Ausgelesen #37 | 2050 – Und halb Europa ist dement, von @ChristianHolze9 | #Demenz

»Es ist nicht die Schuld der Menschen mit Demenz, dass es zu diesen Situationen kommt. Nicht sie verursachen diese Probleme, sondern die Rahmenbedingungen sind es, die diese Probleme verursachen.«

Diesen Satz, sogar mit Großbuchstaben, schreibt der Autor in sein Tagebuch, das er führt, um seine Beobachtungen zur fortschreitenden Demenz seiner Mutter festzuhalten. Der Satz ist wichtig und wird zum roten Faden, der sich durch das ganze Buch zieht. Wie schrieb ich vorgestern sinngemäß? Es sind die systemischen Voraussetzungen, die behindern, die Rahmenbedingungen.

Diese sind allerdings nicht einfach so da, nicht organisch gewachsen, sie sind gemacht worden, Buchcover zeigt auf blauem Hintergrund die hellblau skizzierten Grenzen Europas. In der Mitte wachsen einige gelbe Herzen wie Bäume. Oben der Buchtitel, unten der Name des Autors.sie sind auf dem Boden des Immer-Mehr des Kapitalismus entstanden und gewachsen.

Ich zitiere: »Bei den diesem Buch zugrundeliegenden Rahmenbedingungen handelt es sich um ein Gesellschaftsmodell, in welchem dem Leistungsgedanken absolute Priorität eingeräumt wird. Effizienz und Kostenersparnis stehen an oberster Stelle und sind das Maß aller Dinge.« (S. 5)

Denn was Christian Holzer über die Bedingungen für Demenzkranke und ihre Angehörigen in der Kurz- und Langzeitpflege sowie über die Betreuung zuhause schreibt, ist unglaublich. Ich weiß aus eigener ähnlicher Erfahrung, dass es leider so ist.

Der Autor, der seine Mutter die letzte Zeit ihres Lebens bis zu ihrem Tod zuhause begleitet und betreut hat, schöpft in seinem Tagebuch-Roman aus eigenen leidvollen Erfahrungen – und aus jenen seiner Mitstreiterinnen und Mitstreiter.

Aufgebaut ist das Buch sehr unkonventionell. Wir schauen dem Autor live beim Schreiben des Buches zu. Das Buch wirkt denn auch eher handgestrickt, ist jedoch ausgesprochen authentisch und berührend. Holzer erzählt, wie ihn die Betreuung seiner an Demenz erkrankten Mutter isoliert, einsam werden lässt. Internetseidank findet er andere Menschen, die ebenfalls ihre Angehörigen zuhause oder im Pflegeheim betreuen.

Auch ihre Texte fließen in den Tagebuch-Roman ein, manchmal als eigene Texte, manchmal als Reaktionen und Kommentare, so entstehen gleichsam Dialoge.

Wir begleiten im Laufe des Buches einige andere Menschen, die erzählen, was sie in ihrem Betreuungsalltag erfahren müssen. Da ist zum Beispiel Silke, deren dementer Lebenspartner im Stammcafé von den alten Freunden zum Clown gemacht wird. Und da sind Franziska, deren demente Mutter im Heim sehr allein und unglücklich ist, und Jasmin, die ihre demente Mutter zuhause betreut. Ihre Mütter waren früher Freundinnen. Dank glücklicher Umstände lernen sich die Töchter kennen und bringen ihre dementen Mütter zusammen, die dadurch sozusagen aufblühen. Und da ist Susanne, die ihre Mutter in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus dem Heim holt, weil sie sieht, wie unzumutbar die Betreuung dort ist. Nicht aus böser Absicht, sondern weil schlicht Betreuungszeit fehlt. Weil die Personalschlüssel hanebüchen sind. Wir lesen auch Stimmen aus der Betreuung, die sich dafür schämen, wie wenig sie tun können und wir lesen von unsensiblen Zahnärzten und von Heimpersonal, welches eine ’schwierige Patientin’ einfach vor die Tür stellt.

Längst geht es den Heimverantwortlichen nicht mehr um Menschen, es geht um Rentabilität, um Rendite, um Gewinne. Die Verlierer:innen sind die dementen Menschen und ihre Angehörigen. Dabei ist Care-Arbeit eine der allerwichtigsten Arbeitsfelder überhaupt. Doch es fehlt genau hier an allem, an Geld ebenso wie an Anerkennung.

