Zwischen den Jahren haben der Liebste und ich ab und zu gewürfelt. Ein Würfelspiel, das ich vor vielen Jahren gelernt, aber längst vergessen geglaubt hatte. Doch es war noch da, irgendwo in meinen Herzkammern, und ich habe es wieder zum Leben erweckt.
Erben heißt es. So jedenfalls habe ich das Ganze damals – vor nahezu dreißig Jahren – überliefert bekommen. Zwar ist Erben ein Glücksspiel, aber es müssen doch immer wieder Entscheidungen getroffen werden: Will ich mit einem oder zwei mir gebliebenen Würfeln die hohe Punktzahl, die Irgendlink erwürfelt hat, versuchen zu erben, oder fange ich mit allen fünf Würfeln wieder bei Null an?
Zugegeben, ich spiele nicht mehr so viel wie früher. Schade eigentlich, denn Spielen ist wichtig. In einer Welt, in der unsere Lebenszeit genau verplant ist, wo kaum mehr Freiraum für eigenes ist, wo alles verdichtet und reglementiert ist, in einer Welt des Konsumierens warum nicht einfach wieder einmal spielen? Nur um des Spielens willen.
Für unser Würfelspiel Erben braucht es zwei oder mehr Spielfreudige und gerade mal fünf Würfel, einen Block und einen Stift.
Würfelspiel mit Block und Stift
Hier sind die Spielregeln:
(Diese Regeln bekam ich mündlich überliefert. „Erben“ ist eine Variation des Würfelspiels „Zehntausend“)
Erben ist ein Spiel für 2 und mehr Spieler*innen. Es braucht für dieses Spiel fünf Würfel, einen Stift und einen Block. Wer zuerst 15’000 Punkte erreicht, hat gewonnen.
Es wird reihum gewürfelt. Lediglich die Zahlen 1 und 5 erzielen Punkte, wenn sie einzeln gewürfelt vorkommen. Alle anderen Zahlen zählen nur ab Dreierpasch. (Siehe unten)
Die 1 ergibt 100 Punkte, die 5 ergibt 50 Punkte. (Päsche ab Dreierpasch siehe unten)
Nach jedem Wurf addierst du alle zählenden Würfel, lässt diese auf dem Tisch liegen und würfelst mit den übrigen Würfeln weiter.
Die Zahl 6 ist ein Pufferwürfel. Würfelst du zum Beispiel 1, 1, 5, 5 und 6 berechtigt dich die 6, dass du alle Würfel wieder aufnehmen kannst. Desgleichen bei 2x 6, wenn die anderen gewürfelten Zahlen ’etwas zählen’. (z. B. 2, 2, 2 und 6, 6). Kurz: Die 6 berechtigt dich dazu, wieder mit allen Würfeln weiterzuwürfeln, wenn alle andern Würfel gezählt werden können.
Solange du mindestens eine 1 oder eine 5 würfelst, kannst du immer weitermachen und deine Punkte laufend addieren. Du kannst deine Runde aber auch jederzeit beenden und die erwürfelten Punkte aufschreiben.
Sobald du aber einen Wurf ohne 1 oder 5 machst, sind alle in dieser Runde erzielten Punkte verloren und der oder die Nächste ist dran.
Wer zuerst 15’000 oder mehr Punkte hat, hat gewonnen.
Straßen
Würfelt jemand eine 1, 2, 3, 4 und 5 ODER eine 2, 3, 4, 5 und 6 hat er 700 Punkte erwürfelt und darf mit allen Würfeln weiterwürfeln, wahlweise aber natürlich auch aufschreiben und seine fünf Würfel weitervererben.
Feldwege (ganz neu in unsere bestehenden Regeln eingefügt)
Würfelt jemand eine 2, 3 und 4 kann er sie wahlweise als Feldweg zählen ODER aber die Würfelpunktzahlen anders verwerten. Ein Feldweg zählt 200 Punkte
Punktetabelle von Päschen
2, 2, 2: 200 Punkte
3, 3, 3: 300 Punkte
4, 4, 4: 400 Punkte
5, 5, 5: 500 Punkte
6, 6, 6: 600 Punkte
1, 1, 1: 1000 Punkte
2, 2, 2, 2: 2000 Punkte
3, 3, 3, 3: 3000 Punkte
4, 4, 4, 4: 4000 Punkte
5, 5, 5, 5: 5000 Punkte
6, 6, 6, 6: 6000 Punkte
Pasch aus allen fünf Würfeln: Automatischer Sieg
Zur noch fehlenden Pointe und warum das Spiel Erben heißt, geht es ⇒ hier lang!
Blogbuchcover mit Blogtitel und Jahreszahl. Im Hintergrund blaue Kennzeichnungen auf dem rauh gesägten Holz eines gefälltem Baumstammes
Auch wenn ich nicht blogge, schreibe ich, denn Schreiben ist für mich wie Atmen: überlebenswichtig.
Obwohl ich die Kommentarfunktion fast immer ausgeschaltet habe, nehme ich euch wahr. Ich danke euch dafür, dass ihr in eurem Leben eine kleine Nische für mich freigeräumt, in welcher ich meine Gedanken ausbreiten kann.
Mal kürzer, mal länger, die runden ebenso wie die kantigen. Die halbgaren Ideen ebenso wie manche Geschichten, die mir durch den Kopf und von da aus in die Tasten gehen. Aus meinen Blogtexten des vergangenen Jahres ist erneut ein Buch geworden, ein Blogbuch.
Ich bin dankbar für jede und jeden einzelne*n von euch. Auch für all jene Leserinnen und Lesern, die ich weder persönlich noch virtuell kenne. Danke für all die vielen stillen Mitlesenden. Danke, dass ihr an meinem Leben teilnehmt. Danke, dass ihr da seid.
Herzliche Grüße aus meiner Wörterwebstube Sofasophia
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Diese Bücher dienen mir zur Erinnerung für das, was ich gedacht, gefühlt, erlebt und in Worte gefasst habe. Wider das Vergessen. Wenn ich sie euch hier zur Verfügung stelle, dann in der Hoffnung, dass ihr das Copyright respektiert und sie nur zum Eigengebrauch nutzt. Die Tippfehler gibts gratis obendrauf.
Ihr könnt das aktuelle Buch (2019) unter folgenden Links downloaden.
Ich verstehe, warum wir uns Halstücher und Mützen anziehen. Krawatten werden mir wohl immer ein Rätsel bleiben.
Ich mag Barfußgehen auf der Erde und durch nasses Gras. Gehen in Stöckelschuhen tut mir nur schon beim Zuschauen weh.
Ich verstehe mich auf Schönheit und Ästethik. Nicht auf Effekthascherei.
Ich kann Stimmungen hinter der Schminke lesen. Von Maskeraden und Make-Up verstehe ich nichts.
Ich verstehe etwas von der Sprache der Liebe. Nichts aber von jener der Image- und Machtsymbole.
Ich erkenne, wenn jemand Hilfe braucht. Von Intrigen und Powergames habe ich keine Ahnung.
Ich liebe es, spontane Geschenke zu machen, aber mit Schenken-auf-Befehl kann man mich weit weg jagen.
Ich verstehe etwas von Gefühlen, mit dem Missbrauch derselben bin ich allerdings immer wieder überfordert.
Ich mag es, mir eine eigene Meinung zu bilden, sie aber als die einzig richtige zu betrachten, geht mir gegen den Strich.
Ich freue mich über Rückmeldungen für mein Tun. Auf Lob zu warten mag ich dennoch nicht.
Ich mag es, Herzblut und Zeit an Freundinnen und Freunden zu verschenken. Mich aber von Menschen ausnutzen und klein machen zu lassen ist überflüssige Kraft- und Zeitverschwendung.
Ich echauffiere mich immer mal wieder über Dinge, die andere tun oder lassen. Hasskommentare und Hassaktionen* gehen dennoch absolut nicht.
Ich verhalte mich solidarisch. Ausgrenzung und Ausbeutung toleriere ich nicht.
Ich stehe für Würde. Sie ist weder freiwillig noch ein Konjunktiv, sondern ein Menschenrecht.
Ich habe da schon lange so ein Ideal vom Menschen und vom Menschsein in mir drin. Mein Ideal, wie wir sein könnten. Wie wir sein sollten. Wie ich gern wäre.
So ist mein idealer Mensch liebevoll und geht sowohl mit sich selbst als auch mit seinen Mitmenschen achtsam um. Selbstliebe und Liebe sind seine innere Haltung, die sein Handeln steuert. Ungekünstelte Liebe, die aus dem Selbstverständnis und dem Verständnis vom eigenen Wert und dem Wert jedes anderen Wesens gewachsen ist.
