Träumen und Teilen. Träume teilen.

»Du lässt dich also dafür zahlen, dir deine Träume erfüllen zu können? Nur damit du Ferien machen kannst?« Seiner Stimme war Erstaunen, eine Art Fremdscham vielleicht sogar, vor allem aber Unverständnis anzuhören.

»So mag es vielleicht auf den ersten Blick aussehen. Es ist eher eine Art Tausch: Die Leute, die uns unterstützen und unterstützt haben, bekommen für ihr Geld ein live geschriebenes Buch, sie bekommen tägliche Berichte. Sie können direkt und unmittelbar mit uns mitreisen. Außerdem ist es ja nicht so, dass wir auf Kosten anderer in Saus und Braus leben. Wir wurden für unsere Arbeit des Reisens bezahlt, und ja, das ist eine wunderbare Arbeit, aber wer sagt, dass Arbeit nicht Spaß machen darf?«

Dieses Gespräch hat tatsächlich schon stattgefunden. So und/oder ähnlich.

Crowdfunding ist ein Konzept, das auf Solidarität basiert. Ich habe schon viele andere Projekte (Filme und Bücher vor allem) über Crowdfunding mitfinanziert und so ermöglicht, dass ein Traum Wirklichkeit geworden ist. Diesen Sommer habe ich das erste Mal die umgekehrte Seite erlebt und mich für die Verwirklichung eines Traums unterstützen lassen. Ohne die finanzielle Mithilfe lieber Menschen wäre ich nach #Flussnoten blank gewesen und hätte im August buchstäblich am Hungertuch genagt. Ich verdiene wenig. Zurzeit sogar gar nichts. Und von der Arbeitslosenkasse habe ich noch immer keinen Rappen bekommen. Einenteils habe ich das selbst gewählt (weil ich die Notbremse gezogen und aus gesundheitlichen Gründen gekündigt habe), andererseits ist das natürlich nur ein kleiner Teil der ganze Wahrheit.

Und ja, ich habe mir diesen Sommer mit der Rheinwanderung einen Traum erfüllt und ich habe mir bei der Traumerfüllung von anderen helfen lassen. Nein, Träume in die Wirklichkeit zu holen, in die Realität, bedeutet nicht, dass jetzt und für alle Ewigkeit alles gut ist. Denn auch ein Traum kostet Kraft, treibt Schweiß, strengt an.

Doch was wäre eine Welt ohne Träume, unwirkliche und verwirklichte? Und was wäre eine Welt ohne Solidarität? Ohne den Austausch von Ideen, ohne Inspiration, ohne jene anderen Menschen, die etwas wagen, das man selbst nicht wagt.

Dinge tun, Dinge lassen, Dinge erleben, Dinge besitzen. In dieser Welt voller Dinge, braucht es auch immer wieder das Unding. Die Vision. Das Unfassbare. Die Kunst. Den Ausdruck.

AliensradIn dieser Welt voller Dinge tat es mir wohl, gestern in einer Wohnung zu Besuch zu sein, in der es nur wenige Dinge gibt. Meine Freundin M. (2) hat beim Umzug neulich – nach dem Auszug ihrer Tochter in eine Studentinnen-WG – ihren Besitz bewusst reduziert und sich auf das Wesentliche beschränkt. Wie jene Romanfigur in einem neulich gelesenen Krimi. Nur noch zweieinhalbtausend Dinge besitzt diese Protagonistin. Wir zivilisierten Menschen des Westens besitzen durchschnittlich hunderttausend Dinge las ich kürzlich. Wenn ich nur schon meinen Schreibtisch angucke, mit all seinen Stiften und Linealen und Gummis und Büchlein und Blöcklein und und und … kann ich mir vorstellen, dass das gar nicht zu hoch gegriffen ist.

Im Sommer, unterwegs am Rhein, genoss ich die Wenigkeit, die ich bei mir hatte, sie war immer noch schwer genug (meine vielleicht hundert Dinge auf dem Rücken und am Leib). Jetzt, wieder im Alltag, wünsche ich mir zuweilen, freier von Dingen zu sein, von Materie, und doch … es ist eine Verbindung, die über die Dinge hinausgeht. Dinge sind Symbole, Erinnerungen, Botschaften. Sie sind Energieträger.

