Ahnung

Wenn ich zeichne, wenn
ich kritzle, wenn ich male, wenn
ich schreibe, ist jeder Strich der
Ausdruck eines Gefühls. Meines
Gefühls. Ein Stück meiner
Selbst, das aus meinem Inneren
fließt. Eine innere Bewegung, die
ich sichtbar mache. In jenem
Moment bin ich nichts –
nichts anderes als eben
dieser Strich, als dieses Wort, als
diese Bewegung. Und deren
Ausdruck.

Wenn du dir – später irgendwann – dieses Bild, das
ich gemalt, diesen Text, den
ich geschrieben habe, ansieht, wirst
du ihn als Ganzes sehen. Ein Eindruck.
Etwas, das dich berührt. Oder nicht. Vielleicht
wirst du darin die Bewegungen meiner
Seele ahnen (wenn du willst), ein klein
bisschen, doch alles
wird ahnen
bleiben. Meine Sprache spricht niemand
genauso. Und deine
auch nicht.

bis zum letzten Tag

Mit den Viren anstoßen. Ingwergrog in der Badewanne. Ideen kommen oft, wenn ich nichts zu schreiben habe. Mangels Papier und Stift könnte ich auf die Combox sprechen. Das Telefon liegt neben mir. Soll ich meine Gedanken mit Glasstift auf die Kacheln schreiben? Sie dampfen und fließen weiter, bevor ich sie auf Papier gebannt habe. Roh wird veredelt – eben jetzt – beim Abtippen der dürftigen Notizen. Und beim Erinnern. Aus Wörtern werden Sätze.

Was ich bis zum letzten Tag meines Lebens können, tun und lassen will, war das Thema. Und wie ich bleiben, sein und werden will.

Baden möchte ich können. Bis zum letzten Tag. So egoistisch das sein mag. Und immer schön warm haben. Lust am Leben auch. Den Sonnengruß machen, wenn möglich täglich. Beweglich bleiben will ich, innen und außen, solange ich lebe. Genussfähig ebenfalls. Liebesfähig Freundschaften pflegen. Tolerant und humorvoll sein. Denken und fühlen können. Weise sein. Interessiert und beteiligt … Sprechen, lesen, schreiben, sehen. Am Leben teilnehmen. Und Musik hören!

Was ich nicht mehr brauche? Den Komparativ. Die Buchhaltung. Addition und Multiplikation. Allenfalls erhalte ich mir Subtraktion und Division. Weniger ist mehr, heißt es ja so schön. Will nach innen wachsen. In die Tiefe. Und mit achtzig fange ich wieder zu rauchen an. Mal sehen.

Doch heute, hier und jetzt, ist ja zum Glück noch nicht der letzte Tag meines Lebens Dafür der erste vom Lebensrest. Und morgen der zweite. Oder immer wieder der erste.

Ja, und morgen beginnt das Wochenende, das mit zwei tollen Männern startet. Einem davon werde ich auf der Bühne vom ISC lauschen, den andern ganz ohne Bühnen und Podeste genießen. Was noch viiiel schöner ist.

in den Zeitungen …

die beim finanzamt scheinen irgendwie was von magie zu verstehen. oder sitzt da jetzt auch schon die percht während ihre hunde mit den beamten spielen? irgendwie hab ich so ein gefühl. manchmal, wenn ich eine viertelstunde im gitarrengedudel von einem amt gewartet habe, hab ich mir schon überlegt, ob es den staat überhaupt noch gibt? mein einziger beweis dafür ist ja, dass die zeitungen über ihn schreiben.

Luisa Francia (Quelle: salamandra.de am 14.12.2009)

Ist, was wir wahrnehmen, wirklich wahr? Stehen die Berge wirklich auch nachts an ihrem Platz? Und ist ihr Platz wirklich ihr ewig gleicher Platz oder werden sie womöglich über Nacht reingenommen, geputzt und neu gepudert, wie ich es mit J. schon oft zusammen spinntisiert habe?

Büne Huber singt in einem seiner uralten Lieder, Niemer im Nüt (Niemand im Nichts), dass er nicht mehr glaubt, was er nur sieht. Recht hat er. Glaub ich jedenfalls …

Ist Papa Staat, ist meine Phantasie, sind die Berge wahr und wahrhaftig existent? Oder nur dann, wenn ich mit ihnen in Kontakt trete? Und wie steht es mit Freundschaft, mit Solidarität, mit Liebe? Ist womöglich alles, was wir denken, wahr, weil wir es ja nicht denken könnten, wenn es nicht wäre? Wenn es nicht wahr wäre. Anders gefragt: Können wir irgendetwas denken, was nicht ist? Und ist, was ist, wahr, weil es ist?

