Das geheime Leben der Ameisen vom Katzenfels

Alles vibriert. Die Luft schwirrt. Unzählige winzige Insekten glitzern im Sonnenlicht. Vor uns Bäume, hinter uns eine Felswand und rechts ein kleiner Wasserfall. Idylle vom feinsten. Blauhimmel, dazu eine sehr angenehme Lufttemperatur.

Rechts oben, am Hang, beobachte ich etwas Dunkles. Zuerst halte ich es von der Größe her für ein Eichhörnchen, doch dann stelle ich fest, dass es ein großer Vogel ist. Eine Krähe? Oh, der hat ja eine rote Haube, guck mal!, sage ich zu Irgendlink. Also doch keine Krähe. Was für ein schönes Tier!

Nun setzt sich der große Vogel auf einen abgebrochenen Baumstamm und hämmert los. Ein Specht? Hätte ich doch in der Schule besser aufgepasst! Sein Ruf tönt wie ein Ballon, den man – aufgeblasen – losfliegen lässt. Die entweichende Luft klingt dem Ruf dieses Vogels sehr ähnlich. Heute schließlich verrät mir das Internet, dass es ein Schwarzspecht ist. (So klingt er: Und so sieht er aus: ecosia.org/images?q=schwa)

Später, am Kneippbecken, eine kleine Wassertreten-Pause. Und der Beschluss noch nicht zurück zum Auto zu gehen, sondern noch einen zum Katzenfels zu spazieren, etwas mehr als einen Kilometer entfernt, wo wir uns, kurz pausierend und philosophierend, an den Holztisch setzen, der dort für müde Wandersleute steht.

Seit ich das Buch von der Schnecke lese [Das Geräusch einer Schnecke beim Essen von Elisabeth Tova Bailey], achte ich mich mehr denn je auf Unscheinbares in der Natur. (Vielleicht ist sogar der Lockdown mitverantwortlich.) Ich nehme Umwelt und Natur jedenfalls noch sinnlicher wahr als zuvor.

Der Tisch wirkt wie ein natürliches Terrarium für Ameisen. Wie wenig ich doch von ihnen weiß!, geht es mir durch den Kopf. Ich lasse mich ein und beobachte. Natürlich betrachte ich ihr Verhalten mit menschlichen Augen und natürlich versuche ich mit meinem menschlichen Wissen und Bewusstsein zu verstehen, was sie tun und warum. Wohin sie wuseln und was sie beabsichtigen.

Grundlosigkeiten kann ich mir bei einem Tier wie der Ameise, die es gemeinsam mit ihren Artgenoss:innen immerhin schafft, eine hochkomplexe Ameisenkolonie zu bauen, kaum vorstellen. Und doch: Meine eine Ameise hier, auf dem Tisch, wirkt trotz ihrer vermeintlichen Zielstrebigkeit doch sehr desorientiert.

Wohin will sie mit dem winzigen Holzstückchen hin, das etwa dreimal so lang ist wie sie selbst? Soll es Teil ihrer Behausung werden? Zuerst hängt sie es unter sich fest und geht damit wie mit einem dicken Bauchbeutel ein paar Zentimeter weit. Nur um sich einmal im Kreis gedreht wieder an der Ausgangsstelle einzufinden. Das Ding ist ihr aus den Armen und Beinen gerutscht. Sie lässt es los und geht ein bisschen ohne Ballast herum. Vielleicht ruft sie um Hilfe? Vielleicht überlegt sie, wäre sie denn ein Mensch, warum sie dieses Ding gleich noch wohin tragen wollte und ja, wohin überhaupt?

Sie packt es wieder an, allerdings nicht mehr so behände wie vorhin. Eher ein bisschen wacklig. Diesmal krabbelt sie über die etwa zwei Milimeter hohe Kante vom einen Tischbrett zum andern hoch und wäre dabei fast in der Ritze hängengeblieben. Sie schiebt sich nun etwa zwanzig Zentimeter weiter, immer geradeaus. Aha, doch irgendwie eine erkennbare Richtung! Kurz hilft ihr eine andere Ameise, die dann aber wieder loslässt und weiter in die vorher eingeschlagene Richtung rennt. Überhaupt: Wie sie rennen, die Ameisen!

Bald hilft eine zweite, aber auch sie hat bald genug. Oder wollte sie sogar meiner Ameise das Holzstück abnehmen? So richtig klar wird es nicht. Bald ist meine Ameise wieder müde vom Schleppen und macht erneut eine Pause. Geht ein bisschen ohne Ballast umher. Sondiert das Gelände. Kommt wieder zurück zum Holz, lädt es sich wieder auf und geht damit weiter. Aber zurück, also in die Richtung, woher sie kam. Zurück zur Ritze also. Diesmal fällt sie hinein. Oder lässt sie das Stück gar absichtlich hineinfallen? Und gibt es da eine Absicht? In der Ritze tummeln sich viele Ameisen und nun ist meine für mich, so ganz ohne Holzstück, nicht mehr als meine Ameise erkennbar.

Menschliche Effizienz geht anders. Oder bilden wir uns wenigstens ein.

Was weiß denn ich? Was weiß denn ich vom Leben in der Natur und vom geheimen Leben der Ameisen? Eins weiß ich allerdings: Ameisen hinterlassen ihre Umgebung niemals so kaputt wie wir. Und Hühner eher auch nicht.

Erzählen und Erzähltbekommen

Manuel, ein lieber Berner Freund, hat ein neues Projekt gestartet, das ich allen, die gerne erzählen und schreiben, ans Herz legen will. Aber lest und guckt selbst:

»Es ist nicht lange her, da diskutierten wir über die hässlichsten Kleider an der Oscar-Verleihung, wie man weite Hosen jetzt endlich richtig trägt und die zehn schlimmsten Make-up-Fehler vermeidet.

Und dann kam Corona.

