Von Bergen, Übergängen und warum Schönheit so gut tut

Bereits sechs Tage ist es her, dass ich Irgendlink am Bodensee von seiner #UmsLand Bayern-Tour abgeholt habe. Nach acht Tourtagen hatte er ungefähr einen Viertel der von ihm angedachten Bayernumradelung geschafft und das geplante Zwischenziel, Lindau, erreicht. Nach einem Bad im Bodensee – natürlich dort, wo wir damals auf unserer Flussnoten-Wanderung den Bodensee erreicht hatten – fuhren wir mit dem Rad im Kofferraum gemeinsam zu mir nach Hause.

Zu meinen Bildern gilt folgendes:
Für Sehbeeinträchtigte und Blinde: Alle Bilder haben Bildbeschreibungen, die vorgelesen werden sollten.
Für Sehende: Auf die Bilder klicken, um zur Galerieansicht zu kommen.

Spontan beschlossen wir, am Wochenende das Team Unserwegs zu besuchen. Nach einer viereinhalbjährigen Reisezeit schlagen die beiden nun am Hinterrhein, in den Bündner Bergen, wieder Wurzeln. Noch leben sie in ihrem Reisebus, bevor sie Anfang Oktober ihre neue Wohnung beziehen können. Auf dem Camping Thusis waren wir drei Tage lang ihre Gäste. (An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank für alles, liebe Annette und lieber Beat.)

So fuhren wir also am Freitagnachmittag nach Thusis, in die Region Heinzenberg an den Hinterrhein. Unterwegs picknickten wir bei Fläsch und erfreuten uns an den schönen Erinnerungen, die in uns aufstiegen. Damals, vor zwei Jahren auf unserer Flussnoten-Wanderung hatten wir nicht weit von hier, an einem wunderbaren Platz, wild gezeltet. Diesmal bauten wir zwei große gemeinsame Steintürme.

Gegen Abend langten wir in Thusis an und wurden im Schatten des weitgereisten Reisebusses mit Leckereien verwöhnt.

Am Samstag fahren Irgendlink und ich von Thusis aus auf den Glaspass, wandern von dort aus – nach einem Abstecher ins Häärdställi, wo eine überdimensionierte Kugelbahn zum Spielen einlädt – auf den Glaser Grat und wieder zurück zum Auto (unsere GPS-Daten) (Infos | Bilder).

So sieht meine Glückseligkeit aus: Weitsicht, Berge, gute Luft, ein feines Lüftchen, Stille – und, ähm, sagte ich Weitsicht schon? Wir wandern berghoch, rasten, genießen, schauen, hören und sind einfach nur da … Ein Tag wie ein Jahr.

Unterwegs auf dem Abstieg finden wir den ehemaligen Lüschersee, der vor über hundert Jahren entwässert wurde. Bereits beim Lüschersee zickt mein linkes Knie leise. Wie neulich beim Abstieg vom Creux-du-Van. Die Schmerzen entschleunigen mich noch mehr. Ein positiver Effekt immerhin.

Fast schon unten angelangt, kommen wir an der Bruchalp vorbei und fragen nach Alpkäse. Leider nein, keiner mehr da. Wegen der Trockenheit war der Alpabzug dieses Jahr ungewöhnlich früh und der ganze Käse ist schon bei den Molkereien und Einzelverkaufsstellen gelandet. Schade.

Wie wir mit dem Auto zurück nach Thusis fahren, entdeckt Irgendlink am Straßenrand ein Schild, das einen Hofladen verspricht. Jippiee, sagen wir, und schon bald sind wir mit der jungen Bäuerin mitten im Gespräch über das Einmachen von Zucchini und anderen Gartengemüsen. Wir kaufen Bündner Nusstörtchen – ein großer Genuss, darum ein Muss, nicht nur um des Reimes willen – zum abendlichen Dreigangmenü auf dem Campingplatz. Auch Alpkäse finden wir hier, von der vorhin passierten Bruchalp. Über diesen unerwarteten Glücksfall freuen wir uns auf dem Rückweg wie kleine Kinder.

Am Sonntag kommt das Team Unserwegs mit uns mit in die Höhe. An der Ruine Hohen Rätien vorbei soll es gehen, Richtung Traversinersteg zur Via Mala-Schlucht. (Details/Infos) Schon nach nicht einmal fünfhundert Metern merke ich, dass ich das nicht schaffen werde. Am Samstag hatte mein Knie nur beim Abwärtslaufen geschmerzt, jetzt zickte es auch beim geradeaus gehen. Nicht lustig das. Ich entscheide mich, umzukehren und den anderen an einen definierten Ort entgegen zu fahren.

Gesagt getan. Nach einem kleinen Spaziergang, der meine Entscheidung bestätigt, setze ich mich ins Auto und suche eine schöne Waldlichtung, wo ich die anderen erwarte. Mit einem guten Buch vergeht die Zeit wie im Flug. Vom Treffpunkt aus fahren wir gemeinsam zum Via Mala-Zentrum, dem Herz der Sehenswürdigkeiten des Hinterrheins.

Der Weg am Hinterrhein entlang war schon sehr früh in der menschlichen Geschichte ein Handelsweg und verband den Süden mit dem Norden. Die Via Mala – der böse, der schlechte Weg – forderte viele Todesopfer, denn hier ist das Rheintal am engsten, ein Durchkommen auf engen Pfaden war zuweilen lebensgefährlich und noch heute ist die Schlucht ein Nadelör, und noch immer auch ein Ort des Staunens. Wie klein wir doch sind, wir Menschen!, sagen wir zueinander, wie wir über Treppenstufen in die enge Schlucht hinuntersteigen. Selbst Friedrich Nietzsche soll hier wortlos gestaunt haben, stattdessen schrieb er: «Ich schreibe nichts von der ungeheuren Grossartigkeit der Via Mala: mir ist es, als ob ich die Schweiz noch gar nicht gekannt hätte. Bis zu 300 Meter hohe Felswände ragen, teils nur wenige Meter voneinander, in den Himmel. Sprudelnd, rauschend, zieht das Wasser in schönsten Blau- und Türkistönen durch die Schlucht.»

Gestern Vormittag machten wir uns nach dem Brunch auf den Rückweg in die Deutschschweiz (Rückweg-Link). Allerdings wollten wir zuerst, nicht zuletzt um die unvermeidliche Rückkehr hinauszuzögern, noch ein wenig Kultur tanken. So fuhren wir ein weiteres Mal durch die Via Mala, diese enge Schlucht, südwärts. Nach Zillis. In die Kirche.

Wer mich kennt, weiß, dass ich es nicht so mit Kirchen habe. Doch diesmal war die kulturelle Neugier größer gewesen als die Abneigung. Die St. Martinskirche in Zillis ist bekannt für ihre uralten Dachgemälde. Im Gemeindehaus Zillis sehen wir uns eine kleine Ausstellung und eine spannende Multimediaschau über die berühmte Kirchendecke an. In der Diaschau wird Dionysius Areopagita zitiert und ich erlaube mir, ihn deshalb auch hier zu zitieren: »Das Gute stammt aus der einen und universellen Tatsache, das Böse aber aus vielen und partialen Defekten. […] Wenn nun das Gute dem Bösen entgegengesetzt ist, so sind die Ursachen ds Bösen viele. Die schöpferischen Faktoren des Bösen sind nicht Prinzipien und positive Kräte, sondern Ohnmacht, Schwäche, unsymmetrische Vermischung der unähnlichen Dinge.«

Neugierig geworden spazierten wir zur Kirche. Was soll ich sagen? Es hat sich gelohnt. In vielen Einzelbildern sahen wir über uns das mittelalterliche Weltbild, Mystik inklusive, abgebildet. Nicht sehr detailreich, schlicht, aber gekonnt und ausdrucksstark. Ja, ich war wirklich tief beeindruckt.