Mein idealer Mensch handelt respektvoll, kreativ, reflektierend und auch wenn er Fehler macht – denn die macht er, und nicht zu knapp! –, bleibt er den anderen und sich selbst gegenüber liebevoll. Er verzeiht sich selbst.
Je nachdem, was mein idealer Mensch für ein Temperament und für einen Charakter hat, arbeitet er eher still vor sich hin oder macht sich sichtbar. Er setzt sich für eine lebenswertere Welt ein, im Bewusstsein, dass alles vergänglich ist. Er ist gegenwärtig, ist sich aber sein Vor- und sein Nachher jederzeit bewusst. Mein idealer Mensch ist in der Lage, jetzt aus Überzeugung zu agieren und auf Umstände zu reagieren.
Dieser ideale Mensch ist sich nicht zu schade, den Dreck aufzuwischen, den andere verursacht haben – zum Wohl aller. Er tut es ohne jede Servilität, weil er weiß, dass alle zusammen im gleichen Boot sitzen. Aber er tut es auch in einer kritischen Haltung, denn er lässt sich nicht ausnützen. Er hat Rückgrat und eine klare innere Haltung.
(Ja, ich weiß, ich habe sehr hohe Ideale. Geht das auch in kleiner?, fragen manche. Nö, geht nicht.)
Ein solcher Mensch gedeiht natürlich nicht von allein und das ideale Umfeld um darin ideal aufzuwachsen gibt es natürlich auch nicht, so wie es auch die ideale Kindheit nicht gibt. Und auch die idealen Lebensbedingungen gibt es nicht.
Außerdem haben manche mehr Glück als andere. Und manche haben tauglichere Krücken als andere. Manche können mit den zur Verfügung stehenden Werkzeugen besser umgehen als andere. Manche haben von Natur aus ein sonnigeres Gemüt als andere. Und vergessen wir nicht: Ganz viel, was geschieht, mit uns geschieht, können wir nicht beeinflussen. Und alle erleiden wir im Laufe des Lebens Verletzungen, die uns beeinflussen. Unser Denken, unser Handeln.
Kurz: Wir alle leben nicht unter idealen Bedingungen und unsere Befindlichkeiten sind selten ideal. Darum können wir oft nicht unseren Idealen gemäß denken und handeln. Ich jedenfalls bin von meinem Ideal weit entfernt. Dennoch und vielleicht auch darum bin ich froh, dass ich ein paar Vorbilder habe, die Selbstliebe, Schwachseindürfen, Empathie leben. Ja, ich weiß, Vergleiche sind müßig und ja, auch diese Menschen sind nicht ideal. Dennoch denke ich, dass wir alle Vorbilder und Ideale brauchen, um uns vorwärts zu entwickeln.
Es braucht Menschen wie Greta Thunberg oder Luisa Neubauer. Oder auch wie die neuseeländische Präsidentin und viele andere, die im Stillen handeln. Es braucht Menschen, die nicht aus Profiliersucht Gutes tun, denen es egal ist, was die andern von ihnen denken, die ihr Handeln am Nutzen für andere messen, nicht am Nutzen fürs eigene Ego.
Es braucht einen Wertewandel. In allen Lebensbereichen. Je länger je dringender.
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Apropos Wertewandel: Gestern habe ich das neue Asterix-Heft – Die Tochter des Vercingetorix – verschlungen. Ich kann es nur herzlich empfehlen.
Hier gibts einen kleinen Happen zum Anfixen:
Halbe Seite aus dem neuen Asterix-Band (Bildbeschreibung im Quelltext)
Früher war das Internet – die Blogosphäre insbesondere, und ja, auch Twitter – eine Spielwiese; wie Frisbees flogen unter den Blog- und Twitterparkbäumen Texte und wohlwollende Kommentare durch die Luft das Netz, man begleitete sich gegenseitig , man besuchte sich, diskutierte miteinander, hatte Spaß.
Und nein, das wird jetzt kein ’Früher war alles besser’-Text. Denn das stimmt so nicht. Früher war es nicht besser, früher war es anders. Der Kontext ist schwieriger geworden, der Wind rauher und die Temperatur ist gestiegen. Die Welt hat Fieber. Wir sind immer mehr geworden, wir sind so viele geworden. Unüberschaubar viele. Dieses Wachstum hat uns maßlos werden lassen, hat unseren Glauben an Grenzen und Gebote getilgt und uns respektlos zu sein ermöglicht. Wir sind ein unorganischer Dreckhaufen geworden.
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’Einisch im Jahr’, so sang Hanery Ammann auf seiner schon bald zwanzig Jahre alten Solo-Platte Solitaire, exakt einmal im Jahr durften die Mönche im Kloster, hoch oben im Himalaya, etwas sagen. Genau einmal im Jahr hatten sie die großartige Gelegenheit, zu sagen, was sie dachten, fühlten, sahen, erlebten. Und das taten sie auch. Einmal im Jahr kritisierten oder lobten sie dann auch den Brei, der ihnen tagtäglich vorgesetzt wurde.
Warum bloß schwirrt mir zurzeit dieser Song mit dieser seiner bizarren Metapher immer mal wieder durch den Kopf?
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Ich denke, dass die meisten von uns sich – trotz allmöglicher Selbstzweifel – unter dem Strich doch eher als guten denn als bösen Menschen denken. Ich jedenfalls denke mich als ’nicht in der Lage, schreckliche Dinge zu tun’.
Ziemlich sicher hocken jedoch all die schrecklichen Dinge ebenso in mir wie die guten. (Und in dir und in dir.) Bestimmt hockt das Glück neben der Scheiße und das Gut neben dem Böse.
Ist Glück in uns drin angelegt oder besucht es uns eher von außerhalb? Ist Glück etwas Seiendes oder etwas Geschehendes?
[Notiert, nachdem ich das Buch ’Der dunkle Garten’ (2019) von Tana French fertiggelesen hatte.]
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Heute hat fast alles einen politischen Subtext, ein politisches Vorzeichen. Alles, was wir tun und sagen und machen, ist eine Aussage. Steht in einem Zusammenhang zu. Ist Teil von. Daran lässt sich nichts ändern. Eine Nicht-Aussage, eine Nicht-Haltung gibt es nicht, denn mit allem, was wir tun-sagen-denken, bewirken wir etwas.
Und ja, das war früher auch schon so. Das war immer so. Darin ist sich der Mensch gleichgeblieben. Geändert hat sich nur die Menge an freischwirrenden Gedanken; sie ist mitgewachsen.
Die größte Herausforderung unserer Zeit scheint mir, mit dieser unübersichtlichen Masse umgehen zu lernen. Mit der Masse an Mitmenschen. Mit der Masse an Meinungen. Mit der Masse an Befindlichkeiten. Mit der Masse an Kaputtheit. Mit der Masse an Dreck, den wir hinterlassen.
Alledem etwas Lebensbejahendes entgegenzuhalten ist die eigentliche Herausforderung unserer Zeit.
Am meisten unter die Haut ist mir jene Szene, wo Sonja ihre Tochter Femke sucht – in der Leichenhalle eines Krankenhauses unter vielen toten, mit weißen Laken zugedeckten Kindern, welche die Überschwemmung der holländischen Küstenregion nicht überstanden haben. Und ja, sie findet Femke.
Überhaupt: In den ersten drei Folgen der niederländisch-belgischen Mini-Serie Wenn die Deiche brechen gibt es viele sehr dramatische Szenen (2017, aktuell in der NDR-Mediathek), während die Folgen 4-6 vor allem davon erzählen, wie das Leben nach der Überschwemmung weitergeht.
Ganz am Anfang der Serie begleiten wir die junge Mutter Sonja und ihre Kinder Femke und Kevin, auf dem Weg ins Gefängnis, wo Ronnie, Sonjas Mann, eine Strafe abbüsst. Sonja und ihre Kinder sind bereits auf dem Weg dorthin in die Vorboten eines gewaltigen Sturms geraten und verunfallen auf dem Heimweg beinahe.
Nicht nur Sonja, auch Ronnie, treffen wir im Laufe der sechs Folgen immer wieder. Und Samir, einen Gefängnismitarbeiter, der bleibt, als längst alle anderen gegangen sind. Weiter treffen wir das wohlsituierte Ehepaar Wienesse samt ihren zwei Teenietöchtern und einem Haufen Eheprobleme; und wir beobachten den niederländischen Premierminister Kreuger, der mit seiner Regierung und jener Belgiens die folgenschwere Entscheidung trifft, die Küste noch nicht sofort zu evakuieren. Eine Entscheidung, die er später sehr bereut. Später, als ein Drittel der Niederlande unter Wasser steht und unzählige Menschen gestorben sind und noch mehr vermisst werden.
