Zettelzöix

Ich verzettle mich in der vielen Zeit, die wie eine große Leere und wie eine große Fülle zugleich um mich herum Platz genommen hat. Ich verzettle mich auf Zetteln. In Büchern. Draußen ebenso wie drinnen. Wie zum Beispiel vorhin, als ich auf der Suche nach dem Namen einer Person, mit der ich vor zwölf Jahren Kontakt hatte, ein, zwei Stunden in alten Tagebüchern gelesen habe.

Verzettelung ist auf den Punkt gebracht mein großes Problem auf dem Weg des Vorankommens. Sagte meine Kursleiterin im Schlussgespräch letzten Freitag zu mir.

Aber was wäre, frage ich, aber was wäre, wenn sich zu verzetteln eine Gabe wäre? (Gibt es keinen Beruf, in dem sich zu verzetteln die gefragteste aller gefragten Fähigkeiten ist?) Was wäre, wenn Vorankommen, Ziel, Erfolg, wie sie unsere Gesellschaft anbetet, vielleicht gar nicht Dasjenigewelches ist, dass wir so dringend brauchen. Wenn alles anderes wäre? Und wie würde es sich wohl anfühlen, das Leben, ohne voranzukommen?

Ich versuche es mir vorzustellen, aber es geht irgendwie nicht. Voranzukommen steckt uns in den Genen, behaupte ich mal.

Aber irgendwann kommt der Wendepunkt und das Vorankommen kippt und verwandelt sich in ein Zurückkommen. Kippt es dort, wo wir uns auf dem Lebensweg zurück in die Mitte zu bewegen anfangen? Bin ich schon dort? Darf ich mich aufs Zurückkommen konzentrieren oder muss ich noch vorankommen? Und was genau ist dieses Zurückkommen?

Vor langer Zeit, in einem Vortrag, erzählte ein weiser Mensch, dass das Leben einem Labyrinth gleiche. Die erste Lebenshälfte gehen wir den Weg von der Mitte nach außen, in der zweiten gehen wir den Weg wieder zurück ins Zentrum.

Wir kommen aus der Mitte, wir gehen in die Mitte. Dazwischen ist Leben.

Zurückkommen in die Mitte scheint mir zurzeit weit erstrebenswerter als das Vorankommen.

Vielleicht ist es doch gar nicht so wichtig, was wir tun, sondern wie wir uns dabei verhalten, in welcher Haltung wir tun was wir tun. Vielleicht ist es ja so, dass das Leben eine Art Geduldsspiel ist, ein lebenslängliches Experiment womöglich, bei dem es nicht darum geht, dass wir es möglichst schnell und möglichst fehlerfrei lösen, sondern in einer friedlichen Haltung.

Nein, soweit bin ich noch nicht. Obwohl ich mit dem einen oder anderen umständlichen Umstand Frieden geschlossen habe. Und ja, mit meiner Tendenz zur Verzettelung, die mir schon von Kind auf attestiert wurde – mit hübschen Umschreibungen wie ’sie hat viel Phantasie‘ und ’sie träumt gerne‘ garniert –, hadere ich zuweilen immer noch. Wie gerne würde ich klarer priorisieren können. Klarer durchblicken. Nicht alles nebeneinander, nicht alles gleich schwer, gleich bunt, gleich wichtig wahrnehmen, sondern … ja, wie? Ich hadere aber eigentlich, wenn ich ehrlich bin, damit nicht wirklich, oder möglicherweise nur darum, weil mich meine Verzettelung daran hindert, ein nützliches, wertvolles und arbeitssames Mitglied der Leistungsgesellschaft zu sein, an die ich nicht wirklich glauben kann.

Hm. Und jetzt?

Meine Gedanken bündeln und mich auf etwas konzentrieren, im Flow sein kann ich natürlich schon. Gut sogar. Wenn ich auf der Kür- statt auf der Pflichtstraße gehe besonders gut. Wenn ich wählen könnte, was ich tun wollte. Wenn ich tun könnte, was ich gewählt hätte. Wenn ich …

Ach Konjunktiv, du wieder, du Verzettler erster Güte du!

Dabei wollte ich ja bloß erzählen, dass unser Rheinwanderundradelprojekt Flussnoten seit letztem Mittwoch abgeschlossen ist, Irgendlink mich überraschenderweise danach direkt von der Rheinmündung in Holland aus heimgesucht hat und mich das Zusammensein mit ihm – wie immer – total inspiriert.

Alle unsere Gummibänder

Es ist mir, als wäre in mir ein Gummiband, das ich viele Jahre lang überdehnt habe, gerissen, dachte ich gestern, als ich am Nachmittag, nach einem kleinen Spaziergang in die Dorfbäckerei, total kaputt war und unterwegs auf einer Bank Pause machen musste. Mein Gummiband steht einerseits für Leistungsdruck, andererseits aber für meine bisherige Unfähigkeit, Nein sagen, Stopp sagen zu können.

Heute denke ich, dass mein Gummiband nicht wirklich gerissen ist, sondern dermaßen überdehnt, dass es mich nicht mehr zusammenhalten kann. Und so ausgeleiert kann es mich auch nicht mehr auf Kurs halten. Ob uns unsere Gummibänder wirklich so gut tun, wie die Wirtschaft uns weismacht? Was wären wir ohne sie? Und warum sind sie – jedenfalls die, die ich kenne – so verdammt eng und drückend in ihrer angeblichen Elastizität?