»Geld ist Energie. Geld gibt Energie«, sagte neulich Freundin C.

So habe ich mir also Energie geben lassen, damit ich meine Träume verwirklichen konnte? Das Bild gefällt mir besser als die subtil vorwurfsvolle Frage, ob ich mich für meine Träume bezahlen lasse.

Vielleicht sollten wir uns gegenseitig einfach mehr Energie geben, mehr Traumverwirklichung ermöglichen, einander mehr Raum geben, uns überhaupt viel solidarischer verhalten – besonders dort, wo diese lebenswichtige Absichtslosigkeit im Spiel ist, die nichts anderes will als nichts. Wie das Lachen eines Kindes. Wie Tanz. Wie Wind. Wie der tanzende Klang eines Windspiels.

Was wahr ist und was wirklich – reblogged

Ich freue mich immer, wenn meine eigenen Gedanken irgendwo an anderer Stelle ähnlich gedacht werden. Das Thema meines letzten Blogartikels zum Beispiel.

Heute lese ich im Logbuch von Rittiner & Gomez auf Isla Volante folgendes.

ja. wie ist das möglich, dass du im meiner wohnung auftauchst, dass du … sprechen …

ich sagte es doch bereits, ich war da – und schon hier, als du kamst!

das ist nicht wahr!

hm?

warum soll ich dir glauben, dass …

entschuldige bitte, lass uns das in der wohnstube bereden, dieser flur atmet durchgang, ist en passant, kommen und gehen, da zieht es mich hinaus. und außerdem zieht es.

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Zwischenräume

Ich vermute, dass ich nicht die Einzige bin; ich ahne, dass die meisten von uns sie tendentiell vermeiden, diese Räume und diese Zeiten zwischen den Dingen. Wir füllen sie, wenn wir sie nahen sehen, schnell auf. Ich zum Beispiel schütte die Lücken mit Lesen, Filme gucken oder mit Aktivitäten auf dem Handy (wie Bilderbearbeiten, Twittern, Elloen u. a.) auf. Schnell, schnell, damit mich nicht etwa ein Hauch von Leere treffe.

Doch manchmal schaue ich ihnen in die Augen, diesen Räumen zwischen den Dingen, und schreite mitten hinein, mitten in diese Lücke, in dieses Nichts zwischen den Dingen. Schreibenderweise gelingt mir das meistens am besten oder Bilder bearbeitend oder malend. Und auch beim stillen Wandern. Manchmal.

Wenn ich mich in die Zwischenräume gewagt habe, bin ich jedes Mal froh darüber, denn dort geht es mir gut. Oft sogar viel besser als in den fest definierten Räumen, die die Zwischenräume flankieren. Seltsam also, dass ich mich ihnen immer nur mit gewissen Widerständen nähere. Oder so seltsam auch nicht, weil ich weiß, dass mich die Zwischenräume aus dem meist viel zu engen Zeitgewand heben und ich mich nach meinem Besuch in den Räumen zwischen den Dingen ein wenig desorientiert fühle.

Schreiben kann, schreiben muss aber nicht, zwingend dieses Ding sein, das mir den Gang zwischen den Räumen erleichtert.

Schreiben kann, schreiben muss aber nicht, Erlösung sein, doch manchmal ist selbst schreiben nichts anderes als hinkender Aktivismus.

Je älter ich werde, desto mehr ahne ich, dass es eigentlich diese Wanderungen zwischen den Räumen sind, die das Leben lebenswert machen. Es ist die Stille zwischen dem Lärm, dieses Hinfühlen inmitten von Aktionismus. Es sind die Zwischenräume, die alles verändern, das Davor und das Danach; und das Darüber und Darunter auch irgendwie, weil die beiden uns zeigen wollen, woher wir kommen und was uns hält. Die Zwischenräume machen den Unterschied, sie machen aus dem Immer-immer-gleich ein Immer-wieder-anders. Sie verschieben meine Wahrnehmung und machen es möglich, dass ich aus dem Drehen um mich selbst herausgerollt werde und auf einmal, im Gras auf dem Rücken liegend, die Wolkentiere spielen sehen kann, wo vorher nur ein paar Wolken durch den Himmel segelten.

