Göteborg oder den Kreis schliessen

Na, wie war es denn in Schweden? Ich höre sie schon fragen, meine Leute. Scheff und so.
Danke, gut. Es war wunderschön!, werde ich vermutlich sagen. Vielleicht. Wie ungenügend doch Wörter sind. Wie kann ich beschreiben, was Schweden, was diese Reise wirklich für mich war? Obwohl … nothing is real – ich weiß.

Warum Schweden? Warum diese Gegend? Warum nicht? Ich bin überall das gleiche kleine Pünktchen. Wollte mich in der riesigen Landschaft verlieren – und habe ich auch. Und mich wieder gefunden. Mich selbst und ein paar Dinge auseinandergenommen und neu zusammengerückt. Mich besser kennengelernt. Schöne Eindrücke und Erfahrungen gesammelt. Und Gegensätze. Gestern ganz besonders.

Um an einen der schönsten Plätze der Insel zu kommen, war mir gestern kein Weg zu weit. Durch Wiesen, Wälder und durch Wohn- und Industriegebiete wanderte ich an einen Platz, der sich tief in meine Erinnerungen graben wird. Zielstrebig, wie eine Orientierungsläuferin, mit Karte und ohne Kompass, fand ich ein kleines Paradies. Am Vänernsee. Felsiges Ufer. Einsinken in diese Energie von Sein. Nichts tun. Einer Eidechse gleich die Sonne genießen. Wärme. Den wolkenlosen Himmel. Das Rauschen des Sees. Den für einmal sanften Wind. So schön, dass es schon fast wehtut.

Picknicken, lesen, genießen. Bilder aufnehmen. Digitale. Innere. Als die Sonne hinter dem Wäldchen verschwindet, suche ich einen anderen Weg, um eine weitere sonnige Bucht weiter südöstlich zu finden. Doch der Wald lässt mich nicht eintreten. Ich respektiere es, gehe stattdessen dem Ufer entlang ins Städtchen zurück. Den kurzen, direkten Weg. Wie selten. Und ich weiß nun auch warum. Schön war er nicht. Nach der tief empfundenen Ästhetik von vorhin ein kaum zu übertreffender Gegensatz. Mein Weg führte mich vorbei an noch mehr Industrie. An der Kehrichtverbrennung. Lärm. Gestank. Hitze. Nirgends Schatten. Staub. Ich wähne mich in Südspanien irgendwo. Beim Uferdamm dann das Treffen mit dem Biber … Oder war es eine Ratte? Endlich verlasse ich diese Gegend und lasse mich in einem der vielen Parks auf den Rasen sinken. Ich brauche eine Weile um meine Mitte wiederzufinden. Ideal ist das Leben nicht, nein, das alles gehört dazu. Jaja, das weiß ich doch. Auch ich nutznieße doch die Kehrichtverbrennung. Na also!

Luisa Francia schreibt in einem ihrer vielen wunderbaren Bücher, die ich fast alle gelesen und in meinem Büchergestell stehen habe, dass wir nicht wirklich leben können, wenn wir den Weg durch die Müllhalden scheuen. Recht hat sie.

Ich liebe Schönes, darum genieße ich, hedonistisch wie ich zuweilen sein kann, die Sonne, setze mich am Kanal an die Sonne. Gehe joggen, später, und mache auf dem Rasen neben dem Hotel Yoga. Nein, nicht die Sieben Hengste. Dafür ein paar Sonnenuntergangsgrüsse. Tut gut.

In der Nacht geträumt von einem spirituellen Retreat. Ich, die ich seit Jahren nicht mehr solcherlei besucht habe. Mein Lehrer im Traum riet mir, nicht in einer Konsumhaltung zu leben und meine Übungen zu MACHEN, sondern die Übungen zu SEIN. So wird es gelingen.

Ooops. Gelingen, Erfolg – meine zwei Lieblingsreizwörter. Ambivalente Dinger alle beide. Doch recht hat er schon, der Traumguru. Nicht Yoga machen, Yoga sein! Nicht den Flow machen, im Flow sein. Nicht das Ich aufbauen, ICHen. (Nennt Irgendlink das. Sorry, Mann, ich bringe das Wort nicht mehr raus … hat sich in mir festgeklammert). Nicht reisen – Reise sein …

So bin ich heute Morgen – es hat nachts geregnet und ein paar Grad abgekühlt – in Linköping auf den Zug Richtung Göteborg. Bin nun wieder im Hotel Panorama, wo ich meine ersten zwei Nächte logiert habe. Da ich die letzten Tage günstig gelebt hatte, reicht das Geld, mir nochmals diesen Luxus hier zu gönnen. Sauna und Whirlpool … und tausenderlei Knäckebrot – ihr wisst schon …

Im Tram einem netten Schweden begegnet, der mir ein paar Sachen über Schwedens öffentlichen Verkehr beibrachte. Und mir zeigte, wo ich aussteigen muss. I will guard you! Wow, einen Bodyguard zu haben, wenn auch bloß für eine Viertelstunde, war toll irgendwie. Und sympa war er erst noch.

Nach einer ausgiebigen Siesta – und aus Sehnsucht nach Natur – suchte ich später den botanischen Garten auf. Ich nahm den Hintereingang beim Krankenhaus, wo mir eine nette Dame die Eintrittspforte zeigte.

Wow … Die perfekte Illusion! Mitten in der Stadt eine unglaublich große Fläche Wald und Park, Felsen und Berge … Pflanzen aus aller Welt und zeitweilig – ohne Witz – ein Feeling wie im Berner Oberland! Zwei Stunden oder eine halbe Ewigkeit später verließ ich die Pforte wieder und sah dort eine Suchmeldung für eine braun getigerte Katze hängen. War mir beim Eintreten nicht aufgefallen. Doch da ich die Katze inzwischen beim Restaurang persönlich kennen gelernt hatte, war ich ein bisschen verunsichert. Sollte ich etwas unternehmen? Wenn ja, was? Die nette Dame, die mir den Eingang gezeigt hatte, saß noch immer mit ihrer Freundin auf der gleichen Bank und fragte, wie es mir gefallen habe. Ich dankte ihr begeistert und nutzte die Gelegenheit, ihr von der Katze zu erzählen. Sie kannte die Geschichte und versprach, meine Info weiterzuleiten. Hach, wie schön, damit kann ich diese Story loslassen. Und in die Sauna gehen.

Morgen der Rückflug. Ich freue mich auf meine Höhle. Obwohl ich das Hiersein aktuell total genieße.

Am Sonntag will ich ein paar Bilder einstellen. See you soon?!