Zusammenhänge

Wie alles zusammenhängt, denke ich. Unterwegs. Zuerst spaziere ich an die Aare. Wie Sommer ist es auf einmal. Über zwanzig Grad an der Sonne und die Leute sind friedlich. Sie gehen spazieren, setzen sich ans Ufer, allein, mit andern. Keine Musik. Nur Stimmen. Und das Rauschen des Flusses. Ein gedankenverlorener Papa reagiert nicht auf die Rufe seiner Tochter. Er sitzt auf der Kinderschaukel und ist vermutlich weit weg.

Schaukeln sind Zeitmaschinen. Sie verbinden das Kind in mir mit der Frau, die ich heute bin.

Hier, am Fluss, begreife ich wieder einmal, dass alles rund ist und fließt. Alles kreist. Die Erde. Die Planeten um ihre Sonnen. Auch der Punkt, der ich bin. Ich kreise. So hängen alle und alles zusammen.
Alle. Alles.

An der Reuss

Davor, als ich stundenlang im Internet nach Stiftungen gesucht hatte, die unser Schreibprojekt für Traumatisierte langfristig unterstützen könnten, stellte ich erstaunt fest, dass es für alles eine Stiftung gibt. Die einen sind entstanden, weil die Mäzene selbst ein schweres Unglück überlebt haben, aus Dankbarkeit, andere wurden aus Notwendigkeit gegründet, manche aus Nächstenliebe, Forschungsdrang oder Leidenschaft, wieder andere aus religiösen Gründen. Dann gibt es Stiftungen, die Wissenschaft, Kultur oder Kunst fördern und noch andere sehen ihre Aufgabe bei Kindern und Jugendlichen, die es zu unterstützen gilt. Für alles gibt es offenbar die maßgeschneiderte Stiftung. Was ich ermutigend finde. Dass es Menschen gibt, die ihr Geld nicht nur für die eigene materielle Bereicherung ausgeben, sondern damit etwas erreichen wollen, was andern zu Gute kommt. Alle diese Stiftungen sind wie kleine Rädchen. Alle zusammen decken alles ab. Irgendwie. Theoretisch. Für alle würde gesorgt. Und ich weiß auch, dass alles, was wir sehen, immer nur ein Ausschnitt vom Ganzen ist. Und dass wir das Ganze nie ganz sehen können. Nie.

Aber wenn wir alle das tun, was nur wir so tun können, wie nur wir es tun können, greift alles ineinander, ist alles abgedeckt, ist für alle gesorgt. Unser aller Netz ist stark und kann alle tragen, auch jene, die ihr Leben nicht selbst schaffen – aus was für Gründen auch immer. Wäre. Könnte. Denn leider ist es ja nicht wirklich so.

Aber wenn. Wenn wir alle das tun, was nur wir so tun können, wie wir es tun können, ist das Leben lebenswerter als es ist, wenn wir es nicht tun.

Ja. Schön stelle ich es mir vor. Und dass es allen so gut geht wie mir jetzt.

Ich vergesse beim Träumen zuweilen all jene Frauen, die möglicherweise die gleichen Talente und Vorlieben haben wie ich, aber in einem Land geboren worden sind, das den Frauen weniger Rechte zugesteht als den Männern. Oder die in Ländern leben, in welchem Talente, wie ich sie habe, nicht sehr nützlich sind.

Schnitt.

Die hohe Suizidrate in der Schweiz, in den reichen Ländern überhaupt, erstaunt mich im Grunde nicht. Auch nicht der Anstieg psychischer Erkrankungen und Arztbesuche, die in eine Überweisung zu einem Psychologen oder Psychiater münden. Obwohl ich mich natürlich frage, ob sich die Menschen heute eher trauen, über Schwäche zu sprechen oder ob das Leben auch in der Schweiz immer kälter, härter, lebensfeindlicher geworden ist. Vermutlich beides.

Wer aber macht denn diese Kälte, diese Härte, diese Lebensfeindlichkeit? Die Bosse in Politik und Wirtschaft, die Menschen an den Spitzenpositionen? Können die das wirklich ohne uns? Wie viel haben wir in der Hand – vermeintlich oder wirklich?

