Zwei Tipps fürs Auge und Gemüt

Gerne empfehle ich euch, mal wieder auf Pixartix, dem Bilderblog, vorbeizuschauen. Unser zweiter Drei Bilder-Zyklus hat bereits vor einem Monat begonnen und schon fünf KünstlerInnen haben ihre Bilder-Trilogien erzählt. Heute geht es weiter mit dem ersten Holzweg von Irgendlink.

Und wenn wir schon bei Irgendlinks Abenteuern sind. Er steht − nämlich, vermutlich oder vielleicht? − mal wieder in den Startlöchern für eine weitere Radreise. Diesmal mit Ziel Gibraltar. Seine Gedanken vor der Reise gibt es neu nicht auf dem Irgendlink-Blog, sondern hier:
⇒ europenner.de. ⇐

Jaaa, der Europenner lebt, man muss ihn nur zuweilen aus seinem Winterschlaf wecken.

Mein Leben in der Blase

Ich switche von Ausnahmezustand zu Ausnahmezustand. War ich vor paar Wochen im Neue Patent Ochsner-CD-Rausch, ist es nun eine Art Reiserausch. Nein, falsch. Anders. Rausch ist das falsche Wort. Blase? Ja, das trifft es wohl besser. Ich halte mich derzeit in Räumen auf, die sich wie Blasen anfühlen. Paralleluniversen. Dazu das ganz normale Alltagsleben mit Büro, Sitzungen, Präsentationen, Problemlösungen, Elternkontakte, Gespräche und Mails allüberall.

Ich reagiere. Ich kommuniziere. Ich denke. Ich sehe hin. Ich rede. Ich höre zu. Ich verstehe. Ich agiere.

Overflow. Ja. Schon. Aber.

Denn meistens fühle ich mich dabei gut, richtig gut sogar. Nun ja, meistens. Gestern jedoch war auf einmal alles zu viel. Schlecht geschlafen wegen zu langer Zu-tun-Listen im Kopf war ich nach einer Sitzung mit den Lehrpersonen, endlich allein in meinem Büro, froh darüber, meine Ruhe zu haben. Beinahe war mir schlecht, aber da war noch so viel zu tun. Dazu noch ein oder zwei letzte ‚Könntest du bitte noch, bevor du ins Wochenende gehst …?‘-Bitten meines Chefs. Schließlich, gestern um halb zwei, endlich Feierabend. Wochenende.

Wieder Freiraum, mein Leben zu leben. Ähm. Wie genau sieht das denn zurzeit aus?
Zuerst waren da einfach mal Kopfweh, Nickerchen und Ruhe.

Overflow, wie gesagt … Und doch – ich lebe gerne. Trotz allem.

  • Als Homebase meines geliebten Artist in Motion betreue ich von zuhause aus auch diesmal wieder, und auch diesmal – trotz weniger Zeit als vor drei Jahren – wieder sehr gerne, Irgendlinks Blog, während dieser langsam aber stetig – in Eile mit Weile sozusagen – Richtung Nordkap kurbelt (mitlesen kann man hier – Blog – und hier – Twitter).
  • Als Selbständige sollte ich endlich mal wieder ein paar Aufträge akquirieren (für deren Erledigung ich zwar aktuell kaum Zeit noch Muße habe).
  • Als Schriftstellerin will ich mein Buchprojekt endlich weiterbringen, es bis Ende Jahr abschließen (und danach verlegen lassen).
  • Als Künstlerin habe ich wie immer zig Ideen, für die mir an allen Enden und Ecken die Zeit fehlt.
  • Als Bloggerin, die einfach nur ein bisschen drauflosschreiben möchte und als Twitterin ebenso. Dort ein bisschen verspielter noch als hier.
  • Als Freundin, als Mitmensch, als Schwester und Tante, habe ich so viele liebe Menschen in Herznähe, mit denen ich Zeit, ganz viel Zeit verbringen möchte – in echt und virtuell.
  • Als die, die ich bin, eben auch bin, außerhalb all dieser Irgendwie-Rollen, sehne ich mich oft einfach nach Alleinsein, nach Ruhe, nach Buchlesen, nach Seelebaumelnlassen, nach Ferien, nach Zeit.

