Das Rückspiegelding

In Zeiten der Wandlung, in Zeiten der Übergänge wächst das Bedürfnis, stehenzubleiben. Mich umzudrehen. Den Weg zu betrachten, den ich zurückgelegt habe. Ich stehe an einem Hang, sehe hinunter, sehe die Straße, die ich zuerst gegangen bin, dann verlassen habe; eingetauscht gegen einen Wanderweg, schließlich gegen einen Trampelpfad. Ich wechsle und tausche oft. Am meisten Wege und Dinge. Menschen nicht. Auch Überzeugungen nicht. Die wandeln sich wohl, aber im Grunde sind sie mein Grund und Boden.

Ich stehe da und schaue mir die zurückgelegten Spuren dieses Jahres an. Ich war im Sommer zu Fuß auf dem Gotthard, dazu noch in strömendem Regen und ohne die innere Ruhe einzubüßen. Ich habe gelitten, ja, das habe ich. Immer wieder. An mir. An andern. Am Weg. Oft auch auf dieser wunderbaren Wanderung, die dennoch für mich eine Art Wendepunkt darstellt – einen der Wendepunkte dieses Jahres. Ich habe begriffen, dort auf dem Weg auf den Gotthard, dass ich nur auf den Berg komme, wenn ich Schritte tue. Einen nach dem andern. Und dass ich mich nicht mehr gegen die Steigung wehre. Dass ich Ja zur Steigung sage, zum Schmerz, zur Anstrengung, zum Regen, zum Schweiß auf der Stirn (auch zu dem unter der Regenjacke), Ja zum Weg, den ich gehe. Weil ich ihn selbst gewählt habe. Und das im Grunde jeder Schritt ein Same ist, ein Same aus dem neue Wege wachsen können.

Ich stehe da und schaue mir die zurückgelegten Spuren dieses Jahres an und ich sehe, wie ich die ersten Monate dieses Jahres wichtige und ganz und gar unvernünftige Entscheidungen getroffen habe. Entscheidungen, die Mut erforderten. Einem Sprung aus dem Helikopter gleich. Freier Fall. (Und ja, natürlich trage ich einen Fallschirm …) Ich habe den Sprung nie bereut, nie, aber ich weiß noch nicht so genau, was danach kommt. Und ob ich noch fliege oder schon gelandet bin. Oder ob ich ab jetzt immer fliegen werde. Und ob das mein neues Leben ist.

Ich stehe da und schaue mir die zurückgelegten Spuren dieses Jahres an. Sie sehen zwar chaotisch aus und ziellos, weil ich es ja nicht so mit den Zielen habe, dennoch folgen sie einer Richtung. Und die Richtung kenne ich gut. Auf den Wegweisern, die ich passiert habe, ist mein Herz drauf codiert, nur für mich sichtbar. Ihnen bin ich gefolgt, auch dann, wenn andere den Kopf geschüttelt haben. Wovon willst du denn leben?, habe ich mich oft gefragt und nein, ich habe meine Antwort noch nicht wirklich gefunden. Dass ich von meiner Selbständigkeit noch nicht leben kann, habe ich gemerkt. Zu wenig liegt mir das Selbstvermarkten. Doch ich lerne. Ich lerne zu mir zu stehen. Mich nicht mehr immer klein zu machen. Den Kopf dort tragen, wo er hin gehört. Oben. Ich lerne mir zu trauen. Und ich lerne mich zu trauen.

Ich stehe da und schaue mir die zurückgelegten Spuren dieses Jahres an. Mir ist viel Heilung zuteil geworden. Letztendlich durch mich selbst. Weil ich Schritte gewagt und getan, Werkzeuge angenommen, einige Dinge und einige Menschen losgelassen, andere Dinge begriffen und andere Menschen eingelassen habe (die das jetzt lesen und sich betroffen fühlen: gut so, ihr seid gemeint!). Weil ich gewählt habe. Weil ich weise, verrückte und unbequeme Entscheidungen getroffen habe. Weil ich einiges verstanden habe (und das Meiste noch immer nicht, aber das ist in Ordnung so).

Ich stehe da und schaue mir die zurückgelegten Spuren dieses Jahres an. Danke!, sage ich, danke, mein Weg. Danke, ihr Menschen an meiner Seite. Danke, Liebster, danke Freundinnen und Freunde, danke Wald, danke Berg, danke Bäume, danke Steine … Mir rinnen Tränen über die Wangen. Dankbarkeit ist in jeder Zelle. In jeder Zeile. In jedem Wort. Denn ich sentimentaler Sack fühle mich seit vielen Jahren das allerallererste Mal schon eine ganze Weile ziemlich gut. Manchmal sogar sehr gut. Und ich fühle mich sogar im Dezember wohl. Das Kind in mir hat zu sich selbst zurückgefunden und freut sich über das Geheimnis hinter dem ganzen Weihnachtskommerz.

In Zeiten der Wandlung, in Zeiten der Übergänge wächst das Bedürfnis, stehenzubleiben. Mich umzudrehen. Den Weg zu betrachten, den ich zurückgelegt habe. Doch jetzt wende ich mich dem Weg zu, der vor mir liegt. Ich tue den nächsten Schritt. Ich atme tief ein und aus und ich freue mich auf das, was kommt. Weil da – trotz allem Bullshit – so viele und so vieles eben auch gut ist. Da ist nicht nur Leid. Da ist nicht nur Schmerz. Da ist nicht nur Krieg. Da sind nicht nur traurige, verletzte, enttäuschte Menschen, da sind auch viele, die mit ihrem Mut dem Schmerz trotzen. Die mit ihrer Musik der Not entgegentreten. Die mit ihrer Kraft andere aufrichten. Die mit ihren Worten, andere bezaubern. Die mit ihren Taten, anderen ein Lächeln schenken.

