Empathie. Wertschätzung. Die Liebe anderer
Menschen. Abhängigkeiten. Vom
Wetter zum Beispiel. Oder
von Schönheit. Zoomen. Hingucken. Schnee-
glocken-Sprösslinge, wo gestern noch Schnee
lag. Frühlingsahnung. Sonnenstrahlen. Wertschätzende
Worte im Büro. Meine Finger, die über die
Tastatur rasen. Die Entscheidung, heute Abend zuhause zu
bleiben, obwohl ich so A.s Lesung im ONO verpasse. Dafür
das Sofa genießen. Die Ruhe. Tagebuchschreiben. Sein. Seelen-
baumelei. Lesen. Mit Lisbeth Salander mit fiebern. Ob
Blomkvist es schaffen wird, ihre Unschuld zu beweisen? Er muss.
Bücher müssen ein Happyend haben. In Farbe. Das
Leben auch. Immer
wieder. Obwohl es kreist. Oft genug
schwarzweiß. Unten wird oben. Und
umgekehrt. Oder horizontal. Drei
Dimensionen. Oder mehr.
Vielleicht. Vorläufigkeit immer. Alles.
Kategorie: Herzgespinst
Wo ist die Bremse?
Zu viel Zeit zu haben, so sagte meine Freundin K., mit der ich heute telefonierte, ist nicht unbedingt kreativitätsfördernd. Sie muss es wissen. Sie hat – aus gesundheitlichen Gründen – viel Zeit. Zu viel bisweilen. Doch zu wenig ebenfalls nicht!, konterte ich. HansimSchnäggeloch-Gefühle schwebten zwischen L. und Bern durch den Äther.
Tja. Meine Kreativität scheint zu schlafen. Mir fällt zurzeit einfach nichts Geistreiches, Geniales, Exorbitantes, Einmaliges, Atemberaubendes ein. Jedenfalls nichts, worüber ich bloggen könnte.
Doch ist es wirklich die Kreativität, die fehlt? Oder sind es Inspiration oder Zeit? Der böse Alltag vielleicht, dieser Langweiler? Die viele Arbeit? Die Zahlen, die ich zurzeit von A nach B schaufle oder die Adressdatenbanken, die ich update? Sind sie die Bösen, die verursachen, dass mir keine klugen Sachen einfallen, über die ich bloggen könnte? Der Schnee gar?
Tatsache ist, dass ich im Moment das Gefühl habe, alles gesagt, alles geschrieben, alles gelesen zu haben, was es gibt. Und außerdem das Gefühl, im Alltag nicht wirklich zu leben. Zahnrad zu sein. Oder eine dieser Kugeln im Pirmasenser Dynamikum, das J. und ich am Samstag besucht haben. Sie drehen und drehen. Bis sie ins Loch fallen. Um wieder rausgeholt werden. Und dann nochmals und nochmals. Und immer wieder drehen sie neu.
Wie war er doch gleich, jener Spruch, als wir jung waren? Haltet die Welt an, ich will aussteigen! Na ja, vielleicht nicht gleich anhalten, bitteschön. Und aussteigen … na ja, das auch nicht grad. Entschleunigen reicht.
Mit allen Sinnen
Kaffee. Mit Schokolade drin. Wunderbarer Geruch dringt zum Hochbett herauf und kitzelt meine Nase. Unten knarrende Schritte auf dem Holzboden. Das Öffnen und Schließen der Ofentüren. Quietschende Scharniere. Holz knallt und singt. Tanzt mit den Flammen. Durchs Dachfenster über mir das weiße Licht von Schnee. Neuschnee. Vielleicht werden wir eingeschneit. Ohne Fragezeichen. Kalt und warm ganz nahe beieinander. Außen und innen.
Wie existentiell Wärme doch ist! Hier oben, auf dem Berg, wird mir das einmal mehr bewusst. Vor zwei Jahren ungefähr durchlebte ich eine Phase, wo mir Gedanken an die Zukunft – im Hinblick auf unsere Ressourcen wie Wasser und Öl – fast Panik verursacht hatten. Nicht dass sich in der Zwischenzeit am Status Quo der Erde viel zum Guten verändert hätte, im Gegenteil, doch inzwischen lösen solche Gedanken keine Panik mehr aus. Ändern kann ich mit den Sorgen, die ich mir heute mache, eh nichts. Pragmatismus hat diese abgelöst.
