Fettnäpfchen – hüben und drüben

Immer mehr Menschen verlassen Deutschland in Richtung Süden, um sich in dem Nachbarland Schweiz niederzulassen. Was auf den ersten Blick nicht wie Ausland scheint, ist doch in vielen Aspekten sehr verschieden bis völlig gegensätzlich zur deutschen Kultur. Gerade die kleinen, aber feinen Unterschiede führen ohne Vorbereitung zu Missverständnissen im Alltag, die das Einleben in der Eidgenossenschaft und das Miteinander mit den Schweizern erschweren. Das berühmte „Fettnäpfchen“ findet sich gerade am Anfang an jeder unvermuteten Ecke.
Die Schweiz – ist das wirklich Ausland?
Dieses Stück soll ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Schweizer anders ticken als Deutsche. Gibt es überhaupt DEN oder DIE Deutsche/n und DEN oder DIE Schweizer/in? In dem Theaterstück „ Gipfeltreffen Deutschland-Schweiz“ wird die Frage „Die Schweiz – ist das wirklich Ausland?“ gestellt.
 

Als Direktbetroffene wollen wir uns das am nächsten Freitagabend in Zürich von der Nähe aus anschauen. Ich bin gespannt …
Bei Draufklick auf das Ding unten, wirst du direkt auf die Webseite verlinkt …
 

Weitere Infos gibt es hier!
Eigentlich wollte ich ja heute über meinen Brockenhausbesuch vom Freitag bloggen. Den Entwurf habe ich sogar bereits geschrieben, doch statt ihn zu vollenden, besuche ich lieber als Betthupferl ein paar Lieblingsblogs …
Ich bin einfach zu müde von der Sonne und dem Radfahren an der Aare. Immerhin die innere Schweinehündin haben Deutsche und SchweizerInnen gemeinsam. In der Schweiz heißt das Vieh Souhung (uf bärndütsch) oder Souhund (uf züridütsch), doch bellen tut er hüben wie drüben ungefähr gleich nervig.
Ach, und über meine neuntägige Arbeitsamt-Standortbestimmung, die ich morgen früh um 9 Uhr beginne, wird es gewiss auch das eine oder andere zu erzählen geben …
Nun aber wünsch ich allen einen schönen Sonntagabend und einen erfreulichen Wochenstart.