Weitere Leidtragende sind Kimmy, die – weil ihre Mutter es von ihrem Arbeitsplatz im Krankenhaus aus nicht schafft, ihre Tochter von der Schule abzuholen – bei Herr Stein, einem alten Mann, der eigentlich mit dem Leben abgeschlossen hat, Unterschlupf findet. Auf ihrer Flucht treffen sie Samir und Ronnie und landen Tage später halberfroren in einem Flüchtlingslager.
Geschichten und Gesichter. Menschen. Menschen auf der Flucht. Flüchtlinge im eigenen Land.
Zu heftig? Zu dick aufgetragen? Ich glaube nicht. Ich bin fast sicher, dass sich solche Dramen bald auch in Europa abspielen werden. Sie geschehen so ähnlich bereits, doch bis jetzt noch so weit weg, dass wir weggucken können, wenn wir wollen.
Seit ich das Buch Szenen aus dem Herzen gelesen habe, das die Mutter von Greta Thunberg vor anderthalb Jahren, also noch vor Gretas erstem Schulstreik für das Klima, geschrieben hat, bin ich sicher, dass uns nur noch ein sehr radikales Umdenken und Andershandeln helfen kann. Ich las zwischen diesen Buchdeckeln gründliche Recherchen, Fakten und Zahlen, von Gesprächen mit Expert*innen, vor allem aber auch die turbulente Geschichte einer Familie, die sich dem Klima verschrieben hat.
Buchcover | Szenen aus dem Herzen
Es gibt Menschen, welche die ganzen wissenschaftlichen Fakten zur Klimakatastrophe, die inzwischen weltweit und von unabhängigen Stellen benannt werden, als Weltverschwörung, als Klimahype, als Klimahysterie abtun. Sogar Medien wie die Weltwoche – na ja, wirklich wundern tut es mich natürlich nicht – machen bei diesen Schmutzkampagnen mit und teilen in ihren Medien Artikel von Klimaleugne-Lobbyisten. Mich gruselt.
Die Argumente der Leugnenden sind so populistisch wie polemisch und gleichen im Prinzip jenen, die in der rechtsradikalen Politik verwendet werden. Was mich ebenfalls nicht wirklich wundert. Die Antwort auf die Frage, wessen Interessen da mit welchen Mitteln bedient werden, entlarvt. Wo es um die kurzfristige Wohlstandsmehrung einiger weniger geht, wurden Fakten schon immer nach Belieben zurechtgebogen.
Für mich und für immer mehr Menschen aus allen Generationen aber geht es um alles. Es geht uns um die langfristige Verbesserung der Lebensqualität all jener, die auf dieser Erde leben.
Darum auch teile ich die Anliegen der internationale #FridaysforFuture-Bewegung. Heute und in den nächsten Tagen- in der Schweiz zum Beispiel am 28. September – gehen so viele Menschen wie noch nie für einen grundsätzlichen Systemwechsel auf die Straßen; für ein globales Umdenken, nicht nur wie bisher im Kleinen, sondern eben auch im Großen.
Doch wer nicht auf die Straße kann, muss nicht untätig bleiben. Solidarität und Flagge zeigen gehen auch anders. Zum Beispiel mit einem Like für Frau Traumspruchs CybDemo-Aktion Alles fürs Klima auf Blog und Twitter:
Angefangen hat bei mir das alles nicht erst, als die Diskussionen über Plastik in den Weltmeeren immer lauter geführt wurden. Und auch nicht erst, als Greta Thunberg vor über einem Jahr leise ihren öffentlichen Protest begonnen hatte. Mein Bewusstsein für die Umwelt und ihren Schutz war schon immer dagewesen.
Vielleicht weil wir arm waren, hatte ich schon immer versucht, die Ressourcen, die mir zur Verfügung standen, so schonend wie möglich einzusetzen.
Ein paar kleine Beispiele gefällig?
Wasser sparen: Nicht bei laufendem Wasser einseifen oder Zähne putzen.
Strom sparen: Licht löschen, wenn ich ein Zimmer verlasse.
Motor ausmachen, wenn ich an der Ampel stehe.
Auto nur benutzen, wenn ich etwas nicht mit dem Fahrrad oder ÖV schaffe.
Müll trennen und wo möglich vermeiden.
Naturschutz sowieso: Keinen Müll in die Natur werfen. All das war für mich immer das Normale.
Dennoch gestehe ich, dass ich noch vor einem Jahr weit weniger konsequent und nachhaltig handelte als heute. Und ich hoffe, dass ich weiterhin dranbleibe und meinen ökologischen Fußabdruck noch kleiner machen kann.
Im Haushalt habe ich inzwischen einiges, worüber ich früher milde lächelte oder auch nur zu faul dazu war, umgesetzt. Insbesondere im Bereich Körperpflege und Reinigung, denn Wasser ist jene Ressource, die ich aktuell als die Bedrohteste aller Ressourcen vermute. Seit ich das erste Mal über das Vorkommen von Mikroplastik in Körperpflegeprodukten und selbst in der Nahrungskette las, habe ich angefangen, Wasser noch mehr zu schützen und ich habe inzwischen anders putzen gelernt.
Putzen als Politikum? Ja. Denn längst ist alles politisch. Sogar Müll. Oder vor allem Müll. Kurz: Alles, was wir tun und lassen, alles, was wir hinterlassen.
Natürlich ist der Versuch, den eigenen ökologischen Fußabdruck möglichst klein zu halten, ein winziges Tröpfchen auf den heißen Stein. Aber ich stelle mir ja gern vor, dass wir alle, wenn wir alle bewusster leben, doch noch etwas verändern können, doch noch der Klimakatatrophe Einhalt gebieten können. Vielleicht.
Darüber diskutieren, ob sie menschengemacht ist oder ob das, was da weltweit gerade geschieht, eine dieser Katastrophen ist, die die Erde immer wieder heimgesucht haben, ist letztlich müßig. Die Fakten einer rasanter als noch vor Jahren gedachten Veränderung lassen sich nicht mehr leugnen. Die Erde hat Fieber, nannte es eine liebe Freundin neulich. Und das, ihr Lieben, das geht uns alle etwas an.
Angesichts des Ausmaßes dieser unabsehbaren Veränderungen ist mein kleiner Versuch, wenigstens im eigenen Haushalt etwas zu tun, natürlich lachhaft. Aber vielleicht kann ich dich anstecken. Und dich und dich. Und dann sind wir schon ein paar mehr.
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Als ich als Sechzehnjährige entschied, keine Tiere mehr zu essen, gaben dazu vor allem politische Themen wie Massentierhaltung und Tierfutterzucht und damit natürlich die Welthungerthematik den Ausschlag. Der Gesundheitsaspektgelangte erst nach und nach in mein Bewusstsein, doch von meiner Mutter habe ich eine gewisse Vorliebe für Reformhäuser geerbt. Also rückte auch gesunde Ernährung mehr und mehr in meinen Fokus. Damals, in den frühen Achzigern, waren meine Freundin und ich mit unserer Entscheidung vegetarisch zu leben noch Exotinnen gewesen, belächelt, unverstanden. Später lernte ich zum Glück immer mehr Gleichgesinnte kennen. Auch meinem damaligen Entschluss, Nestlé zu boykottieren, bin ich bis heute, mehr oder weniger konsequent, treu geblieben.
Ja, manches tue ich, um mich besser zu fühlen, auch wenn ich nicht an eine Auswirkung meines Handels glauben kann.
Und nein, ich bin beileibe nicht in allem konsequent. Manchmal weiß ich schlicht zu wenig über die Herkunft eines Produkts und manchmal bin ich schlicht zu faul, mich vertiefter zu informieren. Außerdem sind es so viele Baustellen und es ist unmöglich, sie alle zu überblicken. Ernährung und Wasser sind ja nur zwei Themen. Dennoch hängt letztlich alles zusammen und das hier ist eine Stelle, an der ich konkret etwas tun kann.
Ich begrüßte es sehr, wenn unsere Gesetzgebung nachziehen würde. Ich wünsche mir, dass die Menschen, die wir gewählt haben – und in diesem Herbst in der Schweiz neu oder wieder wählen werden –, um unsere Legislative und Exekutive zu bilden, handlungsbereiter wären. Konkreter. Effizienter. Ich glaube inzwischen, dass es ohne Verbote oder massive Einschränkungen und Nutzer*innen-Steuern nicht mehr geht (ich sage nur Fliegen und Kreuzfahrten).
Wenn Politiker*innen statt an den eigenen Geldsäckel primär an das Wohlergehen der Menschen, und zwar nicht nur denen im eigenen Land, denken würden, wäre ein erster Schritt getan, die Katastophe vielleicht noch abzuwenden.
(Geht wählen, Schweizer*innen, aber wählt weise!)
Global denken, lokal handeln.