Dass wir etwas brauchen, das uns zusammenhält, stelle ich nicht grundsätzlich in Frage. Und dass ich mir jetzt ein neues Band weben soll, dass mich irgendwie zusammenhält, erkenne ich ebenfalls. Ich hoffe darum um Weisheit bei der Auswahl des Materials und der Farben.

Auf einmal stelle ich mir aber auch einige ungemütlichen Fragen. Und ich denke über all diese Bänder um all diese Menschen nach, die uns alle irgendwie in Form halten. Und warum wir sie tragen. Warum wir sie brauchen. Was sie mit uns machen. Und ob und wenn ja, wie bewusst wir sie selbst gewählt haben.

Next Exit

Ich bin ja bekennende Fanin von Liz Ritschard, der Luzerner Tatortkommissarin. Gestern habe ich mir darum die neue, am Sonntag verpasste Folge Freitod* angeguckt.

Ich bekenne außerdem, dass ich seit vielen Jahren Mitglied von EXIT bin, einer Schweizer Freitodvereinigung, ähnlich jener, die im Tatort von den FundamentalistInnen bekämpft wird. Im Laufe meines Lebens habe ich mich schon umfassend mit dem Thema auseinandergesetzt. Die Fragen, die Liz Ritschard ihrem Teamkollegen Reto Flückiger stellt, sind mir daher nicht neu. Sie versucht wiederholt, seine Meinung zum selbstgewählten Freitod zu erfahren. Seine pragmatischen Antworten sprechen von der Angst vor dem heiklen Thema und vor dem Tod selbst.

Ausnahmsweise habe ich mir die anschließende Gesprächsrunde im Schweizer Fernsehen, Sternstunde Philosophie, angeschaut.

Ein Teilnehmer der Runde war richtig gruselig. Ich leide sehr darunter, wenn und wie Menschen, die keinen persönlichen Bezug zum Thema Suizid haben, darüber urteilen, was Menschen, die sie nicht verstehen, entschieden haben. Die anderen drei GesprächspartnerInnen diskutierten fair und offen, teils kontrovers, teils sich treffend, nur der eine, ein österreichischer Philosoph mit Hang zum Missionieren (K. P. Liessmann), hat sich extrem dagegen gewehrt, dem Menschen die freie Wahl zuzugestehen. Er hat damit sich und seine sozialen Kompetenzen meines Erachtens selbst disqualifiziert.

Ja, es verletzt mich, wenn ich höre, wie andere Suizid (pauschal) interpretieren und verurteilen. Wer keinen persönlichen Bezug zum Thema hat, sollte, finde ich, den Mund halten. Oder nachdenken darüber, wie es wäre, falls.

Wer selbst noch nie daran gedacht hat, sich das Leben zu nehmen, nicht mehr leben zu wollen und/oder wer niemanden kennt, der das getan hat, weiß nicht wirklich, oder jedenfalls nur theoretisch, was es heißt. Und was es alles umfasst.

Es gibt ja Leid, das als Begründung für eine Sterbebegleitung nachvollziehbarer ist als anderes. Finale Krankheiten zum Beispiel. Dafür hat fast jede/r Verständnis. Anders ist es schon mit dem Bilanzsuizid (»ich habe genug und gut gelebt, jetzt will ich sterben«) und nochmals anders ist es mit dem Suizid aus Verzweiflung/im Affekt bei dem die Angehörigen aus allen Wolken fallen. (»Aber man hätte doch sicher eine Lösung gefunden …«, »Warum tut er uns das an?«)

Lange Rede, kurzer Sinn: Welche Alternativen hat ein Mensch, der dieses Leben, diese Umwelt, seine Umstände etc. aus welchen Gründen auch immer nicht mehr erträgt? Welche würdevolle Alternative gibt es zum begleiteten Suizid? Ich kenne keine und finde es daher sehr gut, dass sich EXIT und andere darum Organisationen in der Schweiz darum kümmern, dass Menschen, die sterben möchten, würdevoll und selbstbestimmt sterben können.

+++

Ihr sagt, wir seien undankbar,
weil wir das Leben, das wir schier nicht ertragen,
wegwerfen wollen.

Ihr sagt, wir seien feig,
weil wir das Leben, nicht mögen und es lieber
gegen den Tod eintauschen möchten.

(9-2016)

+++

Eigentlich geht es hier ja um die eine grundsätzliche Frage: Was ist das Leben für uns? Und die kann jeder und jede ausschließlich für sich selbst beantworten und bitteschön akzeptieren, dass andere es anders sehen.


* Plot: Eine deutsche Staatsangehörige reist mit ihrer Tochter in die Schweiz, um hier zu sterben. In einem Wohnblock am Rande der Stadt wird sie von einem Team empfangen und würdevoll in den Tod begleitet. Am nächsten Tag wird eine der Sterbehelferinnen tot aufgefunden, brutal erschlagen.

So oder anders, aber immer irgendwie

Was wäre, wenn … ja, ich weiß es: Fragen, die so anfangen, sind müßig. Dennoch beflügeln sie die Phantasie. In beide Richtungen, zum schlimmsten und zum besten Fall hin. Der Marktwirtschaft, dem Bildungswesen würde ein bisschen mehr Phantasie im Dienste des Menschen gut tun.