Das offene Fenster – nur kurz

Dass sie auf Drogen war, begriff ich in diesem äußerst seltsamen Traum erst ungefähr in der Mitte. Ich weiß auch nicht so genau, ob ich Mann oder Frau war, auch nicht, ob wir mehr als nur ein freundschaftliches Verhältnis hatten. Sie wohnte – wie ich – hier in der Gegend, ging aber immer nach Zürich, um sich Stoff zu beschaffen. Da ihre Wohnung einen sehr ordentlichen, um nicht zu sagen sehr bürgerlich-ordentlichen Eindruck machte, wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass sie H spritzt. Sie sah gut aus, hatte glatte dunkle, fast schwarze, ein wenig rötlich schimmernde Haare, die aber, wie ich später im Traum feststellte, entweder eine Perücke waren oder aber, zuweilen von einer (anderen) Perücke überdeckt wurden. Einmal war sie mit blonden Locken aufgetreten. Ich lernte sie als souveräne, kontrollierte, selbstbewusste Frau kennen …
Das Radfahren war auch so eine Sache. Sie war ausgesprochen sportlich, obwohl sie, wenn sie nicht auf dem Rad saß, um sich Stoff zu besorgen, immer ziemlich chice Kleider trug, mit Vorliebe schwarz. Auf dem Rad war sie wie ein Kind. Wild und furchtlos fuhr sie alle Wege, die ihr Mountain Bike zuließ. Da ich im Traum ein Country Bike fuhr, musste ich zuweilen absteigen, wenn es zu gefährlich wurde. Schmale, steil abfallende Uferwege waren eher die Regel als die Ausnahme. Ich fuhr immer hinten ihr. Fühlte mich ein bisschen wie ihr Schutzengel, dochl ich wäre wohl in Notfall kaum hilfreich gewesen. Da waren auch ein paar schnelle Szenen, Flashes, im Traum. Wie sie ihren Körper für Geld verkaufte.
Die feinen Risse in ihrer Fassade erkannte ich erst allmählich. Dahinter sah ich einen zutiefst verzweifelten Menschen. Einmal erzählte sie mir von ihrem Kind, das man ihr weggenommen hatte. War sie nahe dran an jenem Ort in sich drin, wo sie wirklich bei sich war, wo sie wirklich mit dem Herzen dachte und wirklich fühlte, was sie fühlte, kam die Verzweiflung. Stieg auf wie Holz aus den Tiefen eines dunklen Sees. Nur mit dem Gift war das alles zum Schweigen zu bringen.
Diese Wirkliche war sie auch, als sie mir von ihrer Wohnsituation erzählte. Während sie redete, zitterten ihre Hände, denn es war wieder Zeit für eine Radtour in die Metropole.
Das ist alles falsch!, sagte sie. Sie zeigte auf Wohnung mit Sofa und Fernseher. Es ist falsch, weil das ein Leben repräsentiert, das ich gar nicht lebe. Das bin nicht ich. Ich versuche so zu werden und darum ist es eben zugleich auch richtig. Ich versuche es so sehr, bis ich eines Tages auch so sein werde. Bis ich hierher passe. Bis ich auch dazugehöre. Bis ich richtig bin.
Wenn sie so war, war sie wahr. Liebenswert in ihrer ganzen Verzweiflung und Traurigkeit und Echtheit. Als wäre da ein kleines Fenster geöffnet worden.
Schnell genug wurde es wieder geschlossen und wir saßen wieder auf unseren Rädern und kurbelten nach Zürich.
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(((Jetzt, wo ich wach bin und den Traum aufschreibe, glaube ich, dass ich wohl eine Figur des Buches „Für den Rest des Lebens“ von Zeruya Shalev in meinen Traum geholt habe. Rochele, die Pflegerin der sterbenden Mutter, von der aus sich der Romanplot ausbreitet, erzählt Dina, der Tochter, ihre Geschichte. Rochele ist definitiv mit meiner Traumfigur verwandt.)))