Der gute alte Ökospruch aus meiner Jugend hat nicht an Aktualität verloren.
Darum habe ich eines Tages an einem Ende des riesigen unüberschaubar großen und unfassbar komplizierten Puzzles angefangen. Und du? Machst du mit?
Essig hast du bestimmt im Haus, aber wie sieht es bei dir mit Soda, Natron, Zitronensäure und Kernseife aus? Hast du diese Dinge, kannst du deinen Putzschrank nach und nach ausmisten. Abgesehen davon, dass diese Dinge das Abwasser weniger belasten, sind sie auch viel günstiger als all die Chemiebomben.
Im Mai habe ich hier bereits einige Rezepte vorgestellt. Manches habe ich ausprobiert, manches davon hat sich bewährt.
Hier sind meine Lieblingsrezepte:
1.) Körperpflege
Körper (Seife)
Ich benutze zum Duschen und Händewaschen schon sehr lange vorwiegend Naturseifen gerne auch mit guten, natürlichen Düften. Meine Lieblingsseifen lege ich gerne vor dem Gebrauch im Schrank zwischen die Kleider, damit sie da vor sich hinduften können.
Vor einigen Monaten habe mich in die Seifen von Dr. Bronners verliebt, aber inzwischen gibt es ja in jedem guten Bioladen, jeder guten Drogerie und jedem guten Unverpackt-Laden eine große Körperseifenauswahl.
Einzig bei den Haaren war ich mit Seife nie wirklich glücklich, darum suchte ich weiter und fand folgende Lösung, die sich ziemlich einfach selbst machen lässt (und in entsprechenden Läden und im Internet erhältlich ist).
Haare: Festes Shampoo (keine Seife, sieht aber so aus)
6 g Kakaobutter oder Sheabutter
25 g des pfanzlichen Tensids SLSA (Sodium Lauryl
Sulfoacetate)* (nur mit Feinstaubmaske anwenden)
Die Butter in einem Glas im Wassserbad schmelzen. Die trockenen Zutaten in Schale mischen. Die flüssige Butter dazugeben. Mischen. Vor dem Kneten die ätherischen Öle zugeben. Gut durchkneten und in drei Stücke formen. An der Luft oder in Förmchen trocknen lassen. Vor der ersten Anwendung mindestens einen Tag gut durchtrocknen lassen. Direkt aufs Haar anwenden oder in kleine Seifensäckchen gelegt.
Sollten die Stücke bröseln, lassen sie sich gut wieder zusammenfügen und neu formen. So aufbewahren, dass die Stücke immer wieder trocknen können.
Wichtig: SLSA nur mit Mundschutz (Maske oder großes Tuch) anwenden, da es sehr fein ist (Feinstaub).
*alternativ Tensid SCI (Sodium Cocoyl Isethionate) verwenden. Es ist besonders mild und palmölfrei, allerdings etwas schwerer zu bekommen.
Mit dem überflüssigen Bienenwachs aus den Bienenstöcken eines Freundes habe ich mir Bienenwachstücher selbst gemacht (mit dünnem Bauwollstoff und Jojobaöl und einem Bügeleisen).
Das Bienenwachs-Tuch duftet herrlich nach Bienenwachs und hat außerdem antibakterielle Eigenschaften. Je nach Größe ist es geeignet zum Zudecken oder Verpacken von angeschnittenem Obst & Gemüse, frischen Kräutern, Schälchen und Schalen, Salatschüsseln oder Kuchen sowie zum Einpacken von (geschmiertem) Brot und Käse und vielem mehr.
Durch die Wärme der Hände wird es formbar und flexibel und haftet so an allen glatten Oberflächen und an sich selbst. Brot lässt sich darin auch einfrieren.
Gereinigt wird diese ökologische Frischhaltefolie mit etwas lauwarmen Wasser und einem Lappen. Das Wasser perlt vom Wachstuch sofort ab und trocknet schnell. Bei stärkeren Verschmutzungen kannst du auch ein wenig biologisch abbaubares Spülmittel verwenden.
Dank des eingearbeiteten Jojobaöls bleiben die Tücher lange elastisch und hygienisch (ca. ein Jahr).
Ältere Wachstücher können wieder aufgearbeitet werden. Entweder du gibst sie kurz in den Backofen oder du bügelst nochmals kurz (unter Backpapier) drüber.
Die Zitronen einfach vierteln und mixen. 200 g Salz dazu und nochmals mixen. Alles zusammen mit dem Wasser und dem Apfelessig in einen Kochtopf. Aufkochen und etwa 5 – 10 Minuten warten. Fülle das Spülmittel in deine Behälter. Es schäumt nicht, macht aber schön sauber. Da kein Konzentrat, braucht es davon ein bisschen mehr als von üblichen Spülis.
Ca. 20 Blätter zerkleinerte Efeu-Blätter in einen Kochtopf mit 500 ml Wasser aufkochen
Nach 5 Minuten auf hoher Temperatur Herd ausschalten.
In Gläser abfüllen und immer mal wieder kräftig schütteln um die Saponine zu lösen. Es schäumt, aber nicht sehr stark, was aber auf die Reinigungswirkung keinen Einfluss hat. Nach frühestens fünf Stunden die Blätter absieben.
Für den Geschirrspüler ein wenig Waschsoda dazugeben.
Kühl aufbewahren, hält sich nicht sehr lange.
Quelle: diverse
Pulver für die Geschirrspülmaschine
100g Zitronensäure
100g Natron
200g Waschsoda
Alles gut mischen und in ein Glas oder Gläser abfüllen. Ein bis zwei Esslöffel Pulver vor jedem Spülgang in das dafür vorgesehene Fach der Spülmaschine geben.
Durch die enthaltene Zitronensäure sparst du dir den Klarspüler.
für Wollwaschmittel: 2 EL Natron anstatt des Waschsodas
Für eine normale Ladung Wäsche einfach 10 frische große Blätter in eine Socke oder ein Waschsäckchen packen und mit in die Waschmaschine geben. Bei stärkeren Verschmutzungen oder hartem Wasser ein bis zwei EL Waschsoda ins Waschpulverfach geben.
Keine Sorge: Mit Efeu kannst du Wäsche jeglicher Couleur waschen! Weiße Wäsche wird nicht grün.
Für Wolle oder Seide statt des Sodas besser Natron verwenden, denn das wäscht schonender.
Alle 4-5 Wäschen mal einen Schuss Essig ins Waschmittelfach dazugeben, um einer Verkalkung vorzubeugen. (Der Geruch verfliegt.)
Alles in hohem Topf aufkochen, gut rühren, abkühlen lassen (ca. eine Viertelstunde)
⇒ jetzt noch nach Wunsch 3 Tropfen Ätherisches Öl zugeben
Wieder umrühren. Das fertige Waschmittel in die Wunschbehälter abfüllen.
Vor jeder Anwendung des Waschmittels die Flasche kurz kräftig schütteln. Pro Waschgang etwa 200 ml der selbst gemachten Flüssigkeit nehmen, je nach Wasserhärte.
Für Wolle oder Seide statt Soda Natron verwenden. Soda ist zu stark für solche Fasern.
Alle 4-5 Wäschen mal einen Schuss Essig ins Waschmittelfach dazugeben, um einer Verkalkung vorzubeugen. (Der Geruch verfliegt.)
ein großes Einmachglas oder ein anderes Schraubglas
eine Sprühflasche
Schalen von ungespritzten Zitrusfrüchten (etwa von Zitronen, Orangen oder Limetten)
hellen Tafelessig
Vier Wochen Geduld
Zitrusfrüchte eignen sich super für Reinigungsmittel, denn sie haben aufgrund der enthaltenen Säure eine hohe Reinigungskraft und punkten durch ihre ätherischen Öle mit einem frischen Duft. Zitronen sind in Reinigungsmitteln besonders effizient.
Waschen mit dem Guppyfriend- Waschbeutel Das ist eine erste pragmatische Lösung gegen Mikroplastikverschmutzung durch Waschen. (Unbezahlte Werbung.) [Mehr Infos …]
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Weiteres kluge Tipps zum ökologischen Haushalt gibt es hier [klicken, careelite] und auf vielen anderen Seiten im Internet wie
Neulich las ich Andreas Altmanns philosophischen Lebensreisebericht ’Triffst du Buddha, töte ihn’. Ein Buch, das mir unter die Haut gegangen ist wie schon lange keins mehr. Ausgerechnet Altmann also, den ich immer ein klein bisschen für abgehoben und zynisch gehalten hatte. Doch schon nach den ersten Seiten revidierte ich mein Vorurteil. Da schreibt einer, der sucht, einer, der finden will. Der schon vieles probiert hat und schon vieles gesehen. Und viel gelitten. Einer, der sich kein A für ein U vormachen lässt und keine seichten Antworten will. Und vor allem aber einer, der radikal ehrlich mit sich selbst ist und sich nicht schont.
