Jeder Mensch ist sein eigenes Buch und hinter jedem Namen steckt eine Geschichte.
Wie ich mich dieser Tage durch meine Adressdateien wühle, virtuellen vor allem, erkenne ich, wie viele Menschen meinen Weg irgendwann gekreuzt haben. Und dort kleine oder größere Spuren hinterlassen haben. Gefühle. Schmerzliche die einen, freudige andere. Wieder andere waren einfach da. Mittelpunkte ihrer eigenen Leben, während ich an meinem Lebensfaden spann.
Gesten Abend habe ich die Klassenliste meiner Oberstufenklasse überprüft: Wer wohnt noch dort, wo er bei der letzten Klassenzusammenkunft vor acht Jahren gewohnt hat? Eine Zweidrittelmehrheit – gut oder schlecht ist nicht relevant. Wer ist sesshaft, wer hat sich verändert und was ist mit den immerhin vier Frauen, die weder im Telefonbuch noch mit Guugl und Konsorten zu finden sind? Leben wir alle noch?
Einer meiner Schulkameraden, ein blonder stiller Junge mit Brille, war schon damals ein Tüftler gewesen und ist heute Künstler und Trickfilmzeichner mit einer tollen Webseite. Ich bin ein bisschen stolz auf ihn, obwohl wir kaum Kontakt hatten damals. Heute erst recht nicht.
Damals waren wir junge Menschen, die das Leben noch vor sich hatten – wie die Alten sagten, zu denen ich längst gehöre. Und dass wir es genießen sollen, das Kindsein, das Jungsein. Junge Bäume. Welpen. Schon bei der ersten Klassenzusammenkunft, als Zwanzigjährige, zeichneten sich erste Spuren ab, die sich im Laufe der Jahre vertieften. Die meisten hatten Lehre oder Matur hinter sich und waren – je nach Lebensplan – daran das Leben zu genießen, Reisen zu planen, befanden sich im Studium oder an einer höheren Schule. Die Gespräche mit den einen waren kaum mehr möglich – es fehlten die gemeinsamen Interessen. Mit den andern waren sie dafür möglicher als früher. Aus den jungen Bäumchen waren junge Bäume gewachsen, denen bereits anzusehen war, welcher Art die Früchte eines Tages sein könnten. Menschen und ihre Spuren – Schatten werfen wir auch in die Zukunft. Die Sonne steht nicht immer vor uns.
Wie ich heute weiter in den alten Verzeichnissen und Tabellen wühle, spaziere ich gleichsam durch meine Vergangenheit. Wer war doch gleich …? Ach, mit K. war ich im Kurs in XY und mit S. und N. im Seminar in YZ. L. war doch eine von der Schreiberlingen im ersten Novemberschreiben? Ach, und M. – meine tolle Ex-Scheffin! Wie es ihnen wohl geht, meinen alten Bekannten? Bei ein paar Namen finde ich weder Geschichte noch Gesicht in meiner Erinnerung. Ihre Spuren sind verblasst. Wieder andere habe ich geguuglt … Ob das andere mit meinem Namen von Zeit zu Zeit auch tun? Da und dort bin ich bestimmt aus Verzeichnissen gelöscht und in Adressbüchlein durchgestrichen worden, wie ich das von Zeit zu Zeit mit dem einen oder andern Namen in meinen Dateien ja auch tue.
Menschen hinterlassen Wunden. Und Lichtblicke. Ohne Spuren zu hinterlassen können wir nicht leben.
Was mir andere sind? Was ich andern bin? Nicht Eitelkeit bewegt mich zu solchen Fragen, eher der Wunsch, dass die Antwort lauten möge: wohlgesinnt.
Kategorie: Histörchen
Alles, was wahr ist
I gloube nümm, won I nume gseh*, singt Büne Huber von Patent Ochsner im Lied Niemer im Nüt**.
Wir sehen nur mit dem Herzen gut, sagt Antoine de Saint-Exupéry.
Über Wahrnehmung lässt sich streiten und über Wahrheit erst recht. Oder eigentlich überhaupt nicht.
Mein Versuch, den Besucher aus dem 25. Jahrhundert, Lind Kernig***, dem ich gestern das Fricktal meiner Gegenwart zeigte, zu fotografieren, scheiterte kläglich. Meine Autostich-iPhone-App hat mir das linke Bild ausgerechnet, mit Gimp, auf dem Laptop habe ich das Bild rechts gebastelt (Vorlage sind je drei, resp. vier Turmbilder vom gleichen Standort aus).
In Wirklichkeit sah der Turm aber gaaanz anders aus. Eben hat mir Lind Kernig, wieder zurück in der Zukunft, das nachfolgende Bild übermittelt. Wie er das Bild aufgenommen hat, verrät er mir leider nicht. Das kleine technische Ding, das er während seines Besuches ständig mit sich herumtrug, ähnelte zwar einem gemeinen Smartphone des einundzwanzigsten Jahrhunderts, doch ich solle gar nicht erst anfangen, es mit unserer Technik vergleichen zu wollen, sagte er nur und zuckte vielsagend die Schultern.
Ich muss zugeben, dass das Bild unten dem Original am ähnlichsten sieht.
Für die Qualitätseinbussen bei der Übermittlung des Bildes vom 25. Jahrhundert in die Gegenwart bitten wir um Verzeihung. Obwohl wir ja nichts dafür können. Es handelt sich um Konvertierungsprobleme****. Wir arbeiten dran.

(Draufklick für groß)
__________________________________________
Bilder:
Undogmatische Appspressionismen (iPhoneArt mit Gimpunterstützung)
* Ich glaube nicht mehr, was ich nur sehe.
** Niemand im Nichts
*** Anagramm zu Irgendlink
**** Pssst, ich glaube, das Bild wurde einfach mit Panorama-Editor für Ubuntu/Linux gerechnet
Die spinnen, die GeocacherInnen*
Also wirklich! Wenn man schon lesen kann, dann sollte man es auch tun. Vorher. Aber, wenn ich ehrlich bin, ist es gut, dass wir es vorher nicht gelesen haben. Ein Nachher wie jetzt hätte es wohl so nicht gegeben. Muskelkater allerdings auch nicht.
