Winterhöhle reblogged

In meinem Uralt-Blog zu lesen, fasziniert mich. Heute teile ich mit euch einen mehr als fünf Jahre alten Artikel vom 14. Juli 2009 über Segen und Fluch von Schönheit.

Winterhöhle

„… das Schreckliche, das einer Seele durch Schönheit angetan werden kann … „

Ein Satz, der mich nach Luft schnappen lässt.  „Wintergewölbe“ von Anne Michaels hat mich nach einem längeren Unterbruch nun endlich doch gepackt hat. Dieser dreihundertfünfzig Seiten dicke Roman erzählt von Heimat und Heimatlosigkeit, vom Verpflanztwerden, von der Illusion von Liebe und jener Liebe, die so schön ist, dass sie unerträglich wird. Von Harmonie auch. Und deren Gegenteil. Kein Easyreading, dieses Buch, sondern eins, das meine ganze Aufmerksamkeit beansprucht, das mich innehalte heißt, Sätze wieder und wieder kauen lässt, um sie ein klein bisschen leichter verdauen zu können.

Gestern, vor dem Einschlafen, gedacht:
Wer einmal jene unfassbare jenseitige Schönheit erlebt, gesehen, geahnt, an ihr geschnüffelt, sie gerochen, geschmeckt, ertastet, gespürt hat, wer einmal den Himmel und den letzten Vorhang offen gesehen hat, für diesen Menschen ist alles, was danach kommt, ein Abklatsch, eine Imitation, eine Irritation. Die Ansprüche sind hinterher unfassbar. Nichts und niemand kann sie erfüllen. Dieser Mensch weiß nun nicht, ob er sich darüber freuen soll, dass er sie gesehen hat, diese absolute Schönheit, oder sie verfluchen und sich wünschen, er hätte damals weggeschaut. Und er weiß nicht, wie er inmitten dieser Unvollkommenheit leben kann.

Heute, beim Lesen meiner gestrigen Notiz ahne ich: Dieser Mensch bin ich – dieser Mensch sind wir alle. Wir alle haben sie gesehen. Irgendwann. Irgendwo. Und da, in uns, ist sie noch immer. Deshalb die Sehnsucht. Deshalb die Unzufriedenheit …

Mein Weg, damit zu leben, ist es, mich mit der Unvollkommenheit zu versöhnen. Ohne dabei die Augen vor der Schönheit in und um mich zu verschliessen. (Ende Zitat)

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Heute – es ist August 2014 – bin ich wieder an einem ganz ähnlichen Ort, innerlich. Obwohl … heute ist es weniger Unzufriedenheit als große Freude darüber, dass ich sie gesehen habe. Dass ich um sie weiß. Dass ich sie in mir trage. Jetzt. Hier. Und manchmal wird sie, ist sie ganz groß und sichtbar und schier unerträglich stark da. Sie macht mich dankbar, diese Schönheit, die ohne Dimensionen, ohne Raum, ohne Zeit auskommt, aber nicht ohne Sinn. Ihr Sinn ist es, uns Kraft zum Leben zu geben. Sie ist eine alles umfassende Schönheit, die sich allen Definitionen entzieht und sich nicht religiöse oder spirituelle Gewänder anziehen mag.

Vielleicht ist DANKE darum aktuell mein Lieblingswort.

artgerecht und echt und so

Über Echtsein denke ich nach. Seit Tagen schon. Nicht zuletzt, weil Frau Mützenfalterin schon eine Weile darüber bloggt. Sie schreibt über „die Angst derjenigen, die Echtheit definieren, vor denen die „echt“ sind.“ (Zitat)  Definieren nicht vor allem jene, die echt sein wollen, die sich nach echtem Sein sehnen, das Wesen von Echtheit?, frage ich mich. Habe ich womöglich gar Angst davor, als unecht entlarvt zu werden, ich, die ich mich so sehr nach Authentizität sehne und mich um sie bemühe?

Sein, nicht sein. Oder
so: Sein, noch nicht sein.
Werden. Unterwegs
sein. Auf dem Weg sein ohne
Widerstand zu leisten. Weder
aggressiven noch aktiven noch passiven. Einfach
akzeptieren.
JA.
Danke.