Auch ist er, wie ich, mit dem Christentum fertig, fertig mit dem ganzen Monotheismus. Mit dem ganzen Götterkram.
Mit diesem Lebensrucksack macht er sich auf den Weg nach Indien, um endlich jemanden zu finden, der ihm sich selbst zeigt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Über Umwege findet er in ein buddhistisches Meditationszentrum, denn die buddhistische Philosophie – nicht zu verwechseln mit jener Buddhaverehrung, die manche buddhistische Lehrrichtungen als Religionssynonym erschaffen haben – hat ihn bis jetzt von allen erlebten Lehren über das Leben am meisten überzeugt.
Die Themen, die ihn – ähnlich wie mich – immer wieder bewegen:
Radikale Selbstverantwortung
Praxis der Achtsamkeit
Hoffnung auf mehr Herzweitung, Warmherzigkeit und Freundlichkeit
Nicht urteilen: Umgang mit anderen Menschen, vor allem mit mir Unangenehmen
Innere Ruhe und Frieden finden
Meditation für den Alltag
Solchen Dingen spürt er nach, während er sich mit sich selbst auseinandersetzt und ein zehntägiges Schweigeretreat absolviert. Eins, das ihn an seine Grenzen bringt.
Immer wieder dachte ich beim Lesen seiner Erfahrungen an unsere Fernwanderungen, ans Pilgern an sich. Natürlich kann man gesammelte Erfahrungen letztlich nie vergleichen. Wir haben zum Beispiel auf unseren Wanderungen weder geschwiegen noch bewusst meditiert. Dennoch: manches, was er erlebt, durfte auch mir im Unterwegssein in der Natur passieren: Diese Herzöffnung zum Beispiel. Achtsames und bewusstes Sein in Selbstverantwortung … Dinge, die in unserer Welt je länger je weniger Raum haben.
Eigenverantwortliches Handeln, Denken und Verhalten – ich habe manchmal Angst, dass es uns als Gesellschaft immer mehr abhanden kommt. Dabei ist es ja letztlich nur ein kleiner Teil der Menschheit, der sich schei**e verhält. Leider aber vergiftet diese Schei**e – wie Öl das Wasser – das soziale Klima auch in kleinen Dosen nachhaltig.
Wie können wir das verhindern?
Wenn ich so über die Zukunft unserer Gesellschaft nachdenke, spiele ich zuweilen mit dem Gedanken, wie eine Gesellschaft aussähe, die keine Nachwuchslehrkräfte mehr hätte, keine Nachwuchspflegepersonal, niemanden mehr, der putzt und keine Polizei mehr – weil diese Jobs niemand mehr machen will. Weil diese Jobs immer unzumutbarer geworden sind. Weil jene pensioniert werden und aussterben, die noch mit Leidenschaft in diesen Berufen gearbeitet haben. Gedankenspiele, wie gesagt.
Ein weiteres Gedankenspiel ist mein Nachdenken über die Zukunft, global ebenso wie persönlich und auf uns als Einzelne bezogen. Wie wir denken, wie wir uns verhalten, was wir mit unserem Verhalten auslösen (Massenphänomene, wie kleine Steintürmchen, die, wenn sie in Massen auftreten, ganze Strände, ganze Ökosysteme zerstören). Wir hinterlassen vorsätzlich Spuren, weil wir uns unserer Anwesenheit auf dieser Welt vergewissern wollen.
Schnitt.
Womöglich – nein, ziemlich sicher sogar – ist ’Gott’ vor allem ein Synonym, ein Sammelbegriff für all das, was unseren Verstand übersteigt, für all das, was wir mit unseren Sinnen und Unsinnen nicht erfassen können.
»Eigentlich ist es ja verrückt mit diesem Christentum. Wir sagen ja in unserer aufgeklärten Gesellschaft gerne über Menschen aus nativen Völkern, dass sie an Mythen glauben. An Märchen. Aber schauen wir uns doch mal die Basis des Christentums an: Etwas anderes als ein Mythos sind Jungfrauengeburt und Auferstehung ja auch nicht.« So irgendwie brachte es neulich eine Freundin auf den Punkt.
Und wo wir grad beim Glauben sind: Meditieren soll ja zu Gleichmut empfundenem Unrecht und Leid gegenüber verhelfen und dabei eben auch Leid reduzieren. Ist aber Leid und Ungerechtigkeit empfinden zu können nicht eigentlich total wichtig, wenn wir etwas zum Besseren wenden wollen – persönlich, lokal und global?
Ach, und warum man Buddha töten soll, wenn man ihn gefunden hat, verrät Altmann am Ende des Buches.
»Buddha soll dir Hebamme sein, Guru und Mentor. Um das in dir schlummernde Potential zu wecken, es zur Welt zu bringen. Aber wenn es geweckt ist, dann musst du dich verabschieden, ihn von dir weisen, ihn ’töten’. Selbstverständlich nicht durch einen mörderischen Akt […], sondern mit der symbolischen Geste eines definitiven Abschieds.«
Oder wie Goenka sagt: »Der spirituelle Lehrer ist nur Wegweiser. Du musst dein eigener Meister werden.« Und deine eigene Meisterin auch.
Endlich bin ich doch wieder eingedöst, als es leise zu tröpfeln beginnt. Man weiß ja nie, was aus so einem Tröpfeln wird, überlegt Irgendlink, kriecht aus dem Zelt und baut das Außenzelt, das ich Stunden vorher wegen der Hitze abgebaut habe, wieder auf. Der Regen ist schnell vorbei und fast ebenso schnell ist es Morgen. Gut schlafen geht anders, doch da wir uns mit Monika um halb sieben Uhr zum Frühstück verabredet haben, stehen wir auf. Auch die Morgenkühle will ja ausgekostet werden
Das wird jetzt schwierig!, sage ich zu Irgendlink, da ich im Alltag ziemlich morgenmufflig bin und am Morgen reden und zuhören so gar nicht mein Ding sind. Dazu setzt sich langsam Kopfschmerz im Hinterkopf fest. Trotz allem ist es dann aber doch gemütlich mit unserer Gastgeberin. Wir tauschen Adressen und verabschieden uns herzlich.
Zurück an der Aare müssen wir erst ein kleines Stück aareaufwärts gehen, bis wir die Brücke entdecken, die uns auf die rechte Aareseite bringt, denn auf der linken endet der Wanderweg vorläufig. Auf einmal fällt mir ein, dass ich mitten in der halb schlaflosen Nacht in meiner Achselhöhle eine Zecke ertastet habe. Irgendlink versucht, das Mistvieh herauszuziehen, doch es will mich nicht ganz loslassen. Nun denn … besser halb als gar nicht.
Auf der anderen Aareseite ist der Weg bis Jaberg, wie uns Monika prophezeit hat, richtig schön und wir fühlen uns wie in eine Zwischenwelt Eingetauchte. Einmal tröpfelt es sogar ein wenig und die Temperatur ist am Vormittag sehr angenehm. Wir sehnen uns, als es gegen Mittag heißer wird, nach einem erfrischenden Bad und überlegen, den Gerzensee, mit dem wir schon die ganze Zeit liebäugeln, in die heutige Tagesetappe einzubauen. Aus dem Gedankenspiel wird schließlich eine konkrete Aktion, denn so weit ist es ja nun auch wieder nicht. Allerdings geht es steil bergan, denn der zu in einem Naturschutzgebiet gehörende See liegt auf einem Hügel.
So wechseln wir nach Jaberg irgendwo wieder die Aareseite und entscheiden uns für jenen Wanderweg, der uns am längsten der Aare entlang gehen lässt. Es ist inzwischen wieder brutal heiß als wir den waldigen Aarewanderweg verlassen und den Hügel aufwärts wandern. An einem Bauernhofbrunnen füllen wir die leergetrunkenen Wasserflaschen. Durch Felder, über Wiesen und fast ohne Schatten gehen wir, bis wir schließlich erschöpft und verschwitzt am Badeplatz des Gerzensees anlangen. Es ist heiß, so heiß. (Und ja, wir wissen, dass der See eigentlich nur für die Einheimischen ist. Wegen Naturschutz und so.) Bedingt nachvollziehbar; doch da wir ja sorgsam sind, nichts liegenlassen und keinen Lärm machen, erlauben wir uns, wann immer wir hier in der Gegend sind, dem See einen Besuch abzustatten.