Wir sind viele, die das Wohl und die Zufriedenheit und das Miteinander fördern. Wir sind vermutlich sogar viele mehr als wir denken.

Ich gehe einen Schritt nach dem andern und ich weiß, dass ihr alle da seid.

Danke.

(Das war mein Happy 2014, liebe Sarah!)

Da und dort, die Welt und ich.

Ich nehme vieles persönlich. Zu persönlich sogar. Obwohl alle sagen und schreiben, dass das nicht gut ist (*), komme ich dagegen nicht an, zu denken, dass die leidenden Menschen im Gazastreifen mich meinen, wenn sie um Hilfe bitten – mich und dich, uns alle. Und ich komme auch nicht dagegen an, dass ich mich mitverantwortlich fühle, wenn ich über Hungernöte, Frauenhandel, Kinderarbeit und Working Poorness lese. Ich fühle mich mitverantwortlich für das kapitalistisch-imperialistischen und ausbeuterischen Konzept unserer westlichen Gesellschaft, in der ich groß geworden bin.

Nein, ich fühle mich nicht nur deshalb mitverantwortlich, weil ich bestimmt schon Jeans aus Asien gekauft habe, die unter unmenschlichen Bedingungen genäht worden sind, weil ich bestimmt schon technische Geräte gekauft habe, die unter unmenschlichen Bedingungen installiert worden sind und weil ich bestimmt schon Lebensmittel und Alltagsprodukte gekauft habe, die unter unmenschlichen Bedingungen geschaffen worden sind. Ich fühle mich wohl eher darum mitverantwortlich, weil ich weiß, wie sich Leid anfühlt und dem fremden Leid gegenüber zugleich hilflos bin und dennoch etwas kleines tun kann.

Neben den kleinen Spenden da und dort tue ich im Grunde ja nur dieses: Ich kann die Not nicht vergessen, ich kann sie nicht wirklich ausblenden, obwohl ich kaum Zeitung lese und noch weniger Tageschau gucke. Ich sehe sie trotzdem und ich fühle sie in mir und ich nehme sie persönlich. Ich leide mit den Menschen, die leiden, mit. Ich nehme fremdes Leid persönlich. Ich denke darüber nach wie die Welt sein könnte, sein müsste, wenn genau jene Menschen, die die Fäden ziehen, empathischer wären. Menschlicher. Wenn sie das, was sie achtlos/gewissenlos/emotionslos (?) tun, überdenken würden. Ja, du ahnst es: Ich fühle mich auch für deren Handlungen irgendwie verantwortlich, weil ich Teil dieser Gesellschaft bin, die solche gefühllosen Monster hervorbringt. Ja, ich weiß, dass das krank ist, es ist größenwahnsinnig irgendwie, aber dann denke ich: Ich bin es allen Leidenden schuldig, dass sie jemand wahrnimmt, dass sie jemand hört, dass jemand ihr Leid mitfühlt. Dass sie nicht verbittern und so ebenfalls zum Tätern werden.

Vielleicht, weil ich selbst erlebt habe, wie es ist, wenn man im Leid nicht allein ist. Wenn jemand da ist, der einem hört und sieht und mitfühlt.
Und vielleicht auch, weil ich als Mitfühlende glaube, ein bisschen kollektive Buße zu tun für das Unrecht, das weltweit geschieht und an dem ich eben indirekt, als Teil dieser ausbeuterischen Gesellschaft, mitverantwortlich bin.
Und weil ich mich als Mitfühlende so wohl auch ablenken kann und absehen vom eigenen Schmerz oder ihn zumindest relativieren.

Ich gestehe es, ich bin nämlich eine von denen, die, wenn sie wegen eines Unfalls die rechte Hand verlieren würden, zwar nicht als erstes, aber gleich als zweites oder drittes denke würde: Ich darf jetzt nicht klagen, andere verlieren ihr Bein oder gleich beide und die sind dann wirklich arm dran. Ich bin eine von denen, die erst, wenn sie keine Luft mehr bekommt, merkt, dass sie gleich ertrinken wird, wenn sie nicht sofort um Hilfe ruft.

Feuer6Das Problem an dieser Art Weltbild, sagte Freundin M. (1) vorgestern Abend, als wir nach dem Feuerritual noch zusammen saßen und uns austauschten, das Problem ist, dass du zu glauben meinst, wie andere sich fühlen, wie andere leiden, was andere brauchen. Weil du von dir auf andere schließt. Doch du kannst niemandem die Last abnehmen.
Aber sie ihm leichter machen vielleicht?, sagte ich.

Ja, im Grunde weiß ich natürlich, dass ich wenig ändern kann und ja, ich leide sehr an dieser Hilflosigkeit. Und manchmal fehlt es mir am Zutrauen, am Vertrauen daran, dass es je anders werden wird. Und dass andere mindestens so kompetent oder gar viel kompetenter darin sind, mit ihrer Not umzugehen. Wie wäre es also, wenn ich ihnen diesbezüglich mehr vertrauen würde? [Und womöglich ist das alles ja bloße Hirnwichserei einer Gutfrau?]

Aber womöglich auch nicht. Womöglich ist es auch richtig, mitzufühlen, wenn woanders im Gewebe der Welt ein Mensch einem andern Menschen (oder Tier) Leid zufügt um sich wie auch immer geartete Vorteile zu verschaffen. Macht. Geld. Gier. Eigennutz.

Und womöglich ist mein einziges Werkzeug dagegen der Buchstabe, das Wort, der Satz. Wörter helfen mir dabei, unerträgliches rauszuschreiben. Rauszuschreien. Schreiben ist wie schreien, wie duschen, wie abwaschen und wie scheißen; schreiben ist jener Prozess, der mir verstehen hilft, das Werkzeug, das Lebensmittel, die Lebensmitte, die mich mit mir, mit der Welt verbindet. Mein Innen mit meinem Außen. Mein Außen mit meinem Innen.

