Camping-Impressionen

Nachts eine Stille, die von nichts außer meinem Tinitus gestört wird. Ich bin kurz erwacht, weil ich mich gedreht habe. Im Schlafsack, vor allem wenn er offen ist, muss beim Drehen ja immer das ganze Paket mitgedreht werden, weshalb das fast nicht ohne kurz zu erwachen geht. Im Winzig-Zelt muss zudem auch darauf geachtet werden, dass ich dem Liebsten nicht meine Füße und Arme in die Rippen stoße. In der richtigen Position angekommen, alle Beine und alle Arme wohlplatziert und der Kopf ebenfalls, wird mir bewusst, dass da draußen nicht das geringste Geräusch ist. Keins. 

Kein Vogel. Kein Auto. Kein Blätterrauschen. Keine Insekten. Nichts. Und wie immer in skandinavischen Sommer ist es nie wirklich total dunkel. Ich sehe einen winzigen Käfer an der Zeltwand und überlege mir, ob er sich der Endlichkeit und Sinnlosigkeit dieser Wanderung bewusst ist. Ob wir uns der Endlichkeit und Sinnloigkeit unserer Wanderungen bweusst sind. Der Müßigkeit aller Anstrengungen. Und ich frage mich, was unser Käfer wohl seinen Verwandten erzählen wird später. Wie der Ohrwurm gestern, der im Innenzelt von Örebro hierher mitgewandert ist. Er wird vermutlich nie mehr in Örebro sein. Ob Ohrwürmer Verwandtschaften pflegen? Ob sie Heimweh kennen? 

Sandmännchen kommt wieder vorbei und ich döse weg. Später muss Irgendlink mal kurz raus. Zurück kommt er mit ein paar Tweets auf der Zunge und er weckt darum sein Handy auf. Es ist halb fünf. Ich schlafe weiter. Der Schlaf und ich haben noch was vor miteinander, murmle ich. 

Diesmal träume ich von einer Klassenzusammenkunft, einer fiktiven, in meiner Heimat. Ich kann da genauso gut hin, sage ich mir, derweil Irgendlink in der Stadt ist und ich auf ihn warte. 

Da, schaut, sage ich später zu den Kolleginnen von einst, als der Liebste auftaucht. Er war beim Frisör, obwohl ich ihm doch normalerweise die Haare schneiden darf. Stolz erzähle ich den Kameradinnen, was er zurzeit so treibt. Dass er ans Kap radelt. 
Ich erwache mit einem Schmunzeln und betrachte den Schlafenden neben mir andächtig und staunend. Schlaf ist eine wunderbare Sache. Und obwohl das Zelt so klein ist und es gewiss komfortablere Unterkünfte gibt, möchte ich mit niemandem auf der Welt tauschen. Ich schlafe wunderbar in diesem portablen Zuhause.

Heute bleiben wir hier, in Uskavi, und werden eine Wanderung in den nächsten Ort mit Laden unternehmen. Eine gemütliche Zehn-Kilometer-Wanderung. Die Sonne scheint. 

Herz, was willst du mehr?

  

Uskavigården – Camperinnenträume werden wahr

Uskavigården – ein Ort am Ende der Welt. Kein Ort eigentlich, nur ein paar Häuser in der Pampa. Seeanstoß. Rasen. Ein paar Wege. Vielleicht 40 Caravan-Stellplätze und ein großer Platz für die Zelte. Leer bis auf einen Wohnwagen, der sich hierher verirrt hat. 

See- oder Meeranstoß: Das ist das Bild, aus dem meine Skandinavienträume schon immer waren. 

Es ist kurz vor halb vier als ich ankomme. Die zwei Busse, einer bis Nora, ein zweiter ab dort, haben mich durch eine stetig wilder und ländlich werdende, unbewohnte Landschaft hierher gebracht. Eine Minute, bevor ich aussteigen darf, setzt ein Platzregen ein. Die Sonne versteckt sich nicht, lacht über den Regen und verzaubert die Szene mit einem surrealistischen Glitzern in etwas Hollywoodeskes und so verlässt die Heldin mit geschultertem Rucksack den Bus, steht vor dem glitzerden Märchenschloss und bittet um Einlass. 