Der am Morgen gefasste Plan, den voraussichtlich einzigen halbwegs schönwettrigen Tag dieses Wochenendes – nach Regen- und vor Schneetagen – mit einer kleinen Geocache-Tour* auf dem Bözberg zu vergolden, klingt verheissungsvoll. Den Bözberg kennt Irgendlink aus seiner Jugendzeit – von einer Radtour zu einem Freund seines Vaters. Und da diese nicht unerhebliche Erhebung, die den stolzen Namen Berg trägt, praktisch um die Ecke liegt, steht diesem Plan nichts im Weg. Wir fischen im Netz ein paar Koordinaten von Geocaches, die in der Nähe voneinander liegen und begeben uns auf die Spuren der Römer. Klingt es denn nicht schön, als Geocaches Suchende einer armen Magd zu helfen oder auf dem Römerweg zu wandern?
Bald parken wir auf einer kleinen Straße, die in einen Feldweg mündet. Auf Irgendlinks Vorschlag hin, parke ich in einem zweiten Anlauf ein bisschen mehr auf die Wiese als beim ersten Mal. Für den Fall, dass ein Traktor käme. Man weiß ja nie.
Eisiger Wind schlägt uns entgegen. Wie froh ich um meine Handschuhe bin. Dass ich zwei Stunden später schwitzen werde, kann ich mir nicht vorstellen, als wir vom Altstalden Richtung Gallenkirch wandern. Den ersten Cache des Tages haben wir bereits in Neustalden auf dem Vorbeiweg gefunden.

Pic by Irgendlink, apped by Sofasophia (Gimp) – Ich logge den ersten Cache.
Der zweite, mein 199. Cache, ist den Römern gewidmet, die sich ja damals im Aargau ziemlich breit gemacht und überall Spuren hinterlassen haben. Auch in meinem Wohnort. Da ganz besonders. Dass sich die Römer nicht immer einig waren, muss ich vergessen haben, lese es aber heute auf einem Gedenkstein, an dem wir vorbeispazieren. Auf dem Bözberg sind auch, so lesen wir weiter, ein paar Schlachten gegen meine Vorfahren, die Helvetier, geschlagen worden. Leider zu Ungunsten meiner Vorgängerinnen und Vorgänger.
Überlebt müssen sie aber trotzdem irgendwie haben, sonst wäre ich nicht hier!, sage ich.
Meine 199 finden wir ebenfalls ziemlich schnell, doch nun fängt das Verwirrspiel an. Da ich mir den dritten Cache zuhause nicht aufs iPhone geladen habe und Irgendlink eine nur rudimentäre Karte geladen hat, die wir auch noch falsch interpretieren, gehen wir zuerst ein Stück in die falsche Richtung. Erst als ich mich entschliesse, den Cache aus dem relativ guten Handynetz zu laden, und wir damit eine gute Karte zur Verfügung haben, wird die Suche einfacher. Wir müssten entweder ein Stück zurück oder einen großen Bogen über den alten Römerweg machen. Zweiterer lockt mehr.
Faszinierend, im Wald dem steinigen Weg mit seinen ausgefahrenen Wagenspuren zu folgen und nach einem Abstieg wieder aufwärts zu wandern. Auf einmal stehen wir an einem Hügel und hören tief unter uns das Wasser rauschen. Genau dorthin, in diese Schlucht hinunter, zeigen unsere Richtungspfeile. Es sind ja bloß vierzig Meter Luftlinie. Nur!?
Ich will quer den Hang hinunter, doch Irgendlink findet diesen Plan lebensgefährlich. Na ja, ich eigentlich auch, aber was wottsch? Irgendwie müssen wir ja runter? Bald finden wir so etwas ähnliches wie einen Pfad, dem wir, mehr rutschend als wandernd, schließlich folgen, nur um nach ungefähr hundert Höhenmetern Rutschpartie einen seriösen, den offiziellen Wanderweg zu finden. Okay, immerhin müssen wir also nicht wieder querwaldauf klettern beim Rückweg. Auch nicht schlecht. Noch sind unsere Schuhe übrigens einigermaßen sichtbar unter der Schlammschicht.
Doch das war ja auch erst der Anfang (frieren tun wir längst nicht mehr), denn noch trennen uns fünfzehn Luftlinienmeter vom Ziel. Ein Klacks. Ungefähr eine Dreiviertelstunde Kletterei in drei Akten. Beim ersten Mal runterklettern schwöre ich mir: Nie mehr! Ein paar Mal verdanke ich mein Leben nur noch einigen jungen Bäumen, die mich abbremsen.
Ein Wanderstab, ein Königinreich für einen Wanderstab!, seufze ich.
Dein Wunsch sei dir erfüllt!, sagt er, stellt sich mir buchstäblich in den Weg und schon geht es viel einfacher. Unten angelangt, suche ich erst Mal eine Weile nach Irgendlink, der nicht den gleichen Weg hinuntergeklettert ist und bereits beim Wasserfall vorne nach dem Cacheversteck gesucht hat. Als ich ihn endlich entdecke, ist er bereits wieder oben. Ohne den Cache gefunden zu haben. Auch ich suche mit den Augen die Gegend ab, doch zugegeben, ich bin heute nicht wirklich scharf darauf, jeden Stein hochzuheben.
Oben kommen wir endlich auf die Idee, die Detail-Beschreibung des Geocaches und seine Gefahrenbewertung zu lesen. Auch der Hinweis auf das Versteck und das, was in früheren Logs steht, sind aufschlussreich.
Wie blutige Anfänger haben wir übersehen, dass der Cache auf einem hohen Terrainniveau eingestuft ist. Auch lesen wir, dass der Cache in der unmittelbaren Nähe des Wasserfalles sein muss. Ich schlage vor, dass wir uns von der oberen Seite dem Wasserfall nähern, was sich aber in der Praxis nicht als ideal erweist. Wieder nach unten gekrabbelt stellen wir fest, dass wir uns doch zu weit vom Cache entfernt haben und so krabbeln wir wieder den Hügel hoch. Irgendwann kommt der Punkt, wo Dreck egal wird. Die Hosen sind bis zu den Unterschenkeln verspritzt, die Schuhe kaum mehr unter dem Matsch zu sehen und die Hände erdbraun, denn sie dienen zwischendurch als Krabbelhilfen, wenn wir uns mit ihnen nicht grad an Bäumen festkrallen.