Demenz kann uns alle treffen. Als Angehörige ebenso wie als Betroffene. Wer, frage ich mich zuweilen, wer wird mich eines Tages betreuen, wenn die menschliche Gesellschaft sich so weiterentwickelt, wie sie es gerade tut, falls ich eines Tages auf Hilfe angewiesen sein sollte? Pflegeroboter? Wie viele Menschen werden, sollte die Erde in dreißig Jahren noch bewohnbar sein, dement sein. Die Hälfte, womöglich, wie es der Autor im Buchtitel andeutet? Ich weiß es nicht. Aber wenn wir als Menschheit überleben wollen, müssen wir einige grundlegende Dinge verändern. Und zwar nachhaltig.

Der Autor schreibt an vielen Stellen über die Gleichgültigkeit und Ignoranz, die ihm entgegengeschlagen ist, wenn er mit Bekannten über seine Mutter ihren Zustand und seine Befindlichkeit gesprochen hat. So wirklich verstehen kann niemand, der es nicht selbst erlebt, was Angehörige durchmachen, wenn sie ihre dementen Nächsten zuhause betreuen. Erlebte Gleichgültigkeit isoliert, macht einsam.

»[Krankheit] ist in der Öffentlichkeit nicht mehr präsent und alles, was mit Krankheit und Leiden zu tun hat, ist gesellschaftlich auch nicht mehr erwünscht. Es wurde kollektiv wegretuschiert und mit schöner Werbung überdeckt.« (S. 48/49)

Geschrieben hat der Autor das Buch  vor der Pandemie und ich war aus diesem Grund bis jetzt nicht in der Lage, mich auf diesen intensiven Lebensbericht einzulassen. Die Pandemie hat viele Probleme verschärft, ans Licht geholt. Betreuung und Pflege sind inzwischen Themen, über die heute mehr gesprochen wird als noch vor kurzem. Verändert hat sich leider noch viel zu wenig. Das Bewusstsein hat sich jedoch ein klein wenig verändert, will mir scheinen. Wenn auch mehr in der Bevölkerung als in den Regierungen.

Holzer hat in seinem Tagebuch-Pflegeprotokoll zwar die Pflegelandschaft in Österreich skizziert, doch so anders als in Deutschland und in der Schweiz dürfte sie nicht sein.

Ohne Solidarität wird das nichts mit einer besseren Welt.

Ich danke dem Autor herzlich für das Rezensionsexemplar und die erkenntnisreichen Lesestunden. Ein Buch, das sehr persönlich und unmittelbar über ein wichtiges Thema aufklärt und dem ich viele Leser:innen wünsche.


Christian Holzer
2050 – UND HALB EUROPA IST DEMENT: Wie es im Jahr 2050 nicht sein sollte!
Taschenbuch
21. Februar 2020
Das Buch ist bei Ama**n erhältlich oder direkt beim Autor (Twitter)

Alle Bücher des Autors zum Thema gibt es hier.

Neue Fallmaschen 177 | 2021

gelesen I | Hochsensibel oder hypervigilant – oder gleich beides? Hochwachsamkeit kennen insbesondere Traumabetroffene, sie wird auch Hoch- oder Hypervigilanz genannt. Hochsensible werden von potentiell traumatischen Situationen oft härter getroffen, doch sind sie deshalb traumatisiert und/oder hochvigilant? Wie hängen die beiden Eigenschaften zusammen und worin bestehen die Unterschiede?
Spannende Infos gibt es hier.