Das Schwimmen tut einfach sooo gut. Später picknicken wir und erfreuen uns an diesem friedlichen Platz. Einzig ein einzelner Junge, der Kopfsprünge übt, ist da, als wir eintreffen. Später kommen seine Kumpels und die vier Buben spielen sehr friedlich miteinander. Eine später eintreffende, sehr sympathische Frau – keine Einheimische, wie sie uns zuflüstert – lädt uns im Laufe eines angeregten Gesprächs ein, am Abend bei ihr und ihrer Familie zu übernachten. Wie lieb! Wir nehmen ihre Adresse dankbar mit. Wer weiß, vielleicht sind wir ja später froh drum?
Nach einer Weile packen wir unsere Sachen wieder und kehren zurück an die Aare. So jedenfalls der Plan. Auf dem Weg dorthin stellt sich uns allerdings eine Schattenbank in den Weg, eine mit wunderschöner Aussicht auf den Gerzensee. Hm. Ein Nickerchen, das wäre doch was?, sagen wir und legen uns auf die Wiese. Ich bin leider zu aufgekratzt zum Schlafen, doch die Ruhe tut trotzdem gut, das Dösen entspannt ein wenig.
Zurück an der Aare wechseln wir wieder auf die rechte Seite. Der Weg ist mal waldig, mal schattenlos und je näher wir Münsingen kommen, desto mehr Leute sind unterwegs. Mit Fahrrädern oder zu Fuß oder badend. Die Dichte der Bänklein steigt im Gleichschritt mit meiner Müdigkeit.
Also so richtig-richtig. Nicht nur müde wegen zu wenig Schlaf, sondern auch so richtig in den Beinen. Teer gabs heute mehr als auch schon, dazu die Hitze, das Bergaufwandern zum Gerzensee. Dazu das Dauerrauschen der Autobahn.
Müde, so müde … doch da ist kein möglicher Lagerplatz in Sicht. Im Naturschutzgebiet wollen wir eher nicht lagern, außerhalb des Naturschutzgebiets sind überall Siedlungen. Vielleicht dann doch zur See-Bekanntschaft? Aber dann müssten wir ein Stück zurück und durch ein feierabendverkehrlautes Dorf wandern. Hm. Nein. Machen wir nicht. Aber, so schlägt Irgendlinkr vor, er könne ja mit dem Zug nach Thun fahren und unser Auto holen. Finito Wanderung. Weil ich so erschöpft bin.
Ich lasse den Gedanken zu. Aber ich merke, dass es sich nicht richtig anfühlt. Es wäre wie ein Aufgeben. Ein Scheitern.
Wir reden über Aufgebendürfen, über Scheiterndürfen. Wir sitzen auf einer Bank ohne Schatten. Ich habe die Schuhe ausgezogen, bade zum zigsten Mal meine heißen Füße. Spiele mit den Steinen, ziehen einen besonders prächtigen, großen, roten Stein aus dem Wasser. Wie schön er ist! Selbst als er trocken ist, ist er noch rot. Er fühlt sich so angenehm an. So kühl. Schon immer liebte ich Steine und schon immer habe ich Steine gesammelt. Mich von ihnen getröstet und gehalten gefühlt. Dieser hier macht mir irgendwie Mut, weiterzugehen. Ich lege ihn auf einen anderen Stein, einen noch größeren, und wir wandern weiter, denn auf einmal ist da wieder ein bisschen Kraft.
Schließlich erreichen wir die Badi Münsingen, wo ich – wie mir auf einmal wieder einfällt – damals fast ertrunken bin. I’m just kidding. Ich hatte einmal wegen der starken Strömung den Ausstieg* verpasst oder nicht rechtzeitig zu fassen bekommen und musste mich deshalb am Gestrüpp ans Ufer ziehen. Lange her.
Wir gehen über die Brücke und sehen am Brückenpfeiler ein kaputtes, wie zusammengefaltet aussehendes Boot. Eins, das es nicht geschafft hat. Hoffentlich ist bei diesem Unfall niemand ertrunken, sagen wir zueinander. Die Strömung ist durch die hitzebedingt riesigen Schmelzwassermengen sehr stark. So stark, dass ich bisher keine Lust auf einen Aareschwumm habe. Jedenfalls gab es bisher noch keine Stelle, an der ich mich sicher genug gefühlt hätte, unbeschadet wieder herauszukommen.
Auf der anderen Aareseite bin ich oft mit dem Rad lang gefahren. Vieles kommt mir bekannt vor. Wieder so ein Tag voller Erinnerungen. Und wieder spüre ich meine Grenzen. Diese unglaubliche Müdigkeit. Erschöpfung. Ich-mag-nicht-mehr.
Unser aktuelles Wegstück hat verschiedene Parallelwege, Rad- und Wanderwege, Bänklein, ein dichter Wald zur Linken … Und Mücken. Soo viele Mücken wie bisher noch nie. Innert kürzester Zeit habe ich mindestens zehn neue Mückenstiche. Schnell sprühen wir uns mit Mückenschutz ein.
Bei einem Holzlagerplatz überlegen wir, ob wir überhaupt noch im Naturschutzgebiet sind und ob es hier nicht vielleicht irgendwo doch ein Plätzchen für uns gäbe. Tut es. Ein kleiner Sackgasse-Weg ist wie geschaffen für uns. Es ist vielleicht nicht der schönste aller Lagerplätze, aber es ist hier sehr ruhig. Nur Kuhgebimmel und leises Autobahnrauschen. So bauen wir, vom Hauptweg unsichtbar, unser Zelt auf. Der Boden ist hart. Irgendlink zaubert einen Stein aus seinem Rucksack.
»Wie jetzt? Du hast meinen roten Stein mitgenommen? Boah, der ist doch so schwer! Daanke!« Wieder einmal fehlen mir die Worte.
Als das Zelt steht, holen wir mit dem Wassersack Wasser aus der Aare und kochen uns müde unser Abendessen. Pilzrisotto und Tomatensalat.
Beim Feierabendbier stelle ich fest, wie stolz ich bin, meinen Erschöpfungstiefpunkt überwunden zu haben. Aber das war vermutlich nur möglich, weil ich die Möglichkeit des Aufgebens hatte in Betracht ziehen und mir zu scheitern hatte erlauben können.
Heute schlafe ich tief und fest.
Bilder von Tag 11
Die Eisenbahn- und Wandernde-Brücke, die wir überqueren müssen, um weiter Richtung Bern wandern zu können
Nochmals die Brücke, vom einen bis zum andern Ende fotografiert
Ein Blick in den wirklich sehr schönen Wanderweg zwischen Uttigen und Jaberg: Waldboden, Wald rechts und links
Und natürlich ist da immer unsere Freundin, die Aare, die uns nach Bern begleitet
Ein Pilz, von unten fotografiert
Ich bade einmal mehr die Füße in der Aare. Das wievielte Mal wohl schon auf dieser Reise?
Irgendlink hat Johanniskraut entdeckt
Am Gerzensee, den wir fast für uns haben
Blick von der Siestabank aus auf den Gerzensee hinunter
Der rote Stein, den ich nach der kleinen Pause auf einem großen Stein zurücklassen werde
Boah, was bin ich müde. Ich setze mich auf eine Absperrstange
Hier wäre ein schöner Lagerplatz, aber die Mücken vertreiben uns
Dieser Platz hier passt doch super. Sogar die Mückenplage ist hier halbwegs erträglich. MückensprayseiDank!
4. + 5. Juli 2019
Wir erwachen wie gewohnt früh und freuen uns, dass die Mücken offenbar weniger morgenaktiv sind als wir. Nach einem kleinen Frühstück wandern wir weiter Richtung Bern. Die Rucksäcke waren auch mal schwerer, sagen wir. Wie jeden Morgen. Überhaupt: Wie wir uns jeden Morgen neu das Gewicht des Rucksacks leichtreden. Gewichtleichtrederei muss die Schönfärberei unter Wandernden sein.
Es ist unklar, wie und wo wir die nächsten Tage verbringen. Sollen wir unsere Wanderung in Bern beenden oder aber durch Bern hindurch weiter der Aare entlang wandern? Es ist erst Donnerstag und wir haben theoretisch bis Samstag Zeit.
Ich stelle fest, dass ich – bei aller Liebe zu Bern – keine Lust auf Stadt habe. Nicht mit dem schweren Rucksack jedenfalls. Aare plus Bern bedeutet nämlich viele Menschen, viele Badestellen, viel Gewusel. Von Berns südlichen Ausläufern bis zum nächsten Campingplatz am Wohlensee wären es bestimmt zwei Tagesetappen, überlegen wir.
Screenshot, der eine Karte von Bern zeigt. Der Aaarewanderweg von Berns Süden durch die Stadt bis zum nordwestlich der Stadt gelegegen Wohlensee wird mit fast 29 km angegeben.