Nun ja, wahr ist, dass ich müde bin. Oder bilde ich mir das wohl bloß ein? Vielleicht stimmt es gar nicht, dass Menschen keinen Winterschlaf machen können …

Lasst uns, was als wahr gilt, öfters mal … aber das wisst ihr ja selbst … nicht wahr?

Grenzgang

I

Einen Notizzettel in meinem Bett gefunden. Abkühlen und auftauen. Immer. Alles, steht drauf. Ein Traumfetzen war das. Oder besser einer dieser Gedanken, die kurz vor dem Schlafen oder nach dem Aufwachen vorbeispazieren. Mitte finden, heißt das. Mit Wörtern kühlen wir ab, tauen wir auf. Erwärmen wir, was zu kalt ist, kühlen wir ab, was zu heiß ist. Immer sind wir am Balancieren und am Regulieren. Auch im Jahreskreis. Festtage sind Mast-Tage. Alles ist erlaubt. Genuss und so. Die Reue-Tage folgen auf den Fuß. Diäten allerorten.

Den ganzen Stress könnten wir vermeiden, wenn wir immer schön brav in der Mitte gehen würden.

II

Was immer du auf einen Grat oder eine Grenze legst oder stellst, es wird nicht dort bleiben. Die Schwerkraft sorgt dafür, dass es früher oder später auf die eine oder andere Seite fällt. Besser also, du sorgst rechtzeitig dafür, dass es zufälligerweise so fällt, wie du es willst. Falls du weißt, was du willst.

du auch!

Schwester Gewohnheit, wieso nur mache ich dich immer so mies? Obwohl du mir dabei hilfst – falls ich dich ernst nehme und akzeptiere -, bei mir zu bleiben und nicht von all den neuen Reizen, die mich ständig überfluten, weggespült zu werden. Hilfst mir zum Glück den Bodenkontakt zu behalten. Willkommen! Haben wir dich nicht, suchen wir dich nämlich. Oder vermissen dich zumindest.

Ohne Abwechslung, ohne neue Impulse wäre Gewohnheit unerträglich. Ohne Gewohnheit wäre das Neue unerträglich. Ohne Zuhause wäre die Fremde nichts als fremd. Ohne Fernweh wäre das Zuhause ein tristes Gefängnis. Unterwegs zu sein ist darum immer auch anzukommen. In unsren Gewohnheiten. In der Ferne ebenso wie zuhause.

Ich bin nie und nirgends nur das eine ohne das andere. Kein Gaspedal ohne Bremse. Keine Bremse ohne Gaspedal. Und keine Metapher ohne reale Entsprechung. Das Ganze ist beides, nein, nicht nur beides, alles! Denn es gibt immer mehr als bloß hinten und vorne oder oben und unten. Und auch ich bin immer alle und alles. Und du auch. Und du und du und du ebenfalls!

Dieses Zitat aus meinem diesjährigen Novemberschreiben-Manuskript  namens Keine Ahnung passt irgendwie zu meiner aktuellen Stimmung. Zu den zwei Herzen, die heute Nachmittag in meiner Brust schlugen. Nun schlägt nur noch eins, denn irgendwann musste ich mich schließlich entscheiden: Zürich oder nicht?

Mein lieber Freund M. und ein gemeinsamer Freund, P., hatten zu einer Lesung mit Impro-Konzert geladen. Soll ich fahren? Soll ich nicht? M., ein weiterer gemeinsamer Freund, hätte mich sogar begleitet. Doch schließlich siegte meine innere Faulpelzin. Nach einem langen Tag unterwegs im Oberland hatte ich ihr das Ruder überlassen. Ist okay … Nein sagen ist okay.

Na ja … nun gilt es allerdings weitere Entscheidungen zu treffen. Lesen? Oder Schreiben? Oder mal wieder einen Film gucken? Gopf, wieso müssen wir uns eigentlich ständig für oder gegen etwas entscheiden?

Vielleicht werde ich mich einfach aufs Sofa legen und einfach wieder mal NICHTS tun!

Prokrastination Vol. 2

oder Die Rache des Aufschiebens

Alle tun es, nein, falsch, alle lassen es. Alle schieben Dinge vor sich her. Über das Warum zu diskutieren, ist müßig. Über die Rache dieser vermutlich in unseren Genen verborgenen Strategien zu reden vermutlich ebenso. Sie hat genauso viele Facetten, diese Rache, wie die Palette jener Dinge, die wir aufzuschieben belieben, Farben hat.