Ja, ich grüble noch immer viel nach und ich finde noch genauso oft keine Antworten wie früher. Und noch genauso oft frage ich mich, wozu ich da bin. Oder wozu ich andere ermutigen soll. Zu einem Leben in einer Welt wie dieser? Nun ja. Nein meine ich. Also, eigentlich ja. Schon. Aber.

Ich ahne, dass in mir einfach eine nicht unterzukriegende Hoffnung erwacht ist, dass es möglich ist, durch ein bewusstes Leben die Welt ein bisschen besser werden zu lassen. Ich versuche es. Bei mir.

Weil alles zusammenhängt.

Eigentlich mal wieder

Eigentlich sollte ich eine Buchbesprechung schreiben, eine die ich der Autorin versprochen habe. Im Blog oder auf einer meiner Webseiten. Eine moralische Pflicht. Weil ich gesagt habe: Ich mach das. Und weil ich ein kostenloses Rezensionsexemplar bekommen habe.

Ihr kennt das Dilemma: Der Lesegeschmack hat sich geändert. Das wäre vielleicht die neutralste und netteste Umschreibung für: Ich mag das Buch nicht wirklich.

Andererseits, ich gestehe es, ist es ja so, dass ich es verschlungen habe. (Was das wohl jetzt über mich aussagt?)

Und genau das ist auch ein Dilemma: Ich habe das Buch ja nur deshalb verschlungen, weil es so leicht verschlingbar ist, leicht verdaulich, leicht lesbar und nirgends blieb etwas wirklich hängen. Das Buch hat keine Kanten. Die Handlung ist vorhersehbar. Ein bisschen wie RTL, das ich – zu meiner Schande sei’s gesagt – zum Glück nur vom Hörensagen kenne.

Die Geschichte folgt einem gewohnten Spannungsbogen – ähnlich den Vorgängerbüchern dieser Krimi-Serie. Die Figuren kenne ich inzwischen. Die weibliche Hauptfigur ist trotz ihrer schlimmen Vergangenheit eine reine, liebe, nette, moralisch einwandfreie Frau, die ihrem Partner, der Fahnder bei der Kriminalpolizei ist, sogar verzeiht, als er mit ihr umspringt, wie man mit mir nicht umspringen dürfte. Statt ihn in die Wüste zu schicken, hofft sie nur, dass er sich nicht von ihr trennt. Nun ja …

Ihre mit Abstand größte Schwäche ist die, dass sie immer wieder auf eigene Faust ermittelt, weil sie jemandem helfen will oder muss, und sich so, auch in diesem Band wieder, immer mal in Lebensgefahr begibt. Auch diesmal wird sie schlussendlich gerettet und nimmt schließlich den Heiratsantrag ihres Polizisten an. Ooops. Hätte ich nicht verraten sollen. Wobei. Man weiß das ja ab dem Moment, wo er ihr in der Mitte des Buches den Ring gibt.

Die beiden Bösen haben zwar schon einen Grund, dass sie so böse geworden sind, natürlich, und es gibt sogar ein nachvollziehbares Motiv, ein ökologisches sogar, aber dennoch sind die beiden so schwarzweiß in ihrem optischen, sprachlichen und sozialen Auftreten dargestellt, so zweidimensional, so klischeehaft, dass ich zunehmend frustrierter bin, je mehr ich lese, und immer auf etwas mehr Grautöne hoffe. Mir reicht das nicht.

Beim ersten Buch der Autorin war ich gnädig, es war ja ihr Erstling. Und außerdem geschieht die Geschichte ja in meiner Heimatstadt. Und ich mag es, wenn Bücher in meiner Heimat spielen. Und überhaupt. Ich meine, es sei spannender gewesen als das hier. Gut, ich mag die Figuren, sie sind mir sympathisch. Dennoch stört mich jetzt, was mich schon beim ersten Buch gestört hat, je länger je mehr: Allem voran ist es wohl die unoriginelle, floskelhafte Sprache.