Eine meiner damals brennenden Fragen war: Werden wir Menschen, wenn die Erfüllung unsere Grundbedürfnisse gefährdet ist, sozialer oder werden wir egoistischer? Anders gefragt: Werde ich zum Tier, wenn ich kalt habe? Gestern, am Ofen, war sie auf einmal wieder da, diese Frage. Allerdings eher auf der intellektuellen Ebene. J. meinte: Egoistischer werden wir. Bestimmt. Das zeigt doch schon die Geschichte.
Wohl hat er recht. Würde heißen, ich wäre genauso egoistisch wie alle anderen. Wie jene, über die ich mich nerve. Vielleicht. Will ich zwar nicht. Ist aber so. Bestimmt. Und du auch. Du da ebenfalls. Oder?
Können wir, so fragte ich, also nur sozial handeln und sozialer werden, weil wir oder wenn wir genug haben? Oder gar Überfluss? Fragezeichen. Viele sogar. Immerhin etwas, wovon ich ohne jede Frage überzeugt bin: Not macht kreativ.
Nun. Hier. Jetzt. Was brauche ich wirklich? Ich lege ein neues Stück Holz nach. Genieße die Wärme und den Gesang aus dem Ofen. Feuer riecht nach Kind. Das Kind in mir ist mit allen Sinnen Mensch und nimmt jeden Augenblick so, wie er ist.
direkt
Letzten Sonntag im Wald
auf der Suche nach einem Cache notiert:
Das Weltbild der Satelliten …
Und gedacht:
Sagen sie die Wahrheit, die Absolute gar? Wissen sie alles, diese
künstlichen Sterne da oben? Oder nur wo ich bin, aber
nicht warum und wie …
Notiert auch dies:
Die Wahrheit der Satelliten …
Und zugleich an dieser gezweifelt. Denn
sie wissen nicht. Nichts. Nicht wirklich. Sie können nur
Auskunft erteilen. Auskunft über Zusammenhänge. Kaltes Wissen. Und ich
begriff, während ich dem Pfeil auf dem GPS folgte, dass
oft
immer
nicht der direkteste Weg der kürzeste ist. Und genau da, zweihundert
Meter vor
dem Ziel hatte ich keinen Strom mehr.
Verirrt habe ich mich trotzdem nicht.
loslassen
Er dreht meinen Kopf sachte von links nach rechts. Von rechts nach links. Lass los, sagt er leise. Und ich versuche es. Ganz intensiv. Mit aller Kraft. Doch je mehr ich mich aufs Loslassen konzentriere, desto mehr spanne ich mich an. Kopf und rechte Hand scheinen von Loslassen wenig Ahnung zu haben. Tja, sie sind es eben gewohnt, den lieben langen Tag die Kontrolle zu haben. Handeln und denken.
Mein restlicher Körper dagegen lässt sich, scheint es mir, ganz locker von den Händen meines Esalen Massage Practitioners bewegen und entspannen.
Hach, wie gut loslassen täte! Besonders heute. Doch mein Kopf ist mal wieder so voll, dass er beinahe platzt. Zwar sind die Schmerzen inzwischen erträglich, doch den brummigen Lärm all der vielen Gedanken würde ich ganz gerne gegen lauter Nichts eintauschen.
Ganz allmählich döse ich doch weg. Überlasse mich dem sanften Druck geschulter Hände und lasse mich einfach zu. So wie ich bin. Ist doch eigentlich gar nicht so schwer …
Fünftes sofasophisches Gesetz
Das Wetter, so schrieb ich neulich, sei ein Thema worüber alle sprechen können. Immer.
Ein weiteres dieser Dauerthemen, die sich für alle eignen, ist die Zeit. Den einen vergeht sie zu langsam, den anderen zu schnell. Dann gibt es solche, die – wie ich – ein sehr ambivalentes Verhältnis zum Vergehen der Zeit haben. Die nicht an die Linearität ihres Vergehens glauben mögen. Und vermutlich gibt es über die Zeit sowieso nichts neues mehr zu sagen. Also: Bitte nicht weiterlesen. Es könnte sein, dass ich dir deine Zeit vertreibe …
Einer der Kehrreime meines Lebens klingt so: Wieso ist da immer zu wenig Zeit für diese Dinge, die ich gerne tue? Immer bleibt mir zu wenig von ihr, wenn es um jene Aktivitäten, jene Nichtstuereien und jene Begegnungen geht, die mich am meisten nähren … Was mache ich bloß falsch? Die nährenden Tage – sie sind immer zu kurz. Müssten dreißig Stunden dauern. Mindestens.
