Die Sache mit den Träumen

Frau Samtmut hat mich angesteckt. Obwohl … Ich habe ja schon immer gerne geträumt und das im Traum Erlebte aufgeschrieben, aber dass ich mir vorgenommen hätte, zu einem bestimmtes Thema oder Wort zu träumen, ist mir vorher nie eingefallen. Seit Frau Samtmut Wörter gesammelt hat, um sie in der Traumwelt zu beackern, stelle ich mir am Abend zuweilen vor, worüber ich träumen könnte.

Nun ja, zuweilen ist bisher nicht mehr als ein Vorsatz. Gemacht habe ich es ja erst einmal. Gestern. Im Fieberdelirium. Nach der Arbeit hätte ich eigentlich mit Freundin L. (1) thermalbaden gehen wollen − mein diesjähriges Geburstagsgeschenk von ihr, schon mehrmals verschoben − doch aus mir unerfindlichen Gründen konnte ich mein Auto − oder wohl mein „Selbst“, wenn wir das Wort wortwörtlich nehmen − nicht starten. Für Rad oder Zug war ich zu müde, zumal ich im Grunde total den sozialen Overflow hatte; und kalt war mir auch. Und heiß. Fieber ein wenig. Der Tag war intensiv gewesen. Neben etwa vierzig bis fünfzig Mails klingelte dauernd das Telefon (ich müsste mal zählen!) und ständig klopfe es an der Tür und alle mussten kurz, wollten schnell, möchten was … und nebenher hätte ich ja auch noch ein paar andere Dinge bearbeiten sollen. Eigentlich.

An so Tagen wie gestern, an so Abenden vor allem, bin ich davon überzeut, dass ich doch nicht zur fähigen Dienstleisterin tauge, für die ich mich bisher gehalten habe. Oder schon, aber anders. Weil ich immer alles gebe. Und danach bin ich leer. So leer, dass ich gestern, als das Auto nicht anspringen wollte, meiner Freundin absagte und mir ein heißes Bad einlaufen ließ. Traurig zwar das eine, herrlich dafür das andere.

Später, im Bett, Tatort „Vebrannt“ gucken (empfehlenswert!). Früh das Licht löschen und als letztes an Samtmuts Traumexperimente denken. An Hallimasch, Emils Wortwunschbeitrag, und an den Knoten im Schlauch, den ich vorgeschlagen habe.

Dass ich danach einen so wunderbaren Traum träumen konnte, der mit einer alten, noch immer oft blutenden Wunde zu tun hat, überraschte mich. Im Traum war die Wunde, das Trauma, jedoch ungeschehen. Ich träumte, als wäre alles gut. Als wäre da nie ein Knoten gewesen. Im Schlauch. Auf dem ich noch immer viel zu oft stehe. Seltsam das.

Seltsam auch, dass das Auto heute wieder lief als wäre nichts gewesen. Eine Erweiterung meines Körpers, auf den ich gestern nicht hatte hören wollen?

[Und mein Scheff im Büro meinte sogar, er hätte mich abgeholt, wenn das Auto nicht gegangen wäre. Damit ich bei diesem Ekelwetter nicht hätte radeln müssen. Flott das!]

Keine Rolle mehr

Langsam erwachte ich heute aus einem sehr farbigen Traum. Ich hatte Besuch von Menschen, die ich nicht kenne und auch im Traum nicht kannte. Meine erste Besucherin war eine mir unbekannte Frau. Sie sah sich die Bilder an meinen Wänden an, doch es war nicht meine aktuelle Wohnung, auch keine meiner früheren. Eher war es eine Art Galerieraum mit riesigen Fenstern, den ich als meine Wohnung betrachtete. Immerhin stand mittendrin ein Bett, das im Traum mein Bett war. Ein großes Bett, eins für richtig große Träume denke ich jetzt, aber auch dieses Bett war nicht mein „richtiges“ Bett aus meinem aktuellen Leben. An den Wänden hingen große, auf Rahmen gespannte Leinwände, die wie gemalt aussahen. Es waren aber Appspressionismen, also von mir offenbar zu einem früheren Zeitpunkt mit Foto-Apps gestaltete Bilder. Keines kam mir aber wirklich vertraut vor. An keines konnte ich mich erinnern, auch nicht an den Schaffensprozess, weder im Traum noch im echten Leben.

