Leben ohne Träume – reblogged von Zoë Beck

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung von Zoë Beck*
Veröffentlicht am März 27, 2015

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(Dieser Text entstand ursprünglich für die Salzburger Straßenzeitung “Apropos”. In Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus werden Schriftsteller*innen gebeten, sich mit Verkäufer*innen zu treffen und sie zu porträtieren. Ich traf Gabriela im Oktober 2014.)

Zu den Dingen, die man einer jungen Frau Anfang zwanzig wünscht, gehört vor allem: Träume zu haben. Gabriela hat keine Träume. Sie hat zwei Kinder, die bei ihrer Mutter in Rumänien leben, während sie selbst mit ihrem Freund, dem Vater der beiden, in Salzburg ist. Sie ist hier, ich würde nicht sagen, dass sie hier lebt, aber dazu kommen wir gleich noch. Gabriela wünscht sich etwas: bei ihren Kindern sein zu können. Mehr nicht. Ein bisschen mehr Geld haben, sagt sie, damit es reicht, um mit den Kindern leben zu können. Gabriela ist das älteste Kind ihrer Mutter, ihr jüngster Bruder ist so alt wie ihr eigener ältester Sohn.

Es ist kein Pragmatismus, der Gabrielas Wünsche im Leben so sehr auf das Wesentliche reduziert hat. Gabriela hat sich noch nie weggeträumt, fortgewünscht, woanders gesehen. Sie sagt, sie sei gern zur Schule gegangen. Jedes Fach hätte ihr Spaß gemacht. Aber dann sei die Schule eben vorbei gewesen. Sie sagt, in Rumänien gäbe es keine Arbeit, Schuld daran sei der Zusammenbruch des kommunistischen Systems und der Zuzug ausländischer Firmen, aus China zum Beispiel. Ich frage sie, ob denn ausländische Firmen nicht auch neue Arbeitsplätze bedeuteten. Sie überlegt, findet erst keine Antwort, spekuliert dann, dass die Chinesen möglicherweise ihre eigenen Leute mitbrächten. Ihre Eltern, erzählt sie, seien schon lange arbeitslos wegen der ausländischen Firmen und des verschwundenen Kommunismus. Irgendwann einmal war alles besser in Rumänien. Da hatten alle Arbeit, und alle konnten lesen und schreiben. Heute sei das anders. In den Schulen würden die Kinder bevorzugt, deren Eltern den Lehrerinnen und Lehrern Geld zustecken. Dass reiche Kinder mehr Aufmerksamkeit und bessere Noten bekommen, bestätigt unsere Dolmetscherin. Der Rest lässt sie die Stirn runzeln. Ich glaube, sie ist nicht der Meinung, dass früher alles besser war. Aber auch nicht, dass heute alles gut ist.

Ich möchte wissen, wie Gabriela als Kind war. Es war schön, sagt sie. Ich erzähle ihr von einer finnischen Fotografin, die Kinder aus einem Heim so fotografiert hat, wie diese sich sehen wollten. Wie hätte sich Gabriela damals fotografieren lassen? Gabriela kann mir nichts erzählen. Sie hat das Leben genommen, wie es war, sagt sie. Nein, ihre Eltern hätten ihr nie etwas vorgelesen oder Geschichten erzählt. Ihre Eltern seien Analphabeten.

Gabriela hat keinen und hatte nie einen Berufswunsch, oder nennen wir es einmal Berufsziel. Sie würde alles machen, sei sich für nichts zu schade, sagt sie. Ich denke, sie hat meine Frage falsch verstanden. Die Dolmetscherin erklärt mir aber, dass sie schon genau nachgehakt hat. Die Dolmetscherin hat mich sehr gut verstanden. Gabriela sah sich nie als Ärztin, Pilotin, Lehrerin. Auch nicht als Verkäuferin, Köchin, Schneiderin. Ich merke, dass es nicht nur mir schwer fällt, sich dieses Fehlen von Visionen vorzustellen. Auch unsere Dolmetscherin wirkt ratlos. Gabriela lächelt schüchtern.

