Phase 4

Am liebsten mag ich Phase 3. Alle sind müde, entspannt, die Zungen schwer, die Gedanken dickflüssig. Nach dem dritten Grappa schimmert  bei mir ein wenig Vernunft durch. Genug! Muss ja noch fahren, nuschle ich, staune dabei von neuem, wie viel meine eher kleine Freundin B., deren Geburtstag wir feiern, tanken kann. Und dabei noch immer relativ grad in der Landschaft stehen. Sollte es mich beunruhigen, wie viel ich selber tanken kann? Okay, aus genannten Gründen bin ich – irgendwo in Phase 2 – nach drei Gläsern Rotem zu Sauser übergegangen. Na ja. Trotzdem.

Phase 1. Ankommen. Mich irgendwo an der Peripherie bewegen. Da und dort grüßen. Anstoßen. Wie geht’s auch? Die meisten kenne ich ein wenig. Wir sehen uns alle Jahre wieder an B.s Festen. Same time, same place. Kleine Gespräche sind nicht wirklich mein Ding, überspringen kann ich diese Phase trotzdem nicht. J., B.s Nachbar, sieht sich als genialer Sprücheklopfer. Gut. Dann ist ja für – wenn auch eher zweifelhafte – Unterhaltung gesorgt. B. und ich zwinkern uns unauffällig zu. Leute kommen, andere gehen. Ach, sieht man dich auch mal wieder. Ich beobachte. Rede wenig. Schnappe mir ein paar Häppchen, um den Wein innen drin aufzutunken.

Phase 2. Wir sitzen am Tisch und da und dort entspinnen sich erste spannende Gespräche. Kleine Fenster werden geöffnet. Ich höre zu. Nehme Teil. Sage auch ein paar Sätze. Gehe auf der Spirale ein bisschen weiter nach innen. Oha,  I., ein feiner Kerl, der durch Abwesenheit glänzt und E.s Freund, wurde am Donnerstag von der freiwilligen Katastrophenhilfe nach Sumatra beordert. Als IT-Fachmann sei er da sehr gefragt. Um zehn Uhr morgens erhielt er den Anruf, um zwei Uhr ging das Flugzeug.

Endlich zieht J. ab, mit Frau, Kind und Kegel, denn Little L. ist in R.s Armen eingeschlafen. Es wird gleich viel ruhiger. Auch einige der anderen gehen. B. und ich wenden uns ein wenig von den anderen ab, um über persönliche Dinge zu sprechen. Damit haben wir Phase 3 eröffnet. Später – noch zu viert – diskutieren wir über Lebensträume, Beruf und Berufung, erfüllte Sehnsüchte und die Konsequenzen. Ob es womöglich nicht besser sei, nach Plan B zu leben … Ich habe weder Plan A noch Plan B, gestehe ich. Hatte ich wohl nie. Und schon gar keinen Plan C oder so. Ooops. Dennoch habe ich nicht das Gefühl, nicht gelebt, nicht gewählt zu haben. Vielleicht hatte ich, vielleicht habe ich einfach nur ein paar Plänchen statt grosse Pläne für mein Leben?

Zwischendurch spielen wir Gaga, ein witziges Kartenspiel, das B.s jüngste Tochter T. (7), von E., ihrer Patentante erhalten hat. Ich gewinne ständig, obwohl ich mich absolut nicht anstrenge. Eine simple Strategie: Der Gedanke, dass es mir nichts ausmachen würde, zu verlieren. Ich gehe alle möglichen Risiken ein und gewinne trotzdem. Ooops, doch eine Art Plan? Fatalismus.

Auf einmal sprechen wir über Suizid. Als Möglichkeit. Doch irgendwann nächstens werden wir – vor allem bei solchen Themen – garantiert unter den Tisch fallen. Noch ein Grappa? Okay, aber nur ein ganz kleiner. Muss ja noch fahren. M. nach Hause bringen, den ich ebenfalls seit Jahren kenne, doch keine Ahnung hatte, dass er praktisch um die Ecke wohnt.