Ich identifizierte mich jedoch sehr mit den Bildern, sie mussten also – so sagt mir mein Traumwirklichkeitsgefühl – von mir sein. Die Besucherin wählte ein Bild aus, das noch nicht auf einem Rahmen aufgespannt war, sondern in einer der Kisten an der Wand gesteckt hatten. Es war ein Bild, das ich besonders mochte. Alle Bilder waren eigentlich eher abstrakt und doch auf eine Weise sehr konkret und unmittelbar, so konkret und unmittelbar wie Wolkenbilder und Rorschach-Tests vielleicht. Voller einzelner Elemente, die vom einen ins Nächste führten, wenn man sich einließ. Bilder wie Labyrinthe. Selbst ich war fasziniert. Meine Bilder kosteten alle um die Fr. 1000.–, doch so viel Geld hatte die Frau nicht dabei. Ich durfte es ihr weder schenken noch günstiger geben, das war uns beiden klar.. Ich legte also zur Sicherheit das Bild unter mein Bett, bis sie mit dem Geld zurückkommen würde.

Sherlocks LupeNächste Szene: Eine Frau mit einem Kind besucht mich. Ich scheine sie flüchtig zu kennen. Sie entdeckt die Bilder, obwohl sie eigentlich wegen mir da ist, mich besucht. Sie ist hin und weg von meinen Bildern, was mich eigentümlich berührt, mehr als von einem Menschen, den ich nicht kenne. Weil sie mehr sieht, weil sie dahinter sehen kann. Sie murmelt, dass sie nicht verstehen könne, warum ich nicht längst „entdeckt“ worden sei. Meine Bilder seien einfach einmalig. Ihr Kompliment schmeichelt mir, ich merke, dass sie es ernst meint, dennoch weiß ich natürlich, dass meine Bilder, da ich ein NoName bin, niemanden außer ein paar Fans, ansprechen werden. Ich bin zu leise, ich bin zu beliebig, zu unauffällig, zu wenig Mainstream. Und ich kenne den Markt. Weiß wie Hypes entstehen. Mache mir da nichts vor, obwohl ich weiß, dass diese Bilder gut sind.

Das Kind hat sich auch vor die Bilder gestellt und ist total vertieft in die Betrachtung. Es erzählt, was es alles sieht und erlebt, was ihm aus den Bildern entgegenkommt und ihm begegnet. Mir kommt es vor, als wäre das Kind, es ist so ungefähr fünf bis sieben Jahre alt, nun wie in Trance, als wäre es ein Teil meiner Bilder geworden. Es wirkt wie eingetaucht. Gerade sagte ich zu der Frau, dass das übrigens keine Gemälde seien, sondern Bildbearbeitungen, die ich auf digitalen Medien geschaffen habe. Sie kann das kaum glauben.

Inzwischen liegt das Kind unter meinem Bett und betrachtet, auf dem Bauch liegend, das Bild, das dort für die andere Frau bereit liegt. Es ist total begeistert. Auch das Kind mag das Bild sehr. Ich selbst bin einfach nur total gerührt, wie sehr sich Kind und Frau auf die Bilder einlassen können. Wie sehr sie von den Bildern berührt werden. Das macht mich unglaublich froh.

Irgendwo in diesen Traumsequenzen drin, mitten drin, bin ich dann auf einmal in meiner echten, aktuellen Wohnung, die allerdings im Traum viel größer und geräumiger ist als in echt. Ich habe einen doppelt oder dreimal so großen Küchenwohnraumteil. Dort stehen im Traum nicht nur ein Tisch mit Stühlen, sondern gleich zwei. Es ist Morgen und ich wusle wie üblich noch im Pyjama herum. Meine Mutter hat Geburtstag und sie will, mit meinem Vater und andern Verwandten, um 11 Uhr zu mir kommen. Sie wohnen – obwohl sie schon lange gestorben sind – in diesem Traum in einer anderen Wohnung im selben Haus. Kurz vorher bin ich kurz oben bei ihnen gewesen, um etwas zu holen/fragen. Nun wusle ich also durch meine Wohnung, räume da und dort ein bisschen auf und habe die Zeit vergessen. Auf einmal klingelt es. Elf Uhr. Huch, die Verwandten! Und ich noch immer im Pyjama. Die Leute kommen herein, viele sind es, und immer kommen noch mehr. Ich denke: Huch, ich bin ja noch ungeduscht! Und mein Yoga hab ich auch noch nicht gemacht. Das geht doch so gar nicht. Ich fühle mich nackt und ungeschützt und alle kommen in meine Räume und tragen die Schuhe an den Füßen, was ich überhaupt nicht gerne habe.

Ich lasse die Leute Platz nehmen und will mich schon zurückziehen, da rufe ich laut: Alle sofort die Schuhe ausziehen! Bitte! Also ziehen die Leute widerwillig ihre Schuhe aus. Alle genau dort, wo sie sind/sitzen/stehen. Was ja nun auch nicht wirklich etwas bringt. Außer Chaos. Alle schauen sich ungeniert um und sehen ebenfalls überall meine Bilder an. Ab hier an sind wir alle auf einmal in jener anderen Wohnung und der Traum geht dort weiter. Später sind die Leute wieder weg und die Frau mit dem Kind kommt.