Vielleicht besteht ja die Kunst aller Künste darin, diese Zwischenräume zu erkennen? Die eigentliche Kunst wäre es somit, die im Dialog mit den eigenen Zwischenräume gewonnenen Erkenntnisse auf unsere ART und Weise auszudrücken.

Ich jedenfalls brauche Räume, brauche Luft, brauche Zeit zwischen Dingen. Leerschläge. Lücken. Pausen.

Einen dieser Zwischenräume, ein Zwischenraum zwischen den Zwischenräumen vielleicht sogar, wird hoffentlich unsere Wanderung sein. Mit Irgendlink, diesem ganz besonders für das Lesen zwischen den Räumen begabten Menschen, werde ich in ca. zehn Tagen loswandern. An den Ufern des Rheins entlang soll die Reise führen. Ruhig und im ganz eigenen Tempo. Anfangen wollen wir im Bündnerland, am Tomasee.

Wir werden auf unserem neuen gemeinsamen Blog darüber schreiben. Hier könnt ihr mitwandern → flussnoten.de

Und hier hat Irgendlink gestern auch ein paar Zeilen darüber geschrieben → irgendlink.de

gleich und anders | Der Film

Vor etwas über einem Jahr führte ich ein Vorgespräch für die neue Film-Doku »gleich und anders« des Schweizer Filmemachers Jürg Neuenschwander. Mitgemacht habe ich dann doch nicht, aus verschiedenen Gründen. (Einer war sicher, dass mir das ziemlich enge Zeitfenster nicht passte, in dem die Filmbeiträge aufgenommen werden sollten, weil ich genau in dieser Zeit in Schweden sein würde). Dennoch habe ich das Projekt in Gedanken begleitet. Auch wurde ich zwischendurch über Aktuelles informiert und zur Première eingeladen.

Auch dort war ich dann doch nicht dabei, habe den Film also noch immer nicht am Stück gesehen. Bestellt ist er aber und gesehen habe ich inzwischen auch schon einige der Porträts, die freundlicherweise auf der Webseite gezeigt werden.

Portrait Kathia Vonlanthen

Portrait Philipp Zürcher

Portrait Stefan Peter

Wer verstehen will, wie Menschen, denen man von außen nicht ansieht, dass sie zwar gleich, aber doch irgendwie anders sind, dass sie zum Beispiel nicht gleich leistungsfähig sind wie die sogenannte Norm, wird hier einige Antworten bekommen.

Bestellen kann man den Film hier (klicken). Und im Kino sehen kann man ihn hoffentlich auch bald.

Was Kunst kann, kann nur Kunst

Manche Leute können ja nicht wirklich etwas mit Kunst anfangen, sagen gar Dinge wie »Also, ich verstehe ja wirklich nichts von Kunst«. Sie scheinen, will mir scheinen, kein Bedürfnis danach zu haben, aus sich heraus etwas Eigenes, etwa Ursprüngliches, etwas Originelles zu schöpfen. Machen sie Fotos, gehören diese in die Kategorie Schnappschüsse, Erinnerungen und Zeitdokumente. Und ja, das darf so, kein Thema. Wir alle sind sehr verschieden. Und das ist gut.

Wenn man solche Bilder aber im Internet als Kunst bezeichnet, schrecke ich ein bisschen zusammen. Wie jetzt? Ich soll diese Collage, diese eher unscharfen Naturbilder, als Kunstwerk verstehen? Oder ist − was ich eher vermute − das Gesehene, das Abgeknipste, die Natur selbst, dasjenige, was ich als Kunst verstehen soll?

