Ohne Leine

Ich lasse mich von der Leine. Ich werde darum eine Weile offline sein. Gut so. Ich freue mich drauf. Vielleicht werden die zwei Wochen genügen, damit ich nachher nicht mehr zurück an die Leine, heißt online, gehen will? Wer weiß.

Ferien nennt sich das bei uns in der Schweiz. Urlaub hier in Deutschland, von wo aus wir morgen nordwärts fahren. Nach Süddänemark. Nach Haderslev. Ferien heißt zwei Wochen nicht arbeiten. Zwei Wochen nicht früh aufstehen müssen. Zwei Wochen nicht und nichts müssen. Nur tun, was ich will. Am Manuskript weiterschreiben und -feilen vielleicht. Womöglich mal wieder einige Bilder aufnehmen? Mal sehen.

Nur tun, was wir wollen. Nichts müssen. Nichts sollen. Nicht mal meinen, bloggen zu müssen.

Und mich erholen. Die Migräne gestern Abend war ein deutliches Zeichen meines Körpers. Mich wieder mehr nach innen wenden, soll ich, sagt er mir. Nicht immer rennen. Nicht immer Erwartungen erfüllen. Nicht immer nett sein. Nicht immer die andern zuerst …

Darum habe ich mich heute ruhig verhalten. Erholung und Alleinsein statt mit Irgendlink und den andern der Col Art-Kunst zu frönen. Und ein gutes Buch lesen.

ewigdeincoverEwig Dein habe ich gelesen. Wäre da nicht die Empfehlung Emils gewesen, der zwei Bücher des Autors Daniel Glattauer gelesen und im Blog empfohlen hat, hätte mich der Titel wohl in die Flucht geschlagen.

Im Supermarkt lernt Judith, Mitte dreißig und Single, Hannes kennen. Kurz darauf taucht er in dem edlen kleinen Lampengeschäft auf, das Judith, unterstützt von ihrem Lehrmädchen Bianca, führt. Hannes, Architekt, ledig und in den besten Jahren, ist nicht nur der Traum aller Schwiegermütter – auch Judiths Freunde sind restlos begeistert. Am Anfang empfindet Judith die Liebe, die er ihr entgegenbringt, als Genuss. Doch schon bald fühlt sie sich durch seine intensive Zuwendung erdrückt und eingesperrt. All ihre Versuche, ihn wieder aus ihrem Leben zu kriegen, scheitern – er verfolgt sie sogar bis in ihre Träume …

(Quelle: www.hanser-literaturverlage.de)

Ein Buch, das unter die Haut geht. Eine Geschichte, die ich sicher nicht so schnell wieder vergessen werde. Und eins ist sicher: Sobald ich die andern beiden Bücher von Glattauer in die Finger bekomme, werde ich sie ebenfalls verschlingen. Der Autor versteht es vorzüglich, seine Figuren so dreidimensional, menschlich und glaubwürdig zu malen, dass ich beinahe damit rechne, ihnen auf der Straße zu begegnen.

Auf dem Rückweg von meinem sonnigen Waldspaziergang kann ich darum der Sitzbank nicht wiederstehen, die – von zwei Birken umrankt – mich geradezu nötigt, die letzten Seiten des Buches zu verschlingen. Books are a girl’s best friend!

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LIebe Leserinnen und Leser, ich sage jetzt auf Wiederlesen bis irgendwann im Oktober oder so und winke euch herzlich zu.

Eine Art Spurensuche

Ich sehe ihn schon von weitem. Immer näher komme ich ihm. Schließlich verlassen ich mein bescheidenes Gefährt, denn die letzten Meter will ich zu Fuß zurücklegen. Von allen Seiten strömen andere Pilgerinnen und Pilger zusammen, denn alle haben wir das gleiche Ziel: den Tempel. Ich erklimme eine steile Treppe und schon bald betrete ich die heiligen Flure. Die wirkliche Welt – ist sie wirklich wirklicher als jene hier drin? – bleibt draußen. Ich lasse sie hinter mir, denn ich sollte mal wieder ….