Habe ich resigniert? Oder bin ich womöglich ein klein bisschen weise(r) geworden? Habe ich gar die Kunst des Nichtreagierens verstanden? Ist Nichtreagieren vielleicht der Schlüssel? Agieren statt reagieren. Echt, aus meiner Mitte heraus. Verbunden mit meiner Mitte zu sein, mit meiner Schaltzentrale – darum geht es. Und um das Wissen darum, dass meine Zentrale mit allem, was ist, verbunden ist. Mit allen Zentralen. Mit allen Zentralen aller Lebenwesen. Das biologisch-spirituelle Internet. Alle unsere Zentralen, alle unsere Herzen sind die Zellkerne eines einzigen grenzenlosen Organismus – so stelle ich es mir zuweilen vor, dieses Lebensgewusel, zu dem wir alle gehören. Und alle wollen wir nur das eine: Leben, in Frieden und liebevoll leben, unserer Art gerecht.

Ob Mensch oder Schwein, ob Baum oder Stein.

Ich lese. Ich denke. Ich fühle. Ich nehme auf. Ich bin ein Schwamm. Ich lasse zu. Ich drücke aus. Ich drücke mich aus.

Input. Output.
Das Hamsterrad der KünstlerInnenseele?

So leben. So ist es artgerecht. So ist es echt. So passt es.
Wie Schuhe, die ich gerne trage.
Wanderschuhe.
Lebenswanderschuhe.

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siehe dazu auch meinen neuen Lese-Stoff: Die Echte werden – die Echte sein

Von A bis Z

Es ist halb sieben abends, als ich endlich loskomme. Im Auto Kram für fünf Tage. Auch Arbeitszöix. Laptop und Kunst und so. Ich fahre los. Der Tank ist fast voll. Der Verkehr moderat. Alles gut. Und auch die Rush hour, dieser tägliche Wahnsinn, für heute fast vorüber. Ich fädle mich in den Verkehr ein, höre Kristofer Åström beim Singen zu und lasse meinen Gedanken von der Leine.

Viel zu schnell bewegt sich ein Auto, denke ich bald, viel zu schnell für einen Menschen, viel zu schnell für eine Seele. Und zugleich kann es mir nicht schnell genug gehen, bis ich endlich dort bin, wo ich hin will. Zum Liebsten aufs einsame Gehöft. Paradox.

Menschen!, denke ich, Menschen – alles machen wir kaputt. Wir scheißen unserer Mutter in den Bauch, bloggte Glumm neulich, die Gräfin zitierend.*

Was ist das Schlimmste, was wir tun?, frage ich mich. Das Schlimmste? Krieg natürlich. Immer diese Powergames. Immer dieses Mehr-wollen, dieses Nicht-genug-bekommen, dieses Besser-sein-müssen-sollen-wollen … Wie ich mich vom einen Gedanken zum nächsten hangle, ist es mir wie beim Zoomen zumute. Zuerst Weitwinkel. Nun Zoom. Nun mich im Visier. Nicht verurteilend, einfach nur betrachtend.

Krieg fängt im Kleinen an!, predigte unsere Mutter immer. Frieden auch, sage ich. Stimmt ja auch. Frieden mit mir selbst? Ja, auch der. Ich schäle Schicht um Schicht – schon bald Basel, der Regen hat zum Glück aufgehört – und schaue mir bei der Häutung zu. Immer kommt noch was neues untendrunter zum Vorschein.

Unsere Unzufriedenheit  – ist sie nicht in erster Linie die Unzufriedenheit mit uns selbst. Weil wir nicht wirklich handeln, wie wir wollen. Weil wir nicht wirklich sind, wer wir sind. Weil …oh,  nun köchelt meine Gedankensuppe. Grenzübergang nach Frankreich soeben passiert. Die Suppe dickt ein. Die Essenz kommt zum Vorschein. Ihr Name ist Inkonsquenz. Darum, begreife ich, darum sind wir mit uns nicht im Frieden. Mit uns nicht. Mit der Welt nicht. Banal? Gut möglich. Mir egal, denn in mir drin habe ich diese Erkenntnis, die ja nun wirklich nicht neu ist, bisher nie so ganz mit allen Sinnen begriffen. Der Kopf reicht eben nicht um zu verstehen. Nicht ganz. Er ist nur ein Teil und selbst mein aktuelles Verstehen ist immer nur ein Anfang.

Immer weiter. Da vorne muss ich abzweigen, wenn ich nicht in Mulhouse landen will. Richtung Strasbourg.
Hey, was willst du denn? Blink doch, wenn du auf meine Spur willst, du Depp! Ich kann schließlich nicht Gedanken lesen? Puh. Wo war ich gleich?

