Von Leere und Fülle

Ich mag es eigentlich nicht so, wenn in Foodblogs zu viel getextet wird. Ich will einfach ein Rezept – und gut ist. Wie immer gibt es natürlich Ausnahmen. Denn bei Herr Grün ist es anders. Er schreibt oft kleine Geschichten zu seinen Rezepten.

Heute diese hier.

Heute erzählte mir der Professor beim Mittagessen von einem Kaufhaus, das er mit dänischen Professor*innen entwickelt hatte. Das Projekt hieß »Kaufhaus der Wünsche«.

Es handelte sich um ein leerstehendes Kaufhaus in der Innenstadt von Åbenrå, einer kleinen Stadt in der Region Syddanmark.

Zu Beginn sollte das Kaufhaus keine Waren enthalten und nur leere Regale und einen Tresen. Die Kaufhausbesucher*innen konnten beim Personal etwas bestellen, dass es in der Stadt nicht gab oder auch einen Stadtveränderungs-Wunsch äußern. So würde das Kaufhaus langsam mit den Produkten bestückt. Wünsche zur Veränderung der Stadt wurden in der Stadtverwaltung bei Häufung diskutiert und eventuell umgesetzt.

Mh – also ich fand die Idee super und fragte den Professor, ob ich mir auch etwas wünschen könne. Das ginge nur beim Besuch der Stadt – so könne Åbenrå ein Attraktion werden, meinte er.

Ich werde Åbenrå auf jeden Fall besuchen. Einen Wunsch habe ich auch schon. Dabei geht es um Pizza und … Aber mehr verrate ich noch nicht 🙂

Zum Rezept geht es hier lang. (Mit ein paar Anpassungen kann ich das sogar histaminfrei kochen. Klingt nämlich sehr lecker.)

Und ja, mir gefällt dies Idee mit dem am Anfang leeren Laden und dass darin Waren anhand der Bedürfnisse der Kund:innen angeboten werden sollen statt Bedürfnisse zu wecken, die zuvor gar nicht vorhanden waren.

Konsumieren neu denken.
Bedürfnisse neu definieren.

Was wohl in meinem einstmals leeren Laden in den Regalen läge?
Und in deinem?

Ausnahmsweise mache ich die Kommentare auf, denn ich bin gespannt auf eure Ideen und Bedürfnisse.

Notizen am Rande #7

Spuren hinterlassen oder doch lieber nicht.
In der Natur.
Als Mensch.
Spuren welcher Art?

+++

Ich glaube sehr an die Natur und ihre Ordnung. Ich glaube an den Trost der in der natürlichen Ordnung, in den Naturgesetzen liegt. Mich tröstet der Gedanke daran, dass alles zusammenhängt und wie alles in sich selbst ordentlich aufgebaut ist. Alles Lebendige folgt einer ihm selbst innewohnenden ästhetischen Ordnung. Nehmen wir das Muster der Sonnenblumenkerne im Kopf einer Sonnenblume. Oder menschliche Zellen. Oder wie ein Baum im Laufe des Jahres funktioniert. Die Natur mit ihrer Vergänglichkeit, mit ihrem Talent zur Erneuerung. Werden und Vergehen. Regeneration. Jahreszeiten. Zyklen. Rhythmen. Ja, daran glaube ich. Immer noch.

Da steckt für mich keine übergeordnete, göttliche Intelligenz drin, das ist für mich die Natur der Natur. Inbegriffen darin ist Erholung, nennen wir es Heilung, nach schlimmen Erfahrungen. Regeneration, die aber nicht zwingend geschehen muss, denn die Bedingungen sind oft nicht ideal. Weder im Wald noch im menschlichen Körper oder in der menschlichen Seele. Aber manchmal geschieht sie eben doch.

Manchmal.

+++

Nichts zurücklassen
versus
viel zurücklassen.

Was zurücklassen?
Was loslassen?
Was festhalten und warum?

+++

Sein hat mehr Aggregatszustände zu bieten als Genuss.

+++

Kein Verständnis dafür haben, wenn Krankheiten gegeneinander aufgerechnet werden.

+++

Sein ist nicht nichts.