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gelesen II | »Als Behinderung wird von vielen Menschen eine (unheilbare, chronische) Krankheit, eine ’Fehlbildung’ des Körpers oder ’abweichende’ kognitive Leistungsfähigkeiten eingeordnet. Diese Einordnung wird von uns behinderten Aktivist_innen und auch in den wissenschaftlichen Disziplinen, die sich (im weitesten Sinne) ’mit Behinderung befassen’ als ’medizinisches Modell von Behinderung’ bezeichnet.
Dieses Modell ist überholt, zweifelsfrei, jedoch weiterhin die häufigste Sichtweise. Das Kernmerkmal dieses Modells ist die Verortung der Behinderung in dem betroffenen Individuum selbst.«
Quelle: einblogvonvielen.org

Hannah C. Rosenblatt, die Autor:innen von Ein Blog von vielen, schreiben seit Anfang Juli Grundlagentexte über Behinderung, Ableismus und Behindertenfeindlichkeit, denn diesen Monat ist internationaler #DisabilityPrideMonth. Seit 1990 dient diese weltweite Aktion der Bewusstseinsbildung. Disability Pride stellt die Einmaligkeit jedes Menschen in den Vordergrund. Es geht darum, jeden Menschen als einzigartige Person zu akzeptieren und zu ehren und diese Einzigartigkeit als einen natürlichen und schönen Teil der menschlichen Vielfalt zu sehen.

Die DisabilityPride-Bewegung setzt sich für Behindertengerechtigkeit ein. Obwohl die Erfahrungen mit den jeweiligen Behinderungen nicht unterschiedlicher sein könnten, helfen Aktionen wie der #DisabilityPrideMonth Menschen mit Behinderung ein Gemeinschaftsgefühl zu erleben und sich weltweit miteinander verbunden zu wissen, insbesondere angesichts all der systemischen Barrieren, Stigmatisierung usw., denen Betroffene tagtäglich ausgesetzt sind.  Bewegungen für Behindertengerechtigkeit setzen sich weltweit ein, um die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung bewusst zu machen und umzusetzen.

Mit Behinderung bezeichne ich persönlich insbesondere systemische Barrieren: Fehlende Bildbeschreibungen für Sehbeeinträchtigte oder Blinde, fehlende Aufzüge in öffentlichen Gebäuden oder fehlende Gehwege und Straßenübergänge für Rollstuhlfahrer:innen. Und vor allem fehlendes Bewusstsein für fehlende Hilfsmittel und Informationen. All diese systemischen Fehler behindern, verhinden, dass beeinträchtigte Menschen am gesellschaftlichem Leben teilhaben können.

Viele Behinderungen und Barrieren werden von der Gesellschaft gemacht. Fehlendes Bewusstsein und eine behindertenfeindliche gesellschaftliche Haltung fördern fehlende Infrastrukturen machen so erst aus einer persönlichen Einschränkung eine Behinderung.

Mehr über Ableismus und Behindertenfeindlichkeit und den Unterschied: siehe EinBlogvonVielen.

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gelesen III | Was hilft? Wertschätzung. Selbstwertschätzung ebenso wie die Wertschätzung anderer. Ich zitiere gerne mal wieder Cambra Skade:
»Kann ich mich selbst wertschätzen? Nachsichtig sein mit mir, sanft, zartfühlend, liebend? Zärtlichkeit sich selbst gegenüber ist vielleicht um vieles herausfordernder als Härte.
[Die Herzenskriegerin] ist immer bereit, allen und allem die Möglichkeit zum Erblühen zu geben. Was für eine Weite, was für eine Freiheit. Dorthin will ich wachsen.«
Cambra Skade in Die Herzenskriegerin

Zwei Tage Ferien

Dass ich mich so spontan auf ein kleines Zeltabenteuer eingelassen habe, ist nicht wirklich typisch für mich. Meistens brauche ich viel mehr Anlauf. Dennoch habe ich am Dienstag meine Siebensacken gepackt, das Auto beladen, das Handynavi gestellt und dann bin ich losgefahren, um Freundin K. und ihre zwei Mädchen auf einem Zeltplatz in relativer Nähe zu besuchen. Und es nicht bereut. Im Gegenteil!

Auf dem Camping angekommen war ich sogar so übermütig, ohne auch nur einen Blick auf die Übersichtskarte am Eingang zu werfen, drauflos zu spazieren. Schließlich hatte ich ja die Parzellennummer und ein Bild vom Zelt auf dem Handy – damit würde ich K. und die Mädchen schon finden. Nachdem ich meine Ich-bin-da-Nachricht abgesetzt hatte, schlüpfte ich also durchs Tor und folgte einem von ein paar zur Auswahl stehenden Wegen, einfach drauflos. Und zwar genau in die verkehrte Richtung, wie ich bald feststellen musste.