Erneut oben angelangt beschließen wir, einen allerletzten Versuch zu wagen. Eine dritte Rutschpartie in die Schlucht hinunter – diesmal mit ein bisschen mehr Informationen bezüglich des Verstecks. Wir müssen nach einer Amphore Ausschau halten, wissen wir nun. Und sie muss an einem überschwemmungssicheren Ort sein. Unsere Augen suchen die Gegend ab. Irgendwann hat Irgendlink den Einfall, den Bach zu überqueren. Seine Jakobsweg-Wanderstiefel sind zum Glück wasserdicht und halbschienbeinhoch, sodass er diese Überquerung ziemlich unbeschadet übersteht. Drüben angelangt, steckt er seinen Kopf unter einen tropfenden Felsvorsprung und wird … fündig. Wir jubeln, doch mein Liebster schüttelt sich gleich darauf wie ein begossener Pudel, musste er doch unter eine Art Mini-Wassserfall greifen. In der hübschen, kupfernen Amphore, die er hervorgezogen hat, steckt eine wasserdichte Kunststoffröhre mit einem eingerollten Logbuch, doch wie er seinen und meinen Namen hinkritzeln will, bricht die Bleistiftmine ab. Pech aber auch!
Du hast doch auch einen Logstift dabei?, ruft er über den Bach, um das Tosen des nahen Wasserfalls zu übertönen.
Jaaa, ähm, nein, der ist im Rucksack. Im Auto!, rufe ich zurück. Mach halt Fingerabdrücke mit Lehmpfoten!
Das tut er und mit dem abgebrockenen Bleistiftspitz kritzelt er sogar noch unsere Initialen in die Abdrücke. Köstlich und echt römisch!
Das größte Abenteuer steht ihm aber noch bevor. Das wiederverpackte Teil muss zurück in die nasse Höhle. Einen heißeren Strip habe ich noch nie erlebt. Mütze, Outdoorjacke, Faserpelz, Pulli, T-Shirt lässt er elegant auf einen Stapel fallen und schließlich steckt er todesmutig seinen Kopf in die Tropfsteinhöhle, um das Ding wieder an seinen Platz zu legen. In uns allen steckt eben ein kleiner oder großer Held! Und dieser schafft es später sogar (mit meiner Schiebehilfe) das Auto aus der schlammigen Wiese herauszufahren.
Selber schuld, denk ich nur, ich hätte es eben nur halb in die Wiese gestellt.
Die folgende Montage erzählt die Geschichte unserer kleinen großen Schatzfindung.

(Draufklick für groß)
__________________________________________
Bilder:
Undogmatischer Appspresionismus (iPhoneArt mit Gimpunterstützung)
* Geocaching ist eine Outdoor-Schatzsuche in der realen Welt. SpielerInnen dieses Spieles versuchen, versteckte Behälter, Geocaches genannt, mithilfe eines Smartphone oder GPS-Gerätes zu finden, um anschließend ihre Erfahrungen online zu teilen. Mehr auf www.geocaching.com.
Melinda im Gulliverland
Große Kopfhörer über die Ohren gestülpt, ein glückseliges Lächeln auf den Lippen und einen großen Einkaufskarren vor sich her schiebend, spaziert ein Mann, bekleidet mit schwarzen Gummistiefeln, Shorts und gelber Outdoorjacke, durch die Regale eines Baumarktes und lädt seinen Wagen voll und voller. Die Ansage, dass der Laden in fünf Minuten geschlossen werde, hört er nicht. Er hört Musik. Als er bezahlen will – nachdem er unter fürchterlichen Verrenkungen in der unerlaubten, weil schon inventarisierten Zone eine Klobürste geholt hat –, wird er auf einmal zum Betreuer eines kleinen, nur arabisch sprechenden Mädchens. Er sei von der Polizei. Der Versuch, das Mädchen zu seinem vermeintlichen Vater ins Hotel jenseits des Parkplatzes zurückzubringen, mündet nach einer Schlägerei in eine dramatische Flucht. Mann und Mädchen finden sich in einer Hütte im Gulliversland, einem alten Spielplatz im Wald wieder. Drei schwarz gekleideten Araber mit Pistolen und einem Geländewagen auf den Fersen. Natürlich trifft irgendwann Hilfe ein, die Verfolger flüchten und Jens und das Mädchen sind in Sicherheit. Melinda hat sofort Vertrauen zu Jens gefasst. Er ist der einzige, den sie mit einem Lächeln belohnt, für alle anderen ist sie unnahbar und bewahrt ihr Geheimnis für sich.
So also gerät Jens, noch bevor er seinen Dienst antreten kann, eines harmlosen Samstagnachmittags mitten in einen äußerst dramatischen Fall, bei dem es um Drogenschmuggel in den Bäuchen afrikanischer Kinder geht. Die arabisch sprechenden Drahtzieher aus einem Phantasieland verstecken sich hinter diplomatischen Ämtern und sind, bis auf den Dolmetscher, dank ihrer Ämter unangreifbar. Die Mordermittlungen – das Opfer ist die angebliche Mutter Melindas – laufen beinahe nebenher. Zu sehr sind alle, vor allem die tussige Staatsanwältin, mit den diplomatischen Problemen beschäftigt.
Jens ist also der Neue. Der Neue, für den Lisa am Freitagabend versucht, das Büro, das sie ab nächster Woche mit ihm teilen wird, ein bisschen wohnlicher einzurichten. Wir sehen sie in einer der ersten Szenen des gestrigen Saarbrücker Tatortes Melinda, wie sie den Schreibtisch hin- und herschiebt und so die beste Arbeitsposition sucht. Kollege Horst schaut zu und rät zu einer Position mit Blickkontakt. Fast identisch wiederholt sich die Szene Tage später. Doch diesmal ist es Jens, der den Tisch hin- und herschiebt, kaum dass er das neue Büro betreten hat. Zwar trägt er nun weder Shorts noch Gummistiefel, doch seine indischen Wickelhosen sind auch nicht ohne. Er bringt eine Topfpflanze für den Schreibtisch und eine Klangharfe mit, die ihren Platz später über der Türe findet und Besuche ankündigt. Wie Lisa schiebt Jens nun den Tisch von da nach dort. Erneut fällt der Tipp: Wie wäre es mit Blickkontakt?