Wandlung

Danke, lieber Emil, für dein gestriges Rilke-Zitat. Ein Gedicht, das mich sehr anspricht, weshalb ich es hier auch gern teile.

Spaziergang

Schon ist mein Blick am Hügel, dem besonnten,
dem Wege, den ich kaum begann, voran.
So faßt uns das, was wir nicht fassen konnten,
voller Erscheinung, aus der Ferne an —

und wandelt uns, auch wenn wirs nicht erreichen,
in jenes, das wir, kaum es ahnend, sind;
ein Zeichen weht, erwidernd unserm Zeichen …
Wir aber spüren nur den Gegenwind.

Rainer Maria Rilke
Muzot, 1924


Es ist schwierig, den Blick im Hier und Jetzt zu belassen – nicht voran, nicht in die Ferne zu schauen –, wenn die Welt brennt. Darum sind Herr Irgendlink und ich letzten Freitag nach Aarau geradelt. Es war uns ein Anliegen, an einer der vielen internationalen Klimademos mitzulaufen. Think global, act local. Ein gut gealteter Slogan aus meiner Jugendzeit, der auf den Punkt bringt, wie die Prioritäten liegen sollen.

Wie schön es doch wäre, wenn Klimastreiks und Klimademos nicht mehr notwendig wären, weil die Regierungen rund um die Welt endlich begriffen hätten, dass keine Zeit mehr zum Zaudern ist. Wenn die  Kinder und jungen Menschen sich darauf verlassen könnten, dass ihre Regierungen alles dafür geben, um für sie – und für uns alle – ein Leben auf diesem Planeten auch in zwanzig, dreißig, hundert Jahren zu ermöglichen.

Im Hintergrund ein Gebäude mit einer meterhohen Mauer, die als Bühne dient. Darunter eine Parkwiese. Überall Menschen. Auf der Bühne die Rednerinnen, unten das Publikum. Darüber Sonne und ein Baumast, der ins Bild ragt.

Ausgelesen #38 | Barrier Highway von Garry Disher

Bei meiner letzten Disher-Buchbesprechung verglich ich den Schreibstil meines australischen Lieblingsautors Disher mit Musik und nannte ihn den Meister des Fadings. Diesmal fallen mir beim Lesen Parallelen zur Satzbautheorie ein. Aufgebaut ist Dishers neuer Kriminalroman nämlich wie ein sehr komplexer Schachtelsatz mit vielen Nebensätzen. Einer allerdings, bei dem wir nie die Spannung und die Übersicht verlieren.

Auch im dritten Teil der Serie steht wieder Paul Hirschhausen im Zentrum der Geschichte. Leise und unspektakulär versieht er in diesem kalten Spätwinter seinen Dienst als Dorfpolizist, patroulliert regelmäßig durch das weite Gemeindegebiet, besucht Menschen, hält Kontakte, klärt kleine Verbrechen auf, hilft, wo er gebraucht wird und pflegt in seiner Freizeit eine herzliche Beziehung zu seiner Partnerin Wendy und deren Tochter Katie.

Das Buchcover zeigt eine Fotografie eines alten blauen Wohnwagens, dessen Farbe abblättert in der Bildmitte. Darüber blauer Himmel, im Vordergrund braunes Steppengras. Oben der Autorname in schwarzer Schrift, darunter in roter Schrift der Buchtitel, ganz unten in weiß der Name des Verlages.
Buchcover

Doch da meldet ihm eines Tages eine Lehrerin, dass ein Mädchen, das zuhause unterrichtet wird, bei ihren sporadischen Zoomgesprächen nicht wirklich gesund aussehe und Andeutungen mache, dass es nicht genug zu essen bekomme. Hirschhausen kümmert sich darum, ebenso wie er sich um den in der Schule ausrastenden Vater eines Mädchen kümmert, welches der Schulleiter gescholten hat, da ihr Vater das Schulgeld noch nicht einbezahlt hat. Dass dieses Gespräch der Anfang eines wochenlangen Amoklaufes werden könnte, der die Spitze eines Eisbergs aus Lüge, Betrug und Habgier ist, kann niemand ahnen. Zumal Hirschhausen mit seinem Talent zur Deeskalation einschreitet und den Vorfall fürs Erste ad acta legen kann.