Wir fuhren nordwärts nach Reichenau, wo Hinter- und Vorderrhein aufeinander treffen und wo wir damals auf unserer Tour gepicknickt hatten. Wieder tauchten wir in schöne Erinnerungen ein und beschlossen, später, vor dem Taminser Dorfladen rastend, dass wir der alten Zeiten willen über den Oberalppass zurück nach Hause fahren wollten. An den Orten vorbei, an denen wir vor zwei Jahren vorbei gewandert sind.

Guck dort! Schau, da sind wir doch damals …! Unterwegs halten wir irgendwo am Vorderrhein an und bauen wieder. Ja, was wohl? Steintürme natürlich. Weils so schön ist. Und entschleunigt. Und gut tut.

Später landeten wir über Hunderte von Kurven auf dem Oberalppass, wo damals unsere Wanderung ihren Anfang genommen hatte. Wir schauten uns die Wegweiser an und verstanden nicht, wie wir damals den falschen Weg hatten gehen können. Eigentlich hatten wir ja den Wanderweg zum Tomasee nehmen wollen, zur Rheinquelle, stattdessen waren wir den Bergwanderweg, der über den Pazzolastock zum Tomasee führt, gewandert. Was im Grunde ein Glücksfall gewesen war.

 

Irgendwann gegen Abend sind wir gut, zufrieden, müde, glücklich, sonnensatt und hungrig wieder zuhause angelangt. Und dankbar, ja, das auch, das vor allem.

Wochenendimpressionen

Was für ein Wochenende! Am Freitagnachmittag fuhren wir via Bern, meiner alten Heimat, ins Schwarzenburgerland. Ans Schwarzwasser. Einem jener Flüsse, denen ich in meinen Berner Jahren oft einen Besuch abgestattet habe – allein oder mit Freundinnen und Freunden und natürlich auch mit dem Liebsten.

Schon auf der Fahrt hatte sich der Himmel zu überziehen begonnen, doch das hinderte uns nicht daran ins Schwarzwassertal hinunterzusteigen. Unten, bei einer kleinen Brücke, die eine Art Kreuzung in vier Richtungen darstellte, beschlossen wir vor der Brücke nach links zu gehen, als uns von rechts zwei Frauen entgegen kamen. Die rechts sieht ja aus wie R., murmelte ich und es dauerte ein paar Sekunden, bevor ich erkannte, dass es sogar R. war. Was für ein Zufall! Vorhin waren wir an ihrem Haus vorbeigefahren und ich hatte noch laut überlegt, dass wir ja eigentlich …

Nun begrüßten und umarmten wir uns herzlich und ließen uns für später zu einem Tee einladen. Und, falls wir wollten, auch zum Übernachten. Mal schauen, sagten wir, und: Bis später!

Zuerst aber wollten wir einfach das Schwarzwasser begrüßen. Ins Flusstal waten. Uns badend abkühlen. Schwül war es und ab und zu fielen ein paar Regentropfen vom sich bewölkenden Himmel. Die Temperatur fiel ein wenig. Ach, herrliches Schwarzwasser! So viele Steine zum Türme bauen. Steine und Wasser und Bäume und relative Stille. Wie gut das tut!

Auf einem Fels, der aus dem Wasser ragte, baute ich ein Steinmännchen, wie ich es noch nie gemacht hatte. In die Schräge hinein baute ich es, wie ein Terrassenhaus, dabei versuchend, wie ich es im Leben ja oft genug übe, den unidealen Voraussetzungen zu trotzen. Definitiv schwieriger als ein Steinmännchen auf ebenem Untergrund. Es wurde deutlich weniger hoch als manche andere, die ich schon geschaffen hatte, zu fragil war das Gleichgewicht, zu unsicher der Untergrund.

Langsam wurden die Füße dann doch ein bisschen kühl vom Wasser und auch der Regen schien es langsam ernst zu meinen. Wir zogen uns wieder um und wanderten zurück zum Auto. Nach einem kleinen Abstecher nach Schwarzenburg, um noch dies und jenes einzukaufen, fuhren wir auf einen Tee zu R., um mit ihr über das Leben und das Reisen zu philosophieren. Ihr Übernachtungsangebot lehnten wir allerdings ab, obwohl Regen angesagt war, denn wir hatten uns innerlich auf ein Zeltwochenende eingestellt und wollten endlich einmal Bern vom Eichholz-Camping aus erleben.

So fuhren wir nach Wabern auf den Aare-Campingplatz Eichholz. Bisher kannte ich dieses Areal ja nur von unzähligen Spaziergängen zwischen dem Aareufer und ebendiesem Zeltplatz. Jetzt aber wollten wir es wissen. Kaum hatten wir uns angemeldet und Fr. 38.50 für Übernachtung, Duschjetons, Parkkarte und Tickets für den öffentlichen Verkehr bezahlt und uns einen schönen Platz für unser Zelt aussuchen wollen, fing es richtig heftig zu regnen an. Spontan fuhr uns ein Zeltplatzeinweiser mit Fahrrad und Schirm voran und lotste uns in eine schmale Lücke zwischen zwei Wohnwägen, wo wir das Auto kurz, zum Ausladen, abstellen durften. Nachher müsse das Auto aber wieder raus. Unter den Bäumen, in einer vielleicht sechs Meter schmalen Lücke zwischen anderen Zelten, war es relativ trocken und so bauten wir ebendort, mangels Alternativen, in Rekordzeit und halbwegs trocken unser Zelt auf. Während Irgendlink das Auto wieder herausfuhr, befüllte ich unsere Matten mit Luft, packte die Schlafsäcke aus und schon bald hatten wir es schön gemütlich. Im Zelt dem Regen lauschen hat was – echt jetzt! – und so richtig heftig regnete es inzwischen eh nicht mehr. Zwischendurch war sogar das Murmeln der Aare zu hören. Je später und dunkler es wurde, desto aktiver und lauter wurden allerdings die Menschen in den Zelten um uns herum.

Während wir uns etwas Feines kochten, überlegten wir, ob es wirklich so eine tolle Idee gewesen war, mitten in der Hochsaison auf einen vollen Stadt-Camping zu gehen. Zumal für uns zwei Schwedenverwöhnte. Nun denn … Wir haben ja zum Glück einen Fußball … und auch sonst geht es uns gut.

Zwei Finger in kleinen Fußballschuhen, die einen kleinen Fußball gegen einen Fuß als Tor schubsenUnd  tatsächlich wurde es gegen 23 Uhr still und in der Nacht hätte man kaum glauben können, dass hier einige hundert Menschen schlafen.

Geplapper im Nachbarzelt, es war noch vor sieben Uhr, weckte mich. Wie ein angestoßener Dominostein setzte sich das Geplapper fort und schon bald war der Campingplatz wach.

Beim Tee- und Kaffeetrinken beschlossen Irgendlink und ich, dass wir das Zelt abbauen und doch bei den Freunden, die uns zum Abendessen und Übernachten eingeladen hatten, übernachten würden. Jedenfalls, wenn sich der Wetterbericht für Sonntag doch noch zum Guten wenden sollte. Außerdem gab es die Option, nach dem Abendessen bei unseren Freunden auch einfach nach Hause zu fahren. Mal schauen.

