#flussnoten19 | Tag 4

26. Juni 2019

Was für ein schönes Schlafen unterm Sternenhimmel und was für ein angenehmes Erwachen im Bachbett! Da bekommt doch der Begriff Himmelbett gleich eine neue Bedeutung.

So langsam bin ich im Wanderleben, im Unterwegsmodus, angekommen. Diesmal habe ich eine ganze Weile gebraucht, mich aus dem Sorgenmachen-Alltagsmodus herauszuschälen, aus diesem Immer-etwas-Tun des Alltagslebens. Diese Lange-Weile hat mich die ersten Tage geradezu nervös gemacht. Da war auf einmal so viel Raum, so viel Leerraum, so viel Nichts und so viel Zeit, die ich mit meiner puren Anwesenheit füllen konnte. Fast hatte es mich überfordert, fast hätte ich gerne meine Nase in ein Buch gesteckt und mich mit Geschichten abgelenkt. Doch genau das will ich auf solchen Wanderungen ganz bewusst nicht. Ich will einfach sein, mich aufs Gegenwärtige einlassen. Auch diese Umstellung braucht Zeit. Hier, im Flussbett liegend, wird mir klar, wie wertvoll diese Möglichkeit und Gelegenheit ist.

Nach einem kleinen Frühstück packen wir unsere Sachen und machen uns auf den Weg. Die Morgenkühle will genutzt werden, denn schon bald wird es wieder heiß, sehr heiß. Nachdem wir den Weiler Boden durchquert haben, entscheiden wir uns für den schmalen Säumerpfad nach Innertkirchen. Ein toller Wanderweg, einer von denen, die ich besonders gerne wandere. Rauf und runter, mal steinig, mal Wiese … nur leider ohne jegliche Sitzgelegenheiten unterwegs. Kurzerhand bauen wir uns vor Innertkirchen selbst eine Bank aus Brettern und Stangen, die herumliegen.

Bis nach Innertkirchen zieht sich ein Stück unbewaldeter Weg. Die Hitze macht uns zu schaffen. Bei jedem kleinen Schattenfleck ruhen wir uns aus, trinken Wasser. Ich ziehe Socken und Schuhe aus und lasse mich trocknen. Verdunsten viel eher, denn als wir uns einmal auf den schattigen Boden vor einem Haus gesetzt haben, hinterlassen wir beim Aufstehen zwei Wasserlachen.

Minimal abgekühlt, aber bald schon wieder so verschwitzt wie zuvor, erreichen wir schließlich den Friedhof Innertkirchen, wo wir unsere Wasserflaschen am Brunnen auffüllen und uns unter einem großen, Schatten spendenden Baum erholen. Die Überwindung, dieses kleine Idyll wieder zu verlassen und im nahen Laden einzukaufen, ist groß. Wir schaffen es dann doch irgendwann. Und wir schaffen es sogar durchs Dorf, der inzwischen begradigten Aare entlang Richtung Aareschlucht, zu wandern. Schon wieder ohne Schatten. Schon wieder sind wir reif für ein Bad. Schließlich finden wir ein paar Felsen, auf denen wir es uns bequem machen, allerdings nur kurz, denn hier hat es viele Bremsen.

Später, in der Aareschlucht, wird es kühl sein, ermutigen wir uns, doch bis zum Eingang müssen wir eine steile Treppe ersteigen. Auf die vielen Touristinnen und Touristen, die das gleiche Tagesziel wie wir haben, bin ich nicht gefasst. Soo viele! Dass die Aareschluch so ein Musst-du-gesehen-haben-Event ist und sogar Eintritt kostet, macht mich ein wenig mürrisch. Ich hatte an die Rheinschlucht gedacht. Die ist einfach. Die kann man einfach so anschauen. Natur eben.

Nun denn, hier waren wir also, und wir mussten auf die andere Seite. Also mittendurch. Auf Holzstegen und durch höhlenartige Gänge. Immerhin schön kühl war es. Und ja, sehr beeindruckend war es auch. Dennoch fühlte ich mich nicht so richtig wohl. Zu viele Menschen. Ich tue mich ja immer ein wenig schwer damit, wenn Natur derart vermarktet wird. Andererseits müssen diese Wege ja auch unterhalten werden.

Auf der anderen Seite angelangt, hängen wir sehr lange müde vor dem Gebäude auf dem Grill- und Spielplatz herum und studieren die Karten. Wo man hier wohl wild zelten könnte? Das Gebiet hier ist, je näher wir dem Brienzersee kommen, desto dichter besiedelt. Zwischen hier und Meiringen kaum freies Land. Und allzuweit wandern mögen wir auch nicht mehr.

Nachdem die Schlucht für diesen Tag geschlossen ist, lassen wir uns schließlich an einer der Grillstellen nieder, die zwischen Aareschlucht und nächster Siedlung in einem kleinen Wald direkt an der Aare angelegt wurden.

Irgendlink füllt den Wassersack in der Aare und hängt ihn in einen der Bäume. Später, als es ruhig und schon fast dunkel ist, gönnen wir uns eine erfrischende Dusche. Das muss so, genauso, nach einem dieser Tage, die sich am besten im und am Wasser überleben lassen.

Bilder von Tag 4

Lest gerne auch Irgendlink über Tag 4 unserer Wanderung.


Kartenlink Tag 4

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#flussnoten19 | Tag 2 und Tag 3

24. Juni 2019

Es geht eigentlich noch so mit Muskelkater, denke ich, als ich mich am nächsten Morgen aus dem Schlafsack schäle. Wie immer habe ich die erste Zeltnacht der Tour nicht so toll geschlafen. Die Umstellung von breitem Bett zu schmaler Matte braucht Zeit, außerdem ist auch das Wanderzelt schmal. Ich male mir aus, wie ich – noch schlafsackwarm – aus dem Zelt krieche und mich unter den nahen Aarewasserfall stelle.

