Wie Irgendlink und ich heute Nachmittag über die Felder und durch die Wälder wandern, diskutieren wir über Sinn und Unsinn der kostenlosen Updates*, die wir uns meistens nach deren Erscheinen auf unsere iPhones laden. Doch sind diese Ergänzungen wirklich notwendige Verbesserungen? Machen sie uns nicht viel mehr abhängig von Betriebssystem-Aktualisierungen? Habe ich nicht die neueste Betriebssystemversion auf dem Kleinstcomputer – oder das neueste iPhone in der Hand –, laufen die Programme auf einmal unzuverlässig, stürzen häufig ab, speichern die Bilder nicht mehr. Ich muss also im vorgegebenen Takt mitlaufen, damit nicht eines Tages meine Apps überhaupt nicht mehr funktionieren.
Die ewige Glühbirne!, sagt J. plötzlich. Ursprünglich wurde die Glühbirne, erzählt er, für die Ewigkeit gebaut. Eine dieser Prototypen brennt, seit er erfunden und gebaut worden ist. Angeblich. Schon immer. Für immer. Doch was wäre eine Industrie wert, wenn sie ewig haltbare Produkte herstellen würde? Schnelllebig wie der aktuelle Zeitgeist sind auch ihre Produkte. Ein drei Jahre alter Rechner? Vergiss es! Veraltet! Kauf dir einen neuen. Der ist eh besser. Größerer Speicher. Schnellerer Prozessor. Vorwärts. Mehr. Zuckerbrot und Peitsche digital.

Bild 1: iDogma – Unterwegs. Fotografiert und bearbeitet mit Pro HDR, Update vom 11.11.

Bild 2: iDogma – Irgendlink in Action (The Making Of A Dandelion Pic oder Wie fotografiere ich im November Löwenzahn?) – Fotografiert und bearbeitet mit Pro HDR, Update vom 11.11.
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Beim Abendessen ist auf einmal der Frosch auf dem Tisch. Der Frosch? Ihr wisst schon, jener Frosch, der sitzenbleibt, während das zu Beginn kühle Wasser, das ihn umgibt, allmählich heißer wird. Tödlich heiß schließlich. Doch er bleibt sitzen, im Gegensatz zu jenem Frosch, der sofort davon springt, wenn wir ihn in eine Schüssel mit bereits tödlich heißem Wasser setzen wollen. Diese viel zitierte Metapher, die für uns Menschen steht, die wir nicht merken, dass uns das Wasser längst bis zum Hals steht – auf einmal war sie da. Würde ich sagen, ich hätte das Froschexperiment leibhaftig ausprobiert oder zumindest beobachtet, wären alle schockiert. Der arme Frosch!, würden sie sagen. Dennoch greifen wir alle auf dieses Bild zurück, als wären wir dabei gewesen.
Wer kann bestätigen, dass der erste der beiden Frösche aus dem Experiment wirklich im heißer werdenden Wasser sitzengeblieben ist?, fragt J. Hat dieses Experiment wirklich je stattgefunden? Wir glauben Dinge, weil sie glaubwürdig klingen. Ob an ewige Glühbirnen oder an dumme Frösche ist dabei egal. Und wenn ich solche Begebenheiten erzähle, wird mir geglaubt, weil ich glaubwürdig bin.
Wir glauben alle so gerne, weil wir glauben wollen. Weil es im Internet steht. Weil es uns erzählt wird. Selbst wenn es hier wie oft nur um die Metapher geht. Das Ei und das Huhn sind gleich alt und gleich jung, denn die Zeit ist eine Spirale und Eva isst noch immer Äpfel, die gar keine sind. So ist Zukunft nichts anderes als noch nicht gelebte Gegenwart. Und Vergangenheit gelebte.
Wir sammeln und heben auf, was immer wir finden können und horten es. Für später, sagen wir. Für die Zukunft. Und wir laden Updates aufs iPhone – für später.
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* mehr zur iPhoneographie unter iDogma
Stimmt, wir wollen glauben, so sehr, dass wir darüber übersehen was es zu erkennen gibt und wir sammeln und bewahren, dass uns darüber die Gegenwart verloren geht.
Wieder ein schöner kluger Text.
wie wahr, liebe sofasophia…. ich habe gerade das hier angeschaut und finde, dass es zu deinem artikel passt http://www.die-momos.de/blog/?p=5113
übrigens… interessantes neues outfit hast du dir hier zugelegt – herzliche grüße und gute nacht u.
ihr lieben
danke für die inputs und „updates“ (lach) …
ich freu mich, dass ihr hier mitlest und ich bei euch mitlesen kann … danke!
liebgrüß, d.
