Verlieren und wieder finden

Meine letzten Monate waren intensiv, äußerlich und innerlich. Randvoll fühle ich mich, fast übersättigt. Voll mit Wörtern, mit Bildern. Heute ist fasten, verdauen und ausscheiden angesagt. Selbst Worte finden. Allenfalls ein Buch lesen. Allenfalls ein Buch besprechen. Spazieren gehen vielleicht. Ansonsten: selbst schreiben. Selbst kreieren. Selbst denken. Und dieser leisen Irritation in meinem Leben zuhören, die mich da fragt, was wirklich ist, wahr war und echt wird. In diesem Augenblicken möchte ich mein Netz sehen, alle meine Spuren, die ich bis hierher gegangen bin. Alle Verbindungen, Vernetzungen, Verstrickungen, Beziehungen, Verwandtes und Verwandte, Relations. Denn relativ ist alles. In Bewegung auch. Ein Ziehen und ein Lassen. Dichte Netze, in denen ich hänge. Dichte Schichten, gedichte Schichten. Geschichten. Gedanken, Spiele, Worte. So viele, dass mir nur schreiben bleibt. Ausscheiden.

Über das Verlieren nachdenken und was man finden kann, wenn man loslässt. Selbst wenn man es nicht bewusst getan hat. Die vielen Menschen, die meinen Weg kreuzen. Gekreuzt haben. Noch kreuzen werden. Manche sind eine Zeitlang fast parallel zu mir unterwegs, ganz nah tangieren oder kreuzen sie meine Umlaufbahn sehr oft und sehr intensiv. Irgendwann verändern sich unsere Lebenskurven und man sieht sich seltener, hört sich weniger und auf einmal ist ein Mensch weit weg. Obwohl er im Herz geblieben ist. Solche Menschen auf einmal wiederzusehen, ist für mich immer wieder wie Briefkasten öffnen am Geburtstag. Danke, liebe R., für diesen wunderbaren Nachmittag und Abend gestern. Den Einblick in dein Leben. Und in das deines kleinen-großen Sohnes. Ich fühle mich beschenkt.

Umlaufbahnen. Wege, die wir gehen. Ich möchte, wie gesagt, meine Wegkarte manchmal sehen, von oben am liebsten, wie einen von meiner Track-App aufgezeichneten roten Weg auf meiner Lebenskarte. Aber nicht nur die Wege von gestern, von letztem Monat, von letztem Jahr. Ganz von Anfang an! Würde ich so womöglich meine Lieblingsorte herausfinden, jene Orte, die mich am meisten nähren? Wären dies jene Orte, wo ich am häufigsten bin? Oder hat Häufigkeit keine Bedeutung, weil sie im Grunde nichts über die Qualität eines Ortes aussagt? Lieblingsorte – was müssen sie erfüllen, um diesen Namen zu verdienen?

Was Bern für mich ist, versuche ich noch immer zu verstehen. Immer wieder. Gestern war ich mal wieder dort und in der Umgebung unterwegs. Zuerst auf dem Friedhof. Ihn zu meinen Lieblingsorten zu zählen, wirkt auf den ersten Moment zynisch. Vor allem, wenn man nicht weiß, dass ich schon früher Friedhöfe gemocht habe. Vor allem, weil sie oft genau das sind, was ihr Name bedeutet; für mich jedenfalls. Die Gegenwart sichtbarer Endlichkeit erlebe ich nirgends so sehr wie auf Friedhöfen. Mir ist das Trost, meine Endlichkeit tröstet mich; jegliche Endlichkeit tröstet mich. Im Wissen darum, dass sich das Universum stetig ausdehnt und Endlichkeit letztendlich ja doch nur eine Illusion ist. [Und mittendrin die Frage, ob man elf Jahren danach wieder normal sein sollte. Normal?] Vermutlich. Keine Antworten finden und haben zu müssen, ja, auch das finde ich auf Friedhöfen. Und ganz viele Paradoxien. Am meisten aber finde ich hier Liebe. Liebe? Ja. Sie liegt unter der Erde, schwebt über den Gräbern, steht auf den Grabsteinen, vor allem aber ist sie Teil der Luft, die ich atme. Verlust. Trauer. Tränen. Ja, auch sie, am stärksten aber ist die Liebe.

Mein rotes Straßennetz also. Wo wären meine häufigsten Kreuzungen? Vielleicht dort, wo es am wenigsten Wege gibt. Und schon gar keine Schnellstraßen. In Wäldern vermutlich. Auf Hügeln. An Flüssen. In der Natur jedenfalls.

Gestern also. Um Bern herum. Vom Friedhof nach M.see, an die Fotoausstellung von Freundin R., die ich fast vier lange Jahre nicht mehr gesehen habe. Sporadische Mails zuerst noch. Irgendwann nichts mehr. Nicht absichtlich. Die Zeit, die Zeit. Das schnelle Leben. Auf fb haben wir uns schließlich vor ein paar Monaten wiedergefunden.

Am Anschluss an ihre Ausstellung lädt sie mich zu sich ein. Mit Sohnemann und ohne Autositz in meiner Karre will sie aber mit öffentlichem Verkehr nach Hause fahren, derweil ich mich durch den frühen Samstagabendverkehr fuhrwerke. Über Land mache ich kurz Halt und genieße die Weitsicht. Die Alpen. Den diesigen Nebel, der sich nun langsam, wo es Abend wird, wieder vor die sinkende Sonne schiebt, die alles gegeben hatte, um sich von ihrer besten Seite zu zeigen. Weite. Schneebergspitzen.

Eine ältere Dame sitzt in der Nähe, kommt auf einen Schwatz auf mich zu, später kommt ihre Schwester zurück, die mit dem Hund unterwegs war. Wir reden über die Berge, das Land, das Leben, den Weg von hier nach K., wo Freundin R. wohnt. Autobahn oder über Land, geht beides. Nein, hier lang gelangt man zwar nicht nach K., aber der Schlenker hat sich gelohnt. Die Aussicht. Die zwei Frauen. So will ich mal sein, so ähnlich, wenn ich so alt sein werde. Falls ich so alt werde. Offen. Interessiert.