Bald stelle ich fest, dass der Campingplatz viel größer ist, als ich am Anfang gedacht habe. Die Tasche, die ich trage, wird immer schwerer, die Hitze immer drückender. Ein paar Nachrichten später – ‘Ich warte bei den Waldsofas neben dem grünen Haus auf dich!’ – findet K. mich schließlich und wir spazieren zu ihrem mobilen Zuhause, einem großen Familienzelt mit Luftkammern statt Stangen.

Erstmal ankommen. Die Mädels sind irgendwo unterwegs, G. (5) im nahen Spielzelt, P. (10) mit ihrer neuen Freundin im und am Badesee. Wir sitzen noch im Schatten, doch die Sonne verschiebt diesen allmählich und es wird heißer. Überhaupt: Es ist endlich Sommer geworden. Die Regenmassen der letzten Woche hat man allerdings auch hier oben im Schwarzwald mitbekommen. Die Zeltwiese, auf der ich später mein Zelt aufbauen werde, sei noch am Vortag noch überflutet gewesen.

Wir reden kurz übers Essen und einigen uns auf Pellkartoffeln, da die Kinder die mögen und ich diese wegen ihrer Histaminarmut gut vertrage. Es stellt sich heraus, dass ich genau die richtigen Sachen für mich und die andern mitgebracht habe – verträgliche Gemüse, eine Honigmelone, Brot. Das hier ist nämlich mein Outdoor-Test: Geht Camping für Histaminintolerante? Na ja, so richtig übersetzen lässt dich das Experiment allerdings nicht. Denn wir haben ja keinen Kühlschrank in unseren Rucksäcken, Irgendlink und ich. Dennoch ist das hier ein erster Schritt.

Toll ist es mit den drei Frauen, der großen, der mittleren und der kleinen. Einer der Unterschiede zwischen Kindsein und Erwachsensein, so überlegen K. und ich am Abend, liegt wohl in der Erkenntnis, dass die klaren und idealen Vorstellungen vom Leben,  wie es zu sein hätte, nicht immer und – falls doch – selten gleich umsetzbar sind. Und falls doch, dann ist es ein Glücksfall. Und den haben wir hier ein bisschen. Ich sage nur: Badesee.

Vor dem Essen gehen wir zu viert genau dorthin, er liegt auf der andern Seite des Zeltplatzes. Klein und herrlich erfrischend, dazu nicht mehr sehr bevölkert.

Auf dem Zeltplatz gibt es zudem zwei Minigolfplätze, erfahre ich. Ein klassischer und einer, der fast ein bisschen aussieht wie ein richtiger Golfplatz. Mit Kunstrasen und so. Den wollen die beiden Mädchen heute mit mir bespielen. Unbedingt!, sage ich.

Nach einem unkomplizierten Essen – ich erzähle in aller Kürze, dass ich manche Dinge nicht essen kann, weil ich sie nicht vertrage –, spülen wir das Geschirr und machen uns auf zur Minigolfanlage. Für ein 2 Euro-Depot bekommt man Minigolfkugeln und die Schläger sind sogar kostenlos. So eine tolle Bahn habe ich echt noch nie bespielt. Sie erinnert mich an jene auf dem Campingplatz in Örebro. Lange her.

Die erste Runde spiele ich mich mit K. durch die Bahnen. Wir spielen ungefähr gleich gut, eine Mischung aus Können, Zufall und Glück. Der Kunstrasen macht das Abschlagen ziemlich angenehm und ich treffe erstaunlicherweise ziemlich gut. Ohne die sonst üblichen vielen Fehlversuche. Während der zweiten Runde – diesmal gegen P. – wird es dunkel und wir machen uns auf den Rückweg zu unseren Zelten.

G. will noch unbedingt auf die eine Schaukel, doch sie ist so übermüdet, dass K. den Wunsch auf den nächsten Tag verschiebt. Ich will aber!!!, sagt G.. K. lässt sich nicht unter Druck setzen.