Verstehen? Ähm, nein, Stopp! Inkonsequenz war das Stichwort. Gut. Also weiter. Was kann ich also tun, um meiner Inkonsequenz zu begegnen und wo bin ich selbst inkosequent – ganz konkret? Auto- statt Zugfahren, ja, das ist schon mal ein Thema. Als Grüne sollte ich doch eigentlich … Ja, aber die Reise zum Liebsten dauert mit dem Zug doch fast doppelt so lang und ist außerdem doppelt so teuer und überhaupt! Schon geht’s los. Die zwei Herzen in meiner Brust. Sie sind es, die sich nicht einig sind und mich zu all meinen inkonsequenten Taten verführen.

Baustelle bei Colmar. Schmalspur. Die Straße wird saniert. Wurde aber auch Zeit! versus Och, war das wirklich nötig?

Also, schön langsam, immer der Reihe nach. Die zwei Stimmen. Ja, ihr Gezänk macht mich oft sehr unzufrieden. Und Unzufriedenheit schürt bekanntlich neue Unzufriedenheit, wenn sie nicht gelöst wird. Meine Gedanken mäandern, ohne dass ich ihnen immer so genau beim Plappern zuhöre. Kurz vor Strasbourg merke ich auf, als es in der wilden Diskussion auf einmal um fehlende Selbstliebe als Ursache allen Übels geht.
Ja, genau!, werfe ich ein. Das ist der Punkt, um den sich alles dreht. Denn wenn ich mir mit Selbstliebe begegne, umfassend, umfassender, am allerumfassendsten, kann ich mir meine Inkonsequenz und alles, was daran klebt, jederzeit verzeihen – statt mich mit meiner Unfähigkeit fertig zu machen. Das eine nimmt mir Energie, das andere gibt mir welche. Und wenn ich mehr Energie zur Verfügung habe, kann ich auch konkrete Schritte tun, konsequenter zu handeln, zu denken, zu sein. Denn eigentlich-eigentlich-eigentlich möchte ich ja schon, aber eben …

Bei Haguenau verlasse ich die Autobahn und fädle mich nach zwei Kreisvortritten auf die Überlandstraße nach Norden, Richtung Bitche, ein. Bald da. Nur noch etwa siebzig Kilometer.

Die Sonne verabschiedet sich. Wunderbare Stimmung. Und eigentlich-eigentlich-eigentlich ist es ja schön, das Leben, aber eben …

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* “Weißt du, was Naturzerstörung ist, Joe? Naturzerstörung ist nichts anderes, als der eigenen Mutter in den Bauch zu scheißen.”

Auch ruhende Vulkane sind Vulkane

Richard, der Ich-Erzähler – dank eines Stipendiums am College –, findet zufällig Aufnahme in der Klasse des exzentrischen Professor Julian, der als Einziger diese Gruppe Auserwählter unterrichtet. Die sechs jungen Leute aus dem Buch Die geheime Geschichte von Donna Tartt, das ich seit vorgestern lese, nähern sich in ihren Studien dem Wesen und Denken der Klassiker an, den alten Griechen, den alten Römern. Alle sind sie irgendwie besessen von dieser fernen alten Welt. Besonders Henry. Für ihn gibt es fast nur seine Bücher und die vielen Sprachen, die er studiert. Er will sich nach dem Studium, falls er es denn je abschließen wird, voll und ganz der Erforschung alter Sprachen und Kulturen widmen und Bücher schreiben. Geld genug hat er, um ein Leben lang nie etwas anderes arbeiten zu müssen. Für den jungen Kalifornier Richard, bis dahin kaum gereist, ist diese Gruppe ein Glücksfall. Seine ärmliche Herkunft verbirgt der Neunzehnjährige, der die neue Welt im Nordosten der USA mit offenen Sinnen aufnimmt, hinter einer erfundenen Biografie. Nach und nach übernimmt er den Lebensstil seiner neuen Freunde, die ein vom Rest der Welt losgelöstes Leben führen. Geld ist genug da um sorglos einen Tag nach dem andern nehmen zu können. (Doch eines Tages … Nein, mehr gibt’s nicht. Bin ja auch noch nicht weiter. Lest selbst. Das Buch lohnt sich!)

Schnitt.

Mein „neues Leben“, wie ich den neuen Lebensabschnitt als Selbständige für mich gerne nenne, ist ein Leben ohne sicheres Einkommen. Das ist, zugegeben, eine Herausforderung, die ich noch nicht so ganz verinnerlicht habe. Das bedingungslose Grundeinkommen ist leider noch nicht eingeführt worden und so sollte ich endlich mal in die Gänge zu kommen und neue Werbeaktionen für meinen Textservice aufzugleisen.