Bevor ich nach K. fahre, zieht es mich, wenn ich schon in der Nähe bin, nach Ausserholligen, meinem früheren Wohnquartier. Sechs Jahre mein Zuhause. Und ja, wirklich ein Zuhause. Es ist auch jetzt noch, nach dreieinhalb Jahren, wie heimkommen. Erinnerungen überschwemmen mich. An die erste Zeit hier vor allem und an die Zeit, als ich Irgendlink schon kannte. Wie wir dieses Quartier gemeinsam erforschten. Ich betrachte die neuen Häuser, die Schule, die ich als Baustelle verlassen hatte. Ich sehe die neuen Läden im Quartier und frage mich, wie lange sie sich halten werden. Ich höre das stetige Straßenrauschen meiner Lieblingsstadt. Das Quietschen der Straßenbahn. Ich liebe diese Stadt, auch wenn ich ein Landei bin. La nostalgia. Nach K. fährt es sich fast wie von allein, ist ja mein früherer Arbeitsweg.

Monster
Tausendfüssler

Bei R. erzählen, lachen, staunen, fein essen, mit Sohn B. (6) über die Ausdehnung des Universums fachsimpeln und rumalbern. Sich wiederfinden, ohne sich je ganz verloren gehabt zu haben.

Lebenswege. Roter Faden. Heimweg.

Ich fädle mich in den Zubringer und schließlich in die Autobahn ein. Wie oft bin ich früher hier eingespurt? Richtung Süden am Anfang, später eher Richtung Norden, Basel, Strasbourg, Pfalz.

Das Leben. Meine Wege.

Über das Leben und alles unterwegs verlorene, verloren geglaubte, denke ich nach. Und was ich alles wieder zurückbekommen habe. Denn was ich losgelassen habe, ist nicht wirklich verloren. Aber ich muss nicht alles, was war, wiederhaben, nein. Weil es ja gar nicht weg ist. Habe ich die Musik, die Bücher, die Geschichten, die Menschen, die ich früher in meinem Leben hatte, verloren? Bin ich womöglich eine Ewig-Gestrige, weil ich noch immer einiges so habe wie früher? Und wenn schon. Schubladen sind mir egal. Ziemlich jedenfalls.

Nichts geht verloren, wandelt sich aber. Auch du und ich – wir alle verändern uns. Ich habe vieles beerdigt, und tue es noch. Immer mal wieder ist Beerdigung angesagt. Auf meinem ganz persönlichen Friedhof. Friede meinen Erlebnissen. Friede meinen Erfahrungen. Friede meinen Erinnerungen. Rest all in Peace. Restmüll ist es dennoch nicht. Alles biologisch abbaubar. Verwandlung, wie gesagt. Und auf einmal wird altes neu, wächst aus der Erde dem Licht entgegen.

Ausgekotzt – so fühle ich mich nun, Befindlichkeitsbloggerin ich. Leer.

Gut so. Platz für neues. Austausch ständiger. Raus. Rein. Essen. Trinken. Verdauen. Vergessen.

Zurück zum Anfang.

Noch mehr Hirn- und Herzgespinnste

Wenn ich blogge, bin ich Bloggerin,
wenn ich schreibe, Schreiberin,
wenn ich twittere, Tweeterin,
wenn ich ein Pinterest-Konto habe, Pinnerin,
wenn ich ein FB-Konto habe, Facebookerin,
wenn ich Dinge mache, eine Macherin,
wenn ich denke, Denkerin,
wenn ich träume, Träumerin,
wenn ich lache, Lacherin,
wenn ich spinne, Spinnerin,
[…]
… und wenn ich aufs WC muss, was bin ich dann?
Und was, wenn ich gar nichts mache?

+

Nennt sich das, was wir tun, Multitasking? Oder einfach nur irgendwie schizophren?
Bin ich hybrid oder einfach nur chamäleonesk?
Flexibel oder einfach nur angepasst und anpassungsfähig?
Wirklich kreativ oder einfach nur eine Reste-Aufwärmerin?

+

Und nun noch ein bisschen Dada mit einigen meiner Twitterposts und -antworten

Und die andere Hälfte? Ein Bett im Wald, oooh, das hätte
ich auch gerne! Die Krawatte, nicht
den Hoodie. Mundwasserfall. Kleider aus Menschenhaut! Friedlicher als
gedacht. Wo ist das denn? Noch besser: aus-
ziehen. Shibashi? Wenn man dafür in Kauf nimmt, dass
es keinen Weg zurück gibt? Wer könnte da NEIN
sagen? Klingt nach friedlichem Kampfsport. Zwar ein
Weg, von Wille aber keine Spur, da setz‘ ich mich mal
hin, was mach ich hier nur? Tastaturschrei. Für die Liste
für die Pille. Hier müsste es auch Triggermel-
dungen geben, personalisierte! Schlimmer als jeder Zaun-
pfahl. Marktlücke entdeckt. Bildungs
lücke
meinerseits? Genieß deine Mittags-
pause. Danke, das muss ich mir gleich näher an-
sehen. Muss man das kennen? Melde mich
gleich mit an … Klingt gut. Viel Freude
damit! Da bleib ich besser Dortwo-ich-bin. … wie
die Menschen: je reicher desto geiziger. Das
klingt nach Vorstellungstermin? Aber Hauptsache, man
nimmts nicht persönlich.

+

Man nimmt nichts persönlich – gut, von mir war das ironisch gemeint. Wird aber oft gesagt. Und jedes Mal denke ich dabei: Sind wir denn Maschinen geworden, weil wir so gar nichts mehr persönlich nehmen?
Ob wir womöglich, ähnlich wie Geräte, gar extra mit Fehlern und Abnützungszeiten konstruiert worden sind (und wenn ja: von wem?), damit wir nicht zu perfekt sind, damit der Hersteller nicht Konkurs macht und immer was zu tun hat. Und damit es uns nicht langweilig wird, das Leben.

Herzgesponnenes

Sie: Wenn ein Tweet-Post so etwas wie eine Seifenblase ist und ein Facebook-Post eine Art Kurzfurz, was wäre dann ein Blogartikel? Ich sehe da eine Art Treppchen vor mir, klein, mittel, groß. Das Blog ist am gewichtigsten von diesen Dreien. Alle einzelnen Posts sind Kieselsteinchen, Steine oder Brocken, die ich ins Wasser werfe. Kurz gibt es Wellen, doch bald ist der Wasserspiegel wieder ruhig. Wozu also schreiben?
Er: Auf den einzelnen Eintrag bezogen, magst du mit deinen Bildern recht haben. Letztlich ist aber jedes einzelne unserer Posts Teil eines großen Gewebes. Teil deines persönlichen Archivs. Man muss es als Ganzes sehen. Alles hängt zusammen.