Und fast ebenso sehr nerven oder behindern mich die ständigen Erklärungen und Adjektive. Nichts bleibt meiner Phantasie überlassen. Nichts dem Zufall. Alles wird erklärt. Jede Gefühlsregung – obwohl sie schon in den Dialogen sichtbar ist – wird nochmals nachgeliefert. Hätte ich das Buch lektoriert, hätte ich der Autorin besonders solche für mich nicht unerheblichen stilistischen Feinheiten auszuarbeiten ans Herz gelegt.

Zitate gefällig?
Sein Gesicht nahm einen verschlossenen Ausdruck an. […] Jetzt huschte ein Lächeln über sein Gesicht. […] Wir tappen überall im Dunkeln.

Nun denn, der Plot ist soweit okay. Serienmorde aus Gründen, die ich nicht verraten will.

Doch fehlt mir auch hier die Tiefenschärfe, das Dreidimensionale: ein bisschen mehr Leben und Dreck bei den Guten, ein bisschen mehr Verständnisvermittlung bei den Bösen. Grautönen eben, denn Figuren, die nur gut oder böse sind, überzeugen mich nicht. Wir sind alle alles. Ich jedenfalls.

Und nun weiß ich nicht, was ich machen soll.

Das Buch sehr kritisch besprechen vermutlich.

Und weiterhin darüber nachdenken, was eigentlich einen guten Text wirklich ausmacht. Dabei muss ich mal wieder an einen wunderbaren Blogartikel von Irgendlink denken. Über gutes Schreiben. Über Füllwörter. Über das Kürzen.

Und darüber, dass im Grunde jeder und jede so schreiben soll, wie sie will. Ich muss es ja nicht lesen, ich Text-Snobine

Und ja, ich werde auch darüber nachdenke, was eine gute Buchbesprechung eigentlich ausmacht.

Wirkt Wahres wirklich?

Wie wahrhaftig können wir uns selbst sehen und beschreiben?

Sehen wir uns nicht immer durch irgendwelche Filter? Und was ist mit all den nicht erzählten Dingen? Opfere ich die Reste meiner kleinen Privatsphäre, wenn ich hier über meine Alltagsgewohnheiten schreibe, wie es Knausgård getan hat? Verrate ich mich sogar ein wenig, wenn ich zu viel schreibe? Was soll mein Maßstab sein?

Nun ja, wenn ich über mich schreibe, ist es immer eine Form der Selbstdarstellung. Im Zeitalter von Selfies ist das Selbstbildnis aus dem Ruder gelaufen.

Wie bewundere ich die alten Meister, die in stunden- was sage ich da? in tagelanger Konzentration vor dem Spiegel saßen und nicht nur ihr Äußeres wiederzugeben versuchten, sondern auch ihr Innen unter die Lupe nahmen.

Ein Bild ohne Schatten nennen wir überbelichtet. Wo die Schatten fehlen, werden die Falten geglättet und zeigen eine nicht wirkliche, eine nicht wahre Wirklichkeit, eine wirkungslose Wirklichkeit. Wird sie damit unwahr? So unwahr wie eine Mathematik ohne den Einbezug von Minuszahlen.

Voyeurismus beobachte ich bei mir, ein klein wenig zumindest, wenn ich Bücher wie jene von Knausgård lese. Biografien. Anders als bei fiktiven Lebensgeschichten gehe ich bei einer Biografie davon aus, dass der Blick, der mir schreibend vermittelt wird, der Wahrheit nahe ist. Der Wahrnehmung zumindest. Und das interessiert mich. Ich möchte wissen, was andere Menschen denken, sagen, machen, fühlen, wie sie dies und jenes tun, worüber sie sich nerven und was ihren Alltag versüßt. Nicht geschönt, nicht selektiert. Vielleicht lese ich deshalb auch so gerne in Blogs. Sie sind noch unzensierter als Bücher, roher, näher dran an den Menschen.

Unter den Zeilen

Quelle Text: deremil.wordpress.com
Quelle Text: deremil.wordpress.com

Zu Grunde gehen

dahin
wo es am tiefsten
ist

und wunden Muscheln die Hände öffnen
Perlenfischerin ich

Im Abstoßen vom Grund
mich vom Strudel
der mich abwärts zog
entfernen

Nähe zu mir findend
aufzutauchen
erneut

Luft
Atem

nehmen
holen

Land betretend
erneut
verstehen
warum die Flüsse
sind
was sie sind
und die Tiefen
da
wo es mich liebt
sein
die ich bin

Vergängliches
strömen
lassen
kommen
lassen

Lass
du
mich
schwimmend
in deinen Worten

Spüre den Boden
jetzt
unter den Zeilen
er trägt
erträgt
uns

Bildgespinst oder heiteres Osterorakel?