Gestern, in meinem Kurs, den mir das Amt zur besseren Vermittlung auf dem Arbeitsmarkt aufgedrückt hat, gingen wir der Frage nach, wie der Arbeitsmarkt in 10 Jahren, also am 16. September 2026, aussehen könnte.

In einer Kleingruppe untersuchten wir den Aspekt Arbeitswelt, während eine andere Gruppe das Einkaufsverhalten 2026 und eine dritte das Leben in Familien – beim Feste feiern zum Beispiel – versuchten zu skizzieren. In unserer Gruppe diskutierten wir sehr kontrovers. Würde die Technik überhand werden, wäre ein gewisser Teil unserer Arbeit, den wir heute von Hand erledigen, überflüssig, denn Maschinen würden ihn erledigen. Wir müssen also weniger arbeiten. Sind wir deswegen zufriedener? Was tun mir mit unserer freien Zeit?

Glück, sagt R., zumindest Glücksgefühle, können bereits heute durch Impulse in den entsprechenden Hirnzentren erzeugt werden. Für alles gibt es Generika. Imitate. Implantate. Ersatz. Wir diskutieren, während R. unsere Gedanken in eine kleine Powerpointgeschichte einfließen lässt, über alternative Währungen und Tauschsysteme – Zeit gegen Zeit zum Beispiel – über ein Grundeinkommen für alle, über die bereits heute aktive Bewegung des Umdenkens (zum Beispiel in Bezug auf biologischen Anbau und gegen Tierfabriken) und über Selbstversorgung, wir sprechen über Alternativen in der Stromerzeugung (mit einem Chemiker und einem Stromfachmann in der Gruppe naheliegend) … Ich frage uns, wie wir unser Alter erleben werden, wir Über-Fünfzig-Jährigen? In Mehrgenerationenhäusern?

Eigentlich zeichnen wir in unserer kleinen Gruppenvision eher das auf, was wir uns wünschen, als das, was vermutlich sein wird. Und ehrlich: es macht mir Angst. Ich freue mich wenig auf die Zukunft. Bestenfalls auf die persönliche, auf die globale kaum. Die macht mir Angst. Macht mich traurig. Wütend auch.

Wird die Empathie verschwinden?

Wie werden wir mit Sinnlichkeit umgehen, mit Bedürfnissen wie jenem nach Nähe, nach persönlichen Gesprächen, und wie mit Bedürftigkeiten, mit sozialen Problemen, mit Stimulanzien?

Ein animierter Film über die Arbeitswelt 4.0 zeigt uns schließlich, dass bald alles hier völlig sauber, übersichtlich und geordnet verlaufen wird und für alles und alle gesorgt wird. Wir werden alle gechipt sein. Für Kinder, für Alte, für alles gibt es eigens dafür organisierten Bereiche. Wir sind jederzeit über Clouds mit allen vernetzt und kommen jederzeit an alle Informationen. Gesprochen wird in diesem Film von Freiheit und Selbstbestimmung, aber, ähm, wieso muss ich denn immer an den Frosch im Wasserbad denken, der nicht merkt, dass sein Badewasser erhitzt wird, bis er schließlich an der Hitze verreckt? Und selbst wenn es sich bei der Geschichte mit dem Frosch nur um eine Metapher handeln sollte, bei uns Menschen greift sie.

Selbstbestimmung in einem total kontrollierten System, das natürlich nur zur Sicherheit überwacht wird. Der schwarze Schimmel reitet durch die Welt.

Stopp. Ich will das nicht. Nicht so. Ich will Raum für Absichtslosigkeit, Wildheit, Übermut, Kunst, Ausdruck, ich will Raum für unkontrolliertes Dasein in der Natur. Ich will Sinnlichkeit erlebt, riechen, schmecken, fühlen, tasten, erleben, erfahren. Auch wenn es zuweilen weh tut. Aber nichts zu fühlen, alles in vollkommen geordneten Bahnen zu erleben, wäre mein Tod.

Was wäre, wenn ich weder Synästhetikerin noch Hochsensible wäre? Wie würde ich die Welt wahrnehmen; wie hätte ich die Welt als Kind wahrgenommen und wäre ich dann ebenfalls depressiv geworden? Oder hat – umgekehrt – eher die Veranlagung zur Depression meiner Synästhesie und Hochsensibilität die Türen geöffnet? Ich vermute ersteres. Meine Fähigkeit – Gabe oder Fluch –, Dinge hinter den Dingen wahrzunehmen, führt zuweilen dazu, die Welt nicht so – nicht so optimistisch zum Beispiel, so positiv – zu sehen, wie es die Mehrheit der Menschen tut. Auch in der Kursgruppe erlebe ich unterschiedliche Nuancen, sensibler wahrgenommene und eher sehr einfache Weltbilder. Neben den MacherInnen gibt es Zaudernde wie ich, Zweifelnde, Ängstliche. Menschen, die in dieser Gesellschaft – zumal in der Welt der Arbeit – keine Perspektiven mehr ahnen.