+

Sie: Im Gegensatz zum Stein, der der Bildhauerin durch seine Form etwas sagen kann über seinen Wunsch, was er mal werden will, wenn er fertig gehauen ist, sagt mir das weiße Blatt Papier einfach überhaupt nichts. Ist das nun Freiheit oder Fiesheit?

+

Sie (zwinkernd): Hast du die Uhren schon gerichtet?
Er (zwinkert zurück): Wo denkst du hin? Es heißt doch: Du sollst nicht richten!

+

Sie: Wir wollen doch alle gesehen und gelesen werden. Und geliebt und so. Alle. Und dazu strahlen wir mit der Sonne um die Wette.
Er: Dabei ist die ja auch nur ein Stern. Ein Stern unter vielen. Wie wir.
Sie: Aber alle leuchten sie so schön. Und das ist wirklich ein Dilemma. Ich habe so viele gute Blogs abonniert, dass ich meine ganzen Tage mit Bloglesen verbringen könnte. Und dabei sind das noch nicht mal alle, die ich gerne lesen würde. Ich will keinen Artikel verpassen. Außerdem hat sie ja auch etwas familiär-rührendes, diese Welt der Mitbloggerinnen und Mitblogger. Unsere erweiterte Familie. Und das ist nun mein Dilemma: Setze ich meine Zeit für das Lesen all der tollen Dinge ein, die es schon gibt oder schreibe ich selbst ein paar Dinge, die vielleicht auch nicht schlecht sind?
Er: Die virtuelle Welt wird gemeinhin überbewertet. Ich würde mich wohl fürs Selbstschreiben entscheiden.

Sie
: Ich ja auch. Dann verliere ich jedoch das ganze Lesevergnügen. Das Leben ist ein einziger großer Kompromiss – und eins ist eh einfach nicht genug.

+

Am Sonntag, unterwegs im Wald:
Sie: Schau mal dort, wie sich die Natur diesen Ort wieder zurückholt! Toll … ich wusste es: die Natur ist auf Anarchie angelegt. Sie lässt sich nichts vorschreiben. Hält sich an keine Grundstückgrenzen. Wenn man sie nur machen lässt.

+

Sie: Kennst du das Gefühl auch, dass das, was du tust, nicht reicht, um ein so guter Mensch zu sein, wie du sein möchtest?
Er: Ähm? Nein …?
Sie: Ich trenne Müll, lebe so einfach wie möglich, verbrauche möglichst wenig Energie (gut, ich könnte noch viel weniger), ich handle politisch und gendertechnisch as correct as possible, ich ernähre mich relativ gesund, esse kein Fleisch, fahre so wenig Auto wie möglich (na ja, noch weniger wäre auch möglich, aaaber …) und so weiter. Und dennoch habe ich das Gefühl, es reicht nicht. Es ist immer zu wenig. Und dann denke ich voller Wut an all die andern Menschen, die sich über solche Dinge noch nicht mal einen winzigen Gedanken machen und so tun, als hätten wir noch irgendwo eine zweite Erde auf Vorrat. Ich denke dann sofort: Nein, so möchte ich nicht sein, nicht so wie die. Und dann denke ich: Es ist mein Denken, dass ich noch ändern müsste. Weil ich ja nicht so denken will. Und mich nicht vergleichen. Und dass ich das alles, was ich tue, ja für die Erde tue, nicht für die. Aber die gehören ja auch zur Erde, sind Teil von ihr. Ich denke vor allem an die Erde, an die Natur, an die Tiere. Und ja, auch an die Menschen, an die, die nach uns kommen. Was nun, wenn die auch alle so doof sind, wie die, die sich keine Gedanken über so Sachen machen? Dann kann ich es ja bleiben lassen … Die sind doch alle selbst schuld, wenn sie vor die Hunde gehen. Aber das sind ja dann auch wir. Das große Wir. Wir alle. Und dann denke ich, dass ich anders über die andern denken sollte. Mir zuliebe. Uns zuliebe.
Er: Über solche Dinge denkst du also nach?
Sie: Hm ja, du nicht?
Er: Hm, nein …

+

Sie: Niemand sieht die Welt, wie sie wirklich ist. Alle haben wir unsere ganz persönlichen Filter: Drama. Ironie. Komödie. Zynismus. Schönfärberei.

Ausgelesen II. #13 – Die Frau ohne Gesicht

Nein, nicht wirklich in einem Zug gelesen, weder noch. Weder im Zug sitzend noch in einem Rutsch. Seit ich nicht mehr regelmäßig Zug fahre, lese ich weniger Bücher und arbeite mehr. Mehr an den eigenen Projekten auf jeden Fall. Aber meine Buchbesprechungsserie soll trotzdem weitergehen. Wenn auch sporadischer, wie ihr wohl gemerkt habt … 🙂 Und eine richtige Buchbesprechung ist das hier auch nicht. Dafür eine herzliche Leseempfehlung.

Als sich die Aufzugtür öffnete, wurde ihr noch etwas anderes bewusst. Sie hatte keine Angst. Nach dem die Gefahr vorbei war, verspürte sie ein merkwürdig angenehmes Gefühl.
So dürfte ich nicht empfinden. Ich war in Lebensgefahr. Aber ich fühle mich stark und in jeder Hinsicht verdammt gut.
[…]
„Ich verstehe jetzt, warum du diese Arbeit machst“, sagte Lia. „Sie gibt einem das Gefühl, stark zu sein.“
Mari nickte.
„Nicht immer. Aber ziemlich oft.“

hiltunen_frauDiese Zeilen aus dem Buch Die Frau ohne Gesicht des Finnen Pekka Hiltunen klingen bei mir nach. Eine tolle Buchbesprechung dazu gibt’s bei Nicole auf My CrimeTime. Dort habe ich mir auch die Inspiration, dieses Buch zu lesen, geholt.