Hm, wie klettert frau gleich wieder aus dem Zelt heraus? Außerdem ist die Wiese, die gestern noch ’nur ein bisschen feucht’ war, heute Morgen ziemlich nass. Unser Glück – oder nennen wir es Irgendlinks Erfahrung – ist es, dass wir das Zelt an der trockensten Stelle auf der ganzen Wiese aufgebaut haben.

Nun ja, aus der Wasserfalldusche wird schließlich nur eine kleine erfrischende Katzenwäsche und nach dem Frühstück wandern wir auch schon bald los. Immer weiter der Aare nach. Kleine Wasserfälle. Furten. Brücken. Pausen machen wir recht häufig, denn noch immer sind wir in der Phase des Umstellung. Und so langsam setzt dann doch noch der Muskelkater ein. Da hatte ich mich also am Morgen zu früh gefreut. Bei jeder Pause ziehe ich schnell die Schuhe aus, bade – wann immer möglich – die Füße, lasse sie und die Socken trocknen. Meine bewährte Blasenprophylaxe. Irgendlink badet seine Füße sogar in einem Wasserbecken, das die Aare über viele Jahre in einen Fels geschliffen hat.

Bei der Alp Handegg rasten wir, essen Eis, kaufen Bergkäse, entscheiden, dass wir genug Vorräte dabei haben, um zum Gelmersee hoch fahren und dort oben übernachten zu können. Den Wanderweg zum Bergstausee haben wir nämlich eine Stunde vorher verpasst.

Die Gelmerseebahn lockt – Irgendlink vor allem – und die erwartete Schönheit der Bergwelt. Über eine lange Hängebrücke klettern wir über die Aare zur Bahnstation. Vielleicht, wenn ich  gewusst hätte wie steil es ist, vielleicht hätte ich gekniffen. Aber zum Überlegen bleibt nicht viel Zeit. Zack, ein Ticket gekauft. Zack, in die Bahn gestiegen. Den schweren Rucksack auf dem Schoß sitzen wir in einer der hinteren Reihen und bekommen von der Fahrt nicht viel mehr als das Kreischen der Mitreisenden und die Enge der Bahn mit. Und das Gewicht des Rucksacks auf dem Schoß.

Immerhin werden wir oben für diese Mühsal großzügig entschädigt: Der See ist wunderschön, still, sauber, klar. Wir wandern über die Staumauer auf die andere Seite, wo es nicht mehr so viele Menschen hat. Wir überlegen, wo wir zelten könnten, spazieren ein wenig herum, schauen da und schauen dort und irgendwann – nach der letzten Bahn – sind wir ganz allein oben am Gelmersee.

Zwischen Felsen, an einem sandigen Plätzchen, bauen wir unser Zelt auf und kochen uns ein feines Abendessen. Es ist sehr schön, sehr still. Eine ruhige Nacht. Trotz Muskelkater schlafe ich tief und erholsam.

Bilder von Tag 2

25. Juni 2019

Wir werden früh wach. Etwas, das mir im Alltag nie so richtig gelingt. Es ist denn auch ein ganz anderes Wachwerden als das Wachwerden im heimischen Schlafzimmer. Eine Klarheit, die so gar nicht Morgenmuffliges an sich hat. Wir kochen unsere Heißgetränke und genießen das Morgenlicht. Die Sonne steigt über die Berge und verglitzert das Wasser. Ich fühle mich leicht und froh. Das Funkloch verunmöglicht Twittereien, was durchaus auch irgendwie schön ist. Ein Blick auf die Uhr bestätigt uns, dass wir die erste Bahn, 9:12, erwischen werden.

Wir sind allein. Die Ersten, die an diesem Tag abwärts fahren. Entsprechend müssen wir die Rucksäcke nicht auf den Knien festhalten und können uns in die allervorderste Reihe setzen. Und ja, die Fahrt ist gruslig. Denn dieses Steil, diese hundertsechs Prozent, ist wirklich steil.

Ich bin schließlich froh, als wir unten ankommen. Hier warten auch bereits einige Menschen auf die Fahrt nach oben.

Wir wandern zurück über die Hängebrücke und von da aus weiter Richtung Guttannen. Der Temperaturunterschied von oben nach unten ist deutlich spürbar und wir sind nun doch auch in der Hitzewelle angekommen. Zum Glück gibt es immer wieder Bäume. Und schließlich, ganz nahe der Aare, ein wunderbarer Kiefernwald (oder vielleicht sind es Tannen). Ich jedenfalls nenne dieses Wäldchen die Guten Tannen von Guttannen, den dorthin sind wir unterwegs.

Wir halten eine lange Siesta und messen fortan jeden Rastplatz an der Qualität dieses einen wunderbaren und letztlich unschlagbaren. In der nahen Aare fülle ich unseren Wasservorrat auf. Später wandern wir in Häppchen weiter. Wandern. Pause. Wandern. Und irgendwann langen wir in Guttannen an. Finden ’Regulas Dorfladen’ (mit Deppenapostroph, aber das kann ich hier nicht wiedergeben, zu viel innerer Widerstand) und decken uns das erste Mal seit Wanderbeginn mit neuen Lebensmitteln ein. (Und mit Bier. Eine Dose für zwei.) Eine große Schale Erdbeeren essen wir direkt auf der Bank vor dem Laden.