Die Bilder, das spüre ich, sind ohne inneren Zensor entstanden. In einer Zeit, als ich noch mit dem Herzen gestalten konnte. In einer Zeit, wo ich mich nicht von allem Wissen und all den Maßstäben, wie Kunst zu sein habe, verwirren lassen habe.

Habe ich das? Tatsache ist, dass dieser innere Zensor furchtbar brutal, anspruchsvoll, gnadenlos und ziemlich zynisch ist.

Ich sehne mich zuweilen an meine erste Zeit des Appens zurück, wo ich einfach daruflos gebildert und gekunstet habe ohne viel zu denken. Heute kenne ich mich je länger je besser mit all der Technik, mit all dem Handwerk aus, das ich brauchen kann. Ja, ich kenne wohl auch mich und meine Bildsprache besser. Aber, und da hänge ich fest, ich bin heute weniger spontan denn je. Beim Bildern vor allem, aber auch oft beim Schreiben. Auch dort stellt sich der Kopf in den Weg und winkt ab.

Wie kann ich mich wieder aus dieser Befangenheit befreien? Wie kann ich den unmittelbaren Zugang zu meinen Bild- und Wort-Bildern wieder finden? Wie erschließe ich mir meine Herzsprache wieder, die ich einmal kannte und konnte? Natürlich darf sie nachher durch all die handwerklichen Filter laufen, aber zuerst soll sie einfach mal unzensiert fließen dürfen. Weil es nämlich genau das ist, was ich am liebsten mache. Es ist dieses freie Draufloskreieren, das mich nährt, das ich brauche, um leben zu können. Um mein Schreiben und Kunsten in seiner ganzen Weite und auch ganz und gar leidenschaftlich erleben zu können.

Tun ohne Denken und Selbstzensur. Mich sein. Wenn mir das gelingt, bin ich glücklich und froh und bei mir, synchronisiert mit mir selbst. Wenn ich keine Rolle mehr spiele, sondern nur noch bin.

Kleines literarisches Experiment #1 – Die Beiträge

Ihr erinnert euch? Vor einer Woche habe ich euch zu einem kleinen Experiment eingeladen? Das hier ist dabei herausgekommen:

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„Atme. Atme. Lauf. Lauf. Atme. Lauf. Vorwärts. Weg. Nicht stolpern. Nur nicht stolpern.“
Nichts anderes konnte sie denken, während sie durch den Wald hetzte. Nasse Zweige schlugen ihr ins Gesicht und gegen ihre Jacke, ihre Schuhe waren völlig durchweicht. Sie spürte nichts davon, konzentrierte sich einzig darauf, wegzukommen. Weg von dem, was passiert war.

Sie spürte, wie ihre Kräfte nachliessen. Die Anhöhe würde sie noch schaffen, doch was dann? Sie wusste nicht einmal, wo sie war. Ihr Handy steckte in Wolfs Tasche und Wolf lag tot in diesem alten Schuppen. „Nicht daran denken. Nicht jetzt.“

Wolf! Sie spürte, wie ihr Herz sich zusammenzog, wollte auf die Knie sinken, die Hände ins matschige Laub am Boden graben, sich hineinwühlen und das Entsetzen aus sich heraus schreien. Doch stattdessen rannte sie weiter. Einen Fuss vor den anderen. Nicht denken, nicht daran denken. Doch was konnte der Kopf schon gegen das Herz ausrichten? Nichts. Mit einem gequälten Aufschrei schmiss sie sich der Länge nach hin, krallte ihre Finger in den Boden, vergrub ihr Gesicht in dem Gemisch aus altem Laub, Moos und Erde.

Wie hatte sich ihr Leben innerhalb von acht Stunden so ändern können? Heute Morgen war sie noch unbeschwert aus dem Bett gesprungen und hatte sich auf die seit langem geplante Wanderung gefreut. Sie hatte ihren Rucksack aus dem Flurschrank gekramt, Brote geschmiert und sich kurz darüber geärgert, dass es nach der langen Trockenperiode ausgerechnet heute in Strömen regnete.
Wolfs Gesicht tauchte vor ihr auf. Wie er lachend in der Tür stand, um sie abzuholen. Wie er sie daran erinnerte, ihre Regenjacke einzupacken und sie sich darüber lustig gemacht hatten, dass sie am besten auch noch das Schlauchboot einpacken sollten, falls der Regen sie wegspülen würde.