Und schon bin ich mal wieder mitten drin in der ewigen Streitfrage, was denn nun bitteschön Kunst an der Kunst sei. Diese Frage umfasst für mich definitiv auch den Aspekt, was Kunst soll und will und kann. Ich glaube, die meisten hier sind mit mir einverstanden, wenn ich sage, dass Kunst viel mehr ist als etwas ‚einfach nur abzubilden‘. IMG_2848Zumal es die wirkliche Wiedergabe eins zu eins, also die Wiedergabe eines Objekts, eines Erlebnisses, eines Dings, in ein Bild, nicht gibt. Weil nur schon der ausgewählte Ausschnitt durch die Kamera, den Bildrahmen, den gewählten Moment, den man erzählt, eine Einschränkung, oder, neutraler, eine Veränderung des Objektes, im Verhältnis zum Original, darstellt.

Kunst ist meiner Meinung nach − im Unterschied zu Handwerk und zu Kunsthandwerk − einzig oder mindestens primär dem Ausdruck einer Erfahrung, eines Gedankens, einer Idee der oder des Kunstschaffenden verpflichtet, also der Interpretation des ausgewählten Etwasses. Dies dann allerdings unter Anwendung zuvor erworbener Kenntnisse. Und unter Anwendung des Wissens darüber wie dieses eingesetzt wird.

Ein Beispiel gefällig? Wenn ich schreibe, schreibe ich unter Anwendung und erworbener Kenntnis vom Rechtschreibe- und Satzzeichenregeln (Pflicht, Wissen, Können), doch ich fülle die Zeilen auf eine Weise, die meinem Bewusstsein und meinem Bedürfnis entspricht (Kür, Kunst, Ausdruck).

IMG_2857So gesehen ist Kunst, banal gesprochen, ein Transportweg. Ich transportiere die mir auf dem Herzen brennenden Inhalte − von humorvoll über politisch zu philosophisch − auf die mir am meisten entsprechende Ausdrucksweise (Bild, Ton, Film, Text etc.).

Kann pure Natur, kann diese Schönheit, die ein Mensch mit seinen Augen betrachtet und gewürdigt hat, als er den Auslöser drückte, kann sie also Kunst sein?

Ich frage lieber so: Will Natur überhaupt Kunst sein oder ist Natur nicht sogar das Gegenteil von Kunst, gewachsen, entstanden aus der Ursprungskraft allen Lebens, aus dem Leben selbst? Eben nicht als Kunstform, als etwas Künstliches, als etwas Geschaffenes, als etwas mit Botschaft für uns Menschen, für uns Kronen der Schöpfung, sondern als die Reinform allen Seins. Natur eben.

Nicht für uns Betrachtende, Bewundernde und Staunende, auch nicht für uns Nutzende, sondern um ihrer selbst willen.

Werden. Sein. Vergehen.

Ausgelesen #5 − Der Mondtrinker von Göran Tunström

Ein Wohlfühlbuch mal wieder, nach und neben Ulla Hahns Biografie und anderen Büchern, die ich gleichzeitig lese und die mich eher aufwühlen.

Ich bin mal wieder literarisch nach Island gereist, doch diesmal ohne Leichen und sonst wie Horror. Außer dem des ganz alltäglichen Wahnsinns.

MondtrinkerDas Buch erzählt die Lebensgeschichte eines jungen Isländers, dessen Mutter früh gestorben ist und dessen Vater einen ganz besonderen Blick auf ihr Leben und die Vaterliebe hat. Und auf die Welt da draußen. Und auf das Wissen in Büchern und im Herzen.

Das Zusammenleben der beiden ist nicht wirklich voller Ereignisse, doch was wirkt, wirkt unter die Haut.

Der Ich-Erzähler gewährt uns zudem einen Blick hinter die Kulissen eines selbständig gewordenen Landes, spricht mit Humor und Schalk, mit Wehmut auch und kritisch, aber dennoch durch und durch liebevoll über sein Land, einem Land der Wörter, Klänge, Poeten und Metaphern.

Ich weiß nicht mehr, woher ich es habe, dieses kleine Taschenbuch, noch wie lange es schon in meinem Stapel der zu lesenden Büchern gelegen hat. Nun aber ist seine Zeit gekommen.