Weiter gehts. Weiter der Aare entlang. Der Muskelkater ist nur noch ein Nachhall, eine Art Echo. Schon vor Guttannen ist der Wanderweg identisch mit der Landstraße und entsprechend geteert. Eine ganze Weile gehen wir auf Teer. Und wenn es etwas gibt, das ich beim Wandern wirklichwirklich hasse, dann das: Teer. Meine Füße fangen schnell an zu brennen.

Wir setzen uns auf eine Wiese, twittern ein wenig, dösen ein bisschen, und hoffen, dass wir später einen schönen Platz für die Nacht finden. Ich jammere auf Twitter über die Teerstraße und dass es nun bestimmt immer und immer so weitergeht.

Als wir weiterwandern, entdecken wir, dass der Teerweg nur wenige Meter nach der nächsten Kurve wieder in einen Kiesweg übergeht. So schnell haben sich meine Wünsche noch nie erfüllt!, sage ich.

Über Kuh- und Schafweiden folgen wir auf- und abwärtsgehend dem Verlauf der Aare und schließlich sind wir ihr wieder so nah, dass wir uns entschließen in ihrem Bett zu biwackieren. Für Zeltaufbau ist eh zu wenig Platz.

Wir baden im kühlen Fluss, waschen Kleider, kochen, essen und legen uns schließlich unter dem Sternenhimmel schlafen. Leise Angst, dass der Fluss über Nacht ansteigen könnte, ist da, aber – wie gesagt – nur ganz leise. Eine vollkommene Nacht mit Prachtsternenhimmel. Irgendlink zählt Sternschnuppen, während ich tief und fest schlafe und bei jedem kleinen Erwachen ehrfürchtig nach oben schaue.

Zack. Etwas fällt mir auf die Wange. Ein Tier? Ein Meteorit? Eine Sternschnuppe gar? Keine Ahnung. Jedenfalls blute ich und am Morgen entdecke ich eine kleine Wunde. Tja. Auch das ist Natur.

Bilder von Tag 3

Lest gerne auch Irgendlink über Tag 2 + 3 unserer Wanderung.


Kartenlink Tag 2 +3

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#flussnoten19 | Tag 0 und Tag 1

22. Juni 2019

Wir haben fertig gepackt. Ich bin, wie oft in solchen Momenten, hibbelig, dünnhäutig, aufgeregt. Nicht nur der bevorstehenden Fernwanderung wegen, eher noch darum, weil ich noch niemanden gefunden habe, der zwei Wochen lang meine Topfpflanzen auf der Terrasse gießt. Ja, okay, Luxusproblem, aber ich liebe sie eben alle, und ich möchte sie darum nicht verdörren lassen. Zumal ich alle selbst gezogen habe oder – im Falle von Yucca, Friedensbaum und Zyperngras – aus winzigen Pflänzchen aufgezogen. Diesmal steht von den drei Frauen, die bisher, wenn ich einige Zeit wegfuhr, meine Pflanzen gepflegt haben, keine zur Verfügung. Meine Schwester, die über zwanzig Kilometer entfernt wohnt, würde zwar zur Not einspringen. So erleichtert ich über ihr Angebot bin, kann ich mich darüber doch nur bedingt freuen, denn der Aufwand wäre ja schon ziemlich groß. Hoffentlich meldet sich der Nachbar noch, dem ich ein Briefchen in den Kasten gelegt habe.

Beim Packen des Wanderrucksacks stelle ich außerdem fest, dass sich meine neue bpa-freie Wasserflasche ja gar nicht außen am Wanderrucksack anhängen lässt. Die Daniela-Düsentrieb-in-mir muss sich also eine Lösung ausdenken.

Irgendlink kommt auf die Idee, altes Gummischlauch-Gummiband zu verwenden. Was ein Superidee ist! Daran befestigte ich schließlich mit Schnur einen Rucksack-Klettversuchluss und fertig ist die Aufhängung. Die sich notabene sehr bewährt hat! In Konjunktion mit dem seitlichen Anzurrband des Rucksacks perfekt und leicht zu handhaben.

Gegen Mittag fahren wir los ohne dass ich von meinem Letzte-Hoffnung-Nachbarn etwas gehört hätte. (Er meldet sich erst am nächsten Tag, da er selbst in den Ferien gewesen ist, und schreibt: Klar gieße ich, kein Problem!)

+++

Endlich im Auto Richtung Berner Oberland. Ich brauche diesmal lange, bis ich vom Aufgeregt-Modus in den Ferien-Modus wechseln kann.

Den ersten Halt legen wir auf ’meinem’ Berner Friedhof ein. Lars’ Gärtlein. Ein lauschiger Platz. Ein trauriger Ort. Erinnerungen.

Erinnerungen bilden – im Nachhinein betrachtet – bei mir den roten Faden unserer Aarewanderung. Oft schwere, schmerzhafte Erinnerungen, die ich mit neuen, leichteren Erfahrungen zu ergänzen versuche. Integration. Altes und Neues zusammenbringen. Miteinander verweben. Dem Leichten erlauben, Schweres zu lichten.

Wie wir ab Bern über Land Richtung Thun weiterfahren, kommt uns spontan die Idee, ein Bad im Gerzensee zu nehmen. Wo wir doch schon fast daran vorbei fahren. (Dass wir zehn Tage später zu Fuß dort hinauf wandern würden, ahnen wir damals nicht.)