Während Hirschhausen wieder professionell an unterschiedlichen Baustellen ermittelt, kommt er diesmal persönlich hart an seine Grenzen. Immer wieder bekommt er seltsame Nachrichten, vor allem virtuelle, aber auch handfeste – in Form von Geschenken vor der Haustür. Und er weiß auch von wem. Wie verhält man sich, wenn man gestalkt wird? In seiner Unsicherheit und Verwirrung lässt er Wendy viel zu lange außen vor. So lange, bis es fast zu spät ist!

Ein guter Plot ist das eine, das andere ist das Schaffen von Atmosphäre. Erneut gelingt es Disher, mich ganz und gar in die australische Pampa zu versetzen, die Menschen, die Umgebung, die Örtlichkeiten, das Dorfleben und die Gefühls- und Gedankenwelt seines Protagonisten hautnah und mit allen Sinnen zu erleben. Hirschhausen ist kein abgehobener oder gar abgehalfterter (Western-)Held, sondern ein Mensch, der sehr bewusst, klar und hingebungsvoll seinem Beruf nachgeht und dabei menschlich und verantwortungsbewusst agiert.

Disher schreibt nicht nur Krimis, er schreibt Kriminalliteratur. Seine Sprache ist dicht und ästhetisch, ohne je gekünstelt zu wirken. Er setzt dabei weder auf Special Effects noch auf Blutvergießen, sondern auf Ungesagtes, leise Töne, Subtext und Zwischenmenschliches. Ich mag das sehr!

Herzlichen Dank an den Autor und das Unionsverlag-Team für die spannenden und berührenden Lesestunden mit meinem Rezensionsexemplar.


Unionsverlag
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Erschienen im September 2021
Hardcover, 352 Seiten
€ 22.00, FR 30.00, €[A] 22.70
Gebunden
ISBN 978-3-293-00572-3
E-Book
€ 18.99
ISBN 978-3-293-31114-5 (EPUB)
ISBN 978-3-293-41114-2 (Kindle)
ISBN 978-3-293-61114-6 (Apple)

Offenes Atelier Rinck 2021 im Rückblick

Am Samstag und am Sonntag war des Liebsten Atelier endlich mal wieder geöffnet. Im Rahmen der rheinland-pfälzischen Aktion ’Offene Ateliers’ stellte er einen Rückblick auf die letzten Jahre seines Kunstschaffens aus. Diese Aktion des Bundesverbandes Bildender Künstlerinnen und Künstler e.V. findet alljährlich im September statt und wird vom Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur finanziell mitgetragen. Gute Sache das!

Obwohl Irgendlink ja regelmäßig wieder beschließt, keine Ausstellungen mehr zu machen – respektive nur noch virtuelle –, überkommt ihn doch genauso regelmäßig diese Lust, das eigene Schaffen rein physisch auszustellen und sichtbar zu machen. Die Resonanz darauf war auch diesmal sehr positiv. Dass die Gästinnen und Gäste all die Daily-Kunstwerke, all diese kleinen, einzeln liebevoll auf Holz aufgezogenen Bilder nicht nur im Online-Shop betrachten, sondern in die Hand und sogar mit nach Hause nehmen konnten, begeisterte. Auch die Vielfalt der Motive war Gesprächsthema da und dort. Die Kreativität und Vielseitigkeit des Künstlers inspirierte immer wieder zu schönen Gesprächen.

Neben der neu und reich bestückten Galerie gab es diesmal noch einen Flohmarkt, den skandinavischen Loppis genannten Hof-Flohmärkten nachempfunden.

An beiden Tagen gab es richtig schönen Begegnungen. Übermütiges Lachen und Spielen nebst Kaffee- und Teetrinken, Kuchenessen und Diskutieren ließen uns alle zwischendurch fast vergessen, dass wir mitten in einer Pandemie stecken.

Ganz nebenbei habe ich das erste Mal in meinem Leben Dart gespielt und mich über diese Neuentdeckung sehr gefreut. Das alte handbetriebene Radmobil, das Irgendlink zum Spielen vor die Loppishalle gestellt hatte, war besonders bei den Kindern sehr beliebt.

