Von Komfortzonen, Glasglocken und Suchtstrukturen

Vergiss das da draußen, das ist nicht das wirkliche Leben!, sagte der neunzehnjährige Gusto zu seinem ebenfalls drogensüchtigen Freund Oleg, als sie an einem Freiluftkonzert vorbeifuhren und den jubelnden, feiernden Menschen notgedrungen zuhören mussten. Unser Leben, das ist das reale Leben!
So ähnlich steht es irgendwo im neuen Buch von Jo Nesbø. Die Larve heißt es – gemeint ist damit jene gespenstische Maske, welche das wahre Gesicht dahinter verschleiert. Nein, dies wird keine Buchbesprechung, da alle Harry-Hole-Fans an diesem Buch eh nicht vorbei kommen. Und solche, die es noch nicht sind, dürfen es werden, denn Nesbø erzählt nicht nur sehr komplexe Geschichten, sondern auch in einer anschaulichen Sprache, die originell und kreativ ist.
Wie oft habe ich wohl schon über Drogensucht gelesen, Erfahrungsberichte ebenso wie Romane. Kaum je ist mir jedoch eine Geschichte so unter die Haut. Wie sehr sich das Leben Süchtiger um das eine dreht. Und das jemand, der Drogen braucht, dafür alles, fast alles, zu tun bereit ist – nein, das hatte ich tatsächlich beinahe vergessen. Ursache und Wirkung. Sucht ist die Wirkung, doch was die Ursache ist, kann niemand für alle beantworten. Leid ist das erste was mir persönlich dazu einfällt, als Oberbegriff, und auch das letzte, der bittere Abgang. Huhn und Ei zugleich.
Süchtig im umfassenderen Sinne sind wir doch alle. Ich habe zwar alte Süchte abgelegt, doch nur um sie durch neue zu ersetzen. Iphonesucht, Schreibsucht, Blogsucht, Lesesucht – um einige zu nennen. Ja, auch Kreativität hat Suchtpotential. Gib dem Körper Glückshormone, schon bist du high. Wir brauchen Botenstoffe. Wenn wir sie nicht selbst produzieren können, holen wir sie von draußen irgendwo.
Warum? Weil das Leben sonst unerträglich ist, sagen die jungen Süchtigen im erwähnten Buch sinngemäß, weil das Leben, das reale Leben Sch… ist.
Weil das Leben sonst grau-in-grau und allzu alltäglich ist,
sage ich. Weil das andere mir nicht reicht.

In meiner Glasglocke, in der ich lebe – selbstgewählt ohne TV, Zeitung und kaum Nachrichten – bekomme ich vom Leid da draußen wenig mit. Außer wenn ich Krimis lese oder DVDs schaue. Selbstverar…ung? Guck ich weg? Oder begegne ich nicht, in dem ich bei mir bin, zugleich der ganzen Welt?
Ich gestehe, ich schätze den Luxus meiner kleinen heilen Welt – meistens jedenfalls, wenn mich nicht grad, wie jetzt, das schlechte Gewissen und eine umfassende Ohnmacht überfällt –, denn solange ich mich innerhalb meiner Komfortzone aufhalte, geht es mir gut und das Leben ist erträglich. Einfache Mathematik. Ich genieße diese Zone und verlasse sie nicht gerne. Bin ich möglicherweise komfortzonesüchtig? Unfrei im großen Raum der Freiheit? Oder frei inmitten großer Unfreiheit?
Nein, ich habe zu meiner Rechtfertigung nichts zu sagen. Und ja, vor zwanzig Jahren war ich anders. Und praktisch genussunfähig. Schließlich gibt es immer welche, die leiden, die durch die Hölle gehen, die von andern mutwillig zerstört und umgebracht werden. Wie sollte ich da meine kleine heile Welt genießen können, zumal diese ebefalls eher instabil als stabil war.
Dieses Buch nun hat mich erneut an genau diesen Punkt katapultiert. Was weiß ich wirklich – wirklich! – vom Leben?, dachte ich beim Lesen ständig. Und welches bitteschön ist nun wirklich das wahre, das wirkliche Leben? Wir kennen die Antwort.
Gier und Sucht nach Macht und Reichtum in allen Spielformen so wahr wie die leidenschaftliche Sehnsucht nach Frieden, Heilung und Geborgenheit. Wir alle verfolgen bewusst oder unbewusst jenen Weg, der uns am aussichtsreichsten erscheint, um das gefühlte, gedachte, ersehnte, geSUCHTe Ziel zu erreichen. Sogar wenn es Selbstzerstörung heißen sollte.
Bin ich resigniert, frustriert und abgelöscht? Zuweilen schon. Und ganz gewiss bin ich naiv, denn ich glaube noch immer, dass das Leben als Mit- und nicht als Gegeneinander gedacht war, weil nur so Evolution möglich ist. Und dass eigentlich jedes Leben ein Leben in Fülle und Frieden sein könnte. Nicht zuletzt, weil es genug von allem für alle hätte. Hat. Eigentlich.