Irgendlink fotografiert den Zytglogge-Turm, eins der Wahrzeichen Berns

Um zwölf trafen wir uns mit Freundin M. (2) auf der Münsterplattform, einem beliebten zentralen Treffpunkt hinter dem Münster, von welchem aus man ’von oben herab’ auf die Aare und die Quartiere am Fluss blicken kann. Gemütliches Zusammensein. Einfach schön, solche Menschen zu kennen!, dachte ich, wie schon oft.

Dank des Citytickets für den öffentlichen Verkehr konnten wir ohne Parkplatzsorgen vom Stadtzentrum zur Col-Art-Austellung fahren, wo wir an einem Col-Art-Workshop teilnahmen. Zu neunt malten wir an acht verschiedenen Bildern. Demokratisch, gemeinschaftlich, miteinander – so der Grundgedanke der Kunstrichtung Col-Art/Kollektive Kunst, die heuer 50 Jahre alt wird.

Acht bunte Bilder auf Holzboden mit vielen sehr unterschiedlichen Bildelementen, Acryl auf Papier.Gründer Marc Kuhn stellt einen Monat lang mit großem Engagement im alten Tramdepot Bilder aus fünfzig Jahren Col-Art aus. Diese Ausstellung läuft noch bis Ende Juli.

Mehr Infos gibt es hier: https://agenda.bernerzeitung.ch

Später holen wir das Auto auf dem Campingplatz und parken im Quartier unserer Freunde. Gemütlich ist es. Die kleine Tochter giggelt uns fröhlich und die inspirienden Gespräche und das feine Essen tragen ebenfalls zu einem tollen Abend bei. Müde legen wir uns schlafen. Am Morgen werden wir vom Singsang des Töchterleins sanft aus dem Schlaf gelotst. Wir freuen uns über das gute Wetter und beschließen, die Idee, im Jura wandern zu gehen, umzusetzen. Nach all den vielen nährenden Gesprächen der letzten beiden Tage ist es uns nach Natur und Stille. Und Bewegung.

Nach einem gemütlichen Frühstück und einem Schlenker zum nahen Friedhof fahren wir ins Traverstal, wo die Areuse schluchtet und der Creux du Van das Staunen lehrt.

Eine natürliche Felsenarena gewaltigen Ausmaßes ist er, der Creux du Van. Um die hundertsechzig Meter hohe, senkrechte Felswände umschließen einen vier Kilometer langen und über einen Kilometer breiten Talkessel. Gewaltig, wunderbar, ehrfurchtgebietend!

Über vierzehn Kurven wanderen wir von Noiraigue aus zum Plateau hoch und genießen hier eine Weite, die es so nur in den Bergen gibt.

Auf dem Weg bergauf wünschten wir allen Leuten, die unsere Wege kreuzten, freundlich Bonjour. Kaum oben auf dem Plateau angekommen, hören wir schnell damit auf. Viele Menschen teilen mit uns die Fernsicht und das spektakuläre Erlebnis. Viele allerdings fahren mit dem Auto zum Bergrestaurant hoch und flipflopen sich am Abgrund entlang um das ultimativ spektakulärste Bild schießen zu können. Zum Glück hat es genug Platz für alle.

Wir umrunden den Krater an seiner Oberkante und steigen auf der anderen Seite der Felsarena wieder abwärts. Die ersten drei oder vier Kilometer sind wieder sehr steil, wie schon beim Aufstieg, auch der Rest hat es in sich. Und geht ganz schön in die Beine. Ich bin auch langsam müde von all den vielen Eindrücken, Begegnugen und Gedanken.

Auf den letzten Kilometers des Abstiegs verbiege ich mir dummerweise irgendwie das Knie, sodass ich, wegen der stechenden Schmerzen, nur noch ganz langsam gehen kann, doch wir haben es zum Glück nicht eilig.

Auf der Rückfahrt nach Hause bin ich tief entspannt. Und sehr dankbar für dieses nährende Wochenende.


*Hier der Streckenlink  zu unserer Wanderung und hier eine Karte:

[googlemaps https://www.google.com/maps/embed?pb=!1m48!1m12!1m3!1d12957.644763816841!2d6.719252184244211!3d46.94185714983779!2m3!1f0!2f0!3f0!3m2!1i1024!2i768!4f13.1!4m33!3e2!4m3!3m2!1d46.952214!2d6.7259079999999996!4m3!3m2!1d46.946290999999995!2d6.7170217999999995!4m4!2s46.93637%2C+6.72082!3m2!1d46.93637!2d6.72082!4m4!2s46.9309%2C+6.725294!3m2!1d46.9309!2d6.725294!4m4!2s46.9322%2C+6.731075!3m2!1d46.932199999999995!2d6.731075!4m3!3m2!1d46.9418759!2d6.7351404!4m4!2s46.951683%2C+6.726872!3m2!1d46.951682999999996!2d6.726871999999999!5e0!3m2!1sde!2sch!4v1532349413979&w=600&h=450]

Mehr Infos:
Wiki
http://wegwandern.ch
www.schweizmobil.ch
www.wanderungen.ch

Ruine Falkenstein, du Schöne

Schon eine Weile war angedacht, endlich einmal mit der lieben Frau Lakritze in der Umgebung wandern zu gehen.

Dass es auf einmal Winter ist, war kein wirklicher Hindernisgrund. Zumal, wenn man so Wetterglück hat wie wir drei gestern. Irgendwo in der Mitte könnten wir uns treffen, hatte Irgendlink vorgeschlagen und er lieferte auch gleich die Idee, von Rockenhausen aus zur Ruine Falkenstein zu pilgern.

Wir trafen uns am Bahnhof Rockenhausen, wo wir pünktlich zur Einfahrt von Lakritzes Zug anlangten. Von einem Wanderparkplatz aus ging es schließlich bergan. Der Donnersberg – Mont Tonnerre –, so erfuhr ich unterwegs, gehörte einst zu Frankreich, ebenso wie Teile von Rheinland-Pfalz.

Schon unterwegs auf der Hinfahrt hatte die Sonne zaghaft durch die Wolken geschielt. Auf unserer Wanderung wurde sie schließlich ab und zu ein bisschen mutiger und schließlich hatten wir auch bald schön warm. Nun ja, wohl weniger wegen der Sonne. Eher war das der Steigung zuzuschreiben. Bergauf ging es, nun ja, hügelauf muss ich da als Schweizerin natürlich präzisieren, bis wir in der Nähe der Ruine einen wunderbaren Weitsichtplatz fanden. Ob das hier mal ein Kultplatz gewesen ist?, fragten wir uns. Der Ausblick erinnerte mich an die Pyrenäen, an französiche Gebirge. Möglicherweise auch darum, weil die kleinen Ortschaften und Weiler, die wir durchquerten nicht so typisch deutsch – will heißen nicht so typisch piccobello – aussahen, sondern eher den Eindruck von Verfall und Abwanderung vermittelten.

Nach der Ruinenerkundung picknickten wir erstmal, bevor es dann weiter ging. Durch die Falkenfeld-Schlucht. (Die kaltgefrorenen Hände, Arme, Beine und Popacken mussten dringend wieder durchblutet werden.)

Fast wie von selbst wanderten die Füße bergauf und bergab – nur unterbrochen von kurzen Staunpausen oder einem kleinen Schielen auf meine Wanderkarte-App oder auf die Papier-Karten, die Irgendlink ausgedruckt hatte, während wir uns über vergangenen Wandererfahrungen und das Leben an sich austauschten. Diese abwechslungsreiche, stets sich wandelnde Route mit ihren Aufs und Abs war eine einzige Wohltat nach den regnerischen und stürmischen Tagen. Nährend auch das inspirierende Zusammensein.