Es ist weniger der Plot dieser Geschichte an sich, der diesen Tatort zu einem Highlight am Tatort-Himmel macht, sondern die Besetzung. Und die Umsetzung. Ein bisschen muss ich an die Münster-Tatorte denken, doch Jens ist besser. Er ist zwar zum einen eine Lachnummer – was ihm am Arsch vorbeigeht, denn er weiß genau, was er kann und was er will –, zum andern aber ein messerscharf denkender, unkonventionell handelnder und sich auf seine Intuition verlassender Kriminalist. Einmalig die Szene im Pausenraum, wo er die Yogaübung Baum praktiziert, die beim Zentrieren hilft und auf einmal – mit einem lauten Aufschrei die Übung auflösend – das Kennzeichen des Verfolgerwagens herunterleiert. Alles toppt jedoch jene Szene, wo er mit seinem roten Roller an einer roten Ampel das Diplomatenauto einholt, worin Melinda sitzt. Er jagt sie ihrem angeblichen Vater ab und setzt sich mit ihr in das nebenan stehende Auto einer älteren Dame. Schon bald hat Jens diese von seiner Rettungsmission überzeugt und so versteckt sie die beiden in ihrem Haus. Margot Müller ist definitiv eine Seelenverwandte von Jens. Sie hat ihr Leben lang darauf gewartet, mal live in einem Krimi mitzuwirken. Mit viel Gespür schaffen es die beiden, Melina ihre Geschichte zu entlocken. Nicht zuletzt, weil Melinda von Anfang an Vertrauen zu Jens gefasst hat und eine begnadete Zeichnerin ist.
Einfach nur schräg ist die Beinahe-Schlussszene, das Showdown an der deutsch-französischen Grenze, wo der Dolmetscher wegen Mordes verhaftet wird. Wie Jens den einen der Araber, jenen der deutsch spricht, in die Zange nimmt, geht unter die Haut und zieht mir zugleich die Mundwinkel hoch.
Wenn du Melinda nicht wohlbehalten zurückbringt, komme ich zu dir. Ich weiß, wo du wohnst. Ich weiß, wo deine Familie wohnt. Ich werde kommen.
Dann übergibt er Melinda sein Handy. Nach langen Reisestunden ruft sie ihn schließlich an. Happy End. Schluss. Punkt.
Zugegeben, die Puristinnen und Traditionalisten werden aufschreien. Dieser Tatort ist anders. Dieser Tatort ist schräg. Aber dieser Tatort, trotz der dramatischen Ereignisse, die er transportiert, hat offensichtlich Spaß gemacht hat. Jedenfalls den Schauspielerinnen, Schauspielern und mir. Ich stelle mir vor, wie der eine oder andere Gag erst beim Spielen entstanden ist. Jens‘ Bürokollegin Lisa Marx, die am Anfang als coole Superwoman drauf war, schüttelt zwar auch am Schluss noch über Jens, der sich ein paar Disziplinarverfahren aufgehalst hat (und das noch bevor er offiziell angefangen hat), ein klein bisschen den Kopf, doch sie hat verstanden, dass sie sich auf ihn verlassen kann. Ob bis zur Pension, wird sich allerdings zeigen.
Ich freue mich bereits auf die Fortsetzung aus Saarbrücken!
(Rezension des Fernsehkrimis Tatort vom 27. Januar 2013, Melinda, Drehort: Saarbrücken)
Der Klick zum Film (ca. 2 Wochen aktiv)
Infos zum Film
Warum Marius der Richtige sein könnte
Verflixt! Natürlich will ich! Nichts lieber. Vorwärts. Drauflos ohne zu denken. Eintauchen. Genießen. Schwimmen. Mit dem Strom und gegen ihn. Ich sitze am Küchentisch in der Künstlerbude. Auf dem einsamen Gehöft. Novembernachmittag und der Liebste unterwegs in Sachen Kunst, als Hüter einer laufenden Ausstellung.
Schreiben wolle ich, endlich mal wieder, sagte ich, bevor er sich auf den Weg machte. Doch zuvor hole ich mir einen Becher Joghurt – Reiseproviant muss sein. Ich setze mich wieder hin und lasse meine Gedanken zur Klippe hin spazieren, an den Rand. Dorthin, wo das Meer unter mir rauscht und riecht und wo ich den Rand der Welt sehen kann. Dort, wo meine Ideen sich am liebsten tummeln. Dort, wo sie oft auf mich warten. Dumm nur, dass meine Kehle brennt. Ein Schluck kalter Tee schafft Abhilfe.
Gut. Wo waren wir gleich? Ah, ja, mental gehe ich erneut den Weg zur Klippe. Los, los …
Doch nun friert es mich. Ich stehe auf und lege Holz nach und erneut die Finger auf die Tasten. Stopp, eben ist eine Mail angekommen. Von wem sie wohl ist? Nur schnell gucken … bin gleich wieder da, versprochen!
So, Mädel, jetzt aber … spann das Netz auf! Fang sie endlich ein, die Wörter! Tauch ein ins Buchstabenmehr. Schwimme! Lass dich ein, genieß die Trance. Oh, das Handy bimmelt. Eine SMS von Irgendlink. Ausschalten? Oder doch spazieren gehen? Es klopft. U. und N. sagen kurz Hallo!, bleiben aber nicht lange, richten Grüße aus.
Und wieder stehe ich am Rand der Klippe. Nein, zuerst schaue ich auf die Uhr. Was, schon fast fünf! Nein. Vergiss die Zeit. Schreib! Jetzt.
Schreiben ist melken. Die Ideenkuh um ihre Milch erleichtern, die sie aus grünem Sommergras, längst Heu geworden, geschaffen hat. Weil es ihre Natur ist. Mein Gras sind die Buchstaben und meine Natur die Wörter, Sätze, Geschichten. Alle Wörter aus allen Geschichten, die ich auf meiner Festplatte hüte – die angefangenen, angedachten, beinahe fertigen, erst geplotteten, gesponnenen, gewobenen – alle zusammen in einen Topf schnippeln, Wasser dazu und Salz, Zwiebeln und Knoblauch … umrühren, aufkochen … Wie es wohl schmecken würde?
Ich lese mich ein, da und dort, zappe mich zum nächsten Ordner und treffe Altbekannte. So viele Texte! So viele Ideen! Ein zauberhafter Vormittag in meinen Kellerräumen geht wie im Flug vorbei.