Der Zeltplatz ist schon sehr still, jedenfalls an dem Wegstück, wo wir zelten. Auch die anderen Zeltnachbarn haben Kinder, teils noch kleinere als G. es ist, die noch früher zu Bett gehen. Ich glaube fast, so einen nachtruhigen Zeltplatz habe ich überhaupt noch nie bezeltet. Wir sitzen noch ein wenig vor dem Zelt und reden leise. Außer G.s ‘Ich will aber!!!’ ist kaum etwas zu hören. Wir warten ab. Irgendwann wird G. ruhig und einsichtig. Im Bett darf sie noch ein bisschen Zeichentrickfilm auf dem Tablet gucken, bis sie einschläft.

Auch K. und ich gehen nicht allzu spät ins Bett. Meine neue Luftmatratze aus dem Discounter erweist sich als sehr bequem. Dennoch liege ich mitten in der Nacht ein paar Stunden wach. Ich bin ja doch sehr aufgekratzt. Ein bisschen überdreht. Das Herz rast. Ich atme mich in die Ruhe, lese ein bisschen in ‘Stille’, einem E-Book, das mir die liebe U. zum Geburtstag geschenkt hat. Aufsätze über die Stille, beschrieben vom Antarktis-Wanderer Erling Kagge. Die Ab- und Umlenkung auf diesen ruhigen Text lässt mein Herz bald ruhiger schlagen.

Gegen fünf oder so schlafe ich dann doch nochmals ein. Irgendwann nach sieben, die Sonne wärmt das Zelt bereits ein bisschen, wache ich langsam auf. Ich mag es ja, dieses Aufwachen im Zelt, dieses Ankommen im Tag, dieses Mich-aus-dem-Schlafsack-Schälen … Im Badezimmer putzt sich K. gerade die Zähne, als ich pinkeln gehe. Wir setzen uns vor ihr Zelt. Sie mischt Pancaketeig zusammen, fürs Frühstück, während wir uns leise das eine und andere aus unseren Leben erzählen. Noch immer ist es sehr still auf dem Platz. Uns zwei ehemaligen Buchhändlerinnen kommen die einen oder andern Erinnerungen in den Sinn.

Noch ist es kühl, angenehm frisch, doch für mein angedachtes Seebad ist es mir dann doch zu kühl.

Als P. aufsteht und den Pancake-Teig sieht, bekommt sie Hunger. Appetit. Lust. Sie fragt, ob sie die Pancakes backen darf. Sie darf und als P. ihre erste Portion gebacken und gegessen hat, will sie weiterbacken, weil es so viel Spaß macht. Zum Glück kriecht nun auch G. aus dem Zelt und hat Hunger. P.s Pancakes werden immer schöner und irgendwann werden Pancake-Herzen aus dem Teig. Wunderschöne kleine Kunstwerke. Was ist doch die Welt ein schöner Ort!, denke ich glücklich.

Später wollen die drei ins Hallenbad. Zuerst zögere ich, doch da ich inzwischen schwitze und mich gut ans Kindergewusel akklimatisiert habe, wage ich mich ins doch sehr laute Hallenbad.  Überall stehen Mütter oder Väter oder gleich beide, die ihren Kindern schwimmen beibringen. In der Beckenmitte ist es am ruhigsten, dort lege ich mich zuweilen auf den Rücken, die Ohren im Wasser. Stille.

Nach einer Dreiviertelstunde gehen wir wieder hinaus und knabbern, zurück am Zelt, an unsern jeweiligen Zwischenmahlzeiten herum. Melone. Brot. Chips. Beeren. Pfirsiche.

Gut erholt gehen wir zum klassischen Minigolfplatz. Trotz Mittagshitze. Todesmutig versuchen wir die Löcher zu treffen. Nach der andern Wohlfühminigolflanlage fühlt sich der harte Boden sehr ungemütlich an. Wir stellen uns, wann immer möglich, in den Schatten. Und dann geschehen zwei Wunder: Das erste Mal in meiner Minigolfkarriere treffe ich – bei zwei Bahnen sogar! – das Loch mit nur einem einzigen Schlag. Vor Freude darüber hüpfe ich herum und jauchze laut. Das Kind in mir! Bei andern Bahnen übe ich dafür gefühlt stundenlang und treffe das Loch doch nicht. Zum Glück haben wir uns auf maximal acht Versuche geeinigt.