Einige arbeiten plötzlich ohne Ende, andere gar nicht. Die Kinder sind zu Hause und werden dort unterrichtet, Auftragsvolumen brechen ein, der Staat pumpt Milliarden in die Wirtschaft um Konkurse zu vermeiden. Wie es uns trifft ist unterschiedlich – das Einzige, das uns allen gemein ist: es betrifft jede und jeden.

Cronica Corona ist eine Plattform für deine Erlebnisse und Gedanken mit einer neuen Realität. Sie dokumentiert diesen geschichtsträchtigen Moment aus der Sicht von Menschen wie dir. Vorab rein digital, sicher einmal als Buch und evtl. – wer weiss – auch in anderen Formen.

Machst du mit?«

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Und hier erzählt mein Lieblingsblogger (und Lieblingsmensch) von einem Spaziergang und was unterwegs passieren kann, wenn wir mit offenen Augen durchs Land wandern:

»Bei einer Ruhebank ein halber Hund
 
Wieviele Meter mögen das sein bis zu dem schlanken Stahlträger, auf dem die alte Bahntrasse ruht, der eine kleine Durchfahrt zu dem Gehöft außerhalb der Stadt überbrückt? Deutlich hört man das Surren der Fahrradketten und Elektromotoren. Ab und zu quietscht sich ein eben dem letzten Winter entsprungenes, sträflich ungeschmiertes, altes Fahrrad voran. Es ist mächtig was los an diesem sonnigen Tag, obwohl erst Freitag.

Wie oft bin ich da oben schon vorbei geradelt auf altbekannter Strecke und nun hier, kaum zwanzig Meter entfernt etwas tiefer, zu Fuß unterwegs.

Eine völlig andere Gegend durchwanderten wir in der letzten halben Stunde. Nachdem wir das Auto in der Klosterstadt geparkt hatten, folgten wir dem erstbesten Wanderschild, das zu einer Klamm zeigte. Hofkopfklamm. Über Wiesen, vorbei an Gärten, raus aus dem Dorf und einem Feldweg folgend. Kein Anzeichen von einer Schlucht oder auch nur einem Tälchen, das die Bezeichnung Klamm erfüllen würde. Bei einer Ruhebank ein halber Hund. Ich scherze vor mich hin, das sei mehr als ein halber Hund, was da an braunen Haaren verteilt in der Wiese liegt. Etwas angeekelt setze ich mich auf die Lehne der nicht sehr sauberen Bank, was sonst nicht meine Art ist, aber ein bisschen Egoismus in vorverschmutzter Welt darf auch sein. Oder besser gesagt, nein: dürfte nicht sein! Eigentlich sollte ich die Bank nun putzen, um die vorgefundene Welt ein bisschen besser zu hinterlassen. Es ist eine Richtungsfrage im Kleinen, die hier zur Debatte steht. Putzt du und machst es besser oder schmutzt du mit im kollektiven Dahindriften durch die kaputte Welt. [weiterlesen]«

Vom Rechthaben

Zugegeben: Ich glaube ja meistens, dass ich Recht habe. Jedenfalls, was das große Ganze betrifft. Zwar verstehe ich nicht wirklich so genau, was da draußen gerade alles passiert und warum, aber ich glaube in der Wahl meiner Informationsquellen richtig zu liegen, recht zu haben. So glaube ich beispielsweise eher an die sich im Laufe der Forschungszeit verändernden Informationen eines Forschers wie Dr. Drosten als einer Astrologin, eher einer Ärztin als einem Politiker. (Verzeihung. Ich wiederhole mich, denn das sagte und schrieb ich bereits an einigen anderen Stellen.)

Es ist dieses gesellschaftliche, dieses menschliche Phänomen an sich – also dieser Glaube in uns, dass wir recht zu haben –, über das ich in letzter Zeit sehr oft nachdenke. Vielleicht hilft es uns gar zu überleben?

Wir haben meist gute Gründe, warum wir auf die eine Information zustimmend und auf die andere ablehnend reagieren. Gründe, die mit unserm Weltbild zusammenhängen, Gründe, die mit unserem Werdegang korrespondieren. Was wir denken und glauben und wie wir leben hängt zusammen. Wissen wir.

Natürlich zweifle ich. Immer. Vielleicht ist ja alles ganz anders. Das Leben. Die Zusammenhänge. Die Geschehnisse und ihre Ursachen. [Als ich noch richtig fest daran glauben konnte, dass es so etwas wie eine ordnende (möglicherweise sogar liebevolle, vielleicht richtende) Macht gibt, hielt ich übrigens ziemlich viele Dinge für möglich, die ich mir heute nicht mehr vorstellen kann. Natürlich war das irgendwie tröstlich, dieses Glauben-und-Hoffen, und ja, diesen Trost vermisse ich zuweilen, doch ich kann den Verlust des Glaubens nicht mehr rückgängig machen. (Und ich will es auch nicht.)]

Tatsächlich gehöre ich zu jene Menschen, die ihren Standort immer wieder neu überdenken. In mancherlei Hinsicht. Physisch ebenso wie mental. Nicht in den Grundfesten, aber doch so, dass ich reflektiere, warum ich etwas so oder so betrachte. Und das durchaus auch kritisch, selbstkritisch. Informationen, die mir merkwürdig vorkommen, lassen mich aufhorchen, denn obwohl ich gutgläubig-naiv bin, bin ich auch misstrauisch. Das beißt sich nicht grundsätzlich. Kurz gesagt bin ich durchaus offen für Argumente aus einer anderen Perspektive und kann auch durchaus meine Meinung und meine Perspektive ändern. Es müssen allerdings wirklich gute Argumente sein.