Mein Auto fährt wie von allein. Und wie von allein findet mich später der Schlaf. Gut so. Phase 4.

BioSophien

Das Messer hatte offen dagelegen. Seit Wochen schon. Es zu sehen, hätte bedeutet, sich die Verletzungsgefahr bewusst zu machen. Mit ein paar Eiswürfeln stillt sie das Blut, betäubt sie den Schmerz. Wir wissen nicht, weshalb sie weint, denn die Wunde ist nicht tief. Schmerzen tut sie trotzdem, doch sie beißt auf die Zähne.

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Durchs Teleobjektiv sieht jedes Jetzt – deins, meins – aus wie ein gerades Stück Weg. Aus Distanz erst erkennen wir Mäanderschlaufen: Bögen, Kurswechsel und Umwege. Mal kantige, mal weichgezeichnete. Dickere und dünnere. Jahresringen gleich.

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Was gäbe ich zuweilen darum, in mir drin einen Schredder zu haben. Was im Büro eine Selbstverständlichkeit ist, müsste doch auf unserer BioFestplatte auch serienmäßig installiert sein! Wo bitte kann ich mich aufrüsten lassen?

Bürosophien

Was wohl ein Couvert so ganz ohne Fenster fühlt? Neid womöglich auf jene mit Fenster?

Fühlt Gold seinen Wert und wie fühlt es sich wohl an, so wertvoll zu sein?
(Bin ich das wirklich für meinen Scheff, wie A. behauptet hat? Und will ich das überhaupt sein?)

Corporate Design versus Anarchie. Dienstwege versus Abkürzungen.

Den Farbdrucker streicheln, ihm gut zureden und die richtigen Taste drücken – jene, die rot blinkt -, damit er seine Arbeit wieder tun mag. Doch was kann ich für meine überarbeitete Kollegin tun?

Kreisen

Ich mäandriere. Im Krebsgang durchs Labyrinth. Vorwärts, rückwärts. Nur dank des Sonnenstandes weiß ich, in welche Richtung ich mich bewege. Falls mich das interessieren sollte. Suchen tu ich nur meine Kraft. Und finden.

Weder Anfang noch Ende.
Ob sich das Beten nennt?

Es gibt immer ein Ende. Auch hier. Aber das Ende ist stets der Anfang von etwas Neuem. Die Punkte, die wir im Leben setzen, sind immer nur vorläufig.
Henning Mankell, Der Chinese; S. 592

oder …

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne …
Hermann Hesse, Stufen

oder …

Jeder Mensch, den ich in meinem Labyrinth antreffe, ist ein Ausdruck von Leben. Ist Kreuzung. Und macht es mir möglich, mich neu zu sehen. Weckt schlafende Teile in mir.
Sofasophia, Alltagsgedanken

vorbei

Gewohnheiten beibehalten wollen
oder sie loslassen
Gefühle verwischen
oder sie einkochen
Gebete als mäandrierende Wege durch die Labyrinthe der eigenen Kraft begreifen
oder sich in den Himmel ausleeren
Rollen fallen lassen
oder sie festschnüren

Wie Sonne und Mond immer wieder neu auf- und untergehen
Ewiges Kreisen
als Falke im Turm
als großer Gesang womöglich

Schnappschüsse
für die Ewigkeit

jura0706

und schon vorbei

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Pic (06.07) und Text by Sofasophia

Bruchstücke

Wenn es um unsere Essenz geht, sollen wir alles geben. Immer.
Wenn es um Visionen geht, sollen wir nicht vernünftig sein.
Wenn es darum geht, unser Ding zu tun, steht uns Himmelsmanna zu, statt für Brot jobben zu müssen.
Wenn es um den eigenen roten Faden geht, den eigenen Kunst-Weg, den eigenen Ausdruck, sollen wir den Mut haben, uns treu zu sein. Immer.
Nicht Konjunktiv.