K. hat heute einen Lauf und schafft die meisten Löcher mit zwei oder drei Schlägen. P. und ich sind etwa gleich treffsicher oder treffunsicher. Weil es heiß ist, gehen wir zurück zum Zelt, wo es noch einigermaßen schattig ist. Ich lege mich in die Hängematte, die ich zwischen einem Baum und K.s Autodachträger aufgespannt habe. Eine Dreiviertelstunde Siesta, wie gut das tut!

Als K. mit G. einkaufen geht, spaziere ich mit P. zum Badesee. Viele Leute hat es diesmal. Wir schwimmen und liegen eine Weile herum, warten auf K. und G. und als die nicht kommen, gehen wir zurück zum Zelt. Die Nachrichten, die mir K. geschickt hat und ich ihr, kommen verzögert. Das Netz und auch das WLAN sind sehr wackelige Angelegenheiten. Auch Irgendlinks Anrufe haben nicht wirklich geklappt. Immerhin bekommt er meine Nachrichten und Bilder.

Während K. und die Mädchen nochmals ins Hallenbad gehen, baue ich das Zelt ab und fange damit an, das Abendessen vorzubereiten. P. hat sich Grillen gewünscht. Es gibt Fetakäse mit Gemüse für K. und mich. Kartoffelsalat für alle, die mögen. Grillfleisch für alle, die mögen, Vegispießchen für alle, die mögen. Jede hat am Schluss eine andere Mahlzeit auf dem Teller als die anderen, jede hat eine Extrawurst und das fühlt sich saugut an. Die Botschaft kommt an. K. sagt: Bei uns hat immer jede ihre Extrawurst.

Nach einer Runde Boule auf der Zeltwiese verabschiede ich mich von den Mädchen und spaziere mit K. zum Auto. Dankbar nehmen wir Abschied.

Auf dem Heimweg realisiere ich, dass ich meine Seelenbatterien aufgeladen habe. Sie sind nicht leer wie sonst oft nach so viel Menschenkontakt, sie sind gut gefüllt. Nicht nur mit Sonnenenergie.

Viel näher geht nicht mehr

Wir hatten mal wieder richtig Wetterglück. Wobei ja auch Regen Wetterglück ist. Wenn es lange nicht geregnet hat jedenfalls.

»Das nächste Mal gehen wir aber mal im Sommer zusammen wandern; und wir warten nicht wieder so lang!« hatten wir noch gesagt, uns fest vorgenommen, damals, beim letzten gemeinsamen Ausflug, in einer längst vergangenen, fast vergessenen Epoche, v. C., vor Corona. Sommer ist es nun, ein Sommer später allerdings.

Wir treffen uns diesmal in Bad Münster. Irgendlink und Frau Lakritze sind in dieser Gegend Kind gewesen, zur Schule gegangen, groß geworden, erfahre ich, als wir über die Nahe spazieren.

»So nahe war ich der Nahe noch nie!«, sage ich. Darf ich sagen, als Schweizerin habe ich das Privileg des ersten Mals für solcherlei platten Wortwitz. Und nebenbei erfahre ich, dass die Wahl der Umgebung ein klein bisschen mit meinem augenzwinkernden Spott bei unserer letzten oder vorletzten Wanderung zu tun hat. Damals, früher irgendwann, als ich scherzend über die kleinen deutschen Berge in Rheinland-Pfalz gelächelt hatte.

Wie Sandkuchen stehen sie da, die Berge bei Bad Münster. Mitten im Flach und Leicht-Hügelig ragen sie hoch auf, Rotenfels und Rheingrafenstein, und ja, ich bin in der Tat gebührend beeindruckt. Drumrum wächst Wald, viel Wald, urwüchsig, dicht, grün. Laubbäume, Nadelbäume, Steineichen … ein bisschen wie Schweden, ein bisschen wie Südfrankreich. Ein Ferientag, der uns aus dem Alltag heraushaut, aber so richtig.

Der alte, ein wenig abgehalfter-heruntergekommene Kurort strahlt im leisen Charme vergangener Tage. Wir spazieren an den Salinen vorbei, atmen Meerluft und erreichen schließlich das Kurhaus, das gebührend zu bestaunen ich vorab versprochen habe. Und was soll ich sagen? Ich staune tatsächlich gebührend. Echt jetzt, klasse ist das. So liebevoll und detailverliebt wird heute nicht mehr gebaut. »Die vielen Butzenfensterchen möchte ich aber nicht putzen müssen!«, scherze ich.