Sie atmete den erdigen Geruch des Bodens ein und beruhigte sich etwas. Sand knirschte zwischen ihren Zähnen. Sie setzte sich auf, spuckte aus und wischte sich das Gesicht ab. Langsam verebbte ihre Panik und sie beschloss, zurück zu gehen.

Sehr weit war sie bei ihrer Flucht nicht gekommen und viel schneller als gedacht gelangte sie wieder an dem alten Schuppen an, in dem sich Wolf befand. Ihr Verstand weigerte sich zu akzeptieren, dass er tot sein sollte. Sie drückte einen Moment ihre kalten Finger auf ihre Augen, öffnete sie wieder und schob zögernd die Tür des alten Verschlags auf. Muffige Luft schlug ihr entgegen und sobald ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah sie die Schemen der zwei Männer auf dem Boden liegen.

Kein Traum.
Sie ging hinüber zu einem der Männer und drehte in um, damit sie sein Gesicht sehen konnte. Wolf. Das vertraute Gesicht, das sie seit ihrer Kindheit begleitet hatte. Es hatte Momente gegeben, da sie sich aus den Augen verloren hatten, doch sie hatten immer wieder zueinander gefunden. Wolf. Ihr Kindheitsfreund, ihr bester Kumpel, immer war er da gewesen, wenn sie ihn gebraucht hatte. Und hier lag er nun, ganz still und kalt. Vorsichtig nahm sie seinen Kopf in ihre Hände und bettete ihn auf ihre Knie. Sie schloss seine halbgeöffneten Augen und seinen Mund und drückte ihm einen zarten Kuss auf die Stirn. Etwas, das sie zu Lebzeiten nie getan hatte. Sie strich über seine Wange und bemerkte erst jetzt, dass ihre heissen Tränen auf sein Gesicht tropften, so dass es aussah, als würde er selbst weinen. Sie wiegte ihn in ihren Armen, schaukelte hin und her und flüsterte seinen Namen. Tränen und Rotz vermischten sich, und trotzig wischte sie beides mit ihrem nassen schmutzigen Ärmel weg. Sie legte ihren Kopf in den Nacken und ihrer Kehle entrang sich ein Laut, wie sie ihn noch nie von sich vernommen hatte. Ein langes heisseres Schluchzen, ein gedämpfter Schrei, irgendetwas dazwischen, ein Urlaut der Trauer.

Mit zitternden Händen legte sie Wolfs Kopf auf einem kleinen Haufen Stroh ab, wischte sich erneut übers Gesicht und wandte sich der anderen Gestalt am Boden zu.

Da lag er. Sie hatte ihn getötet. Ein Mann in ihrem Alter, ungepflegt, seine Kleidung abgetragen und teilweise verschlissen.

Als sie im Schuppen Schutz vor dem Regen gesucht hatten war er aus einer dunklen Ecke auf sie gestürzt, hatte Wolfs Kopf so brutal herum gerissen, dass sein Genick brach und sich anschliessend ihr zugewandt. Als sein verwirrter Blick auf sie fiel hatte sie in völliger Panik nach dem ersten Gegenstand gegriffen, der ihr in die Hände fiel – eine alte, schmutzige Heugabel – und sie ihrem Angreifer entgegen gerammt.
Eine der Zinken hatte seinen Hals komplett durchbohrt. Das sah sie aber erst jetzt, da sie ihn genauer anschaute. Vorher war sie voller Entsetzen davon gelaufen.
Sie fasste ihn nicht an, betrachtete die Leiche nur aus der Entfernung und ohne Vorwarnung erbrach sie sich krampfhaft auf den schmutzigen Schuppenboden.

Sie fühlte sich unendlich müde. Unendlich schwer. Jede Sekunde schien ihr eine Ewigkeit zu sein. Langsam drehte sie sich zurück zu Wolf, nahm ihre restliche Kraft zusammen und zog ihr Handy aus seiner Tasche. Sie wählte den Notruf und legte das Handy auf den Boden. Sie hatte keine Kraft, mit irgendjemandem zu sprechen. Man würde sie schon finden. Dann legte sie sich neben Wolf, zog ihn in ihre Arme, schloss die Augen und wartete.

Schnipseltippse

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Ein dunkler Raum, vier Beine, eine Blutlache, zwei Menschen, Sonntagabendstandbild. Sie starrt darauf. Ihre Hand hält die Fernbedienung, ihr Daumen findet das Aus. Sie schüttelt das Bild von ihrer Netzhaut. Vier Beine, eine Blutlache, zwei vermisste Menschen. Nun werden die Kommissarios wieder jagen und suchen und am Ende finden, heute ohne sie. Sie starrt noch immer auf den Schirm ohne Bild, als liesse sich ein Neu dort finden, ohne Suche, ohne Jagd, einfach so, weil sie es vermisst.