Heute Morgen erinnerte ich mich an einen Satz, den eine Kurskollegin, die ebenfalls immer wieder depressive Episoden hat, vor einer Woche zu mir gesagt hat: »Das Schöne am Älterwerden ist doch auch, dass wir uns nicht mehr dagegen wehren müssen, so zu sein, wie wir sind. Sondern einfach zu sagen: Das und das gehört zu mir.«

Richtig. Ja. Aber. Klar gibt’s ein Aber. Denn schnell betrete ich, wenn ich auf dieser Schiene fahre, die Falle der Resignation, der Stagnation. Oft sogar fahre ich in die Sackgasse, doch manchmal kann ich rechtzeitig die Weichen stellen, damit ich auf jener Spur bleiben kann, die mich weiterbringt. Akzeptanz kann ich nicht umgehen. Gerade bei Charaktereigenschaften, die letztlich mich ausmachen, kann ich letztlich nur Ja sagen, weil ich mich sonst über kurz oder lang kaputt machen würde. Dass ich zum Beispiel eher die Tüftlerin und Denkerin bin als die Macherin sollte mich nicht kümmern. Es ist so. Gut. Also. Ja, das bin ich.

Zum Abschluss des gestrigen Kurstages haben wir uns einen Youtube-Film angeschaut, der mich echt zu Tränen gerührt hat. Leider finde ich ihn trotz schon fast stundenlanger Suche über die Suchmaschinen nicht, darum erzähle ich ihn kurz:

Gezeigt wird ein kleines Kind, außer einer Windel nackt, das ein ungefährliches Wohnzimmer erforscht. Einen Karton ausräumt. Aufs Sofa klettert. Beim Runterfallen umpurzelt. Wieder aufsteht. Das klingelnde Telefon berühren will. Einen Hund, der sich aufs Sofa legt, begrüßt. Ganz und gar angstfrei, neugierig und wertfrei geht es auf alles zu, was es begreifen möchte. Der Off-Text spricht mich in Du-Form an. »Du hast die Welt entdeckt. Du hast dir alles angeschaut. Du warst so neugierig. Du hattest keine Angst. …« Gegen Schluss dann ungefähr so: »Meinst du, dass das alles verloren gegangen ist?« (Ich zitiere nicht exakt, nur den ungefähren Wortsinn/Inhalt). Unterlegt war das Video mit Musik, die für mich nach Ragtime klang.

Hier -> lang geht’s zum Film. Danke, liebe Silvia Kling für den Link!

Eigentlich einfach

Wenn ich mir wegen eines gemachten Fehlers oder was immer die Haare raufte, sagte mein kleiner weiser Sohn zuweilen, dass das hier doch eigentlich einfach so sein dürfe. Eigentlich und einfach – diese beiden Wörter hatten es ihm ganz besonders angetan. Na ja, Wörter überhaupt.

Kein Kind überlegt sich, ob es etwas darf oder nicht, wenn etwas Spaß macht und gut tut. Nicht jedenfalls, wenn es das erste Mal ist und nicht gegen bereits verinnerlichten Regeln verstöß oder etwas ist, das jemanden gefährdet. Ein Kind ermächtigt sich selbst, zu tun, was es will. Eigentlich. Einfach. Jedenfalls wenn wir es lassen.

Wann verlieren wir diese gesunde Fähigkeit, der Selbstermächtigung? Wann fangen wir an uns zu verbiegen, zu tun und zu sein, wie wir glauben handeln oder leben zu müssen? Wann hört das Dürfen auf und fängt das Müssen an? (Und ja, bestimmt gibt es sowas wie ein gesundes Sowohl-als auch. Dennoch klingt in meinen Ohren Dürfen seltsam suspekt und Müssen wichtig und richtig. Pflichtbewusst. Gesellschaftlich anerkannt.

Und genau da kommt die Kunst ins Spiel. Lebenskunst. Darstellende Kunst. Schreibkunst. Egal. Kunst als Medium des Ausdrucks.

Kunst ist Dürfen, ist Bedürfnisstillung, ist Wollen, ist inneres Müssen, ist  ununterdrückbares Drängen, ist dieses Innen-und-Außen-verbinden-wollen-Ding.

Kunst ist auch dieser Akt des gewollten, gesuchten, gefundenen, essentiellen Eigentlichen, Einfachen, Seienden.

Dieses Ich-kann-nicht-anders, das jedem wirklichen Kunstwerk anhaftet. Dieses nicht bloß Hobby Seiende, dieses zutiefst Lebendige, Sprudelnde.

(Lebens-)Kunst ist, dass etwas eigentlich einfach so sein darf.

Träumen und Teilen. Träume teilen.

»Du lässt dich also dafür zahlen, dir deine Träume erfüllen zu können? Nur damit du Ferien machen kannst?« Seiner Stimme war Erstaunen, eine Art Fremdscham vielleicht sogar, vor allem aber Unverständnis anzuhören.

»So mag es vielleicht auf den ersten Blick aussehen. Es ist eher eine Art Tausch: Die Leute, die uns unterstützen und unterstützt haben, bekommen für ihr Geld ein live geschriebenes Buch, sie bekommen tägliche Berichte. Sie können direkt und unmittelbar mit uns mitreisen. Außerdem ist es ja nicht so, dass wir auf Kosten anderer in Saus und Braus leben. Wir wurden für unsere Arbeit des Reisens bezahlt, und ja, das ist eine wunderbare Arbeit, aber wer sagt, dass Arbeit nicht Spaß machen darf?«

Dieses Gespräch hat tatsächlich schon stattgefunden. So und/oder ähnlich.