Zurzeit bekomme ich – zwecks ’Aufklärung und Aufforderung zur Meinungsänderung’ – immer mal wieder durch soziale Medien und Messengerdienste Links zu Videos zugespielt. Vorgestern hat mich eine Freundin zu einem Video gelotst, das Menschen rund um den Globus zeigt, welche gegen die Lockdowns in ihren Ländern demonstrierten. Solche Demos gibt es zurzeit ja überall. Was genau damit gezeigt werden soll, verstehe ich nicht. Sagen wir es mal so: Solche Informationen gehören definitiv nicht zu denen, die mich überzeugen, dass das Virus wahlweise nicht so gefährlich oder eigentlich ja doch nur so ein Grippevirus von vielen sei. Auch überzeugt es mich nicht davon, dass die Lockdowns dieser Welt überflüssig waren. Es überzeugt mich bestenfalls von der Macht der Manipulation und vielleicht noch ein bisschen mehr von der Dummheit der Menschen. Wobei ich zu letzterem eigentlich keine weiteren Beweise gebraucht hätte.

Aber wer etwas nicht glauben will, wird es auch nicht glauben. (Dazu heute ein sehr schöner Text in der Republik**.) »Plumper Positivismus ist keine gute Antwort« (Zitat).

Das Regierungsparadoxon: Hätten die Regierungen keine Lockdowns angeordnet, wäre die Kacke am Dampfen, weil es so viele Tote gibt. Aber sowas von! Weil die Regierungen aber Lockdowns beschlossen haben, dampft die Kacke, weil die Wirtschaft am Boden liegt. So oder so: Die Regierung ist schuld. An allem. Als wäre es die Schuld der Regierung, die per Schwur verpflichtet ist, uns so gut es geht zu schützen, dass da ein Virus um die Welt zieht. (Nein, blind vertraue ich den Regierenden nicht, aber ihnen Verschwörungen andichten, finde ich dann doch ziemlich … naaa ja.)

Klar, es ist nur kleiner Teil der Bevölkerung, der sich querstellt, aber eine kleine Mücke kann ein ganzes Zimmer versauen. Und vor allem kann eine solche Bewegung andere mitziehen und womöglich dazu führen, dass es zu einer zweiten Welle wie in Singapur oder Japan/Hokkaido oder zu einem zweiten Lockdown kommt. Und zum überflüssigen Tod von weiteren Menschen.

Und nochmals: Was wäre, wenn alles ganz anders wäre? Wenn tanzen hülfe oder weltweit meditieren? Gut möglich, dass das hilft. Irgendwie. Wenn schon nicht gegen das Virus an sich, dann doch wenigstens gegen den herrschenden Missmut und die Tristesse Und fürs Immunsystem ist das sicher auch eine gute Sache, echt jetzt.

Und vielleicht ist alles nochmals ganz anders und es passiert ein Wunder und das Virus stirbt einfach aus. Wie wahrscheinlich das ist, weiß ich nicht. Eins zu einer Billion? Wahrscheinlich noch unwahrscheinlicher.

Erst wenn jemand in der unmittelbaren Bekannt- oder Verwandtschaft betroffen ist oder gar stirbt, werden die Menschen einsichtig, las ich neulich auf Twitter. Bei Krieg ist es ja ganz ähnlich. Je weiter weg, desto weniger sind wir betroffen und desto weniger fühlen wir uns betroffen.

Von Anfang an war ich eine von den Supervorsichtigen. Mag sein, dass ich übertreibe. Zu viel steht auf dem Spiel. Ich kenne zu viele Menschen, die das Virus umbringen könnte. Darum lieber (möglicherweise) übertreiben als das Leben anderer gefährden.

Ich will nicht eine von denen sein, die hinterher sagen (oder zumindest denken) ’Habe ich es nicht gesagt?’. Nein. Ich will keine zweite Welle. Ich will aber auch keinen zweiten Lockdown. Ich will, dass wir uns gemeinsam an die Maßnahmen halten und gut aufeinander aufpassen, einander und uns selbst Sorge tragen. Und ich will, dass das alles hier gut ausgeht und wir alle irgendwie gut neu anfangen können.

Ich will nicht, dass die Leute hinterher sagen: Seht doch, es war doch gar nicht so schlimm! Wir hätten uns den Lockdown sparen können. Nein. Hätten wir nicht. Wie schon angedeutet, hätten wir einen viel höheren Preis bezahlt als den jetzigen. Vielleicht wäre die Wirtschaft nicht so sehr in die Knie gegangen, oke, aber wir hätten mehr Tote gehabt, viel mehr Tote. Und nein, die wären nicht eh alle schon bald gestorben. Gemäß Forschung unter Einbezug von Lebenserwartung und klassischem Krankheitsverlauf bei den Vorerkrankten hätten die durch/infolge von/mit/an Covid19 Verstorbenen durchschnittlich noch 11 Jahre mehr Lebenszeit* haben können.

Oft sagte und schrieb ich in der letzten Zeit, dass wir nur DANK des Lockdowns jetzt die Situation mit den überschaubar wenigen getesteten Neuansteckungen pro Tag haben, die wir eben haben (die Dunkelziffern kennen wir allerdings nicht).

Mit Irgendlink diskutierte ich schon oft all die Unwägbarkeiten. Wir enden immer wieder mit dem Satz: »Nein, wir können es wirklich nicht wissen.«

Niemand weiß es wirklich. Fast in Echtzeit stellt uns diesmal die Wissenschaft ihre Forschungsergebnisse zur Verfügung. Das ist für Nicht-Wissenschaftler:innen gelinde gesagt verwirrend, weil das ja erst einmal ganz neue Informationen für alle sind. Nackte, neu geborene Informationen noch ohne Aussage. Für die meisten von uns ist das wie eine neue Sprache, die wir nicht wirklich verstehen. Dennoch stürzen sich alle darauf und dann  geht es los, das wilde Interpretieren.

Denn ja, das ist tatsächlich eine Frage der Interpretation. Alle blicken wir durch unsere eigenen, selbstgeschliffenen Brillengläser. Alle sehen wir, was wir sehen wollen. Alle sehen wir das, wovon wir glauben, dass es das Richtige ist. Und alle wähnen sich im Recht. Ich auch, zugegeben.