Stattdessen widme ich mich hingebungsvoll meinem technischen und kreativen Flow, vertiefe mich in HTML und CSS, arbeite an einem Kunstobjekt, das in fünf Wochen ausgestellt werden soll, texte da und dort an Artikeln und Büchern, bearbeite Bilder, gehe spazieren. Schlafe viel. Arbeite viel. Gehe spät zu Bett. Schreibe morgens stundenlang im Bett Tagebuch. Oder notiere Textideen. Kurz und gut: Ich lebe das Leben, wie es mir gefällt. Aber, ähm, darf ich das überhaupt? Darf man das? Nein, keine Angst, ich lebe nicht in Saus‘ und Braus‘, auch konsumiere ich keine anderen Drogen außer Schokolade und Buchstaben. Dennoch brauche ich ein wenig Geld zum Leben, denn ich muss monatlich Miete und Krankenkasse zahlen, Lebensmittel brauche ich auch und ab und zu Benzin.

Ein Mäzen, ich brauche einen Mäzen!, habe ich heute morgen zu Irgendlink gesagt, als wir kurz telefonierten. Ich brauche einen Henry (oder eine Henriette), wie ihn Richard gefunden hat … jemanden, der seinen materiellen Reichtum mit mir teilt. Habe ich zu ihm gesagt. Brauche ich. Weil ich mir nichts mehr wünsche, als so zu arbeiten, wie es mir entspricht. Ich arbeite viel, doch meine Arbeit ist nicht mit den Maßstäben der Wirtschaft messbar. Es ist Herzarbeit, Seelenarbeit, Arbeit, die nicht jetzt sofort sichtbar wird, allenfalls später. Es ist Arbeit, die ich gerne tue. [Natürlich sind wir, als Liebende und Geschäftspartner auch Mäzen und Mäzenin füreinander. Zurzeit relauncht Irgendlink meine Geschäftswebseite, wofür ich anderswo teuer Geld zahlen müsste. Und ich lektoriere ihm immer mal wieder Texte. Gabentausch, wunderbar!]

Elitär, so zu denken – in einer Welt voll Krieg und Armut? Darf ich mir ein materiell sorgenfreies Leben wünschen – und dürfte und könnte ich es genießen und mir gönnen, wenn ich es denn endlich hätte? Wie geht es andern Kunstschaffenden mit der Materie, dem Geld, dem schnöden Mammon? Und wie geht es allen andern damit?

Nachdem ich diesen Artikel heute Morgen, noch im Bett, notiert hatte, las ich Irgendlinks Blog. Siehe da:

Konstruktion und Dekonstruktion sind wie ungleiche Zwillinge, die ein Lebtag miteinander ringen, wer der stärkere ist. Einzig die Herzblutdinge, Texte wie diesen hier zu schreiben etwa, völlig ohne finanzielle Hintergedanken, einfach nur um des Textes willen, oder eben ein Kunstwerk zu schaffen, das man einfach nur um des Werkes willen schafft, sind ein Lichtblick im Werden und Vergehen, in dem die Kräfte in unbeschreibbaren Zyklen kommen, einander aufwiegen, überwiegen und wieder vergehen.

Quelle: Irgendlink, Zerfall, 11. 8. 2014

Neulich habe ich mal wieder meinen Essay über die KünstlerInnenseele gelesen, den ich vor Jahren verfasst habe. Das Fazit daraus?

Auch ein ruhender Vulkan ist ein Vulkan. Er wird durch seine Beschaffenheit definiert, nicht durch die Häufigkeit seiner Eruptionen.

Quelle: Das Wesen der KünstlerInnenseele, © by Sofasophia/dm

spazierengehen

Freitag. Ich sitze auf jener Wiese bei der großen Linde. Über dem Dorf. Weitblick ins Tal. Im Rücken ein kleiner Baum. Kleiner als die große Linde, aber dennoch groß, relativ groß, größer als ich. Vor mir auf der Wiese, eingezäunt mit Stacheldraht, ein paar Kühe. Rinder noch vielleicht; sie sind zu weit weg, als dass ich es erkennen könnte. Mit Glocken um die Hälse, wie es fast nur noch Kühe auf weiten Alpwiesen tragen. Glockengebimmel. Über mir ein kleines Sportflugzeug.