Es entsteht eine neue Menge, die „iPhoneographisten“, dazu klar die „NichiPhoneographisten“. Sowas muss einem erst mal einfallen.
bei allem, liebe blinkyblanky, das da ist, gibts doch irgendwo eine nicht-menge 🙂
so wie es ja auch die nicht-malenden und die nicht-bloggenden gibt 🙂
liebgrüß, d.
Erst einmal: Voll tolle Bilder, vor allem das Erste gefällt mir sehr. Dann ist mir dieser Satz direkt ins Gesicht gehüpft.
Und ich finde ihn toll. Weil die Chronologie der Zeit der Physik nach nur eine Einbildung der Menschen ist. Alle Zeitformen bestehen gleichzeitig. Sogar die Zukunft, die wird irgendwo gerade gelebt, und zwar als Konsequenz einer Ursache-Wirkungs-Kette, die durch die Bedingungsvariablen entstanden sind, die wir jetzt hier haben. Ich bekomme jedesmal Gänsehaut, wenn ich mir soetwas von meinem Mr. Serious erklären lasse. Und ich merke, wie nah sich Wissenschaft und Philosophie doch sind. Und dann merke ich, wie klein wir sind und wie groß dann doch jemand sein muss. Und dann glaube ich wieder an Gott. Und das ist immer ein schöner Moment, auch wenn ich die meiste Zeit sauer auf ihn bin.
Danke.
danke, liebe sherry, für deine inputs.
hm, die sache mit gott … ja, ich glaube auch an „mehr“, aber dieses „mehr“ ist für mich kein personifizierter gott.
ich halte es eher mit dem schamanischen weltbild, das besagt, dass alles im grunde eins ist und verbunden. auf verschiedenen ebenen.
http://sofasophien.wordpress.com/2009/08/29/guten-morgen-gretchen/
kennst du „flächenland“? da gehts um die vierte dimension … die erkenntnis: da gibts mehr, als wir jetzt verstehen. deshalb ist das „mehr“ nicht weniger war, wir scheitern nur an den grenzen des verstandes und der aktuellen wissenschaftlich definierten grenzen. das war jetzt aber frei interpretiert … 🙂
guck hier: http://sofasophien.wordpress.com/?s=fl%C3%A4chenland
herzlich, d.
Mir geht’s ähnlich. Ich glaube nicht an einen personifizierten Gott, denn das würde ihn begrenzen. Und Religion lehne ich nicht nur aus glaubenstechnischen Gründen ab, sondern tatsächlich aus Moralischen, was ich hier aber nicht näher erläutern kann. Das pantheistische oder schamanische Weltbild finde ich sehr faszinierend. Kennst du das Advaitische? Das hat mich eine Zeit lang etwas zu sehr ins Grübeln und Schleudern geworfen. Manchmal wünschte ich, ich könnte diese einfachen Sätze sagen, die ich von sovielen höre. „Gott ist gütig. Gott hat uns allen die selben Chancen gegeben. Gott hat uns soviel gegeben, er kann nichts dafür, dass wir vieles zerstören, jeder kriegt seine gerechte Strafe …“ Das passt gar nicht mehr so in meinen Kopf, es füllt es nicht, es fühlt sich nicht mehr richtig an. Ich suche aber auch nicht mehr so innig, denn ich weiß, dass jedes „Mehr-Konzept“, das es gibt, eben innerhalb unseres eingegrenzten Verstandes entsteht, und wir immer selbst unser eigener Maßstab bleiben werden, bis wir von unserer begrenzenden Wahrnehmung befreit werden.
Manchmal gibt’s aber dieses schöne innige Gefühl der absoluten Einheit. In ihr finde ich kurz Glück und Ruhe …
Die eingescannte Stelle habe ich gelesen. Das hört sich sehr interessant an. Vielleicht finde ich noch mehr Stellen im Netz. Vielleicht kaufe ich es mir. Danke …
ich glaube in erster linie an selbstverantwortung 🙂 wenn wir verantwortung nach oben delegieren und nach schuldigen suchen, drehen wir irgendwann im kreis. spannend, was du schreibst, lirbe sherry! danke!
flächenland gibt es – meine ich – als ebook zu lesen.
oder ich leihe es dir aus!
herzlich, d.