Mir vorzustellen, morgen um diese Zeit im Büro zu sitzen, – na ja – ist nicht wirklich das, woran ich jetzt denken mag.
Gestern um diese Zeit noch am Flughafen Göteborg. Stunden später zuhause. Geht mir alles bisschen zu schnell …
Kaum hatte ich Genfschen Boden betreten, platzten meine LangsamReisen&Flowen-Blase und mein Weltenbummlerin-Feeling in sich zusammen. Wieder ganz Schweizerin, verfiel ich in ein Tempo, das ich fast zwei Wochen nicht gespürt habe. Die vielen Leuten in der Gepäck-Halle überforderten mich. Ein Bienenhaus. Vor der Scheibe noch mehr Menschen, die winken und Tafeln mit Namen schwenken. Auf mich wartet niemand. Eine Sekunde Schmerz, doch dann sehe ich bereits meinen Backpack und lobe die schweizerische Zuverlässigkeit. Bravo, alter Junge, gut gemacht. Ich schultere das Teil und lasse den Flugplatz und den Rummel hinter mir. Zum Bahnhof ist es nicht weit und schon nach einer Viertelstunde sitze ich im Zug nach Bern. Die tolerante Weltenbürgerin, die ich gerne wäre, nervt sich über den Lärm im Zug.
Na ja. Ich habe die letzten Nächte nicht gut geschlafen. Bin aufgekratzt. Die Seele noch unterwegs. Im Zug erste SMS, die mein Handy bimmeln lassen. Freund K. möchte einen Rat von mir. Freundin L. heisst mich herzlich willkommen und will bald mal telefonieren, austauschen … Nachbar F. hat die reifen Tomaten auf meinem Balkon genossen. Und gegossen. Alles paletti. Eigentlich. Doch im Kopf erstelle ich bereits wieder Listen, was ich alles tun muss. Erinnere mich an meine Agenda und die Pflichten dieser Woche. Schei… Hilfe … Ich will aussteigen. Nur schlafen … Tja, diese Rolle da, in die ich nun wieder schlüpfen muss/darf/soll werde, habe ich selbstgestrickt, ich weiß. Doch ist es mir nun, als müsste ich meine Flügel wieder einrollen. Einklappen, was da an Erkenntnis über mich und meine Möglichkeiten sichtbar geworden ist.
Es lässt sich kaum in Worte fassen, was ich – hinter all den äußeren Erlebnissen der letzten zehn Tage, die sich – wenn auch unzureichend – in Worte fassen lassen – erlebt, erkannt habe. Auch die Bilder, die ich heute Nacht noch auf die Festplatte geladen habe, sind unzureichend. Krücken allesamt. Erinnerungen. Annäherungen.
Leben ist nicht ideal. Doch dem Idealen und Schönen und Heilsamen möglichst nahe zu sein, ist eben ein großer Wunsch von mir. Auch im Alltag. Dagegen die Vorstellung von meinem vollen Schreibtisch tut fast weh … diesmal nicht vor Schönheit …
Ob es schon bald Bilder hier gibt? Kann sein … habe es ja versprochen … 🙂
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Chrüsimüsi zu und aus meinem Notizbuch
- Können wir schreiben, ohne auf Wirkung bedacht zu sein? Und: Können wir leben, ohne gänzlich an Wirkung zu denken?
- Ich ahne: Wäre ich länger geblieben, hätte ich mich mehr auf die Leute eingelassen. Das Bedürfnis nach Kontakten kam erst allmählich. Habe am letzten Abend im Dampfbad, mit einer Schwedin angeregt über Leben, Land und Leute diskutiert. War schön. Doch auch das Allein(sam)sein hat gut getan.
- Während des Lesens meiner Notizen, auf dem Rückflug, notiert: Ich bin am Anfang von etwas Neuem immer sehr-sehr offen. Als sei da ein Filter mit riesigen Löchern, der all die Eindrücke aufnimmt und sie mir serviert. Bin offen für das, was geschieht – egal, ob neue Arbeitsstelle, neue Menschen, neue Erfahrungen … Nach und nach – denn dieses Offensein ist sehr anstrengend – dimme ich die Löcher des Filters herunter, ansonsten ich mich verlieren würde, mich auflösen im Neuen. Ich verliebe mich immer wieder neu ins Leben!, hat mal eine Freundin gesagt. Geht mir ähnlich. Ist aber anstrengend. Intensiv. Macht müde. Und doch: das bin ich. Auch. Und ich möchte nicht weniger lebendig leben, nicht weniger intensiv … So what?
- Machen wir uns auf die Reise, um andere, um anders zu werden? Um andere Seiten in uns zu entdecken und zu leben? Ich mache mich auf die Reise um ganzer zu werden. Auch im Alltag. Auch der Alltag und das Arbeitsumfeld sind Reisen, herausfordernder sogar als jene, die wir freiwillig unternehmen.
- Reisen ist ein Mini-Leben. Alles da: Abheben. Landen. Aussteigen. Einsteigen. Sich orientieren. Müde sein. Mutlos sein. Neue Kraft schöpfen. Weitergehen. Wind. Sonne. Regen. Schlafen. Essen … Verdauen und so …
- Ich gehöre nicht mehr zu jenen, die glauben, die Aussicht auf der anderen Gangseite sei besser!