Ich blinzle. So viele Eindrücke. Lichter. Farben. Verwirrt schaue ich mich um. Wo bin ich überhaupt und in welche Richtung muss ich gehen? Das Stimmengewirr erschlägt mich zuerst, doch bald habe ich mich daran gewöhnt. Ich wusste ja, dass ich hier nicht die Einzige sein würde.

Ich folge einem Strom von Menschen, um mir gehend einen ersten Überblick zu verschaffen. Meine Augen schauen hierhin, dorthin, suchen nach Hinweisen und Spuren, die mir für das letzte Wegstück Hilfe leisten. Hier herumirren will ich nun wirklich nicht. Ich frage also eine Frau, die einen kompetenten Eindruck macht, nach dem Weg. Sie deutet in die Richtung, die ich gehen muss. Da und dann dort und nachher links.

Gehofft hatte ich ja schon, dass es morgens hier noch nicht so viele Leute haben würde (das hat es vielleicht auch gar nicht; ich weiß ja nicht, wie es hier nachmittags ist). Doch jetzt bin ich da. Es gibt kein Zurück mehr. Was mich erstaunt, ist, dass die meisten Menschen vergnügt aussehen. Ganz anders als ich das Gefühl habe, auszusehen, denn solche riesigen Tempel flößen mir schon lange Unbehagen ein. Seltsam, dass es hier so viele Kinder hat, doch schließlich erinnere ich mich: Früher, als ich selbst noch Kind war, hat uns unsere Mutter bisweilen auch hierher mitgenommen. Ein- oder zweimal im Jahr. Sie hat uns jeweils der Obhut erfahrener Betreuuerinnen überlassen, damit sie tun konnte, was zu tun war. Ich folge also, erkenne ich jetzt, ihren Spuren. Obwohl alles anders geworden ist. Der Tempel hat sich verändert. Schon als Kind empfand ich ihn riesig, doch heute ist er riesiger als riesig. Unüberschaubar. Hätte mir die Frau nicht den Weg beschrieben, wäre ich nie am Ziel angekommen.

Endlich betrete ich die heilige Halle. Hier finde ich mich erstaunlich schnell zurecht, denn hier drin sieht es aus wie in allen ähnlichen heiligen Hallen, die ich je in meinem Leben betreten habe. Gestern haben sie mich von einer andern heiligen Halle hierher geschickt. Nur hier könne ich finden, was ich zu suchen hoffe. Also bin ich dem Ruf der Weisen gefolgt.

Zielstrebig gehe ich zum Ständer mit den Outdoor-Jacken. Und schon bald zahle ich das ausgewählte Teil an der Kasse, lasse mir Pflegetipps erklären und verlasse das Shoppingcenter beinahe fluchtartig auf der Suche nach meinem Auto.

Schnell ist mein Ausflug in den Kommerztempel Vergangenheit.

(geschrieben am Samstag, den 14. September, nachmittags)

Am Anfang war die Liste

Und die Liste war bei mir. Und die Liste war ich. Und auf ihr steht alles, was ich tun will. Soll. Muss. Darf. Die Sache mit der Anwendung irgendwelcher Prioritäten vergesse ich immer. Eigentlich zählt für mich, beim Abtragen von Listen, fast nur das eine Kriterium: die Zeit. Obwohl. Wenn ich es mir so überlege. Wieso lasse ich mich eigentlich von Deadlines, diesen Todesgrenzen, so viel Stress machen? Was meinte noch der Liebste heute Morgen am Telefon? Man sollte sich auf die Dinge konzentrieren, die man tun will. Stimmt ja. Aber. Zwei Herzen in jeder Brust.

Was meinte doch gestern der Stadtführer, den wir für unsern Personalanlass gebucht hatten und der uns höchst Spannendes über die mittelalterlichen Bräuche „unserer“ Stadt erzählte? Erst mit der Einführung von Kutschen seien serpentinenartige Straßen zur Bewältigung der Steigung gebaut wurden. Davor, zu Fuß und zu Pferd, wurden die Steigungen sozusagen auf dem kürzesten und somit steilsten Weg genommen. Was mit dem Aufkommen von Kutschen aber nicht mehr so einfach war, und vor allem sehr unbequem. Was ich sagen will? Unzufriedenheit macht kreativ. Alles, was uns das Leben heute erleichtert, wurde erschaffen, weil jemand über bessere, bequemere Abläufe und Lösungen nachdachte. Nenns Evolution.