Ich mochte dieses Buch von der ersten bis zur letzten Seite – wegen des Schreibstils (dicht, authentisch, detailreich und äußerst realistisch) ebenso wie wegen der Figuren (nachvollziehbar, mehrdimensional, lebendig). Das tröstete mich über die tragischen Ereignisse hinweg, die der Autor erzählt. Doch was mir an dieser neuen Serie besonders gut gefällt, ist, wie die beiden finnischen Frauen Lia und Mari, die sich in London kennenlernen, gemeinsam Dinge in Bewegung setzen, um die Welt zu einer besseren zu machen – zuweilen auch jenseits des Gesetzes. Und das so ganz ohne Moralin, Pathos und gänzlich ungekünstelt. Einfach, weil sie ein Unrecht nicht länger mitanschauen können. Und weil sie Mitgefühl haben. Weil sie Menschen sind.

Ich verstehe jetzt, warum du diese Arbeit machst, sagt Lia. Ich verstehe jetzt, warum ich schreiben muss, sage ich. Und ich verstehe jetzt, warum so viele schreiben müssen und wollen. Es gibt uns das Gefühl, stark zu sein und die Welt ein klein bisschen besser machen zu können. Mit unseren Gedanken über das Leben, über die Welt, über die Liebe, über Missstände. Und ja, auch mit unseren Gedanken über die Schönheit. Und auch mit Humor machen wir die Welt ein klein bisschen besser.

Wir schreiben uns die Welt lebenswerter. Wenn ich durch den Reader gescrollt bin und meine Lieblingsblogs besucht habe, fühle ich mich gut genährt. Nach diesem Seelenfrühstück sieht die Welt doch gleich lebenswerter aus.

Und nun freue ich mich auf die Fortsetzung von Pekka Hiltunen. Auf Lias und Maris neue Geniestreiche.

Patchwork | Textklau, Kunst oder Hommage?

Gestern schrieb ich auf fb ungefähr folgende Zeilen:

Wenn ich jetzt aus all den heute gelesenen wunderbaren Blogartikeln meine Lieblingssätze nehmen würde, nur mal angenommen, und damit – aus diesen veredelten Rohstoffen sozusagen – eine neue, eigene Geschichte schreiben würde, wäre das eine Hommage, Klau, Kunst gar oder alles aufs Mal? Und funktioniert – so ähnlich jedenfalls – nicht alles irgendwie? Everything Is A Remix?

Heute Morgen dachte ich mir: Warum eigentlich nicht. Und hier ist er nun, mein Remix mit Textelementem von Lakritze, Fürhilde, Demenz für Anfänger, Mützenfalterin, Der Emil, Andreas Glumm, Irgendlink und mir selbst. Die Text-Verbindungen stammen ebenfalls von mir. Teilweise habe ich einzelne Wörter und/oder Wort- und Satzteile gelöscht oder eingefügt, damit es als Ganzes sinnvoll ist.
Selbstverständlich freue ich mich, wenn auch andere diese Idee umsetzen. Vielleicht auf der Dada-Schiene oder …?

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Damals, die Geschichten mit gutem und schlechtem und die ohne Ende, das liegt schon tief innen. Wollte ich das loswerden, ich müsste mich aushöhlen. Diese Schwebe trägt mich von kleinen Glücken in die Nischen aus Kämpfen. Ständig muss man um irgendwas kämpfen, man muss andauernd sicher sein, und sichergehen, während man glaubt eigentlich unterzugehen, während man sicher ist, dass man gar nicht weitergehen kann, dass nur noch eine Pille deine Neurotransmitter überlisten kann. Aber du musst ja. Du musst ja atmen, wenn du das Gefühl hast unter dem tristen Alltag zu ersticken. Atmen. Atmen. Und ruhen. Schlafen. Ich könnte immer schlafen. Heute hätte ich sogar problemlos eine Stunde länger schlafen können, hätte eine Stunde weniger schwitzen müssen, mich eine Stunde weniger so angefressen gefühlt. So recht weiß ich grad nicht, wie und was das hier werden soll. Der Impuls, einfach meinen Krempel zu nehmen und wieder heimzugehen, ist stark …

Um fünf Uhr in der Früh schreckte ich auf. Nachdem ich vielleicht zwanzig Minuten am Stück geschlafen hatte, wachte ich von der Stille auf. Mutters Atem hatte ausgesetzt. Nach einigen Sekunden röchelte sie. Dann atmete sie weiter. Ich verliere alle Erwartungslosigkeit. Und die Schwellen, an denen auf einmal alles schwierig scheint, voraussetzungsvoll ist, weh tut. Und die Liebe, die alles überwindet. Vielleicht sogar den Tod. Mein Blick gleitet aus dem Fenster. Die Kinder auf der Bank am Bahnhof. Bewegungslos. Still. Eines dick und ganz grau gekleidet, das andere schmal und bunt. Sommerkleider, die gegen den Regen antreten.

Die Frage für wen man schreibt und warum. Und dass das nie folgenlos bleibt. Ein rosa Raunen, das dem Finger entschlüpft, überzeichnet das Alter – mein wahres Gesicht.

Wir müssen weinen und laut lachen. Wir müssen anhalten, einatmen und auch wieder aus. Wir müssen ausscheiden und unsere Schuhe binden, wir müssen Material vorzeigen und Emotionen beseitigen. Wir müssen so tun als ob, auch wenn dahinter eine Horde Rabauken wüten, die wir verschließen sollen, weil: wir müssen ja Anstand haben, und Werte, und wir müssen ja sittlich sein und solide. Wir müssen ja schreiben was die anderen lesen wollen, und sagen was die Menschen hören wollen, wir müssen ja lachen, wenn man lachen soll und weinen, wenn jemand bestattet wird.

Seit einer Woche verfällt Vater zusehends. Da ist nicht nur die runterhängende, an einen Schlaganfall gemahnende Backe, das Gesicht insgesamt wirkt schief und instabil, ein versinkendes Reich: Man hat wieder einmal versäumt, ihm die obere Zahnprothese einzusetzen. Ich löse die Bremsen seines Rollstuhls und schiebe ihn über den Gang in sein Zimmer.
„Da tun wir dir erst mal die Zähne rein.”