0 Kommentare zu „Von Komfortzonen, Glasglocken und Suchtstrukturen“

  1. Schwieriges Thema. Frustrierendes Thema. Zermürbendes Thema. Was ist das reale Leben? Das, dass die Essenz von Leben wirklich widerspiegelt? Für mich ist es Erschaffung und Zerstörung. Sanfter ausgedrückt: Transformation von der einen in die andere Form.
    Das Problem, das sich dabei ergibt ist, dass Menschen Veränderungen eigentlich nicht mögen. Das macht auch Sinn, denn das Stabilhalten eines Systems, das gerade funktioniert, ist lebenserhaltend und notwendig. (Da siehst du, warum du deinen kleinen Raum brauchst, den Geschützten und ihn schätzt) Andererseits ist der Veränderungsdruck auch in uns drin, eine unbequeme Stimme, die uns dazu verleitet, zu tun, was wir denken, tun zu müssen. Heute wird dieser genutzt, um sich selbst zu verwirklichen – ungeachtet dessen, dass die Welt – das Wir – gerade den Bach runtergeht. Das ist ein guter Trick. Solange wir mit uns selbst beschäftigt sind, können andere Entscheidungen über unsere Köpfe fällen.
    Ich weiß nicht, was man hierzu sonst noch schreiben könnte. Mir kommt es so vor, als leiden einige von uns für die Welt der anderen, die diesen Raum für sich nicht haben, die unter Bedingungen zu leiden haben, die namenlos schrecklich sind, aber als würden wir uns am selben Tag noch hastig mit etwas anderem ruhigstellen. Verständlich für all jene, die wissen, dass eine Spende das Problem nicht beheben wird. Dass dieses globale Problem eines ist, das – würde man es von der Wurzel aus behandeln wollen – die ganze Weltordnung zerstören und neu errichten müsste. Das hieße aber, seinen eigenen kleinen Raum aufgeben. Und auch das ist ein guter Trick. Gib den Menschen etwas, das sie verlieren könnten, und sie halten still. So, dass man ohne Aufruhr anderer Menschen Zukunft ausbeuten und hierhinverfrachten kann (Diamanten, Gold, Öl).
    Was sollen wir tun? Was? Wenn wir alle aus dem Konsumschlaf erwachen würden, aus dem Endorphinrausch, wenn wir etwas neues gekauft haben, weggekickt, wenn wir wieder ein übergeordnetes Ziel hätten, nicht das, dass wir selber uns „neu entdecken“, neu erschaffen, erfüllt durch’s Leben gehen, keine Angst vor Veränderungen haben, dann würde es ein Blutbad geben, einige Jahre lang, und dann würde der größte Idealist an die Macht kommen, und er würde radikal werden, weil er Feinde hat, und dann – ja dann finge die ganze Geschichte von neu an.
    Also, was sollen wir nun tun? Die beste Lösung wäre, das menschliche Genpool zu manipulieren, ihm seine destruktiven, haben-wollenden Seiten zu nehmen, so dass er einen anderen Weg gehen müsste. Vielleicht aber entsteht dieser zerstörerische Dynamik immer wieder solange, solange wir überpopuliert sind. Das macht die Natur vielleicht selbst. Ein interner Code, der uns sagt: „Ihr seid zuviele, bekriegt euch.“
    Ich habe Nächte wachgelegen, liebe D., und ich bin nie zu einer Lösung gekommen.

  2. boah – das sind mal inputs. ähnlich von mir auch schon gedacht. in schlaflosen nächten. würde man wohl alle diese nächte zusammenzählen, wären es jahre.
    und, nein, außer dass ich um dieses große thema immer wieder von anderen seite kreise, kam ich auch zu keiner lösung.
    die „freie wahl“, das eben nicht genmanipulierte menschliche genpool, ist wohl unser größter fluch, und unser größter segen. alle, die das kollektive denken verinnerlicht hatten (native völker, matriarchat) wurden niedergewalzt.
    resignieren? ich sage mir, dass ich einfach da, wo ich bin, mit meinem sein versuche, ein wenig heiterkeit zu verbreiten. kleiner versuch. bloggenderweise oder mit bildern.
    ausreden? vielleicht.
    ich danke dir für dein engagiertes mitdenken und -diskutieren. das ist echt super!

  3. vorgestern in mein tagebuch notiert: das eine geht den bach runter, die anderen sprechen von bewusstseinssprung. wieviel vebrannte erde wird das bewusstsein überspringen müssen?
    danke für deinen text, der auch noch aus anderen gründen gerade sehr aktuell ist. harry hole fan bin ich schon ;o)
    danke auch an sherry, deine antwort ist ganz genau so anregend…

  4. heilung ist nicht schwerer als zerstörung hat luisa neulich sinngemäß gebloggt. wohl hat sie recht, nur haben wir es noch nicht verinnerlicht. oder nur wenige von uns.
    nicht aufgeben!
    herzgruß, d.

  5. Ich glaube du weißt ganz schön viel vom Leben, obwohl du es immer wieder hinterfragst. Du weißt jedenfalls, wie hart es manchmal zugeht und wie verzweifelt man sein kann, und dass man dann doch wieder einen Weg nach vorne findet. Vielleicht deshalb brauchst du keine künstlichen Kicks. Ich stelle mir bei der Drogensucht Menschen vor mit einer geringeren Frustrationstoleranz, vielleicht auch gelangweilte Menschen oder solche, die eine dicke Mauer um sich haben, um Empfindungen auszusperren. Ein Drogenrausch sprengt diesen Schutz, reißt aber mehr ein als nur die Mauer.
    Wir wollen alle dankbar sein, die wir vom Leben nicht ausgestoßen wurden, uns nicht mit Drogen helfen wollenund nicht gezwungen sind, ein Leben zu leben, das nur mit Drogen ertragbar ist. Das hat nichts mit Zurücklehnen und Selbstgefälligkeit zu tun und schon gar nichts mit einem ereignislosen, dahinplätschernden, tristen Dasein. Wir alle sehnen uns nicht nach der Lebensintensität eines Junkies. Was zu einem erfüllten Leben gehört, muss jeder für sich selbst herausfinden. Drogen sind aber kein Teil davon.

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