Zu meinen ganz persönlichen Lieblingsaufschiebereien gehören Prozesse, die aus mehreren aneinanderzureihender Details bestehen. Also nicht bloß: Erledige A.! Sondern so: Erledige A., doch das geht erst, wenn du A.1 und davor A.2  geklärt – wahlweise auch erledigt oder organisiert – hast. Und gleich darauf folgt auch schon B und B.1. Als logische Konsequenz dann C.1, weil … da muss ja  …

Na, Ihr wisst schon … So Dinge eben, wo der Prozess erst losgehen kann, wenn dies und das zusammenpasst. Dazu bin ich vermutlich einfach zu faul. Und zu wenig ambitioniert. Und leider gibt es davon in unserem Büro einiges. Und netterweise sucht sich so Zöix immer meinen Schreibtisch zum Warten aus. Wie gerne ich da Dinge, die aus einer von A bis Z überschaubaren Handlung bestehen und die natürlich und zum Glück auch wichtig sind, dazwischenschiebe!

Aber ebe, die anderen Dinge, aktuell der Weihnachtskartenversand, erledigen sich leider nicht allein. Im Privatleben meide ich so Sachen ja geflissentlich, doch im Büro gehört das in den Bereich Öffentlichkeitsarbeit, der immer schwerer auf meinen Schulter lastet und auf meinem Schreibtisch hockt. Heuer habe ich schlicht und einfach die Beschaffung der diesjährigen Karten verdrängt verbummelt. Immerhin habe ich mich mit dem Inhalt der Karte auseinander gesetzt. Aber ebe … Verdrängen lohnt sich nicht. Machen muss ich es ja doch. Rache, dein Name ist Druck, Stress, Hektik.

Doch zu merken, dass mich meine Kolleginnen und mein Boss nicht alleine den Karren aus dem Dreck ziehen lassen und mich sogar tatkräftig unterstützen, tut echt gut. Du hast mir ja auch schon oft geholfen, sagte G. gestern. Wirklich, so was tut gut.

Und nach Feierabend auf meinem Crosstrainer zu rennen, ist ebenfalls wohltuend. Ich lasse alle meine Gedanken des Tages los. Die ganze Hektik fällt von mir ab, während ich ganz und gar in die Musik und den Rhytmus meiner Bewegungen eintauche. Heute meine Brücke zwischen Arbeit und Feierabend. Und diesen aufzuschieben wäre doch wirklich jammerschade!

Was ich niemals aufschieben möchte …

  • den Feierabend
  • Ferien
  • ein gutes Gespräch
  • ein herzliches Kompliment
  • ein ermutigendes Wort
  • jemandem sagen, dass ich ihn oder sie mag
  • eine Massage geben oder bekommen
  • einen Kuss
  • eine Umarmung
  • guten 6+++
  • alles, was gut tut, zu tun
  • ein feines Bier
  • Genüsse aller Art
  • jetzt leben
  • … und natürlich meinen MitbloggerInnen hin und wieder ermutigende Kommentare schreiben 🙂 (… selbst wenn es bloss Zitate wären aus Bredenbergs Buch 1000 Kommentare originell, neutral, freundlichst und wiederverwendbar)

Der alte Mann

Mit M., meinem früheren WG-Gefährten, auszugehen, macht mir auch heute noch Spaß, kommt nur leider zu selten vor. Zürich liegt leider ziemlich abgelegen. Ab und zu treffen wir uns in der Mitte. Wie letztes Jahr in Brugg. Im Salzhaus gaben sich Pippo Pollina & Konstantin Wecker ein Stelldichein. Tempi passati.

Gestern, vor dem Putzen, überkam mich ein unstillbares Verlangen, in jenes Gefühl eines ganz bestimmten Abends mit M. im Zürcher Volkshaus einzutauchen. Lang ist’s her …  1998 oder so. Ein Verlangen, eine Sehnsucht nach eben jener damals empfundenen Begeisterung, nach genau jenem Genuss überkam mich unversehens. Offenbar lassen sich solche Gefühle konservieren, komprimieren und bei Bedarf wieder hervorholen.

Habe ich in meiner Karriere als Konzertbesucherin je ein leidenschaftlicheres Spiel erlebt? Der alte Mann auf der Bühne: Er war eins mit jedem einzelnen Ton, den er seinem Instrument entlockte. Ein Erlebnis, das mich zu Tränen rührte, mir eine Gänsehaut verursachte , mir unter die Haut ging …  Ein musikalischer Orgasmus, der jede meiner Zellen erschütterte …

Was von jenem Abend zurück geblieben ist? Neben einer Musikkonserve, die ich seit Jahren nicht mehr gehört habe? Die Erinnerung an meinen damaligen Wunsch, eines Tages mein eigenes Ding mit der gleichen Begeisterung, mit der gleichen Leidenschaft wie Giora Feidman zu vollbringen, und dabei – en passant – meine Brötchen zu verdienen.