Sie sagt, die Menschen sind immer nett zu ihr. Nett, aber eigentlich doch auch kühl. Sie steht trotzdem gern vor dem Supermarkt. Dort steht sie zusammen mit ihrem Freund, der jetzt auch zu uns kommt und sich ohne große Worte an den Tisch setzt. Er ist länger in Salzburg als sie, seit drei Jahren. Sie versteht deutlich mehr Deutsch als er. Sie haben einmal in der Woche für eine Stunde Deutschunterricht. Das reicht natürlich nicht. Sie haben keine Gelegenheit, das Gelernte anzuwenden. Sie haben keine engeren Kontakte zu deutschsprachigen Menschen, dafür zu anderen Rumänen.

Natürlich wollen sie zurück. Schon wegen der Kinder. Das Paar lebt in einem Caritaswohnheim. Kleidung besorgen sie sich, wenn sie in Rumänien sind. In Salzburg könnten sie nichts bekommen. Keine Wohnung, keine bezahlbare Kleidung. Die Dolmetscherin schüttelt den Kopf, erklärt den beiden, an wen sie sich wenden müssen. Ich kann an Gabrielas lächelndem Gesicht nicht ablesen, ob sie mit diesen Informationen etwas anfangen wird.

Morgens stehen die beiden auf, gehen an ihren Stammplatz, versuchen, die Zeitungen zu verkaufen, kommen abends nach Hause, essen, schlafen. Sonst macht ihr nichts? Unternehmt ihr nichts?, will ich wissen. Kopfschütteln. Sie seien zu müde. Sie könnten nichts tun. Und dann wäre da ja noch die Sprache. Fernsehen oder Kino sei nicht möglich. Wo solle man außerdem hin.

Gibt es denn nichts, frage ich, was sie gern tut? Hat sie kein Lieblingsessen, zum Beispiel? Gabriela sagt, sie müsse essen, was sie sich leisten könne. Ich sage: Wenn du dir alles leisten könntest? Sie weiß es nicht. Sie kann so nicht denken. Ich verstehe langsam, dass sie es nicht gelernt hat, sich Dinge zu wünschen. Sie hat nur gelernt, das Schicksal zu akzeptieren. Egal, ob es ihr gefällt oder nicht.

Ich muss sie und ihren Freund überreden, sich etwas in dem Café, in dem wir uns treffen, zu bestellen. Der Kellner braucht mehrere Anläufe, um die Bestellung überhaupt aufzunehmen, dann muss er noch mehrfach daran erinnert werden. Erst als ich ihm sage, dass ich die Rechnung übernehme, bringt er ihr den Cappuccino und ihm den Orangensaft. Das Café befindet sich direkt am Bahnhof. Wahrscheinlich wird hier öfter die Zeche geprellt. Trotzdem schäme ich mich dafür, wie der Kellner uns behandelt. Wie er allen klarmacht, dass ich diejenige mit dem Geld bin und deshalb bedient werde.

Was ist das Schöne in ihrem Leben? Woran erinnert sie sich gern? Was tut sie gern? Irgendetwas muss es doch geben. Sie sagt, dass sie ihren Freund kennengelernt hat, das war das Schönste. Und die Kinder. Die übrigens beide Wunschkinder sind.

Was sind die negativen Erfahrungen, was würde sie im Leben ändern? Gabriela weiß nichts wirklich darüber zu sagen, man gewinnt den Eindruck, ihr Leben sei ein steter, ruhiger Fluss. Die Reise darauf ist oft kalt und ungemütlich, aber so ist es nun mal, dieses Leben. Glaubt sie an Gott? Ja, das tut sie. Und Gott wird immer für sie da sein.

Will sie ihre Kinder nicht nach Salzburg holen, wenn die Umstände in Rumänien, was Schule und Ausbildung angeht, so schlecht sind? Darüber hat sie noch nicht recht nachgedacht. Auch da fehlt ihr die Fähigkeit, sich Dinge für die Zukunft auszumalen, sich etwas zu wünschen, daraus Energie zu ziehen und ein Ziel zu haben. Gabriela hat keine Fragen an mich. Die üblichen sozialen Codes sind ihr und ihrem Freund fremd. Sie trinkt nur, wenn ich sie auffordere zu trinken. Sie hat einen schwachen Händedruck, und nachdem ich die Verabschiedung einleite, bleibt sie unsicher sitzen, holt sich die Erlaubnis, aufzustehen und zu gehen.