Nicht käuflich sein.
Nicht kleinkünstlich handeln.
Nicht kleingeistig denken.

WIRKLICH sein.
Wirklich SEIN.

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Roter Faden Diskrepanz:
Ich bin anders – auf der einen Seite.
Ich will gleich sein – auf der anderen.
Das Glück in der Anpassung?
Tut anders sein weniger weh?

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Noch etwas: Wir gehorchen ihr. Wir vertrauen ihr. Wir liefern uns ihr aus. Wir überlassen ihr das Denken. Wir vertrauen ihr unser Leben an.
Gibt es etwas mächtigeres als eine Verkehrsampel?

Und zu guter Letzt noch dies: Habe große Kleinkunst geschaffen heute. Eine neu geteerte Straße mit Kaugummi – made in Schweden – verziert. Gespuckt in hohem Flug aus fahrendem Auto. Für eine Signatur hat es leider nicht gereicht. Spucken für die Ewigkeit.

Schichten I

… dass jeder Mensch das Recht hat, seine Lebensgeschichte zu erzählen, dass es aber nicht jedem Menschen vergönnt ist, es zu tun. Sowie diverse Tricks, wie man es dennoch schaffen könnte, jemandem seine Lebensgeschichte zu erzählen. Indem man zum Beispiel ein Teil seines Lebens dem Postboten erzählt und einen anderen dem Pflegepersonal im Krankenhaus … (Irgendlink am 23.9.09)

Wieso erzählen mir aktuell (siehe auch gestern) alle Menschen ihre Geschichten? F., mein Berliner Nachbar, zum Glück auf höchst unterhaltsame Weise. Von der DDR – nicht zum ersten Mal. Und von den Nonnen, die er im Altersheim gepflegt hat. Anekdoten, bei denen ich nicht weiß, ob ich lachen oder weinen soll.

Bin weder Pflegepersonal noch Postbotin, doch ganz Ohr. Und womöglich ist es ja meine Aufgabe, aus alledem was zu machen? (Ums Himmelswillen: WAS machen?) Steckt bei jenen, die mir ihre Geschichten erzählen, wohl das gleiche banale Bedürfnis dahinter, das mich Blogtexte weben lässt?

Gestern Nacht notiert:
Für wen schaffen wir Kunst?
Für wen denken wir, was wir denken und aufschreiben?
Für wen schreiben wir?

Und wozu?

Urbedürfnis danach, sich im anderen gespiegelt zu sehen.
Verstanden werden wollen.
Verstehen.
Es versuchen zumindest.

Abfluss

Bin Abfluss heute, der tiefste Punkt der Badewanne.
Anrufe könnte ich heute jederzeit so entgegen nehmen:
Kummerkasten Bern, Sofasophia. Sie wünschen?
Hier XYZ, jammerjammerjammer, können Sie vielleicht …?
*Zuhör. Mitfühl. Ratgeb. Nettsei*. Auf Wiederhören, alles Gute!
Wohin damit …?

Nicht auf meine Schultern laden jedenfalls. Sorgfältig zu anderen sein. Sorgfältig zu mir sein. Echt mitfühlen.
Meine Bürokollegin weint am Morgen vor purer Erschöpfung und Überforderung. Burnout in Sicht.

Und ständig klingelt das Telefon. Noch eine Tragödie. Menschliche Not. Bitte helfen Sie mir!
Wohin damit …?

Pausengespräch. Die Erkenntnis, dass unsere Gesellschaft keine wirklichen Lösungen für menschliche Not hat, beschäftigt uns.
Wohin damit …?

Auch der Abfluss ist nur Durchlass.
Pforte zwischen Sicht- und Unsichtbarem … 

Zum Glück kann ich noch immer an die Wandlung glauben.