Das Leben nicht zumindest ein wenig persönlich zu nehmen, geht bei mir nicht. Aber ich kann daran arbeiten, es anders persönlich zu nehmen. Wie das geht, weiß ich zwar noch nicht so genau, doch ich hoffe, dass ich es herausfinden werde.

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* Der toltekische Weisheitslehrer und Schamane Don Miguel Ruiz bietet mit seinen Büchern einen ethischen Verhaltenskodex, der inzwischen das Leben von Millionen Menschen bereichert. Die Versprechen, die man sich selbst gibt, lauten:
1. Sei untadelig mit deinen Worten.
2. Nimm nichts persönlich.
3. Ziehe keine voreiligen Schlüsse.
4. Tu immer dein Bestmögliches.
5. Sei skeptisch, aber höre gut zu.

Tausend Tode lesen

Am 1. Dezember 2014 fand die erste von vielen Lesungen aus dem neuen eBook Tausend Tode lesen statt.

Die Verlegerin Christiane Frohmann will bis Mitte März tausend Autorinnen und Autoren dazu bewegen, sich Gedanken über den Tod zu machen. Bereits haben sich über 135 Schriftstellerinnen und Schriftsteller, darunter auch ich, zu diesem gemeinsamen Werk versammelt. Für die nächste Auflage sind auch weitere Schreibende eingeladen …

Version 1/4 erschien am 1.12.14. Das Buch wird (unter anderem im Verlag minimore Berlin) für 4,99 € verkauft. Die Autor- und Herausgeberanteile am Erlös gehen als Spende an das Kindersterbehospiz Sonnenhof in Berlin-Pankow. Die Updates (2/4, 3/4 und 4/4) erhalten alle, die die erste Version gekauft haben, automatisch, habe ich läuten hören.

Zu meinem Text: Hier klicken
Gelesen auf SoSos Soundcloud

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Infos

Christiane Frohmann (Hg.)Tausend Tode schreibenISBN ePub: 978-3-944195-55-1ISBN mobi: 978-3-944195-56-8EUR 4,99VÖ: 1. Dezember 2014Die Idee war und ist, in Form von tausend kurzen Texten tausend höchst subjektive Ansichten auf den Tod zu versammeln, damit diese zusammenwirkend einen transpersonalen Metatext über den Tod schreiben, aus dem wiederum ein plausibles Bild dessen entsteht, wie der Tod in der heutigen Gesellschaft wahrgenommen wird, welche Realität er hat, wie und was er ist. Ich habe Autor*inn*en angesprochen und Menschen, die beruflich oder privat mit dem Tod zu tun haben. Viele dieser Menschen haben weitere Mitwirkende dazugeholt. Wer von den Leser*inne*n dieses E-Books selbst einen Text zum Tod geschrieben hat oder in sich trägt, kann diesen ebenfalls zu ‚Tausend Tode schreiben’ beitragen (verlag at cfrohmann.com), weil noch drei weitere Versionen erscheinen werden.In der vorliegenden Version 1/4 erscheinen die ersten 135 Texte, sie stammen von @akkordeonistin, @chouxsie, @der_handwerk, @gallenbitter, @notwendig, AE Rutherford, Agent Dexter, Alan Posener, Alex Meszmer, Andie Arndt, Andrea Behnke, Andreas Schwarz, Angela Temming, Angelika Maisch, Anja Schürmann, Anne D. Plau, Anne Kuhlmeyer, Anousch Mueller, Auguste von Blau, Berit Andersen, Birte, Chloe Zeegen, Christian Huberts, Clemens Setz, Daniela Seel, David Bernet, David Wagner, Demeter Dick, Denise Maurer, Dirk von Gehlen, Doris A. Conrad, Doro Horedt, Dr. Hans Mordt, Elke Heinemann, Falk Schreiber, Felix Johannes Enzian, Florian Voß, Frank Göhre, Frank Krings, Frank Lachmann, Franziska Schöning, Frédéric Valin, Gabriel Yoran, Georgina Pascoe, Gerle K. Tröger, Gesa Füßle, Gesa Noormann, Heiko Kuschel, Holger Schulze, Huck Haas, Isabel Bogdan, Isabel Fargo Cole, Jackie A., Jan Fischer, Jannis Plastargias, Jo Lenz, Johanna Feil, Johanna Straub, Joseph Given, Judith Sombray, Julia Powalla, Karola Sasse, Kathrin Jurgenowski, Klaus Hulha, Klaus Lorch, Konrad Toenz, Laura Sonnefeld, Leander Wattig, Lew Weisz, Lilith Adami, Ludger Menke, Magdalena Jagelke, Mareike Schneider, Maren Kames, Marika Keblusek, Mario Sixtus, Marion Schwehr, Markus Heitz (Mahet), Martina Minette Dreier, Michael Bärnthaler, Michael Brielmaier, Michaela Keller, Michaela Maria Müller, Monika Scheele Knight, Moritz Reichelt, Nadine Kegele, Nils Markwardt, Nils-Peter-Timm, Noomi Seebacher, Patricia Cammarata, Philipp Winkler, Pia Ziefle, Rafael Horzon, Rahel Müller, Raphael Voss, Rasha Khayat, Regina Schleheck, Rita Krippendorf, Rolando B. Santana, Roman Held, Romi Staub, Ruth Hundsdoerfer, S. Noa Medina, Samael Falkner, Sandra Matteotti, Sandra Rufli, Sandra Walzer, Sarah Khan, Sebastian Baumer, Sebastian Dickhaut, Sebastian van Roehlek, Señor Rolando, Sibylle Luithlen, Simona H., Simone Harland, Simone Veenstra, Stanislaw Bastian, Stefan Mesch, Stephan Weiner, Tatjana Kruse, Thomas Götz von Aust, Tilman Winterling, Ute Weber, V. S. Wagner, Valeria Zichaeus, Vanessa Giese, Vassili Kostadimas, Vi, Vitoria Pinto, W., Wibke Ladwig, Zoë Beck und Zora Debrunner.Version 1/4 erscheint am 1.12., gleich morgens bei minimore.de und dann im Laufe des Tages in vielen anderen Shops. Links zu allen Shops werden hier gepostet. Das E-Book kostet EUR 4,99, die Autor- und Herausgeberanteile am Erlös gehen als Spende an das Kindersterbehospiz Sonnenhof in Berlin-Pankow. Die finale Version wird am 13. März 2015 erscheinen.Christiane Frohmann,Berlin, 27. November 2014
Tausend Tode schreiben | Cover

Christiane Frohmann (Hg.)