Diese Vater-Sohn-Liebesgeschichte ist so berührend und wohltuend, so nährend, dass ich ihm auch achtzehn Jahren nach seinem deutschen Erscheinen viele LeserInnen wünsche.

Ausschnitt Buch
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Eine sehr liebevolle Rezension hat es auch hier bekommen (→ klick)

Tönen, hören, verstehen.

Alle Begriffe, alle Wörter, die wir sprechen, sind gefüllt mit unseren Erfahrungen. Alles ist Interpretation. Neutrale Begriffe gibt es nicht. Und zum Begriff kommt der Kontext.

Das Wort normal zum Beispiel, wie ich neulich auf Twitter gemerkt habe, ist je nach unserer Herkunft, sehr unterschiedlich gefüllt. Für mich ist und war es immer eine latenter Sehnsuchtsbegriff. Normal zu sein, nicht anzuecken, nicht aufzufallen, hatte ich mir schon als Kind gewünscht. Einfach weil ich nicht gerne anders bin.

Auch das Wort anders hat viele Gesichter. Ich plädiere für Weitung des Begriffes Normalität. Und es fragt sich, ob es ihn im menschlichen Umfeld überhaupt braucht. Wenn Papiergrößen, Schraubenmuttern und Litermaße genormt sind, ist das etwas anderes, aber bei Menschen? Denn, seien wir ehrlich, jede und jeder von uns hat einen Bereich in dem sie oder er von der sogenannten Norm abweicht.

Und wie sagt Frau Lakritze so schön? »Die einzig normalen Menschen sind die, die man nicht besonders gut kennt.« Recht hat sie.

Was der einen arrogant vorkommt, empfindet der andere frustriert.
Was der eine so, findet die andere so. Und dabei spielen nicht nur persönliche Unterschiede und Prägungen eine Rollen, sondern oft auch kulturelle. Nehmen wir Kuchen.

In der Schweiz zum Beispiel bedeutet Kuchen je nach Region etwas anderes. Im Kanton Bern ist der Kuchen das, was im Kanton Zürich die Wähe. Nämlich so was ähnliches wie die Quiche in Frankreich. In Zürich ist Kuchen das, was in Bern ein Cake oder eine noch nicht gefüllte Torte. Und die Wähe des Zürchers und der Kuchen der Bernerin? Sie ist ein dünn ausgewallter Teig mit Früchten oder Gemüse gedeckt und mit süßem oder salzigem Eiermilchguss gebacken. Eben Wähe, Tünne, Kuchen.

Gehen wir einen Schritt weiter zum

KäsekuchenCH

ChäswäheKäsekuchen in der Schweiz? Logisch: salzig, aus Käse, ein herrliches Mittagessen.

 

 

KäsekuchenKäsekuchen in Deutschland? Das heimatlichste Gebäck ever, sagen viele. Logisch, dass es süß ist, aus Quark, ein köstlicher Nachttisch.

 

 

Als ich vor sechseinhalb Jahren, Irgendlinkseidank, meine deutschen Nachbarinnen und Nachbarn besser kennenzulernen begann, stießen wir auf mancherlei Wörter und Begriffe, die unterschiedliche Bedeutung haben.

Paprika nennen meine deutschen NachbarInnen das, was ich Peperoni nenne, und ihre Zucchini heißt bei uns im Laden Zucchetti.

Estrich ist in der Schweiz das, was den Deutschen der Dachboden.
Estrich ist in Deutschland das, was in der Schweiz der Fußboden (oderrr???) und wenn ihr Deutschen diesen kehrt, wischen wir ihn. Wenn wir wischen, kehrt ihr. Darüber stolpere ich auch nach heute noch zuweilen, über Besen und Schrubber sozusagen.

Mir ist heute, als ich mit einem vierzehnjährigen Eritreer, der seit sechs Monaten mit seiner Familie in der Schweiz lebt und an unserer Schule den Integrationskurs besucht, am Tisch saß, bewusst geworden, wie mächtig Gewohnheiten sind, wie stark Wörter wirken, wie unterschiedlich Musik verstanden wird und auch auf wie viele Arten sie klingen kann. Und wie sehr wir Geprägte sind, wir alle, Geprägte unserer Kultur.