Gabriela ist eine hübsche junge Frau. Sie hat die ungewöhnlichsten Augen, die ich je gesehen habe: grün mit braunen Streifen, die sternförmig von der Pupille abstrahlen. Sie weiß gar nicht, wie schön ihre Augen sind. Ich glaube auch, dass sie clever ist. Sie hat nur eben nie gelernt, für sich selbst etwas erreichen zu wollen. Ein besseres Leben. Eine Ausbildung. Eine Reise irgendwohin. Demut, denke ich. Eine Tugend? Ihre Demut macht mich wütend. Nicht weil ich denke, dass junge Frauen vom Ehrgeiz zerfressen sein sollten. Sondern weil ich mir für Gabriela wünsche, dass sie ein gutes Leben hat. Sie und ihr Freund und ihre Kinder, vielleicht will ich es vor allem für ihre Kinder. Ich wünsche mir für Gabriela, dass sie Interesse am Leben entwickelt. Freude. Es ist keine buddhistische Gelassenheit, die sie so sein lässt, wie sie ist, sondern die Resignation der Elterngeneration. Wahrscheinlich bin ich deshalb so wütend. Weil man ihr keine Wahl gelassen hat und sie offenbar nie eine Chance hatte, aus dieser Resignation – zumal sie ihr Schicksal auch noch als gottgegeben hinnimmt – auszubrechen.

Ich hätte sie übrigens fast nicht erkannt, aber das sage ich ihr nicht. Das Foto, das man mir von ihr geschickt hatte, zeigte sie mit einer Baseballkappe. Darunter war ein starkes, schönes Gesicht. Ich stellte mir eine rebellische junge Frau vor, die im Leben Pech hatte, aber jetzt erstmal schaut, wo sie bleibt, und weiß, wohin sie will.

Ich wünsche ihr seit unserer Begegnung jeden Tag, dass sie anfängt zu träumen. Und dass sie rebelliert gegen diese Resignation, gegen dieses „Es ist, wie es ist“. Ich will mit dem Eindruck von dem Foto richtig liegen. Ich wünsche es ihr.

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*Quelle: zoebeck.wordpress.com

Nicht besser. Anders.

Türen auf, Türen zu … Mittendrin. Schauen. Wahrnehmen. Was wäre, wenn.

Gemeinsames Werk von neun Malenden

Gemeinsames Warm-Up-Bild von neun MalendenDie Bilder, die ich im letzten Artikel gepostet habe, wie würden sie aussehen, wenn ich am letzten Sonntag daheim geblieben wäre und nicht mitgemalt hätte?
→ Anders.

Wie wäre die Welt, wenn ich nicht da wäre.
→ Anders.

Wie wäre diese Haus, wenn ich nicht darin wohnen würde?
→ Anders.

Nicht besser. → Anders.

So wie du malst,
so wie du sprichst,
so wie du denkst,
so wie du schreibst,
so …
… kannst es nur du.

Daher vielleicht mein Mut.
Daher auch meine Angst vor meinem Mut.

Dieses Nichtwissen, was wird, wenn ich diese neuen Räume öffne. Betrete.

Immer dieses Hoffen auf Heilung.
Immer öfter dieser Wunsch, zu teilen, was mir gut getan hat.

Kitsch?
Die Gefahr des Besserwissertums?
„Weil zu viel Cleansein dem Geist schadet.“ (Zitat: Glumm)

Was dir gut tut?
Tu es.

Am Lebensrad drehen

Die Zeit, die Zeit, die Zeit … Eben hatte sie sich noch tagelang augebläht, ausgedehnt, Gummitwist mit uns gespielt … nun ist sie in sich zusammengesunken, wie ein Käsesoufflé, das ich zu früh aus dem Ofen genommen habe.