„Gerade Ihr Vater ist so ein netter Mann,“ sagt die Schwester mit dem dunklen Teint. „An guten Tagen macht er immer seine Späßchen mit mir. Weil wir beide den gleichen orangefarbenen Schlüsselanhänger um den Hals tragen, stellt er sich mir in den Weg, wie ein Bandit, und ruft: He, rück meinen Zimmerschlüssel raus! Verdammte Italienerin! Dabei bin ich gar nicht aus Italien, ich seh nur südländisch aus.”
Ich muss lachen. Verdammte Italienerin beschimpfte Vater Zeit ihres Lebens meine Mutter, eine Halbitalienerin.

Kein guter Tag. Ich bin froh, als ich mich verabschiede, und im Dunkeln auf den Bus warte. Ein scheiß Tag. Mit einem Ende, das einen glauben machen kann, der Herrgott erlaube sich seine Späßchen mit uns Menschen.

Unsere Unzufriedenheit – ist sie nicht in erster Linie die Unzufriedenheit mit uns selbst. Weil wir nicht wirklich handeln, wie wir wollen. Weil wir nicht wirklich sind, wer wir sind. Weil … oh, nun köchelt meine Gedankensuppe. Die Suppe dickt ein. Die Essenz kommt zum Vorschein. Ihr Name ist Inkonsequenz. Darum, begreife ich, darum sind wir mit uns nicht im Frieden. Mit uns nicht. Mit der Welt nicht. Banal? Gut möglich. Mir egal, denn in mir drin habe ich diese Erkenntnis, die ja nun wirklich nicht neu ist, bisher nie so ganz mit allen Sinnen begriffen. Der Kopf reicht eben nicht um zu verstehen. Nicht ganz. Er ist nur ein Teil und selbst mein aktuelles Verstehen ist immer nur ein Anfang. Verstehen wollen ist nur ein Weg, eine Möglichkeit, das Leben irgendwie zu schaffen.

Nicht, dass nicht jeder Mensch grundsätzlich ganz viele Möglichkeiten hätte. In der Regel verbringt man aber sein Leben derart kanalisiert, dass die Möglichkeiten nicht so möglich erscheinen, dass man sie wählen könnte. Im kanalisierten Leben verbirgt sich die Unzahl dessen, was man alternativ zu der einen Sache, die man tut, machen könnte hinter einem dicken Vorhang namens Es-hat-ja-doch-keinen-Sinn. Und so laufen wir immer weiter auf unserer Sinnsuche. Auch ich laufe. Ich laufe immer wieder durch die Mittelstraße und denke: Mittelweg. Ob es den überhaupt gibt? Aufschreiben sollte ich das. Ein Buch schreiben. Einen Roman gar? Ein Roman ist ein anderes Kaliber. Fiktion, plotten, Geschichten weben, Personage lebendig werden lassen. Das ist echte Strafarbeit – im Vergleich dazu ist das Liveschreiben wie wenn man in der Schule eine Klassenarbeit schreibt, während der Lehrer mal eben den Raum verlässt und man nach Herzenslust abschreiben kann.

Oder vielleicht doch lieber selbst etwas erfinden? Eine Nachbarin, die mich kennt. Weiß sie etwa, dass ich die Bilder kenne, dass ich alles von ihr auf den Bildern gesehen habe? Ist in den Bildern vielleicht ein Programm verborgen, das die Betrachter der Bilder über die Webcamera des Notebooks überwacht?

Nein, ich verstehe nicht, wie das alles hier zusammenhängt, nur dass es das tut. Auch wenn da ganz bestimmt nicht überall Kameras hängen. Nicht so, wie ich es als Kind dachte, wenn ich Streiche spielte – dass nämlich immer jemand alles sieht, was ich tue. Einen allwissenden Big Brother gibt es nicht und auch keinen Liebgott, der alles sieht. Nicht meine Gedanken jedenfalls. Und auch nicht meine Phantasien. Schlimmstenfalls das, was ich hier in die Zeilen hacke und publiziere. Aber meine Gedanken und Träume? Nein. Nie. Vielleicht, weil ich sie selbst oft genug nicht sehe, nicht verstehe, sie mir nicht glaube?

Und ich kann auch oft nicht glauben, dass ich noch an mich glaube, ich kann nicht verstehen, dass Menschen das hier lesen. Ich kann nicht einfach nicht wissen, wieso manches passiert und weshalb nie etwas endet, was mich kaputt macht. Ich kann nicht und das ist das Problem.

Doch ich gehe weiter. Ob Mittelweg oder Umwege. Nein, ich bleibe nicht stehen. Ich fülle mir auf dem Weg nach Hause die Taschen mit Kastanien und Nüssen und ich bin nicht die einzige: mich beobachten Mäuse, ein prächtiges Eichhorn und Dohlen mit Eissplitteraugen. Unmäßig bin ich nicht, und es gibt genug, beruhige ich sie und ziehe meines Wegs.

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Ich bedanke mich für die Text-Anleihen hiermit allerherzlichst bei Lakritze, Fürhilde, Demenz für Anfänger, Mützenfalterin, Der Emil, Andreas Glumm, Irgendlink. Verzeiht, dass ich nicht vorher gefragt habe. Oder verzeiht mir auch nicht. Ich wollte einfach. Ich musste … Danke!

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Quellen in alphabetischer Reihenfolge:
http://demenzfueranfaenger.wordpress.com/2014/10/17/der-nachste-tag/
http://deremil.wordpress.com/2014/10/16/privattagebuch-tagesklinik/
http://deremil.wordpress.com/2014/10/17/kunstfuegung/
http://deremil.wordpress.com/2014/10/18/kennenlernen/
http://fuerhilde.wordpress.com/2014/10/17/du-bist-was-du-musst/
http://glumm.wordpress.com/2014/10/17/geplant-war-ewigkeit-13-die-letzten-tage/

http://lakritze.wordpress.com/2014/10/16/jahresringe/
http://lakritze.wordpress.com/2014/10/17/fulle/
http://muetzenfalterin.wordpress.com/2014/10/17/grau-und-grun/
http://sofasophia.wordpress.com/2014/08/15/10223/

Die Sache mit der Inszenierung

Heute vor einer Woche war es. Die Vorratskiste, die ich mit den von mir angefertigten künstlerischen Objekten rund um das Thema was nährt bestücken wollte, stand leer und schön auf dem Teppich, den ich eigens vom Dachboden geholt hatte. Die Objekte und die Schubladen, die ich ebenfalls als Teil der Installation vorgesehen hatte, standen und lagen auf der Bühne und wussten nicht so recht, was sie mit sich anfangen sollten. Ich auch nicht.

