Tier wie der Ameise, die es gemeinsam mit ihren Artgenoss:innen immerhin schafft, eine hochkomplexe Ameisenkolonie zu bauen, kaum vorstellen. Und doch: Meine eine Ameise hier, auf dem Tisch, wirkt trotz ihrer vermeintlichen Zielstrebigkeit doch sehr desorientiert.
Wohin will sie mit dem winzigen Holzstückchen hin, das etwa dreimal so lang ist wie sie selbst? Soll es Teil ihrer Behausung werden? Zuerst hängt sie es unter sich fest und geht damit wie mit einem dicken Bauchbeutel ein paar Zentimeter weit. Nur um sich einmal im Kreis gedreht wieder an der Ausgangsstelle einzufinden. Das Ding ist ihr aus den Armen und Beinen gerutscht. Sie lässt es los und geht ein bisschen ohne Ballast herum. Vielleicht ruft sie um Hilfe? Vielleicht überlegt sie, wäre sie denn ein Mensch, warum sie dieses Ding gleich noch wohin tragen wollte und ja, wohin überhaupt?
Sie packt es wieder an, allerdings nicht mehr so behände wie vorhin. Eher ein bisschen wacklig. Diesmal krabbelt sie über die etwa zwei Milimeter hohe Kante vom einen Tischbrett zum andern hoch und wäre dabei fast in der Ritze hängengeblieben. Sie schiebt sich nun etwa zwanzig Zentimeter weiter, immer geradeaus. Aha, doch irgendwie eine erkennbare Richtung! Kurz hilft ihr eine andere Ameise, die dann aber wieder loslässt und weiter in die vorher eingeschlagene Richtung rennt. Überhaupt: Wie sie rennen, die Ameisen!
Bald hilft eine zweite, aber auch sie hat bald genug. Oder wollte sie sogar meiner Ameise das Holzstück abnehmen? So richtig klar wird es nicht. Bald ist meine Ameise wieder müde vom Schleppen und macht erneut eine Pause. Geht ein bisschen ohne Ballast umher. Sondiert das Gelände. Kommt wieder zurück zum Holz, lädt es sich wieder auf und geht damit weiter. Aber zurück, also in die Richtung, woher sie kam. Zurück zur Ritze also. Diesmal fällt sie hinein. Oder lässt sie das Stück gar absichtlich hineinfallen? Und gibt es da eine Absicht? In der Ritze tummeln sich viele Ameisen und nun ist meine für mich, so ganz ohne Holzstück, nicht mehr als meine Ameise erkennbar.
Menschliche Effizienz geht anders. Oder bilden wir uns wenigstens ein.
Was weiß denn ich? Was weiß denn ich vom Leben in der Natur und vom geheimen Leben der Ameisen? Eins weiß ich allerdings: Ameisen hinterlassen ihre Umgebung niemals so kaputt wie wir. Und Hühner eher auch nicht.
Rötliches Maranshühnerei mit Sommersprossen
Der heimische Gockel
Ein Maranshuhn
Ein Stein mit Hashtag #Pfalzsteine im Offline-Leben
Auf der Vorderseite des Steins ist ein Comicgesicht aufgemalt
Fassade im Dorf Reifenberg
Eintauschen in den Wald
Im Wald
Waldweg
Trockenes Flussbett
Beim kleinen Wasserfall
Der kleine Wasserfall beim Näherkommen
Nahe am Wasserfall
Blick aufwärts ins Blättergrün
Bäume, Wald, Sonne, Grün
Irgendlink fotografiert den Wasserfall
Blick nach oben zum Blauhimmel, eingerahmt von Baumwipfeln
Nochmals ein Aufwärtsblick mit Sonnenlicht in den Bäumen
Da oben, der Schwarzspecht, leider nicht sichtbar im Bild, aber angedeutet
Zugegeben: Ich glaube ja meistens, dass ich Recht habe. Jedenfalls, was das große Ganze betrifft. Zwar verstehe ich nicht wirklich so genau, was da draußen gerade alles passiert und warum, aber ich glaube in der Wahl meiner Informationsquellen richtig zu liegen, recht zu haben. So glaube ich beispielsweise eher an die sich im Laufe der Forschungszeit verändernden Informationen eines Forschers wie Dr. Drosten als einer Astrologin, eher einer Ärztin als einem Politiker. (Verzeihung. Ich wiederhole mich, denn das sagte und schrieb ich bereits an einigen anderen Stellen.)