Quellen:

*https://wellcomeopenresearch.org/articles/5-75 und https://www.republik.ch/2020/05/05/covid19

**https://www.republik.ch/2020/05/07/was-wissen-schafft?utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_campaign=republik%2Fnewsletter-editorial-nl-0705

Die Provence der kleinen Frau und des kleinen Mannes

Hier nun noch der visuelle Soundtrack zu Irgendlinks heutigem Blogartikel über unsere kleine Wanderung vom letzten Sonntagnachmittag, nachzulesen bei ihm drüben. (Link)

Schönheit, so nah …

Noch immer da.

Gestern die Entscheidung, doch noch bis morgen zu bleiben. Einen Tag länger als anfänglich geplant. Den Abschied aufzuschieben. Zu gut tut es, hier zu sein. Am liebsten bin ich ja beim und mit dem Liebsten.

Wie die Welt in zehn Tagen aussehen wird, wenn wir uns – würden wir unsern präcoronaesken Rhythmus als Maß nehmen – das nächste Mal sehen wollen, weiß niemand. Ich hoffe, dass weder die Deutschen noch die Schweizer:innen über die Stränge hauen und so einen neuen Lockdown nötig machen. Vernunft hülfe allen.

Doch ich will jetzt und hier nicht über Corona reden, nicht über die Dummheit jener Menschen, die die Gefahren leugnen, auch nicht jener, die dafür sogar aktiv Gefahren heraufbewören.

Heute will ich über die Natur reden und wie gut sie mir tut. Über den Wald. Über die Wiesen. Über das Grün da draußen. Gestern habe ich nach über sechs Wochen das erste Mal wieder einmal anderne als die Waldgebiete meines Dorfes betreten. Irgendlink ebenfalls. 

Gerademal neun Bilder habe ich gemacht, so ungewohnt war es, dieses Draußen-auf-freier-Wildbahn-Sein. Genossen haben wir es. Sehr. All diese Gerüche nach den reichen Regengüssen. Die Luft riecht lila. Nach Flieder. Das Grün ist jetzt satt, nicht mehr frühlingsfrisch-hell. Da und dort pfützen ein paar Tümpelchen vor sich hin und bilden den Himmel ab. Und die Luft ist so sauber wie lange nicht mehr, nicht mehr so dicht und voller Blütenstaub wie noch vor ein paar Tagen.

Wie gut es tut!

Im Wald guck ich überall hin, nehme wahr, schaue und staune und vergesse, dass ich Bilder machen wollte. Erst, als wir bereits auf dem Rückweg sind, über Land, denke ich daran. Mache ein paar Aufnahmen. Für andere Zeiten. Vorrat. Herzfutter.

Diese Tage dehnen sich, breiten sich aus, umarmen mich, umhüllen mich wie eine kuschelige Decke. Trotz Krise zusammensein zu dürfen ist ein großes Glück. Gnade von mir aus.

Aus dem Stricken der Socken für Freundin Lakritze ist nun doch (noch!) nichts geworden, weil der rechte Arm wieder zickt. Nähen geht. Also nähte ich noch ein paar Masken. Von Hand. Einen Abend lang stichle ich, was mit der Maschine zehn Minuten dauert. Egal. Die Langsamkeit tut gut.

Diese Art Maske finde ich persönlich von den inzwischen Genähten und Getesteten die am angenehmsten zu Tragende. Ist aber bestimmt Geschmackssache. Weil es recht dünner Stoff war, den ich diesmal verwendet habe, wurde die untige Maske vierschichtig. Die Obenrumbändel mit der Bindung im Nacken ist übrigens sehr ohrenschonend. Irgendlink mag sie jedenfalls.

Ach. Und zu guter Letzt hat sich meine Befürchtung vom letzten Sonntag nicht bestätigt. Nämlich dass Herr Irgendlink sein aktuelles Reiseblogprojekt nicht mehr weiterführen könnte. Ihr erinnert euch?
»Noch weiß ich also nicht, ob die (fiktive) Vélodysee weitergeschrieben wird oder nicht. Und das macht mich traurig«, schrieb ich.

Hat er aber dann doch. Und wie! Diesmal – anders als auf irgendlink.de die Route Zweibrücken-Andorra – ist die Tour am Atlantik entlang ganz und gar fiktiv. Und zwar so fiktiv wie ein Roman. Dennoch so echt, dass Mitlesende zugegeben haben, dass sie dachten, Irgendlink sei wirklich mit dem Rad unterwegs. Und schreibe wirklich von unterwegs.

Wer also ein bisschen Meeresbrise braucht: Herzlich willkommen auf Irgendlinks Gepäckträger:
radlantix.de

Screenshot des Reiseblogs
Screenshot des Reiseblogs

Kleiner Rant zur aktuellen Virusgefahr-Bagatellisierung

Gleich zuerst: Nein, ich weiß es auch nicht. Ich weiß nicht, ob all die Maßnahmen sinnvoll sind. Ich weiß nicht, ob es übertrieben ist. Womöglich sogar untertrieben? Die Lockerungen zu früh? Und nein, ich weiß nicht, ob das alles mehr nützt oder mehr schadet. Nein, ich weiß es nicht.

Doch etwas weiß ich: Das hier ich keine Glaubensfrage. Sich an Maßnahmen zu halten ist keine Religion und keine Unterwerfung an eine Diktatur.

Das hier ist etwas, womit sich niemand so wirklich auskennt. Es ist etwas Neues. Die, die am meisten wissen, sind jene Menschen, die wissenschaftliche Ausbildungen haben. Logischerweise vertraue ich darum am ehesten diesen Menschen. Ich vertraue ausgewiesenen Virolog:innen und Ärzt:innen mehr als Pfarrer:innen, Prediger:innen, Astrolog:innen, Esoteriker:innen, Medien, Verschwörungstheoretiker:innen und Dummschwätzer:innen.