Gestern unterwegs: Rätselbild Nr. 1 … Wie viele wovon?

IMG_6604b_Rehe

Und dann das da … noch so ein Rätsel irgendwie.

 Heute hier so, Rätsel Nr. 3 …

Rheinpfalz
Heiteres Ostereierraten in der heutigen Zweibrücker Ausgabe der Rheinpfalz … Wer findet ihn? Und es?

Noch ein Rätsel? Oder doch keins?

Weies-2
Metaphysisches Gruseln à la Mani Matter im PRISMA heute Morgen

Eingeholt

Seit Wochen war ich mir hinterher. Die Arbeit im Büro, dazu all meine privaten Baustellen und Projekte, die mir unter dem Herzen und den Nägeln brennen.

Schlecht abschalten zu können, ist dann etwas vom nächsten. Wenig Schlaf, schlechter Schlaf, viele Träume, Kopfweh, Unruhe … und trotzdem fühlte ich mich gut und wohl. Aber eben. Ein Zustand, der kein Dauerzustand sein sollte. Nicht, wenn man gesund leben will, sich zuliebe leben will, wie ich das anstrebe.

Vorgestern Nachmittag, nachdem mein Chef gesehen hat, dass ich schon über zwei Wochen Überzeit habe, schickte er mich – zumal ich Kopfweh hatte und mich ein wenig angeschlagen, fast krank fühlte – nach Hause. Wir hatten für das Konzert am Abend alles vorbereitet, die Tische mit Tüchern bezogen die Sachen für den Aperitif bereitgestellt.

Geschenkte Zeit.

Mittwochabendstimmung

Zeit?

Ich versuche immer, so viel wie möglich aus ihr zu quetschen. Wie doof eigentlich.

Besser ich streiche sie glatt, die Minuten. Besser ich lasse sie zu, die Stunden.

Ausgerechnet als ich gestern auf der Fahrt zum Liebsten bei Strasbourg im Stau stand, fand ich zurück zur Ruhe.

Und nun, nun bin ich da. Bei mir. Außen und innen wieder kongruent. So gut es geht, wo doch alles immer im Wandel ist. Immer.

Jetzt.

Jetzt auch.

Und jetzt ist es gleich zwölf. Oder war es eben?

Leben ohne Träume – reblogged von Zoë Beck

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung von Zoë Beck*
Veröffentlicht am März 27, 2015

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(Dieser Text entstand ursprünglich für die Salzburger Straßenzeitung “Apropos”. In Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus werden Schriftsteller*innen gebeten, sich mit Verkäufer*innen zu treffen und sie zu porträtieren. Ich traf Gabriela im Oktober 2014.)

Zu den Dingen, die man einer jungen Frau Anfang zwanzig wünscht, gehört vor allem: Träume zu haben. Gabriela hat keine Träume. Sie hat zwei Kinder, die bei ihrer Mutter in Rumänien leben, während sie selbst mit ihrem Freund, dem Vater der beiden, in Salzburg ist. Sie ist hier, ich würde nicht sagen, dass sie hier lebt, aber dazu kommen wir gleich noch. Gabriela wünscht sich etwas: bei ihren Kindern sein zu können. Mehr nicht. Ein bisschen mehr Geld haben, sagt sie, damit es reicht, um mit den Kindern leben zu können. Gabriela ist das älteste Kind ihrer Mutter, ihr jüngster Bruder ist so alt wie ihr eigener ältester Sohn.