Es ist dieses gesellschaftliche, dieses menschliche Phänomen an sich – also dieser Glaube in uns, dass wir recht zu haben –, über das ich in letzter Zeit sehr oft nachdenke. Vielleicht hilft es uns gar zu überleben?
Wir haben meist gute Gründe, warum wir auf die eine Information zustimmend und auf die andere ablehnend reagieren. Gründe, die mit unserm Weltbild zusammenhängen, Gründe, die mit unserem Werdegang korrespondieren. Was wir denken und glauben und wie wir leben hängt zusammen. Wissen wir.
Natürlich zweifle ich. Immer. Vielleicht ist ja alles ganz anders. Das Leben. Die Zusammenhänge. Die Geschehnisse und ihre Ursachen. [Als ich noch richtig fest daran glauben konnte, dass es so etwas wie eine ordnende (möglicherweise sogar liebevolle, vielleicht richtende) Macht gibt, hielt ich übrigens ziemlich viele Dinge für möglich, die ich mir heute nicht mehr vorstellen kann. Natürlich war das irgendwie tröstlich, dieses Glauben-und-Hoffen, und ja, diesen Trost vermisse ich zuweilen, doch ich kann den Verlust des Glaubens nicht mehr rückgängig machen. (Und ich will es auch nicht.)]
Tatsächlich gehöre ich zu jene Menschen, die ihren Standort immer wieder neu überdenken. In mancherlei Hinsicht. Physisch ebenso wie mental. Nicht in den Grundfesten, aber doch so, dass ich reflektiere, warum ich etwas so oder so betrachte. Und das durchaus auch kritisch, selbstkritisch. Informationen, die mir merkwürdig vorkommen, lassen mich aufhorchen, denn obwohl ich gutgläubig-naiv bin, bin ich auch misstrauisch. Das beißt sich nicht grundsätzlich. Kurz gesagt bin ich durchaus offen für Argumente aus einer anderen Perspektive und kann auch durchaus meine Meinung und meine Perspektive ändern. Es müssen allerdings wirklich gute Argumente sein.
Zurzeit bekomme ich – zwecks ’Aufklärung und Aufforderung zur Meinungsänderung’ – immer mal wieder durch soziale Medien und Messengerdienste Links zu Videos zugespielt. Vorgestern hat mich eine Freundin zu einem Video gelotst, das Menschen rund um den Globus zeigt, welche gegen die Lockdowns in ihren Ländern demonstrierten. Solche Demos gibt es zurzeit ja überall. Was genau damit gezeigt werden soll, verstehe ich nicht. Sagen wir es mal so: Solche Informationen gehören definitiv nicht zu denen, die mich überzeugen, dass das Virus wahlweise nicht so gefährlich oder eigentlich ja doch nur so ein Grippevirus von vielen sei. Auch überzeugt es mich nicht davon, dass die Lockdowns dieser Welt überflüssig waren. Es überzeugt mich bestenfalls von der Macht der Manipulation und vielleicht noch ein bisschen mehr von der Dummheit der Menschen. Wobei ich zu letzterem eigentlich keine weiteren Beweise gebraucht hätte.
Aber wer etwas nicht glauben will, wird es auch nicht glauben. (Dazu heute ein sehr schöner Text in der Republik**.) »Plumper Positivismus ist keine gute Antwort« (Zitat).
Das Regierungsparadoxon: Hätten die Regierungen keine Lockdowns angeordnet, wäre die Kacke am Dampfen, weil es so viele Tote gibt. Aber sowas von! Weil die Regierungen aber Lockdowns beschlossen haben, dampft die Kacke, weil die Wirtschaft am Boden liegt. So oder so: Die Regierung ist schuld. An allem. Als wäre es die Schuld der Regierung, die per Schwur verpflichtet ist, uns so gut es geht zu schützen, dass da ein Virus um die Welt zieht. (Nein, blind vertraue ich den Regierenden nicht, aber ihnen Verschwörungen andichten, finde ich dann doch ziemlich … naaa ja.)
Klar, es ist nur kleiner Teil der Bevölkerung, der sich querstellt, aber eine kleine Mücke kann ein ganzes Zimmer versauen. Und vor allem kann eine solche Bewegung andere mitziehen und womöglich dazu führen, dass es zu einer zweiten Welle wie in Singapur oder Japan/Hokkaido oder zu einem zweiten Lockdown kommt. Und zum überflüssigen Tod von weiteren Menschen.