Vorgestern, im Büro, habe ich die Batterie unserer Wanduhr gewechselt, weil mich der Blick auf die Uhr jedes Mal irritierte (und ich erschrocken feststellte, wie oft ich auf die Uhr schaue). Stehengeblieben zeigte sie immer Viertel nach drei. Zwar hatte sie eine Minute pro Tag recht (und eine des Nachts), doch das genügte mir nicht. Kaum hatte ich auf der Rückseite der Uhr die neue Batterie eingelegt, suchte ich nach dem berühmten Zahnrädchen, um sie zu richten (nein, nicht ver- und auch nicht beurteilen wollte ich sie, auch nicht hinrichten, einfach nur die richtige Zeit – was immer sie ist – einstellen). Vergeblich suchte ich die ganze Uhr ab, als ich auf einmal feststellte, dass der Sekundenzeiger, schneller als ihm von den ErfinderInnen der Zeit, zugedacht war, losrannte. Auch Minuten- und Stundenzeiger gaben alles und nach drei Tagen ungefähr (so lange hat die Uhr wohl geruht) hatten sie genug und zeigten endlich jene Zeit an, die iPhone und Rechner als die Richtige definierten – während im richtigen Leben nur ein paar Minuten vergangen waren. Könnte ich das doch auch, vor allem, wenn ich zu viel um die Ohren habe: einfach vorwärtsspulen. Die Dinge würden natürlich schon erledigt, keine Angst, doch sie wären viel schneller Vergangenheit. Alles Unangenehme könnte – schwupps – vorwärtsgetimt werden.

Wie wir gestern Nacht, noch zu acht, nach dem Personalanlass auf der Treppe vor dem Pfadiheim stehend Grappa und Tabak zusprechen – so viele Nichtmehrrauchende, die hin und wieder rauchen, wie gestern habe ich schon lange nicht mehr erlebt –, begreife ich: Es sind die Ausnahmen, die in aller Regel die Regeln des Lebens aufmischen. Die angenehmen vor allem.

Viel später, im Bett, überlege ich, ob ich noch ein Kapitel Buch lesen mag. Will. Soll. Ich entscheide mich dagegen. Denke, schon fast eingeschlafen, dass ich hoffentlich eines Tages zwischen zwei Büchern sterben werde. Oder zumindest am Ende eines Kapitels. Bloß nicht mitten im Wort. Und bitte erst, wenn die Liste …

Seltsame Träume. Was sagte Kollegin A. neulich über Büroklammern, als wir über die Wohlstandsgesellschaft philosophierten? Dass alle sich im Umlauf befindlichen Büroklammern auf der ganzen Welt für alle reichen würden. Für immer und ewig. Eigentlich. Nur sind sie nicht immer am richtigen Ort und darum werden stets neue produziert.
Gute Nachricht an alle BüroklammerfabrikantInnen dieser Welt – oder schlechte: es braucht euch nicht mehr! Träume ich. Wars der Grappa?

Vom Mittelalter, das unsere Stadtführung dominiert hat, purzeln meine Gedanken auf einmal ins letzte Jahrhundert. Und geografisch nordwärts. Ich liege eine Weile wach. Bilder tauchen auf, die wir am letzten Sonntag im Petrihaus Zweibrücken, dem heutigen Stadtmuseum und früheren Wohnhaus, gesehen haben. Noch so eine spannende Führung, die wir da erleben durften. Am meisten beeindruckt haben mich jedoch die Erzählungen über der Himmelbergsstollen. Ein vergessener Stollen (eine geheime Stadt unter der Stadt), der im zweiten Weltkrieg, als fast ganz Zweibrücken einer Bombardierung zum Opfer gefallen und großflächig zerstört worden war, einen großen Teil der nicht evakuierten Bevölkerung gerettet hatte.
Wo waren dein Papa und deine Großeltern damals?, raunte ich dem Liebsten zu. Dass sein Papa aufs Land gebracht worden war, flüsterte er zurück, über die Großeltern wisse er nichts Genaues. Was wäre, wenn?