Ulli

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Das Echo meiner Schritte tut weh. Jedes ­Mal, wenn meine Füße auf den Beton treff­en, explodiert etwas in meinem Kopf. Ich­ stelle mir vor, wie die Explosionen nac­h und nach alle Erinnerungen löschen, wi­e der Regen, der mir ins Gesicht peitsch­t, die entfachten Feuer in meinem Hirn l­öscht und die Asche zuverlässig wegspült­. Ich muss nur lange genug weiter laufen­, dann ist nichts mehr da, dann ist nich­ts geschehen. Dann ist die Wahrheit nich­ts als ein dunkles Loch, ein Raum, den i­ch nie betreten werde. Wenn ich immer we­iter laufen könnte, Tage lang, Nächte la­ng, würde ich schließlich an einen Punkt­ kommen, an dem sich die Zeit gabelt, un­d ich wählen kann, zwischen dem Weg zurü­ck in die Vergangenheit, oder einer Gege­nwart, in der ich nur immer weiter laufe­n kann. Vermutlich bin ich dabei, den Ve­rstand zu verlieren, aber wie gerne gäbe­ ich meinen Verstand, um wieder mit Piet­er und Mareike zusammen zu sein. Um sie ­noch einmal zu suchen, dieses Mal mit de­r Aussicht auf Erfolg.

-anonym

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Jetzt werden sie immer Vermisste bleiben. Dieser eine Satz. Fast unhörbar tauchte er auf, setzte sich in ihr fest, schwoll an. Auch das Bild, wie die beiden da auf dem Boden lagen, würde sie nie mehr loswerden. Sie hatte noch nie tote Menschen gesehen. Dass sie rannte, merkte sie erst, als ihre Lunge zu brennen anfing. Die Nacht war jung, nass und kalt. Dunkelheit, Regen und feuchte Haare verboten ihr die Sicht, aber ihre Füße kannten den Weg.

-Sofasophia

Besser oktobern

Manche Monate haben für mich kaum eine eigene Gestalt. Immerhin hat die schwedische Band Easy October dem mir bis anhin farblosen Monat Oktober vor zwei Jahren endlich Farben gegeben. Und Gerüche.

Nowhere But Here - Vol.1 cover artDass ihre dritte CD Nowhere But Here bereits im April 2015 erschienen ist, habe ich erst heute gemerkt. Was gut ist. Denn bessere Oktober-Musik gibt es für mich einfach nicht. Wenn man denn auf Hippiesound steht wie ich. Alle Stücke zum direkt anhören gibt es hier → klicken.

Seit ich Easy October kenne, ist Oktober für mich warm und weich; er riecht nach Holzfeuer und Herbstwind, nach goldenem Sonnenlicht und nach Regen. Er ist ein bisschen dunkel, aber diese Dunkelheit macht keine Angst, denn sie ist eine dieser Dunkelheiten, die mich in sich birgt und hält und mir Ruhe gibt. Sie bereitet mich auf den November vor, der mich auf den Dezember vorbereitet, der mich auf den Januar vorbereitet. Und dann erst kann ich wieder durchatmen. Denn dann kommt Februar, der ja schon fast März ist und März ist bekanntlich Frühling.

Ja, so eine bin ich. Ich verschiebe allzu gerne das eine oder andere auf später, sogar zuweilen das Leben. Aber Auf-die-lange-Bank-schieben geht definitiv besser mit Musik, die das Herz wärmt.

Jenseits von gut und böse

Sie schwitzt. Nun ja, das ist an sich nichts Ungewöhnliches. Wechseljahre. Medikamente. Nur klebt die Hitze im Bett an ihr, als läge sie auf einer Gummimatte. Auf Plastik oder auf Leder. Das Leintuch ist schuld. Sie weiß es seit Tagen. Eine kleine Wut macht sich breit. Er muss doch wissen, dass sie dieses synthetische Leintuch hasst. Er muss es doch auch hassen! Es fühlt sich an wie Kreide auf Wandtafel, wenn man sich darauf bewegt. Gänsehaut der unangenehmen Art.

Sie schickt sich drein. Bestimmt sind alle andern Laken in der Wäsche. Es wird schon gehen!, sagt sie sich, und: Jetzt tu mal nicht so zimperlich. Sie schläft ja eigentlich recht gut zurzeit. Trotz der unangenehmen Unterlage. Andere haben kein Leintuch, haben noch nicht mal eine Decke. Reiss dich zusammen.