Vielleicht bin ich inzwischen so diesseitig geworden, dass mir das Jenseitige einfach nur noch abstrus vorkommen kann. Nach wie vor bin ich davon überzeugt, dass alles zusammenhängt. Wir alle hängen zusammen, sind verbunden. Der Mensch hat nicht nur darum überlebt, weil er sich ständig mutiert, sich stetig weiterentwickelt hat, er hat vor allem überlebt, weil Menschen sich seit jeher umeinander gekümmert haben.

Gesunder Menschenverstand ist wichtig und natürlich muss jede und jeder abwägen, dennoch ist das alles hier keine Glaubenssache, sondern eine Frage, wem wir vertrauen. Den Forschenden oder den Plappernden.

Selbst wenn ich in meinem Umfeld keine wirklich wirklich sehr gefährdeten Menschen hätte – und ja, natürlich, eines Tages werden wir eh alle sterben! –, könnte ich diese Haltung nicht verstehen, die aktuell so manche vor sich her tragen wie ein Schild.

Nur weil sie und ihr Umfeld bis jetzt nicht betroffen waren, halten sie die Krankheit für ungefährlich und behaupten, dass sich manche Menschen viel zu sehr und unnötigerweise einschränken sich. Kann man so sehen. Man kann sich die Welt immer schön einfach und einfach schön reden. Und die andern von Angst Dominierte nennen, ist auch ganz einfach. Doch ehrlich gesagt ist das meiner Meinung nach einfach furchtbar ignorant. Es ist sehr einfach, nur weil man bisher Glück hatte, nicht über den Tellerrand zu schauen. Vielleicht glaubt man sogar, es verdient zu haben, dass man verschont blieb. Die andern sind eben selbst schuld, wenn es ihnen nicht gut geht.

Ehrlich: Ich kann nicht, nur weil ich nicht an die Maßnahmen ’glaube’, die Gesundheit mir lieber Menschen (und notabene meine eigene) aufs Spiel setzen. Hier geht es um ein noch sehr unbekanntes, noch sehr unvorhersehbares Virus, das noch niemand wirklich so genau kennt und von dem noch niemand voraussagen kann, wie es sich weiter entwickeln wird.

Über den Klimawandel las ich neulich ein Textbild, das sinngemäß besagte, dass wir jetzt all die wichtigen und im Moment als angezeigt notwendigen Maßnahmen umsetzen und dann schon bald feststellen würden, dass das Klima auf einmal wieder gut sei und das Leben wieder viel angenehmer für alle. Im Rückblick würden wir womöglich feststellen, dass es die Maßnahmen gar nicht gebraucht hätte. Aber hey: Das Leben ist wieder viel angenehmer für alle. Also: Scheiß auf die vielen vielleicht überzogenen Maßnahmen. Es geht uns allen besser. Aber was genau alles geholfen hat, wissen wir nicht.

Dieses Gedankenspiel übersetze ich für mich auf die Coronakrise. Selbst wenn das alles hier überzogen sein sollte – ich weiß es nämlich wirklich nicht! –, so haben wir alle zusammen doch dafür gesorgt, dass sich Menschen wie unser rollstuhlfahrender Freund M., unser chronischkranker Freund S., all die alt gewordenen Verwandten sich wertgeschätzt und erwünscht wissen dürfen und nicht ständig in Ansteckungs- und damit in Todesangst leben müssen, sondern miterleben können, wie sich eine ganze Gesellschaft um sie sorgt und sie nicht der Wirtschaft opfert.

Ja, richtig, dafür ziehe ich mir eine Maske an, halte Abstand und wasche mir die Hände. Obwohl ich Masketragen ziemlich unangenehm finde. Und auch wenn ich nicht weiß, ob es übertrieben ist.


Hier zwei Links zu Faktencheck-Seiten:

Coronavirus: Die Stunde der fragwürdigen Youtube-Doktoren

https://www.swr3.de/aktuell/fake-news-check/index.html

Wieder da. Oder dort. Also eigentlich hier.

Sonntag. Morgen. Nein, Halt. Mittag. Früher Nachmittag sogar bereits schon. Noch keine vierundzwanzig Stunden bin ich da. Geschlüpft durch ein Wurmloch in der deutschen Grenze* erscheinen mir die fast „vierzig Tage in der Wüste“, die nun hinter uns liegen, bereits merkwürdig unwirklich und unfassbar. Es ist als wäre ich nie weg gewesen.

Ähnlich unfassbar war es für mich am Freitag gewesen, als ich erfahren hatte, dass die deutschen Grenzen für binationale Paare wieder offen seien. Weshalb ich gestern schließlich schon am Vormittag hoffnungsvoll Richtung Deutschland losgefahren bin.

Was für ein Wiedersehen!

Obwohl es jetzt bereits ist, als wäre ich nie weggewesen, brauchte die Seele Zeit. Seelen-Jetlag. Die etwa viereinhalbstündige Fahrt war jedenfalls notwendig und wichtig gewesen. Wie ein Herantasten an eine veränderte Realität. Ein Wechsel des Aggregatzustandes gleichsam, war ich doch des latenten Abwartens müde gewesen. Müde und mürbe auch von der langen Sehnsucht auf unser Wiedersehen.

Heute haben wir ausgeschlafen und uns gegenseitig immer wieder neu unserer physischen Gegenwart versichert. Das Miteinandersein zelebrieren wir geradezu, es ist weniger selbstverständlich als beim letzen Mal.

Gefrühstückt haben wir spät. Wir tun und wir lassen. Wir sind.

„Am liebsten würde ich ja jetzt einfach mal gar nichts tun, einfach nur da sein; die Sinne sind so offen wie selten. Hm. Aber einfach nur sein ist gar nicht mal so einfach“, sage ich, während ich aus dem Fenster gucke und den Blättern beim Einfach-nur-grün-Sein zugucke und wie sie der Wind beim Grün-Sein verwirbelt. Der Himmel macht derweilen gekonnt Blau und alles könnte ganz wunderbar einfach sein, wenn da nicht immer gleich die Innere Chronistin aufspringen würde, die bereits im Moment des Erlebens nach Worten sucht, alles Erleben festzuhalten.