Crowdfunding ist ein Konzept, das auf Solidarität basiert. Ich habe schon viele andere Projekte (Filme und Bücher vor allem) über Crowdfunding mitfinanziert und so ermöglicht, dass ein Traum Wirklichkeit geworden ist. Diesen Sommer habe ich das erste Mal die umgekehrte Seite erlebt und mich für die Verwirklichung eines Traums unterstützen lassen. Ohne die finanzielle Mithilfe lieber Menschen wäre ich nach #Flussnoten blank gewesen und hätte im August buchstäblich am Hungertuch genagt. Ich verdiene wenig. Zurzeit sogar gar nichts. Und von der Arbeitslosenkasse habe ich noch immer keinen Rappen bekommen. Einenteils habe ich das selbst gewählt (weil ich die Notbremse gezogen und aus gesundheitlichen Gründen gekündigt habe), andererseits ist das natürlich nur ein kleiner Teil der ganze Wahrheit.

Und ja, ich habe mir diesen Sommer mit der Rheinwanderung einen Traum erfüllt und ich habe mir bei der Traumerfüllung von anderen helfen lassen. Nein, Träume in die Wirklichkeit zu holen, in die Realität, bedeutet nicht, dass jetzt und für alle Ewigkeit alles gut ist. Denn auch ein Traum kostet Kraft, treibt Schweiß, strengt an.

Doch was wäre eine Welt ohne Träume, unwirkliche und verwirklichte? Und was wäre eine Welt ohne Solidarität? Ohne den Austausch von Ideen, ohne Inspiration, ohne jene anderen Menschen, die etwas wagen, das man selbst nicht wagt.

Dinge tun, Dinge lassen, Dinge erleben, Dinge besitzen. In dieser Welt voller Dinge, braucht es auch immer wieder das Unding. Die Vision. Das Unfassbare. Die Kunst. Den Ausdruck.

AliensradIn dieser Welt voller Dinge tat es mir wohl, gestern in einer Wohnung zu Besuch zu sein, in der es nur wenige Dinge gibt. Meine Freundin M. (2) hat beim Umzug neulich – nach dem Auszug ihrer Tochter in eine Studentinnen-WG – ihren Besitz bewusst reduziert und sich auf das Wesentliche beschränkt. Wie jene Romanfigur in einem neulich gelesenen Krimi. Nur noch zweieinhalbtausend Dinge besitzt diese Protagonistin. Wir zivilisierten Menschen des Westens besitzen durchschnittlich hunderttausend Dinge las ich kürzlich. Wenn ich nur schon meinen Schreibtisch angucke, mit all seinen Stiften und Linealen und Gummis und Büchlein und Blöcklein und und und … kann ich mir vorstellen, dass das gar nicht zu hoch gegriffen ist.

Im Sommer, unterwegs am Rhein, genoss ich die Wenigkeit, die ich bei mir hatte, sie war immer noch schwer genug (meine vielleicht hundert Dinge auf dem Rücken und am Leib). Jetzt, wieder im Alltag, wünsche ich mir zuweilen, freier von Dingen zu sein, von Materie, und doch … es ist eine Verbindung, die über die Dinge hinausgeht. Dinge sind Symbole, Erinnerungen, Botschaften. Sie sind Energieträger.

»Geld ist Energie. Geld gibt Energie«, sagte neulich Freundin C.

So habe ich mir also Energie geben lassen, damit ich meine Träume verwirklichen konnte? Das Bild gefällt mir besser als die subtil vorwurfsvolle Frage, ob ich mich für meine Träume bezahlen lasse.

Vielleicht sollten wir uns gegenseitig einfach mehr Energie geben, mehr Traumverwirklichung ermöglichen, einander mehr Raum geben, uns überhaupt viel solidarischer verhalten – besonders dort, wo diese lebenswichtige Absichtslosigkeit im Spiel ist, die nichts anderes will als nichts. Wie das Lachen eines Kindes. Wie Tanz. Wie Wind. Wie der tanzende Klang eines Windspiels.

Bücher

Mit Büchern ist es ja so eine Sache. Sie erzählen dir Geschichten und machen immer etwas mit dir. Oft sogar etwas, das du im Voraus gar nicht ahnen kannst.

Früher habe ich viele Sachbücher gelesen, oder sagen wir mal Selbsthilfebücher. Bücher, von denen ich mir versprochen hatte, dass es mir hinterher besser gehen würde. Wenn ich sie gelesen hatte. Einfach so. Weil ich sie gelesen hatte.

Nun ja, nur durch das Lesen wird normalerweise nichts anders, auch wenn uns ein Text berührt, etwas mit uns macht. Lernen tun wir erst durch Wieder- und Wiederholungen, und wir lernen, in dem wir uns auf etwas einlassen. Wir lernen auch dabei, wenn wir uns und unseren Gedanken zuhören. Den Geschichten, die wir in uns tragen, diesen Büchern in uns drin sozusagen.