Etwas zu inszenieren, in Szene zu setzen, war mir zum einen fremd und zum andern hatten diese Wörter etwas verwerfliches an sich, sie rochen falsch, schmeckten nach Vorspiegelung falscher Tatsachen und wollten überhaupt nicht zu meiner Idee, eines authentischen Kunstwerkes passen, zu einer Darstellung meiner Ideen. Darstellung? Uff, gleich noch so ein heikles Wort. Worauf habe ich mich da bloß eingelassen, seufze ich.

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ausgelegt

Ein Moment der Verzweiflung, gefolgt irgendwann vom Gedanken: Ich fange einfach mal an.

Tue ich, in dem ich die Objekte nach Verwandtschaften ordnete. Hier die Objekte zum Thema Lebensfreude, Phantasie, Farben, Sinnlichkeit, Musik … Dort die Objekte, die meine Idee von Stille, Leere, Loslassen, Sterben und noch mehr Stille wiedergeben. Daneben die Objekte, die sich mit Liebe, Freundschaft, Erotik und so weiter beschäftigen. Ach, und die Bilder – wohin mit ihnen? Aufhängen – und wenn ja wo? Anlehnen? Wie unbedarft ich doch bin. Muss ich bedarft sein und wenn ja, wie sehr? Ist es nicht genau das, was ich will: nichts in Szene setzen? So grüble ich vor mich hin – teils zufrieden, teil unzufrieden mit dem Ergebnis. Ich will ja nicht einfach dekorieren, ich will etwas erzählen.

QQlka schlägt mir – auf meine Frage hin – vor, die drei Schubladen in immer gleichem Abstand an die Wand zu hängen um den Schubladenstock-Effekt hinzubekommen. Gute Idee! Irgendlink nagelt mir die Schrauben in die Wand. Schrauben nageln? Jepp. Geht. Mit Dübeln sogar.

Langsam wird das Ganze konkret. Aber so richtig richtig fühlt es sich nicht an. Noch nicht. Es ist, wie auf einem schmalen Absatz balancieren und nicht runterfallen. Bloß, dass ich runterfalle. Ständig. Das Gleichgewicht will sich einfach nicht einstellen.

Ich rufe schließlich die beiden Kunstbübchen herbei und will ihre Meinung hören.
Zu unruhig, sagt Ex-Galerist QQkla. Irgendlink nickt nachdenklich.
Genau, ich weiß. Nur, was kann ich tun?, sage ich.
Die Bilder da müssen woanders hängen. An einer Stellwand zum Beispiel.
Oh, Ich habe noch eine, eine schmale!, sagt Irgendlink und holt das Teil.
Gut!, sagt QQlka, und der große Hocker da ist zu groß, da muss ein kleinerer hin. Wie wäre es mit dem roten?
Wir probieren es aus.
Wow, das wird ja immer besser!,
lache ich.
Inszenierung, sagt der Galerist, Inszenierung ist das Zauberwort.
Ich schlucke leer.

Übersicht ohne Stellwand_fB
Übersicht, ohne Stellwand

Später verstehe ich: wir alle sind Inszenierende. Auch dieser Text ist eine Inszenierung. Eine In-Szene-Setzung meiner Gedanken. Auch die Kleiderwahl ist eine Inszenierung, selbst wenn es ganz banal Shirt und Jeans sind, die ich trage.

Wo immer ein spiegelndes Gegenüber in unserm Leben vorkommt, werden wir Inszenierende. Und womöglich selbst ohne den Spiegel …?

Reizwörter verlieren ihren Schrecken, wenn ich sie öffne. Wenn ich mich ihnen öffne.

+++

… und mich öffnen werde ich auch am nächsten Freitagabend! Einer etwas andern Inszenierung. An einem etwas andern Ort. Am 3. 10. 2014, um 19 Uhr im Schulterblatt 73 in Hamburg lesen die BloggerInnen Andreas Glumm, Candy Bukowski und Sabine Wirsching aus ihren Texten.

Vintage inscription made by old typewriter
Draufklick macht groß!

Weißleim und das Ding mit der Disziplin

Schreib zuerst einen Zettel, eine Liste, sonst kriegst du das nicht auf die Reihe!, mahne ich mich. Ich gehorche mir. Abstimmen steht drauf, Mail an Schreibgruppe und anderes. Schließlich habe ich ja nun zwei Tage mehr Zeit, weil ich erst am Freitag nach Deutschland fahren werde statt heute. Zeit – darum geht es. Nein, falsch. Nicht Zeit, nicht wirklich, sondern dieses Ding im Kopf, das so ähnlich wie eine Sanduhr funktioniert und mir weismachen will, Zeit sei knapp. Kann sie das sein? Sind es nicht vielmehr meine Wahrnehmung, meine Ansprüche, meine Vorsätze, meine Innen- und Außenpflichten, die im Verhältnis zu der mir zur Verfügung stehenden Zeit zu groß sind?

Wie auch immer. Was ich sagen wollte: Weißleim ist eine tolle Sache. Damit kann man nicht nur kleben, man kann auch eine Art Lackschicht über Papier ziehen. Denn Weißleim wird, wenn er trocken ist, durchsichtig. Und schützt so das Papier ein bisschen. Wie Kleister, den ich schon lange kaufen wollte. Was ich damit sagen will? Nichts. Außer vielleicht, dass Weißleim einer meiner im Moment – neben Farben und Papier – am meisten verwendeten Werkstoffe ist.

Lebensrad_fB
Lebensrad

Während ich an den einzelnen Elementen meiner Installation arbeite, überfluten mich laufend neue Ideen. Ich werde nicht alle umsetzen können. Oder vielleicht einfach noch nicht. Am 20./21. Sept. werde ich einfach das ausstellen, was da ist. Womöglich, ziemlich sicher sogar, wird die Installation auch danach weiter wachsen, werden laufend neue Elemente dazukommen, denn „Was uns wirklich nährt“, ist eine Thema, das sich auf so vielerlei Weise verstehen lässt. Meine Installation ist ein Antwortversuch, so persönlich und so allgemeingültig es eben geht. Wie hat es Irgendlink gestern so schön geschrieben?