Gemeinsames Werk von neun Malenden
Gemeinsames Werk von neun Malenden (Col-Art)

Der Liebste sitzt jetzt wieder im Auto, fährt nordwärts. Ich bin nach elf gemeinsamen Tagen wieder allein. Seltsam leer ist die Wohnung. Seine Gegenwart ist immer so wohltuend, selbst dann, wenn wir alleine vor uns hin arbeiten und lesen … Erst recht, wenn wir etwas zusammen unternehmen. Wandern. Spazieren. Radfahren. Kunst (zum Beispiel gestern im nahen Schwarzwald an einer Col-Art-Aktion mitmachend, siehe die beiden Bilder.)

Fernbeziehung hat aber auch viele Vorteile. Was ich mir zuweilen vorbeten muss. Welche habe ich leider im Moment vergessen. Oder vielleicht diese? Ich kann mich länger auf etwas einlassen. Ich kann konzentrierter an etwas arbeiten. Ich kann.

Ich könnte.

Jetzt zum Beispiel könnte ich endlich meine Liste abtragen (siehe letzten Artikel). Bis 13 Uhr habe ich Zeit für meins. Dann Büro.

Wie gesagt: Ich könnte. Manchmal sind es ja die vielen Möglichkeiten, die machen, dass ich mich reich fühle. Und manchmal sind es gerade die zu vielen Möglichkeiten, die mich stressen.

Gemeinsames Warm-Up-Bild von neun Malenden
Gemeinsames Warm-Up-Bild von neun Malenden (Col-Art)

Heute Morgen verglichen wir Kalender, Termine und Freiräume. Planten ein bisschen. Er seine Reise ans Nordkap mit dem Fahrrad (→ hier mehr lesen) und ich, was ich derweilen (ohne ihn sozusagen) an tollen Dingen mit meinem Sommer anstellen könnte.

Ich miete mir in Mittelschweden ein günstiges Hüttchen an einem kleinen See, sage ich, mit Strom!, Und ich schreibe dort mein Buch. Wenig Komfort. Viel Natur. Das wäre was.

Ich fange an, diese Idee zu genießen, sehe mich auf dem Bootssteg am Tisch sitzend schreiben. Zwischendurch eine Runde Schwimmen oder Rudern und ab und zu mit dem Fahrrad, das zum Häuschen gehört, ins nahe Dorf fahren.

Kennt hier jemand, der jemanden kennt, die oder der jemanden in Mittelschweden kennt? Gegend Falun? Und der ein Hüttchen kennt. Und so. Tipps gerne an mich! (→ Kontakt).

Träumen ist doch fast so schön wie leben.

Mir hinterher sein

Ich bin mir auf der Spur. Langsam aber sicher will ich mich wieder einholen.

soso22
Noch mehr Spuren
  • Eben habe ich die Bilder für den nächsten Pixartix-Galerie-Zyklus („Spuren“), der am ersten April beginnen wird, ausgewählt. Endlich etwas zum Abhaken.
  • Bei der bösen Reiseversicherung reklamieren. Noch nicht abgehakt.
  • Rechnungen schreiben für die Kundinnen der letzten zwei Monate. Noch nicht abgehakt.
  • Drei Webseiten updaten. Noch nicht Abgehakt.
  • Recherchen für Fundraising eines Trauerarbeit-Schreibprojektes endlich abschliessen und Fundraising starten. Noch nicht abgehakt.
  • Trauerbuch-Interview-Fragen formulieren für das erste Interview nächsten Donnerstag. Noch nicht abgehakt.
  • Eigenes Buchprojekt (Arbeitstitel: Weiterleben -> Trauerarbeit, Depression, Heilung) weiterführen. Noch nicht abgehakt.
  • Wohnung putzen, insbesondere die Fenster. Noch nicht abgehakt. (Wie lange habe ich eigentlich schon nicht mehr geputzt? Nein, ich will es gar nicht wissen).
  • Die Zeit mit dem Liebsten genießen und auskosten, solange er noch da ist. Immer nur teilweise möglich.
  • Mit Muße Mails beantworten, endlich mal wieder, ohne Zeitdruck. Immer nur teilweise möglich.
  • Lustvoll Blogs lesen und kommentieren, ohne Zeitdruck. Immer nur teilweise möglich.