Ob ich angesichts des Todes auch noch Listen schreiben würde. Um nichts für drüben zu vergessen. Und ob ein Leben hier und jetzt ohne Listen einfacher wäre?

(Jetzt muss ich aber in die Bibliothek, das Buch zurückbringen, sonst …)

Ausgelesen II. #5 – Sand

Sand – was vom Titel her ebenso zu einem romantischen Urlaubsroman wie zu einem Reisebericht durch die Sahara passen würde, ist in Wirklichkeit eine wüstenheiße Persiflage auf Agententhriller – verfasst vom kürzlich verstorbenen Autor Wolfgang Herrndorf.sand-cover

Wir befinden uns im Jahre 1972 in einem ungenannten nordafrikanischen Land und beobachten lesenderweise zwei Polizisten auf dem Polizeiposten einer Kleinstadt. Einer der beiden ist in Europa aufgewachsen und lebt erst seit kurzem in Afrika, wo ihn nun tägliches Kopfweh heimsucht und er zeitweise seine Auswanderung samt Frau und Kind schwer bereut. Ob er auf der Suche nach seinen Wurzeln (oder denen seines Vaters) ist, bleibt offen. Beide im Spannungsfeld von Korruption und Ehre.

Wenn wir nicht gerade die beiden Polizisten bei der Arbeit und in ihrer Freizeit begleiten, sehen wir einem paranoiden Ingenieur über die Schultern, der etwas austüfteln soll, das allerdings so streng geheim ist, dass er es vergessen hat und er wohl deshalb schon bald tot im Straßengraben landet oder wir lernen eine amerikanische Kosmetikvertreterin kennen, die auf den Ersatz ihres verlorenen Musterkoffers wartet.

Ach ja, und ganz nebenbei gibt es noch einen Amoklauf mit vier Toten in der Hippiesiedlung einer nahen Ortschaft, die aus einer Oase entstanden ist. Der mutmassliche Täter kann beim Transport ins Gefägnis fliehen.

Viele lose Fäden also. Was am Anfang sehr wirr daherkommt, verdichtet sich im Laufe der Erzählung zu einer spannenden, grotesken und immer unglaublicheren Geschichte, in deren Zentrum ein junger Mann mit Gedächtnisverlust und die blonde Amerikanerin stehen.

Doch alles kommt anders als man denkt und warum wer welche Rolle spielt, wird erst im lakonischen Schlussteil des Buches klar.

Dem Autor ist ein Erzählkunstwerk gelungen, das mich – nachdem ich den wirren Anfang verdaut hatte – kaum mehr losgelassen hat. Herrlich überzeichnete Figuren, Klischees zuhauf (in einem Maß, das – da beabsichtigt –, schlicht genial ist), sowie ein Erzählton, der mit immer neuen Farben malt, machen das Buch zu einem Leseerlebnis besonderer Art.

Man muss allerdings Persiflagen, weise Ironie und schwarzen Humor mögen, um dieses Buch mit Genuss lesen zu können.

Klick für mehr über Sand von Wolfgang Herrndorf

Zum Buchtrailer auf youtube bitte hier klicken.

Was Bloggerinnen tun, wenn sie nicht bloggen

Große Fragen stellen. Kleine Antworten finden. Spazieren gehen. Nachdenken. Schlafen. Lesen. Nichts. Wieder schlafen. Arbeiten. Zähne putzen. Zähne nicht putzen. Bier trinken. Kein Bier trinken, dafür Tee.

Sich mit den tollen Menschen der AutorInnengruppe treffen und über das Leben, die Liebe und die Literatur philospieren. Spinnen. Lachen. Kichern. Zugfahren. Und erneut ins Bett kriechen, um zu schlafen.

Am Wochenende am liebsten mit dem Liebsten die Zeit verbringen. Zusammen an ein afrikanisches Trommelkonzert gehen. Sich hinterher mit feinen Menschen treffen. Im Pastis über die Kunst spinnen.

Sonntags mit dem Liebsten „Urban Artwalken“ und dabei Bilder sammeln. Heute in Bitche (Frankreich), hier gleich hier um die Ecke. Über Zerfall nachdenken und dessen Schönheit.