Bei der Linde
Bei der Linde

Weiter weg das auf- und abschwellende Geräusch eines Traktors, dessen Anhängsel einen Acker pflügt. Ein paar Vögel schwatzen im nahen Wald. Von unten im Dorf ab und zu kreischende Kinderstimmen. Sonst nichts. Feierabend. Das Buch bleibt im Rucksack. Ich erinnere mich an die Pilgerwanderung im Juli. Wie oft ich einfach nur dasaß, ohne zu reden, zu schreiben, zu lesen, zu denken. Einfach nur sein. Mich erinnernd werde ich still. Wird es in mir still. Meditieren kann ich nicht, aber immer öfter kann ich diese Stille einfach zulassen. Dieses gegenwärtige Sein. Dieses Nichts-Tun außer zu sein. Weil es mir gut tut. Und weil es eine klitzekleine Flucht aus dem Alltag ist, einer dieser not-wendigen Fluchten, die helfen, Distanz zu bekommen. Die Dinge anders zu sehen.

Ist die Welt, so denkt es auf einmal in mir, ist die Welt nicht wie eine einzige große Wiese mit vielen verschiedenen Grassorten?
Fettwiesen, gedüngte Wiesen, in denen nur die robustesten Blumen überleben. Eine Wiese also mit Blumen und Gräsern, die schnell nachwachsen und sich den Umständen anpassen können. Wären das die Städte und die StädterInnen?
Magerwiesen, wo sich Schmetterlinge tummeln, wo viele bunte Blumen wachsen, wo Grashüpfer – hierzulande Höigümper –, Grillen und andere Insekten sich ihres Lebens erfreuen. Wären das die Dörfer und ihre BewohnerInnen?
Nein, das ist zu einfach, das Bild. Ich selbst habe beides, überdüngte und Magerwiesen, in meiner Seelenlandschaft. Wie die meisten von uns. Dennoch: es ist eine üppige Magerwiese mit vielen Blumensorten, die ich zuweilen imaginiere, wenn ich mich entspannen will. Eigentlich fast wie hier sitze ich in solchen Vorstellungsbildern an einen Baum gelehnt oder ich spaziere an Magerwiesen vorbei oder durch Wälder. Es ist immer die Natur, die mir hilft, zur Ruhe zu kommen – vorgestellt oder in echt.

Die fetten Wiesen, die der möglichst nährstoffreichen Nahrungsaufnahme zwecks Milchproduktion bei Kühen dienen, sind vor allem wirtschaftlich relevant. Ebenso wie nicht alle Menschen in der Schweiz Einfamilienhäuser bauen können, weil der Platz dafür gar nicht reichen würde, können die Kühe auch nicht alle auf mageren Weiden grasen und deren langsam nachwachsendes Gras essen. Sie würden langfristig zu wenig Milch produzieren. Und diese wäre deshalb zu teuer für die Massen. Für welche all die Hochhäuser, Blocks und Mehrfamilienhäuser überall gebaut werden. Und außerdem könnten sich eh nicht alle ein Einfamilienhaus leisten. [Zynisch? Ich? … aber nein … fast gar nicht … ;-)]

Unten das Dorf
Weitblick ins Tal

Ist das Einfamilienhaus nun eine Mager- oder eine Fettwiese? Je länger ich mich mit meiner Wiesen-Parabel auseinandersetze, desto mehr stelle ich fest, dass mein Vergleich hinkt. Auf beiden Beinen sogar. Schwarz-weiß gibt es nicht mal in der Fotografie. Nuancen, Schattierungen, Details, Differenzierung … Dinge, die wir im Zeitalter der schnellen Klicks und der noch schnelleren Gedankensprünge zuweilen vergessen.
Auch, dass der erste Blick eben nicht mehr ist als ein erster Blick. Dass ein Bild immer nur ein Ausschnitt vom Ganzen ist und sogar das vermeintlich Ganze nur vorläufig ganz. Auch eine Metapher deckt nie alles ab – und auf. Alles hat immer noch mehr Seiten als die, die man beim ersten, zweiten und dritten Hinsehen erkennt. Immer gibt es noch den einen, nicht unwesentlichen Teil, den unsichtbaren, unbewussten, unfassbaren.

Womit wir bei dem Buch wären, das ich gestern zu lesen begonnen habe – das erste nach fünf oder sechs Wochen Buchabstinenz! In Die geheime Geschichte* von Donna Tartt doziert der Griechisch-Professor:

„… weil es gefährlich ist, die Existenz des Irrationalen zu ignorieren. Je kultivierter ein Mensch ist, je intelligenter, je beherrschter, desto nötiger braucht er eine Methode, die primitiven Impulse zu kanalisieren, an deren Abtötung er so hart arbeitet.“

Das Unsichtbare, das Irrationale also? Ja. Unsere wilde Seite. Unsere „primitiven Impulse“. Unsere archaischen Sehnsüchte – nenne ich es lieber. Ich töte sie nicht ab, nein, ganz im Gegenteil, ich lebe sie. Beispielsweise, wenn ich in den Wald gehe, raus in die Natur, auf die Berge. Wenn ich mich ins Gras lege. Wenn ich jauchze. Wenn ich die Bäume streichle. Wenn ich dem Wald ein paar Lieder singe, wie gestern auf dem Heimweg.