Es ist kein Pragmatismus, der Gabrielas Wünsche im Leben so sehr auf das Wesentliche reduziert hat. Gabriela hat sich noch nie weggeträumt, fortgewünscht, woanders gesehen. Sie sagt, sie sei gern zur Schule gegangen. Jedes Fach hätte ihr Spaß gemacht. Aber dann sei die Schule eben vorbei gewesen. Sie sagt, in Rumänien gäbe es keine Arbeit, Schuld daran sei der Zusammenbruch des kommunistischen Systems und der Zuzug ausländischer Firmen, aus China zum Beispiel. Ich frage sie, ob denn ausländische Firmen nicht auch neue Arbeitsplätze bedeuteten. Sie überlegt, findet erst keine Antwort, spekuliert dann, dass die Chinesen möglicherweise ihre eigenen Leute mitbrächten. Ihre Eltern, erzählt sie, seien schon lange arbeitslos wegen der ausländischen Firmen und des verschwundenen Kommunismus. Irgendwann einmal war alles besser in Rumänien. Da hatten alle Arbeit, und alle konnten lesen und schreiben. Heute sei das anders. In den Schulen würden die Kinder bevorzugt, deren Eltern den Lehrerinnen und Lehrern Geld zustecken. Dass reiche Kinder mehr Aufmerksamkeit und bessere Noten bekommen, bestätigt unsere Dolmetscherin. Der Rest lässt sie die Stirn runzeln. Ich glaube, sie ist nicht der Meinung, dass früher alles besser war. Aber auch nicht, dass heute alles gut ist.

Ich möchte wissen, wie Gabriela als Kind war. Es war schön, sagt sie. Ich erzähle ihr von einer finnischen Fotografin, die Kinder aus einem Heim so fotografiert hat, wie diese sich sehen wollten. Wie hätte sich Gabriela damals fotografieren lassen? Gabriela kann mir nichts erzählen. Sie hat das Leben genommen, wie es war, sagt sie. Nein, ihre Eltern hätten ihr nie etwas vorgelesen oder Geschichten erzählt. Ihre Eltern seien Analphabeten.

Gabriela hat keinen und hatte nie einen Berufswunsch, oder nennen wir es einmal Berufsziel. Sie würde alles machen, sei sich für nichts zu schade, sagt sie. Ich denke, sie hat meine Frage falsch verstanden. Die Dolmetscherin erklärt mir aber, dass sie schon genau nachgehakt hat. Die Dolmetscherin hat mich sehr gut verstanden. Gabriela sah sich nie als Ärztin, Pilotin, Lehrerin. Auch nicht als Verkäuferin, Köchin, Schneiderin. Ich merke, dass es nicht nur mir schwer fällt, sich dieses Fehlen von Visionen vorzustellen. Auch unsere Dolmetscherin wirkt ratlos. Gabriela lächelt schüchtern.

Sie sagt, die Menschen sind immer nett zu ihr. Nett, aber eigentlich doch auch kühl. Sie steht trotzdem gern vor dem Supermarkt. Dort steht sie zusammen mit ihrem Freund, der jetzt auch zu uns kommt und sich ohne große Worte an den Tisch setzt. Er ist länger in Salzburg als sie, seit drei Jahren. Sie versteht deutlich mehr Deutsch als er. Sie haben einmal in der Woche für eine Stunde Deutschunterricht. Das reicht natürlich nicht. Sie haben keine Gelegenheit, das Gelernte anzuwenden. Sie haben keine engeren Kontakte zu deutschsprachigen Menschen, dafür zu anderen Rumänen.

Natürlich wollen sie zurück. Schon wegen der Kinder. Das Paar lebt in einem Caritaswohnheim. Kleidung besorgen sie sich, wenn sie in Rumänien sind. In Salzburg könnten sie nichts bekommen. Keine Wohnung, keine bezahlbare Kleidung. Die Dolmetscherin schüttelt den Kopf, erklärt den beiden, an wen sie sich wenden müssen. Ich kann an Gabrielas lächelndem Gesicht nicht ablesen, ob sie mit diesen Informationen etwas anfangen wird.

Morgens stehen die beiden auf, gehen an ihren Stammplatz, versuchen, die Zeitungen zu verkaufen, kommen abends nach Hause, essen, schlafen. Sonst macht ihr nichts? Unternehmt ihr nichts?, will ich wissen. Kopfschütteln. Sie seien zu müde. Sie könnten nichts tun. Und dann wäre da ja noch die Sprache. Fernsehen oder Kino sei nicht möglich. Wo solle man außerdem hin.