Baustellen, eine neben der anderen. Im Büro sieht es ähnlich aus. Ich renne mir hinterher. Ich renne ständig. Ich fühle mich gestresst, oft, und nein, ich mag es nicht wirklich, zumal ich alle Arbeiten (na ja, von Reklamieren und Fensterputzen mal abgesehen) gerne mache. Und ja, ich mag meine neue Arbeit. Sehr sogar. Sehrsehr. Nur eben bitte nicht immer so unter Zeitdruck. Wegen der zwei Konzerte in der Schule, die diese Woche über die Bühne gehen durften, gab es noch mehr als sonst zu tun. Für nächste Woche sind die Musikprüfungen endlich auch aufgegleist, eine Kommissionssitzung steht an, undundund …

Ich lösche Feuer, trage die oberste Spitze des wachsenden Berges ab, horte Überzeit.

Reagieren statt Agieren steht auf ein Post-It gekritzelt und klebt neben meinem Laptop. Ein Blogthema, das mich schon lange beschäftigt. Je mehr Dinge von außen kommen, die getan werden sollten und die ich meistens sogar von Herzen gerne tun will, desto mehr befinde ich mich, dennoch, im Reaktionsmodus.

So bleibt die eigene Aktion, die Kreativität, die kreative Energie zurzeit der Traumwelt vorbehalten. Ich träume aktuell sehr lebhaft, sehr bunt, oft krass surreal, sehr schräg zuweilen. In Zeiten von wenig Freiraum, so fällt mir auf, übernehmen die Traumgeister oft das Ruder und färben mein Leben ein.

Gut so.
Gut ja.
Gut ist gut genug.

Bloggen, mal wieder, ja, auch das steht auf meiner Liste. Abhaken?

Parallelen

Gestern hat Irgendlink (hier) bloggenderweise über Paralleluniversen nachgedacht. Ein Thema, das mich auch immer mal wieder streift, mit dem ich hin und wieder gerne flirte. Ich weiß echt nicht so recht, was ich darüber denken soll.

Ich mag den Gedanken, dass ein anderes Wesen, das auch ich bin, oder so ähnlich irgendwie, Seiten von mir lebt, die ich hier auf diese Weise nicht lebe, nicht leben kann. Weil ich zu wenig Zeit habe zum Beispiel oder zu wenig Energie. Womöglich gibt es da ein paar andere Ichs, die auch ich bin (ähm, oder sind?), die viel mutiger, böser, frecher, braver sind als das Ich, das ich hier bin. Wenn oder falls es denn Paralleluniversen gäbe.

Zuweilen überlege ich mir, ob ich in einem Paralleluniversum wohl Bestsellerschundromaneautorin wäre und in einem andern Philosophie- oder Literaturprofessorin? Und manchmal stelle ich mir vor, dass wir unsere Auch-Ichs in unsern Träumen besuchen oder beobachten. Und ich frage mich, ob es unsere Auch-Ichs sind, die unsere Wünsche mitbringen in dieses Ich-Leben hier. Und wie steht es wohl mit unseren Sehnsüchten? Womöglich sind sie auch die, die unseren Hunger nach Mehr und damit unsere latente Unzufriedenheit kreieren.

Erklärungsansätze der etwas anderen Art.

Psychologisch betrachtet ist das Glauben an Paralleluniversen vielleicht ein Krankheitsbild. Flucht vor der Wirklichkeit. Ob Internet ebenfalls eine Art Paralleluniversum ist, oder mein Blog? Alle meine Avatare und Pseudonyme da und dort.

Egal.

Ich kann, zumindest wenn ich wach bin, nur dieses eine Leben leben. Oh, das klingt ja furchtbar moralisch.

Macht nichts, tröste ich mich, eins meiner Auch-Ichs hält bestimmt einen besseren Schlusssatz bereit. Vielleicht bloggt es sogar auch gerade jetzt – falls es woanders auch Blogs gibt.

Nun denn, ihr da draußen, ihr meine Auch-Ichs und alle andern … den Schlusssatz müsst ihr euch heute selbst ausdenken.