Im Gerzensee, der eigentlich ja nur Einheimischen vorbehalten ist und der einer meiner Lieblingsplätze aus meiner Zeit in Bern ist, tauche ich ein bisschen tiefer in den Ferien-Modus ein, wasche den Druck der letzten Wochen und Monate ein wenig ab. Dort, im noch angenehm kühlen Wasser, auf dem Rücken liegend, den Himmel und die Wolken betrachtend, beginne ich, mich einzulassen. Auf das Kommende. Auf das Seiende.

Fast auf die abgemachte Minute genau treffen wir abends bei M. und B. in Steffisburg ein. Die beiden Lieben haben uns angeboten, während wir die Aare erwandern, unser Auto zu hüten. Was für ein gemütlicher Abend mit meinem früheren Flüchtlingszentrum-Arbeitskollegen M. und seiner Partnerin B..

23. Juni 2019

Spontan beschließen die beiden, uns am Sonntagmorgen auf die Grimsel zu fahren, da sie schon lange nicht mehr dort oben gewesen seien. Für uns ist das ein Glücksfall, hätten wir doch mit dem öffentlichen Verkehr viel länger gebraucht, zigmal umsteigen müssen und dafür obendrein noch ziemlich viel Geld ausgegeben. (Leider ist für Menschen mit wenig Geld der öffentliche Verkehr schier unbezahlbar geworden.)

Irgendlink fährt mit uns genau jene Strecke, die wir Tage später wandern würden – wenn auch größtenteils auf anderen Wegen: Am Thunersee dem Nordufer und am Brienzersee auf der Autobahn dem Südufer entlang. Tage später werden wir immer mal wieder sagen: Das hier sind wir alles gefahren!

Ab Brienz nimmt der Sonntagsausflugsverkehr groteske Ausmaße an. Vor allem die Motorradfahrenden fallen negativ auf. Zwar fahren die meisten seriös, doch manche lassen die Motoren aufheulen und ihre Anti-Potenz hörbar machen, fahren aggressiv am Geschwindigkeitslimit, überholen an unübersichtlichen Stellen. Ein Eiertanz. Kurz: Die Passstraße ist sonntagslaut-laut-laut. Und ja, wir sind natürlich auch Teil dieses Lärms.

Die kurvige Straße steigt stetig an, ähnlich dem Druck in meinen Ohren. Und auf einmal sind wir oben. Passhöhe. Fast 2000 m ü. M. Weite. Menschen. Reisebusse. Autos. Motorräder. An vielen Stellen liegt noch Schnee. Im Grimselsee schwimmen Eisschollen.

Auf der Grimsel: Schwarze Bergspitzen mit Schnee garniert, Weite, blauer Himmel
Auf der Grimsel: Schwarze Bergspitzen mit Schnee garniert, Weite, blauer Himmel

Nach einem kleinen Rundgang fahren wir wieder zurück bis zu einer Stelle, an der sich gut anhalten lässt und von der aus wir gut den ersten Wanderweg erreichen können.

Abschied. Erste Bilder. Winken. Macht es gut, habt es gut, Danke!

+++

Hier beginnt sie nun, unsere Wanderung. Eigentlich wären wir gerne zur Grimselseestaumauer hochgestiegen, doch die Schneefelder bremsten uns aus. Also abwärts. Zum Rätischbodensee, dem ’zweiten Grimselsee’, hinunter. Bisschen Straße, bisschen Wiese um die Straßenserpentinen abzukürzen. So richtig Wanderweg ist es erst ab Rätischbodensee, den wir auf seiner linken Seiten umwandern. Umwandern wollen.

Ein schöner Weg, den wir da gehen. Überall gurgeln und blubbern kleine Bächlein, die das Schmelzwasser entstehen lässt. Die Luft ist klar, der Himmel blau. Lunge und Seele atmen auf. Die Warnung vor Schneefeldern ignorieren wir nonchalant. So schlimm können die ja wohl nicht sein!, denken wir. Jedenfalls schaffen wir die ersten beiden ohne nennenswerte Probleme. Ich rutsche zweimal aus und lande im Schnee. Wie ein Käfer auf dem Rücken brauche ich Irgendlinks Hilfe beim Aufstehen. Der noch ungewohnte, schwere Rucksack nagelt mich am Boden fest. Dennoch, wirklich schlimm ist das nicht und wir wandern zuversichtlich weiter, weiter, weiter. Schön ist es hier, komm, weiter, weiter, noch mit der Unruhe der letzten Tage im Nacken … noch nicht im eigenen Tempo angekommen. Noch ungewohnt. Noch nicht im Jetzt.

Auf einmal liegt es vor uns, dieses Schneefeld, das wir nicht überqueren können. Zu breit. Zu schräg von oben links nach unten rechts in den See ragend. Eine Rutschbahn, die tödlich enden könnte. Ein falscher Tritt und du versinkst im Schnee oder rutscht ab und gleitest in den See. Nein. Geht nicht. Zu gefährlich. NEIN.

Also zurück auf Anfang. Zum Beginn des Wanderwegs. Alternativen zum nicht eben ungefährlichen Gang über die vielbefahrene Passstraße gibt es keine, aber wir könnten, so überlegen wir, damit wenigstens bis am Montagmorgen warten, denn jetzt fahren einfach zu viele Autos. Und vor allem zu viele Motorräder.

Eine Familie – Mutter-Tochter-Vater –, die ebenfalls am Schneefeld umgedreht ist, winkt uns zu, als sie uns zurückkommen sieht. Die Mutter deutet auf das Familienauto, das sie im einer Bucht am Anfang des Wanderweges geparkt haben. Sie deutet auf uns. Deutet an, dass wir als Mitfahrende willkommen seien. Wir recken die Hände. Signalisieren ein Ja. Mit Ausrufezeichen. Was für ein Glücksfall! Am Ende des Sees, an der Staumauer des Rätischbodensees, bedanken wir uns herzlich bei unserem Fahrer und seiner Familie und wandern zum nahen Wanderweg.