Nach dem Essen machen wir ein Nickerchen. Während Irgendlink schnell abtaucht, steht meine Kellertüre viel zu weit offen, als das ich schlafen könnte. Ist ja logisch, dass alle hinauf kommen, wenn die Türe geöffnet ist:
Stephanie, die soziopathische Lehrerin und Ivan, die Romanfigur setzen sich nebeneinander in den Warteraum in meinem Kopf und betrachten sich verstohlen. Kennen wir uns?, fragt sie. Nun kommt Lia, die als versponnene Bloggerin Clio das WWW aufmischt und dabei Henrik den Kopf verdreht. Nein, halt, Henrik ist doch der Autor jener Liebesgeschichte, die Stephanie im Internet gelesen hat – wo Ivan die Hauptfigur ist? Hm. Nein, Ivan war doch … und wie hieß gleich der schräge Leser von Clios Blog? Benno? Nein, Benno ist der Musiker, der von Marc verfolgt wird, nachdem seine Freundin Birgit diesen indirekt für den Suizid ihrer Mutter verantwortlich gemacht hat. Und Rona, Olivia und Camilla? Ach ja, die drei haben auch einiges erlebt. Zum Glück ist Marius aufgetaucht – und Nonna war zur Stelle, als es Camilla so schlecht ging. Und Elena! Elena, die nicht mehr konnte – Dario könnte eigentlich ihr Bruder sein. Auch er hat aufgegeben. Doch Christa und Irène werden es schaffen, da bin ich fast sicher. Wie genau, weiß ich allerdings noch nicht. Vermutlich werde ich es erst wissen, wenn ich es selbst geschafft habe.
Von allen Figuren sind mir Christa und Rona am ähnlichsten. Rona, die mir vorgemacht hat, wie man zurück ins Leben findet, die mir gezeigt hat, dass der erste Schritt nicht immer so schwer sein muss, wie ich immer dachte. Rona, die über ihren Schatten gesprungen ist. Ihre Liebesgeschichte, die ich vor langem geschrieben habe, wurde Jahre später durch meine eigenen Wirklichkeit sozusagen verwirklicht. Sowas soll vorkommen. Ach, ja, wo wir schon dabei sind … all die Liebesszenen, die ich in meinem Keller gefunden habe, schön sind sie. Ich staune über Texte, die ich längst vergessen habe. Erotische ebenso wie witzig-ironische. Längst nicht alle sind depressiv, längst nicht alle Figuren stehen am Abgrund.
Und jetzt sitzen sie alle da, warten auf ihren Auftritt, warten darauf, dass ich ihnen das Skript in die Hand drücke. Wie es wäre, sie alle im gleichen Stück auftreten zu lassen? Wie es wäre, alle diese angedachten Geschichten – schon geplottet und zum Teil geschrieben – miteinander zu verweben?
Mir fällt ein Schreibprojekt aus meinem Deutschunterricht ein. Wir Siebzehnjährigen hatten die Aufgabe, uns eine Figur auszudenken und über sie drei oder vier kurze Alltagsszenen zu schreiben. Einzige Vorgabe war eine bestimmte, per Los ermittelte Tageszeit. Was genau tut meine Person um 14:15? Und was tut sie um 18:30 und um 22:45? Unsere Szenen fügten wir anschließend zu einem ganzen Tag zusammen. Eine tolle Geschichte haben wir da gewoben. Sie lässt mich an Short Cuts denken, jenen Film aus den Neunzigern von Altman: Ausschnitte aus den Leben von Menschen, die einzig durch wenige Gemeinsamkeiten miteinander verbunden sind: Alle wohnen sie in Los Angeles und alle waren betroffen von einem Erdbeben am Schluss des Filmes. Auch kommt in allen Eröffnungesszenen ein Helikopter vor. In meiner Geschichte ließen sich mindestens so viele Gemeinsamkeiten finden. Nur schon, dass fast alle in Bern spielen. Oder spielen könnten.
Die Lust, zu spinnen ist da. Zugegeben, die Arbeit scheue ich, die Planungsarbeit vor allem, die Kopf- und Denkarbeit, obwohl … die Lust, einen übergreifenden Plot aus all den Geschichten zu weben, wabert bereits durch Herz und Kopf. Hey, warum nicht gleich eine Trilogie? Think big, Sofasophia! 🙂
Ähm, und das soll ich jetzt bloggen? Okay … ist ja schließlich mein Blog.
Harz an den Händen
Wir haben eine Wandtafel und meine große Schwester ist die Lehrerin, sie ist drei Jahre älter als ich und geht nun bereits in die Schule. Ich lerne schnell und ohne Mühe lesen. Die meisten Buchstaben kenne ich schon, weiß wie sie sich im Mund anfühlen und kann singen, wie sie klingen. Sie sind meine Freunde, mehr noch, sie sind Familienmitglieder, und bevor ich das Wort Buchstaben kenne, heißen sie wie wir. Schon früh bestimme ich so, wer meine wahre Familie ist.
Auch die Legofiguren natürlich. Mangels fertig zu kaufender Figuren, die es damals noch gar nicht gab, bauen wir aus einzelnen Legoteilen Figuren. Die roten Ziegel, die zwei Punkte breit waren, bildeten die Haare und die transparenten einen Punkt schmalen Zweier dienten als Gesichter. Darunter, als Bauch, kam ein quadratischer Vierer. Mit zwei Einmal-Zweiern bauen wir die Hosenbeine, mal quer, mal längs (deswegen gibt es immer wieder Streit). [Ich sehe sie vor mir als wäre das alles eben jetzt.]
Natürlich haben sie Namen und Geschichten, unsere Kinder, und immer wohnen sie ohne Eltern alleine in einem großen Haus, das wir nur etwa zwei oder drei Reihen hoch auf die Legoböden bauen. Eher Skizzen als Häuser. Die Eltern unserer Legokinder sind bei einem Unglück umgekommen, doch die Kinder sind findig und klug und schaffen es auch ohne die Erwachsenen. Ich bin Drehbuchautorin und Akteurin zugleich und mein geistig behinderter Bruder Schauspieler mit Mitspracherecht.
Draußen spielen wir Indiänerle mit den Nachbarskindern und diskutieren hinterher, oder wenn einer oder eine von uns am Marterpfahl hängt, die Frage, ob wir, wenn wir in den Krieg müssten, jemanden erschießen könnten. Die Holzgewehre, die unser Vater uns geschnitzt hat, geben Anlass zu solchen Gesprächen. Und natürlich auch die Pfeilbogen. Oft hocken wir auch einfach nur mit Comics oder Büchern und einem Glas Sirup auf der Terrasse oder hinter dem Haus, unten in unserer Villa Kunterbunt, die unser Vater aus Holz ans Haus angebaut hatte.
Wir helfen, eher widerwillig zwar, im Garten mit. Jäten Unkraut. Lesen Him- und Brombeeren ab und Nüsse und Äpfel auf. Doch die Kirschenernte toppt alles. Mit dem umgeschnallten Kratten auf der Leiter herumturnen und jedes zweite oder dritte Früchtchen testen, bis mir schlecht wird, ist mein frühsommerliches Highlight.