Und nochmals: Was wäre, wenn alles ganz anders wäre? Wenn tanzen hülfe oder weltweit meditieren? Gut möglich, dass das hilft. Irgendwie. Wenn schon nicht gegen das Virus an sich, dann doch wenigstens gegen den herrschenden Missmut und die Tristesse Und fürs Immunsystem ist das sicher auch eine gute Sache, echt jetzt.
Und vielleicht ist alles nochmals ganz anders und es passiert ein Wunder und das Virus stirbt einfach aus. Wie wahrscheinlich das ist, weiß ich nicht. Eins zu einer Billion? Wahrscheinlich noch unwahrscheinlicher.
Erst wenn jemand in der unmittelbaren Bekannt- oder Verwandtschaft betroffen ist oder gar stirbt, werden die Menschen einsichtig, las ich neulich auf Twitter. Bei Krieg ist es ja ganz ähnlich. Je weiter weg, desto weniger sind wir betroffen und desto weniger fühlen wir uns betroffen.
Von Anfang an war ich eine von den Supervorsichtigen. Mag sein, dass ich übertreibe. Zu viel steht auf dem Spiel. Ich kenne zu viele Menschen, die das Virus umbringen könnte. Darum lieber (möglicherweise) übertreiben als das Leben anderer gefährden.
Ich will nicht eine von denen sein, die hinterher sagen (oder zumindest denken) ’Habe ich es nicht gesagt?’. Nein. Ich will keine zweite Welle. Ich will aber auch keinen zweiten Lockdown. Ich will, dass wir uns gemeinsam an die Maßnahmen halten und gut aufeinander aufpassen, einander und uns selbst Sorge tragen. Und ich will, dass das alles hier gut ausgeht und wir alle irgendwie gut neu anfangen können.
Ich will nicht, dass die Leute hinterher sagen: Seht doch, es war doch gar nicht so schlimm! Wir hätten uns den Lockdown sparen können. Nein. Hätten wir nicht. Wie schon angedeutet, hätten wir einen viel höheren Preis bezahlt als den jetzigen. Vielleicht wäre die Wirtschaft nicht so sehr in die Knie gegangen, oke, aber wir hätten mehr Tote gehabt, viel mehr Tote. Und nein, die wären nicht eh alle schon bald gestorben. Gemäß Forschung unter Einbezug von Lebenserwartung und klassischem Krankheitsverlauf bei den Vorerkrankten hätten die durch/infolge von/mit/an Covid19 Verstorbenen durchschnittlich noch 11 Jahre mehr Lebenszeit* haben können.
Oft sagte und schrieb ich in der letzten Zeit, dass wir nur DANK des Lockdowns jetzt die Situation mit den überschaubar wenigen getesteten Neuansteckungen pro Tag haben, die wir eben haben (die Dunkelziffern kennen wir allerdings nicht).
Mit Irgendlink diskutierte ich schon oft all die Unwägbarkeiten. Wir enden immer wieder mit dem Satz: »Nein, wir können es wirklich nicht wissen.«
Niemand weiß es wirklich. Fast in Echtzeit stellt uns diesmal die Wissenschaft ihre Forschungsergebnisse zur Verfügung. Das ist für Nicht-Wissenschaftler:innen gelinde gesagt verwirrend, weil das ja erst einmal ganz neue Informationen für alle sind. Nackte, neu geborene Informationen noch ohne Aussage. Für die meisten von uns ist das wie eine neue Sprache, die wir nicht wirklich verstehen. Dennoch stürzen sich alle darauf und dann geht es los, das wilde Interpretieren.
Denn ja, das ist tatsächlich eine Frage der Interpretation. Alle blicken wir durch unsere eigenen, selbstgeschliffenen Brillengläser. Alle sehen wir, was wir sehen wollen. Alle sehen wir das, wovon wir glauben, dass es das Richtige ist. Und alle wähnen sich im Recht. Ich auch, zugegeben.
Gleich zuerst: Nein, ich weiß es auch nicht. Ich weiß nicht, ob all die Maßnahmen sinnvoll sind. Ich weiß nicht, ob es übertrieben ist. Womöglich sogar untertrieben? Die Lockerungen zu früh? Und nein, ich weiß nicht, ob das alles mehr nützt oder mehr schadet. Nein, ich weiß es nicht.