Zeit? Eigentlich bin ich ja auch darum ganz schön froh, dass es Bücher, Blogs und Briefe gibt, denn für alles, was ich je leben wollen würde, fehlt mir die Zeit nämlich. Außerdem tun es ja andere. Ich nenne dieses Phänomen das Stellvertreter-Ding. Ich kann andere jene Dinge tun lassen, die ich nicht tun kann.

Beispiele gefällig?

  • Irgendlink radelt ans Nordkap. Etwas, das ich so nicht könnte. Er geht an meiner Stelle dahin und ich darf teilhaben, lesend und schauend. Er ist mein Stellvertreter.
  • Freundinnen mit Kindern teilen mit mir ihren Mutteralltag. Etwas, das ich so nicht erleben kann und konnte, darf ich über sie miterleben. Ich freue mich (ja, heute kann ich das) über diesen Austausch. Sie sind sozusagen Stellvertreterinnen.
  • Mir fallen so viele Menschen ein, die etwas leben, dass ich so nicht kann: MusikerInnen, politisch engagierte Menschen, Ärzte in Krise- und Notgebieten etc.

Tun? Lassen. Loslassen. Sein lassen. Die Dinge entschleunigen. Das Tempo drosseln. Ja, das übe ich.

Vermutlich ist das einer der Gründe, warum so viele Menschen sich zurzeit mit uns über Irgendlinks Reise mitfreuen. Ist es die Langsamkeit sogar? Die Art und Weise, wie er sich auf Begegnungen einlässt und das Leben auf sich zukommen lässt? Diese temporäre Freiheit, die er an unserer Stelle praktiziert?

Doch auch wir haben ja die Wahl. Wir können – statt uns täglich von schlimmen Nachrichten aus Tageschau und Zeitungen überfluten lassen – uns auf seine täglichen Inputs mitten aus dem Radleralltagsleben heraus berühren lassen. Good News statt Bad News sozusagen. Ohne dass man dazu den Rest des Weltgeschehens ausblenden müsste.

Botschafter der lobbyfreien Kunst nannte ich ihn heute Morgen am Telefon, auf den Text von Fulbert Steffensky anspielend, der oben auf seiner Fundraising-Seite steht.

Rote Fäden

Es gibt so Themen, sagte Irgendlink gestern vor dem Einschlafen, schon mit Schlaftrunkenheit in der Stimme, diese Themen kleben an uns. Andere kommen aus dem Nichts wollen gesehen werden und werden viel zu oft ignoriert. Weil wir zu faul sind, über sie nachzudenken oder gar über sie zu schreiben.

Ja, rote Fäden habe ich viele. Die Sache mit dem Flow ist so einer – ein Thema wie ein Refrain. Ich suche den Flow, ich lebe ein bisschen für ihn. Insbesondere für den Schreibflow.

Roter Faden? Nun ja, über das Schreiben kann ich schon nicht mehr als roten Faden schreiben, ein rotes Gewebe ist es längst. Auch die punktuellen Themen gibts bei mir zuhauf. Doch selbst sie sind Verwandte meiner roten Fäden, ahne ich.

Glimpflich nennt Irgendlink unsere heutigen und gestrigen Arbeitserfolge. Dinge, die wir zusammen tun wollten und sollten, solange es noch geht. Die linke Lampe meines Autos ist durchgebrannt. Ich kann zwar vieles, vieles selbst reparieren sogar, aber vieles kann Irgendlink besser. Noch besser geht es allerdings zusammen. Im Handbuch lese ich, während er rumwerkelt um an die Lampenapperatur zu kommen, dass man den Kühlergrill rausziehen soll. Klasse Tipp, danke Handbuch! Nun kommen wir wunderbar an die Lampensache heran und ich kann das Birnchen einsetzen. Teamwork. Ich mag es.

Auch für die Access-Sache für die Webseite an der Arbeitsstelle, für die ich zuständig bin – nämlich ein entsprechendes Plugin finden, installieren und verstehen –, hätte ich alleine doppelt oder dreimal so lange gebraucht. Zusammen finden wir einfache Wege: Ich probier mal so, was meinst du? Mach mal so, funktioniert das?