Siehe da: Die Vision hat überlebt … Während ich Giora Feidman lausche, erwacht sie und räkelt sich ein bisschen. Vielleicht sollte ich dem alten Mann ein bisschen öfters zuhören?

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=U_VJ_xNawWU]

Halbmast

„… heute wurde L., die Tochter meiner Freundin L., am Herz operiert …“, hatte ich vorgestern geschrieben. Shame on me! Die zweite Herz-OP von L. ist – falls überhaupt notwendig – noch irgendwo in weiter Ferne! Missverständnisse sind zwar menschlich, aber dieses hier auch ziemlich peinlich. Sorry.
Doch immerhin wurden L. am Donnerstag zwei dramatisch verwachsene Weisheitszähne raus gebaggert. Auch nicht schön, wenn auch weit weniger dramatisch. Ein ambulanter Eingriff. Die junge Lady war zwar gestern noch angeschlagen und aß Schmerzmedis, außerdem tat ihr Lachen, unsere gemeinsame Lieblingsbeschäftigung, ziemlich weh, doch ansonsten war sie bereits wieder auf Halbmast.

Im Gymer, den sie seit Sommer besucht, habe sie im Literaturunterricht einen Text von mir vorgelesen, erzählte sie mir. Aus dem Buch Feier-Tage (Anthologie). Die SchülerInnen sollten Gegenwartsliteratur und -autorInnen vorstellen, die sie mögen. Mit meiner Geschichte Jenseits des Nebels stellte sie ihrer Klasse also – öhm, hüstel – eine von ihr gemochte aktuelle Gegenwartsautorin vor: Mich. Gopf. Die kleine große L.! Hach. Was kann frau mit einer 17jährigen bereits toll diskutieren! Dabei war sie erst noch ein Baby. Genau so eins wie Little-B., der auf den Tag genau 17 Jahre nach L. geschlüpft ist, am 28.9.09. Und den ich am Donnerstagabend und am Freitagmorgen geschösselt habe. Süßer Bursche, der mich zur Begrüßung gleich angelacht hat, als würde er mich schon immer kennen.

Hach, wie schön es doch bei meinem Freundinnen B. und L. war! Was für ein Geschenk!

Bye, bye November!

Lieber November

Nein, ich mag dich nicht sehr, bilde dir bloß nix auf diesen Brief hier ein! Dennoch will ich dir danken.

Was ich an dir mag, ist schnell gesagt: Während deiner dreißig Tage gelingt es mir meistens, ziemlich viel zu schreiben. Novemberschreibend habe ich es dieses Jahr immerhin auf ein paar Wörterkilometer gebracht. Wären sie alle plattgewalzt, meine ich. Wie ich mit J. neulich philosophiert habe. Wären alle meine Wörter eine lange, dünne Schnur, wäre ich schreibenderweise vielleicht einmal um die Welt gereist. Und wäre die Schnur elastisch, vielleicht sogar bis zum Mond.

Unzerreißbar müssten sie sein, meine Wörterschnüre, die ich spinne. Dünner als ein Haar. Und wasserfest. Winddicht. Wetterresistent.

Doch was sind schon 10383 Wörter im Vergleich zu all den ungesagten? Zu all den ungeschriebenen? Was sind schon ein paar halbgare Geschichten? Fragmente. Bruchstücke. Eine Datei auf einer Festplatte. Irgendwo. Keine Ahnung heißt es noch immer, dieses Dokument.

Warum? Warum nicht!

Lieber November, lass dir danken! Auch wenn ich dich nicht wirklich mag, bist du irgendwie schon okay.
Bye bye!

Grüße aus Bern
Sofasophia

Schnittstellen

Ob wohl mal wieder ein Credo fällig wäre? Eine kleine Spinnerei zur Gretchenfrage und anderen weltbewegenden Themen wie dem Glück?
Also gut. Glauben tun wir ja eh alle irgendwas. Wie ich früher schon behauptet habe. Auch das Glauben an nichts, ans Nichts, heißt ja, an etwas zu glauben. Vielleicht ist die Fähigkeit zu glaube ja in den Genen angelegt und diente von alters her dem Überleben?