Tausend Tode schreiben
ISBN ePub: 978-3-944195-55-1
ISBN mobi: 978-3-944195-56-8
EUR 4,99
VÖ: 1. Dezember 2014

Die Idee war und ist, in Form von tausend kurzen Texten tausend höchst subjektive Ansichten auf den Tod zu versammeln, damit diese zusammenwirkend einen transpersonalen Metatext über den Tod schreiben, aus dem wiederum ein plausibles Bild dessen entsteht, wie der Tod in der heutigen Gesellschaft wahrgenommen wird, welche Realität er hat, wie und was er ist. Ich habe Autor*inn*en angesprochen und Menschen, die beruflich oder privat mit dem Tod zu tun haben. Viele dieser Menschen haben weitere Mitwirkende dazugeholt. Wer von den Leser*inne*n dieses E-Books selbst einen Text zum Tod geschrieben hat oder in sich trägt, kann diesen ebenfalls zu ‚Tausend Tode schreiben’ beitragen (verlag at cfrohmann.com), weil noch drei weitere Versionen erscheinen werden.

In der vorliegenden Version 1/4 erscheinen die ersten 135 Texte, sie stammen von @akkordeonistin, @chouxsie, @der_handwerk, @gallenbitter, @notwendig, AE Rutherford, Agent Dexter, Alan Posener, Alex Meszmer, Andie Arndt, Andrea Behnke, Andreas Schwarz, Angela Temming, Angelika Maisch, Anja Schürmann, Anne D. Plau, Anne Kuhlmeyer, Anousch Mueller, Auguste von Blau, Berit Andersen, Birte, Chloe Zeegen, Christian Huberts, Clemens Setz, Daniela Seel, David Bernet, David Wagner, Demeter Dick, Denise Maurer, Dirk von Gehlen, Doris A. Conrad, Doro Horedt, Dr. Hans Mordt, Elke Heinemann, Falk Schreiber, Felix Johannes Enzian, Florian Voß, Frank Göhre, Frank Krings, Frank Lachmann, Franziska Schöning, Frédéric Valin, Gabriel Yoran, Georgina Pascoe, Gerle K. Tröger, Gesa Füßle, Gesa Noormann, Heiko Kuschel, Holger Schulze, Huck Haas, Isabel Bogdan, Isabel Fargo Cole, Jackie A., Jan Fischer, Jannis Plastargias, Jo Lenz, Johanna Feil, Johanna Straub, Joseph Given, Judith Sombray, Julia Powalla, Karola Sasse, Kathrin Jurgenowski, Klaus Hulha, Klaus Lorch, Konrad Toenz, Laura Sonnefeld, Leander Wattig, Lew Weisz, Lilith Adami, Ludger Menke, Magdalena Jagelke, Mareike Schneider, Maren Kames, Marika Keblusek, Mario Sixtus, Marion Schwehr, Markus Heitz (Mahet), Martina Minette Dreier, Michael Bärnthaler, Michael Brielmaier, Michaela Keller, Michaela Maria Müller, Monika Scheele Knight, Moritz Reichelt, Nadine Kegele, Nils Markwardt, Nils-Peter-Timm, Noomi Seebacher, Patricia Cammarata, Philipp Winkler, Pia Ziefle, Rafael Horzon, Rahel Müller, Raphael Voss, Rasha Khayat, Regina Schleheck, Rita Krippendorf, Rolando B. Santana, Roman Held, Romi Staub, Ruth Hundsdoerfer, S. Noa Medina, Samael Falkner, Sandra Matteotti, Sandra Rufli, Sandra Walzer, Sarah Khan, Sebastian Baumer, Sebastian Dickhaut, Sebastian van Roehlek, Señor Rolando, Sibylle Luithlen, Simona H., Simone Harland, Simone Veenstra, Stanislaw Bastian, Stefan Mesch, Stephan Weiner, Tatjana Kruse, Thomas Götz von Aust, Tilman Winterling, Ute Weber, V. S. Wagner, Valeria Zichaeus, Vanessa Giese, Vassili Kostadimas, Vi, Vitoria Pinto, W., Wibke Ladwig, Zoë Beck und Zora Debrunner.

Die finale Version wird am 13. März 2015 erscheinen.

Christiane Frohmann,
Berlin, 27. November 2014

Ewige Pilgerschaft

Ein Pilger ist einer, der eine Haltung sucht zu Ranken
und anderen Fesseln, doch welche? Soll ich sie
mit meinem scharfen Pilgermesser abhacken, so
schnell sie wachsen? Oder sie hegen und pflegen und
jeden Tropfen, egal welchen Wassers, auffange, um sie
in ihrem Ringen zu stärken? Liebe ist das
Geheimnis im Innern dieses Gehens. Wie
ein Hund läuft sie uns voraus aus dem Bild.*

Was willst du festhalten, Frau?
Worum sorgst du dich?
Was pflegst du?
Und was lässt du los?

Wofür gehst du?
Wofür brennst du?
Was ist das Holz,
was das Öl deines Lebensfeuers?

Und womit löschst du den Brand?
Womit deinen Durst?

Was schneidest du ab und wozu?
Was lässt du wachsen und wohin?