Glimpflich also. Gut. Dennoch ist da Angst. Wie wird es diesmal sein, drei Monate ohne den Liebsten meinen Alltag zu leben – während er mit dem Fahrrad ans Nordkap kurbelt und andere, eigene Ängste und Sorgen vor sich herschiebt. [Weniger diesmal um mich (kein depressiver Schub in Sicht) als um seine Eltern, denen der große Garten, den mein Liebster mehr und mehr übernommen hat, langsam aber sicher zu groß ist. Es muss!, sagen sie; und ich ahne, dass es auch gut so ist.]

Seine Sorgen gelten auch den Finanzen (ein bisschen) und der Sinnhaftigkeit einer Radtour von Süddeutschland ans Nordkap.

Stell dir vor, Liebster, wie du am Montag losradelst, nachdem du alles erledigt hast. Wie nach und nach alle Sorgen von dir abfallen und auf einmal ist er wieder da, der Flow! Selbst wenn dich niemand unterstützt, selbst wenn niemand die geplante Zeitungsartikelserie über deine Reise liest, selbst wenn niemanden deine Blogartikel oder Tweets interessieren: du tust das trotz und vor allem für dich. Du sammelst dabei neue Erfahrungen, erfährst neue Perspektiven, lernst neue Menschen kennen, denkst neue Gedanken und fühlst neue Gefühle. Es ist dein Leben. Und der Sinn ist das Reisen an sich, das Unterwegssein.

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Mehr Infos über #AnsKap finden sich hier:
Irgendlinks Blog
Irgendlinks Twitteraccount (mitlesen ohne eigenen Account jederzeit möglich)
Crowdfunding, u. a. mit iDogma-Kunst-Postkarten-Aktion 

Die echte und die echte Welt dicht an dicht in der Galerie Beck – reblogged

Wenn die Welt im Kopf ein genauso starkes Bild ist, wie die “echte” Welt, ist es dann nicht verkehrt, sich an den Parametern der echten Welt zu orientieren, und krampfhaft daran festzuhalten, anstatt an der Realisierung der Parameter der selbst erzeugten Welt zu arbeiten?

(28. September 2009 – im Vorwort zu “Schon wieder ein Jakobsweg – Yet Another Saint James”)

Was ist überhaupt echt?, muss ich heute fragen. Oder unecht? Oder ist die Grenze zwischen Echt und Unecht nur ein individuelles Empfinden? Ein Prozess jahrelanger Prägung, der einen nach dem Irgendwann-ist-aber-mal-Schluss-Prinzip einen Strich auf der imaginären Landkarte ziehen lässt, auf deren einer Seite die vermeintlich echte Welt ist und auf deren anderer Seite die unechte, virtuelle Welt?

screenie appspressionismusMit einem eigenartigen Gefühl betrete ich gestern die Galerie Beck zur Eröffnung der Ausstellung “Geschichte und Geschichten”. Die Galerietür aus Kirschbaumholz quietscht wie eh und je, genauso wie damals 2007, als meine erste Ausstellung bei den Becks präsentiert wurde. Es ist geraten, wenn man die Galerie betritt, die Tür am Knauf ein bisschen anzuheben, um das Quietschgeräusch zu vermeiden. Scherzhaft mutmaßte man einst, das sei passiver Diebstahlschutz. Neben den vielen Hunden, die überall auf dem Gelände ein eingeschworenes Rudel bilden ist es eine weitere Sicherungsmaßnahme, um den Heiligen Gral der feinen Künste zu schützen.

(Text von Jürgen Rinck | Irgendlink)

Weiterlesen? Gerne! Bei Irgendlink drüben gehts weiter …

Saltstraumen-Trauma reblogged

Heute reblogged aus Irgendlinks Blog:

Teil 1 bei Sofasophia

Dies ist eine Fortsetzungsgeschichte, die Frau SoSo und ich vor einigen Tagen (im August 2014) angestiftet haben. Ich gab ihr drei Stichworte und das Genre „Horror“ und sie schrieb daraufhin den oben verlinkten ersten Teil. Mich fordernd, die Stichworte Espresso, Lofoten und Tippfehler in einem nächsten Kapitel zu verwenden.