Am allerliebsten aber sitze ich im Nussbaum, alleine, hoch oben, unsichtbar für alle und wenn ich gerufen werde, antworte ich nicht. Heißt es auf oder im Nussbaum? Da er mit seinen Ästen eine Art Raum schafft, muss es definitiv im Nussbaum heißen. Hier bin ich unsichtbar. Das Seil, an dem ich mich die ersten zwei Meter hochziehen muss, um die untersten Ästen erreichen zu können, ziehe ich immer mit hoch in mein Schloss. Endlich ein wenig Ruhe vor meiner Mutter, die immer wissen will, wo wir gerade sind.
Auch den Thuja klettere ich gerne hoch, doch davon bekommt man klebrige Hände. Dafür riechen sie wunderbar nach Harz. Der Thuja ist natürlich nicht geheim. Er ist viel durchschaubarer und steht näher beim Haus, direkt neben dem Erdloch, das wir, statt eines Sandkastens, zum Dreckeln benutzen. Daneben der Haselnussstrauch, dessen Nüsse ich gerne laut zwischen den Zähnen knacke. Da unsere Liegenschaft inklusive Wohnhaus in Stufen in den Hügel gebaut worden war, gibt es unter dem Thujaeck eine weitere abschließende Grasterrasse mit Quittenbaum, bevor der Zaun zur Nachbarswiese unser Land begrenzt. Zu den Kühen gelange ich trotzdem. Den Zaun heben und unten durch rollen – nichts leichter als das. Die Kühe sind meine Freundinnen. Ich rede oft mit ihnen. Gebe ihnen von unserem Gras, das mir grüner scheint als das von drüben, von jenseits des Zauns.
Unsere Wiese! Darin liegen oder das frisch gemähte Gras wenden und zusammen rechen, was für eine Wonne! Was für ein Wohlgeruch! Oder mich hineinlegen und den Grillen lauschen, während Wolken und Flugzeuge über den Himmel kurven. Danach Heuschrecken fangen und in Gläsern beobachten. Gras und Blätter als Spielzeug mit im Glas, damit es ihnen nicht langweilig ist. Darüber eine gelochte Haushaltfolie. Später, meist noch am gleichen Abend, lasse ich sie natürlich wieder frei. Ich wünsche ihnen viel Glück und hoffe, dass sie wieder zu ihrem Rudel zurückfinden.
Sein (Gerundium)
Man muss etwas machen. Man kann nicht nur da sitzen. Er sagt es mit dem vielzitierten Brustton der Überzeugung. Sitzt da. Sitzt einfach nur da und sagt es. Obwohl er klein gewachsen ist und in sich zusammengesunken im Stuhl kauert, wirkt er jetzt groß. Weil er weiss, was zu tun ist. Vielleicht.
Man muss etwas machen. Alles andere ist Zeitvergeudung. Man kann nicht nur schlafen, essen, trinken und Zeitung lesen – oder Bücher. Mit dem Kinn deutet er auf ihre Bücher auf dem Tisch, die für die Bücherei bestimmt sind. Seine Hand fegt durch die Luft. Radiert alles aus, was ihn stört.
Man muss etwas machen, etwas richtiges. Spazieren gehen reicht nicht. Grübeln ist Zeitverschwendung. Man muss hingehen und etwas MACHEN, sag ich. Sitzt noch immer da. Nimmt einen Schluck kalten Kaffee aus der großen Tasse mit dem halb abgesprungenen Henkel. Schüttelt den Kopf.
Man muss etwas tun. Mit den Händen. Arbeiten. Etwas tun, damit die Welt sich weiterdreht. Sein rechter Zeigefinger zeichnet einen Kreis, ohne dass die Hand sich mit dreht. Die Welt bleibt stehen, wenn wir nichts tun. Wir müssen sie bewegen, hörst du.
Sie sitzt da und hört zu. Denkt, dass die Welt alle braucht (gebraucht werden – ha! Will sie das?). Alle. Ich aber, denkt sie, ich sitze nur. Sie wendet ihren Rollstuhl und fährt durch den Flur in ihr Zimmer. Bin ich daseinsberechtigt?, fragt sie sich und schaut zum Spielplatz gegenüber. Mütter und Kinder, die etwas tun. Nicht zum ersten Mal denkt sie darüber nach. Schon vor dem Unfall fragte sie sich oft, wozu sie überhaupt hier sei. Schon früher war sie anders gewesen. Nicht so belastbar wie die anderen. Konzentrieren ging auch früher nicht lange. Und heute?
Sogar Alf ist besser dran, denkt sie. Auch er konnte zwar nicht mehr laufen. Arbeiten schon gar nicht mehr. Seinen Rücken hat er sich in der Fabrik kaputtgeschuftet, doch immerhin war er nicht depressiv. Immerhin konnte er noch sagen, was er dachte. Und er wusste, was er wollte. Immer noch. Die Welt verändern.
Sie starrt aus dem Fenster. Was macht mich glücklich?, fragt sie sich. Nicht: was muss ich machen. Die richtige Frage lautet: Wann bin ich zufrieden und wieso? Und findet mich das Glück auch, wenn ich nie mehr etwas anderes machen kann als …
Ihre Gedanken stocken. Machen? Tun? Ich aber, ich bin nur. Reicht das denn nicht?
Zeitfresserchens Lust
Da las ich heute, bei Sherry wars, über unsere nachlassende Konzentrationsfähigkeit und dass wir nach einer Viertelstunde Arbeit an einem Thema bereits mit den Füßen scharren. Wir müssen doch endlich mal wieder nachschauen, ob uns jemand gemailt hat. Ob eine SMS eingegangen ist. Ob dies. Ob das. Ob jemand nach uns fragt.
Wie ich da sitze und schreibe, fallen mir ab hier sogleich ein paar mögliche Fortsetzungen für diesen Blogartikel ein. Die erste, die ich mir vorgenommen habe, nenne ich hier mal Spur eins. Auf ihr will ich über Zeit und unseren Umgang mit ihr sofasophieren. Problemlos könnte ich jetzt an Spur zwei weiterspinnen. Will heißen, über soziale Kontrolle schreiben. Über Nachbarn, die wissen, wann ich das Haus verlasse. Wo ich einkaufen gehe. Wie ich meine Wäsche aufhänge. (((Oops, schlampig wie ich bin, habe ich seit Stunden die Wäsche in der Maschine vergessen! Mach ich gleich nach dem Bloggen, versprochen!)))