Nussknacker, Rasenmäher und andere Alter Egos

Fang schon an. Drauf los, immer drauf los. Schreib! Denk nicht nach, grüble nicht, lass los, schreib los, lass fließ, halt nicht an, zögere nicht, zaudere nicht, bremse nicht. Stell dir vor, auf einer Straße zu fahren, die unendlich breit ist. Keine weißen Streifen, die dich rechts und links beschränken, stell dir vor, du kannst so schnell fahren, wie du schon immer mal wolltest. Kein Risiko, weil du nirgends rein fahren kannst. Einfach losfahren? War das nicht eine deiner Phantasien neulich, wie du von der Pfalz nach Hause gefahren bist? Einfach mal schauen, wie schnell du kannst.
Hm, willst du nicht? Musst du nicht. Aber eigentlich willst du ja doch, du traust dich nur nicht, und das gibt es ja sowieso nicht, so eine lange Straße, so eine Situation, nein, gibt es nicht. Denk sie trotzdem, verlass die Denkschranken nach links, rechts, oben und unten und stell dir mal vor, alles sei möglich, einfach weil es in deinen Gedanken möglich ist. Zum Beispiel das bedingungslose Grundeinkommen für alle sei Realität. Was machst du dann morgen? Was machst du heute? Und auch die bedingungslose Liebe sei Realität. Für alle. Niemand ist mehr neidisch, niemand vergleicht mehr.
Weiterschreiben, nicht aufhören, weiter … keine Pause, keine Leere zulassen, nicht jetzt, kannst später wieder langsam sein, kannst später wieder grübeln, geh weiter … was noch, was noch? Was könnte sein, wenn die Grenzen nicht wären, die im Kopf, was wäre, wenn und es wäre dann wirklich so?
Schon fertig? Du hörst auf? Du weißt nicht mehr weiter? Keine Träume mehr, keine Visionen? Und das nennst du Tagträumen, das nennst du drauflos schreiben? Das nennst du …
Der Rasenmäher vor dem Haus ist schuld. Er lärmt, er lenkt mich ab. Anschließend kommt er auch auf die Rückseite des Hauses und dann guckt der Mann in mein Schlafzimmer und sieht mich auf dem Bett sitzen und schreiben. Oder er guckt mir beim Yoga zu. Ich müsste die Läden wieder halb zuziehen. Ich denke über den Mann und den Rasenmäher nach und vergesse dabei, dass ich drauflos schreiben soll. Will. So läuft das bei mir. Nix mit grenzenlos. Geht nicht bei mir so was. Ich lass mich zu schnell ablenken.
Und? Fang einfach immer wieder an. Eines Tages wird es dir gelingen und du wirst schreiben, einfach schreiben, ohne innezuhalten, ohne Tippfehler laufend zu korrigieren, einfach nur schreiben, dich ausleeren, und dann, wenn alles leer ist und groß und weit, wirst du endlich anfangen zu erzählen. Das, was du immer wieder getan hast, und neues, und anderes, und dann wirst du keinen Gedanken mehr an die da draußen verschwenden, die mit Rasenmähern und anderem dein Leben stören. Störfaktoren wird es immer geben, es ist an dir, ob du dich stören lässt.
Nun ist er auf der anderen Seite, und ich habe es verpasst die Läden zuzuziehen. Er wird vor meinem Fenster auf und ab gehen.
Na und?

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Pillangó hat mich inspiriert. Gestern hat sie einen Ausschnitt aus ihren Morgenseiten verbloggt. Andere bloggen hin und wieder Ausschnitte aus ihren Automatisch-Schreiben-Séancen. Und ich wage es heute einfach auch einmal, so was ungefiltertes zu bloggen, wie meine heutige Morgenseitenschreibe (die ich ein klitzekleinwenig redigiert habe: enttippfehlert, ein paar Satzzeichen und zwei-drei Wörter eingefügt). Neuestens schreibe ich meine Morgenseiten mit der externen Bluetooth-Tastatur ins iPhone. Ich schreibe nämlich auf Tasten schneller als auf Papier.
Das unmittelbare Schreiben soll mir helfen, ein paar Nüsse zu knacken. Ich habe ein neues Manuskript angefangen, eins wie ich es noch nie gemacht habe. Normalerweise wenn ich eine Geschichte zu schreiben beginne, weiß ich, worum es gehen wird. Den Plot. Und ich habe mich bereits mit den Figuren angefreundet, habe ihnen diese und jene Biografie angehängt und weiß, was sie mögen und was sie nervt. Noch nicht im Detail, doch das wird im Laufe des Schreibens dann immer klarer. Sie werden ihr Eigenleben entwickeln, keine Frage, doch im großen Ganzen weiß ich, was geschehen wird.
Dieses eine Mal will ich die Figur ganz bewusst eins meiner Alter Egos sein lassen. Ich – wie ich gerne wäre. Eine Figur, die vor mir hergeht, die mir die Steine aus dem Weg räumt, entschlüsselt, was ich nicht verstehe, tut, was ich nicht zu tun wage. Mein mutiges Alter Ego. Nein, weder habe ich den Plan, dass daraus ein Buch wird, das ich eines Tages veröffentlichen will, noch habe ich die Absicht, etwas „richtig gutes“ zu schreiben, ich will einfach schreiben. Mein Drehbuch? Vielleicht.
Die unmittelbare, automatische Schreibe hat den Vorteil, dass ich so schnell schreibe, dass ich mich dabei nicht zensurieren kann. Ich höre meinen Gedanken zu und schreibe sie auf noch während ich sie denke. Gut, dass mache ich auch, wenn ich an einer Geschichte schreibe … Doch bei einer Geschichte hat die Straße bereits weiße Linien. Und Leitplanken rechts und links.
Wie viele Gespräche habe ich schon mit Irgendlink über die Chancen und Grenzen des Liveschreibens und die zeitliche Verzögerung geführt! Sein aktueller Versuch gilt dem Live-Twittern, wobei das einzelne Tweet seine Leitplanke für eine spätere Vertiefung des Textes sein könnte. Sich immer näher an die Gegenwart heran tasten …