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* Mehr über das Buch, das seelenverwandt mit dem Film Dead Poet Society ist, hat gestern My Crime Time gebloggt. Vom Artikel angefixt habe ich das Buch sofort gekauft. Was ich nicht bereue.

ausgleichen

Die Natur ist grausam. Sagt man. Dachte ich schon oft, wenn ich mich umschaute. Unheilbare Krankheiten, (zu viel/zu wenig) Sonne, (zu viel/zu wenig) Regen, Überschwemmungen und Unwetter, Aborte, unerträgliche Schmerzen, Unfruchtbarkeit, Geburtenüberschuss … Grausam – ist es das, was die Natur wirklich ist? Oder ist das alles nicht einfach dieses uralte Spiel von Werden und Vergehen? Die Natur als Jongleurin. Leid ist letzlich einfach unsere Wahrnehmung dessen, was in der Natur um uns und in uns geschieht. Nein, das ist nicht zynisch gemeint, einfach als Feststellung.

Ist Grausamkeit nicht vielmehr eine menschliche, zielgerichtete, auf Zerstörung und Leid ausgerichtete Tätigkeit aus Motiven, die wir alle – offen oder verschlossen – irgendwo in uns tragen? Nein, die Natur ist nicht grausam, sie folgt nur ihren eigenen Gesetzen. In die wir Menschen uns schon viel zu oft eingemischt haben. Die Natur folgt ihren Zyklen, ihrem eigenen energieausgleichenden Kreislauf. Sie folgt den Gesetzen des Ausgleichens. Ebbe und Flut. Die Natur handelt nicht mit Vorsatz böse, nicht aus persönlichen Gründen, nicht aus Hass und Rache. Ausgleichen ja, aber Gerechtigkeit üben, nein, das tut die Natur nicht. Die Natur ist weder grausam noch gerecht. Aber sie ist auch nicht nicht grausam und sie ist auch nicht ungerecht. Sie ist.

Gerechtigkeit ist eine Erfindung von uns Menschen, aber eine die in der Praxis nicht funktioniert. Sie scheitert schon daran, dass wir alle – innerhalb eines allgemein gültigen Rahmens, den wir mehr oder weniger okay finden – sehr unterschiedliche Vorstellungen von Gerechtigkeit haben.
Die „richtige Höhe” von Steuern zahlen zum Beispiel.
Das „richtige Strafmaß” bei Vergehen festlegen oder gar
Todesstrafe für Mörder?
Suizidhilfe für Betagte, die nicht sterbenskrank sind, aber lebenssatt, und die selbstbestimmt sterben wollen – geht das?
Auf Gewalt mit oder ohne Gewalt reagieren?
Sich vom Wetter, den Ämtern, der Nachbarin, dem Autofahrer auf der Überholspur nebenan ungerecht behandelt fühlen.

Ja, wir haben fürwahr viele Gründe, das Leben ungerecht finden zu dürfen. Oder grausam.

Ich übe mich aktuell darin, der Natur über die Schultern zu schauen und mich dem Prinzip des Ausgleichens anzunähern. Ein Prinzip, über das ich schon sehr oft gegrübelt habe. Gegrübelt darüber, warum es unter uns Menschen doch immer wieder irgendwie zu funktionieren scheint. Dort gebe ich etwas, da bekomme ich etwas zurück. Mich diesem Naturgesetz anzuvertrauen, braucht Mut.

Heute Morgen, bei meinem Spaziergang durch ein paar meiner virtuellen Lieblingsräume, las ich Candys Arikel über den Kreislauf Mensch. Für alle genug. Das Prinzip des Ausgleichens auch bei ihr. Ha – wie toll ist das denn? Ja, auch solche nährenden Texte dienen dem menschlichen Energieausgleich. So habe ich das Bloggen noch nie betrachtet. Danke, Candy, dass ich dich hier zitieren darf!

„Hast Du Hunger?”[, fragt Candy den mageren Transsexuellen, der sie in der Nähe ihrer Wohnung um Wasser und um eine Hose gebeten hat]. Etwas Brot und Käse, originalverpackt, wechselt durch die Hände und lässt seinen Blick betroffen zu Boden wandern.
„Hör zu, ich will Dich damit nicht demütigen. Ich denke nur, manchmal geht ein Tag so schnell vorbei und irgendwann fällt einem auf, man hat noch gar nichts gegessen. Stell Dir vor, die beiden Jeans und T-Shirts konnte ich mal tragen. Aber da werde ich im Leben nicht mehr hineinpassen. Sie werden sicherlich nicht fehlen.”