Spur zwei eröffnet mir problemlos mindestens zwei weitere Spuren, wie ich weitererzählen könnte. Und von jenen zwei Spuren je wieder zwei, mindestens. Meine blühende Phantasie ist ein Zeitfresserchen der grenzlosen Art. Beim Bilderbearbeiten ist es noch schlimmer. Nehmen wir ein schlichtes rohes Bild, fotografiert mit dem iPhone. Kaum fotografiert, oder noch vor dem Klick, habe ich mindestens zwei Ideen, wie ich das Bild weiter entwickeln will. Alles, was danach kommt, nenne ich nicht mehr Fotografie, sondern digitales Gestalten, kurz iDogma. Auch iKunst, wie Mietze neulich vorschlug, gefällt mir. Manchmal verfolge ich von Anfang an gleich mehrere Spuren der möglichen Bearbeitung, wobei während der Arbeit nach jedem Schritt laufend neue Spuren dazukommen. Hilfe, da könnte ich mich glatt in meinem eigenen Bilderdschungel, auf Nimmerwiedersehen, verirren! Und von jedem Bild gäbe es danach mindestens zehn finale Versionen. Wenn ich denn die Zeit hätte! Und wenn ich mich nicht immer mit mir selbst auf eine Variante oder zwei einigen könnte.
Im Grunde läuft es bei AppIt!, einer der Arbeitsgruppen auf IPA, unserer iPhoneArt-Community, ziemlich genau so. Ein rohes Bild wird von allen, die mitmachen wollen, weiterbearbeitet. Wirklich spannend, was aus dem langweiligen Baum, den ich neulich hier erwähnt habe, geworden ist. Der Beweis: Auch aus einem banalen Bild lässt sich etwas Witziges gestalten. Das macht Hoffnung.
Hätte ich bloß mehr Zeit, dann würde ich …, jeden Tag denke oder sage ich diesen Satz mindestens fünfmal. Zeit habe ich zwar schon, doch wie setze ich meine Prioritäten? (((Oh, ich bin wieder auf Spur eins gelandet. Wow!))) Was ist uns wirklich wichtig? Ist es das, womit wir am meisten Zeit verbringen? Die meiste Zeit verbringen wir – ihr da draußen jedenfalls, ich im Moment nämlich nicht – bei der Arbeit. Wir leisten viel, um viel Geld – und gleich noch mehr Geld! – zu verdienen, womit wir uns Dinge kaufen können, die unserer Unzufriedenheit entgegenzuwirken sollen, die dadurch entstanden ist, dass wir so viel arbeiten. Immerhin kurbeln wir so die Wirtschaft an und das ist doch gut, oder etwa nicht!?
Vor ein paar Jahren habe ich in Bern an einem tollen Kunstprojekt zum Thema Zeitverschwendung teilgenommen. Es gab Bilder, Musik und Literatur rund um dieses faszinierende Thema. Weil wir im Vorfeld keine Zeit gehabt hatten – logisch irgendwie! – trafen wir Autorinnen und Autoren uns kurz vor der Lesung, um den Ablauf unserer Lesung zu nageln. Wir waren uns schnell einig, uns beim Lesen abzuwechseln, legten spontan eine Reihenfolge fest und trugen schon bald einen witzigen Mix aus ernsten und heiteren Texten vor. Dem Publikum und uns hat es jedenfalls Spaß gemacht.
Unter anderem kamen einige meiner Kürzestgeschichten, genannt „Voller Einsatz“, die nur einen einzigen Satz lang sind, voll zum Einsatz. Zeitersparnis pur!
*******************************************************************************************************************************
Zeitgeist
Um deinen dunkelgrauen Zeitgeist bei Laune zu halten, brauchst du ihn bloß – wie eine Parkuhr – mit deinem Zeitmangel zu füttern, doch egal, ob du nun mit Zeit handelst, nie Zeit hast, Zeit abarbeitest, andern Zeit stiehlst, Zeit absitzest, Zeit vorarbeitest, um freie Zeit zu schaffen oder ob du gar Zeit vertrödelst oder totschlägst, eins darfst du auf gar keinen Fall tun, denn sonst wird er sauer: Zeit haben.
*******************************************************************************************************************************
Zeit sammeln
Das ist die Geschichte jenes jungen Mannes, der erfahren hatte, dass er eines Tages sterben würde, der sich auf den Weg machte, um überall, wohin er kam, Zeit zu suchen, zu erbetteln, zu sammeln, und tatsächlich viel Zeit geschenkt bekam, doch diese durch die ständige Rennerei wieder aufbrauchte und daher beschloss, nicht mehr weiter zu rennen, sondern seine Vergänglichkeit zu akzeptieren, und dabei erkannte, dass er endlich Zeit hatte, denn nun war die Zeit auf seiner Seite und schien sich gar zu vermehren, während er schaute und lebte und atmete und grüßte, und er wurde reicher an Zeit als je zuvor, und dabei alt und älter, und eines Tages starb er weise und glücklich.
*******************************************************************************************************************************
copyright by sofasophia as usual
Sandsteinweisheiten
Irgendwo in einem kleinen Dorf lebte eine Frau, die in ihrem Leben schon ganz viele Steine gesammelt hatte. Jeder einzelne Stein hatte eine eigene Geschichte, wie er irgendwann in ihr Leben gekommen war. Einige Steine hatte sie selbst gefunden und nach Hause getragen, andere waren ihr von Freunden als Geschenk überreicht worden. Wieder andere waren schon lange vor ihr da gewesen. Genau da, wo später ihr Haus gebaut worden war. Doch wenn wir genau sein wollen, waren eigentlich alle Steine schon vor ihr da gewesen. Viel länger waren sie alle schon da, sehr viel länger. Vielleicht deshalb mochte die Frau ihre Steine so sehr. Zugegeben, es ist anmaßend, Steine als Besitz zu sehen. Das wusste die Frau und deshalb behandelte sie die Steine auch mit sehr großem Respekt.
Da lagen also überall in ihrer Wohnung Steine herum, Sandsteine einträchtig neben schlichten Kieselsteinen, Granitbrocken neben Edelsteinen und Versteinerungen neben erstarrten Lavaklumpen. Steine seien irgendwie weise, sagte die Frau eben zu ihrer Freundin, mit der sie Tee trank. Steine hätten schon alles gesehen. Den Anfang der Welt hätten sie miterlebt und sie würden auch noch da sein, wenn wir Menschen längst wieder vergangen seien.