Und den letzten guten Zug des Tages von der Provinz in die Großstadt hat Lakritze auch gleich noch erwischt. Was für ein toller Tag!

Impressionen von unterwegs | Die folgenden Bilder können durch Klicken auf ein einzelnes Bild vergrößert werden (Galerie).

Unten habe ich versucht, die Tour zu skizzieren. Jedenfalls ungefähr … Den einen oder anderen gegangenen Schlenker kannte die Kartenmaschine leider nicht.

[googlemaps https://www.google.com/maps/embed?pb=!1m63!1m12!1m3!1d10265.73545896263!2d7.851469656446336!3d49.608779166937175!2m3!1f0!2f0!3f0!3m2!1i1024!2i768!4f13.1!4m48!3e2!4m3!3m2!1d49.61642!2d7.8475399999999995!4m3!3m2!1d49.620829699999994!2d7.8588742!4m3!3m2!1d49.6176829!2d7.870349!4m4!2s49.60233%2C+7.87177!3m2!1d49.602329999999995!2d7.87177!4m4!2s49.59887%2C+7.86379!3m2!1d49.59887!2d7.86379!4m4!2s49.59579%2C+7.85531!3m2!1d49.59579!2d7.855309999999999!4m4!2s49.59422%2C+7.85550!3m2!1d49.59422!2d7.855499999999999!4m4!2s49.59483%2C+7.85464!3m2!1d49.594829999999995!2d7.85464!4m4!2s49.60379%2C+7.84426!3m2!1d49.60379!2d7.844259999999999!4m4!2s49.61642%2C+7.84754!3m2!1d49.61642!2d7.8475399999999995!5e1!3m2!1sde!2sde!4v1514979529779&w=600&h=450]

Zu den Wegpunkten, die ich unterwegs im GPS-Kit markiert habe, bitte hier klicken.

Eben sehe ich, dass auch Frau Lakritze Feines über unsere Tour gebloggt hat. Herzlicher Lesetipp!

Drei Menschen, drei Flüsse, drei Orte

Schon einige Monate ist es her, dass Jürgen aka Buchalov herumgefragt hat, wen er heimsuchen darf, wenn er im August auf seiner nächsten Freunde-Tour den Süden Deutschlands bereist.

Zwar wohne ich ja nicht im Süden Deutschlands, sondern im Norden der Schweiz, dennoch war Buchalov, den Irgendlink und ich bis dahin nur über ein paar Ecken und das runde Internet kannten, als ich auf seine Umfrage hin positiv reagiert hatte, sofort bereit seine Landesgrenzen zu überschreiten.

Vorgestern Nachmittag trudelte er schließlich hier ein. Am Vormittag hatte er gleich noch schnell den Rheinfall aufgetunkt und so brauchte er von der Fahrt erschöpft, dringend eine Erfrischung. Bei Kaffee und Madeleines – natürlich selbst gebacken by Buchalov – führten wir schon bald gemütliche Gespräche und irgendwann fangen wir an Pläne zu schmieden. Der Mittwoch könnte ein Tag der Kunst werden, das hatten wir schon im Voraus angedacht und nun wurden die Ideen immer konkreter. Eine Kunstaktion hoch drei würde es werden und am Wasserschloss würden wir anfangen, dort wo Aare, Reuss und Limmat sich vereinen. Da Buchalov sogar sein Rad mit dabei hatte, stand der Idee, eine kleine Drei-Flüße-Tour per Rad zu machen, nichts im Weg.

Was wir schließlich gestern auch taten. Gegen Mittag radelten wir, bepackt mit Tusche, Stiften, Farben, Pinseln und Papier, los.

Der erste Ort, der Zusammenfluss der Flüsse – hier Reuss und Aare –, inspirierte uns zu vielerlei Texten, Bildern, Wortspielen und Betrachtungen aller Art.

Weil ich Kopfweh hatte, fuhren wir ins nahe Dorf an der Limmat, wo ich Apothekeseidank meine Schmerzen dämmen konnte. Die nahe Brücke, die hölzern und stolz die beiden Limmatufer miteinander verbindet, wurde zum zweiten Ort unserer Kunstbetrachtungen. Wieder malten, schrieben, kritzelten und zeichneten wir, was das Zeug hielt. Diesmal bereits inspiriert von der ersten Runde.

Nach der Brückenüberquerung radelten wir auf der rechten Limmatseite weiter, bis uns eine wunderbare Bucht anhalten ließ. Irgendlink und ich hatten die Badeklamotten dabei und schon bald genoßen wir ein erfrischendes Bad. Letzte Woche, als es auf einmal kühler wurde und es ein paar Tage geregnet hatte, dachte ich schon: Das wars jetzt. Dieses Jahr ist es dir nicht mehr vergönnt, in deinen Lieblingsflüssen zu baden. Nun ja, wegen ’zu kalt’, da ich ein ziemliches Mimöschen bin.

Und nun das! Ich schätze mal, die Limmat hatte dort mindestens 21 Grad, wenn nicht mehr. Kurz gesagt: Perfekt.

Nach dieser erfrischenden Pause radelten wir weiter, immer auf der Suche nach dem dritten Ort für unsere Aktionen. Zuerst über steile und holprige Wanderwege, später wieder auf dem Radweg landeten wir wieder dort, wo unsere Aare-Reuss-Limmat-Tour angefangen hatte: Bei der Spannbandbrücke, die Brugg und Windisch verbindet. Hier setzten wir uns für eine letzte Kunstbetrachtung zusammen, malten, schrieben und tuschten vor uns hin. Schließlich, eine Stunde später, kehrten wir wieder zurück zu mir.

Buchalov nimmt immer eine Mappe mit Bildern auf seine Touren mit. Bilder, die er gerne mit seinen Besuchten tauscht. Nicht einfach war das, bei so vielen tollen Bildern.

Ein toller Tag war das! Wir alle haben es sehr genossen, in der Natur unterwegs zu sein, zu reden, zu schweigen, zu lauschen, gut hinzuschauen und das Wahrgenommene zu verkunsten.

Danke, Jürgen Küster, für deinen Besuch!

#zBärg | Unsere Wandertage im Rückblick

Wie hatte ich noch vor ein paar Tagen im letzten Blogartikel geschrieben? »Ich weiß also, was auf uns zukommt und worauf wir uns einlassen. Gemeinsam haben wir gestern als Start der Tour die Ortschaft und das Tal Kiental auf 960 m. ü. M. im Berner Oberland auserwählt. Ob wir morgen die angedachte Tour zum Oeschinensee und nach Kandersteg über die wirklich soo steilen und richtig hohen Berge (um die 2700 m. ü. M.) machen werden oder eine der Rundwanderungen zum Beispiel zum Aabebärg, die wir angeschaut haben, werden die Tageslaunen und der Wetterbericht entscheiden.«

Gleich vorweg: Die angedachte Tour haben wir nicht gemacht. Nicht einmal probiert. Einerseits gibt es in der Mitte der Tour keine Wildzeltmöglichkeit, Zelten ist sogar weiträumig in der Region verboten, und andererseits lag Schnee auf dem Hohtürli-Pass. Für die öffentlichen Verkehrsmittel (Bus Kiental-Griesalp resp. Parkplatzgebühren und Bergfahrbewilligung) und eine Übernachtung in einer der Hütten fehlte uns schlicht das Kleingeld. Darum sind wir statt einer zwei Nächte auf dem Zeltplatz geblieben. Was sich im Nachhinein als sehr gute Entscheidung erwiesen hat – auch weil wir so nur einen Rucksack brauchten mit Jacken und Futter für den Tag.