 

Kapitel 2 – Sommer 1990

Gibt es etwas bescheuerteres, als nördlich des Polarkreises mit einem gelben Cabrio über die Landstraße zu jagen? Sie waren zu fünft. Die Mauer war im letzten Jahr gefallen und mit dem Fall des antiimperialistischen Schutzwalls hatte es neben vielen ganz normalen Menschen auch diejenigen in die DDR getrieben, vor denen man sie in der FDJ leider nie gewarnt hatte: Verkäufer, Vertreter für Staubsauger, Satellitenanlagen, Espressomaschinen, Landkäufer, Spekulanten und allen voran Autohändler. So gelangte ein frisch lackierter, nach Neuwagen riechender, glänzender, blitzesauberer VW-Golf-Cabrio in Egons Besitz. Die Egon. Ihren Spitznamen hatte sie an der Feier zum vierzigjährigen Bestehen der DDR erhalten, weil sie Egon Krenz die Hand drücken durfte. Dass das Schnäppchen für nur 9990 DM Baujahr 1979 war und seine besten Tage schon hinter sich hatte, bemerkte die Egon erst, als sie an der schwedisch-norwegischen Grenze darauf angesprochen wurde. Wie mutig sie seien, mit einer solchen Klapperkiste rauf zu den Lofoten … und das Kunststoffdach, ob das wohl dem Wetter standhalten würde. Was hatten sie gelacht, die Sonne im Rücken am Rande des skandinavischen Hochdruckgebiets, das sie seit zwei Wochen von Warnemünde bis hierher begleitet hatte. Kurz nach der norwegischen Grenze trübte der Himmel ein und als sie die Brücke über den Saltstraumen hinaufschossen, fielen die ersten Regentropfen. Wo ist der Scheibenwischer?, rief Leif nach hinten, während Frank vom Beifahrersitz aus alle Hebel neben dem Lenkrad ausprobierte. Die Egon zuckte mit den Schultern, den habe ich nie gebraucht. Die Brücke war eng. Die Druckwelle eines Lasters rüttelte am Wagen. Aber Leif trat beharrlich auf’s Gas und hielt die Tachonadel bei konstant hundert. Mach‘ langsam, schrie die Egon, wie sollen wir bei der Geschwindigkeit das Dach drüberziehen. Mit den beiden finnischen Trampern mühte sie sich an dem alten Kunststoffetzen. Leif blieb stur, drehte die Musik lauter, der Wagen röhrte. Binnen Sekunden der Gleichzeitigkeit geschah folgendes: Platzregen, ein weiterer LKW, das Dach von einer Böe abgerissen, Blaulicht von irgendwo, Come On Baby Light My Fire im Radio, KEIN Scheibenwischer, Schluss mit Wehendes-Haar.

Dann schob sich in Zeitlupe dieses Wohnmobil direkt auf sie zu. Viel zu spät zum Bremsen, Lenkradrumreißen, Vor-Angst-in-die-Hose-machen oder gar Beten. Die Egon schloss die Augen und als sie sie wieder öffnete, stand der Wagen, Leif, kreidebleich, klammerte zitternd die Hände ans Lenkrad. Dadidüdeldü-dadidüdeldü-dadidüdeldü-dümm, hauchten die letzten Takte der Doors aus dem Radio. Das Wohnmobil war verschwunden. Klatschnass saßen sie in dem Cabriolet und starrten auf das Loch im Brückengeländer. Ein Polizeiauto stoppte hinter ihnen. Es mochten Minuten vergangen sein. You can not stop here for sightseeing hörte die Egon den Polizist sagen. Sie war ausgestiegen und starrte hinunter ins trudelnde Auge des Saltstraumens. The Caravan … stotterte die Egon. It’s there, zeigte sie in die Fluten. Der Polizist ging zu dem Loch im Geländer. Sorry, Lady, we have to repair it. There was an accident a few days ago. Nobody was injured. A truck passed here and hit the fence. But we had an accident with a caravan and it disapeared here, keuchte die Egon. Der Polizist lächelte: A caravan? We did not see any caravan and we passed the bridge directly behind you … by the way, you might have been a little bit fast. And: WHERE IS YOUR ROOF?