Schon bald finden wir einen schönen Platz für eine längere Pause. Eine immense Müdigkeit – dem ungewohnten Rucksackwandern ebenso geschuldet wie den letzten Tagen und Wochen, die dicht gewesen waren – macht sich in mir breit.

Wir beschließen, zunächst noch ein Stück weiter weg von der Staumauer mit ihrem großen Parkplatz und den Gebäuden zu wandern, aber uns baldmöglichst einen passenden Lagerplatz zu suchen. Es ist bereits etwa sechs Uhr und wir wollen es ja am ersten Tag nicht übertreiben.

Der signalisierte Wanderweg führt theoretisch über die reissende junge Aare, will heißen über eine den reissenden Aarebach querende Brücke, doch diese fehlt. Rechts und links der Aare felsiges Geröll, das ein improvisiertes Übersetzen verunmöglicht. Also bleibt uns nichts anderes übrig, wenn wir nicht erneut den ganzen Weg zurück zur Straße gehen wollen, als einen großen Bogen zu machen, um über Umwege auf den Wanderweg zurückzukehren.

Mehr schliddernd als absteigend gelangen wir eine Ebene tiefer und finden dank Navigationsapp wieder zurück zum Wanderweg. Diesem durch relativ feuchtes, hochalpines Grasland auf und ab folgend, suchen wir nach einem Platz für die Nacht, ein Stück relativ ebenes Land, nicht zu feucht, nicht zu felsig. Etwas abseits vom Weg werden wir schließlich fündig und bauen auf der trockensten und flachsten Stelle einer vom Schmelzwasser feuchten Wiese das kleine Wanderzelt auf.

Wir kochen uns eins der mitgebrachten Fertig-Gerichte – eine Reispfanne – und essen dazu Karottensalat. Wie köstlich es doch schmeckt, wenn man in der freien Natur gekocht hat.

Weil wir in einem der seltenen Funklöcher sind, spazieren wir nach dem Essen noch ein wenig zurück zu ein paar schönen Felsen, die wie Sofas am Wegrand liegen. Abendsonne. Weite. Sonnenuntergang. Und ja, so langsam komme ich an. In den Bergen. In der Natur. Im Hier.

Langsam wird es kühl. Die angekündigte Hitzewelle ist noch nicht auf der Grimsel angekommen. Wir schlüpfen müde in unsere Schlafsäcke und verbringen eine akustisch einzig vom Rauschen des nahen Aarewasserfalls untermalte erste Zeltnacht.

Bilder von Tag 1

Lest gerne auch Irgendlink über Tag 1 unserer Wanderung.


Kartenlink Tag 1

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#flussnoten19 | ein erster kleiner Rückblick

Ihr erinnert euch? Die Aargletscher sind es – diese Gletschergruppe in den östlichen Berner Alpen am Finsteraarhorn –, welche die Aare auf ihre lange Reise schicken, ins Tal, in den Rhein, ins Meer. Stetig abwärts fließt die Aare von da aus, durch Berge, Schluchten, kleine und große Seen.

Karte, die das Einzugsgebiet von Quelle bis Mündung in den Rhein zeigt Von Friedrich-Karl Mohr | CC BY-SA 3.0 de | Quelle: commons.wikimedia.org
Karte, die das Einzugsgebiet von Quelle bis Mündung in den Rhein zeigt Von Friedrich-Karl Mohr | CC BY-SA 3.0 de | Quelle: commons.wikimedia.org

Auf obiger Grafik sieht man die Wege der Aare gut. Angefangen beim Aargletscher – auf der Grafik unten rechts – hochoben, in der Mitte der Schweiz irgendwo beschreibt sie einen geschwungenen Loop bis ans Ostende des Brienzersees, durchfließt diesen, taucht kurz auf, quert das Bödeli zwischen den Seen, Interlaken genannt, fließt von Südost nach Nordwest durch den Thunersee, verlässt diesen und strebt nordwestwärts Richtung, Bern, Biel, von dort dann nordöstlich Richtung Solothurn, Aarau, Brugg. Schließlich mündet sie bei Koblenz (AG | CH) – bei 312m ü. M. – in den Rhein. Sie überwindet unterwegs einen Höhenunterschied von 1665m überwunden und legt 291,5 km zurück.

Ganz so weit sind wir nicht gewandert, ’nur’ bis Bern. Bis ins Strandbad Eichholz, das wir vorgestern Mittag erreicht haben. Wir waren fast exakt 11 Tage unterwegs von der Grimsel nach Bern.

Die ersten Tage wanderten wir mehrheitlich auf Bergwegen. Wer sich jetzt das Bild eines stetigen Absteigens macht, da der Fluss ja bis Brienz etwa 1100 Höhenmeter überwindet, täuscht sich. Zwar haben wir diese Höhenmeter tatsächlich unterwegs überwunden, doch für drei Höhenmeter abwärts gab es mindestens wieder einen oder zwei aufwärts und ja, dafür waren unsere Gelenke äußerst dankbar. Abwärts gehen ist im Gebirge nicht nur anstrengender, es ist auch gefährlicher. Insbesondere wenn du einen schweren Rucksack auf dem Rücken trägst.