Die erste Nacht erlebte ich eher unruhig, da total sechs Zelte auf der doch recht kleinen Zeltwiese lagerten und immer irgendwer am Tuscheln war und meinen leichten Schlaf störte. Darum bin ich ungewöhnlich früh aufgestanden und habe der Sonne beim Aufstehen zugeguckt. Sehr schön war das und hat die unruhige Nacht kompensiert.

Am Sonntagmorgen haben wir uns entschieden, an jedem der beiden Wandertage eine unabhängige Tour zu machen. So sind wir am Sonntag zu Fuß ab Zeltplatz auf dem Talweg auf die Griesalp gewandert und auf dem Bärenpfad wieder zurück. Kurz und gut: Wir haben die steilste Postautofahrstrecke Europas erwandert, denn auf dem Talweg konzentriert sich der größte Teil der Steigung auf die letzten Kilometer, während sie sich auf dem Bärenpfad mehr oder weniger auf die ganze Strecke verteilt. Wobei das allerletzte Stück des Abstiegs runter zum Tschingelsee dann nochmals so richtig in die Knie fährt. Dennoch: Fünfzehn wunderbare Wanderkilometer – so abwechslungsreich, wie es eben nur in den Bergen möglich ist. Ich sag da nur Tschingelsee und Pochtenfall.

Den Abend genoßen wir mit unseren holländisch-deutschen Nachbarn bei Essen, Trinken und Erzählen. Richtig fein war das. So gemütlich, dass wir fast den ganzen Montagmorgen weitererzählt und die Sonne genossen haben. Schließlich sind wir dann aber doch los und fuhren ins nahe Kandertal. Dort haben wir das überflüssige Gepäck – Zelt, Matten und Schlafsäcke – natürlich im Auto gelassen. 🙂

In Kandersteg fanden wir überraschend einen kostenlosen Parkplatz, wie schon in Kiental, und stiegen von dort – das erste Stück der Kander entlang – auf den Berg. Soo steil. Nach jeder überwundenen Serpetine, beim Blick ins Tal, wuchs die Freude daran, was aus eigener Kraft, mit den eigenen Beinen und Füßen, schaffbar ist. Immer höher und höher wanderten, stiegen und kletterten wir und auf einmal waren wir oben. Am Oeschinensee. Für sich genommen eine tolle Wanderung und ein tolles Wanderziel. Wenn da bloß nicht so viele Menschen gewesen wären. Ganz in der Nähe nämlich ist die Station der Sesselbahn, die wir eigentlich hatten nehmen wollen, um zurück nach Kandersteg zu gelangen.

Menschen aus allen Ländern spazierten oder lagerten am See, manche badeten. (Ob meine kleine Wassertaufe unter Baden geht, wagte Irgendlink zu bezweifeln. Schwimmen wars definitiv nicht, dennoch genoß ich die Erfrischung des vielleicht sechzehn oder siebzehn Grad kühlen Sees sehr.)

Als sich dunkle Wolken aufzutürmen begannen, starteten wir den Rückweg. Zur Sesselbahn rüber. Bloß um dort voller Schreck festzustellen, dass sich das Menschen wie wir nicht leisten können (Fr. 18.–). Ich musste zuerst einmal diesen Schock überwinden, bevor ich Jürgen zustimmte: Ja, lass uns zu Fuß runtergehen. Diesmal auf der anderen Seite des Hügels, zum Teil direkt unter den Gondeln. Wieder sooo steil. Und als es zu regnen anfing, sooo glitschig. Doch schön wars und wir fanden wunderschöne Fliegenpilze. Und die warm-kühle Himmelsdusche hörte auch bald wieder auf und zauberte, zusammen mit der wiedergekehrten Sonne, das ganze Tal unter uns in zauberhaftes Licht.

Trotzdem waren wir ziemlich geschafft, als wir wieder unten anlangten. Und glücklich, denn es ist einfach immer wieder ein wunderbares Erlebnis, in der Natur zu sein, sich bewusst zu sein, dass wir alle Teil von ihr sind. Die Gerüche, die Farben, das Licht. Wieder an der Kander sitzend stärkten wir uns dankbar für die zweistündige Rückfahrt nach Hause.

So schnell eingeschlafen wie nach diesen Wandertagen bin ich echt schon lange nicht mehr.

 

Über-den-Schatten-Sprünge | #zBärg

Hin und wieder sollten wir Dinge tun, die wir uns nicht zutrauen. Ich jedenfalls. Als wir vor drei Jahren im Sommer an der Reuss losgelaufen und schließlich auf dem Gotthard an der Reussquelle gelandet sind – notabene bei knapp Null Grad und im Regen –, hatte ich innerlich so ein Ding vollbracht: Ich hatte etwas getan, dass ich mir nicht zugetraut hätte, wenn ich erst gewusst hätte, dass ich es je freiwillig tun würde. Mit fünfzehn Kilo bei Regen bergwandern: Ich? Ne, das schaffe ich nicht.

Vor einem Jahr, als wir vom Oberalppass zur Rheinquelle am Tomasee wandern wollten und statt des moderaten Weges um die Berge herum gleich am ersten Tag wegen eines Kartenlesfehlers eine veritable Bergtour über den über 2700 Meter hohen Pazolastock erleben durften, habe ich hinterher auch einfach nur gestaunt. Nicht nur über die wunderbare Bergwelt mit ihren immer wieder anderen Ausblicken, mehr wohl noch darüber, dass ich das geschafft habe.

Zu sagen ist, dass ich nie ein sportlicher Mensch war. Obwohl ich mich gerne bewege, gerne wandere, radfahre, schwimme, spaziere, Tischtennis oder Minigolf spiele und hin und wieder aus Lust am Laufen jogge, würde es mir nie einfallen, Sport um des Sporttreibens zu begehen. Auch mein tägliches Yoga übe ich um der inneren und äußeren Beweglichkeit und Ausgeglichenheit – nicht aus sportlichen Interessen, schon gar nicht aus Ehrgeiz oder Leistungsorientiertheit.

Vor etwa einer Woche war auf einmal dieses Reißen; und es wurde immer lauter. Dr Bärg rüeft!, wie man hierzulande so schön sagt. Es brauchte wie so oft nicht viel, den Liebsten anzfixen und ihn zu einer Tour in die Schweizer Berge zu begeistern. Und nun sitzen wir bereits in den Startlöchern.

Diesmal bin ich weder naiv noch habe ich die Karten nicht richtig angeguckt. Ich weiß also, was auf uns zukommt und worauf wir uns einlassen. Gemeinsam haben wir gestern als Start der Tour die Ortschaft und das Tal Kiental auf 960 m. ü. M. im Berner Oberland auserwählt. Ob wir morgen die angedachte Tour zum Oeschinensee und nach Kandersteg über die wirklich soo steilen und richtig hohen Berge (wieder um die 2700 m. ü. M.) machen werden oder eine der Rundwanderungen zum Beispiel zum Aabebärg, die wir angeschaut haben, werden die Tageslaunen und der Wetterbericht entscheiden.

Die Rucksäcke sind gepackt. Wieder sind es je um die zwölf oder dreizehn Kilo mit Schlafsäcken, Matten, Zelt, Wasser und Küchenkram, die mir mit uns herumtragen werden.