Für lumpige 120 Kronen gehört das alles ihr. Ähm, mir. Ich meine: Uns. Für eine Nacht. Doch wir dürfen gerne länger bleiben, sagt die Rezeptionistin.

Ich ziehe mir die schweren Schuhe aus, zippe die Hosenbeine auf Halbmast und wate durch den See. Kühl. 19 Grad schätz ich mal. Nicht so warm wie die Dschungelwelt „Lost City“, das Erlebnisbad mit den sechs gefährlichen Kreisch-Rutschen, das wir heute Morgen heimgesucht haben, weil es zum Eintritt des Örebroer Campings gehört.

Krasser Kontrast das! Örebro: Mondän, modern, animiert. 

Uskavigården: Natürlich, ruhig, überschaubar.

Beide haben Spielplatz und Minigolf, okay, sonst aber kaum Ähnlichkeiten. Den hier ich mag ich irgendwie lieber. Der Stille wegen. Kein Auto-Dauerrauschen. Wenn mal jemand vorbeifährt, hörst du es.

Ich mag beide Plätze (so ähnlich wie ich beide Lebensmöglichkeiten mag), aber der hier ist – nun ja – eher mein Ding. 

Gleich kommt Irgendlink. Er ist die 60 km hierher geradelt, während ich gemütlich im Bus und am See saß, später ein wenig gelesen und nun ein diese Zeilen hier getippselt habe.

Die Sonne hat die Gewitterwolken durchbrochen. Wunderbar das!

Später. Halb neun. Irgendlink ist um halb sieben rum hier gelandet. Frisch eingekauft hat er auch gleich noch: Gemüse, Goodies, Früchte, Joghurtdrink und Co.

Wir erzählen, packen aus, bauen das Zelt auf und kochen. Herrlich, diese Ferienroutine, dieses Vertraute, wo und wann immer wir zusammen unterwegs sind.

Nun sind wir vom Regenschauer ins Zelt geflüchtet. Platzregen aus blau-grauem Himmel. Gemütlichkeit ist in der kleinsten Hütte, heißt’s doch so schön.

  

Toller Tag das!

Zwei Pläneschmiede

Da ich immer mal wieder in Mails gefragt werde, wann wir denn nun unser Häuschen in Falun beziehen würden, ein paar Fakten zu Beginn: Weil ich das Häuschen in Falun ja bereits im Frühling gebucht hatte, konnte ich noch nicht wissen, wann Irgendlink wo sein würde. Auch hatte ich damals noch keine Ahnung gehabt, wie lange ich im Sommer Ferien nehmen können würde. Sicher zwei Wochen, eher zweite Julihälfte, aber das wars auch schon.

Lauter Eventualitäten also – bei mir ebenso wie bei Irgendlink. 

Und nun das hier: Örebro Mitte Juli. Allen Wetterprognosen zum Trotz hat es heute kaum geregnet. Morgens kurz, am Mittag kurz und nachher einmal fünf Minuten getröpfelt. Dann nicht mehr. Gegen Abend fernes Donnerrollen, Gewitterwolken, die vorüberziehen. 

Und nund liegt ein voller, reicher Tag hinter uns. Ich bin angekommen. Hier, bei Irgendlich, bei mir. 

Kurz vor halb zehn. Wir sitzen auf Jürgens Schlafmatte draußen vor dem Zelt. Über uns ein noch immer blauer Himmel mit ein paar Wolkenschlieren. Knapp 20 Grad. Die Sonne, die sich bereits in der Nähe des Horizonts aufhält, aber nicht wirklich daran denkt, ganz zu verschwinden. Bestensfalls nur kurz. 

Ja, ich mag diese hellen skandinavischen Nächte, gehöre zum Glück zu jenen Menschen, die auch bei Tageslicht schlafen können, wenn ich müde bin.