Nachts die Erkenntnis, dass sie vielleicht eine andere wäre, wenn er ein anderer wäre. Oder so: Sie wäre vielleicht weniger freundlich, wenn er nicht so liebevoll wäre − zu ihr, zu allen andern. Sie hätte ihn vielleicht längst angeschnauzt, divaesk nach einem anderen Leintuch geschrieen, wenn er nicht so ein respektvoller Mensch wäre. Es steckt ja keine böse Absicht dahinter, dass er ihr dieses Leintuch zumutet. Sie reitet auf dem Leintuch herum. Dreht sich, wendet sich. Schwitzt.

Was wäre, wenn er so wäre wie … In früheren Beziehungen hat sie sich anders verhalten. Direkter, auf eine wunde Art fordernder. Eine Art, die sie heute und hier nicht braucht. Viele Wunden sind verheilt. Oder auf gutem Heilweg zumindest. Dank ihm. Aber die Aggression, aber die Wut, sie ist noch immer da. Ob sie ein Teil ihrer selbst ist, fragt sie sich und döst wieder ein. Als sie aufwacht, klebt sie wieder schweißnaß am Laken. Der Ärger ist auch gleich da. Vielleicht sollte sie es ihm sagen? Dass es für sie nicht einfach ist. Dass sie das Leintuch nicht mag.

Er öffnet die Augen. Sie fühlt sich falsch. Die Wut über das doofe Leintuch verdirbt ihr die täglich neue Freude, neben ihm erwachen zu dürfen. Überschattet die Liebe. Dass es das Leben mit ihr so gut gemeint hat. Sie wäre heute eine andere, wenn sie ihn nicht getroffen hätte. Sie fühlt sich falsch. Der Ärger verdunkelt wie Regenwolken ihre Wahrnehmung.

Ich schwitze wie auf einer Gummimatte, sagt sie dann doch irgendwann. Dieses Leintuch ist einfach nicht so mein Ding.
Dann lass uns doch ein anderes drauftun, sagt er.
Wie jetzt? Du hast noch eins? Nicht alle in der Wäsche?
Nö, müsste noch eins da sein.
Oh, hätte ich das früher gewusst! Wie konnte ich denn ahnen, dass du freiwillig so was auf dein Bett tust.
Oh, hätte ich doch gewusst, dass du daran so leidest! Hättest du doch schon früher was gesagt!

Sie fühlt sich wie die Frau in jener kleinen alten Geschichte, die fünfundzwanzig Jahre lang das Knörzche, den Mürggu, jeden Anschnitt jedes Brotes auf den Teller ihres Mannes gelegt und schweren Herzens aufs beste Stück jedes Brotes verzichtet hat, um ihm eine Freude zu machen. Woraufhin er jeden Tag das zähe, harte, doofe Stück Brot heruntergewürgt hat, damit seine geliebte Frau es nicht essen muss.

Das Böse in ihr, es ist immer da. Das Böse? Was ist es überhaupt, dass sie immer wieder sich so leer fühlen lässt? Immer noch. Sie schämt sich, dass sie dieses Was-auch-immer noch immer nicht überwunden hat. Und jetzt? Jetzt taucht zum Bösen noch die Scham auf. Dieser Blick der andern Menschen auf sie selbst, ihr eigener Blick auf sie selbst. So klein, so groß, so übermächtig ist er zuweilen. Als würden alle an ihr nur die Schwächen sehen. Als würden die andern sie überhaupt sehen. Als wäre sie für andere überhaupt so wichtig, dass sie ihr so viel Aufmerksamkeit schenkten, dass sie über ihre Schwächen nachdachten. Sie wahrnahmen.

Die andern. Die Macht, die ich andern beimesse, denkt sie, ist immens. Viel zu viel Macht. Eigenmacht würde mir besser stehen. Wenn ich meinen Blick auf mich selbst statt mit Scham mit Liebe fülle, fühle, wird es anders. Das Bild, das ich von mir habe. Und ich selbst werde eine andere. Hinter und vor dem Spiegel.

Ja, das Böse ist immer da. Sie hat es allerdings in der Hand, wie viel Futter sie ihm hinstellt. Aushungern ist keine Alternative.

Kleines literarisches Experiment #1

Mach mit, wenn du Lust hast:

1.) Ich skizziere in möglichst anschaulichen aber banalen/trivialen Worten (ähnlich einer Szenenbildbeschreibung/Filmdrehbuch oder Regieanweisung), ein bis zwei Szenen.

2.) Du setzst dich hin und schreibst in eigenen Worten über diese Szene/n, so wie du einen Romananfang schreiben würdest. Oder einen Kapitelanfang. Oder diese Szene/n als Teil einer Kurzgeschichte.