Fang schon an. Drauf los, immer drauf los. Schreib!

langsam, langsam …

Anachronismus war eins unserer Lagerfeuerthemen dieser Tage. Mit Gästen diskutierten wir über Filme und das Filmemachen. Wie gut es wäre, wenn die neuen Filme wieder langsamer würden, sagte ich. Wir werden täglich so vielen Bildern (in Worten ebenso wie in Pixeln) ausgesetzt – und dies alles in höchster Geschwindigkeit –, so dass es eigentlich toll wäre, es würden wieder andere Filme gemacht. Langsamere. Und ganz allmählich würden wir uns wieder an eine langsamere Art zu leben gewöhnen. Natürlich stimmt es, dass wir wählen können, was wir uns zuführen. Doch dass wir alleinverantwortlich im Sinne von „selbst schuld“ dafür sind, wenn wir an dieser Dauerhektik und ihren Nebenwirkungen krank werden, bezweifle ich. Die Verantwortung liegt bei uns allen, die wir diese Gesellschaftsform bewusst oder unbewusst füttern indem wir im Alles-haben-wollen-Strom mitschwimmen. Subtile Manipulation zu erkennen, ist eins, gegen diesen Strom zu schwimmen, etwas ganz anderes, denn so wie es ist, ist es ja gut und wer gibt schon freiwillig auf, was er hat? Alles. Immer. Sofort. Woher sollten wir auch wissen, wie der Rückweg geht? Unserer Gesellschaft fehlen diesbezügliche Vorbilder.
Wir  MittvierzigerInnen, die wir mit Unsre kleine Farm und den Waltons groß geworden sind und mit deren ganzer Langsamkeit, haben den Tempoanstieg gar nicht wirklich bemerkt. Wie der Frosch im Wasser nicht merkt, dass sein Badewasser im heißer wird. Bis es eines Tages zu spät ist. Und dann ist es zu spät.
Viele von uns haben sich vom Strom formen lassen. Schnell, laut und schrill sind sie geworden. Und ja, das sind genau jene, die mir sehr schnell auf den Geist gehen. Insbesondere, wenn sie sich dazu noch unreflektiert verhalten, bei allem was sie selbst betrifft. Zwar reden sie über alles Mögliche, als wüssten sie Bescheid (tun sie vielleicht sogar) über Dinge, über Politik, haben dies und das gesehen, da und dort mitgemacht, ab und an und überall ein Wort aufgeschnappt und mitgeredet und sie stehen im schönsten Licht da. Dass die andern nicht bewundernd sondern genervt schweigen, merken sie nicht. Und noch etwas können sie nicht: Still sein, hinschauen, innehalten, zuhören – wirklich meine ich –  mit dem Herzen, mit allen Sinnen.
Schnitt.
Weißt du eigentlich, dass „ein so richtig deutscher Typ“  in der Schweiz eine Art Schimpfwort ist? Wohingegen ein „untypischer Deutscher“ als Kompliment zu verstehen ist!, sagte ich zu meinem Liebsten auf einer unserer Geocache-Wanderungen dieses Wochenendes. Nein, das habe er nicht gewusst, sagt er, überrascht. Wirklich?
Ja, echt wahr. Ich glaube, wir sollten uns mal Kompendien schreiben, lache ich, Gebrauchsanweisungen für die Schweiz und für Deutschland, damit wir unsere Codes besser verstehen. Obwohl du ja eh kein typischer Deutscher bist … (((Ob ich eine typische Schweizerin bin?)))