Die Sonne putzt bereits ihr Gefieder und blinzelt schon mal ein bisschen zur Probe, damit es heute damit klappt. Wir fahren heute noch, nachher, ins Berner Oberland, damit wir morgen gleich loslegen können.

Und ja, schon jetzt weiß ich, dass es toll wird. Aber auch schon jetzt weiß ich, dass es herausfordernd wird (und ja, ein bisschen Bammel vor dem eigenen Mut habe ich, wie immer).

Die Vorfreude überwiegt.

Der Kohlraub zu T. oder das etwas andere Containern

Wir hatten die Wanderschuhe geschnürt, gestern Nachmittag, und fuhren mit dem Auto einfach mal drauflos. Irgendwohin, wo wir noch nie gewesen sind. Die Sonne hatte uns herausgelockt, hatte von Weitblick und Übers-Land-Wandern geschwärmt.

Da, guck, da könnten wir rauf! Beim Vorüberfahren entdecken wir auf einem kleinen Hügel eine kleine Ruine, doch in der unmittelbaren Nähe ist keine Parkbucht, der Weg zudem kurvig und schmal. So parkten wir im nächsten Dorf und wanderten zwischen Häusern, an Gärten und Bauernhöfen vorbei an einen nahen Bach, der uns von der Ruine trennte. Auf einmal fanden wir, wider Erwarten, eine kleine Brücke.

Lektion 1: Alles ist anders als es scheint.

Einem wunderbaren kleinen Wanderweg durch den steilen Wald bergan folgend, finden wir uns auf einmal auf einer kleinen Ebene mit Feldern und Wiesen wieder, an deren Ende die Ruine auf uns wartet.

Lektion 2: Umwege sind oft schöner als direkte Wege.

Eine Performance könnten wir es nennen, das hier, und ich könnte, so sagte ich zu Irgendlink, ich könnte morgen einen vollumfänglich im Konjunktiv geschriebenen Blogartikel kreieren. Im Artikel würde es, so sagte ich, um dieses Kohlfeld hier gehen. Um die Fülle und den Überfluss zum einen und um die Wegwerfmentalität zum anderen. Um die Schönheit im Zerfall und um den Reichtum, den man nur findet, wenn man sich bückt. Im Krieg, sagte ich, im Krieg wäre dieses Feld hier nicht so, wie es jetzt ist und nun wisse ich nicht, ob ich darüber froh oder traurig sein solle. Dass kein Krieg ist. Und dass wir von dem, was hier noch rumliegt, einen Jahr lang leben könnten.

Lektion 3: Es hat genug für alle. Eigentlich.

Containern kann man offenbar auch auf dem Land. Nur ohne Container. Wir bücken uns und ernten einige krause Köpfe. Irgendlink nicht ganz ohne Skrupel, weshalb wir uns gegenseitig beim Weiterwandern erzählen, was wir sagen werden, wenn uns jemand des Kohldiebstahls bezichtigen würde. Unsere Geschichten werden skuriller, je weiter wir wanderen.

Zurück beim Auto, das nahe beim dörflichen Werkhof auf uns wartet, finden wir weitere Sujets. Auch hier wieder Abfall. Überfluss. Reichtum.

Lektion 4: Schönheit ist überall und liegt im Auge der Betrachtenden. Kunst auch.

Lektion 5: Spielen macht Spaß.

Am Abend gabs – wen wundert’s? – Kohl. Kohlroulade, blanchierte und mit Kicherbsen-Gemüse-Zöix gefüllte Kohlblätter. So lecker.

Und über die Krönung unserer Kohl-Performance kichern wir noch immer. Unsere neue Kunstrichtung heißt nämlich Des Kaisers neue Fürze.

In Teufels Küche und zurück

Kennst du eigentlich Hinterweidenthal?, fragt der Liebste beim Spätstück. Er schmiert sich genüßlich ein Brot, sein Appetit kehrt offensichtlich zurück.
Hinterweidenthal? Ich runzle die Stirn. Joke oder wahr?, überlege ich, gewohnt daran, dass Irgendlink zuweilen schräg denkt und gerne mit Wörtern spielt. Hinterweidenthal klingt definitiv gut erfunden. Befinde ich. Schüttle den Kopf. Warte, was nachkommt.
Da könnten wir geocachen* heute, sagt er nun. Wenn du magst.
Ich zücke mein iPhone, öffne die Geocaching-App* und weiß zehn Sekunden später, dass es diesen Ort tatsächlich gibt – mitten im Pfälzerwald – und dass er eine ziemliche Cachedichte hat. Was für Sehenswürdigkeiten spricht. Der Teufelstisch – klingt das nicht mirakulös?
Ist es auch!,
bestätigt Irgendlink. Ich lade mir auch gleich noch den Cache „Tunnelblick“ aufs iPhone und ein paar weitere. Mal schauen, wie wir mögen. Beide sind wir noch auf Halbmast, doch es zieht uns mächtig raus in die Natur, raus in den Wald.
Die Anfahrt beschert uns den Blick auf eine Großbaustelle namens B 10. Neue Straßen werden gebaut, ganze Waldabschnitte wurden dazu gerodet. Rote Erde liegt offen. Mondlandschaften. Unterwegs in Teufels Küche? Da geht es heiß her, wie man sieht. Kalte Küche wäre hier undenkbar.
IMG_2933b_fB
Wir wandern vom Parkplatz zur Tischplatte des Teufels und staunen über dieses Kunstwerk der Natur. Uralt. Verwittert. Roter Buntsandstein. Erodiert. Magisch.
IMG_2940_fB
Anschließend wandern wir zum Geocache „Tunnelblick“, den Irgendlink aka Pfaelzer vor vielen Jahren versteckt hat. Eine wunderschöne Ecke, trotz naher Bundesstraße. Wir hören nichts außer Vogelgezwitscher und unsere Echos, die wir im Tunnel klingen lassen.
Friedlich und still ist es hier. Zuerst zaghafte Regentropfen, kurz nur, dann Frühlingssonne vom Feinsten.
IMG_2927_fB
Unterwegs schießen wir das eine oder andere Bild, ein Regenbogen guckt kurz zwischen den Wolken hervor und wir zwei kommen langsam wieder zu Kräften.
Betreten auf eigene Gefahr – müsste das nicht überall im Wald stehen? Im ganzen Lebensdschungel? An jeder Hausecke, sage ich, als ich diese Tafel hier sehe. Das ganze Leben ist Betreten-auf-eigene-Gefahr!
IMG_2932_beab
Unterwegs bunter Kleinkram …
IMG_2942_fB
Und zu guter Letzt auf dem Rückweg noch ein Abstecher in Blinkyblankys Atelier.
Wie bunt Leben doch sein kann!
__________________________________________
Bilder:
undogmatische Appspressionismen (iPhoneArt mit Gimpunterstützung).
* Geocaching ist eine Outdoor-Schatzsuche in der realen Welt. SpielerInnen dieses Spieles versuchen, versteckte Behälter, Geocaches genannt, mithilfe eines Smartphone oder GPS-Gerätes zu finden, um anschließend ihre Erfahrungen online zu teilen. Mehr auf www.geocaching.com.