Mein Gott, wieviele Jahre ist das jetzt her, dachte Leif. Immer, wenn er in existenzielle Situationen kam, lebensbedrohlich, besorgniserregend,  beängstigend, kam ihm die Sache auf der Saltstraumenbrücke in den Sinn. Obschon über die Jahre die Erinnerung nach und nach verblasste, blieb das Bild von dem Wohnmobil eine unheimliche Konstante. Wie ein nicht tilgbarer Tippfehler zog es sich durchs Buch seines Lebens. Wie das Wohnmobil auf sie zuraste und die Brücke zum Tunnel geriet, die Zeit zur Ewigkeit machte. Mit den Jahren verblasste alle Erinnerung an jenen Tag und übrig geblieben war nur das Wohnmobil, das womöglich nie existiert hatte. Eine zum Monument gemeiselte Schrecksekunde. Nun fand er sich wieder in einer ähnlichen grotesken Situation. Aus dem Nichts und ohne zu wissen, wie das überhaupt möglich ist vom Büro in diesen Kerker. Von der Arbeit an der A20 Brücke, die ihm wegen der Sandgründung alle Ingenieurskünste, die er sich je angeeignet hatte, abverlangte, in ein dunkles Loch, von dem er weder wusste, wer es gebaut hatte, noch, wer der Kerkermeister war. Eine Fesselung ist nur eine andere Form der Statik, erinnerte er sich. Alles Leben ist Statik. Es besteht aus Querstreben und Längsstreben, aus Zug-, Druck- und Scherkräften und wenn man über die Kräfte bescheid wusste und wie sie einander aufheben, so konnte man fast jedes Problem lösen. Das Rohr, an dem seine Hand festgebunden war, war einbebettet in das Kräftegefüge des Kerkers, das er mit Bordmitteln wohl nicht berechnen konnte, aber die andere Hand, die, die am Gürtel festgezurrt war, die konnte er berechnen. Nicht nur das, sie war auch beweglich.

Die nächsten Stichworte sind Staubsauger, Hackklotz und verflixt

Frau Blau möchte wohl gerne das dritte Kapitel schreiben, habe ich mir sagen lassen.

Die Geschichte ist offen.

Personnage:

Er (Leif)
Putzfrau
Die Egon
Zwei finnische Tramper
Frank
Norwegischer Polizist

Zeitlinie:

Jetzt und 1990

Kapitel:

Teil 1 (Sofasophia)

Teil 2 (Irgendlink)

Rückblick nach Oberösterreich

Wie versprochen nun noch ein paar Bilder von der Reise nach Oberösterreich, wo ich Irgendlink letzten Donnertstag nach seiner fast zweiwöchigen Rad-Kunst-Liveblog-Reise nach Hallstatt getroffen habe. Zusammen haben wir dort Martin Kunze und das MOM (Memory of Mankind) in den SalzWelten von Hallstatt kennengelernt und zwei tolle Tage in der Umgegend verbracht.

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Bilder:
Nikon (mit DigiKam verkleinert und wassergezeichnet)

Schritt für Schritt

10 – 9 – 8 – 7 – 6 – 5 – 4 – 3 – 2 – 1 – badouuuuf … So fing unser cooles Hörspiel an, das ich mit drei Klassenkameradinnen als Schulaufgabe in der zweiten oder dritten Bez. ausgetüftelt hatte. Den Countdown haben wir bei irgendeiner Sciencefiction-Sendung im Fernsehen mit einem Kassettenrecorder aufgenommen, den Rest des selbst erfundenen Hörspieltextes ebenso. Den habe ich jedoch längst vergessen. Nur die Erinnerung an ein paar witzige Stunden ist geblieben. Neue Projekte machen meistens Spaß. Und viel Arbeit auch, Arbeit jedoch, die Freude bereitet.

Ein bisschen wie vor und nach dem Countdown ist es mir auch jetzt zumute. Seit heute kann man nämlich das erste Text-eBook von Irgendlink – Schon wieder ein Jakobsweg – käuflich erwerben. Und zwar, wenn man hier draufklickt.