Oh, und dann müssten wir noch je ein Wörterbuch für all die unaussprechlichen Dinge verfassen. Für all die feinen Schwingungen, die wir Menschen aussenden, denke ich beim Weiterwandern. Ich bezweifle, dass das geht. Die Sprache der Gefühle lässt sich schwer in Worte übersetzen. Und wer wollte das schon lesen? Denn genau jene Menschen, die eigentlich eins bräuchten, würden es sich bestimmt als Letzte eingestehen.

Aus der Zeit gefallen

Wenn ich auf dem einsamen Gehöft bin, beim Liebsten, habe ich nach ganz wenigen Stunden bereits das Gefühl, gar nie weggewesen zu sein. Besonders jetzt, wo es sommerlich-hochsommerlich ist und wir mehr oder weniger die ganze Zeit draußen sind.
Am Freitag wars, wo ich zu J. sagte, dass ich gestern auf dem Weg hierher darüber nachgedacht hätte, dass, und er mich unterbricht und fragt gestern?, und ich sage ja!, und er fragt, bist du erst gestern gekommen? Das Fluidum Zeit wird hier oben auf dem Berg – im Zerrspiegel der Ewigkeit – neu geformt, neu gegossen, und verspottet alle Uhren.
Wie Irgendlink gestern auf dem Dach herumklettert, um die schwarzen Wasserschläuche, die die Dusche zukünftig wieder mit Heißwasser versorgen sollen, zu befestigen, war mir, als sei eben erst noch Frühling gewesen und es werde wieder Sommer, diesmal zu zweit zu erleben. Jetzt.

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Doch als wir später auf einer Geocache-Tour durch den nahen Wald spazieren, schimmert unverkennbar frühes Herbstlicht durch die Äste. Elf Caches auf einen Streich gilt es zu finden. Zehn davon pflücken wir praktisch ohne Anstrengung, einer verbirgt sich erfolgreich vor uns.

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Hach, wie freue ich mich auf eine Dusche, Liebster, wie ich schwitze! Ein Satz, den ich unterwegs immer mal wieder mit glückseligen Lächeln ausspreche. Wie ich mich freue! Endlich hat die Dusche im schon vor Jahren zum Badehaus umgebauten Silo wieder Warmwasser – und erst noch sonnengewärmt. Wie wenig ich zuweilen brauche, um glücklich zu sein. Und wann habe ich eine Dusche je genossen als diese dreieinhalb Minuten gestern Abend.
Später eine sternklare Nacht am Lagerfeuer. Vega am Westhimmel. Zeit, die einfach irgendwann stehengeblieben ist.
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Bilder: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