Am Himmel Wildgänse oder -schwäne, die in Schwärmen den Himmel durchstreifen, das Gurren von Nachtvögeln, das Rauschen des Durchgangsverkehrs mischt ebenfalls mit, von der Pferdekoppel jenseits des Campingplatzes hin und wieder ein Wiehern. Die Nachbarn sind zum Glück ziemlich ruhig.

Wir haben den Tag mit Ausschlafen, Brunchen, Ausruhen und einem Urban ArtWalk durch Österbro verbracht. Eine klasse Stadt übrigens. Ray hat um 10 nach vier den Bus via Oslo nach Kopenhagen bestiegen und nun sind wir allein zu zweit.

Wie es wohl sein wird, frage ich den Liebsten, wenn du ganz allein unterwegs sein wirst? Durch Deutschland warst du noch beinahe zuhause und hast Leute getroffen, deine erste Schwedenzeit warst du mit Ray und jetzt mit mir unterwegs, aber dann, später?

Auf die Frage bin ich gekommen, weil Irgendlink, nachdem Ray losgefahren war, geseufzt hat. 

Jetzt fehlt mir ein Stück meines Rudels, meinte er. Nun werde ich bis ans Kap alleine unterwegs sein. 

Schon morgen werden wir weiter nach Norden ziehen. Er mit dem Rad, ich mit dem Bus. Nora oder Uskarigarden peilen wir an. Auf dem Camping dort bleiben wir, solange es uns gefällt. Und wenn es uns weiterzieht, ziehen wir einfach weiter. Ziemlich einfach. 

So werden wir am 22. Juli in Falun ankommen, das Häuschen acht Tage bewohnen und uns danach ein weiteres Mal voneinander verabschieden. Diesmal für länger. 

Doch bis dahin ist es noch ewig weit hin, denn bereits erlebe ich, wie die Zeit sich dehnt. Wie immer – oder meistens – wenn wir zusammen sind. Ins Unendliche wachsen die Tage in die Tiefe und Weite. Wie das Land hier. Ob ich es darum so mag?

Ich gestehe, dass ich es als Einstieg zwischen Alltasgszivilisation und Outback geschätzt habe, auf diesem großen, sehr gut ausgestatteten Camping anzukommen. Aber ich gestehe ebenfalls, dass ich mich freue auf das „nur die Natur und wir“. Auf Wanderungen durch Wälder. Auf Zeltnächte in der Pampa – es lebe das skandinavische Jedermannsrecht, das Campen überall erlaubt. 

Ich hoffe, dass uns die WettergöttInnen wohlgesinnt sein mögen, denn alles steht und fällt mit dem Wetter, wenn man kein festes Dach über dem Kopf hat.  Und ich lasse mich gerne, wie heute, eines besseren belehren, nämlich dass die Prognose oft falsch sind, und genieße es sehr, dass die Sonne noch immer scheint. Für alle. Irgendwann. Irgendwo. 

  

Örebro oder Travelling is a dirty job

Nun denn, da bin ich also. Nach einer guten Reise – zwei Flügen, einer Zug-, einer Bus- und einer weiteren Zugfahrt – bin ich in Örebro gelandet, das größer ist, als ich dachte. Und schöner.

Nachdem ich gestern hier aus dem Zug in Irgendlinks Armen gelandet bin, wanderten wir zusammen quer durch die Stadt. Eine Stadt voller eigenwilliger Kunstaktionen, die mir allesamt gut gefallen. Ganz besonders das mit zig Frauenstrumpfhosen eingehüllte Ratshaus.

Wunderschön ist, dass sich die Regenwolken verzogen haben. Der Campingplatz ist riesig. Und hat Wlan – theoretisch. Wenn es denn zum Bloggen reichen würde. Vermutlich werde ich Irgendlinks Handy hotspotten – wie gestern, als ich nach dem essen einige Here we are-Bilder getweetet habe.