»Ob es wohl die alte Fähre noch gibt?«, fragen sich Lakritze und Irgendlink und mein inneres Kind hüpft vor Freude ob der Aussicht auf eine Fährenüberfahrt. Überhaupt kommt mein inneres Kind heute ganz auf seine Kosten.

Die Fähre fährt tatsächlich. »Sie sieht noch aus wie früher, als wir Kinder waren«, sagen meine Weggefährtin und mein Weggefährte und tauschen sich über Ausflüge und Eissorten ihrer Kindheit aus. Kennst du auch? Warst du damals ebenfalls? Die Überfahrt kostet pro Person einen Euro. Wo gibts denn noch sowas? Zu dritt und mit reiner Muskelkraft zieht uns der Fährmann am Stahlseil über die Nahe ans andere Ufer. Zwei Minuten dauert der Spaß. Viel näher geht es nicht, denke ich mit Blick auf den Fluss.

Über uns türmt sich der Rheingrafenstein mit seinen Ruinenresten, den zu besteigen wir uns entschieden haben. Direkt an der Fährstation fängt der Wanderweg an. Doch zuerst erfreuen wir uns am Märchenhain. Viele Zwerge und andere Märchen- und Comicfiguren bevölkern einen Waldgarten und das erste Waldstück, bevor der steile, etwa fünfhundert Meter lang mäandernde Wanderweg zur Ruine hoch beginnt. Zum Glück ist es nicht allzu heiß, ein angenehmes Lüftchen weht, die Sonne steckt oft hinter den Wolken. Mir ist, als ich oben anlange, trotzdem heiß. Das kühle Lüftchen tut gut.

»Du hast da eine Zecke, am Hals!«, sagt Lakritze. Dank der Pinzette an meinem Sackmesser hat Irgendlink das Mistvieh schnell entfernt. Hoffentlich ist es keins von den Bösen gewesen. Ob ich doch mal gegen FSME impfen sollte? Und Borreliose ist ja auch immer wieder ein Thema.

Nachdem wir genug die Aussicht gebührend bewundert haben, klettern wir zurück zur Wanderweggabelung und hoffen auf eine schattige Bank im Wald. Bald ist diese gefunden und sogar passende Bäume für eine der zwei mitgeschleppten Hängematten ist vorhanden. Wir picknicken und erzählen. Immer wieder werden wir von anderen Wandernden auf das Glück, eine Hängematte dabeizuhaben, angesprochen. Lustige Gespräche entspinnen sich.

Lakritze schlägt vor, ab hier rund um den einen Hügel herum zu gehen, was sich als sehr gute Idee herausstellt. Sogar Meeressand finden wir. Sand jedenfalls, der so tut als sei er am Meer. Eine herzerfrischende Illusion.

Nach einer Weile langen wir wieder am Fährhafen an und setzen ein zweites Mal über. Diesmal ist es ein anderer Fährmann, vielleicht der Herr Papa des ersten, mutmaßen wir, der uns über die Nahe schiebt. Ob sich das rechnet und wie viel da wohl an einem Sonntag in die Kasse gespielt wird? Und wie lange wohl eine Überfahrt dauert?

Wir setzen uns auf eine Bank direkt oberhalb des Fährhafens, am Ufer der Nahe. Und dann gucken wir. Ich weiß schon gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal einfach nur geguckt habe. Menschen geguckt. Wasser geguckt. Bäume geguckt. Hunde und Kinderwagen geguckt und Bier- und Schwangerschaftsbäuche. Räder. Kinderanhänger. Alte Menschen. Kinder. Im Hintergrund dudelt irgendwo eine Ziehharmonika, die nach Jahrmarkt klingt.

Lange sitzen wir so. Und gucken, reden, lachen. »Fährmann zu sein«, sagt Irgendlink, »stelle ich mir schön vor«.

Als wir später am Bahnhof abschiednehmen, versichern wir es uns erneut gegenseitig: »Sowas machen wir bald wieder!«

Frau Lakritze erzählt übrigens hier von unserm Ausflug.

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Zum Schluss noch ein paar Bilder von gestern. Zwanzig von mir, drei von Irgendlink.