Einen Monat lang pilgerte der Liebste nämlich vor zweieinhalb Jahren von den Pyrenäen nach Santiago, um nicht nur das Leben als Pilgrim am eigenen Leib zu erfahren, sondern auch seine langjährig gebrütete Vision vom Livebloggen weiterzuentwickeln. Das Buch ist die Zusammenfassung der damals geschriebenen Artikel – ohne die redaktionellen Beiträge meinerseits und auch ohne die Kommentare all der tollen Mitreisenden zuhause am PC. Ergänzt dafür mit ein paar unveröffentlichten Artikeln, die in den Tiefen des iPhones geruht haben. So ist ein zusammenhängender Bericht, ein Buch mitten aus dem Pilgeralltag heraus, entstanden, der mich beim erneuten Lesen wieder voll gepackt hat. Das Buch ist rechtzeitig als Auftakt zur nächsten Reise, die morgen losgeht, erschienen. Über das neue Projekt Bilder für die Ewigkeit gibt es genau hier mehr Infos: Draufklick.

Apropos Countdown, ist nicht jeder Tag einer für den nächsten, der Morgen für den Abend, der Winter für den Sommer? Und war nicht meine heutige Zugfahrt ein Countdown für den Arbeitstag im Büro? Die letzte Viertelstunde meiner Reise teile ich mein Viererabteil mit einem bierdosenbestückten Mann, der zu einer Gruppe anderer hinter mir sitzender BierdosenhalterInnen gehört. Zum Glück lässt er mich in Ruhe. (Was er wohl über diese komische Frau denkt – falls er denn etwas über sie denkt – die da auf ihrem Telefon einen Thriller liest?) Ich gebe zu, dass mich die kollektive Alkohlfahne der Gruppenmitglieder abstößt. Ich ringe mit mir, ob ich einfach aufstehen und mich woanders hinsetzen soll, doch da mir niemand etwas zuleide tut, einzig meine Nase überfordert ist, lasse ich es bleiben und verhalte mich unauffällig und politisch korrekt.

Eine der beiden zur Gruppe gehörenden Frauen, die im Abteil unmittelbar hinter mir sitzt, hat ein kleines Hundchen dabei, das artig auf einer Zeitung liegt. Auf einmal fängt sie mit der andern Frau im Nachbarbteil einen lautstarken Streit an. In schönstem Berndeutsch. In keinem Dialekt gibt es so herrlich derbe Schimpfwörter! Du bisch e Logimoore (du bist ein Lügenschwein). Immer schon. Das wusste ich schon die ganze Zeit. Mir kannst du nichts vormachen. Ich würde dir am liebsten die Fresse polieren. Und so weiter, und so fort …

Als die andere mit schwachen Rechtfertigungen antwortet, holt die Hundehalterin nur umso kräftiger aus und wiederholt ihre Wahrnehmungen in immer neuen Schimpftiraden. Es fehlt nur noch, dass sie aufsteht, den Gang zwischen ihr und der Kontrahentin überschreitet und ihre Drohungen wahr macht. Ich überlege Notfallszenarien. Wie würde ich reagieren, wenn sie sich anfangen sollten zu prügeln und wieso sagt keiner der Männer, die mit im Abteil sitzen, etwas?

Es ist mucksmäuschenstill. Außer mir sitzen ja auch nur noch etwa vier oder fünf Unbeteiligte mit im Wagen. Allmählich schwillt die laute Stimme der Hundehalterin ab und wird wieder normal. Da und dort setzen wieder Gespräche ein und alle verhalten sich so, als wäre nichts gewesen. War da überhaupt etwas oder war das eben nur ein täglich sich wiederholendes Ritual, eine Art Reinigungsritual gar?

Heute ist nicht viel los im Büro. In der Pause tauschen wir über Menschen und ihre Schicksale aus und ich lese in der Zeitung von einer Bluttat mitten in Bern, genau in der Straße, in der ein früherer Partner gewohnt hat. Und zwar an der Bushaltestelle, wo ich jeweils den Bus verlassen habe. Und das ganz in echt. Verrückte Welt! Auf einmal fällt mir jene Stelle aus dem Buch Die Welt auf dem Kopf ein, wo die Autorin Milena Agus den Protagonisten Jackson junior sinngemäß sagen lässt, dass die Welt nicht wirklich schlecht sein kann. Wäre sie es nämlich, würden in den Zeitungen nicht die schlimmen, sondern die guten Dinge stehen, erklärt er. In den Zeitungen stehen nämlich immer die nichtalltäglichen Sachen. Hat was.