Erst nach und nach kristallisiert sich heraus, dass es da diesen einen Punkt in Bern gibt, an dem wir unsere Fernwanderung elegant abrunden könnten. Im Eichholz, diesem Ort, an dem wir uns vor fast genau zehn Jahren das erste Mal im echten Leben begegnet sind. Perfekt als Finale dieser Wanderung.
Wieder machen wir viele Pausen. Hundegassigänger*innen und Wandergruppen kreuzen unseren Weg und seit wir entschieden haben, die Tour im Eichholz zu beenden, fühlt sich alles wieder richtig, gut und leicht an. Die Stadt macht mir keine Angst mehr. Fast beiläufig klärt sich auch die Frage nach der Rückkehr nach Hause, denn mein Bruder lädt uns für den Abend auf einen Campingplatz am Neuenburgersee ein, wo er heute Nachmittag seinen kleinen Segelkatamaran ausladen wird. Die Freunde, die unser Auto hüten, schreiben, wo sie den Schlüssel deponieren, da sie unterwegs sind, und so geht auf einmal alles auf.
Bald erreichen wir das Ende das Waldes. Vor uns ein Wanderweg unter freiem Himmel, ohne Schatten, nur da und dort ein Baum. Wir rasten am Wegrand. Ein Passant sagt, dass es nur etwa ein Kilometer so weiter gehe. Oke, einen Kilometer, das schaffen wir, sprechen wir uns Mut zu. Doch der Kilometer ist etwa drei Kilometer lang und der Weg – ohne Zweifel ein schöner – führt durch ein weiteres sehr schönes Naturschutzgebiet namens Dammknick. Ein Knick führt uns dann auch in einem Bogen ein Stück weg von der Aare, durch eine künstlich angelegte Auenlandschaft. Leider sind die Bäume darin noch zu klein zum Schattenspenden. Wir kriechen buchstäblich durch die Hitze und genießen jeden noch so kleinen Schattenpunkt.
Später, auf einer schattigen Bank kurz vor Bern-Eichholz, picknicken wir unsere letzten Vorräte und schauen den hier zahlreichen Aareschwimmenden zu. Wir fantasieren, wie sie in ihren wasserdichten Schwimm-Taschen ihre Buisnessklamotten mitnehmen und per Aareschwumm zum nächsten Geschäftstermin am anderen Stadtende gelangen. Oder wie sie in der Aare Geschäfte abschließen. Oder wie Liebesgeschichten beim Schwimmen ihren Anfang nehmen. Die Aare als Verbindung von Mensch zu Mensch sozusagen.
Und dann sind wir da. Im Eichholz. Viele Menschen auf Wiesen. Frisbees. Gummiboote. Kinderlachen. Sonnenmilch in der Luft. Unter schattigen Bäumen unmittelbar an der Aare, einen Steinwurf vom Campingplatz entfernt, ziehen wir unsere schweren Rucksäcke aus.
Unser Plan ist einfach: Irgendlink fährt mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Thun-Steffisburg und holt das Auto. Sodann holt er mich, die ich derweil das Gepäck hüte, hier ab, und gemeinsam fahren wir zu meinem Bruder an den Neuenburgersee.
Ich kaufe Irgendlinks Ticket online, da das günstiger ist, als wenn er Tram, Zug und Bus einzeln lösen müsste. Doch auch so ist es immer wieder erstaunlich, wie viel so eine kleine Zugfahrt kostet. Dank guter Verbindungen hat Irgenlink nur eine knappe Stunde bis zum Auto und etwas mehr als eine halbe Stunde bis zurück ins Eichholz. Was wir ins zweieinhalb Tagen gewandert sind, lässt sich in vierzig Autominuten fahren. Keine Pointe.
»Als wir hier vor zehn Jahren unser kleines Bloggerkennenlerntreffen hatten – Irgendlink war auf Schweiz-Radtour – legten wir unwissentlich den Grundstein für all die tollen Wanderungen und Reisen der letzten Jahre.
Der beste Weggefährte ever, « twittere ich, als Irgendlink sich auf den Weg gemacht hat.
Und: »Krähen spazieren vorbei, der Bagger schweigt und der Schatten wandert statt meiner.
Aareschwimmende juchzen vorbei.
Im Kopf ein Song von Züri West und A hard day‘s night (vo Aafang aa).«
Zwei junge Frauen bitten mich, ihre Sachen zu hüten, während sie ein Stück aareaufwärts spazieren und zurückschwimmen wollen. Aber klar, mach ich doch gerne. Überhaupt ist es ziemlich angenehm hier, obwohl es viele Leute hat. Ein rücksichtsvolles Miteinander. Sogar der Baustellenlärm vis-à-vis beim Dählhölzi-Tierpark ist moderat. Lärm und Pausen wechseln sich ab.
Bald ist Irgendlink wieder da und wir wandern zum Parkplatz, den er in einer kleinen Quartierstraße in der Nähe gefunden hat. Merkwürdig, auf einmal wieder in einem Auto zu fahren. Durch die Stadt zuerst, aus der Stadt hinaus, auf die Autobahn, dann über Landstraßen.
Schön ist es mit meinem Bruder. Fürs Segeln reicht der Wind zwar nicht, doch Seebaden, eine kleine eBiketour zum Strandkneipchen, leckeres Essen und die Annehmlichkeiten eines Campingplatzes runden unseren letzten Wandertag ab.
Wären da nicht die lauten Nachbarn, die bis in die Nacht hinein plappern und lachen, könnte ich mich direkt daran gewöhnen, auf Campingplätzen zu zelten. Andererseits ist es deutlich unruhiger als im Wald, ich schlafe weniger gut als in der Natur und erwache mit sehr starkem Kopfweh und Übelkeit. Darum gönne ich mir am Freitagmorgen die erste Warmdusche seit zwölf Tagen. Sie tut gut. Kopfweh und Übelkeit sind danach fast weg.
Wir dürfen nochmals die Leih-eBikes benutzen, um die nähere Umgebung zu erkunden. Mit Freier-Eintritt-Karten für die kulturelle Aktionen in der ganzen Region, die wir an der Campingkasse bekommen haben, gönnen wir uns zwei Museumsbesuche in Le Locle. Zum einen gehen wir in die Unterirdischen Mühlen, zum anderen ins Kunstmuseum. Ein gelungener Ferienabschluss!
Auf der Rückfahrt nach Hause realisere ich, dass für mich immer wieder diese Wechsel, diese Übergänge – dieses Auflösen des einen Aggregatzustandes zugunsten eines anderen – sehr schwierig sind. Dieses kleine ständige Loslassen des eben noch Seienden. Es bereits als Gewesenes betrachten. Als Echo. Wie ein Pflaster, das entfernt wird. Übergangsschmerz.
Bilder von Tag 12 (und ++)
Wir haben fertig gepackt. Irgendlink posiert neben seinem Rucksack, meiner steht ein Stück weiter vorne auf dem Waldboden
Die wievielte Brücke wir da wohl überqueren? Diese hier hat ein tolles Holzgebälk und wäre bei Regen ein guter Unterstand
Ab hier sind wir der gnadenlos brennenden Sonne ausgesetzt im Naturschutzgebiet Dammnknick
Durch die Auenlandschaft ohne Schatten
Gleich sind wir im Eichholz. Wir haben auf einer Schattenbank gerastet und wandern jetzt wieder weiter. Irgendlink lehnt an einem Betonblock, hinter ihm ein Wanderwegweiser
Irgendlink verlässt im Zug die Stadt. Blick aus dem fahrenden Zug auf die Schienen und die Stadt zwischen den Bäumen
Sofasophia hütet im Eichholz die Rucksäcke und betrachtet die Menschen in der Aare
Die Aare am Eichholz. Am Ufer gegenüber die Baustelle vom Tierpark Dählhölzli
Jetzt sind wir am Neuenburgersee und haben gebadet. Danach bauen wir zu dritt Steintürmchen
Steintürme, die miteinander zu kommunizieren scheinen
Abends, vor dem Schlafen, ein kleiner Abstecher an den Seestrand
Die deutsche Übersetzung der französischen Aufforderung, die Türe während des Duschens zu schließen, klingt ziemlich unbeholfen: Danke die Tür zu schließen, daraus die auch hervorgeht.