Gibt es denn nichts, frage ich, was sie gern tut? Hat sie kein Lieblingsessen, zum Beispiel? Gabriela sagt, sie müsse essen, was sie sich leisten könne. Ich sage: Wenn du dir alles leisten könntest? Sie weiß es nicht. Sie kann so nicht denken. Ich verstehe langsam, dass sie es nicht gelernt hat, sich Dinge zu wünschen. Sie hat nur gelernt, das Schicksal zu akzeptieren. Egal, ob es ihr gefällt oder nicht.

Ich muss sie und ihren Freund überreden, sich etwas in dem Café, in dem wir uns treffen, zu bestellen. Der Kellner braucht mehrere Anläufe, um die Bestellung überhaupt aufzunehmen, dann muss er noch mehrfach daran erinnert werden. Erst als ich ihm sage, dass ich die Rechnung übernehme, bringt er ihr den Cappuccino und ihm den Orangensaft. Das Café befindet sich direkt am Bahnhof. Wahrscheinlich wird hier öfter die Zeche geprellt. Trotzdem schäme ich mich dafür, wie der Kellner uns behandelt. Wie er allen klarmacht, dass ich diejenige mit dem Geld bin und deshalb bedient werde.

Was ist das Schöne in ihrem Leben? Woran erinnert sie sich gern? Was tut sie gern? Irgendetwas muss es doch geben. Sie sagt, dass sie ihren Freund kennengelernt hat, das war das Schönste. Und die Kinder. Die übrigens beide Wunschkinder sind.

Was sind die negativen Erfahrungen, was würde sie im Leben ändern? Gabriela weiß nichts wirklich darüber zu sagen, man gewinnt den Eindruck, ihr Leben sei ein steter, ruhiger Fluss. Die Reise darauf ist oft kalt und ungemütlich, aber so ist es nun mal, dieses Leben. Glaubt sie an Gott? Ja, das tut sie. Und Gott wird immer für sie da sein.

Will sie ihre Kinder nicht nach Salzburg holen, wenn die Umstände in Rumänien, was Schule und Ausbildung angeht, so schlecht sind? Darüber hat sie noch nicht recht nachgedacht. Auch da fehlt ihr die Fähigkeit, sich Dinge für die Zukunft auszumalen, sich etwas zu wünschen, daraus Energie zu ziehen und ein Ziel zu haben. Gabriela hat keine Fragen an mich. Die üblichen sozialen Codes sind ihr und ihrem Freund fremd. Sie trinkt nur, wenn ich sie auffordere zu trinken. Sie hat einen schwachen Händedruck, und nachdem ich die Verabschiedung einleite, bleibt sie unsicher sitzen, holt sich die Erlaubnis, aufzustehen und zu gehen.

Gabriela ist eine hübsche junge Frau. Sie hat die ungewöhnlichsten Augen, die ich je gesehen habe: grün mit braunen Streifen, die sternförmig von der Pupille abstrahlen. Sie weiß gar nicht, wie schön ihre Augen sind. Ich glaube auch, dass sie clever ist. Sie hat nur eben nie gelernt, für sich selbst etwas erreichen zu wollen. Ein besseres Leben. Eine Ausbildung. Eine Reise irgendwohin. Demut, denke ich. Eine Tugend? Ihre Demut macht mich wütend. Nicht weil ich denke, dass junge Frauen vom Ehrgeiz zerfressen sein sollten. Sondern weil ich mir für Gabriela wünsche, dass sie ein gutes Leben hat. Sie und ihr Freund und ihre Kinder, vielleicht will ich es vor allem für ihre Kinder. Ich wünsche mir für Gabriela, dass sie Interesse am Leben entwickelt. Freude. Es ist keine buddhistische Gelassenheit, die sie so sein lässt, wie sie ist, sondern die Resignation der Elterngeneration. Wahrscheinlich bin ich deshalb so wütend. Weil man ihr keine Wahl gelassen hat und sie offenbar nie eine Chance hatte, aus dieser Resignation – zumal sie ihr Schicksal auch noch als gottgegeben hinnimmt – auszubrechen.