Am Tisch sitzen. Kochen. Essen.

Urban Artwalk Bitch 5-Collage-sm Urban Artwalk Bitch 6-Collage-sm

Zu Irgendlinks Collage unseres Artwalkes: bitte hier klicken.

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Bilder:
Appspressionismen (iPhoneArt)

Ausgelesen II. #4 – Das wahre Leben

So leidenschaftlich gerne ich schreibe, so leidenschaftlich gerne lese ich auch Bücher. Am liebsten sind mir jene Geschichten, wo ich das Umfeld irgendwo tief in mir drin wiedererkenne. (Wie das bei skandinavischen Krimis war, weiß ich nicht. War Skandinavien schon immer in mir und haben mir darum Bücher, die im Norden spielen, von der ersten Minute an gefallen? Oder habe ich mich in Skandinavien von der ersten Minute an immer wie zu Hause gefühlt, weil ich schon so viele Bücher darüber gelesen habe?) Huhn oder Ei – einerlei.

Bücher, in denen ich die Umgebung sogar real kenne, mag ich besonders gerne. Schweizer Krimis und Schweizer Romane haben daher schon mal Vorschusslorbeeren. Die sie sich aber trotzdem by reading verdienen müssen. Nur schon im letzten halben Jahr habe ich mindestens zwei Schweizer Bücher – einen Zürcher und einen Berner Krimi – nach den ersten Kapiteln zugeklappt. Meine Lebenszeit ist mir zu kostbar für schlechte Bücher und Filme. Lieber lese oder schaue ich etwas gutes zweimal.

Auf meiner Kopfliste mit den Büchern und SchriftstellerInnen, die ich lesen will, sind in der letzten Tagen ein paar neue Namen hinzugekommen:

Philipp Probst: Die Boulevard-Ratten

Gabriela Kasperski: Besondere Umstände

Arno Camenisch: Fred und Franz

Angelika Waldis: Aufräumen

Markus Feldenkirchen: Keine Experimente

John Williams: Stoner

Sehe ich diese Liste und denke an all die andern im Kopf notierten Bücher, wird mir bang. Den Rest meines Lebens könnte ich mit Lesen verbringen, locker sogar!, und selbst wenn ich nichts anderes tun würde, hätte ich am Ende meiner Tage noch nicht alle Bücher gelesen und nicht alle Filme gesehen, die ich je lesen und sehen will.

Und weil ich ja nicht nur lesen und Filme schauen will und kann, sondern zwischendurch auch mal zum Beispiel bloggen – von arbeiten, schlafen, essen, trinken, küssen und anderen Bedürfnissen und Notwendigkeiten ganz zu schweigen – stelle ich euch jetzt ein gutes Buch vor. Eins, das sich sicher auch ohne meine Werbung gut verkaufen wird, denn Milena Moser ist inzwischen auch im großen Nachbarkanton der Schweiz ein Begriff, weil sie einfach gute Bücher schreibt.

Ich habe ihr neues Buch, Das wahre Leben, letzte Woche in einer Buchhandlung gesehen und konnte einfach nicht widerstehen. Warum auch. Kaufen würde ich es ja sowieso.

Milena Moser Das wahre Leben-Cover_sm

Zwei Frauen in der Mitte ihres Lebens, beide in der Krise. Nevada ist krank und lernt gerade damit umzugehen. Immer noch unterrichtet sie Yoga und das so erfolgreich, dass ihr eine Klasse mit schwierigen, absturzgefährdeten Mädchen anvertraut wird. Erika dagegen beschließt angesichts ihres Versagens als Mutter und Ehefrau das zu tun, was ihr niemand zutraut: Sie verlässt ihr luxuriöses Zuhause am Zürichberg und zieht in eine heruntergekommene Vorstadtsiedlung. Dort lernt sie Nevada kennen, die unverhofft von der großen Liebe erwischt wird. Mit Witz, Verve und voller Zuneigung lockt Moser ihre Figuren durch existentielle Höhen und Tiefen. Eine intensive Liebesgeschichte rund um Schmerz, Krankheit und Trennung.