„Sie zeigt eine dreidimensionale Installation, welche die Betrachtenden dazu verführt, sie mit allen Sinnen zu erleben. Die Inhalte der einzelne Objekte – als Vorratsgefäße gestaltet – werfen die Frage auf, was uns wirklich nährt. Die Künstlerin hat für ihren „Vorratsschrank“ vor allem Holz, Glas, Farben und Papier verwendet.“

Vorgegenwart. Als wäre ich schon fertig. Bin ich längst nicht. Warum auch immer. Weil ich zu undiszipliniert bin. Weil ich noch andere Baustellen am Bein habe. Weil ich mein Geschäft voranbringen sollte und will. Weil …

Wie hat CQ gestern so schön gesagt? KünstlerInnen sollten von der Gesellschaft, in der sie leben, unterstützt werden, entlöhnt. Kunst ist lebenswichtig für jede Gesellschaft, für jede Kultur.

Hm, gut und schön. Wie wichtig meine Kunst für andere, für die Welt ist, kann ich nicht beurteilen. Sie ist zumindest für mich überlebenswichtig. Könnte ich mich nicht ausdrücken, hätte ich keine Medien, um das, was mich beschäftigt, auszuk***n, würde ich eingehen wie eine Topfpflanze ohne Wasser. Und ohne Erde. Was mich auch die Idee bringt, dass ich doch … Wo ist mein Zettel. Aufschreiben. Schreibs auf, sonst vergisst du es wieder!

Ja, so ist es mit Ideen. Sie sind flüchtig. Sie wählen jemanden aus, dem sie sich vorstellen wollen. Wenn ich sie nicht will (weil ich keine Zeit habe?), gehen sie einfach weiter. Schmetterlingen gleich.

Bloggen steht auch auf meinem Zettel. Zuoberst. Weshalb ich es zuerst tue. Jetzt. Hier. Damit der Kopf wieder frei ist.
Mehr Weißleim kaufen. Unbedingt. Schreib’s auf.

Klischees und andere Versuchungen

Was war zuerst da, das Klischee oder der Mensch, der es vorzieht, ihm gemäß zu leben? Oder warum sonst leben manche Leute wie holzschnittartige Figuren aus Filmen und Büchern? (Ob es ihnen wohl an echten, lebendigen, menschlichen Vorbildern mangelt?)

Lese ich Geschichten, sehe ich Filme, betrachte ich Kunstwerke, kann es schon mal vorkommen, dass ich das Buch zuklappe, den Film ausschalte, die Ausstellung baldmöglichst verlassen. Ganz besonders dann, wenn die gezeigten Figuren auf Grund ihres Geschlechts, ihrer Berufswahl, ihrer sozialen Stellung irgendwie vorhersehbar reagieren.

Frauen, die kreischend beim Anblick von Mäusen oder Spinnen in Ohnmacht fallen, und hinterher über Mode, Schuhe und jene Männer lästern, ohne die sie doch nicht leben wollen und können, die wiederum an nichts anderes denken können als an Fußball, RTL und/oder Sex mit einer andern. Reiche Ärzte, altruistische Pfarrerinnen, verschlagene Anwälte, mit Farbflecken auf der abgewetzten Jeans herumlaufende Malerinnen, arbeitsfaule Sozialbezüger und dumme Blondinnen sind für mich als Leserin noch schlimmer als Redewendungen der Kategorie „es regnete in Strömen“. Ausgelutschte Begriffe allesamt, die wie Kaugummi, den wir auf die Straße spucken, den Geschmack verloren haben – falls sie denn je einen hatten. Man muss die neuen Metaphern, die es zu finden gilt, ja nicht auf Teufel komm raus an den Haaren herbeiziehen (höhö, ich kann es auch, das Klischee!), das nicht, aber … Ein bisschen mehr Phantasie bei der Wortwahl und ein bisschen mehr Realitätsnähe (Menschen beobachten, sie wahrnehmen) kann gewiss nichts schaden, wenn man über sie schreiben will. Besser einmal ein möglicherweise unpassendes neues Bild verwenden, als die LeserInnen zu langweilen. Ach, und dies noch gratis mit auf den Weg: Adjektive und Adverbien verstärken Klischees in der Regel, und sind oft nicht mehr als warme Luft. Das können sie ziemlich gut. Gut? Was heißt das schon? Eigentlich sind sie ja nicht wirklich schön, sie sind meistens ziemlich böse, oder jedenfalls doof und fast immer überflüssig. 😉

Ich mag dagegen Texte, ich mag Kunst, ich mag Filme, wo mich die KreatorInnen hinter ihre persönliche Fassaden mitnehmen. Mich interessiert, was sie beim Kreieren fühlten, will es zumindest ahnen. Ich will etwas fühlen, wenn ich lese, ich will neue Bilder erleben, die zwar an vertraute Gefühle anknüpfen, mir dennoch neue Erfahrungen ermöglichen. Ich will berührt werden, hingerissen, mitgerissen, auf den Kopf gestellt. Ich will, dass das Ding, das ich lese und betrachte, etwas mit mir macht.

Darum habe ich diesen Anspruch immer auch an mich. Mehr als an alle andern. Darum will ich bei der Kunst-Installation, an der ich zurzeit arbeite, nicht Schlagwörter – reduzieren können wir gut, aber wie steht es mit differenzieren? –, sondern Inhalte fühlbar machen. Die Ansprüche an mich selbst sind auch diesmal – wie immer, wenn ich etwas kreiere – fast unerreichbar hoch. Die Versuchung des Perfektionismus mal wieder. Doch vielleicht wird diesmal alles anders? Denn seit ein paar Tagen fallen mir ständig neue Ideen und Dinge* zu,

Leere Flasche – Alles ist nichts. Nichts ist alles

die mein Ur-Konzept ver-rücken und durcheinanderbringen. Sie landen, wenn der Wind weht, wie Lindenblüten in meinem Schoß. Ich brauche sie nur aufzubrühen. Abwarten. Tee trinken. (Ja, das ist auch eine bestehende Redewendungen … – Sorry, bin gleich wieder da, das Wasser kocht …)

Ausgestellt wird das Teil – ein Denkmal, ein Dankmal, eine Rauminstallation, ein interaktive Installation, aber ganz ohne Technik – erstmals am offenen Atelier in D-Zweibrücken in drei Wochen. [Mehr dazu: HIER KLICKEN.]