________________________________________

* Den ersten Abschnitt zitiere ich aus Anne Carsons Die Anthropologie des Wassers; Aus Burgos, 3. Juli.

Ziemlich aufgeblasen

Stellt euch einen Schweizer Kindergarten* vor. Früher. Vor neunundzwanzig Jahren. Wir sitzen im Kreis. Ich bin die Azubi-Kindergärtnerin und erzähle ein tolles Bilderbuch. Wie es geheißen hat, weiß ich heute leider nicht mehr, nur dass ich es gewählt habe, weil wir das Thema Angst durchnahmen. Ausgelöst hat diese Diskussion ein Gespräch, das meine Ausbildnerin mit der Mutter eines Kindes geführt hatte. Eines der Kinder, ein Bub, wurde zuweilen von den andern gemobbt. Er war zwar der Größte und Stärkste und verhielt sich oft sehr grob, doch wenn ein paar Kinder zusammen auf ihn los gingen, weinte er schnell. Kurz und gut: er hatte Angst, was seinem Gruppenverhalten nicht unbedingt zuträglich war. Im Gegenteil. Er wurde noch unzugänglicher und er träumte schlecht. So etwas gab es auch schon vor neunundzwanzig Jahren. Wir befinden uns übrigens in einem kleinen Dorf mit fast null Prozent Ausländeranteil.

Alle oder jedenfalls viele gegen einen also.

Im Buch, das ich erzählte, ging es um ein Monster, das den kleinen Protagonisten verfolgt. Oder war es eine Protagonistin? Das weiß ich nicht mehr. Stell dir einfach dich vor. Dich in groß oder dich als Kind.

Die Illustrationen zeigen, wie die Hauptfigur davonrennt. Mitten hinein in eine dunkle, tunnelartige Häuserschlucht. Hinter ihr her rennt das Monster, als dunkler Schatten, als riesige Fratze an die schwach erleuchteten Hausmauern geworfen. Auf jeder Buchseite, die ich umblättere, kommt es näher, und wir, die Kinder und ich, überlegen, was es wohl ist, wer es sein könnte, was es von uns will und warum. Ich meine mich zu erinnern, dass es ganz tolle Gespräche gab.

Seite für Seite wird der Schatten gespenstischer und kommt näher.

Schließlich gelangt die Hauptfigur in eine Sackgasse. Sie kann nicht mehr weiter, kann nur eins: Sich umdrehen, sich dem Monster stellen. Und das tut sie.

Hinter ihr entdecken wir nun einen kleinen Hund, der wedelnd und glücklich endlich den Stock auf den Boden legen kann und um ein Lob oder Goodie bettelt.

In echt ist das Monster zwar meist nicht so harmlos, doch oft weniger bedrohlich als wir denken, solange wir vor ihm davon laufen.

Im zweiten Teil meiner Angst-Lektion vor neunundzwanzig Jahren verteilte ich Papiertüten, die ich zuvor beim Dorfbäcker gekauft oder geschnorrt hatte. Leere Brottüten. Die Kinder setzen sich an die Tische und malen auf das Brotpapier ihr ganz persönliches Monster. Später, zurück im Kreis, blasen wir alle gleichzeitig unsere Monstertüten auf und … ja, wir machen sie … kaaa-putt.

Die Gesichter hättet ihr sehen sollen.

Brottüten gibt’s zum Glück auch heute noch. 🙂

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Danke Ulli! Ausgelöst von einem Kommentar an dich zum letzten Artikel ist mir diese kleine Geschichte wieder eingefallen.

* In der Schweiz sind die Kinder damals in der Regel als Fünf- und Sechsjährige in den Kindergarten gegangen. Es ging dabei vor allem um die Förderung sozialer Kompetenzen und anderer Softskills. Heute ist es ein bisschen anders, ich bin nicht auf dem neuesten Stand.

Mehr als Rädchen sein

Ohne Erwartungen leben – geht das? Wie reif und erleuchtet man dazu sein muss, weiß ich allerdings nicht. Nur dass ich das nicht bringe. Und, so sehr ich es nicht mag, wenn andere von mir etwas erwarten, ich tue es auch – ich habe Erwartungen. An mich und an andere. Und an das Leben. Oft völlig unreflektiert, meistens sogar.

Andererseits bin ich immer wieder abgehauen, wenn die Erwartungen anderer an mich zu groß geworden sind. An Arbeitsstellen oder in Beziehungen. Wenn ich festgestellt habe, dass ich andern in erster Linie als Projektionsfläche diene und nicht als die Person, die ich bin, als die Frau, der Mensch, gesehen werde, sondern als funktionierendes Rädchen im Getriebe einer Beziehung, eines Arbeitsverhältnises. Man kann mich, wegen meiner Fluchten, feig nennen, und vielleicht bin ich es auch, doch das spielt hier keine Rolle, denn hier und heute will ich mal wieder schreibenderweise über das Leben sofasophieren. Über die Gesellschaft auch. Und wenn wir schon dabei sind auch gleich über die Politik. Alles im gleichen Aufwisch. Achtung: Triggerwarnung. Auch der Tod kommt in diesem Artikel vor. Denn wenn wir schon über das eine, das Leben, reden, kann das andere nicht weit sein.