KrarCeder400Im Werkunterricht, so erzählte er, baue er zurzeit sein Instrument, Krar, das er in Eritrea gespielt habe. Er zeichnete uns, die wir mit ihm am Tisch saßen, etwas auf Papier, das wir Zither nannten. Mit Saiten. Und ich hoffe so sehr, dass er, wenn er das Instrument fertig gebaut hat, darauf ein Stück Heimat finden wird.

Zwei Tipps fürs Auge und Gemüt

Gerne empfehle ich euch, mal wieder auf Pixartix, dem Bilderblog, vorbeizuschauen. Unser zweiter Drei Bilder-Zyklus hat bereits vor einem Monat begonnen und schon fünf KünstlerInnen haben ihre Bilder-Trilogien erzählt. Heute geht es weiter mit dem ersten Holzweg von Irgendlink.

Und wenn wir schon bei Irgendlinks Abenteuern sind. Er steht − nämlich, vermutlich oder vielleicht? − mal wieder in den Startlöchern für eine weitere Radreise. Diesmal mit Ziel Gibraltar. Seine Gedanken vor der Reise gibt es neu nicht auf dem Irgendlink-Blog, sondern hier:
⇒ europenner.de. ⇐

Jaaa, der Europenner lebt, man muss ihn nur zuweilen aus seinem Winterschlaf wecken.

Kleines literarisches Experiment #1 – Die Beiträge

Ihr erinnert euch? Vor einer Woche habe ich euch zu einem kleinen Experiment eingeladen? Das hier ist dabei herausgekommen:

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„Atme. Atme. Lauf. Lauf. Atme. Lauf. Vorwärts. Weg. Nicht stolpern. Nur nicht stolpern.“
Nichts anderes konnte sie denken, während sie durch den Wald hetzte. Nasse Zweige schlugen ihr ins Gesicht und gegen ihre Jacke, ihre Schuhe waren völlig durchweicht. Sie spürte nichts davon, konzentrierte sich einzig darauf, wegzukommen. Weg von dem, was passiert war.

Sie spürte, wie ihre Kräfte nachliessen. Die Anhöhe würde sie noch schaffen, doch was dann? Sie wusste nicht einmal, wo sie war. Ihr Handy steckte in Wolfs Tasche und Wolf lag tot in diesem alten Schuppen. „Nicht daran denken. Nicht jetzt.“

Wolf! Sie spürte, wie ihr Herz sich zusammenzog, wollte auf die Knie sinken, die Hände ins matschige Laub am Boden graben, sich hineinwühlen und das Entsetzen aus sich heraus schreien. Doch stattdessen rannte sie weiter. Einen Fuss vor den anderen. Nicht denken, nicht daran denken. Doch was konnte der Kopf schon gegen das Herz ausrichten? Nichts. Mit einem gequälten Aufschrei schmiss sie sich der Länge nach hin, krallte ihre Finger in den Boden, vergrub ihr Gesicht in dem Gemisch aus altem Laub, Moos und Erde.

Wie hatte sich ihr Leben innerhalb von acht Stunden so ändern können? Heute Morgen war sie noch unbeschwert aus dem Bett gesprungen und hatte sich auf die seit langem geplante Wanderung gefreut. Sie hatte ihren Rucksack aus dem Flurschrank gekramt, Brote geschmiert und sich kurz darüber geärgert, dass es nach der langen Trockenperiode ausgerechnet heute in Strömen regnete.
Wolfs Gesicht tauchte vor ihr auf. Wie er lachend in der Tür stand, um sie abzuholen. Wie er sie daran erinnerte, ihre Regenjacke einzupacken und sie sich darüber lustig gemacht hatten, dass sie am besten auch noch das Schlauchboot einpacken sollten, falls der Regen sie wegspülen würde.