Ich hätte sie übrigens fast nicht erkannt, aber das sage ich ihr nicht. Das Foto, das man mir von ihr geschickt hatte, zeigte sie mit einer Baseballkappe. Darunter war ein starkes, schönes Gesicht. Ich stellte mir eine rebellische junge Frau vor, die im Leben Pech hatte, aber jetzt erstmal schaut, wo sie bleibt, und weiß, wohin sie will.

Ich wünsche ihr seit unserer Begegnung jeden Tag, dass sie anfängt zu träumen. Und dass sie rebelliert gegen diese Resignation, gegen dieses „Es ist, wie es ist“. Ich will mit dem Eindruck von dem Foto richtig liegen. Ich wünsche es ihr.

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*Quelle: zoebeck.wordpress.com

Nicht besser. Anders.

Türen auf, Türen zu … Mittendrin. Schauen. Wahrnehmen. Was wäre, wenn.

Gemeinsames Werk von neun Malenden

Gemeinsames Warm-Up-Bild von neun MalendenDie Bilder, die ich im letzten Artikel gepostet habe, wie würden sie aussehen, wenn ich am letzten Sonntag daheim geblieben wäre und nicht mitgemalt hätte?
→ Anders.

Wie wäre die Welt, wenn ich nicht da wäre.
→ Anders.

Wie wäre diese Haus, wenn ich nicht darin wohnen würde?
→ Anders.

Nicht besser. → Anders.

So wie du malst,
so wie du sprichst,
so wie du denkst,
so wie du schreibst,
so …
… kannst es nur du.

Daher vielleicht mein Mut.
Daher auch meine Angst vor meinem Mut.

Dieses Nichtwissen, was wird, wenn ich diese neuen Räume öffne. Betrete.

Immer dieses Hoffen auf Heilung.
Immer öfter dieser Wunsch, zu teilen, was mir gut getan hat.

Kitsch?
Die Gefahr des Besserwissertums?
„Weil zu viel Cleansein dem Geist schadet.“ (Zitat: Glumm)

Was dir gut tut?
Tu es.

Am Lebensrad drehen

Die Zeit, die Zeit, die Zeit … Eben hatte sie sich noch tagelang augebläht, ausgedehnt, Gummitwist mit uns gespielt … nun ist sie in sich zusammengesunken, wie ein Käsesoufflé, das ich zu früh aus dem Ofen genommen habe.

Gemeinsames Werk von neun Malenden
Gemeinsames Werk von neun Malenden (Col-Art)

Der Liebste sitzt jetzt wieder im Auto, fährt nordwärts. Ich bin nach elf gemeinsamen Tagen wieder allein. Seltsam leer ist die Wohnung. Seine Gegenwart ist immer so wohltuend, selbst dann, wenn wir alleine vor uns hin arbeiten und lesen … Erst recht, wenn wir etwas zusammen unternehmen. Wandern. Spazieren. Radfahren. Kunst (zum Beispiel gestern im nahen Schwarzwald an einer Col-Art-Aktion mitmachend, siehe die beiden Bilder.)

Fernbeziehung hat aber auch viele Vorteile. Was ich mir zuweilen vorbeten muss. Welche habe ich leider im Moment vergessen. Oder vielleicht diese? Ich kann mich länger auf etwas einlassen. Ich kann konzentrierter an etwas arbeiten. Ich kann.

Ich könnte.

Jetzt zum Beispiel könnte ich endlich meine Liste abtragen (siehe letzten Artikel). Bis 13 Uhr habe ich Zeit für meins. Dann Büro.

Wie gesagt: Ich könnte. Manchmal sind es ja die vielen Möglichkeiten, die machen, dass ich mich reich fühle. Und manchmal sind es gerade die zu vielen Möglichkeiten, die mich stressen.

Gemeinsames Warm-Up-Bild von neun Malenden
Gemeinsames Warm-Up-Bild von neun Malenden (Col-Art)

Heute Morgen verglichen wir Kalender, Termine und Freiräume. Planten ein bisschen. Er seine Reise ans Nordkap mit dem Fahrrad (→ hier mehr lesen) und ich, was ich derweilen (ohne ihn sozusagen) an tollen Dingen mit meinem Sommer anstellen könnte.