Die ersten Tage waren darum für mich besonders herausfordernd, da ich nach der langen Fernwanderabstinenz erstmal in mir das Gefühl fürs Rucksackwandern wiederfinden musste.  Rhein (2016) und Reuss (2014) sind ja nun doch schon ein paar Jahre her und Kondition und Fitness sind ja nicht so meine direktesten Nachbarinnen. Beides kommt aber – so lehrt mich die Erfahrung –, wenn ich gehe, wieder. Wenn ich in meinem Tempo gehe. Wenn ich meine Grenzen nicht zu rasant auszudehnen versuche. Wenn ich sorgsam mit mir umgehe. Nicht, dass ich das immer getan hätte. Aber irgendwie kommt das nach und nach wie von selbst. Die Kraft wächst. Der Mut wächst. Die Ausdauer wächst. Und sogar die Muskeln.

Von Brienz bis Bern waren es nicht mehr so viele Höhenmeter, doch da es an den Seen nicht durchgängig gute – will heißen schattige und idealerweise teerfreie – Wanderwege in Seenähe gibt, haben wir oft Wege am Berghang gewählt. Nicht zuletzt wegen der schattenspendenden Bäume.

Von Interlaken aus sind wir sogar spontan mit dem Postauto in die Berge, nach Habkern, gefahren und dort, parallel zum Seeweg, der Höhenkurve entlang Richtung Beatenberg gewandert. Dort war es zum einen ein paar Grad kühler, zum anderen hatten wir eine bessere Weitsicht. Und was für eine! Eiger, Mönch und Jungfrau zum Greifen nah.

Die Strecke Thun-Bern ist mehrheitlich flach. Hier bestand die Herausforderung darin, Wege zu finden, die nicht allzu besonnt und bevölkert sind – wilde Übernachtungplätze waren rar. Mal gingen wir auf der einen, mal auf der anderen Aareseite. So erreichten wir Bern am elften Wandertag – nach ungefähr hundertzwanzig gewanderten Kilometern. Ob und falls ja, wann wir den Rest der Aare erwandern werden, ist offen.

Screenshot unserer Wanderung auf der App-Karte. Die Kurve sieht aus wie ein Waldsofa im Profil.
Screenshot unserer Wanderung auf der App-Karte. Die Kurve sieht aus wie ein Waldsofa im Profil.

Übernachtet haben wir dort, wo es uns gefiel, wo wir Platz gefunden haben. Das wird in der Schweiz an den meisten Orten geduldet oder ist sogar einfach so erlaubt, da die Schweiz wie Schottland und die meisten skandinavischen Länder das Jedermannsrecht kennt. Dieses Recht besagt, dass man auf öffentlichem Grund campieren kann, wenn man sich an die Grundregel hält, den Platz in Ordnung zu verlassen und die Biosphäre nicht zu stören (Infos gibt es > hier). So haben wir es gehalten. Wir haben immer allen Müll mitgenommen und zuweilen auch herumliegenden Abfall miteingepackt. Physische Spuren haben wir hoffentlich keine hinterlassen, vom plattgetretenen Gras da und dort einmal abgesehen.

Über das Leben unter freiem Himmel, über Zeltausrüstung, Schlafsack und Matten gibt es viel Literatur, weshalb ich nur diesen einen Tipp gebe: ausprobieren! Es lohnt sich, ein bisschen mehr Geld für gute und faire Outdoor-Produkte auszugeben statt Billigprodukte zu kaufen, die schnell verschleißen und beispielsweise nicht lange wasserdicht sind.

Ach ja, den Strombedarf für unsere Smartphones – die uns als Notizbücher, Wanderkarten, Photoapparate und Telefone dienten – haben wir größtenteils mit Irgendlinks Solarpanel gedeckt, das er zuweilen am Rucksack angeschnallt mit sich herumtrug. Wir hatten drei volle Powerbanks dabei, die wir ein einziges Mal – bei der Übernachtung im Garten einer Pilgerin, die uns spontan in ihre Welt eingeladen hatte – in eine ’richtige’ Steckdose einstöpseln konnten.

Diesmal haben wir nicht wie andere Male über unsere Fernwanderung gebloggt, sondern vor allem auf Twitter berichtet, kurze spontane Impressionen, Notizen, Flussnoten.

Geplant ist, dass sowohl Irgendlink als auch ich unsere Notizen in einen kleinen Reisebericht verwandeln werden. Für unsere Blogs.

Bleibt uns gewogen, denn ’Fortsetzung folgt’. Demnächst in diesem Theater.

#flussnoten19 | Von der Grimsel aareabwärts

Mich auf die Gegenwart einlassen. Nicht schon beim Wandern in blogbaren Sätzen denken. Anders hingucken.

Ob ich es schaffe?

So ganz tue ich es nicht, denn immerhin gibts auf Twitter den Häschtägg #flussnoten19, wo Irgendlink und ich Gedanken zum Unterwegssein twittern.

Was auffällt: Die Umstellung von ständigem Beschäftigtsein im Alltag in den Fernwanderferienmodus fiel mir diesmal schwerer als auch schon. Alltagssorgen. Gewöhnung an Bücher/Filme/Chats, Politik, Klimakrise etc. – diesmal will ich davon so wenig wie möglich.

Will einfach nur sein. Auftanken. Natur. Manchmal bedeutet das natürlich auch, über die Hitze zu jammern. Oder über Teerstraßen. Einfach wahrnehmen, was ist. (So richtig einfach ist das aber natürlich nicht.)

Hier. Jetzt. Biwacklager im Aareflussbett. Der Morgenkühle wegen in Vollmontur. Klamme Finger. Heiße Tasse. Flussrauschen.

(Es ist Mittwoch, 7:41. Der Upload zickt. Okay, dann halt später.)