Am nächsten Morgen radeln wir mit den eBikes durch die Weinberge und Sonnenblumenfelder. Hier begrüßen uns viele Sonnenblumenköpfe
Am Bootshafen: Weiße Boote unter Blauhimmel
Da segelt er davon, mein Bruder auf seinem kleinen Segelkatamaran, denn endlich ist doch noch ein wenig Wind aufgekommen
Wir fahren derweil nach Le Locle in die Unterirdischen Mühlen. Hier sieht man die Berge rechts und links. Unten eingeklemmt die Gebäude des Museums
Später besuchen wir das Kunstmuseum Le Locle und genießen die abswechslungsreiche Ausstellung. Auf jeder Treppenstufe steht der Name einer*s anderen Kunstschaffenden
Hier ein Blick auf eine Rauminstallation: Ein filigranes Labyrinth aus hellen Holzbalken füllt einen ganzen Raum
Der Tag beginnt mit einer wunderbaren Weitsicht auf die frisch gewaschenen Berge am anderen Ufer. Wie gewohnt wandern wir früh los, weiter Richtung Hünibach und Thun, um möglichst viel von dieser angenehmen Morgenkühle erhaschen zu können.
»Die spinnen doch, diese Schweizer*innen mit diesem elenden Auf und Ab. Echt jetzt: 26%! Ich meine: 26%! Aber geschafft haben wirs. Im Kriechgang,« twittere ich noch vor neun, als der Weg so steil bergauf oberhalb des Dorfes an Oberhofen vorbei führt. Vorbei auch am Holzatelier, das M. leitet, doch es ist noch früh und er vermutlich noch gar nicht da. Wir versuchen allerdings auch gar nicht, das herauszufinden. Mit den Rucksäcken sind spontanen Besuche eher suboptimal.
Bald sind wir wieder am See. In Hünibach. Nach einem kleinen Einkauf sitzen wir einfach nur da, auf einer Bank, und genießen den letzten Seemorgen. Von hier aus sehen wir bereits das Ende des Sees und den Aareabfluss. Keine Stunde später betreten wir in Begleitung der Aare die kleine Stadt Thun, die in einem vergangenen Leben mein Dreh- und Angelpunkt war.
Alles bekannt. Da, die Brücke, wo wir damals. Die Fähre über die Aare ist heute außer Betrieb, zu viel Wasser, zu stark die Strömung. Wir setzen uns schon wieder auf eine Bank. Das hier will behutsam angegangen werden. Erinnerungen wollen gesehen werden. Erinnerungen brauchen Zeit.
Später. Wir spazieren durchs Bälliz, die Marktstraße Thuns, das Herz der Stadt. Emsiges Treiben. Vieles ist noch wie früher, manches anders. Hier habe ich – und dort drüben war doch – ach, wie war das damals?
Es ist schön, diesen Weg heute mit Irgendlink zu gehen, Vergangenes zu teilen und die Stadt neu zu erleben. Im großen M tanken wir die Handys, trinken und essen etwas und schließlich verlassen wir die Stadt wieder. Aareabwärts. Am Aarebad vorbei.
Es gibt verschiedene Wege, auf beiden Aareseiten, für Menschen mit uns ohne Räder. Wir tüfteln ein wenig, bis wir endlich einen finden, der uns schattig genug ist. Schön geht anders, wir sind ein wenig verwöhnt nach den letzten Wandertagen.
Es ist jedenfalls ein krasser Unterschied zwischen heute Morgen und jetzt: vor Thun diese beinah illusorisch ruhige, fast heile Welt, Hügel, Seen und Natur, nach Thun an der begradigten Aare eingeklemmt zwischen Straße, Kieswerk und Naturschutzgebiet und ohne unmittelbaren Aarezugang. Es ist laut auf diesem reizlosen, schnurgeraden Weg, der einzig als Verbindung von Punkt A nach Punkt B gedacht ist.
Naturschutzgebiet, ha! Sind Naturschutzgebiete womöglich sichtbar und materiell gewordene Ablasshandlungen einer industriellen Hochleistungsgesellschaft?, orakle ich. Ich fühle mich jedenfalls nach den friedlichen Tagen in den Bergen bereits wieder gehetzt und bin froh, dass wir im Laufe des Nachmittags endlich ein kleines Seelein finden, in welchem wir uns abkühlen können. Die Aare wäre natürlich auch badbar, doch wir haben keine wirklich geeignete Stelle gefunden. Manche Stellen waren zwar schön, boten aber keinen Schatten. Aarebaden, zumal mit so viel Strömung und ohne Übung, darf außerdem nicht unterschätzt werden.
Das Baden tut gut. Im Wasser schwimmt Gras und erst da wird uns klar, dass der See Hochwasser hat. Nach dieser Erfrischung überlegen wir so langsam, wo und wie wir heute Nacht lagern könnten. Einkaufen müssten wir ja auch noch. Unser täglich Bier zum Beispiel, ein frisches Brot und sonst noch das eine oder andere.
Irgendlink findet auf der Karte einen Weg nach Uttigen und lotst uns durch den Aarewald ins nahe Dorf. Wir fragen uns bis zum Volg durch und kaufen ein. Wie wir uns vom Volg aus wieder Richtung Aare wenden, spricht uns eine freundliche ältere Dame an. Ob wir Pilgernde seien und wohin und woher und dass sie vor zig Jahren nach Santiago gepilgert sei. Wir kommen ins Gespräch, trotz der Rucksäcke auf dem Rücken, und schon bald sitzen wir an ihrem Gartentisch und trinken selbstgemachten Sirup. Köstlicher Schatten. Wohltuendes Sitzen. Wir plaudern über das Woher und Wohin und über die Gewitter der letzten zwei Nächte und dass diese Nacht auch wieder welche gemeldet seien.
Irgendwann lädt uns Monika, die wir inzwischen von Pilgerin zu Pilgerin duzen, ein, in ihrem Garten zu zelten. Ein Angebot, das wir gerne annehmen, auch wenn es doch eine rechte Umstellung wird, inmitten von Häusern und dem Gewusel eines Dorfes statt in der Natur zu schlafen.Doch vorher gehen wir mit unserer Gastgeberin noch ein wenig spazieren. An die Aare natürlich. Und danach gibt es Coupe Danemark, mit hausgemachter Schoggisauce.
Es wird für mich die am wenigsten erholsame Nacht dieser Reise. Vor allem ist es die Hitze, die mich nicht schlafen lässt. Wegen der Gewitterwarnung haben wir nämlich wieder einmal auch das Außenzelt aufgebaut. Ein Zwei-Sekunden-Regen ist aber alles, was es heute Nacht gibt, darum stehe ich mitten in der Nacht auf und baue das Außenzelt ab.
Als ich endlich doch noch ein wenig schlafen kann, fährt beim nahen Volg der Lieferant vor und entlädt seine Waren. Willkommen zurück in der Zivilisation.
Bilder von Tag 10
Ein Bächlein findet von den Bergen seinen Weg in den See
Eine Art Staumauer mit Graffiti am Weg
Sofasophia wandert an einem Haus neben der Staumauer vorbei
Wald, Wald, Wald
Sofasophia fotografiert die Tafel, welche eine Steigung von 26% ankündigt
Ein gut gefüllter Schaukasten vor dem Holzatelier, wo M. arbeitet
Ein Blick in den Atelierschaukasten: Holztiere, Schmuck und Handschmeichler sind zu kaufen
Panorama von Oberhofen über den See. Vorne Wiese und Siedlungen, in der Mitte der See, im Hintergrund die Alpenkette vom andern Ufer, mit Niesen und Stockhorn
Wanderwegweiser, der in alle Richtungen zeigt
An der Schiffländte in Hünibach: See, Bäume, Berge gegenüber, darüber Blauhimmel
Blick in den See
Panorama von der Schiffländte Hünibach aus: Links der See, vorne das Ufer, rechts bereits die Aare
An der Aare Richtung Thun. Rechts im Bild Stufen bis ans Wasser, vorne Bäume und erste Häuser
Da vorne ist die Stadt schon gut sichtbar. In der Bildmitte eine gedeckte Holzbrücke, über der Stadt das Schloss, darüber Blauhimmel
Die Holzbrücke über die Aare unter Blauhimmel
Thun, eine Stadt am Fluss und Häuser unter Blauhimmel
Sofasophia geht der Aare entlang auf die Stadt zu, rechts und links Häuser
Ein Platz im Bälliz, rechts und links Häuser, Sonnenschirme
Im großen M ein Ladekabelwunder: vier Kabel aus einer Steckdose
Wir sind wieder an der Aare, im Hintergrund zwei große Brücken
Die Aare mit Wald rechts und links, im Wasser ein Surfer an einem Seil
Am andern Ufer sieht man Leute baden. Bäume. Fluss.
Unter einer Brücke finden wir tolle Graffiti
Ebenfalls unter der Brücke finden wir diese Sammlung von Hundekotbeutel.
Ein kleiner See, der zum Verweilen und Baden einlädt
Am kleinen Badesee: Bäume, sandiges Ufer
Das Zelt ist aufgebaut. Sofasophia schließt den Rucksack neben dem Zelt
Abendspaziergang ohne Rucksack dafür zusammen mit unserer Gastgeberin an die Aare: Abendstimmung bei Gegenlicht