Frühlingseidank

Seit Freitag scheint die Sonne.
Medizin für mein Gemüt.

Freitags zum Schloss Böttstein, samstags an die Aare, gestern an den Hallwilersee: Hauptsache raus an die frische Luft, die nach Lust und Leben duftet.

Eine kleine Galerie mit Bildern, die beim Anklicken groß werden.

Sich für sich selbst wehren

Mich für die Ungerechtigkeiten, die anderen geschehen, einzusetzen, ist mir nie schwer gefallen. Ungerechtigkeiten beim Namen zu nennen auch nicht. Aber mich für mich selbst stark machen ist neu für mich.

Ein Telefonanbieter, bei dem ich bereits ein Mini-Angebot für günstigeres Telefonieren zugebucht hatte, unterbreitete mir vor einem halben Jahr ein Rundum-glücklich-Paket, dem ich nicht widerstehen konnte.

Ja – nein – Jein ***

Was ich allerdings nicht wusste, weil es elegant verschwiegen und auf meine Nachfrage nur ausweichend und irreführend beantwortet wurde: Mein vorheriger Anbieter wird nicht einfach ausbezahlt, sondern läuft – wenn ich nicht kündige – weiter. Gut, darauf hätte man selbst kommen können, doch, wie gesagt, wurde auf meine Nachfrage ausweichend und irreführend geantwortet.

Nun denn, ich will hier niemanden mit detaillierten Infos langweilen …

Als schließlich die ersten Rechnungen – parallel, also auch vom alten Anbieter – eintrafen, in einer Zeit außerdem, wo mein Konto gefährlich nah am Gefrierpunkt war, regte sich Wut in mir. Das ist ungerecht! Ich werde ungerecht behandelt. Das lasse ich nicht mit mir machen.

Gut so. Ob ich schlussendlich gewinnen werde, weiß ich nicht, ich habe jedenfalls – trotz Androhung einer Sperre für heute – noch immer Internet. Gutes Zeichen. Mit Mails und eingeschriebenen Briefen mit dem Mailbrief drin – die Mails immer auch an KonsumentInnenschutz-Organen und Ombusstellen – habe ich mich detailreich gewehrt. Immer wieder wurde mir aus Kulanz eine kleine Gutschrift gewährt. Mal schauen.

Nein, es geht echt nicht nur ums Geld. Es geht darum, dass man mich nicht verarschen darf. Nicht einfach so. Nenn es Selbstlliebe.

Auch bei den Flugbuchungen neulich wurde ich mit unlauteren Mitteln (unklare Informationen) über den Tisch gezogen. Statt einer kurzfristigen Reiseversicherung für wenig Geld sitze ich nun auf einer Jahresversicherung für sechzig Euronen. Dankeschön.

Sich wehren oder schweigen? Wie haltet ihr es? Was tut ihr, wenn ihr ungerecht behandelt werdet?

Viele AnbieterInnen machen ihr großes Geld mit all den Menschen, die keine Lust und keine Zeit haben, sich zu wehren. Nicht für sich, nicht mittel- und langfristig für andere. Es ist viel bequemer und ich gestehe, dass ich auch nicht immer so kämpferisch war. Nicht immer die Kraft dazu hatte, vielmehr.

Wie auch immer: Selbst wenn dies alles – das Leben und der ganze materielle Klumbatsch –, was mir oft genug wie ein riesiges Theater vorkommt und eines Tages, wenn der letzte Vorhang fällt, alles (hoffentlich) gut sein wird, will ich doch heute und hier dafür sorgen, dass mein Leben und das meiner Mitmenschen, ein bisschen fairer wird.

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*** Das Bild ist eine Hommage an den Künstler Walter Neiger und sein Bild oui-non ( → hier klicken)

Im Flugmodus

Zweieinhalb Tage sind vergangen, sagt der Kalender. Ich muss nachzählen. Manche Tage dehnen sich aus. Zeitlöcher.

Luftlöchern ähnlich, die ich allerdings weit weniger mag. Dieses leise Fallen, einem Schweben gleich, etwas unfassbares, etwas ungefähres. Auflösung in etwas, das mein Verstand zu definieren sich weigert. Fallen aus etwas konkretem, das wir gemeinhin Alltag nennen.