Flussnoten goes Buch

Endlich geht es mit dem Bau des Flussnoten-Buches voran. Wir haben die fürs Buch relevanten Kapitel aus allen im Laufe der Reise entstandenen Blogartikeln ausgewählt und nun redigieren wir die einzelnen Texte sanft. Gruslig, wie viele Tippfehler sich da über die Handytastatur in unsere täglichen Erfahrungsberichte geschlichen haben! Zuweilen schönen wir zwar die Satzstellung ein klein bisschen, was damals, am kleinen Handybildschirm, nicht so elegant ging wie jetzt, am großen Laptop-Bildschirm, doch am Text selbst wird nicht groß gefeilt, die Wander-Authentizität soll ja erhalten bleiben.

Was soll ich sagen? Es macht Spaß! Es ist schön, nochmals in unsere Reise dem Rhein entlang einzutauchen, mich zu erinnern, mich zu freuen darüber, was wir da alles erlebt, gesehen, erlitten haben, was uns gefreut und begeistert hat.

Das Buch wird sowohl als eBook erscheinen als auch als Printbuch mit einem Bildanhang (Selbstverlag, bei epubli erhältlich). Vorbestellen könnt ihr es schon jetzt bei Irgendlink. Erscheinen wird es im Frühling dieses Jahres und ungefähr Fr. 17.-, resp. € 16.- (plus Versandspesen) kosten. Als epub um die Fr. 11.-/€ 10.-.

PS: Das Poster mit 96 Bildern unserer Reise ist noch immer zum Vorzugspreis von Fr. 43.–, resp. € 40.– erhältlich.

Sein, einfach.

Gestern. Auf dem einsamen Gehöft liegt Frühling in der Luft . Wir wandern in die Stadt herunter, treffen in der Stadt einen Bekannten, der mir versichert, dass seine Partnerin regelmäßig mein Blog lese (winkewinke, liebe L. und dankeschön!), besuchen danach eine Freundin und wandern wieder hoch.
So einfach. So banal. So schön. So wohltuend.

Alle Bilder werden groß durch Draufklick.

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Küsschen?

Und heute? Heute roch die Erde, die nassgeregnete, nach Gedeih. Von Verderb keine Spur. So zog es uns nach dem Regen raus in Wälder und über Wiesen & Felder…
So einfach. So banal. So schön. So wohltuend.

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Und weil gestern das Jahr der Holz-Ziege begonnen hat (was ich allerdings nichts wusste), gibts ab sofort nichts mehr zu meckern! Und schon gar nicht bei mir und meinem Geisslein (auf meiner neuen Handyhülle).

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In den Pyrenäen #4 – Gestern: Heldenzöix

Gestern vor der Wanderung. Nach-dem-Frühstück-Tischtuch-Quatscherei …

Fast zur Quelle hoch sind wir gestern gestiegen. Immerhin bis zum zweiten Wasserfall. Und das womöglich nur, weil ich mich in diesen Ferien entschlossen habe, mich nur rudimentär an der Planung unserer Aktivitäten zu beteiligen. Andernfalls hätte ich uns vielleicht ausgebremst? Mir so eine Tour nicht zugetraut? Was das Tagesprogramm betrifft, hat ja Irgendlink immer so tolle Ideen, dass ich mich diesen gerne anschließe. Einerseits, weil ich bis jetzt damit immer gut gefahren – und gewandert! – bin und andererseits auch, weil es meiner aktuellen Entscheidungsunlust so toll entgegen kommt.

Schon vorgestern zog es ihn zu den Wasserfällen, doch weil die Sonne uns auf die sonnige Bergseite gelockt hatte, waren wir ihrem Ruf gefolgt.

Vernet-Cascades_19Gestern nun war Regen angesagt, über Mittag und gegen Abend wieder. Wir sollten also wohl möglichst bald raus, wenn wir Regen vermeiden wollen. Na ja, möglichst bald heißt bei uns so gegen Mittag. Nach Regen sieht es nicht aus. Trockenen Fußes durchqueren wir das unter einer Wolkendecke liegende, verschlafen wirkende Dorf und fotografieren uns bergan.

Einzig eine süße Katze und später eine Frau in unserm Alter, die Holz auf ihre Karre lädt, treffen wir unterwegs. Die Holz ladende Frau meint, es sei den Leuten draußen zu kalt. Bei acht Grad ist Winter angesagt und gemütliches Zuhauseherumsitzen. Niemand mag dann draußen sein.

C’est la vie.

Bald finden wir das Wanderwegzeichen zu den Cascades, den Wasserfällen.
Die sind hier in der Nähe, sagt Irgenlink seit Tagen, und da hat’s zwei Geocaches.
Wir wandern also gemütlich bergan. Bald schwitzen wir. Bald setzt leichter Regen ein. Bald kommt die Gabelung, von wo an es zur Sache geht, denn bis hierher war es ein schöner Waldspaziergang, ab jetzt eine Bergwanderung.

Eine Stunde zwanzig Minuten bis zu den Fällen, sagt die Tafel, und es regnet nun schon stärker. Vernunft versus Abenteuerlust? Wir gehen weiter, keine Frage eigentlich.

Links der Bach, tosend und wild, der Weg immer wilder, immer steiniger, immer steiler. Tolle Wanderung. Eigentlich. Bloß nicht an noch mehr Regen und an Abstieg denken, ermahne ich mich innerlich.

Bild um Bild nehmen wir mit. Wunderbare Natur. Köstliche Luft. Stille. Immer öfter müssen wir auf abenteuerlichen Brücken und Furten den Bach queren, mal von rechts nach links, dann wieder zurück.