Den Samstagabend genossen wir mit ein paar lieben Menschen, die mit uns kochten, aßen, am Feuer saßen und über das Leben philosophierten. Die liebe A. blieb gleich über Nacht, schlief in ihrem Auto und begrüßte mit mir zusammen den neuen Tag mit ein paar feinen Yogaasanas.

Kurz und gut: Ein richtig tolles Wochenende war das!


Die folgenden Bilder von Irgendlink und mir zeigen die Innen- und Außenräume des einsamen Gehöfts. Zu sehen sind die Galerieräume mit den behängten Wänden, die Terrasse mit Tresen samt Radelgalerie, der Hofplatz mit den Eingängen zur Galerie und zur Loppishalle, ein paar Schnappschüsse aus der Loppishalle, Menschen auf dem Hofplatz, die Feuerschale noch ohne Feuer und natürlich die Dartscheibe samt Dartpfeilen.

Zweitägige Altweibersommer-Velotour

Am Samstagmorgen wird es konkret. Sollen wir oder sollen wir nicht?, fragen wir uns, zumal die kleine Radtour am Freitagnachmittag Lust auf mehr gemacht hat, das Wetter prächtig, die Wärme keine Hitze sondern erträglich. Eine Zweitagestour: Ja oder nein? Zu Fuß oder per Rad? Falls zu Fuß: von hier aus oder wo hinfahren und von dort loswandern? Welchen Teil der Schweiz wollen wir erkunden? Berge oder Hügel, Flüsse oder Täler?

Wir können uns ob der Überfülle an Möglichkeiten nicht entscheiden, sodass zumindest die Frage per Rad oder zu Fuß vom Los entschieden wird.

Ich muss unbedingt noch den Akku laden!, sage ich zum Liebsten. Und dann lade ich ihn, den Handyakku und den der Powerbank, damit der marode Handyakku nicht leer wird. Den Bike-Akku aber, den ich dringend laden wollte, vergesse ich. Aber echt jetzt …!

Nach einem ausgiebigen Frühstück mit Pfannenbroten packen wir unsere Fahrradtaschen samt Zelt und Schlafsäcken und fahren los.

Beim Losfahren wissen wir noch nicht, wohin wir fahren werden. Wie so oft überlassen wir den Weg den spontanen Entscheidungen. Diesmal ist es Irgendlink, der auf den Bözberg will. Seit er am Donnerstag – auf seiner Fahrt zu mir – unterwegs eine Werbung für ein Event in Sennhütten gesehen hat, will er unbedingt mal wieder nach Sennhütten.

Es geht um diese eine Jodlergruppe. Ich versuche ihm klarzumachen, dass diese Jodlergruppe eher zur konservativen Fraktion der Volksmusik gehört und darum wohl eher nicht seinem Musikgeschmack entspricht. Nun denn, schon nach zwei Tagen haben sich die Effinger Jodler in unser Runnig Gags-Repertoire geschlichen und nun, da Sennhütten in erreichbare Nähe gerückt ist, beschließen wir, als oben auf dem Bözberg angelangt sind, auch wirklich nach Sennhütten zu fahren.

Inzwischen habe ich festgestellt, dass mein Bike-Akku nur gerademal zu zwei Dritteln voll ist. Nach den Steigungen zum Bözberg sogar nur noch knapp halb voll. Mist aber auch! Ich rege mich kurz auf, doch irgendwann beschließen wir, das Beste daraus zu machen. Große Steigungen soll es also eher nicht mehr geben, wenn ich nicht mein schwer beladenes Bike schieben will. (Denn, nein, ich bin keine von diesen zähen Tourenradler:innen, die ohne Motor ihr vierzig, fünfzig Kilo schweres Rad mit purer Muskelkraft Berge hoch kurbeln können. Wo immer möglich fahre ich zwar ohne Akku, aber wenns aufwärts geht, bin ich froh um den Hilfsmotor.)

Wir rasten also ein Weilchen in Sennhütten mit seinem beliebten kleinen Berg-Imbiss auf über sechshundert Metern Höhe. Irgendlink ist ein wenig enttäuscht, dass die Sennhütten-Chilbi (Kirmes) erst um 17 Uhr losgeht und er die Jodlergruppe nicht hören kann, da wir nicht so lange warten wollen. Ich dagegen bin, wenn wunderts?, eher erleichtert. Andererseits, sagt er einsichtig, im Festzelt ist es eh stickig.