* Diese Flasche wartete gestern auf mich, als ich das Altglas entsorgte. Sprach zu mir. Nimm mich mit, bettelte sie. Nun denn, so soll es denn sein. Du wirst Kunst!, sagte ich zu ihr. Worauf sie Anlauf nahm, hochsprang und sich in meinen Fahrradkorb setzte.

Winterhöhle reblogged

In meinem Uralt-Blog zu lesen, fasziniert mich. Heute teile ich mit euch einen mehr als fünf Jahre alten Artikel vom 14. Juli 2009 über Segen und Fluch von Schönheit.

Winterhöhle

„… das Schreckliche, das einer Seele durch Schönheit angetan werden kann … „

Ein Satz, der mich nach Luft schnappen lässt.  „Wintergewölbe“ von Anne Michaels hat mich nach einem längeren Unterbruch nun endlich doch gepackt hat. Dieser dreihundertfünfzig Seiten dicke Roman erzählt von Heimat und Heimatlosigkeit, vom Verpflanztwerden, von der Illusion von Liebe und jener Liebe, die so schön ist, dass sie unerträglich wird. Von Harmonie auch. Und deren Gegenteil. Kein Easyreading, dieses Buch, sondern eins, das meine ganze Aufmerksamkeit beansprucht, das mich innehalte heißt, Sätze wieder und wieder kauen lässt, um sie ein klein bisschen leichter verdauen zu können.

Gestern, vor dem Einschlafen, gedacht:
Wer einmal jene unfassbare jenseitige Schönheit erlebt, gesehen, geahnt, an ihr geschnüffelt, sie gerochen, geschmeckt, ertastet, gespürt hat, wer einmal den Himmel und den letzten Vorhang offen gesehen hat, für diesen Menschen ist alles, was danach kommt, ein Abklatsch, eine Imitation, eine Irritation. Die Ansprüche sind hinterher unfassbar. Nichts und niemand kann sie erfüllen. Dieser Mensch weiß nun nicht, ob er sich darüber freuen soll, dass er sie gesehen hat, diese absolute Schönheit, oder sie verfluchen und sich wünschen, er hätte damals weggeschaut. Und er weiß nicht, wie er inmitten dieser Unvollkommenheit leben kann.

Heute, beim Lesen meiner gestrigen Notiz ahne ich: Dieser Mensch bin ich – dieser Mensch sind wir alle. Wir alle haben sie gesehen. Irgendwann. Irgendwo. Und da, in uns, ist sie noch immer. Deshalb die Sehnsucht. Deshalb die Unzufriedenheit …

Mein Weg, damit zu leben, ist es, mich mit der Unvollkommenheit zu versöhnen. Ohne dabei die Augen vor der Schönheit in und um mich zu verschliessen. (Ende Zitat)

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Heute – es ist August 2014 – bin ich wieder an einem ganz ähnlichen Ort, innerlich. Obwohl … heute ist es weniger Unzufriedenheit als große Freude darüber, dass ich sie gesehen habe. Dass ich um sie weiß. Dass ich sie in mir trage. Jetzt. Hier. Und manchmal wird sie, ist sie ganz groß und sichtbar und schier unerträglich stark da. Sie macht mich dankbar, diese Schönheit, die ohne Dimensionen, ohne Raum, ohne Zeit auskommt, aber nicht ohne Sinn. Ihr Sinn ist es, uns Kraft zum Leben zu geben. Sie ist eine alles umfassende Schönheit, die sich allen Definitionen entzieht und sich nicht religiöse oder spirituelle Gewänder anziehen mag.

Vielleicht ist DANKE darum aktuell mein Lieblingswort.

artgerecht und echt und so

Über Echtsein denke ich nach. Seit Tagen schon. Nicht zuletzt, weil Frau Mützenfalterin schon eine Weile darüber bloggt. Sie schreibt über „die Angst derjenigen, die Echtheit definieren, vor denen die „echt“ sind.“ (Zitat)  Definieren nicht vor allem jene, die echt sein wollen, die sich nach echtem Sein sehnen, das Wesen von Echtheit?, frage ich mich. Habe ich womöglich gar Angst davor, als unecht entlarvt zu werden, ich, die ich mich so sehr nach Authentizität sehne und mich um sie bemühe?

Sein, nicht sein. Oder
so: Sein, noch nicht sein.
Werden. Unterwegs
sein. Auf dem Weg sein ohne
Widerstand zu leisten. Weder
aggressiven noch aktiven noch passiven. Einfach
akzeptieren.
JA.
Danke.

Habe ich resigniert? Oder bin ich womöglich ein klein bisschen weise(r) geworden? Habe ich gar die Kunst des Nichtreagierens verstanden? Ist Nichtreagieren vielleicht der Schlüssel? Agieren statt reagieren. Echt, aus meiner Mitte heraus. Verbunden mit meiner Mitte zu sein, mit meiner Schaltzentrale – darum geht es. Und um das Wissen darum, dass meine Zentrale mit allem, was ist, verbunden ist. Mit allen Zentralen. Mit allen Zentralen aller Lebenwesen. Das biologisch-spirituelle Internet. Alle unsere Zentralen, alle unsere Herzen sind die Zellkerne eines einzigen grenzenlosen Organismus – so stelle ich es mir zuweilen vor, dieses Lebensgewusel, zu dem wir alle gehören. Und alle wollen wir nur das eine: Leben, in Frieden und liebevoll leben, unserer Art gerecht.

Ob Mensch oder Schwein, ob Baum oder Stein.

Ich lese. Ich denke. Ich fühle. Ich nehme auf. Ich bin ein Schwamm. Ich lasse zu. Ich drücke aus. Ich drücke mich aus.

Input. Output.
Das Hamsterrad der KünstlerInnenseele?

So leben. So ist es artgerecht. So ist es echt. So passt es.
Wie Schuhe, die ich gerne trage.
Wanderschuhe.
Lebenswanderschuhe.

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siehe dazu auch meinen neuen Lese-Stoff: Die Echte werden – die Echte sein