Vermutlich ein Problem von Schreiberlingen aller Art ist. (Warum eigentlich Problem? Vielleicht ist es ja ein Segen?) Mein Gedankenarchiv füllt sich jedenfalls laufend und überläuft. Wenn ich nicht immer mal wieder schreibenderweise das eine oder andere Ventil öffne, geht es mir ganz schnell ganz schlecht. Das ist dann wirklich problematisch.

Wir sind Zeitzeugen, sagen wir zueinander. Warum also nicht festhalten, was geschieht und was es mit uns macht?

Irgendlink, der seit einigen Tagen auf radlantix.de an der Fortsetzung seiner virtuellen Liveblog-Radreise nach Andorra schreibt, gibt zögerlich zu, dass er vermutlich nicht weiterschreiben könne, wenn ich da bin. Dass er zu dieser Art des Schreibens totales Alleinsein brauche. Stunden zuvor habe ich ihm versichert, dass ich in der Zeit, in welcher er täglich weiterbloggen wird, an meinen eigenen Projekten arbeiten werde. Meinerseits kein Problem, weil ich geradezu süchtig nach Irgendlinks neuen fiktiven Reisetexten bin. Weil sie mich vergessen lassen, dass sie am Schreibtisch entstehen.

„Soll ich wieder gehen?“, frage ich scherzend, er verneint lachend. Natürlich nicht. Und ja, ich glaube, ich verstehe schon wie er es meint mit dem Alleinsein: Allein in Quarantäne kann man sich als phantasiebegabtes Wesen eine eigene Welt erschaffen und alles, was ist, in dieser selbstgeschaffenen, möglicherweise sogar fiktiven Welt verorten. Metaphorisch gesprochen ist diese eigene Welt eine Pflanze. Auch die fiktive Schreiberei gleicht einer Pflanze. Wir haben es hier mit sehr empfindlichen Pflanzen zu tun. Anders als bei einem realen Reisebericht, der sich aus den tatsächlich erlebten Erfahrungen speist, die verkürzt gesagt „nur aufgeschrieben werden müssen“, ernährt sich eine fiktive Erzählung von Phantasien, Vorstellungen, Gedanken. Und um solche zu entwickeln braucht es Ruhe, Raum, Zeit.

Noch weiß ich also nicht, ob die (fiktive) Vélodysee weitergeschrieben wird oder nicht***. Und das macht mich traurig.

Doch es ist, wie es ist, sagt die Liebe.**


*Hier schrieb ich gestern über meine „Grenzerfahrung“.

**Frei nach Erich Fried.

***EDIT: 28. 4. 20: Er schreibt doch wieder weiter. Was mich sehr freut.

Vorsätze und Sehnsüchte

Die Vorsätze waren ziemlich gut gewesen. Endlich wieder fiktiv schreiben wollte ich. Mehr jedenfalls. Geschichten. Weil ich mich nach diesem Erlebnis sehnte, hatte ich mir sogar extra ein Spiel ausgedacht. Ich hatte richtig was vor. Ich hätte Spaß haben können. Aber nein. Der Alltag kam dazwischen. Es will nicht so recht fließen, das fiktive Schreiben. Überhaupt ist alles verlangsamt. Und ich mir hinterher. Da ist gerade so ein großes Viel-zu-Viel in mir, so ein Lärm, so ein Überfließen, dazu das wieder schriller gewordene Geläute vom Tinnitus obendrauf. Doch weil es mir ja immer noch schlechter gehen könnte – und weil es mir schon wirklich deutlich schlechter gegangen ist –, sage ich auf Nachfrage: Es geht mir oke. Dabei halte ich es im Grunde schlecht aus, dieses Aushalten, Ausharren, Warten. Auf andere Zeiten. Nein, nicht das Normal von vorher. Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis Corona uns nicht mehr so sehr gefährdet wie jetzt. Noch ist erst ein kleiner Teil der Bevölkerung immun, die Kurve ist zwar flacher geworden, zum Glück, aber die Gefahr ist noch lange nicht gebannt. Ein Narr, wer das behauptet. Es ist schwierig. Für alle. Für manche mehr, für andere weniger. Aber auch für die, denen es leichter fällt als anderen, ist dies nicht die Zeit für Leichtsinn. Es tut mir weh, wenn ich Menschen zuhöre oder sehe, wie sie die Pandemie klein reden. Menschen, die so zu tun, als sei alles nur halb so schlimm, als wären die Maßnahmen übertrieben, nur weil sie selbst nicht direkt betroffen sind und weil sie niemanden kennen, der schon Corona hatte und es überlebte oder – wahlweise – daran (fast) gestorben ist. Wie kann man so egoistisch sein? Das macht mich wütend. Aber vielleicht verbirgt sich hinter ihr ja auch nur meine Angst, dass diese aus meiner Sicht leichtsinnigen Menschen an Corona sterben könnten? So oder so. Das hier ist die hohe Zeit der Absurditäten, der Über- und Unterreaktionen. Vernüftig geht anders. Wie gesagt, ich finde die Maßnahmen unserer Regierungen grundsätzlich in Ordnung. Die Pandemie ist mit größtem Respekt zu behandeln, keine Frage. Es hapert allerdings jen- und diesseits von Landesgrenzen immer wieder beim Herunterbrechen der Beschlüsse in den Alltag. Wo ich hinschaue, sehe ich fragende Gesichter. Ja, auch ich habe Fragen: Warum  zum Beispiel dürfen sich binationale Paare ohne Trauschein nicht treffen, während es solche mit Trauschein inzwischen (via BaWü) dürfen? Die beiderseitige Ansteckungsgefahr zwischen Paaren ist doch mit Grenze nicht größer als ohne, und so ein Trauschein macht ja auch nicht covidimmun so viel ich weiß? Kann mir das bitte jemand erklären, lieber Bundesregierungen? Eine internationale Petition läuft übrigens seit einer Weile, und wie gesagt, können sich binational Verheiratete zumindest in der Schweiz wieder treffen. Na also. Geht doch. Aber warum, zum Geier, gilt diese Regel nur für Angetraute? Wie wäre es, wenn Paare an der Grenze zum Beispiel mittels einer Liste mit Referenzpersonen drauf –  die Hausärztin von mir aus oder sonstwie Bekannte – nachweisen, dass sie tatsächlich jenseits der Grenzen einen Liebsten, eine Liebste haben? Und diese:n unter den üblichen Sicherheitsmaßnahmen, die im jeweiligen und im eigenen Land gelten, besuchen dürfen? Heute ist Tag 39 ohne den Liebsten. Ich finde, das reicht. Wir leben seit Wochen in sorgfältiger Selbstquarantäne und werden das auch weiterhin tun. Weil es sinnvoll ist. Aber ohne einander? Dafür fehlt mir das Verständnis.