Barbara Walti, eine liebe Frau, eine Mutter, deren Sohn gestorben ist, hat ein Buch geschrieben, das trosthandbuch. Kürzlich hat sie es mir geschenkt und nun arbeite ich mich langsam in dieses neue Land ein, in das sie mich mitnimmt. In ihrem Buch geht es nämlich nicht nur um den Tod ihres Sohnes und ihre Trauer, es geht vielmehr darum, wie sie aus der Trauer, aus den Schulgefühlen, aus der Not einen neuen Umgang mit ihrer eigenen Geschichte gefunden hat. The Work ist zu ihrem Weg geworden. Ich gestehe, ich habe schon oft von The Work gehört und auch von Byron Katie, die das Ganze initiiert hat. Ich habe es sogar, wenn auch sehr skeptisch, angeschaut damals, habe mich ein wenig eingelesen, es halbherzig ausprobiert, vor vielen Jahren, als das Konzept erst in englisch verfügbar war. Mehr schlecht als recht hatte ich mir nämlich ein paar Dinge selbst übersetzt. Kurz und gut: Ich war vermutlich einfach noch nicht bereit.

Heute Nachmittag nun, als ich das trosthandbuch von Barbara Walti zu lesen angefangen hatte, stieg eine leise Ahnung in mir auf, die Ahnung nämlich, dass ich mich diesmal darauf einlassen will – frei nach dem guten alten Spruch: hilft es nicht, so schadet es wenigstens auch nicht. (Nur: Ob sich damit auch Depressionen und andere chronische Geschichten wandeln lassen? Ich weiß es nicht. Ich werde es aber erfahren.)

The Work ist keine Lehre und auch kein Dogma, weder religös noch sonst etwas seltsames, es ist eigentlich nichts mehr und nichts weniger als ein Erfahrungsweg, der uns dabei hilft, unsere Denkmuster zu verstehen und zu wandeln. Und sich vom Leiden zu verabschieden.

Ich bleibe dran. Danke, Barbara.

Dieses Erwachsensein

Das Kind, das ich war, stellte sich Erwachsensein als etwas Großartiges vor. Als Kind sehnte mich nach der Freiheit, die ich mir vom Erwachsensein versprach. Wäre ich erst erwachsen, würde mir niemand sagen, was ich tun müsste. Ich könnte machen, was ich wollte mit meiner Lebenszeit.

Freiheit? Nun ja, die ordne ich heute eher Kindern zu. Und mir fällt dazu ein Satz ein, den mein Vater oft zu mir und meinen Geschwistern gesagt hatte, wenn wir über irgendwelche Einschränkungen lamentierten: Genießt das Kindsein, es ist früh genug vorbei. Und seine Frage an unsere Mutter, die er stellte, wenn er am Abend von der Arbeit nach Hause kam, lautete oft: Konnten sie heute Kindsein?

Heute Morgen bin ich auf Krautreporter, meiner Online-Tageszeitung, einem Link in die dortige Bin-ich-normal-Serie gefolgt: Bin ich normal, wenn ich mich als Erwachsene nicht erwachsen genug fühle?

Über das Peter Pan-Syndrom lese ich dort und dass die Wirtschaft uns Menschen möglicherweise bewusst infantil halte, weil wir auf diese Weise manipulierbarer seien und mehr konsumierten. Mag sein.

Jetzt tu doch nicht so erwachsen!, sagen wir zuweilen, wenn uns ein Mensch mit seinem sturen Verhalten nervt; und ich ertappe mich dabei, dass für mich Erwachsensein zu einem Synonym für Unflexibilität, Sturheit, Humorlosigkeit und grauer Langeweile geworden ist.

Während die Langeweile eines Kindes farbig ist, sonnendurchflutet und Raum für Tagträume schafft, ist jene der Doofen Erwachsenen grau und riecht nach Unzufriedenheit. Nicht vergessen: Doofe Erwachsene unterscheiden sich nicht nur von Kindern, sondern auch von Guten Erwachsenen grundlegend. Während sie im Spiel und Nichtstun keinen Sinn sehen (außer wenn sich dabei etwas messen lässt), stattdessen alles rationalisieren und objektivieren, haben Gute Erwachsene ein Gespür für die Nischen im Alltag, für das Spiel, für die Tagträume, für die Absichtlosigkeit, die sie aus der Kinderzeit in ihren erwachsenen Alltag gerettet haben. Gute Erwachsene haben das Kind, das sie waren, noch immer ganz nah in sich drin, selbst dann, wenn sie sich kaum mehr an Fakten aus ihrer Kindheit erinnern. Sie erinnern sich aber daran, wie es damals war, als noch alles möglich war.

Der dritte mir bekannte Erwachsenentypus ist übrigens der oder die Unerwachsene Erwachsene, auf welchen sich der erwähnte Krautreporter-Artikel vermutlich bezieht.

Wenn ich in den Sozialen Medien manchmal Diskussionen beobachte, sehe ich, wo, was und wie die Guten und wo, was und wie die Doofen und was, wo und wie die Unerwachsenen Erwachsenen schreiben. Wobei. So einfach ist es nicht, denn viele von uns haben mehrere Erwachsenentypen installiert und die Grenzen sind fließend.

Auch die Unerwachsenen Erwachsenen sind meiner Erfahrung nach weitverbreitet. Sie sind die, die auf keinen Fall werden wollen wie die Doofen Erwachsenen. Dass es auch Gute Erwachsene gibt, interessiert sie nur am Rande. Erwachsensein ist ihnen grundsätzlich suspekt, unheimlich. Sie leben zwar in einem erwachsengewordenen Körper, doch ihr Verhalten ist punktuell oder flächendeckend das eines Kindes.