Wer weiterliest, ist selbst schuld. 🙂

Das blaue Boot hat angelegt. An meinem Steg. Anders als letztes Jahr, wo es mich sozusagen entführt und auf der blauen Insel eine Weile lahmgelegt hat, hat es sich diesmal angekündigt. Diesmal spielt mein blaues Monster, das Kapitänum des blauen Bootes, mit offenen Karten. Wir beide wissen Bescheid, denn seit ich mein Medikament nehme, sehe ich die Welt anders. Nicht netter, aber klarer. Das Medikament ist meine Brille, die den ewigen Lebensgraufilter von meinen Augen genommen hat. Ohne diesen Graufilter konnte ich in den letzten Monaten vieles aufräumen. Ich bin in meine Kellerräume gestiegen und habe die hintersten und ältesten Kisten geöffnet. Viel Dreck. Viel Mist. Viel Schmerz. Mäusekot. Schwere Kost. Nein, ich habe mich nicht geschont. Ich habe hingeschaut. Und dann habe ich ein Feuer gemacht, im Garten, und vieles verbrannt. Ich bin durch. Mittendurch. Ich habe keine Angst mehr von dem, was noch in mir drin zum Vorschein kommen könnte. Diese Ängste sind gebannt. (Denke ich jetzt und heute. Und ich hoffe, dass dem so ist.) Doch ob ich mit meiner neuen Werkzeugkiste dem blauen Monsterboot diesmal trotzen kann, werde ich sehen. Ich bin zuversichtlich. Obwohl ich mich auch ein wenig fürchte.

Angst habe ich eher vor der Welt da draußen, der ich auch angehöre. Im vorletzten Artikel habe ich darüber geschrieben, wie anstrengend es oft für mich ist, dass ich hinter jedem Wort, das ich lese und höre immer auch den Menschen spüre, der es gesagt oder geschrieben hat. Und dann natürlich zu wollen, dass es ihm oder ihr gut geht. Und natürlich ist es größenwahnsinnig, zu glauben, dass ich die Welt allen Menschen so machen kann, dass sich alle sicher und geliebt fühlen. Dennoch ist es eine ewige Hoffnung in mir, dass wir alle zusammen uns gemeinsam in diese Richtung bewegen. Doch weil es noch nicht so ist und weil wir noch alle (oder zumindest die meisten) zuallererst daran denken, den eigenen Bauch zu füllen, gibt es eben dieses Ungleichgewicht, die Krankheit der Gesellschaft. Neulich las ich bei Irgendlink über diese geniale anarchistische Idee, alles Gut (und Schlecht?) auf einen Haufen zu legen und neu zu verteilen. Das erinnerte mich an das neulich hier im Blog beschriebene Experiment, bei welchem sich Menschen aus einer Schüssel so viel Geld nehmen durften wie sie brauchten. Und wie das mit Selbstwert zusammenhängt. Mit unserem Denken über uns selbst. Über die Selbstwertschätzung und die Wertschätzung aller andern uns gegenüber.

Heute Morgen habe ich auf einmal verstanden, dass es nicht die Selbstliebe ist, die mir für mich und meine Zufriedenheit fehlt, sondern eine Art Bumerang- oder Spiegelakzeptanz der Menschen da draußen. Denn mir selbst und meinen geliebten Menschen geht es gut mit mir. Wenn ich aber unterwegs im öffentlichen Raum bin, auf Ämtern, im Zug, im Garten, im Laden möchte ich nichts anderes als alle andern einfach zu respektieren und von ihnen respektiert zu werden. Nicht denken: Was denkt der oder die von mir, wenn ich so und so? (Denn damit bewerte ich ja sowohl mein Verhalten als seltsam und traue den andern andererseits nicht zu, mich nicht zu bewerten.) Im Grunde kann es mir ja völlig egal sein, was unbekannte (und bekannte) Menschen von mir denken. Ein bisschen anders ist es in Umgebungen, wo man entweder als Bittstellerin oder Kundin auftritt. Da möchte ich als Mensch gesehen werden, als der Mensch, der ich bin. Mit meiner Geschichte. Nicht als Nummer. Nicht als Fall. Da möchte ich einfach nur akzeptiert werden. Und ernstgenommen. Wahrgenommen und respektiert nicht einfach nur geduldet. Ja, ich habe Erwartungen, wie gesagt.

Und nun stell dir bitte mal eine Wippe vor. Oder eine Waage. Eine Schaukel. Ein Pendel. So ist unsere Gesellschaft. Nie ausgeglichen, immer rauf und runter. Immer hin und her. Immer in Unruhe. Vielleicht ist ab und zu eine Gruppe ruhig, ausgeglichen. Oder sogar mehrere. Aber nie alle. Muss ich das als Fakt akzeptieren und kann ich mir dennoch wünschen, dass es anders wird? Keine statische Ausgeglichenheit, denn das wäre Stillstand, Tod, nein, auch die Extreme haben wohl ihren Sinn. Sie gehören zum Menschsein dazu, das wir alle darstellen, und zur Lebenserfahrung, die wir sammeln. Und so haben wir Menschen also ausgetestet, wie sich Kapitalismus anfühlt. Viele haben auch den Kommunismus erlebt. Zumindest eine Form davon oder mehrere. Weder mit dem Kapitalismus noch mit dem Kommunismus wurde die Menschheit langfristig zufriedener (Muss sie das? Und wer sagt das? Wäre sie dann noch so manipulierbar, wie sie es ist?).

Da sind so viele Lecks. In mir, in uns. Und so versuchen es die einen mit Selbsterfahrungen bis zum Exzess und andere geben sich dem Leben in einer Gruppe hin, ebenfalls exzessiv. Alle auf der Suche nach ihrem Glück und ihrem Lebenssinn. Und ich frage mich, ob das wirklich funktionieren kann.

Müssen wir nicht erst einmal zu Grunde gehen? Uns unserer Dunkelheit stellen?
Dahin, wo es am dunkelsten ist.
Dann uns abstoßen, vom Grund, auftauchen, die Lungen füllen.
Und endlich authentisch leben.

Denn ich ahne, dass wir unterwegs etwas wesentliches verloren und vergessen haben, unterwegs durch die schnelle Zeit.