Die spinnen, die GeocacherInnen*

Also wirklich! Wenn man schon lesen kann, dann sollte man es auch tun. Vorher. Aber, wenn ich ehrlich bin, ist es gut, dass wir es vorher nicht gelesen haben. Ein Nachher wie jetzt hätte es wohl so nicht gegeben. Muskelkater allerdings auch nicht.
Der am Morgen gefasste Plan, den voraussichtlich einzigen halbwegs schönwettrigen Tag dieses Wochenendes – nach Regen- und vor Schneetagen – mit einer kleinen Geocache-Tour* auf dem Bözberg zu vergolden, klingt verheissungsvoll. Den Bözberg kennt Irgendlink aus seiner Jugendzeit – von einer Radtour zu einem Freund seines Vaters. Und da diese nicht unerhebliche Erhebung, die den stolzen Namen Berg trägt, praktisch um die Ecke liegt, steht diesem Plan nichts im Weg. Wir fischen im Netz ein paar Koordinaten von Geocaches, die in der Nähe voneinander liegen und begeben uns auf die Spuren der Römer. Klingt es denn nicht schön, als Geocaches Suchende einer armen Magd zu helfen oder auf dem Römerweg zu wandern?
Bald parken wir auf einer kleinen Straße, die in einen Feldweg mündet. Auf Irgendlinks Vorschlag hin, parke ich in einem zweiten Anlauf ein bisschen mehr auf die Wiese als beim ersten Mal. Für den Fall, dass ein Traktor käme. Man weiß ja nie.
Eisiger Wind schlägt uns entgegen. Wie froh ich um meine Handschuhe bin. Dass ich zwei Stunden später schwitzen werde, kann ich mir nicht vorstellen, als wir vom Altstalden Richtung Gallenkirch wandern. Den ersten Cache des Tages haben wir bereits in Neustalden auf dem Vorbeiweg gefunden.

gefunden
Pic by Irgendlink, apped by Sofasophia (Gimp) – Ich logge den ersten Cache.

Der zweite, mein 199. Cache, ist den Römern gewidmet, die sich ja damals im Aargau ziemlich breit gemacht und überall Spuren hinterlassen haben. Auch in meinem Wohnort. Da ganz besonders. Dass sich die Römer nicht immer einig waren, muss ich vergessen haben, lese es aber heute auf einem Gedenkstein, an dem wir vorbeispazieren. Auf dem Bözberg sind auch, so lesen wir weiter, ein paar Schlachten gegen meine Vorfahren, die Helvetier, geschlagen worden. Leider zu Ungunsten meiner Vorgängerinnen und Vorgänger.
Überlebt müssen sie aber trotzdem irgendwie haben, sonst wäre ich nicht hier!, sage ich.
Meine 199 finden wir ebenfalls ziemlich schnell, doch nun fängt das Verwirrspiel an. Da ich mir den dritten Cache zuhause nicht aufs iPhone geladen habe und Irgendlink eine nur rudimentäre Karte geladen hat, die wir auch noch falsch interpretieren, gehen wir zuerst ein Stück in die falsche Richtung. Erst als ich mich entschliesse, den Cache aus dem relativ guten Handynetz zu laden, und wir damit eine gute Karte zur Verfügung haben, wird die Suche einfacher. Wir müssten entweder ein Stück zurück oder einen großen Bogen über den alten Römerweg machen. Zweiterer lockt mehr.
Faszinierend, im Wald dem steinigen Weg mit seinen ausgefahrenen Wagenspuren zu folgen und nach einem Abstieg wieder aufwärts zu wandern. Auf einmal stehen wir an einem Hügel und hören tief unter uns das Wasser rauschen. Genau dorthin, in diese Schlucht hinunter, zeigen unsere Richtungspfeile. Es sind ja bloß vierzig Meter Luftlinie. Nur!?
Ich will quer den Hang hinunter, doch Irgendlink findet diesen Plan lebensgefährlich. Na ja, ich eigentlich auch, aber was wottsch? Irgendwie müssen wir ja runter? Bald finden wir so etwas ähnliches wie einen Pfad, dem wir, mehr rutschend als wandernd, schließlich folgen, nur um nach ungefähr hundert Höhenmetern Rutschpartie einen seriösen, den offiziellen Wanderweg zu finden. Okay, immerhin müssen wir also nicht wieder querwaldauf klettern beim Rückweg. Auch nicht schlecht. Noch sind unsere Schuhe übrigens einigermaßen sichtbar unter der Schlammschicht.
Doch das war ja auch erst der Anfang (frieren tun wir längst nicht mehr), denn noch trennen uns fünfzehn Luftlinienmeter vom Ziel. Ein Klacks. Ungefähr eine Dreiviertelstunde Kletterei in drei Akten. Beim ersten Mal runterklettern schwöre ich mir: Nie mehr! Ein paar Mal verdanke ich mein Leben nur noch einigen jungen Bäumen, die mich abbremsen.
Ein Wanderstab, ein Königinreich für einen Wanderstab!, seufze ich.
Dein Wunsch sei dir erfüllt!, sagt er, stellt sich mir buchstäblich in den Weg und schon geht es viel einfacher. Unten angelangt, suche ich erst Mal eine Weile nach Irgendlink, der nicht den gleichen Weg hinuntergeklettert ist und bereits beim Wasserfall vorne nach dem Cacheversteck gesucht hat. Als ich ihn endlich entdecke, ist er bereits wieder oben. Ohne den Cache gefunden zu haben. Auch ich suche mit den Augen die Gegend ab, doch zugegeben, ich bin heute nicht wirklich scharf darauf, jeden Stein hochzuheben.
Oben kommen wir endlich auf die Idee, die Detail-Beschreibung des Geocaches und seine Gefahrenbewertung zu lesen. Auch der Hinweis auf das Versteck und das, was in früheren Logs steht, sind aufschlussreich.
Wie blutige Anfänger haben wir übersehen, dass der Cache auf einem hohen Terrainniveau eingestuft ist. Auch lesen wir, dass der Cache in der unmittelbaren Nähe des Wasserfalles sein muss. Ich schlage vor, dass wir uns von der oberen Seite dem Wasserfall nähern, was sich aber in der Praxis nicht als ideal erweist. Wieder nach unten gekrabbelt stellen wir fest, dass wir uns doch zu weit vom Cache entfernt haben und so krabbeln wir wieder den Hügel hoch. Irgendwann kommt der Punkt, wo Dreck egal wird. Die Hosen sind bis zu den Unterschenkeln verspritzt, die Schuhe kaum mehr unter dem Matsch zu sehen und die Hände erdbraun, denn sie dienen zwischendurch als Krabbelhilfen, wenn wir uns mit ihnen nicht grad an Bäumen festkrallen.
Erneut oben angelangt beschließen wir, einen allerletzten Versuch zu wagen. Eine dritte Rutschpartie in die Schlucht hinunter – diesmal mit ein bisschen mehr Informationen bezüglich des Verstecks. Wir müssen nach einer Amphore Ausschau halten, wissen wir nun. Und sie muss an einem überschwemmungssicheren Ort sein. Unsere Augen suchen die Gegend ab. Irgendwann hat Irgendlink den Einfall, den Bach zu überqueren. Seine Jakobsweg-Wanderstiefel sind zum Glück wasserdicht und halbschienbeinhoch, sodass er diese Überquerung ziemlich unbeschadet übersteht. Drüben angelangt, steckt er seinen Kopf unter einen tropfenden Felsvorsprung und wird … fündig. Wir jubeln, doch mein Liebster schüttelt sich gleich darauf wie ein begossener Pudel, musste er doch unter eine Art Mini-Wassserfall greifen. In der hübschen, kupfernen Amphore, die er hervorgezogen hat, steckt eine wasserdichte Kunststoffröhre mit einem eingerollten Logbuch, doch wie er seinen und meinen Namen hinkritzeln will, bricht die Bleistiftmine ab. Pech aber auch!
Du hast doch auch einen Logstift dabei?, ruft er über den Bach, um das Tosen des nahen Wasserfalls zu übertönen.
Jaaa, ähm, nein, der ist im Rucksack. Im Auto!, rufe ich zurück. Mach halt Fingerabdrücke mit Lehmpfoten!
Das tut er und mit dem abgebrockenen Bleistiftspitz kritzelt er sogar noch unsere Initialen in die Abdrücke. Köstlich und echt römisch!
Das größte Abenteuer steht ihm aber noch bevor. Das wiederverpackte Teil muss zurück in die nasse Höhle. Einen heißeren Strip habe ich noch nie erlebt. Mütze, Outdoorjacke, Faserpelz, Pulli, T-Shirt lässt er elegant auf einen Stapel fallen und schließlich steckt er todesmutig seinen Kopf in die Tropfsteinhöhle, um das Ding wieder an seinen Platz zu legen. In uns allen steckt eben ein kleiner oder großer Held! Und dieser schafft es später sogar (mit meiner Schiebehilfe) das Auto aus der schlammigen Wiese herauszufahren.
Selber schuld, denk ich nur, ich hätte es eben nur halb in die Wiese gestellt.
Die folgende Montage erzählt die Geschichte unserer kleinen großen Schatzfindung.
eine kleine geschichte_sm2