Fallen in etwas Weiches. Etwas wie eine Blase. Etwas wie Zuckerwatte ohne Zucker. Nicht klebrig, nein.
Ach, so komme ich nicht weiter.
Nicht so jedenfalls wie das Flugzeug, in dem ich sitze. In dem ich vielleicht genau jetzt über Halle an der Saale hingefliege (winke, winke Emil!).

Zielgerichtet waren die zweieinhalb Tage im luftleeren Raum jedenfalls nicht. Oder bestenfalls so: Das einzige Ziel, das ich hatte, war es, mich dem Moment hinzugeben.

In fünfzig Minuten ungefähr werden wir landen. Ein volles Flugzeug. Auf den letzten Platz besetzt. So voll, dass der Chef de Cabine um Rücksicht bat. Schnelles Verlassen des Ganges. Rücksicht. Dafür liebe ich mein Land: Nehmen Sie Rücksicht aufeinander.
Dieses Gefühl, dieses Lebensgefühl brauche ich um mich wohlzufühlen.

Wie wir drei Frauen heute Nachmittag zum Bahnhof Stendal fuhren und der Abschied nahte, resümmierten wir. Einzigartig diese Erfahrung dreier bis dato erst virtuell mehr oder weniger vertrauter Frauen, sich über alle möglichen Themen so lange, so ausgewogen, so gleichberechtigt, so aufrichtig und wahrhaftig miteinander zu sprechen. Ohne sich profilieren zu müssen. Ohne Schönen.

So etwas wünsche ich mir für unsere Politiker, fasste es die Mützenfalterin zusammen.

Mit Zug, U-Bahn und Flughafen-Shuttle näherte ich mich Berlin-Tegel.

Auf einmal ging gar nichts mehr. Stau auf der Kreuzung fünfhundert Meter vor dem Flughafen. Abwarten. Langsam aufkeimende Nervosität hinter mir. Die Busfahrerin sagt, dass sie die Türen nicht öffnen kann so mitten auf der Kreuzung. Zu gefährlich. Ich mache ein Bild aus dem stehenden Bus. Langsam kann die Fahrerin ein paar Meter aufschließen und neben einer gestrichelten Fläche halten. Sie lässt die, die wollen, aussteigen.

Ich beschließe, rauszugehen. Einfach weil ich Teil dieser Gruppe sein will, die zu Fuß zum Flughafen geht.

Mitten auf der Kreuzung stehen zwei Rettungsfahrzeuge. Wahllos darum gruppiert unzählige Taxis, Shuttlebusse von Hotels und Privatfahrzeuge. Die Ampel zeigt grün. Der Menschenstrom quillt über die Straße auf den Gehweg und strömt zum Flughafen.

Rollkoffergeschepper und Zielstrebigkeit. Ein Gefühl von Schicksalsgemeinschaft ist es, das mich immer wieder grinsen lässt.

Ich gebe meine Reisetasche auf und setze mich in ein Café. Freies Wlan, juhu!

Handys sind feine Reisegefährtinnen irgendwie. So vergeht die Zeit wie im Flug. Ähm, ja. Wie im Flug stimmt genau. Schreibend fliege ich jetzt durch die Nacht. Unter uns Bayern, rechts der Schwarzwald.

Und nun döse ich. Das kleine handgemachte Schweizer Sandwich hat köstlich geschmeckt, das Schweizer Schokolade-Stück werde ich dem Liebsten aufs Kopfkissen legen.

Sinkflug. Zwanzig Minuten bis Zürich.

Ich sag es ja, dir Zeit vergeht manchmal wie im Flug.

Zürich-Flughafen. Freundlich werde ich von der Bordcrew schweizerdeutsch verabschiedet. Wohltuende Laute. Heimatgefühle.

Der Zug kommt gleich und nun fahre ich auch schon heimwärts durch die Nacht.

Sein

Über Menschen und ihre Geschichten Erkenntnisse über das Leben zu gewinnen, Dinge zu verstehen, Zusammenhänge endlich zu sehen, ist mir die liebste Art des Lernens.