Im Rückspiegel | Bern-Andorra-Bern im Mai 2010

Es war einmal … vor langer, langer Zeit. Na ja, zehn Jahre? Ist das nun lang oder war das eben erst?

Es war jedenfalls unser allererstes gemeinsames Blogprojekt, das Irgendlink und ich zusammen auf die Welt gebracht hatten. Er radelnderweise, ich bloggenderweise.

Irgendlink auf Fotopirsch im Schilf vor einem Boot im See
Irgendlink auf Fotopirsch

Dazu muss man wissen, dass vor zehn Jahren die Smartphonologie noch in den vielzitierten Kinderschuhen steckte. Ob es androide Smartphones schon gab, weiß ich nicht mehr so genau, nur dass sich Irgendlink ein nigelnagelneues iPhone 3S zusammengespart hatte. Und zwar nicht einfach für einfach so. In seinem visionsbegabten Gehirn hatte sich, nachdem er wenige Wochen zuvor das ebenso nigelnagelneue iPhone 3S seines guten Freundes Journalist F. angefasst hatte, eine Idee zu manifestieren begonnen:

Sollte es, angetan mit einem solch gps-fähigen, vielseitig begabten Gerät nicht eigentlich möglich sein, hinaus in die Welt zu radeln, Bilder mit bildstandortgetreuen Koordinaten zu machen, diese und vielleicht so gar den einen oder anderen Text via Blog in die Welt hinauszuschicken und dabei sein Radelreiseabenteuer zeitnah abzubilden?

Ich sag nur: iPhones und ihr Kontaktgift! Hast du je eins berührt, sehnst du dich danach, das immer wieder tun zu dürfen. So jedenfalls ging seine Mär, die er sich und uns anderen erzählte, um seinen Kauf zu rechtfertigen. Als das Gerät schließlich seins war, fing die Suche nach einer fähigen App an, einer, die die Bloggerei von unterwegs ermöglichte. Leider war im Frühling 2010 noch keine auf dem Markt, die Irgendlinks Ansprüchen halbwegs genügte, die WordPress-App gab es zwar schon, doch sie lief recht unzuverlässig und jedes Update war riskant und oft eher eine Verschlimmbesserung. Es ließ sich damals schon per Mail bloggen, was als Zwischenlösung sogar nicht mal so schlecht funktionierte. Weil beides nicht immer sehr zuverlässig war, baldowerten wir schließlich die Sache mit der Homebase – vormals (Blog-)Basis Alpha 1 – aus: Der radelnde Irgendlink würde mir im Laufe des Tages, wann immer er einen Hotspot, ein freies Netz oder auch nur ein gutgenuges Netz fände, einige Bilder des Tages schicken, und ich würde daheim, an meinem Rechner, täglich aus SMS und kleinen Mails  kleine Artikel spinnen. So würde die Welt das draußen schließlich seinem Abenteuer Zweibrücken-Andorra zeitnah folgen können.

  • Hier gehts los (Tag 0).
  • Ab hier (Tag 1) einfach immer zum nächsten Artikel der Andorrareise von 2010 weiterklicken. (Achtung: Parallel dazu läuft am Anfang noch der Rückblick auf den Reisebericht vom Jahr 2000*)

Dass es vor zehn Jahren noch kein freies europaweites Handynetz gab, muss natürlich hier unbedingt erwähnt werden. Jede SMS und jede Mail verursachte Kosten. Roaming war damals übrigens noch richtig teuer. Online-Anrufen übers Handy zwar möglich, aber übers Handynetz unerschwinglich, und oft genug wegen Lahmnetz unrealistisch. Kurz gesagt, waren meine damaligen Festnetztelefonrechnungen exorbitant hoch, zumal es in unseren Gesprächen nicht nur um die persönlichen Befindlichkeiten ging; ich musste ja den Reisenden schließlich auch zum Tag interviewen, um den Leserinnen und Lesern etwas zu erzählen zu haben.

Wie schon bei der initialen Reise Zweibrücken-Andorra im Jahre 20 vor Corona wollte Herr Irgendlink auch vor zehn Jahren eigentlich am liebsten gleich weiter nach Gibraltar radeln, kurz vor Andorra befand er jedoch, dass es mit Andorra gut sei und er sich gerne dort irgendwo abholen lassen würde. Unser schon von Anfang an mitgedachter ’Plan B’ kam nun also zum Tragen.

Kurzfristig reichte ich zehn Tage Ferien ein, – Auffahrt und Pfingsten lagen perfekt –, und fuhr innerhalb zwei Tagen über Nicht-Mautstrassen nach Borredà, wo Irgendlink mich an einer zuvor definierten Kreuzung erwartete. (Ich glaube, da kam mir mein GPS-Gerät, das ich mir einige Monate zuvor zwecks Geocaching angeschafft hatte, zugute, denn ich selbst hatte damals ja noch kein iPhone. Das Kontaktgift hatte allerdings seine Wirkung bereits entfaltet.)