Er schnäutzt sich in den Saum seines schmutziggrauen Tüllkleides und wünscht meiner Familie bis in den x-ten Ahnengrad Glück und gute Engelsmächte. Psst. Alles gut. Die behelligen wir damit nicht. Ein wenig überraschendes Glück für dich und mich. Damit hat das Schicksal schon genug zu tun.

Wir lächeln beide etwas schief.
Danke.
Gerne.

Gute Nacht.

Hinter mir zischt das Öffnen der Wasserflasche. Es war ein brüllend heißer, reicher, leiser Tag.
Genug da, für alle.

Und Gabi fehlt der Hauch einer Vorstellung, wie dankbar ich ihm bin, etwas von dem Wenigen das mir gerade möglich ist, in den großen Kreislauf Mensch, zurück zu geben.

Candy Bukowski

Quelle: den ganzen tollen Artikel findest du bei Candy Bukowski

Meine Energiewende

Energie? Je nach dem, wie wir ticken und konditioniert sind, denken wir beim Wort Energie an AKW, an Solarstrom, an Handyakkus oder (warum auch nicht?) an Kreislaufkollapse und Burnouts, wie Erschöpfungsdepressionen ja seit Jahren genannt werden. Wo immer ich hinsehe: Ohne Energie geht nichts. Ohne Energie könnte ich weder diese Zeilen schreiben (meine Finger brauchen dazu Energie, mein Hirn auch, die Tastatur sowieso) noch ins Internet hochladen. Energie ist jenes Medium, das aus der Idee, nein, halt, aus der Idee von Idee, ein Ding macht. Der Funke, der Same, die Leitung, aber auch die Botschafterin. Energie ist im Grunde der Dinge nur sichtbar durch das, was sie materialisiert. Sie ist und sie tut zugleich. Ansonsten ist sie unsichtbar. Unsichtbar ist auch der Pegel der Energie, den ich in mir drin habe. Habe? Habe ich Energie, horte ich, produziere ich, verliere ich sie? Und wenn ja, wie kann ich sie eigentlich speichern, bei mir halten? Wie geht sie eigentlich verloren und wie kann ich sie finden oder mehren?

Wie genau das alles funktioniert – Psyche, Körper und so weiter –, weiß ich nicht, nur dass ich vor einem Monat keine Energie mehr hatte. Dagegen ist heute, nach viel Zeit in der Natur, nach viel Zeit und Stille in meinen Innenräumen, mein Energie-Reservoir wieder intakt und voll. Ich habe meine Quelle reaktiviert, meinen inneren durch Lebensumstände begradigten Flusslauf renaturiert, habe neue Hecken gepflanzt, Schlaufen, Tümpel und Umwege wieder zugelassen, dabei wilde Trampelpfade unter die Füße genommen und die ausgetretenen Straßen verlassen. Während die Solarzelle, am Rucksack angebunden, Strom von der Sonne bezogen und meine materiellen Energiespeicher aufgefüllt hat, habe ich selbst, wandernd, meine innere Mitte wiedergefunden. Meine Quelle. Mein Stromnetz.

Wie kann ich gegenwärtig und zukünftig leben, nicht nur mit mir und meiner Mitte, diesem inneren Stromnetz, verbunden, sondern diese Fülle und Kraft auch teilend?, frage ich mich dieser Tage oft, und ich ahne, dass es einiges an Selbstdisziplin von mir erfordern wird, nicht wieder in meine alten Muster des nichtsnutzigen Energie-Verschleißens zu kommen. Wie oft führe ich mir Dinge zu Gemüte, die mir Energie absaugen – im übertragenem Sinne Junkfood für die Seele. Ich will liebevoll reflektieren, was ich denke, was ich lese, was ich sehe, was ich höre, was ich spreche, was ich erfahre, denn wenn ich mich mit Dingen und Menschen umgebe, die mir gut tun, kann ich auch meiner Umgebung gut tun. Wenn ich mich mit Nahrung füttere, die mich nur oberflächlich nährt, werden meine Gedanken, meine Texte und meine Begegnungen mit Mitmenschen banal, oberflächlich und nutzlos sein.