So-tun-als-ob

1.)
Man pflegt Beziehungen. Man bittet um Verzeihung für Dinge, die man selbst zwar nicht schlimm findet, aber bestimmt die anderen. Vielleicht. Und ja, man verhält sich anständig. Hauptsache, man ist lieb zu den anderen.
Man bewirbt sich um Stellen, von denen man sich Geld und Prestige erhofft. Dann geht man frühmorgens aus dem Haus und engagiert sich. Man spielt eine Rolle in seiner Firma. Hauptsache, man spielt eine Rolle.
Man besucht Events. Dies und Jenes. Man verhält sich kultiviert und geht in einen Verein. Egal in welchen. Hauptsache, man wird gesehen.
Man will etwas gutes vollbringen. Man will etwas beitragen, das die Welt lebenswerter, lebendiger, bunter macht. Man will gesehen, erkannt und verstanden werden. Hauptsache, man wird gehört.
2.)
Da ist diese nagende Leere, für die man noch immer keine Worte gefunden hat. Keine Worte für die Verluste. Keine Schriftzeichen, die den Schmerz sichtbar machen. Nachvollziehbar. Diese Leere, diese verdammte schwere Leere, die nichts anderes will als in sich selbst zu verschwinden, sich aufzulösen, ganz und gar nicht und nichts mehr zu sein. Diese Leere, die einige Nirwana nennen. Andere Paradies. Himmel. Nichts. Ewigkeit. Unendlichkeit. Viele Namen hat das letzte, das große Nichts. Und viele Namen die Sehnsucht nach ihm.
3.)
Liebe – fünf Buchstaben. Fünf etymologisch nachvollziehbare Buchstaben. Die Rückseite des großen Nichts. Sie ist alles. Alles – alles in sich selbst verschwunden. Tunnel. Rohr. Schlauch.
Als wäre es falsch, sich gut zu sein falsch, denkt man. Ideen aus lauter Nichts haben uns gefüttert. Haben Gehirne gewaschen und lackiert, festgeklebte, hochglanzpolierte Gedanken voll mit Wertlosigkeit. Voll Leere. Nicht, dass jede Leere wertlos wär – doch diese Leere hier ist einfach nur wert- und sinnlos. Sagt man. Abwesenheit von. Freiheit von. Freiheit um …?
Hochglanzhirn mit Hochglanzgedanken in Hochglanzwohungen inmitten von Hochglanzleben, die zerbrechen, wenn man die Seite wendet.
4.)
Heute war in der Coop-Zeitung ein richtig gutes Interview mit Linard Bardill, dem Bündner Künstler und Liedermacher, der einen achtjährigen Sohn mit Downsyndrom hat, seinen kleinen Buddha, seinen Meister, der einfach nur IST.
Bardill sagt:

„Ein Kind mit Downsyndrom meint man so, sei behindert. Im Laufe der Zeit habe ich gemerkt, dass nicht das Kind behindert ist, sondern mein Denken. Nämlich: Ich meine, normal sei, wenn man zwei Personen ist, diejenige die man ist und die, über die man nachdenkt. Bin ich gut? Bin ich schön? Wer bin ich? Der kleine Buddha, der macht das nicht. Der ist einfach. Das heißt, er sucht nicht das Glück, er ist das Glück. Und in dem ist er mein Meister und mein Lehrer. Ich bin mit ihm ein Stück Weg gegangen. Es war der Weg des Glücks.“

Das Leben macht die einen glücklich die anderen zynisch.
5.)
Ist Zynismus womöglich eine Facette tiefer Traurigkeit über die Diskrepanz zwischen dem, wie wir uns das Leben erträumt haben (für uns, für die Welt)? Ist es eine Möglichkeit, die Schwere des Lebens zu ertragen? Macht Zynismus gesund? Tut er irgendjemandem gut? Außer dass wir kurz grinsen müssen und so ein paar Gesichtsmukeln trainieren, wenn wir eine zynische Aussage verdauen, wohl eher nicht. Eher das Gegenteil. Ich halte Zynismus für eine Einbahnstraße in die Bitterkeit. Für eine Waffe des Selbstschutzes. Für eine Tarnweste, um tiefere Gefühle nicht zulassen zu müssen.
Kann es das gewesen sein? Wollten und wollen wir, die wir uns heute hinter zynischen Sprüchen verstecken, im Grunde nicht etwas ganz anderes, nämlich das, wofür wir in unseren jungen Jahren auf die Straße gegangen sind? Eine bessere, eine friedlichere Welt. Eine lebenswerte Welt.
Ja, gut, inzwischen haben wir die Welt durchschaut, wir haben unsere Ohnmacht begriffen, und ja, davon kann man, wie gesagt, zynisch werden. Nur: wem hilft das? Noch mehr verbitterte, abgelöschte Menschen machen die Welt nicht lebenswerter. Ja, das sage ich auch zu mir selbst.
Vor zwanzig Jahren war ich noch ganz anders unterwegs, glaub mir!, sagte Freundin T. neulich, als ich ihr, der zwanzig Jahre Älteren, ein Kompliment für ihre Lebensenergie, ihre Initiative und ihre vielen Perspektiven gemacht hatte.
Finale
Alles kann noch anders werden. Auf jeden Fall vieles.
Nicht nachdenken. Schreiben. Den Kokon ausdehnen. Bis er platzt. Atmen. Leere. Fülle. Sie heben sich auf. Und mich. Und ich breite die Flügel aus, nehme Raum ein, stolpere ein wenig und dann hebe ich ab.