Ray wiederzusehen, ist eine Freude. Sein Zelt ist etwa einen Steinwurf von „unserm“ entfernt, das ich schon von Weitem erkennen kann. My home is where my castle is, grinse ich in Richtung Zelt deutend. Zeltchen eigentlich. 

Jürgen nimmt seine Matte heraus und setzt sich auf den Boden. Er kennt mich – weiß, dass ich jetzt zuallererst um ankommen zu können, mein Nestchen machen will.

Man muss der Verwahrlosung Zeit geben, sage ich, den Rucksack öffnend und wohlsortiertes Ding um Ding herausziehe. Matte aufpumpen. Schlafsack drauf. Dies und das.

Wir essen im Restaurant, lassen uns von einer Cover-Band die Ohren voll dudeln, trinken das beste Bier ever (Eriksirgendwas – 5,3 Promille) und genießen lecker Eis.

Ich schlafe herrlich im kleinen Zelt und alles ist gut. Der kleine Regen heute morgen geht wieder vorüber und wir schmieden Plänchen.

Mal schauen.

Tag 0 … in vierlerei Hinsicht

Morgen reise ich mit dem Flugzeug nach Stockholm, von Arlanda aus mit dem Zug nach Örebro und treffe dort endlich Irgendlink. So jedenfalls unser aktueller Plan. Doch vorhin, als ich für die Gärtchengiesserin Wasservorräte bereitstellte, schoss mir ein Hexlein in den Rücken. Nur ein bisschen. Es hat genügt, mir bewusst zu machen, wie fragil ein Menschenleben ist. Ich darf gar nicht denken, was alles passieren könnte.

Gestern habe ich Freundin L. (1) im Krankenhaus besucht, die sich bei einem Fahrradselbstunfall die Nase gebrochen hat. Zum Glück nichts Schlimmeres.

Zum Glück.

Glück und Pech. Beides hat schon bei mir gelebt und gewohnt. Beidem habe ich schon die Türen geöffnet. Dem Pech nicht freiwillig, dem Glück auch eher mit einem seltsam verbotenen, fast heimlichen Gefühl. Derweil begreife ich immer mehr, dass das Leben nicht ideal ist. Aber ich weiß auch immer umfassender, dass jeder Tag der erste vom Rest meines Lebens. Es ist die Gegenwart, die das Leben lebendig macht. Nicht was vor Jahren passiert ist, auch wenn es mich geprägt hat.  Und auch wenn ich meine Erfahrungen immer wieder teile, hier und im echten Leben, so weiß ich doch, dass eigentlich nur der heutige Tag relevant ist für das Gelingen meines Leben.

Heute also, heute habe ich eine ganz besondere Mail bekommen – von einer Frau aus der Blogosphäre, die bei mir und Irgendlink mitliest. Ich hoffe, es ist okay, wenn ich daraus einen Satz zitiere: „Danke, dass Ihr Euch mitteilt, Euch teilt, Euch verschenkt!“

Eine Mail, die mich sehr glücklich macht, ein Satz, der mich sehr glücklich macht. Denn eigentlich ist es genau das, was ich mit meinem Blog will, so ich denn noch etwas anderes wollen würde als den Überdruck an Gedanken in mir irgendwie zu verarbeiten …

Danke, dass ihr da seid, liebe Leserinnen und liebe Leser. Dank euch habe ich heute die 100’000 BesucherInnen-Schwelle überschritten. In den bald viereinhalb Jahren, die ich nun dieses Blog führe, durfte ich von euch ganz viel Wertschätzung erfahren. Und viele spannende Diskussionen fühlen führen.

Aufrufe
Aufrufe und Kommentare

Danke, dass ihr da seid!

Wer weiß, vielleicht kommt ihr mit mir mit nach Schweden?

19 Tage liegen vor mir. Darüber, wie ich sie verbringen werde, habe ich nur sehr rudimentäre Ideen. Außer dem gebuchten Häuschen in Falun in der zweiten Hälfte der Ferienzeit, ist wenig definiert. Ich bin für alles gerüstet. Für draußen schlafen, in Irgendlinks Zelt oder eben im Häuschen.