Und jene anderen Tage, wo Pflichtenberge doppelt so schnell nachwachsen, wie ich sie abtrage, müssten halb so lang sein. Weil sie ja schneller wirbeln. Und natürlich dürften sich Pflichten nicht vermehren. Und natürlich weiß ich, dass das alles Nonsens ist, kindisch, unreif. Und du bist echt selber schuld, wenn du das liest!
Na ja … Dennoch wünsche ich es mir … Möchte Zeit haben, vielviel Zeit … Und auch immer genug von allem andern, was ich sonst so brauche. Und auch das, ich weiß es, ist ein Traum. Einer meiner Lieblingsträume sogar. Und vielleicht gar kein Traum?
So, und genau dieses Geschreibsel stelle ich jetzt ins Blog. Unausgegoren. Einfach so, weil ich Lust habe. Denn alles, was wir lustvoll tun, ist gesund. Siehe Titel. Und die ersten vier? Hm. Die haben sich irgendwo in anderen, früheren Blogartikelchen versteckt. Und ob es vier sind, weiß ich nicht mehr. Ist egal.
finden
Rätseln und lösen scheinen offenbar ebenso menschliche Grundbedürfnisse zu sein wie sich kulturell auszudrücken. Ich brüte am Küchentisch über einem Sudoku, das mir, so ich es richtig lösen kann, einen möglichen Preis in Aussicht stellt. Hach, ich liebe diese Tüfteln. Vergesse alles um mich her. Auch das Denken. Es denkt und tüftelt automatisch. So ähnlich, wie ich Auto fahre oder blind die PC-Tastatur bediene. Geniales Time-Out für meinen Kopf. Und zugleich wirbeln sämtliche je gemachten numerischen Erfahrungen durch meine Innenräume. Gleichzeitig, und ebenfalls ohne zu überlegen, fülle ich beim Kreuzworträtsel auf der gleichen Zeitschriftseite ein paar Wörter ein und schon bald lässt sich das Lösungswort erraten. Die vorhandenen Buchstaben lassen sich problemlos ergänzen. Rätselfactory steht kleingedruckt in einem der Felder dieses Kreuzwort-Puzzles. Aha. Da gibt es also regelrechte Kreuzworträtselarchitektinnen und –bauherren! Dass es Ideenfabriken gibt, weiß ich, aber über die Rästelindustrie habe ich echt noch nie gerätselt. Logisch aber, dass es für dieses menschliche Bedürfnis einen organisierten Markt geben muss.
Tja, dieses ewige Spiel mit den menschlichen Sehnsüchten! Auch Wettbewerbe und die Aussicht auf Preise – und seien sie noch so banal – gehören da hinein. Perpetui mobili der besonderen Art! (Verzeiht, liebe LateinerInnen, diese verquere Vernomenisierung …)
Item. Manipulation von Gefühlen, das Wecken schlafender Hunde … davon lebt letztlich die Wirtschaft. Oder wohl besser von unserer Manipulationsbereitschaft?
Rätsel und Ideen austüfteln soll Spaß machen. Finde ich. Und noch mehr Spaß macht es, wenn die Ideen uns von alleine finden, sich in unseren Gehirnwindungen festklammern und da hockenbleiben, bis wir ihnen das Wort erteilen.
Vor bald einem Monat, in den Pyrenäen, erteilte ich einer solchen Idee das Wort. Der Idee für meinen ersten Geocache! J. hatte mich in den Tagen zuvor in die Kunst des GPS-Handling und des Geocaching* eingeführt und mich mit der Leidenschaft, nach Erdverstecken zu suchen, infiziert. Mit der Lust, Schätze, die überall auf der Welt an wunderschönen Plätzen in der Natur verborgen waren, zu finden.
Logisch also, dass auch ich schon bald solche Schätze verstecken wollte. In Bern zum Beispiel. Und natürlich würde ich die Koordinaten codieren, Rätsel austüfteln. Da war sie also, die Idee. Vor ein paar Wochen.