(Quelle: milenamoser.com)

Ich habe das Buch verschlungen. Habe mich in Nevada und in Erika wiederentdeckt. Mich auch in Suleika, Erikas Tochter, und all den andern Yoga-Mädchen wiedergefunden. Sogar in Dante, der nicht weiß, ob sein Tumor heilbar ist und sich dennoch auf Nevada einlässt – und sie sich auf ihn.

Ich liebe Mosers Bücher, weil sie ganz und gar ungekünstelt sind. Ihre Figuren sind echt, lebendig, ambivalent, verletzlich, chaotisch, immer auf der Suche nach Erleuchtung und allen möglichen Dingen, die das Leben erträglicher machen, glaubwürdig, voller Galgenhumor und oft genug verbittert, verzweifelt und kurz vor dem Aufgeben. Kurz: ganz normale Alltagsmenschen wie du und ich.

Lass den Montagmorgen nicht ins Haus

Zugegeben, so richtig wach bin ich noch nicht. Sonntagmorgen. Noch im Bett. Erwacht mit Songs im Kopf. Das Konzert in den Füßen, den zertanzten, die ein wenig schmerzen. Und die Frage wieder, die schon auftauchte, als ich nachts mit dem Auto auf der A1 von Bern nach Hause fuhr: Wieso erträgst du, die doch sonst Menschenmassen meidet und Lärm und lauten Geräuschen aus dem Weg geht, immer wieder – und mit größtem Genuss! – Patent Ochsner-Konzerte?

Warum? Weil sie mich glücklich machen! Und weil ich ein paar Freundinnen und Freunde habe, die diese Konzerte ebenfalls lieben. Mit zweien von ihnen treffe ich mich schon zwei Stunden vor Konzertbeginn im Bierhübeli. Austausch. Später spazieren wir zur Reitschule runter und essen etwas kleines. Was für ein süßer Kellner, der uns drei „Damen mittleren Alters“ da verwöhnt!

Und was für ein Publikum! Wir finden vorne rechts neben der Bühne eine Nische, die uns dreien entspricht. Freundin M. möchte nicht mit an den Bühnenrand, hat von dort aus aber trotzdem einen guten Blick. Freundin B. und ich stehen am rechten Bühnenrand vorne. Der Raum, der schon ziemlich voll ist, als wir ihn um Viertel nach acht betreten, füllt sich allmählich bis zum Rand. (Das Konzert war ja innert vierundzwanzig Stunden ausverkauft gewesen.)

Mit einer Viertelstunde Verspätung starten die Ochsen. Das passt gut, weil ich nämlich am Tresen Schlange stehe und – das nur nebenbei gesagt – eine mir neue Biersorte entdecke (Notiz an mich: Einsiedler Spezialbier dunkel), die mich begeistert.

Tschuldigung, Sorry, äxgüse … merci … Ich schlängle mich durch die Masse zurück zum Stehplatz und schon gehts los. Das Intro – ein Musikstück, das zwischen Folk und Rock balanciert, zwischen Weit-weg und ganz-nah –, fährt schon voll ein und lässt mich fliegen. Musik ist eine Droge, der ich mich gerne hingebe. Was für ein Publikum, das schon beim ersten Song mitsingt.

Büne begrüsst das Publikum so heiter, dass ich ihm abnehme, wenn er sagt:
Das hie isch es Familiefescht … so fühlt es sich auch an. Obwohl sich auf dem Dachstock der Reitschule, dem autonomen Zentrum von Bern, sicher über zweihundert Menschen tummeln, fühlt es sich an wie „unter uns“. Und wie das rockt! Schnell ein paar Schlucke Bier trinken, damit die Flasche beim Tanzen nicht überläuft.

Büne erzählt zwischen den Songs immer mal wieder Geschichten über das Leben. So auch über die Figur Eberhard, die schon vor langer Zeit Gegenstand eines Songs geworden ist. Nun setzen die ersten Instrumente ein und Büne öffnet den Mund.

Nei, nei, stopp halt … no einisch vo vore …, stammelt Büne. Show oder Texthänger? Zweiteres. Kein Problem. Das darf sein auch bei einem Profi … Jetzt seht ihr, dass alles, was wir machen live ist, lacht er, sortiert sich neu und fängt noch einmal an.