3.) Du mailst mir deine Sätze. Ich werde sie demnächst verbloggen – unter Angabe der Namen der AutorInnen (Echtname oder Initialen oder Pseudonym je nach deinem Wunsch). sofasophia (((ät))) lebenswertvoll (((punkt))) ch. [Mailadresse ohne Leerschläge natürlich 🙂 ]

Ziel ist es, uns an der Vielseitigkeit unserer Sprache zu erfreuen. Und uns gegenseitig zu inspirieren. Zu erkennen, wie unterschiedlich wir Dinge nicht nur wahrnehmen, sondern auch ausdrücken.

Ich freue mich auf eine rege Beteiligung. Wer meine Idee aufnehmen will und das gleiche Experiment mit anderen Szenen umsetzen will: Gerne!

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MEINE SZENEN:

Nacht. Eine Frau rennt. Ihr Gesicht ist nass. Die Haare kleben ihr im Gesicht. Niederschlag. Entsetzen im Gesicht.
Schnitt.
Ein dunkler Raum. Zwei tote Menschen am Boden. Todesursache unbekannt. Irgendwie weiß man als ZuschauerIn, dass diese beiden Menschen vermisst worden sind.

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(Das ist ein Traumfetzen von heute Nacht.)

Und nun viel Spaß beim Schreiben. Ich bin gespannt auf eure Texte.

Abgabetermin: 11. Oktober 2015

Kleine Helden braucht das Land. Heldinnen auch.

Was war ich stolz gestern Abend, als wir endlich wieder auf dem Einsamen Gehöft anlangten, Irgendlink und ich. Selbst er war ein bisschen k.o., doch nach mehreren Tagen mit Gegenwind radeln im Hohen Norden, war es für ihn nicht gar so anstrengend wie für mich.

Vierzehn Kilometer mit Gegenwind (Stärke 14) sind für eine wie mich (unsportlich) doch sehr herausfordernd. Und nein, ich bin nicht auf diese Leistung stolz. Stolz bin ich darauf, dass ich mich nicht habe hetzen lassen. Ich mag ja recht beweglich sein, Yogaseidank, aber in Sachen Kondition bin ich, nun ja, eher schwach. War ich schon als Kind. Immer die Letzte bei Klassenwanderungen. Die, auf die man warten musste. Kaum hatte ich aufgeschlossen, war die Pause der anderen vorbei. Und ich? Ich konnte mich natürlich nicht ausruhen, wenn ich nicht schon wieder die Letzte sein wollte.

Nervt es dich, frage ich den Liebsten zuweilen, dass ich so langsam bin?

, sagt dieser, wieso? Sollte es?

Typisch für ihn. Und er meint es sogar so. Weil er nicht vergleicht.

Später reden wir über dieses dauernde Werten und Vergleichen. Schnell ist gut, langsam ist schlecht. Gesellschaftlich verankerte Systeme, die wir uns schon von klein auf überziehen lassen. Oder: Was denken die andern, wenn ich …? Und das da: Ich falle den andern bestimmt auf den Geist, wenn ich so und so …? Alles Bullshit.

Ich kann Dinge, die nur ich so und so kann. Ja, ich weiß, ich wiederhole mich, das hatten wir hier schon. So und ähnlich. Es ist mein roter Faden. Jeder und jede so, wie es ihm und ihr entspricht. Roter Faden und Credo zugleich. Und nicht immer so einfach umsetzbar, wie es klingt.

Nach dem zweiten Besuch dieser Woche beim Radflüsterer D. in Homburg, der für Irgendlink und mich ein paar neue Teile für unsere Stahlrosse bestellt hatte, radelten wir gestern wieder südwärts, aber nicht nach Hause diesmal, sonderen nach Blieskastel, wo wir mit K. zum Kaffee verabredet waren. Rückenwind, ein angenehmer weiter Radweg über Land, durch Wiesen – Herz, was willst du mehr?

Nun ja, die Steigung von Blieskastel unten nach Blieskastel oben ist nicht ohne. Sowohl rauf als auch runter. Runter über Kopfsteinpflaster. Holperdipolter. Schön wars trotzdem. Sehr. Und eigentlich war auch der Rückweg toll. Nur eben … Gegenwind ist nicht mein Lieblingsfreund.  

Das einzige Bild der letzten Tage. Krea-Pause muss auch mal sein.

Windschattenfahren hat zwar Vorteile, aber den einen großen Nachteil, dass man dabei das Tempo des Vorradlers einhalten muss. Was ich irgendwann nicht mehr schaffte. Ich sag nur Kondition.