Über die Schwelle

Es ist der erste Schritt, der mir am schwersten fällt. Der Schritt über die Wohnungsschwelle. Auch die nächsten fallen schwer. Wenn ich über die Haustürschwelle getreten bin und  draußen stehe, muss ich noch immer  Widerstände überwinden. Als wäre die Wohnung ein Magnet. Das Haus zu verlassen braucht Kraft. Als schwämme ich gegen den Strom, wenn ich das Haus verlasse. Wenn ich in die Welt hinaus gehe.

Falls es nur ein Spaziergang durch das Dorf oder den nahen Wald ist, sind die Widerstände weniger heftig als wenn mich die Reise in die weitere Umgebung, in die Ferne gar, führt. Zum Liebsten, zu Freundinnen, in die Berge womöglich oder – man wird ja wohl noch träumen dürfen! – ans Meer.

Sind es nur meine Widerstände, die in den letzten anderthalb Jahren gewachsen sind? Nein, wohl nicht, denn ich höre ähnliches bei anderen. Und das, obwohl hinter und unter allen Widerständen diese ungeheuerliche, diese von ganz tief innen und unten nach oben schwappende Sehnsucht nach Ferne, nach Weite, nach raus ans Meer, nach Reisewind um die Nase, nach Tapetenwechsel lebt.

Und da ist auch diese Müdigkeit, diese Erschöpfung vom Immer-Gleich, die mich zermürbt. Sogar mich zermürbt, mich, die ich ja aus gesundheitlichen Gründen schon länger isoliert lebe, mich, die ich mich als eine mit Rückzugerfahrung bezeichne. Und wenn schon in mir drin dieses Ziehen ist, dieses Sehnen, dieses Vermissen von Unterwegssein, wie viel mehr muss es erst in Menschen ziehen, die in ihrem vorpandemischen Alltag häufiger als ich unterwegs waren, verreisten, sich unter Menschen bewegten.

Ja, ich verstehe alle Leute, die wegfahren und die wegfahren wollen. Das haben wir uns alle doch wirklich verdient, ne? Manche fahren sogar weit weg. Manche besteigen sogar Flugzeuge, denn die Erde ist ja eh dem Untergang geweiht – brennend, glühend, überflutend –, da wird ja ein Flugzeug mehr oder weniger keine Rolle spielen. Und den Klima-, Virus-, Kriegs- und Armutsflüchtlingen auf der ganzen Welt nützt es ja auch nicht, wenn ich jetzt nicht in dieses Flugzeug steige.

Ja, wirklich, ich verstehe es. Obwohl ich ethische, moralische und ökologische Widerstände habe. Da komme ich nicht gegen an. Und es geht mir ja dabei noch nicht mal nur ums Klima, es geht mir auch ums Virus. Oder sagen wir mal um Solidarität mit der Gesamtmenschheit. [Ich sehe  ja manchmal comicartige Szenen vor meinen inneren Augen: Das Virus, wie es mutiert, weil die Menschen es ihm gerade so superleicht machen. Und weil es so viel Spaß macht, sich in all den dummen Menschen weiterhin zu vermehren.]

Ob wir noch Hoffnung haben, fragte neulich jemand per Umfrageformular auf Twitter. Ich klickte die Option ’kaum’ an und war damit in bester Gesellschaft. Noch mehr hatten ’nein’ angeklickt. Die, die noch Hoffnung haben, waren in der Minderheit. Nicht repräsentativ, ich weiß.

Autorisiert uns die persönliche Hoffnungslosigkeit zu Nach-mir-die-Sintflut-Handlungen? Ist es nicht längst zu spät? Und was ist mit all den Kindern und Jugendlichen?

Puh, so kann ich doch diesen Text nicht enden lassen.

Wie war das gleich noch: erste Schritte? Nun ja, vielleicht verlassen wir ja das Haus diesen Sommer doch auch und fahren wohin. Mal schauen. Denn ja, Tapetenwechsel würde gut tun. Wirklich. Endlich mal wieder raus.

Ich übe und gehe jetzt mal ins Dorf. Einen Brief einwerfen, Geld ziehen und  den Jahresbeitrag für die Bibliothek bezahlen. Denn sollte morgen die Welt untergehen, lese ich doch heute noch ein paar Seiten in einem guten Buch.