Sie atmete den erdigen Geruch des Bodens ein und beruhigte sich etwas. Sand knirschte zwischen ihren Zähnen. Sie setzte sich auf, spuckte aus und wischte sich das Gesicht ab. Langsam verebbte ihre Panik und sie beschloss, zurück zu gehen.

Sehr weit war sie bei ihrer Flucht nicht gekommen und viel schneller als gedacht gelangte sie wieder an dem alten Schuppen an, in dem sich Wolf befand. Ihr Verstand weigerte sich zu akzeptieren, dass er tot sein sollte. Sie drückte einen Moment ihre kalten Finger auf ihre Augen, öffnete sie wieder und schob zögernd die Tür des alten Verschlags auf. Muffige Luft schlug ihr entgegen und sobald ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah sie die Schemen der zwei Männer auf dem Boden liegen.

Kein Traum.
Sie ging hinüber zu einem der Männer und drehte in um, damit sie sein Gesicht sehen konnte. Wolf. Das vertraute Gesicht, das sie seit ihrer Kindheit begleitet hatte. Es hatte Momente gegeben, da sie sich aus den Augen verloren hatten, doch sie hatten immer wieder zueinander gefunden. Wolf. Ihr Kindheitsfreund, ihr bester Kumpel, immer war er da gewesen, wenn sie ihn gebraucht hatte. Und hier lag er nun, ganz still und kalt. Vorsichtig nahm sie seinen Kopf in ihre Hände und bettete ihn auf ihre Knie. Sie schloss seine halbgeöffneten Augen und seinen Mund und drückte ihm einen zarten Kuss auf die Stirn. Etwas, das sie zu Lebzeiten nie getan hatte. Sie strich über seine Wange und bemerkte erst jetzt, dass ihre heissen Tränen auf sein Gesicht tropften, so dass es aussah, als würde er selbst weinen. Sie wiegte ihn in ihren Armen, schaukelte hin und her und flüsterte seinen Namen. Tränen und Rotz vermischten sich, und trotzig wischte sie beides mit ihrem nassen schmutzigen Ärmel weg. Sie legte ihren Kopf in den Nacken und ihrer Kehle entrang sich ein Laut, wie sie ihn noch nie von sich vernommen hatte. Ein langes heisseres Schluchzen, ein gedämpfter Schrei, irgendetwas dazwischen, ein Urlaut der Trauer.

Mit zitternden Händen legte sie Wolfs Kopf auf einem kleinen Haufen Stroh ab, wischte sich erneut übers Gesicht und wandte sich der anderen Gestalt am Boden zu.

Da lag er. Sie hatte ihn getötet. Ein Mann in ihrem Alter, ungepflegt, seine Kleidung abgetragen und teilweise verschlissen.

Als sie im Schuppen Schutz vor dem Regen gesucht hatten war er aus einer dunklen Ecke auf sie gestürzt, hatte Wolfs Kopf so brutal herum gerissen, dass sein Genick brach und sich anschliessend ihr zugewandt. Als sein verwirrter Blick auf sie fiel hatte sie in völliger Panik nach dem ersten Gegenstand gegriffen, der ihr in die Hände fiel – eine alte, schmutzige Heugabel – und sie ihrem Angreifer entgegen gerammt.
Eine der Zinken hatte seinen Hals komplett durchbohrt. Das sah sie aber erst jetzt, da sie ihn genauer anschaute. Vorher war sie voller Entsetzen davon gelaufen.
Sie fasste ihn nicht an, betrachtete die Leiche nur aus der Entfernung und ohne Vorwarnung erbrach sie sich krampfhaft auf den schmutzigen Schuppenboden.

Sie fühlte sich unendlich müde. Unendlich schwer. Jede Sekunde schien ihr eine Ewigkeit zu sein. Langsam drehte sie sich zurück zu Wolf, nahm ihre restliche Kraft zusammen und zog ihr Handy aus seiner Tasche. Sie wählte den Notruf und legte das Handy auf den Boden. Sie hatte keine Kraft, mit irgendjemandem zu sprechen. Man würde sie schon finden. Dann legte sie sich neben Wolf, zog ihn in ihre Arme, schloss die Augen und wartete.