Ich bin gespannt, ich bin nervös, ich bin vorfreudig und ich bin vor allem eins: Dankbar.

Über das zLeidwerchen

Letzte Gedanken vor dem Einschlafen haben bei mir oft was Unzähmbares. Sie kommen und gehen, wann und wie sie wollen und fragen nicht, ob ich Zeit und ob ich Lust habe, ob ich mit ihnen am gleichen Tisch, im gleichen Bett liegen will.

Gestern, nachdem ich zuerst auf arte Die Eisläuferin und später auf ARD einen alten Borowski-Tatort geguckt hatte, stellten sich, als ich so in der Stille und Dunkelheit meines Schlafzimmers lag, Gedanken über das subtile zLeidwerche ein. Leider kenne ich, trotz guter Kenntnisse, kein deutsches Wort, das diesem schweizerdeutschen Ausdruck gerecht wird. Tipps willkommen. Wörtlich übersetzt heißt es zu Leide werken, zu Leide wirken, meint also dass wir beim zLeidwerche vorsätzlich Dinge tun, die einem anderen Menschen Leid zufügen. Sabotage en miniature sozusagen.

Wer von euch noch nie, muss nicht weiterlesen.
Alle andern dürfen. Willkommen in der Runde derer, die …

Neulich, es muss am letzten Sonntagnachmittag gewesen sein, habe ich auf dem Dachboden, der hierzulande Estrich heißt, für den internen Büro-Umzug ein paar Umzugkartons geholt. Drei sperrige Dinger. Unser Treppenhaus ist wendelrund und die Treppe relativ schmal. So stieß ich also immer mal wieder seitlich an Mauer oder Treppengeländer, was im Resonanzkörper des Treppenhauses ganz schön lärmte. Zu sagen ist, dass ich Lärm nicht mag. Und dass ich Lärm, wann immer möglich, vermeide. Zu hörenden ebenso wie selbstgemachten. Und nun machte ich also, noch immer unabsichtlich, Lärm.

Zu sagen ist auch, dass der Nachbar über mir, im ersten Stock, ein junges Männlein ist, das sehr oft sehr laut ist. Nicht mehr so oft wie früher und auch kaum mehr zu Unzeiten, nachdem wir das zum Glück im Gespräch klären konnten. Dennoch. Laut ist das Männlein, wie gesagt, immer noch oft. Heute aber, heute ist es still. Aber es ist da, wie das Auto vor dem Haus verrät. Vermutlich schläft es seinen Rausch aus, so es denn einen hatte?

Und ich? Ich lärme durch das Treppenhaus! Unabsichtlich noch. Statt nun aber aus Rücksicht, wie ich das immer von andern mir gegenüber unausgesprochen erwarte, leiser zu sein, lärme ich gleich noch ein bisschen lauter. Ich kann ja nichts dafür, dass das Treppenhaus so eng ist. Ich lärme an seiner Wohnung vorbei, schramme gar ein bisschen gegen seine Tür – ooops, sorry! – und als ich unten angelangt bin, wäre ich vor Scham im Boden am liebsten im Boden versunken. Scham vor mir selbst.

Gut, das mag harmlos klingen. Aber … nein, ich will nicht moralisieren. Doch, ich will moralisieren. Weil es so unkuhl ist. Und weil sich kaum jemand traut, es hin und wieder zu tun.

Nach den beiden Filmen gestern  – in denen der Zufall eine entscheidende Rolle gespielt und ungeahnte Kräfte in Bewegung gesetzt hatte –, grübelte ich im Bett liegend über Kollateralschäden, Zufälle und Zusammenhänge nach, darüber, wie eins nach dem anderen ruft. Und warum – warum das so ist.