Bei mir geschieht glauben auf einer Ebene meiner Persönlichkeit, die sich meiner Vernunft entzieht. Und auch jener pragmatischen Stimme, die mich hin und wieder glauben machen will, dass da draußen – oder wo auch immer! – nix ist. Denn sie wird sofort übertönt, wenn es drauf ankommt. Wenn es um Leben und Tod geht, sozusagen. Wenn ich selber nicht mehr klarkomme, bitte ich sofort und ohne darüber nachzudenken, jene Instanzen – Singular oder Plural, je nach Fall –, die mehr als ich können, zu Hilfe. Irgendjemand hat bis jetzt immer geholfen. 🙂

Ich stelle mir ein Ding in meinem Innenraum vor, das gleichzeitig genau gleich irgendwo außerhalb meiner Selbst existiert. Auf meinem Innending sind sämtliche Infos über mich drauf. Auf dem Außending sogar alle Infos aller anderen Lebewesen. Mein Innending tauscht sich nun also ständig mit dem universellen Außending aus. Dieses Außending –, nenn es Göttin, wenn du magst, oder Gott, von mir aus auch Google – ist so etwas wie eine universelle externe Festplatte. Vielleicht. Und da sind eben alles Wissen und alle Eigenschaften drauf, die es gibt. Alle Wörter und ihre Inhalte, alles je Gefühlte, alles je Gedachte – einfach alles, was es gibt. Alles, was ist. Alles. Als Möglichkeit. Noch komprimiert. Und wertfrei.

Wenn ich also nicht mehr alleine klar komme, stellt mein Innending Kontakt zum Außending her. Möglicherweise ist aber auch ein laufender Austausch zwischen meiner Persönlichkeit und diesem Innending in Gange. Vielleicht werde ich sogar ferngesteuert? Ohne es zu merken?

Ooops. Wertfrei habe ich gesagt? Hm. Wahrscheinlich. Da sich doch alles irgendwie über sein Gegenteil definiert. Minus fünf plus fünf gibt null. Oder so.

Scheint wahr. Oder doch nicht ganz? Weil … ich glaube nämlich ziemlich fest an Schutzengel, doch ob deren Job wirklich so wertneutral ist? Deren Job besteht doch darin, Leben zu erhalten. Und das ist doch gut. Oder nicht?

Wie auch immer … Gestern – zwischen Haguenau und Bitche – glaubte ich schon, dass mein letztes Stündchen geschlagen hat. Es war bereits fast dunkel. Landstraße. Mitten auf gut überschaubarer, leicht gebogener Strecke war ich mit neunzig Sachen unterwegs, allein auf meiner Straßenseite. Da kommen mir ein Lastwagen und drei Personenwagen entgegen. Der zweithinterste Fahrer (bestimmt ein Mann!) will die beiden vor ihm fahrenden Fahrzeuge überholen und ist deswegen ausgeschert. Auf meine Seite. Wir beide reagieren blitzschnell.
Wozu gibt es Bremsen?, denke ich. Mit einem ‚Danke, Schutzengel!‘ auf den Lippen und laut klopfendem Herz fahre ich weiter durch die Dunkelheit. Nein, sterben möchte ich wirklich noch nicht. Dazu ist es noch zu früh, glaube ich.

Jetzt bin ich auf dem Berg. Zum Glück. Regen prasselt auf die Scheibe des Dachfensters über uns. Herbstwinde zupfen an den letzten Blättern an den Bäumen. Ich liege wach. Halb vier ist es, oder so. Bin zu glücklich, um schlafen zu können. Schlafen kann ich ja immer noch, wenn ich wieder zuhause bin. Ich liege wach und suche die Schnittstelle zwischen Realität und Illusion. Beide eins? Beide eingebildet? Beide real? Ebenso wie Schönheit und Hässlichkeit eins sind. Meine Dienstagmorgen-auf-dem-Arbeitsweg-Erkenntnis fällt mir wieder ein.
Es gibt keine schlimmen Tage, es gibt kein schlechtes Wetter!, lautet sie. Selbst wenn der Himmel verhangen ist und die Luftfeuchtigkeit knapp unter hundert, ist jeder Tag schön. Oder besser: Nichts. Er ist einfach. Wie sagt doch mein Patensohn immer?
Schlechtes Wetter gibt es nicht. Nur die falschen Kleider!

Alles ist immer das, was wir daraus machen. Punkt. Ausrufezeichen.

Und genau hier – alle herhören! – genau hier ist der Schlüssel, das Geheimnis vom Glück verborgen! Glück ist aus dem gleichen Material gewoben wie das Unglück.

Ich drehe mich auf die andere Seite, schmiege mich an seinen Rücken und bin, glaube ich, irgendwie einfach glücklich. Oder so.