Und auf einmal finden wir ihn, den ersten Wasserfall. Der Cache ist vergessen. Atemlos vom Anstieg bestaunen wir dieses Naturkunstwerk, das kein Künstler schöner hinbekommen hätte. Ich hebe die Kamera. Genau in diesem Moment pustet mir ein frecher Windstoß, im Verein mit der Schwerkraft, meinen Schirm weg, den ich als Kameraschutz aufgespannt hatte. Mist! Doch schon klettert mein Held behände ins Flussbett und holt den Schirm. Nur die Melone fehlt, Charme dafür im Überfluss.

Das Wegstück zur zweiten Kaskade ist das bisher gefährlichste, steilste, nasseste und ich frage mich, ob wir bei solch verrückten Wanderungen eigentlich immer Regen als Background-Sound gebucht haben. Irgendlink macht Bild um Bild, Film um Film, während ich mich an einer trockenen Stelle, an eine Felswand gelehnt, ein bisschen ausruhe.

Beim Abstieg über die klitschnassen und glatten Felsen rutsche ich gleich zweimal aus. Autsch. Zum Glück ohne Schaden. Und zum Glück ist mein Held da und reicht mir immer mal wieder die Hand. Meine Beine sind kürzer als seine, was ich besonders deutlich merke, wenn es um die Querung von Furten geht. Bergwandern, das hat uns spätestens die Pilgerwanderung auf den Gotthard gelehrt, ist ein dauerndes Ausbalancieren. Jeder Schritt will geplant sein. Nur so kommen wir voran. Oder abwärts. Noch immer regnet es, doch irgendwann sind wir unten. Und der Regen hat auch endlich aufgehört.

Nach einem kleinen Einkauf im Dorfladen machen wir es uns daheim im Studio gemütlich. Hach, toll war das, und ich bin einmal mehr froh, die Strecke nicht im Voraus gekannt zu haben. Es geht doch nichts über keine Recherche und viel Vertrauen. Besser als jede Vorschuss-Angst!

Ich gehe um des Gehens willen. Ich lebe um des Lebens willen.

In den Pyrenäen #3 – Bilder von heute Nachmittag

Eine wunderbare Bergwanderung mit Fernsicht.
Auf 900 m ü. Meer sieht die Welt einfach ein klein bisschen anders aus … 🙂

Wanderung 26-12-14_Route
Nachmittagswanderung – zum Vergrößern draufklicken
screenie Waderung auf hikebike
Kartenausschnitt auf hikebike – zur Originalkarte draufklicken

Link zum heutigen Kartenausschnitt

Das Geheimnis neuer Wege

Endlich an den Anfang gehen. Will heißen: ans Ende. Dahin, wo die Reuss zu sein aufhört. Wo sie in die Aare mündet, wo sie Aare wird. Denn wir haben geschummelt, damals, vor ein paar Monaten. Ende Juni haben wir bei unserer Reusswanderung nämlich nicht genau dort angefangen, wo sie wirklich aufhört, die Reuss, sondern ein paar Kilometer südlicher. Es passte eben besser damals. Und es wäre ein Umweg gewesen.

Heute nun, endlich, sind wir gemeinsam zum Wasserschloss gewandert. Das Schloss? Der Zusammenschluss, der Zusammenfluss der drei größten Schweizer Flüsse. Den Rhein, der größte von allen, zu dem die drei hier später werden, nicht mitgezählt, denn er besucht ja nach der Schweiz noch andere Länder.

Item. Die Reuss. Wir nehmen einen Weg, den Irgendlink noch nicht kennt. Wir zeichnen unterwegs, machen Fotos. Bleiben da und dort stehen. Staunen. Lassen uns besonnen. Neun Vögel genießen den blauen Himmel, fliegen Kreise. Immer ein anderer führt an. Kreise fliegen sie, Bögen.
Ästheten seid ihr, denke ich. Ihr mögt das Schöne so sehr wie ich. Wie fühlst du dich, Vogel, da oben? Ja, du; dich meine ich.

Wir verlassen die Zivilisation und tauchen in den Wald ein, in eine andere Welt, eine Wildnis, eine Zwischenwelt, einen Dschungel und mir ist zumute wie vor drei Monaten. Nur der schwere Rucksack am Rücken fehlt.

neue Wege_1
auf neuen Wegen

Beim Wasserschloss angelangt, stellen wir fest, dass der Wasserstand der drei Flüsse so tief ist wie selten und dass wir direkt am Fluss, diesmal ist es die Aare, zurückwandern können. Weiter stapfen wir durch den Wald und gehen matschige Wege, die unsere Wanderschuhe ganz schön versauen. Weiter durch den Dschungel. Herrlich.

Hier könnte man das Zelt aufbauen, sagt Irgendlink. Stimmt. Oder schau, hier drüben! Tolle Plätze.

Familiengartensiedlung, an der wir das erste Mal auf der Fluss- statt auf der Straßenseite vorbeiwandern.

Schließlich und endlich wollen wir, es wird dunkel und kühl, wieder nach Hause. Aber nicht auf dem bekannten Weg, nicht heute. Heute sind es neue Wege, die locken. Neue Wege haben einen ganz eigenen Charme.

Ich liebe neue Wege, die mir neue, ungeahnte Möglichkeiten auftun. Wenn ich denn den Mut habe, nicht immer auf den bekannten Straßen zu gehen. Wir finden unerwartet einen Waldweg, der mit Stufen in den Berg gelegt ist und gelangen so vom Unter- ins Oberdorf.

Wer hätte das gedacht?

Nein, da war ich noch nie, obwohl es doch so nahe ist.