Doch etwas weiß ich: Das hier ich keine Glaubensfrage. Sich an Maßnahmen zu halten ist keine Religion und keine Unterwerfung an eine Diktatur.
Das hier ist etwas, womit sich niemand so wirklich auskennt. Es ist etwas Neues. Die, die am meisten wissen, sind jene Menschen, die wissenschaftliche Ausbildungen haben. Logischerweise vertraue ich darum am ehesten diesen Menschen. Ich vertraue ausgewiesenen Virolog:innen und Ärzt:innen mehr als Pfarrer:innen, Prediger:innen, Astrolog:innen, Esoteriker:innen, Medien, Verschwörungstheoretiker:innen und Dummschwätzer:innen.
Vielleicht bin ich inzwischen so diesseitig geworden, dass mir das Jenseitige einfach nur noch abstrus vorkommen kann. Nach wie vor bin ich davon überzeugt, dass alles zusammenhängt. Wir alle hängen zusammen, sind verbunden. Der Mensch hat nicht nur darum überlebt, weil er sich ständig mutiert, sich stetig weiterentwickelt hat, er hat vor allem überlebt, weil Menschen sich seit jeher umeinander gekümmert haben.
Gesunder Menschenverstand ist wichtig und natürlich muss jede und jeder abwägen, dennoch ist das alles hier keine Glaubenssache, sondern eine Frage, wem wir vertrauen. Den Forschenden oder den Plappernden.
Selbst wenn ich in meinem Umfeld keine wirklich wirklich sehr gefährdeten Menschen hätte – und ja, natürlich, eines Tages werden wir eh alle sterben! –, könnte ich diese Haltung nicht verstehen, die aktuell so manche vor sich her tragen wie ein Schild.
Nur weil sie und ihr Umfeld bis jetzt nicht betroffen waren, halten sie die Krankheit für ungefährlich und behaupten, dass sich manche Menschen viel zu sehr und unnötigerweise einschränken sich. Kann man so sehen. Man kann sich die Welt immer schön einfach und einfach schön reden. Und die andern von Angst Dominierte nennen, ist auch ganz einfach. Doch ehrlich gesagt ist das meiner Meinung nach einfach furchtbar ignorant. Es ist sehr einfach, nur weil man bisher Glück hatte, nicht über den Tellerrand zu schauen. Vielleicht glaubt man sogar, es verdient zu haben, dass man verschont blieb. Die andern sind eben selbst schuld, wenn es ihnen nicht gut geht.
Ehrlich: Ich kann nicht, nur weil ich nicht an die Maßnahmen ’glaube’, die Gesundheit mir lieber Menschen (und notabene meine eigene) aufs Spiel setzen. Hier geht es um ein noch sehr unbekanntes, noch sehr unvorhersehbares Virus, das noch niemand wirklich so genau kennt und von dem noch niemand voraussagen kann, wie es sich weiter entwickeln wird.
Über den Klimawandel las ich neulich ein Textbild, das sinngemäß besagte, dass wir jetzt all die wichtigen und im Moment als angezeigt notwendigen Maßnahmen umsetzen und dann schon bald feststellen würden, dass das Klima auf einmal wieder gut sei und das Leben wieder viel angenehmer für alle. Im Rückblick würden wir womöglich feststellen, dass es die Maßnahmen gar nicht gebraucht hätte. Aber hey: Das Leben ist wieder viel angenehmer für alle. Also: Scheiß auf die vielen vielleicht überzogenen Maßnahmen. Es geht uns allen besser. Aber was genau alles geholfen hat, wissen wir nicht.
Dieses Gedankenspiel übersetze ich für mich auf die Coronakrise. Selbst wenn das alles hier überzogen sein sollte – ich weiß es nämlich wirklich nicht! –, so haben wir alle zusammen doch dafür gesorgt, dass sich Menschen wie unser rollstuhlfahrender Freund M., unser chronischkranker Freund S., all die alt gewordenen Verwandten sich wertgeschätzt und erwünscht wissen dürfen und nicht ständig in Ansteckungs- und damit in Todesangst leben müssen, sondern miterleben können, wie sich eine ganze Gesellschaft um sie sorgt und sie nicht der Wirtschaft opfert.
Ja, richtig, dafür ziehe ich mir eine Maske an, halte Abstand und wasche mir die Hände. Obwohl ich Masketragen ziemlich unangenehm finde. Und auch wenn ich nicht weiß, ob es übertrieben ist.