Kindliches Verhalten ist bei einem Kind normal, bei einem Erwachsenen befremdend. (Und umgekehrt ist auch erwachsenes Verhalten bei Kindern befremdend.)

Ob die psychologische These stimmt, dass wir in Lebensbereichen und Lebensphasen, in welchen wir traumatische Erfahrungen gemacht haben, steckenbleiben? Und wenn ja, ob das der Grund ist, warum manche nicht erwachsen werden können? Wäre diese Erklärung aber nicht ein bisschen zu einfach?

Ich frage mich, ob vielleicht auch das Männlein-Verhalten so ein Phänomen unserer Zeit sein könnte? Männlein nennen wir übrigens jene jungen Kerle, die ihren Selbstwert mit Lautstärke (Stimme, Automotor) und potentieller Potenz (schnelles Auto) sicht- und hörbar machen müssen. Im oben genannten Krautreporter-Artikel von Susan Mücke lese ich dazu: »Junge Erwachsene sind auch besonders häufig für Unfälle im Straßenverkehr verantwortlich. Fast jeder fünfte Unfall mit Personenschaden (19,8 Prozent) durch einen PKW wurde von einem 18- bis 24-Jährigen verursacht. Meistens ist eine „nicht angepasste Geschwindigkeit“ dafür verantwortlich.«

Was aber ist es denn, das die Guten Erwachsenen auszeichnet und von den Doofen und Unerwachsenen Erwachsenen unterscheidet?

Der oder die Gute Erwachsene kann

  • relativieren
  • Verantwortung übernehmen für das eigene Handeln
  • Mitverantwortung übernehmen für die Mitwelt
  • Zusammenhänge erkennen
  • sich anderen gegenüber, die anders denken, adäquat verhalten
  • über sich selbst lachen

und hat

  • Gelassenheit
  • Humor
  • es nicht nötig, sich zu vergleichen und zu profilieren
  • Verständnis dafür, dass sich alles ständig verändert
  • genießen

und ist

  • empathisch
  • klar
  • kritikfähig
  • nicht besitzergreifend

Natürlich können auch Unerwachsene oder Doofe Erwachsene lieben, lachen, verantwortungsbewusst handeln und so weiter, doch in meiner ganz persönlichen Differenzierung fehlen ihnen die Tools für Vernetzung und den zusammenhängenden Blick in die Welt. Gerne schieben sie Schuld oder auch nur Verantwortung ab und hängen ihre Fahnen nach dem Wind.

Und ja, auch ich habe doofe und unerwachsene Anteile. Mit meiner Aufzählung will ich darum mir selbst Mut machen (dir vielleicht auch), der Guten Erwachsenen in mir drin mehr Raum zu schaffen und das Erwachsensein mit neuen, positiven Synonymen wie Reife zu füllen.


(PS: Dem augenzwinkernd-satirischen Unterton zum Trotz meine ich das hier eigentlich ziemlich ernst.)

Auswahl

Frau Rebis radelt zurzeit durch Tschechien. Sie bloggt und twittert von unterwegs. Gestern hatte sie ein Dilemma, das ich gut kenne. Auf der großen Zeltwiese galt es auszuwählen, wo sie ihr Zelt auf bauen soll.

»Ist nur ein wenig schwierig, auf der riesigen freien Wiese einen Platz für das Zelt auszusuchen. Wirklich jetzt: wenn so gar nichts dasteht, wenn ich riesige freie Wahl habe, woran orientiere ich mich dann?«

Quelle: fraurebis.wordpress.com

Könnte ich tun, was ich wollte, ohne Gedanken an den Verdienst, weil ich Bedingungsloses Grundeinkommen erhalte zum Beispiel, wie würde ich dann leben? Wo würde ich leben und wie würde ich meine Lebenszeit verbringen?

Wie viel Sinnhaftigkeit beziehen wir dadurch, dass da Vorgaben sind – ob nun andere Zelte oder Menschen, die etwas so und so tun.

Hängt das Recht auf ein gutes Leben davon ab, wie viel wert mein Leben hat? Wie viel wert ist und hat ein Leben? Deins, meins, irgendeins. Müssten sie nicht theoretisch alle gleich viel wert sein? Und wer misst das und woran? Und was ist die Währung?

Hängt mein, dein, unser Wert womöglich davon ab, welche Spuren wir hinterlassen, was wir tun, was wir unterlassen, wie sehr wir der Gesellschaft dienen und wenn ja, womit? Ist es dieser Wert der meinem Leben das Recht auf ein gutes Leben gibt? Ist es womöglich dieser Wert, der einem Leben seinen Sinn gibt?

Und wie steht es mit jenen Dingen, die ich tue, weil sie mir Freude machen und mir gut tun, aber letztlich niemandem dienen? Damit meine ich nicht erholungsbedingtes Abhängen, Lesen, Lachen, Einfachsein, sondern jene Dinge, die ich Kunstschaffen nenne. Die Arbeit an meinen Texten zum Beispiel oder das absichtslose Appen von Bildern, Bloggen auch; alles also, was mit dem Ausdruck meiner ganz persönlichen Perspektive zu tun hat?