Das hier:

Um beruflichen Erfolg zu erlangen und in der Männerwelt ernst genommen zu werden, haben viele Frauen angefangen, ihre weibliche Seite zu unterdrücken. Nun haben manche zu ihrer Weiblichkeit und gar ihrem Körper eine ablehnende Haltung entwickelt.
Die Frau repräsentiert das Leben, das Sanfte, (weibliche) Intuition, Mitgefühl. Sie steht für das Fließende. Nicht nur ihr Blut fließt alle vier Wochen, auch das Fließen der Gefühle und der Liebe ist gemeint.
Es ist für unser aller Wohl, nicht nur für das der Frau selbst, dass wir unsere weibliche Seite wieder entdecken und ausleben. Männer sind nicht besser als Frauen, und Frauen nicht besser als Männer – wir sind einfach anders. Und wir sollten aufhören etwas anderes sein zu wollen, als was wir sind.

Quelle. http://www.awakeningwomen.de/2014/11/18/ganz-frau-sein/

Wir alle sind alles. Ich habe männliche und weibliche Anteile. Du auch, er und sie ebenfalls.

Ich plädiere für Ausgewogenheit. Für den Weg in unsere Mitte. Für ein wahrhaftiges Hinspüren. Ja, auch ihr, Männer, seid gemeint. Warum nur haben wir so Angst vor unseren Gefühlen? Weil wir dabei etwas in uns entdecken könnten, von dem wir verlernt haben, wie man damit umgeht? Oder es gar nie gelernt haben?

Seit ich in meiner Zwischenwelt, in meinem neuen Leben lebe, will heißen, seit ich nicht mehr angestellt bin, stelle ich fest, dass ich wieder viel mehr fühlen kann. Dass ich mich viel weniger nach außen hin abschotte, dass ich wieder viel mehr hinschaue, bei mir, bei andern. Und ja, das tut manchmal verdammt weh. Und vielleicht habe ich ja darum so Angst vor der Welt da draußen? Weil da noch viel mehr Schmerz ist, verdichtet in jedem einzelnen Menschen. Und meistens nur deshalb, weil sie ihn nicht zulassen, den Schmerz, und seine Auflösung auch nicht.

Ich behaupte, dass die meisten Handlungen motiviert von unseren Wunden sind. Wäre es da nicht sinnvoll, sich mal um die Heilung derselben zu kümmern, um so die Grundlage für andere, weisere Handlungsansätze zu schaffen?

Die Natur holt sich ja doch immer, was sie braucht. Auch unsere innere Natur. Pendel. Vielleicht ist das sogar der Schlüssel zu den Erwartungen? Aktion – Reaktion. Instantkarma. Nein, ich nenne es nicht Schuld und ich spreche nicht von Busse und Sühne. Mit diesem Weltbild wurde schon zu viel kaputt gemacht. Aber ich glaube an Naturgesetze, an das Gesetz der Anziehung auch und an das Echo der Bergwand. Und ja, ich glaube an die Liebe.

„Zu“ ist doof.

Seit ich bei Twitter bin, habe ich einen neuen Weg entdeckt, Dinge auf die lange Bank zu schieben. Ich lese Twitter, wie ich einen Roman lese. Ich lese in den Gedanken der Menschen, in den geschönten, in den ungeschönten. Oft in traurigen, verzweifelten, manchmal sehr komisches, dann wieder zynisches, groteskes; Philosophisches und Wortspielereien auch. Ich mag es. Aber es ist anstrengend, denn mein Problem ist, dass ich hinter jedem Wort den Menschen spüre, der es geschrieben hat. Und dann will ich natürlich, dass es ihm oder ihr gut geht. Dann will ich aber auch wissen, wie es mit ihr oder ihm weitergeht. Ich mische mich lesend in viele Leben ein, nicht aktiv zwar, aber als Voyeurin.

Voyeurin | pic by 1.000.000 pictures
Voyeurin | pic by 1.000.000 pictures

Will ich das wirklich und ist das womöglich eine Flucht aus oder zumindest eine Ablenkung vor dem eigenen Leben? Mein nächstes Problem ist, dass ich (fast) alles und (fast) alle ernst nehme. Dass ich nicht „nicht betroffen“ sein kann, wenn ich etwas lese. Dass ich nicht „keine Meinung“ haben kann. Und dann dieser Traum heute Nacht.

Meine neue Arbeitsstelle. Eine Art Flüchtlingszentrum. Ein Mix aus Europa und Afrika. Wir Angestellten hatten ein Großraumbüro in einer alten zugigen Lagerhalle. Unsere Schreibtische standen zu einem Labyrinth aufgestellt und wirkten allesamt improvisiert, ziemlich versifft und waren staubig. Auf einer Seite der Halle war eine Fensterfront, der Raum war ansonsten eher dunkel und mit Neonlicht erleuchtet. Eine Art Tresen im Bereich der Türe war die Rezeption, ansonsten alles offen. Keine Schutzräume, keine Türen außer der Eingangstüre.

Unser Team bestand aus einer extrem enthusiastischen Chefin (die ich in echt nicht kannte) und aus ein paar ArbeitskollegInnen von früheren Arbeitsstellen. Wir fingen alle zusammen an, eröffneten das Zentrum. Ich saß am Schreibtisch vor meinem Laptop und wusste nicht so genau, was ich sollte. Woraus meine Arbeit bestand. Im Team waren L. und R., meine unliebste und meine liebste Arbeitskollegin bei meiner letzten Stelle. Sozialarbeiterinnen. Sie waren dort wegrationalisiert worden und hier gelandet.

In der nächsten Szene gingen wir durch Slums, die von der Architektur definitiv in der Schweiz waren (ich tippe mal auf Bern), wir waren umgeben von schwarz- und braunhäutigen Kindern, die noch kaum Schweizerdeutsch konnten. Wir redeten mit ihnen, sie mit uns. Keine Ahnung, was der Sinn dieser Gespräche war. Es war berührend und beklemmend zugleich.

