Sieben Jahre an der Aare

Eidechse sein
auf dem Stein
dem Rauschen
lauschen
Wind auf der Haut
Aaredüfte
Gummiboote
Lachen
Ruhe in mir

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Nach dem Baden auf dem Stein sitzend Peter Stamms „Sieben Jahre“ fertig lesen. Zwischendurch die heiße Haut abkühlen. Eintauchen ins grüne Nass.

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Das Wort Dreiecksgeschichte, das Moral impliziert, will mir für Alex‘ Dilemma nicht wirklich gefallen. Auch wäre es zu kurz gegriffen, wenn wir seinen Konflikt ausschließlich auf die Zerrissenheit, in der er sich in Bezug auf die zwei Frauen seines Lebens befindet, schieben würden. Das alles geht tiefer und reicht weiter zurück, doch geht es im erzählten Ausschnitt eben um seine Beziehung zu zwei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Der einen Frau, Iwona, einer illegal eingereisten Polin, ist er zu einer Zeit verfallen, als er sich bereits mit seiner zukünftigen Ehefrau Sonja getroffen hat. Iwona liefert sich ihm von Anfang an aus. Beinahe willenlos, dennoch sehr bewusst, in hingebungsvoller, romantischer Liebe. Bei ihr lebt Alex seine Schattenseiten aus. Er fühlt sich von ihr angezogen und zugleich abgestoßen. Und es stößt ihn ab, wie er sich ihr gegenüber verhält. Obsession auf beiden Seiten. Das erwünschte Kind, das seine Frau nicht zu empfangen fähig ist, trägt nach sieben Jahren Ehe schließlich die ungeliebte Geliebte Iwona aus. Ungeplant allerdings. Iwonas Liebe zu Alex geht so weit, dass sie in seinen und Sonjas Adoptionsvorschlag einwilligt.

Ein Mensch, der liebt, hat immer schon gewonnen!, behauptet Alex. Rechtfertigung oder ein plumper Versuch, Iwona ein glückliches Leben anzudichten? Oder ist sie womöglich tatsächlich glücklicher als Alex und Sonja? Du bist, was du liebst, nicht wer dich liebt, lässt Stamm seinen Protagonisten sagen. … es ist schlimmer, nicht zu lieben, als nicht geliebt zu werden.

Nachdem Sonja und Alex die kleine Sophie adoptiert haben, verschwindet Iwona von der Bildfläche. Obwohl Sonja wunderschön ist, fragt sich Alex zuweilen, ob er sie wirklich je geliebt hat. Vielleicht schon? Um ihrer Schönheit willen? Sonja ist kühl und sachlich. Die beiden Architektur-Fachleute sind ein perfektes Team. Später die perfekte Familie. Und natürlich haben sie das perfekte Geschäft.

Antje, eine alte Freundin der beiden und Künstlerin, ist anlässlich einer Ausstellung zu Besuch in München. Sie war es damals gewesen, die die beiden verkuppelt hat. Nach der Vernissage beginnt Alex Antje seine Geschichte zu erzählen. Nach großen Krisen in der Beziehung und im Geschäft, das kurz vor dem Scheitern stand, scheint nun – nach achtzehn Jahren – doch alles wieder im Lot zu sein.

Und sie lebten glücklich und zufrieden, sagt Antje, nachdem Alex am übernächsten Tag endlich seine Geschichte zu Ende erzählt hat. Wenn es doch so einfach wäre wie bei ihr, die ihr Liebesleben sehr freimütig gestaltet! Antje hat einen jungen Liebhaber. Ich liebe ihn, wenn ich mit ihm zusammen bin. Aber ich vermisse ihn nicht, wenn er nicht da ist, sagt sie über diese Beziehung. Ich genieße es, so lange es dauert.

Die Abwesenheit von Schuldgefühlen beschäftigt Alex ebenso, wie seine Unfähigkeit, sich wirklich auf die Liebe einlassen zu können. Große Themen. Ein mutiges Buch. Peters Stamms dichte, knappe Sprache, die sich fast von selber liest, deswegen aber keineswegs simpel ist, lässt in mir Bilder entstehen, berührt, geht unter die Haut.

In „Sieben Jahre“ ist Stamm das Porträt eines Mannes gelungen, der trotz seiner Ambivalenz und trotz all seiner Schattenseiten sympathisch bleibt. Menschlich eben. Genau das mag ich an Stamms Figuren. Lesen! Oder es sich vom Autor vorlesen lassen! Hier die Daten.

ES

Es kommt gut!, sagten wir gleichzeitig. Sie nickte. Ich bin sehr zuversichtlich. Wir umarmten uns und ich fuhr nach Hause.

C. ist eine meiner ältesten Freundinnen. Zwar nicht die langjährigste, doch an Jahren beinahe die älteste. Eine weise, humorvolle Frau Anfang sechzig. Immer wieder genieße ich es, mit ihr über das Leben zu philosophieren. Zumal sie mich in ganz schwierigen Zeiten begleitet hat. Und ich sie. Das verbindet.

Auf einer kleinen Wanderung mit ihrer Hündin Shanta erfahre ich von ihren neuen Plänen. Ins Tessin will sie umziehen. Einfach so. Seit ich sie kenne, hat sie sich immer wieder an einem anderen Ort – allerdings meist hier in der Nähe – angesiedelt. Ihre Lust auf neue Erfahrungen ist ungebrochen, obwohl sie gesundheitlich nicht auf der Höhe ist. Ihr Optimismus ist ansteckend und ihre Lebensfreude springt wie ein Funke auf mich über.

Auf dem Heimweg hallt jener letzte Satz nach: Es kommt gut. Ein Glaubenssatz höchster Güte. Ein Satz, an dessen Inhalt ich glaube, weil ich ihn glauben will. Doch wer oder was erfüllt diesen Satz, wenn nicht ich selber? Die den Gedanken und Worten innewohnende Schöpfungskraft manifestiert, während ich den Satz denke, fühle, wirken lasse, den Inhalt desselben in der Materie. Glaube ich jedenfalls. Denn zwar sehe ich mich als das Geschöpf meiner Eltern und als das Geschöpf unsichtbaren, göttlichen Ursprungs, doch andererseits sehe ich mich eben auch als Schöpferin. Biologisch gesprochen bin ich eine Gebärende, aber ich bin auch die Schöpferin meiner Gedanken, meiner Umstände, meiner Wirkung auf mein Umfeld. Und ich bin die Schöpferin meiner Befindlichkeit … Ich kreiere – vereinfacht gesagt – alles selber. Bis eben auf jene Dinge, die ich nicht beeinflussen kann …

Doch auch an dieses Unerklärliche, dieses für uns nicht nachvollziehbare Schicksal, auch daran glaube ich. Will heißen, ich glaube, dass es existiert. Ob es blind oder sehend, mitfühlend oder taub, liebevoll oder neutral ist oder gar böse, hängt für mich von der Tagesform ab. Meistens denke ich, dass es alles gleichzeitig ist. Weil sich ja das Gegenteil im Gegenteil zeigt – doch dieses Allesgleichzeitige hat natürlich keine Polare. Glaube ich. Jetzt. Und so.

Ich gestehe: Es ist mir egal, ob das, was ich glaube, wahr ist. Wahr im absoluten Sinn. Falls es denn Absolutes gibt. Da ich lieber an das Vorläufige als an das Absolute glaube, genügt es mir, zu glauben, was ich glaube. Da doch eh alles gleichzeitig und wahr ist, meine ich. Was ist glaube, ist solange wahr, wie ich daran glaube. Und weil ich daran glaube, wirkt es. Doch das hatten wir schon. 🙂