Karlsborg II

Den gestrigen Abend habe ich im Bett verbracht, eingekuschelt in die Bettdecke. Das heraufziehende Schluckweh mit Norrland Guld (Skål!) herunter gespült – lecker! -, endlich den Thriller fertiggelesen und dem Regen gelauscht. Wunderbar geschlafen. Geträumt.

Leben ist zurzeit so intensiv, dass es mir manchmal fast zu viel ist.
Der Vorteil der Fähigkeit, so intensiv erleben zu können: Ich koste aus. Ich genieße. Ich lasse mich ein. Es braucht viel Energie.
Der Nachteil der Fähigkeit, so intensiv erleben zu können: Ich koste aus. Ich genieße. Ich lasse mich ein. Es braucht viel Energie.

Ich suche das Schöne. Ich meide das Hässliche. Finde, ohne zu suchen, Wege durch den Wald, die mich bezaubern. Ich genieße die Langsamkeit, die mich, seit ich Karlsborg betreten habe, befallen hat. Ich schätze meine Gesellschaft. Nichts tun zu müssen. Insh`allah – es ist, wie es ist.

Wieder stehe ich im Touri-Shop mit dem Gratisinternet. Es ist bald Mittag. Ich erfuhr von Hanna, meiner B&B-Wirtin, dass ich so lange in ihrem B&B bleiben könne, wie ich wolle. Jaaa! Ich habe für eine weitere Nacht bezahlt. Frukost gibts in der Jugi in der Nähe – und was für eins. Geeemütlich. Dort hat mir auch die nette Rezeptionistin meine Zecke (fästinge oder so ähnlich heisst das Ding auf schwedisch) beim Bauchnabel rausgepult. Und mir ein Velo für heute vermietet. Ich werde wohl mal so richtig Forsvik fahren. An einen kleinen See. Vielleicht auch weiter nach Beateberg. Vorausgesetzt das Wetter hält. Es ist windig und am Himmel ballen sich Regenwolken.

Reisen heißt Zulassen. Heißt Langsamkeit. Sehen. Meditation. Bin heute Morgen mit dem Velo am Südzipfel der Bucht entlang gefahren. Totale Pampa. Wieder dieses unendliche Meergefühl. Kein Ufer in Sicht. Dafür ein Krebs auf einem Stein. Ihm fehlt das linke Vorderbein. Tapfer kriecht er trotz des Handicaps vorwärts. Sonnt sich auf den Steinen. Setzt sich, wie ich, dem Wind aus.

Später, auf dem Velo stelle ich fest, dass ich ganz bei mir bin. Und doch zugleich irgendwie „außer mir”. Wenn ich fahre, fahre ich. Wenn ich gehe, gehe ich. Wenn ich schreibe, schreibe ich. Ich fließe, gleite durch die Tage und frage mich zum millionsten Mal, wieso es mir im Alltag bis jetzt noch nie am Stück gelungen ist, diese Haltung beizubehalten. Jaja, das fragen wir uns alle.

Natürlich, ich kann auch hier auf die mühsame Spur einklinken … Ich habe, wie beinahe immer, die Wahl. Hier fällt es mir wohl einfach leichter?

Ob ich weiterziehe oder hierbleibe, entscheide ich morgen. Regentag. Dienstags dann wieder schön. Vielleicht reise ich weiter an den Südzipfel des Vänernsees?

Ich winke mal wieder … Grüße herzlich … bis irgendwann von irgendwo! Hej!