Schnipseltippse

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Ein dunkler Raum, vier Beine, eine Blutlache, zwei Menschen, Sonntagabendstandbild. Sie starrt darauf. Ihre Hand hält die Fernbedienung, ihr Daumen findet das Aus. Sie schüttelt das Bild von ihrer Netzhaut. Vier Beine, eine Blutlache, zwei vermisste Menschen. Nun werden die Kommissarios wieder jagen und suchen und am Ende finden, heute ohne sie. Sie starrt noch immer auf den Schirm ohne Bild, als liesse sich ein Neu dort finden, ohne Suche, ohne Jagd, einfach so, weil sie es vermisst.

Ulli

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Das Echo meiner Schritte tut weh. Jedes ­Mal, wenn meine Füße auf den Beton treff­en, explodiert etwas in meinem Kopf. Ich­ stelle mir vor, wie die Explosionen nac­h und nach alle Erinnerungen löschen, wi­e der Regen, der mir ins Gesicht peitsch­t, die entfachten Feuer in meinem Hirn l­öscht und die Asche zuverlässig wegspült­. Ich muss nur lange genug weiter laufen­, dann ist nichts mehr da, dann ist nich­ts geschehen. Dann ist die Wahrheit nich­ts als ein dunkles Loch, ein Raum, den i­ch nie betreten werde. Wenn ich immer we­iter laufen könnte, Tage lang, Nächte la­ng, würde ich schließlich an einen Punkt­ kommen, an dem sich die Zeit gabelt, un­d ich wählen kann, zwischen dem Weg zurü­ck in die Vergangenheit, oder einer Gege­nwart, in der ich nur immer weiter laufe­n kann. Vermutlich bin ich dabei, den Ve­rstand zu verlieren, aber wie gerne gäbe­ ich meinen Verstand, um wieder mit Piet­er und Mareike zusammen zu sein. Um sie ­noch einmal zu suchen, dieses Mal mit de­r Aussicht auf Erfolg.

-anonym

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Jetzt werden sie immer Vermisste bleiben. Dieser eine Satz. Fast unhörbar tauchte er auf, setzte sich in ihr fest, schwoll an. Auch das Bild, wie die beiden da auf dem Boden lagen, würde sie nie mehr loswerden. Sie hatte noch nie tote Menschen gesehen. Dass sie rannte, merkte sie erst, als ihre Lunge zu brennen anfing. Die Nacht war jung, nass und kalt. Dunkelheit, Regen und feuchte Haare verboten ihr die Sicht, aber ihre Füße kannten den Weg.

-Sofasophia

Besser oktobern

Manche Monate haben für mich kaum eine eigene Gestalt. Immerhin hat die schwedische Band Easy October dem mir bis anhin farblosen Monat Oktober vor zwei Jahren endlich Farben gegeben. Und Gerüche.

Nowhere But Here - Vol.1 cover artDass ihre dritte CD Nowhere But Here bereits im April 2015 erschienen ist, habe ich erst heute gemerkt. Was gut ist. Denn bessere Oktober-Musik gibt es für mich einfach nicht. Wenn man denn auf Hippiesound steht wie ich. Alle Stücke zum direkt anhören gibt es hier → klicken.

Seit ich Easy October kenne, ist Oktober für mich warm und weich; er riecht nach Holzfeuer und Herbstwind, nach goldenem Sonnenlicht und nach Regen. Er ist ein bisschen dunkel, aber diese Dunkelheit macht keine Angst, denn sie ist eine dieser Dunkelheiten, die mich in sich birgt und hält und mir Ruhe gibt. Sie bereitet mich auf den November vor, der mich auf den Dezember vorbereitet, der mich auf den Januar vorbereitet. Und dann erst kann ich wieder durchatmen. Denn dann kommt Februar, der ja schon fast März ist und März ist bekanntlich Frühling.

Ja, so eine bin ich. Ich verschiebe allzu gerne das eine oder andere auf später, sogar zuweilen das Leben. Aber Auf-die-lange-Bank-schieben geht definitiv besser mit Musik, die das Herz wärmt.