Was für ein wunderbares Wiedersehen! Sein mit all den vielen wilden Zeltübernachtungen eingesparte Reisegeld hat Irgendlink in zwei Hotelnächte mit mir investiert.

Sein Reiserad passt geradeso in mein rotes Sternchen und von da an fahren wir gemeinsam auf vier Rädern weiter.

Das hinten offene Auto, Sternchen genannt, neben dem Zelt auf einer Zeltplatzwiese unter Bäumen
Auto und Zelt auf einer Zeltplatzwiese

Meine Reise und unsere gemeinsamen Tage habe ich damals – nachträglich von zuhause aus – in meinem Ur-Blog festgehalten:

Ich verlinke das hier mit Irgendlinks heutigem Blogartikel seines aktuellem Reiseprojekts, seiner dritten Reise von Zweibrücken nach Andorra, diesmal coronabedingt fiktiv, vom Schreibtischsessel aus. Neu radelt er diesmal sogar weiter von Andorra aus Richtung Atlantik.


*Für Reiseinteressierte: Ebenfalls im Irgendlink-Blog findet sich die von Irgendlink selbst fürs Blog aus analogen Vorlagen aufbereitete Zweibrücken-Andorra-Reise aus dem Jahre 20 vor Corona (= 2000): Teil 1 ist hier, von da aus weitergucken.)

Am Stöpsel ziehen

Logo aus Sprechblase und vier bunten Streifen
Erzähl-mir-eine-Geschichte-Logo von Lakritze (Klick aufs Bild öffnet den Link)

Sie taucht unter. Auch den Kopf. Die Geräusche verstummen. Nur den Herzschlag hört sie noch. Ihre Haare schwimmen an die Oberfläche, die Füße liegen auf dem Wasserhahn, denn nicht alles von ihr passt gleichzeitig in die Wanne. Ist Sehnsucht eigentlich eine Art Badezusatz, einer dieser unzähligen Kannst-du-haben-brauchst-du-aber-nicht-wirklich?, fragt sie sich, während sie die Luft anhält. Na ja, das hängt wohl davon ab, ob das Ziel einer Sehnsucht ein Geht-auch-Ohne ist oder ein Brauche-ich-Unbedingt. Und das lässt sich nun wirklich nicht verallgemeinern. Wirklich nicht. Sehnen und Fühlen und Wünschen lässt sich nicht über irgendwelche allgemein gültige Maßstäben definieren.

Sie taucht wieder auf. Holt tief Luft. Genießt die Sinnlosigkeit des Augenblicks. Ha. Als müsste alles immer einen Sinn haben. Also wirklich! Sie seufzt. Denn natürlich kennt sie selbst diesen Wunsch sehr gut, diese Sehnsucht, allem Schwierigen einen übergeordnete Sinn geben zu können, um die erlebte Mühsal durch Sinnhaftigkeit zu veredeln. Nachträglich Sinnloses als Sinnvolles betrachten zu können, alles Erlebte zu allem Gewesenen und noch Kommenden in Zusammenhang sehen zu können, um … Ja, wozu eigentlich? Vielleicht ist es ja unsere Fähigkeit zur Sehnsucht, die uns von Katzen unterscheidet, von Ratten, Hunden und Rehen. Sie lächelt vor sich hin und zieht am Stöpsel.

Gurgelnd fließt das Wasser ab. Sie duscht sich kurz ab, kalt, warm, wieder kalt. Wechseldusche halt. Tastet nach der Stange. Oh, nein, da fehlt ein Handtuch!, erkannte sie, als sie nach ihrem Wechselbad der Gefühle aus der Wanne stieg. Oh verflixt, ich habe kein Handtuch, lacht sie, denkt an die Vogonen und ist froh darüber, nicht in einem Raumschiff durchs All zu rasen, während sie im Schrank nach einem sauberen Tuch sucht. Wobei. Ist das hier nicht auch ein bisschen Raumschiff und All, diese Erde, diese Welt, diese Natur?

In ein kuscheliges Tuch gewickelt stellt sich ans Fenster und schaut hinaus. Rechts der Weg in den Wald. Vor ihr der See, glitzernd. Das kleine Ruderboot ist fest vertäut und schaukelt. Wie schön es da draußen gerade ist! Die Sonne wird bald untergehen, das Licht ist typisch für Herbst, die Schatten und das Licht lassen sie glauben, das alles sei für immer. Ewige Vergänglichkeit.

Alles ist Natur, denkt sie. Das alles. Leben. Die Katze auf dem Holzstapel, die sich im Sonnenlicht räkelt. Alles Natur. Werden und Vergehen. Alles Natur. Gesundsein und Kranksein. Sterben und Gesundwerden. Herbst und Frühling. Alles Natur. Ganz und gar unzynisch denkt sie es. Sie denkt es einfach. So, wie sie über Sehnsucht und Sinn nachgedacht hat.

Sie betrachtet die junge Linde, die sie vor einem Jahr auf der Wiese gepflanzt hat. Am Anfang hatte sie gleich daneben einen Stock als Stütze in den Boden gesteckt, doch bald gemerkt, dass ihre junge Linde keine Stütze brauchte. Bäume brauchen uns Menschen nicht, ich glaube, denkt sie, ich glaube, die sind sich einfach von Natur zugewandt, ohne sich gegenseitig zu brauchen. Jeder wächst für sich, selbst wenn sich ihre Wurzeln und vielleicht sogar ihre Stämme berühren.


Erwürfelter Halbsatz (mit zwei Würfeln): Fünf Augen = fünfte Kommentar-Antwort
Erwürfeltes Genre: Sechs Augen = Kurzgeschichte, Märchen oder Drama selbst gewählt: Kurzgeschichte

Das ist mein erster Beitrag zum Schreibspiel Gemeinsam Schreiben #1 (Infos)
Zugleich ist es mein erster Beitrag für Frau Lakritzes Projekt ’ Erzähl mir eine Geschichte’ (Klick aufs Bild öffnet den Link)