Fazit? Ich tue etwas, weil ich etwas verändern will – innen und außen. Weil ich die Welt zu einem besseren, schöneren Ort machen will. Ob es mir gelingt, weiß ich nicht, aber ich will es. Und so ähnlich sehe ich es übrigens auch mit der Arbeit. Nur um des Geldverdienens willen zu arbeiten, liegt mir nämlich gar nicht.

Könnte ich auswählen, was würde ich tun?
Und du?

Wirklich und wahr

Wie wahr ist die sogenannte Wirklichkeit und wie sie auf mich wirkt? Ist wahr, wie ich sie wahrnehme, diese Welt, in welcher ich versuche, nicht unterzugehen? Und wo verläuft der Grat zwischen Wahrheit und Wahrnehmung und was meint Wahrheit wirklich?

Ist wirklicher, wie ich selbst mich wahrnehme oder ist wahrer, was andere in mir sehen? Meine Wirkung, mein Wirken, meine Auswirkung, die von außen wahrgenommen wird: ist sie wahr? Und wer sagt, was wahr ist? Ist sie womöglich nur dann wahr, wenn die Fremdwahrnehmung kongruent mit meiner Selbstwahrnehmung ist?

Aber werde ich denn nicht immer durch irgendwelche Filter gesehen? Meine eigenen Filter – mal liebevoll, mal selbstabwertend – ebenso wie die anderer? Im Umkehrschluss sehe ich ein, dass auch ich andere durch Filter sehe.

Darum muss der Versuch zu verstehen, wirklich zu verstehen, letztlich scheitern. Ein Satz wie ein Kehrreim in meinem Leben. Heute ergänze ich ihn: Auch der Versuch, mich selbst wirklich verstehen zu wollen, muss scheitern. Es ist vermutlich die Absicht dieses Verstehenwolllens, die diesem Ansinnen im Weg steht. Paradox, ich weiß. Die Absicht, das Ziel,  sie verstellen meinen Blick, behindern meine absichtslose Gegenwärtigkeit und gleichen laufend meine Wahrnehmung mit Vergangenem, Erfahrenem, Erinnertem ab. Bereits das Ziel, verstehen zu wollen, duftet verdammt stark nach Interpretationsversuch.

Nehmen wir diese vielen Ichs in diesem Text. Sie sprechen aus, was ich persönlich denke, tragen aber zugleich, latent zumindest, die Hoffnung spazieren, dass andere sich in meinen Ichs spiegeln können.

Doch jedes andere Ich, das sich selbst in meinen Worten begegnet, blickt in ein anderes Spiegelbild. Sieht sich selbst, versteht meine Gedanken anders, interpretiert sie anders, hält einen anderen Filter in der Hand. Und scheitert, zumindest teilweise, daran, dass er/sie/es mich nicht wirklich verstehen kann.

Wohnt hier die Enttäuschung? Sind wir an immer wieder diesem einen Punkt vom anderen Menschen enttäuscht – oder eher doch ent-täuscht? –, also am Ende der Selbsttäuschung angelangt? Vielleicht ist es ja einfach so, dass wir uns enttäuscht fühlen, wenn (oder weil?) wir auf die Illusionen und Bilder in unserm ganz persönlichen Rucksack mit all seinen Schatzkästchen und Müllsäcken reingefallen sind. Ist meine Enttäuschung über die Welt mit all ihren Wesen letztendlich also schlicht und einfach mein Problem?

Ich gehe ja immer von meinen persönlichen Maßeinheiten aus. Ich trage sie in meinem Rucksack. Wir alle, vermutlich. Wo immer ich gehe, trage ich mein ganz persönliches Schatzkistchen und meine ganz persönliche Abfalltüte, meine am eigenen Leib gemachten Erfahrungen und Erinnerungen mit mir herum. Alles, was mir begegnet, lese ich durch den Filter, der an meinem Rucksack baumelt. Alle meine Gefühle entschlüssle ich mit ihm, mein Denken ist gefiltert, meine ganze Wahrnehmung, die Für-Wahr-Nehmung meiner Mitwelt: Dinge, Menschen, Natur. Dass du/er/sie/es die Welt aus einer anderen Warte sieht, ist zuweilen, obwohl es logisch ist, schwer nachzuvollziehen, schwer zu verstehen; oder eben vermutlich gar nicht, nicht wirklich. Wissen, was du/er/sie/es wirklich sieht, kann ich nicht. Noch weniger, was du/er/sie/es wirklich meint. Ich meine: Wirklich.

Darf ich dir also vorwerfen, wie du auf mich wirkst? Wenn ich es mir recht überlege, eigentlich nicht. (Außer du tätest es in der Absicht, mir zu schaden.) Darfst du mir also vorwerfen, wie ich auf dich wirke? Wenn du es dir recht überlegst, eigentlich auch nicht. (Außer ich täte es in der Absicht, dir zu schaden. Wovon nicht auszugehen ist.)

So sind wir alle andere, als die, die andere in uns sehen. Und darum ist wohl nur bedingt wahr, wie die wahrgenommene sogenannte Wirklichkeit auf mich wirkt. Was du in mir siehst und wie ich auf dich wirke, ist also nicht wirklich ein Kriterium für Wahrheit (was immer sie ist); ebensowenig wie das, was ich in dir sehe und wie du auf mich wirkst.

Ich ahne, dass, wenn ich das irgendwann verinnerlicht habe, es ein klein bisschen einfacher ist, dieses Leben.