Alles, was ich fühle, wurde bereits vor mir gefühlt. Und wird soeben irgendwo anders ebenfalls wahrgenommen. Ähnlich, gleich oder anders. Als Reaktion auf irgendeinen, wenn auch nur klitzekleinen Impuls. Ohne Auslöser geht nichts. Alles ist Re-Aktion. Sage ich …
Alles, was ich denke, hat vor mir bereits die Hirnwindungen anderer durchlaufen. Und wird soeben irgendwo ebenfalls gedacht. Ähnlich, gleich oder … siehe oben …
Und auch alles, was ich unternehme, wurde bereits vor mir bereits getan. Und wird soeben erneut in Tat umgesetzt. Auch hier wieder: Als Reaktion auf irgendwas …
Sogar alles, was ich erzähle, wurde bereits irgendwo erzählt. Und wird eben jetzt in Worte gefasst. Die gleichen Geschichten! Sie werden immer wieder neu erzählt. Anders oder ähnlich … ihr wisst schon.
Jene von der Fliege zum Beispiel, die in meinem Schlafzimmer gefangen ist. Sie mag nicht nach dem nahen Ausgang suchen, denn das Leuchten der Glühbirne meiner Lampe fasziniert sie mehr als die Freiheit. Gefährlich nahe kommt sie der Hitze. Auch das nichts neues. Unzählige Insekten erliegen alltäglich dieser Versuchung. Ob es mehr oder weniger sind, die jeden Tag widerstehen und die darum ein paar Stunden länger leben? Nichts neues, nein.
Bei Màrai lese ich Gedanken, die sich der Herr, Màrais Protagonist, über Hundeerziehung macht. Sie gleichen meinen eigenen, vor über dreißig Jahren gedachten und gefühlten Kindergedanken verblüffend. Existentielle Fragen, die nicht einfach mit lauwarmen Antworten aufgelöst werden können. Zum Beispiel diese: Warum kommt mein Hund, wenn ich ihn von der Leine gelassen habe, zu mir zurück? Und warum findet er, selbst wenn er sich verirrt hat, wieder nach Hause! Warum? Bloß des vollen Futternapfes wegen? Wohl kaum.
Nichts neues, nein. Alles Gedachte, Gesagte, Gelesene, Gesuchte, Geliebte, Gefundene, Gefühlte, Gekochte, Verbrannte, Entworfene, Verworfene, Verurteilte kommt irgendwann und irgendwo wieder. Wurde dazwischen kompostiert. Wurde neue Erde.
Auch diese Erkenntnis: Kompost! Tröstlich irgendwie. Auch dass es uns allen so geht.
Wenn ich meine Alltagsaugen schließe, die Innen-Augen öffne und mir die Kreuz- und Querverbindungen, Hyperlinks quasi, zwischen all den gedachten, gefühlten und erlebten Ereignissen zwischen mir und meinen Mitwesen vorstelle, dazu all die Unterverbindungen und die Unter-Unterverbindungen, wird mir beinahe schwindlig. Alles verbunden. Die schamanische Grundlage.
Dazu fällt mir eine weitere Frage ein, die ich mir als Kind oft gestellt habe: Wer hat eigentlich Gott gemacht?
Heute antworte ich dem Kind von damals: Tja, das müssen wohl irgendwelche Männer gewesen sein, denen das Geheimnis des Lebens nicht reichte. Und die den Ursprung allen Lebens vermenschlichen mussten. Gott ist ein Bild. Sollte es jedoch fragen, wer denn all die Göttinnen gemacht hat, würde ich sagen: Guck dir diesen Kreis hier an … er hat keinen Anfang und kein Ende. So ähnlich muss es mit der Erde und allem was darauf herumkrabbelt, sein.
Auch das: Nichts neues. Ich weiss.