Über die Triesch dann zurück, bei Gegenwind bergauf. Nun ja, die Erkenntnis, dass ich keine Ferntourenradlerin bin, hatte ich ja schon länger. Ich bin eher die Wandertype. Und ja, ich habe ein bisschen gejammert gestern, nur ein bisschen. Ich darf das. Und ich habe auch ganz oft das Rad geschoben. Pausen gemacht. Meinen Rhythmus ernst genommen. Ich kleine Heldin ich.

Und auf einmal waren wir wieder da, auf dem Hof. Im Frieden mit mir.

Ein paar Bilder vom Followerfest

Freitags mit Emil unterwegs in der Galerie Prisma

 

Samstags auf dem Einsamen Gehöft

 

Sonntags auf dem Einsamen Gehöft

 

Montags auf dem Einsamen Gehöft

Dankbarkeit

Drei Tage bin ich jetzt erst auf dem Einsamen Gehöft, das so alles andere als einsam war die letzten Tage. Wie nach zwei Wochen Ferien fühle ich mich bereits. Nun ja, jedenfalls fast. Aus der Zeit gefallen, wie so oft, wenn ich hier bin. Sonne. Ich sitze am Tresen und hacke diese Zeilen.

Vor vier Stunden ist der letzte (und erste) Gast unseres Followerfestes wieder nach Hause gereist, Freund Emil, dessen Artikel ich als letztes reblogged habe. Und nun kommt die Zeit des Rückblicks. Meine Dankbarkeit ist groß. Dankbarkeit für all diese feinen Begegnungen, dieses Miteinander, Inspiration, Ruhe, Sonne, Lagerfeuer.

Feierabend auf dem einsamen Gehöft| by Sofasophia
Feierabend auf dem einsamen Gehöft | by Sofasophia

Am Samstag, wie Emil heute Nacht bereits bloggte, stand am Abend eine kleine Überraschung auf dem Programm, von der zumindest Irgendlink nicht die geringste Ahnung hatte. Ich habe vorgängig unsere Freundin Silvia gebeten, einige Texte aus Irgendlinks Blog vorzulesen. Dass sie ihren Schauspielerfreund Marc mitbringen würde, wusste ich zwar, aber das auch er lesen würde, war eine Überraschung. Eine ganz tolle. Die beiden wechselten sich gegenseitig ab, was den Texten eine neue Dimension verlieh. Über eine halbe Stunde, so lange nämlich dauerte diese Wahnsinnslesung, war es so ruhig, dass man die berühmte Nadel hätte fallen hören können. Gebannt lauschten wir alle den Texten − und hätten auch noch weiter lauschen können. Für Irgendlink selbst war es wohl zuerst ein wenig seltsam, seine eigenen Texte professionell vorgelesen zu bekommen, doch auch er genoss das Geschenk. Eingebettet war die Lesung in eine Bilderschau ab Beamer und musikalisch umrahmt wurde sie von einigen russischen und deutschen Liedern, die uns Emil teils allein und teils mit der wunderbaren stimmlichen Unterstützung von Frau Rebis darbot.

Zur Lesung von Silvia Bervingas und Marc Lüders auf meiner Soundcloud bitte hier → klicken.

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Gestern dann ein Herbstsonnenwaldspaziergang vom Feinsten. Frau Lakritze, Frau Stefunny und ich haben uns zum Schluss − schon fast wieder zurück auf dem einsamen Gehöft − erdreistet, den berühmten irgendlinkschen Ewigen Birnbaum aus unserer Sicht abzulichten. Und zu bloggen. Was ich hiermit tue!

Followerfest-Sonntag_1.17
Der Ewige Birnbaum | by Sofasophia

Kunstraub? Inspiration? Keine Ahnung. Das Gleiche sehen wir eh alle anders. Dieser je eigene Blick auf das Leben meiner Mitmenschen ist es nämlich, der mich am meisten berührt und inspiriert. Hat. Tut. Immer wieder. Und eben auch an unserem Followerfest.

Followerfest-Sonntag_1.68
Die Füße am Feuer | by Sofasophia

Denn auch Menschen, die ich in den virtuellen Medien kenennlerne, sind echte Menschen, Menschen aus Fleisch und Blut.

Ich danke euch allen!

Heute eher kurz – Emil reblogged

Einmal Kunst bitte, in Farbe
und live erlebbbar für’s Publikum:
Vor Ort sein, Dabeisein zeitigt kurzen Text.

Ein 28er nach Helmut Maier by der Emil

Live vom auf dem einsamen Gehöft des Nordkapritters Irgendlink.

Hagen Grafs Bild vom Publikum beim #Followerfest #AnsKap

Bildrechte CCY 2015 Hagen Graf: Freunde beim […]

Zum Weiterlesen hier klicken: https://deremil.wordpress.com/2015/09/27/270-95/