Nun endlich, heute, kann ich sie umsetzen. Was irgendwie das Schönste an Ideen ist. Und an Rätseln. Mein erster Cache, den ich jetzt dann gleich verstecken werde, ist den vier Elementen ist gewidmet. Womit wir bei einem weiteren menschlichen Grundbedürfnis wären: Teil des großen Ganzen zu sein: Luft, Feuer, Wasser, Erde.
Suchen, finden, sein.
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*Geocachen ist, wie einige von Euch vermutlich wissen, eine Art Schatzsuche. Mittels Website (www.geocaching.com) erfahre ich mehr über die Lage und den Inhalt eines versteckten Schatzes. Jeder der dort aufgeführten Erdverstecke ist nur mittels der dort aufgeführten oder zu errechnenden Koordinaten zu finden. Und nur von angemeldeten Mitgliedern. Die Schätze bestehen meist aus Tupperware-Dosen mit Logbüchern, welche jeweils wieder am gleichen Ort versteckt werden.
Memory
Hab ich vergessen, keine Ahnung mehr, wie das war!, sagte ich zum Scheff, als er von mir wissen wollte, wie wir dies und jenes letztes Jahr gehandhabt hatten. Später auf einmal der Gedankenblitz: Ah, jetzt erinnere ich mich wieder … das war doch so und so!
Zwar habe ich die Fakten in irgendwelchen digitalen oder Papier-Ordnern abgelegt, doch es war mein Gedächtnis, das mich letztlich daran erinnert hatte, wie es letztes Jahr gelaufen war. Es war mir einfach so wieder eingefallen. Und dies, obwohl mir Kollegin A. nachsagt, dass ich in der letzten Zeit ziemlich vergesslich oder zumindest zerstreut sei. Frechdachs!
Verrücktes Teil, das Hirn! Festplatte. Rechner. Gedächtnis. Erinnerung. Speicher. Alle Dateien auf einem Haufen. Wie viele Gigabytes ich wohl unter meiner Schädeldecke zusammenpresst habe?
Erinnerungen, sie sind die Schnur, an der wir uns durchs Leben hangeln. Selbst wenn ich mich nicht wirklich an Details erinnern kann. Und selbst wenn ich mich nicht mehr erinnern will. Sie sind einfach da. Unsichtbar. Unfassbar. Und sie bestimmen doch jede meiner Handlungen. Alles was ich tue, baut auf Erinnerungen an gemachte Erfahrungen auf. Angefangen beim Fahrradfahren über das Abschließen meines Zahlenschlosses bis hin zu der gewählten Route durch die Stadt. Ich weiß, in welche Läden ich gehen muss, um zu bekommen, was ich suche. Ich erinnere mich. Automatismen. Verrücktes Teil, das Hirn!
Und leider ist da auch ganz viel Müll gespeichert. Wie gerne würde ich ganz viel altes Zeug rausschmeißen! Oder neu schreiben.
Habe bei Blinkyblanky über überflüssig gewordene Krücken gelesen: „Wer würde nicht mit Genuss seine Krücke wegwerfen, wenn er wieder ohne gehen kann, doch was macht er: er legt sie auf den Speicher (=Festplatte!), falls er sie noch mal braucht.“
Na ja, ich stelle meine Krücken zwar mangels Speicher in den Keller, denn die fressen ja dort unten kein Heu. Doch wozu? Gebrannte Kinder, die wir Menschen sind, speichern wir eben vor allem jene Dinge, die uns für die unsichere Zukunft Schutz vorgaukeln. Würden wir doch statt dessen besser all die wunderbar leichten, übermütigen, magischen, verträumten Momente speichern! Und darauf vertrauen, dass die Zukunft, noch ungeschrieben, viele ebensolche glückliche Erlebnisse für uns bereit hält. Tja, das neu zu schreibende Programm für meine Bio-Festplatte müsste unbedingt genau diese Fähigkeit beinhalten!
Habe gestern Vormittag im Büro lange mit meinem Lieblings-IT-Supporter telefoniert. Ein Datenbank-Programm, in das ich in den letzten Tagen eingearbeitet worden bin, zickt. Noch immer. Trotz De- und Neuinstallation. Ein kleiner Teil der Konfigurationen ist offenbar noch nicht richtig eingestellt. Fehlende Vernetzungen müssen eben erst hergestellt werden, bevor wir die Software in ihrem vollen Umfang anwenden können. Wie im Leben: Netzwerke fallen nicht vom Himmel. Wir weben sie täglich mit unseren Gedanken und Handlungen. Feine Fäden zuerst, dann immer dickere. Werden Erinnerungsstränge. Auf die wir zurückgreifen. Bei allem was wir tun.