Zurück im Büro. Die Chefin ist tot. Ich weiß nicht mehr genau, ob wir sie gefunden haben oder jemand anders. Auch war es offenbar nicht der erste Mord in unserm Umfeld. Was tun? Wir müssen uns neu organisieren, damit der Betrieb weiterlaufen kann, sagte L.. R. schlug vor, dass L. vorläufig den Laden leiten könnte. Seltsamerweise war L. in diesem Umfeld viel freundlicher als ich sie an meiner letzten Arbeitsstelle erlebt hatte. Sie war echter und ohne dieses giftige Misstrauen, das sie mir gegenüber immer an den Tag gelegt hatte.

Alle waren einverstanden. Ich weiß noch, dass ich dachte und wahrnahm, dass ich mich an diesem Ort wohlfühle. Weil wir alle zusammen neu angefangen haben.

Zugleich empfand ich ständig einen leichten Ekel über die ganze Schmuddeligkeit der Welt, des Büros, der Slums, den ich zum einen rational wegzufühlen versuchte und zum andern hätte ich am liebsten mal alles richtig geputzt, am liebsten die ganze Welt in Ordnung gebracht. Dieses Gefühl war sehr stark, dass ich die Welt retten musste. Im Beiboot die Hilflosigkeit, meine Lebensgefährtin seit immer.

Der Tod der Chefin löste bei niemandem von uns ein Drama aus. Es gehörte wohl einfach dazu, wenn man so lebte wie wir. Wir alle lebten gefährlich, jeder und jede von uns konnte der oder die nächste sein.

Ich arbeitete gerne dort und fühlte mich wohl, doch daneben hatte ich auch mein anderes Leben. Das dort war nur meine Arbeitsstelle. Nicht das, wonach ich hungerte: Das tun, was mir am meisten entspricht. Danach suche ich noch immer. Im Traum ebenso wie im echten Leben. Und eigentlich habe ich es gefunden, mein Leben. Nur kann ich davon nicht leben. Paradox.

Ob es damit zusammenhängt, dass ich alles zu ernst nehme?
Dass ich mich zu viel einlasse auf die Leben der andern?
Dass ich zu viel …

„Zu“ ist doof. Vergleichen auch. Eigenschaften zu Problemen umbenennen auch. Und überhaupt: Das Leben ist nicht ideal.

Wieso fallen mir in letzter Zeit keine guten Schlusssätze ein? Mist.

Eigentlich und einfach

Über Berührung zu schreiben, ist mindestens so unmöglich wie über Liebe. Vielleicht noch unmöglicher, wenn es diese Steigerung denn gäbe.
Was berührt und warum und wie und wohin Berührungen führen und warum sie für mich so wichtig sind? Was für ein komplextes Thema, das sich vorgestern auf einmal in meine Fahrgedanken geschoben hatte!

Kaum von zu Hause aufgebrochen, nordwärts fahrend, tat sich auf einmal Raum in mir auf. Die Tage davor waren emotional sehr herausfordernd gewesen, alte Narben spürten den Wetterwechsel und juckten wie verrückt. Seelennarben, selbst gut gepflegte und verheilt aussehende, werden nie verschwinden. Vielleicht wird die Seelenhaut eines Tages fast wieder so glatt wie einst sein und vielleicht werden Außenstehende von der Narbe nichts mehr sehen, sie nicht bemerken. Nicht auf den ersten Blick.

Aber. Jedoch.

Wir sind eine Summe. Die Summe und noch viel mehr all dessen, was uns je berührt hat. Wir sind Gewordene. Geformte. Wie das Stück Holz, der Baumstamm, den ich vor einigen Tagen auf der Bildergalerie Pixartix gezeigt habe. Wir sind die Summe auch all jener Berührungen, die wir entbehrt haben. Nach denen wir uns gesehnt haben. Die wir womöglich noch nicht einmal vermisst haben, weil wir sie als unmöglich betrachtet hätten, als unverdient sogar, hätten wir darüber nachgedacht. Doch selten denkt ein Kind darüber nach, was sein könnte. Oder nicht so, nicht auf diese Weise. Differenzen. Diskrepanzen. Löcher. Lecks. Berührungslecks. Auch sie lassen uns Gewordene, Geformte sein.

Weit mehr als Haut auf Haut ist Berührung, viel mehr als Küsschen hier und Küsschen da und auch mehr als die Umarmung einer liebe Freundin oder des Geliebten. Berührung ist Erschütterung. Berührung ist Unterhaut auf Unterhaut, ist Seele auf Seele, ist Herz auf Herz. Doch hier höre ich mit meiner Definition auf, denn sonst wird es hier unerträglich sentimental. Wie ich halt auch bin. Und nicht mal ungerne.

Ja, es gibt Dinge, die kitschig aussehen, klingen, wirken, wenn man nur ihr Abbild, ihren Ausdruck sieht, eine Postkarte, ein Bild, Worte in einer Geschichte, in einem Blogartikel. Doch genau diese Dinge sind im echtem Leben so essentiell, dass wir ohne sie nicht leben sondern darben, wie eine ungegossene Pflanze eingehen, schrumpfen. Okay, ohne Sonnenauf- und -untergänge kann man vielleicht leben, aber ohne liebevolle Berührungen nur schwer, verdammt schwer.

Ja, Berührung war es, die ich am meisten vermisst habe, damals. Meine Nase konnte nicht mehr am Haar meines kleinen Sohnes schnüffeln, wenn wir zusammen Bücher anschauten und er mir dabei mit einem staunenden Kichern seine Welt erklärte.
Aber Mama, das ist doch der Goldnackenara nicht der Gelbbrustara, das sieht man doch.

Bei Missgeschicken meinerseits war er mir sofort mit gutem Rat zur Seite:
Aber Mama, das muess doch eigentlich eifach so sii.

Wie recht er hatte, mein kleiner Prophet, erkenne ich erst nach und nach. Verstehen tu ich vieles nicht, was das Leben mit mir macht, aber akzeptieren, dass Dinge manchmal und eigentlich einfach so sein müssen. Weil wir sie nicht ändern können.