Ich miete mir in Mittelschweden ein günstiges Hüttchen an einem kleinen See, sage ich, mit Strom!, Und ich schreibe dort mein Buch. Wenig Komfort. Viel Natur. Das wäre was.

Ich fange an, diese Idee zu genießen, sehe mich auf dem Bootssteg am Tisch sitzend schreiben. Zwischendurch eine Runde Schwimmen oder Rudern und ab und zu mit dem Fahrrad, das zum Häuschen gehört, ins nahe Dorf fahren.

Kennt hier jemand, der jemanden kennt, die oder der jemanden in Mittelschweden kennt? Gegend Falun? Und der ein Hüttchen kennt. Und so. Tipps gerne an mich! (→ Kontakt).

Träumen ist doch fast so schön wie leben.

Mir hinterher sein

Ich bin mir auf der Spur. Langsam aber sicher will ich mich wieder einholen.

soso22
Noch mehr Spuren
  • Eben habe ich die Bilder für den nächsten Pixartix-Galerie-Zyklus („Spuren“), der am ersten April beginnen wird, ausgewählt. Endlich etwas zum Abhaken.
  • Bei der bösen Reiseversicherung reklamieren. Noch nicht abgehakt.
  • Rechnungen schreiben für die Kundinnen der letzten zwei Monate. Noch nicht abgehakt.
  • Drei Webseiten updaten. Noch nicht Abgehakt.
  • Recherchen für Fundraising eines Trauerarbeit-Schreibprojektes endlich abschliessen und Fundraising starten. Noch nicht abgehakt.
  • Trauerbuch-Interview-Fragen formulieren für das erste Interview nächsten Donnerstag. Noch nicht abgehakt.
  • Eigenes Buchprojekt (Arbeitstitel: Weiterleben -> Trauerarbeit, Depression, Heilung) weiterführen. Noch nicht abgehakt.
  • Wohnung putzen, insbesondere die Fenster. Noch nicht abgehakt. (Wie lange habe ich eigentlich schon nicht mehr geputzt? Nein, ich will es gar nicht wissen).
  • Die Zeit mit dem Liebsten genießen und auskosten, solange er noch da ist. Immer nur teilweise möglich.
  • Mit Muße Mails beantworten, endlich mal wieder, ohne Zeitdruck. Immer nur teilweise möglich.
  • Lustvoll Blogs lesen und kommentieren, ohne Zeitdruck. Immer nur teilweise möglich.

Baustellen, eine neben der anderen. Im Büro sieht es ähnlich aus. Ich renne mir hinterher. Ich renne ständig. Ich fühle mich gestresst, oft, und nein, ich mag es nicht wirklich, zumal ich alle Arbeiten (na ja, von Reklamieren und Fensterputzen mal abgesehen) gerne mache. Und ja, ich mag meine neue Arbeit. Sehr sogar. Sehrsehr. Nur eben bitte nicht immer so unter Zeitdruck. Wegen der zwei Konzerte in der Schule, die diese Woche über die Bühne gehen durften, gab es noch mehr als sonst zu tun. Für nächste Woche sind die Musikprüfungen endlich auch aufgegleist, eine Kommissionssitzung steht an, undundund …

Ich lösche Feuer, trage die oberste Spitze des wachsenden Berges ab, horte Überzeit.

Reagieren statt Agieren steht auf ein Post-It gekritzelt und klebt neben meinem Laptop. Ein Blogthema, das mich schon lange beschäftigt. Je mehr Dinge von außen kommen, die getan werden sollten und die ich meistens sogar von Herzen gerne tun will, desto mehr befinde ich mich, dennoch, im Reaktionsmodus.

So bleibt die eigene Aktion, die Kreativität, die kreative Energie zurzeit der Traumwelt vorbehalten. Ich träume aktuell sehr lebhaft, sehr bunt, oft krass surreal, sehr schräg zuweilen. In Zeiten von wenig Freiraum, so fällt mir auf, übernehmen die Traumgeister oft das Ruder und färben mein Leben ein.

Gut so.
Gut ja.
Gut ist gut genug.

Bloggen, mal wieder, ja, auch das steht auf meiner Liste. Abhaken?