(Draufklick für groß)

__________________________________________
Bilder:
Undogmatischer Appspresionismus (iPhoneArt mit Gimpunterstützung)
* Geocaching ist eine Outdoor-Schatzsuche in der realen Welt. SpielerInnen dieses Spieles versuchen, versteckte Behälter, Geocaches genannt, mithilfe eines Smartphone oder GPS-Gerätes zu finden, um anschließend ihre Erfahrungen online zu teilen. Mehr auf www.geocaching.com.

Im Kiental oder die vielen Herzen in meiner Brust

Als ich vorgestern Abend C. per Mail den spontanen Vorschlag gemacht hatte, ihren Geburtstag mit ihr zu verbringen, hatte ich nicht ahnen können, dass sie für ihren Geburtstag, gestern, mit einer Freundin eine kleine Wanderung im Kiental geplant hatte. Und noch weniger ahnte ich, dass diese Freundin ganz kurzfristig aus gesundheitlichen Gründen absagen musste. Doch wusste ich um meine Sehnsucht nach den Bergen, die ich schon fast zwei Jahre nicht mehr gestillt hatte. Diese unstillbare Sehnsucht gilt insbesondere den Bergen des Berner Oberlandes. Nein, ich war keine Lückenbüßerin, denn C. wäre auch alleine gegangen. Mein Vorschlag passte dennoch perfekt, haben wir uns doch fast drei Jahre nicht mehr gesehen (siehe mein Blog).
Als nun gestern Vormittag C., die ich für mich gerne Wahl- oder Adoptiv-Mutter nenne, anrief und nachfragte, ob mein Vorschlag noch gälte, musste ich nicht lange überlegen. Schon kurz darauf setzte ich mich ins Auto, überlebte ein paar lästige Staus und tauchte auf einmal, Thun hinter mich lassend, in die Märchenwelt des Oberlandes ein. Magie pur.
Versuche ich zu beschreiben, wie ich mich fühle, wenn ich in die Gegend der wilden, reine Bergbäche eintauche, in diese Welt der satten Wiesen, die so grün sind, dass die Augen sich erst daran gewöhnen müssen, leises Glockengebimmel im Ohr, will es einfach nicht gelingen. Diese Farben, Gerüche, das Licht – all das, was das Schweizer Klischee nährt … Nein, Worte sind so unzulänglich. Auch lässt sich nicht beschreiben, was das alles mit mir macht. Dieses freie Atmen. Dieses Glück.
Von Reichenbach aus, wo wir uns treffen um mit nur einem Auto weiterzufahren, gelangen wir über eine schmale, kurvenreiche Straße nach Kiental. C. ohne ihre Hündin Shanta zu sehen, die vor ein paar Wochen altershalber gestorben ist, tut weh. Doch zu wissen, dass Shanta ein schönes Hundeleben gelebt hat, tröstet.
Wie oft wir diese Wege hier miteinander gelaufen sind!, sagt C. . Ihre Hand zeichnet einen großen Kreis.
Und ich? Ich war ewig nicht mehr hier. Schade eigentlich. Das letzte Mal? Da war doch dieses Openair, 2006, wo meine Lieblingsband sogar gespielt hat. Ich glaube, das war das letzte Mal. Aber nicht das letzte Mal, hoffe ich.
Wir fahren hinter Traktoren her, die von jungen Burschen gesteuert werden. Bergheuet. Emd, der zweite Schnitt. Heublumenduft. Alles Handarbeit. Mit Sense und Heurechen. Die Hänge zu steil für Motormäher. Es riecht, wie es nur im Sommer in den Bergen riechen kann. Ich romantisiere. Ich schöne mir die Welt zurecht, kann nicht, will nicht glauben, dass sich diese jungen Kerle und Mädels weit weg in die Stadt wünschen. Den Geruch von Bergwiesen, Schweiß und Stall, der ihnen anhaftet, für immer abgewaschen.
Nein, auch ich könnte hier wohl nicht immer leben. Nicht wegen der Umgebung, eher wegen den Menschen oder ihren vermeintlichen Erwartungen an mich. Dennoch mag ich sie, die OberländerInnen, ich mag ihren singenden Dialekt, der sich vom stadtbernischen doch sehr unterscheidet. Eher schon nähert er sich dem noch knorrigeren der WalliserInnen an. Die Landschaft, in der wir aufwachsen und leben, formt uns. Unser Denken, unsere Sprache, unsere Gefühle. Berge prägen. Täler prägen. Auch wenn es nicht meins ist, fühlt es sich so richtig richtig und existentiell an, dieses Bauern- und Landleben, dass sich auf den ersten Blick auf Melken, Käsen und Heuen beschränkt, auf Vieh- und auf Forstwirtschaft. Erinnerungen an meine Landdienste im Oberland – ich muss 17 oder 18 Jahre alt gewesen sein – tauchen auf. Wie ich täglich die Eier aus dem Stall holte, im Kuhstall half, die Kälber fütterte, die Kinder betreute. Jahre später, mit einem jungen Bauern liiert, als Hebamme bei einer Kalberete mit dabei, einer Zwillingsgeburt, bei der das erste Kalb tot zur Welt kam und wir, es war mitten in der Nacht, mit vereinten Kräften das zweite lebendig herausziehen konnten. Blut an den Händen. Das wackelige Kalb, die leckende Mutterkuh. Bilder flitzen in Sekundeschnelle vorbei. Später, mit meinem damaligen Partner H. auf B.s Alp. Ein paar Tage, an denen wir fast ausschließlich von Käse, Milch und Brot lebten. Und uns nichts fehlte. Wie anders könnten wir leben …
Im kleinen Dorfladen kaufen wir Ziegenkäse und Brot. Wie wir der Kien, diesem unbeschreiblichen, wilden Bergfluss, der durch graues Schiefergestein fließt, entlang wandern, später picknicken und weiter bergan steigen, wird mein Herz ganz still. Eine Stille, die mich noch bis heute begleitet. Dieser Stille verdanke ich es, dass ich meinen Plan, spontan noch Freundin M. oder eine andere meiner Berner Freundinnen zu besuchen – es zumindest zu versuchen –, nicht umgesetzt habe. Nur auf dem Berner Friedhof war ich noch. Frieden tanken.


__________________________________________________
Bilder: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).