Weise?, fragte sich ein kleiner Sandstein, den die Frau letzte Woche auf einem Spaziergang aufgehoben hatt. Er lag direkt an der Sonne, auf dem Fensterbrett. Von seinem Platz aus konnte er alles sehen. Und alle. Wie schön es hier war! Dass es so viele andere Steinarten gab, hatte er nicht einmal geahnt. Steine mit allen möglichen Mustern, in allen Schattierungen, Farben und Texturen. Wie schön sie alle waren! Zum Glück sah niemand zu ihm hin. Der kleine Sandstein konnte sich keinen Reim darauf machen, warum er hier war. Warum er mitten unter diesen wunderschönen Steinen sitzen durfte. Schließlich war er ja nur ein kleiner Sandstein. Ein paar Sandkörner, die vor unzähligen Jahren zufällig auf Quarz getroffen und sich durch ein paar weitere ebenso zufällige Begebenheiten mit diesem verkittet hatten.
Im Berg, wo er sein ganzes bisheriges Leben verbracht hatte, waren übrigens noch ganz viele von seiner Sorte. Eines Tages als Menschenkinder in seiner Nähe herumgetollt hatten, waren einige von ihnen heraus gepurzelt. Lustig war das gewesen. Zuerst. Doch schon bald war es langweilig geworden. Am Boden liegend hatte er keine so gute Aussicht mehr gehabt wie zuvor in der Felswand. Sein Leben war irgendwie sinnlos geworden. Bis sie gekommen war, die Menschenfrau. Sie hatte ihn gefragt, ob er mit zu ihr kommen wolle. Zugegeben, das hatte ihm gefallen, und natürlich hatte er eingewilligt. Nun war er da. Inmitten all der Schönheiten. Am besten gefiel ihm der Stein dort drüben. Er glänzte, seine Oberfläche war anthrazitfarbig und er hatte viele verschiedene Einsprengsel, die je nach Tageszeit hell oder dunkel funkelten.
Hart wie Granit sollte man sein, hatte jemand von den anderen Steinen geflüstert. Vielleicht war es sogar der kleine, grüne Edelstein gewesen, der sich manchmal ein wenig aufspielte. Er könne heilen, hatte er vorgestern behauptet. Und wenn!, dachte der kleine Sandstein. Aber du bist dennoch nicht so schön. Und schon gar nicht so schön hart wie der Granit da drüben.
Hart, ja, hart wäre er gerne, unser kleiner Sandstein. Nicht so weich, dass er immer darauf aufpassen musste, nicht kaputt zu gehen. Eingebettet in der Felswand war das kein Problem gewesen. Erst nachdem er herausgefallen war, fingen die Probleme an. Wenn die Frau das Fensterbrett abstaubte, nahm sie ihn ganz vorsichtig hoch und wischte die Sandbrösel unter ihm weg. Ich vergehe, dachte er jedes Mal. Ich werde immer weniger. Bald bin ich ganz weg. Und meine Teile werden überall verstreut sein. Ich bin viele, bestehe aus unzähligen Körnern und nur dem Quarzzement verdanke ich, dass ich überhaupt da bin. Noch da bin. Glücklicherweise gefällt mir wenigstens meine Hautfarbe. Immerhin etwas. Rötlich und hellbraun ist wirklich ganz in Ordnung. Doch ich wäre einfach zu gerne hart. Ganz hart. Wie Granit. Niemand könnte mir etwas anhaben. Niemand könnte mich einfach zerbröseln. Niemand würde über mich spotten. Hart sein ist alles! Für uns Steine ist das das Wichtigste überhaupt!
Während sich der kleine Sandstein mehr und mehr in etwas hinein steigerte, das sich schon bald nicht mehr bremsen lassen würde, fühlte er auf einmal, wie er aufgehoben wurde. Schon wieder abstauben?, fragte er sich. Das hat sie doch heute Morgen erst gemacht.
Schau!, hörte er die Stimme der Frau, dieses Kerlchen hier habe ich neulich im Steinbruch drüben gefunden. Er lag auf einmal vor meinen Füßen. Fast wäre ich weitergegangen, doch ich konnte nicht anders. Ist er nicht wunderschön? Mir gefällt, dass er so fein, weich und zerbrechlich ist. Er fällt beinahe auseinander. Eigentlich ist er wie ich. Wie gerne wäre ich manchmal so hart wie der Granit dort drüben. Dann schaue ich mir diesen Stein hier an und denke: Es ist gut, so zu sein wie ich bin. Weich. Porös. Durchlässig. Zerbrechlich. Ich bin so. Sinnlos Granit sein zu wollen. Granit hat es genug auf der Welt. Aber wir Sandsteine sollten uns nicht mehr länger dafür schämen, dass wir Sandsteine sind. Diese Welt braucht uns …
Behutsam hatte sie den rotbraunen Stein wieder aufs Fensterbrett gelegt. Sie spazierte mit ihrer Freundin durch die Wohnung und ihre Stimmen wurden leiser. Auch unser kleiner Stein war ganz still geworden. Und ein klein bisschen größer geworden war er auch, innen drin auf jeden Fall.
Ein Ei #4
Was ist denn los? Wieso kräht Roland Hahn wie wild Richtung Hühnerhoftor?
Ach so, sie ist wieder ausgebüxt, Lady White, und kommt nun reumütig zurück zur Schar. Es ist Sonntagvormittag und Irgenlink öffnet ihr netterweise die Türe. Was wäre, wenn er das gelassen hätte? Zuschauen hätten wir sollen, zudchauen, wie sie ohne unser Zutun zurück geht. Schlau wie sie ist, hätte sie es geschafft. Raus ist sie ja auch von alleine. Wie Blondie.
Und bestimmt hat sie wieder irgendwo Eier gelegt, sag ich noch zu Irgendlink. Später gehe ich rüber in meine Höhle, komme dabei an Lady Whites Versteck von vorgestern vorbei und entdecke drei Eier. Eins noch legewarm.
Am Abend, als ich bereits den Hühnerstall geschlossen habe und mich anschicke, den Hühnerhof durchs Gatter zu verlassen, kommt seelenruhig ein letztes Huhn daherspaziert. Ach, das wollte Roland Hahn mir also sagen, empört krähend, während ich das Tor geschlossen habe. Nein, es ist weder Blondie noch Lady White, sondern eine braunweiß gefiederte Hühnerdame, die wie eine Königin durch die beiden Türen schreitet, die ich ihr öffne. Kein bisschen Hektik.
Drei Ausbrecherinnen? Was will uns das sagen?