Ich kann am Nachmittag ein paar Fleißarbeiten für die Statistik erledigen und tauche dazu tief in einige Fallgeschichten ein. Geschichten von Menschen, die durchs Netz gefallen sind und sich ihr Leben irgendwann ganz anders vorgestellt haben. Im Zug nach Hause sitzt im Abteil vis-à-vis eine junge Großmutter mit ihrem vielleicht anderthalb Jahre alten Enkel, der ihr die Welt erklärt und mit ihr Zeitung liest. Wissensdurstig wiederholt er alles, was im die Frau sagt und hängt überall Fragezeichen an seine Sätze. Er will es wissen! Er hat das Leben noch vor sich. Hat noch keine Ahnung von vielem, der Glückliche, weder von Bierdosen noch von Netzen, durch die man fallen kann. Weder von Herzschmerz noch von Not. Möge auch in der Welt, in die er hineinwächst, die bösen Dinge in der Zeitung stehen, weil sie nichtalltäglich sind.

10 – 9 – 8 – 7 – 6 – 5 – 4 – 3 – 2 – 1 – badouuuuf …

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EDIT: Wer weder eReader noch Smartphone noch Tablet hat, kann auch auf dem Browser eBooks lesen. Unter den browserbasierten Epub-Readern für Firefox empfehle ich den EPUBReader und Lucifox. Die kostenlosen Addons lassen sich einfach installieren und die epubs mit ein paar Klicks auf dem Bildschirm öffnen. Viel Spass!

Das Rascheln hinter dem Vorhang

Seit ungefähr einem Monat nimmt das Kunstprojekt Bilder für die Ewigkeit Gestalt an und in acht Tagen fährt der Liebste bereits wieder los. Für zwei Wochen, während denen ich wieder als Homebase sein Kunstblog irgendlink.de redigiere.

Ewigkeit trifft Gegenwart könnte man das Projekt auch überschreiben. Ich zitiere aus der Pressemitteilung, die wir heute Morgen vollendet haben:

Nach fast dreijähriger Forschungsarbeit im Bereich Liveblogging und Direkt-Publishing, geht der Zweibrücker „Künstler in Bewegung“ ab 20. Juli 2013 ein neues Projekt an, das im Spannungsbogen „Ewigkeit trifft Gegenwart“ rangiert. Die Reise führt von Zweibrücken in der Pfalz entlang französischer Kanäle über Süddeutschland ins Weltkulturerbe Hallstatt in Oberösterreich. Unterwegs entstehen per Smartphone etwa 120 Bild-Text-Montagen, die für das Memory of Mankind-Projekt des Hallstätter Keramikers Martin Kunze fortlaufend auf Keramikfliesen gebrannt werden. Das Konzept des Österreichers besteht darin, für das Memory of Mankind das Wissen, die Kultur und auch das Alltägliche unserer Zeit in den Salzstöcken des Weltkulturerbes Hallstatt zu sammeln.

Pure, gelebte Gegenwart mit all ihren Haken und plötzlichen Wendungen, ihren Irrungen und impulsiven Selbstverständnis trifft auf Ewigkeit. Der Reisekünstler Irgendlink (Jürgen Rinck) und Martin Kunze vom Archiv-Projekt „Memory of Mankind“ haben sich zu einem interaktiven Experiment zusammengeschlossen, um diesen Prozess näher zu beleuchten. Die beiden Visionäre fanden sich, um gemeinsam sowohl philosophische, als auch kulturelle und wissenschaftliche Aspekte unseres Umgangs mit dem Lauf der Zeit auszuloten. Konzeptkünstler Rinck will den gelebten Moment möglichst zeitgleich und hautnah mit der Webgemeinde teilen und dokumentiert dazu seit 2010 all seine Reisen zeitnah in Bild und Text in seinem Blog.

Quelle: irgendlink.de > Pressemitteilung

Wir freuen uns über viele Mit-Zeitreisende und auf eine kostbare neue Erfahrung.