Wir Menschen. Was steht hinter dem zLeidwerche? Ohnmacht vermutlich. Die Erkenntnis eigener Kleinheit und einer Art Mangel? Ich weiß es nicht wirklich – schon gar nicht für andere. Ich weiß nur, dass es immer eine Sackgasse ist.

Wie viele Momente meines bewussten und unbewussten Lebens verbringe ich mit überflüssigem Ärger auf Dinge und Menschen, die und denen ich am liebsten …

Gift.

Wie die Welt wohl aussehen würde, wenn wir unseren Impulsen des zLeidwerchens nicht nachgehen und stattdessen zLiebwerchen würden?

Anders handeln ist eine Frage des Bewusstseins. Der Selbsterkenntnis. Reflexion ja gerne – aber liebevoll.
Mir zLiebwerche? Das wäre doch schon mal ein guter Anfang.

Versehrte Kindheiten

Bastard, dieser deutsche Psychothriller mit Martina Gedeck als Kriminalpsychologin, der zurzeit auf ARD Mediathek zu sehen ist, wartet mit Szenen auf, die beinahe die Netzhaut verätzen. Ein Film, der Bilder sichtbar macht, wie ich sie Tage vorher im neuen Buch von Linus Reichlin gelesen habe. In einem anderen Leben.

Zwar ist es unmöglich, beiden – Film und Buch – in diesem Artikel gerecht zu werden, da die Geschichten grundsätzlich verschieden sind; ich möchte einzig ein paar Parallelen erwähnen.

ReichlinCoverDie weibliche Hauptfigur aus Bastard, das Mädchen Mathilda, erinnert nämlich an das Kind, das die erwachsene weibliche Hauptfigur Nora in Reichlins neuem Roman, einmal war. Beide haben eine Kindheit erlebt, die keine war. Beide haben ihre Gespenster – auch Noras Partner und Ich-Erzähler Luis. Kindheiten, die keine waren. Eltern, Elternteile, die sich aus der Verantwortung gesoffen oder mit Pillen heraus katapultiert haben.

Während in Bastard dreizehnjährige Kinder versuchen, einzufordern, was ihnen versagt geblieben ist, versuchen Luis und Nora einen Weg zu finden, mit den Entbehrungen ihrer Kindheit umzugehen.

Im Film diese Szene, wo Mathilda nach Hause kommt und ihre Mutter, die den Tod des Vaters vor zehn Jahren noch immer nicht verarbeitet hat und mehr trinkt als ihr gut tut, vom Boden aufkratzt und in die Dusche schleppt. Natürlich hat sie nichts gekocht.

Im Buch diese Szene, wo Nora Luis erzählt, wie ihre Mutter jeweils in der chinesischen Reisschale ihre Tabletten vermörsert hat. In eine Wattewelt geflüchtet ist. Dem Kind nicht die Mutter war, die dieses gebraucht hätte. Versehrte Kinder.

Reichlin seziert die Gefühle der beiden, entblößt, schaut hin, schönt nicht, schreibt über Verdrängung so dicht, so unglaublich menschlich, so schwerzhaft präzis, dass wir nicht anders können als verstehen. Er macht es sich nicht einfach, wenn er beschreibt, wie sich Nora und Luis angesichts der Veränderungen, die sich in ihrem Leben abzeichnen, beinahe gegenseitig kaputtmachen.

Beinahe.

Buch und Film ist gemein, dass die Enden neue Anfänge sind Und dass sie Mut machen, wider alle Vernunft, Mut, dem Leben doch immer wieder neu zu vertrauen. Und dass trotz der erlebten Dramen neue Möglichkeiten warten.

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Bastard – Film von Carsten Unger
In einem anderen Leben – Roman von Linus Reichlin

Mein Montagskontigent

Wenn Montag, der 13. Juli Tag eins ist, ist heute Tag minus 3? Oder so. Und so ähnlich fühle ich mich auch. Also irgendwie. Ich meine: Minus.