Mir selbst Gutes zu tun ist meine konkrete Absicht für eine friedlichere Welt, für ein friedliches Miteinander.
Würde jeder Mensch gut für sich selbst sorgen, wäre für alle gut gesorgt, sagte mein Vater oft, schon als ich noch sehr jung war. Natürlich kann man über diesen Satz geteilter Meinung sein, da ja längst nicht alle in der Lage sind, gut für sich selbst zu sorgen, doch der Kern der Botschaft hat mir als Kind eingeleuchtet. Obwohl ich es leider lange selbst nicht geschafft habe, gut für mich zu sorgen. Tja, Theorie und Praxis … denn gut für sich zu sorgen setzt Selbstliebe und Selbstachtung voraus. Diese zu lernen, kann ein lebenslanger Prozess sein. Aber ich gebe nicht auf.

Womit wir wieder bei der Energie und ihrer Quelle wären, denn ich ahne, dass Energie und Liebe aus der selben Quelle fließen. Aus Liebe zu mir selbst achte ich hinfort besser auf mein Energie-Reservoir und darauf, was ich einlasse, was ich zu mir nehme, was ich weitergebe. Meine persönliche Energie-Wende. Nicht dogmatisch, nicht verkrampft, nicht verurteilend, nicht mit erhobenem Moralfinger, sondern einfach nur darum, weil uns langfristig nur Lebensbejahendes wirklich gut tut und nährt.

Was mich nährt und meinen Energie-Pegel steigen lässt? Mich am und im Wasser aufzuhalten, Stille, Aufenthalte im Wald, wandern in der Natur, Bewegung, innehalten, Gespräche mit feinen Menschen, Liebe, Geborgenheit & 6, gute Bücher, Filme und Blogs …

Und dich?

Ahnungen

Wenn man doch im Voraus wüsste, wie etwas wird!

Wenn ich, nur so als Beispiel, gewusst hätte, wie wunderbar die Wanderung wird, hätte ich bestimmt viel weniger Angst davor gehabt loszuziehen. Dennoch hatte ich zum Glück schlussendlich mehr Mut als Angst im Gepäck, sonst wäre ich ja daheim geblieben.

[Das Leben: Immer wieder liegen Angst und Mut in zwei Waagschalen. Wenn die Schale mit Mut/Übermut schwerer ist, gehen wir los. Ist die Angstschale schwerer, bleiben wir da.]

Das Leben ist ein einziges Pendeln, ein einziges Ebbe-und-Flut-Ding. Gedanken kommen und gehen. Wichtig werden sie zuweilen erst im Kontext mit anderen. Wie die Trockensteinmauern der Rustici im Tessin. Große Steine, dazwischen kleine. Beide brauchts. Das Dach kann nur gebaut werden, wenn die Mauer trägt. Alles was wir je gelernt haben, baut auf Vergangenes auf, wir sind nichts ohne unsere Vergangenheit und unsere Geschichte, auch wenn letztlich nur der Stein, den ich in diesem Augenblick aufhebe und in die Mauer einfüge, zählt.

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Rustico-Mauer
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Verlassenes Dorf bei Linescio

Wieder da

Da? Wo ist das? Bin ich denn nicht immer da, auch wenn ich nicht da bin?

Die letzten Tage, unsere Rückkehr in Betten, an Tische, in Räume, unter Dächer, gingen wir langsam an. Den schützenden Kokon, den ich mir auf der Wanderung aus Glückseligkeit, Stille und Zufriedenheit gewoben habe, gilt es nun, den Anforderungen des Alltags anzupassen, so dass er wie maßgeschneidert sitzt und mich vor Stürmen, Hitze und Kälte schützt. Damit ich das „Neue Leben“ artgerecht leben kann. Artgerecht – wie das geht, gilt es täglich neu herauszufinden. Klar aber ist, dass ich oft genug meine Art und Unart ignoriert habe.

Ich stelle mir neuerdings vor, dass ich diese neu angezogenen Kokonqualitäten aus einer Art Seelencloud downloade. Irgendwo in meiner ganz persönlichen Cloud liegen womöglich noch mehr Schätze, die nur darauf warten, gefunden zu werden.

Wir sitzen auf der Terrasse des einsamen Gehöfts und trinken Kaffee und Tee. Grad legt ein Huhn ihr heutiges Ei und gackert dabei lautstark drüben im Stall.

Irgendlinks Garten grünt und blüht. Ernte. Johannisbeeren, Karotten, erste Kartoffeln, Zwiebeln, Zucchini undundund. Heute ist Marmeladentag. Noch mehr Schätze, die warten. Absichtslos gewachsen, weil sie nicht anders können.

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Einfach sein