Live ist diese Band noch besser als auf Konserve. So viel Authentizität. So viel Lachen, Humor, Lebensfreude. Charisma, Leidenschaft – Freundin B. und ich rätseln, was es alles ist, dass diese Band so unvergleichlich macht. Musik für den Körper, fürs Herz und für den Kopf. Das soll ihnen mal einer nachmachen! Ja, ich gestehe es: ich habe alle Tonträger und ich kenne alle Lieder. Ich erkenne alle Lieder, wenn die ersten Takte erklingen. Lieder, die meine Medizin sind mit ihrer Lebensfreude und mit ihrer Melancholie. Ehrliche Songs. Den grössten Teil meines Erwachsenenlebens sind die Ochsen da gewesen, sind mit mir älter geworden. Vieles hat sich in meinem Leben geändert (und ich höre natürlich auch andere Musik, klar!), aber die Ochsen sind geblieben (und haben sich natürlich auch weiterentwickelt).
Miner Heude!, sagte ich zu Freundin B. in schönstem Berndeutsch, das ich so ja eigentlich gar nicht spreche, als die Jungs und Mädels auf die Bühne traten. Meine Helden.

Du chasch cho, du chasch ga, du chasch alles vo mir ha … so singt Büne auf einmal acapella ins Mic. Freundin B. schaut mich mit gerunzelter Stirn an. Was ist denn das jetzt? Da trägt er aber dick auf!, meint sie grinsend.
Das gibts aber schon!, sage ich, weil ich die Zeilen, wenn auch mit anderer Melodie, als Refrain des Songs Trybguet erkenne. Und mit mir ein großer Teil des Publikums, der die neue Melodie aufgreift und mitsingt. Büne freut sich, kommt ganz nahe an den Bühnenrand. Und schliesslich fängt die Band mit dem Song an, wie wir ihn kennen und lieben. Schon fast heiser und beinahe so nassgeschwitzt wie die Band da oben, singe ich den Refrain des Liedes von der ewigen Liebe mit. Die einen Tag länger als für immer dauern wird. Wenn es denn gelingt, den Montagmorgen nicht ins Haus zu lassen. Wenn.

Einziger Wermutstropfen dieses wunderbaren Abends sind die Tratschjungs- und vor allem -mädels, die schon leicht angesäuselt hinter uns stehen. Meistens kann ich sie ausblenden, doch nicht mal beim Song Git’s über üs e Himu, der sehr leise gespielt und gesungen wird und der die Verzweiflung nach dem Tod eines geliebten Meschen hörbar macht, hören sie nicht mit Kichern auf. Ich bin nicht die Einzige, die die kleine Gruppe um Ruhe bittet. Das Lied treibt mir – wie immer – Tränen in die Augen und Schwermut ins Herz.

Später singt Büne den Song vom sinkenden Schiff, der in sich die Hoffnung trägt, dass es irgendwo einen neuen Hafen gibt. Geben muss. Dass es einen Weg gibt. Dass es weitergeht.

Ich liebe es, wenn Liedinhalte und Musik wie aus einem Guss sind. Bei den Ochsen mit ihren tausenden Instrumenten und definitiv nicht nur rockigen Songs immer wieder ein großer Genuss.

Nach unzähligen gehörten, erlebten Konzerten können sie mich noch immer begeistern als wäre jedes Mal das erste Mal. Dass sie nach der zweiten Zugabe nochmals rauskommen, nach dem Abschied, nach dem letzten Winken, habe ich aber nun doch noch nie erlebt in den ganzen Jahren. Einträchtig stellen sie sich ganz zuvorderst an den Bühnenrand. Schalk in den Augen jedes einzelnen. Dicht an dicht stellen sie sich.

Freundin B. zieht mich in die Mitte vor die Bühne und nun singt die Band acapella ihr uraltes Lumpenlied vom ewigen Sommer, der immer und überall stattfindet. Wo? Unter ihren Armen natürlich, wo sonst?

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Hier gehts zu Patent Ochsner auf Youtube:
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Bilder:
Appspressionismen (iPhoneArt)