Eigentlich hätte ich ja heute Vormittag meinen letzten Bürohalbtag vor den Schwedenferien gehabt, doch kaum erwacht, ruft schon Scheffe an und meint, ich müsse nicht kommen, weil … was gemacht werden müsse, könne ich eigentlich auch von daheim aus machen.
Ich: Aber ich muss dir doch noch die Versicherungsdokumente, die du brauchst … Außerdem muss ich noch den letzten Kram verpacken. Für den internen Büroumzug.
Er: Oh, stimmt, die Doku hab ich voll vergessen. Treffen wir uns halb elf im Büro?

Wer aber die Dokus daheim vergisst, bin ich. *grmpf* – mein Glück ist, dass Scheffe eh in meine Richtung muss. Also kurzer Schlenker bei mir vorbei. Da hast du die Dinger. Und nun: Homeoffice. Mein letzter Vor-den-Ferientag passiert ganz passend daheim.

SchaumkrönchenUnd doch: Dieser Donnerstag tut schon von Anfang an so als wäre er ein Montag. Überhaupt: Das war eine Woche voller Montage! Außer am Dienstag. Da war Dienstag und ich hatte frei. Überzeit kompensieren. Wobei: Am Dienstag habe ich erfahren, dass mein Auto unheilbar krank ist. UnTÜVabel sozusagen. Kurz und schlecht: Auch Dienstag war ein Montag!

Nun denn, mein Tisch ist voll letzter To-dos und Mitsollkram. Packen tu ich aber erst am Schluss. Davor Waschen und Putzen. Endlich mal wieder. Und hoffen.

Hoffen, dass am nächsten Montag, wenn ich nach Stockholm fliege, mein Montagskontingent für diesen Monat aufgebraucht ist.

Sommer, jetzt!

Vor wenig mehr als zwei Wochen haben wir ihn gerufen, den Sommer. Here it is! Und ich gestehe es: Ich bin froh, dass er da ist. Nun ja, ganz so heiß müsste er nicht sein, und auch nicht so verherrend und dramatisch, das auch nicht, aber dass er da ist, mag ich. Ich mag die hellen Tage.

sommer-jetzt-sm
Das hier ist ein GIF. Bei manchen Browsern braucht es einen Draufklick, um die Animation zu starten.

Und ich gestehe ebenfalls und sehr gerne, dass ich mich auf meine Reise nach und durch Schweden freue wie ein Kind. Tagezählend – noch sieben Mal schlafen bis – und ein bisschen ungeduldig seiend. Wohl auch wegen der Hitze, die sich Hierzulande nur ganz kurz ein bisschen abgekühlt hat. Heute Morgen waren es hier nur gnädig 25 Grad. Wunderbar kühl empfand ich es, als ich das Haus Richtung Büro verließ. Morgen schon wird es wieder 36 oder gar 37 Grad haben. In Stockholm, wo ich heute in einer Woche den Flieger verlassen werde, ist es jetzt 19 Grad. Ein bisschen bewölkt.

Alles habe ich mit eingepackt, ins Bild oben, das Ulli neulich auf mein Tablet skizziert hat, den Flieger, die Krone, die schwedische, das Licht, das dort auch nachts den Weg leuchtet, die Wolken ebenso wie den blauen Himmel, die Sonnenbrille … und über allem das romantische Glitzern meiner Vorfreude auf den Liebsten, der heute schon in Växjö angelangt ist (hier klicken für mehr).

Nein, das ist kein sehr geistreicher Artikel, kein hochphilosophischer, kein spirituell nährender, kein Was-auch-immer-für-einer, er ist bloß voller Dankbarkeit.

Ich danke, also bin ich.

Und ja, ich danke euch. Die lieben Kommentare zu meinem letzten Artikel (und natürlich auch die privaten Nachrichten darauf) haben mir sehr wohl getan. Ich fische hier nicht nach Mitgefühl, nach Mitleid schon gar nicht, ich will aber einfach teilen, was ist. Was ich fühle. Was ich denke. Weil ich euch mag, meine Leserinnen und Leser.

Danke, dass ihr mein Schreiben hier zu einem Dialog macht!