Lebensentwürfe

Der Mensch sei sein schlimmster Feind. Heißt es. Mag sein. Sehr wahrscheinlich sogar. Doch ist damit nicht auch das Gegenteil wahr? Sein bester Freund zu sein ist uns allerdings oft weniger selbstverständlich als uns mit ewiger Selbstkritik zu nerven. Wir? Ich tarne mich hinter wir? Mag sein. Alle weglesen, die hier nicht WIR sind (bitte weitersurfen!), alle, die nicht immer wieder in die Falle stolpern, dass sie ihren eigenen Erwartungen nicht genügen.
Gut? Dann sind wir jetzt also unter uns. (Jedes WIR ist eine ein- und ausschließende Schnittmenge. Zu wie vielen WIR ich wohl gehöre? Wir Frauen, wir in den Vierzigern, wir SchweizerInnen, wir …) Hier nun meine ich einfach uns, die wir auf dem Seil herum baumeln und immer mal wieder herunter purzeln, uns zusammen rappeln, wieder aufstehen, weitergehen. …
Da – die vielen Pläne, Ideen, möglichen Lebensentwürfe, hier – das Konto mit der Lebensenergie. Beides scheinbar kompatibel und doch geht nichts. Und doch treten wir an Ort. Es fehlt das Vertrauen in die eigene Kraft, vielleicht. Oder wir scheitern vermeintlich an den zu großen Zielen. Oder ist es schlicht der Mut, der fehlt?
Es sind die Erwartungen. Wie etwas zu sein hat und wie etwas werden müsste. Dinge und wir selbst. Oder auch die andern. Der Blick ist nach vorn gerichtet und wirft seinen Schatten in die Gegenwart. Das raubt uns alles, was wir brauchen um jetzt Schritte zu tun, die Auswirkungen auf später haben. Den Spieß umzudrehen und die Gegenwart Schatten in die Zukunft werfen zu lassen. Natürlich sollen wir wissen und entscheiden, wo es lang gehen soll, sollen einspuren und eine Richtung einschlagen, doch das Leben findet nur immer jetzt statt.
Das hier ist meine Zeit, meine Lebenszeit. Mein Leben. Wie also können wir das, was wir wirklich sind und wirklich wollen, ins Leben, in die Realität bringen? (Copy/Paste von meinen tollen Dokumenten auf der Festplatte geht irgendwie nicht.) Und wie können wir dabei und davon auch leben? Artgerecht leben sozusagen, wie es unserer Natur entspricht. Wie es in in uns angelegt ist. Eine Palme braucht nicht den gleichen Boden wie eine Buche und Brombeeren sind keine Erdbeeren. (Was bin ich und warum bin ich nicht mehr, was ich einst zu sein meinte?) Ja, natürlich sind wir privilegiert, doch wenn wir schon Privilegierte sind, wieso sollen wir es nicht auskosten und unser Ding tun? Ohne schlechtes Gewissen. Und ohne Vergleiche nach links und rechts. Egoistisch?
Warum vergleiche ich? Warum will ich angepepasst auf der normalen Schiene des Lohnerwerbs funktionieren und suche dazu einen Brotjob? Warum wird es in meinem selbst gestrickten Kokon immer enger? Asthmatisch eng.
Ist nicht die Treue mir selbst gegenüber das Wichtigste? Was bin ich mir schuldig (mal abgesehen von all den anderen da draußen, die mir auch sehr wichtig sind)?
Je näher ich diese Fragen betrachte, im Zoom, so sehr vergrößert, dass es weh tut, desto mehr verliere ich mich dabei aus den Augen. Und meinen Fokus auf mich. Ein irgendwie befreiender Verlust.
Schwindlig und taumelig suche ich einen gangbaren Weg.