1440
Ich spinne. Fäden. Rote. Braune. Was
nicht ist, war nie. Was nie sein wird, auch
nicht. Im Gefäß, das wir Tag nennen, sammelt
sich Zeit. Tag. Vierundzwanzig Stunden. Tausend-
vierhundertundvierzig Minuten. Sechsundachtzig-
tausendvierhundert Sekunden. Alle mit Anfang und Ende, säuberlich
definiert. Mit Grenzen, die nur sind, weil
wir sie benennen. Uhren, die nur ticken, weil
wir sie ticken und zählen heißen, Sekunden, Minuten, Stunden.
Tage. Tage, die tun als ob. Tage, die sich um
Mitternacht den Stab weiter reichen und sich
danach auflösen, als wären sie nie gewesen und sich
hinter den Vorhang der Vergangenheit
einreihen, die immer schon war. Oder nie.
Die
nicht
ist.
Nie mehr. Oder weniger.
Vielleicht ein Punkt? Womöglich
ein Ausrufezeichen. Schon vorbei.
Zukunft als Doppelpunkt mit
Anführungszeichen. Und Pünktchen. Ungeschrieben, doch
immer schon da. So oder anders. Wie eine
Wüstenrose ohne Wasser. Begeisterung der
Name des Wassers, das sie wecken wird. Lebendig
ist sie zum Trotz. Schon immer. Konservierte,
getrocknete Lebendigkeit. Schlummernd. Wartend.
Falsch! Sie wartet nicht. Sie erwartet nichts, sie
ist. Existent. Wirklich. Mehrspurig, nicht eingleisig
hängt sie ins Jetzt. Mein Jetzt schwabt
rückwärts. Ein bisschen. Roter
Faden verwebt die Zeiten, die nichts
sind. Nichts außer Gefäße. Dünn, hauchdünn,
spinnwebenfadengleich. Vernetzt mit allem, oben
und unten, hinten und vorne. Ebenso
verbunden mit Sicht- wie mit Unsichtbarem. Mit
springenden Punkten ebenso wie mit Schlusszeichen.
irgendwie schief
Digitale Bildbearbeitung, so habe ich neulich von J. gelernt, kann sich auf mehrere Ebenen ausdehnen. Ein Bild kann unendlich oft aufeinander kopiert werden, so dass Ebene für Ebene nach Gusto bearbeitet werden kann. Wie Overheadprojektor-Folien, die aufeinandergelegt seien, müsse ich mir das vorstellen. Wenn alle Folien schön aufeinander liegen, sehen wir nichts von den verschiedenen Ebene. Schizophren irgendwie? Die verschiedenen Ebenen können sogar bildfremde Objekte enthalten oder sein, dazu gefügte Elemente also. Zur Ergänzung oder Erweiterung des Gesamtbildes. Noch schizophrener? Oder ganz normal. Denn, wie gesagt, wenn alle Folien korrekt aufeinander liegen, sieht niemand etwas von der Splitterei und den vielen Schichten.
Auch meine vielen Lebensebenen schichten sich derart aufeinander. Hin und wieder lege ich eine neue Folie drauf, hin und wieder ist die eine oder andere Folie überflüssig geworden und löst sich auf. Doch werden es dennoch, je älter ich werde, immer mehr Folien. Und immer bin ich auf Kongruenz bedacht. Mit immer mehr Folien nicht ganz einfach.
Würde ich – so dies denn ohne etwas zu zerstören, ohne Schmerzen und ohne Verluste, möglich wäre – , einige der gemachten Erfahrungen oder der erlebten Begegnungen oder Beziehungen entfernen? Würde ich gerne die eine oder andere Folie löschen? Das veränderte Gesamtbild – wäre das noch dieses Ich, das ich bin? Und würde ich das Entfernte überhaupt erinnern oder vermissen können, wo es doch nicht (mehr) da ist? War es überhaupt je da?
Mit solcherlei Herzgespinsten heute Morgen aus den Ebenen der Traumwelt aufgetaucht, in welcher, wie immer, meine Folien ziemlich verschoben wurden. Ein verändertes Bild meiner selbst. Wie immer rücke ich als erstes, noch vor dem Augenöffnen, zurecht, was schief war.