Mit Frauen am Tisch zu sitzen, zuzuhören, selbst zu erzählen, zu essen, das nahe Kloster und den wunderbaren Klosterkräuter- und Gemüsegarten zu genießen, gemeinsam durch eine Kleinstadt namens Tangermünde und an der Elbe entlang zu spazieren, ist eins. Dies mit Frauen zu tun, die ich bisher nur von ihren Blogs und aus unzähligen Mails kannte, ist etwas anders. Irgendwie surreal. Irgendwie verrückt. Die virutelle Welt ist auf einmal ganz real geworten.

Wir – die Mützenfalterin, Kerstin und ich – sitzen in Kerstins Wohnzimmer, das Kaminfeuer brennt, und trinken ein Glas Rotwein.


Ich bin ganz da. Ich höre. Ich fühle. Ich rieche. Ich spüre. Ich teile. Ich bin ganz offen. Auf einmal sehe ich uns von außen zu. Sehe dieses Wunder der Gemeinschaft. Staune. Bin einfach nur dankbar, hier so ganz und gar ich sein können zu können und zu dürfen. Als würden wir uns schon ewig kennen, kommt es mir zuweilen vor.

Nach einer Kopfwehnacht mit einer Migräneattacke am Samstagmorgen hatte ich kurz mit dem Liebsten telefoniert. Er meinte mit weisem Augenzwinkern, das ich vor mir sah ohne es zu sehen, dass mein Kopfweh um 10 Uhr vorüber sei.

Sich selbsterfüllende Prophezeiung? Voraussicht? Orakel oder Wahrsagung? Egal. Es hat gewirkt. Im Laufe des Tages haben sich schließlich auch die letzten Reste des tagelangen, wetterwechsel-hormon-aufregungsvorfreude- und vollmondbedingten Kopfwehs gänzlich verkrümmelt.

Wunderbar tief habe ich heute Nacht geschlafen, geborgen und wohlig in Kerstins Bett. Wir haben, da wir nur zu dritt waren, gestern schon das Kloster verlassen, das zwar sehr gemütlich war, für Kerstin aber natürlich ein Hin und Her zwischen Zuhause und uns bedeutet hatte. Ihr Partner hatte uns das Feld geräumt. Alles hat gepasst. Im Nachhinein muss ich sogar den gemeinsam erlittenen Kopf- und Zahnschmerzen etwas positives abgewinnen. Gemeinsames Leiden schafft eine neue Ebene des Verstehens. Nein, Schmerz adelt nicht, Leid noch weniger – so meine ich es nicht. (Ach, ihr wisst schon.)

Nur zu dritt? Das „nur“ bezieht sich auf Ulli, die mit Grippe im Bett liegt und leider nicht hierher fahren konnte. Sie war dennoch in unserer Mitte, wie es auch viele andere Menschen, unsere Partner und auch mal andere Bloggende waren.

Konkurrenzlose, liebevolle Verbundenheit.

Immer wieder sprechen wir über unsere Ideale, darüber wie die Welt sein sollte, könnte. Wie es sich besser leben ließe. Wir venetzen Vergangenes mit Gegenwärtigem, Erlebtes, Erfahrenes verorten wir in der Zeitachse und erkennen Parallelen.

Spannend ist dieses Treffen auch aus kultureller Hinsicht: Eine Ossi, eine Wessi und eine Schweizerin, alle praktisch gleich alt. Alle drei in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten groß geworden. Vieles, was ich nicht verstehen kann und es dennoch verstehe. Zumindest annähernd.

Ich freue mich nun auf einen sonnigen Sonntag und auf all das, was wir gemeinsam noch erleben werden.

Wie es wohl dann sein wird, heute Abend, wenn ich mich in mein Schweizer Bett fallen lassen werde? Das ist aber noch gaaanz weit weg. Die Zeit dehnt sich aus und fast ist es mir, als wäre ich schon ganz lange hier.

Ich wünsche uns allen hier und dort und euch allen, die das hier lesen, einen wunderbaren Sonntag, allein und/oder mit andern.

Auf das Leben!