Wir schauen uns die Karten an und überlegen, wie wir eine meinem Bike-Akkustand entsprechende, zweitägige Tour zusammenbekommen könnten. Ich kann noch etwa vierzig Kilometer mit Motorunterstützung fahren. Wir entscheiden uns dafür über Mönthal und Sulz an den Rhein zu fahren, fast alles – akkuschonend – abwärts … und nachher ist die Strecke eh größtenteils relativ flach.

Die Abfahrt unterbrechen wir bei einem Dorfladen, da mir unterwegs eingefallen ist, dass ich den Reis einzupacken vergessen habe. Geplant ist, dieses Wochenende ohne Histamin und ohne Kühlung von Lebensmitteln auszukommen. Und damit hoffentlich ohne Unverträglichkeitsreaktionen meinerseits. Also sind in unserem Futtersack vor allem ein paar Gemüsesorten dabei, die – zu einer Pfanne Reis – ein leckeres Abendessen abgeben sollen. Nur leider ist der Reisbeutel daheim geblieben. Statt Reis kaufen wir im Dorfladen Kartoffeln.

Bald reiten wir weiter. Bei Rheinsulz fahren wir an jene Stelle, an welcher wir vor wenigen Monaten schon mal mit unsern Hängematten gerastet  haben. Wir überlegen sogar, am ruhigen und schön gelegenen Rheinstrand zu baden, doch auf einmal kommt Wind auf und in der Ferne sind Donner zu hören. Der Himmel überzieht sich und spricht von einem nahenden Gewitter. Wir verwerfen also unsere Badepläne und fahren weiter, dem Gewitter davon, Richtung Koblenz. Zuerst an der mittelstark befahrenen Landstraße entlang durch die Dörfer. Zum Glück führt der Radweg irgendwann wieder direkt am Rhein entlang, wo es sich deutlich angenehmer fährt.

Wir halten auf einer halbschattigen Bank an und testen die Rheintemperatur, überlegen, hier reinzuhupsen, lassen es dennoch bleiben, genießen den späten Nachmittag und überlegen, dass wir demnächst einen Lagerplatz suchen sollten, da es ja um halb neun dunkel ist und wir vorher kochen und zeltaufbauen wollen. Irgendwann erreichen wir die Vereinigung von Rhein und Aare und ab dort radeln wir aareabwärts. So erleben wir sozusagen unsere beiden in den letzten Jahren erwanderten Flüsse im gleichen Aufwisch, zwei für ein.

Nach einer letzten Etappe finden wir in Felsenau, direkt an der Aare, ein öffentliches Feuerstellen-Gelände ohne Zeltverbot und beschließen, auf der angrenzenden Wiese unser Lager aufzuschlagen. Direkt neben einer kleinen Bank, die uns als Küche dient.

Wir kochen einen ausgezeichneten Gemüseeintopf aus Karotten, Zucchini, Paprika und Kartoffeln. Wunderbar nährend.

Nach Abwasch am Brunnen und Zeltaufbau setzen wir uns ans Feuer, das Irgendlink inzwischen gebaut hat. Aus Holzscheiten improvisieren wir uns Hocker (siehe Bild unten, wo man zwei Scheite sieht), doch auf Dauer ist das nicht wirklich bequem. Am Boden, auf der kleinen Isomatte, ist es dann doch gemütlicher.

Feuermeditation. Einfach nur Sein. Gucken. Ein bisschen was erzählen. Schweigen. Dem Feuer lauschen.

Die Nacht ist kühl. Zum Glück haben wir warme Sachen dabei.

Der Morgen ist herrlich. Ich liebe es, das Zelt zu öffnen und der Sonne beim Aufgehen zuzuschauen. Wir kochen Tee und Kaffee und haben überhaupt keine Eile wegzukommen. Irgendlink rührt den Pfannenbrotteig an, den ich zuhause mit Hanf- und Braunhirsemehl vorbereitet habe. Und schon wieder ein Test: Wie sehr nährt diese Mischung, da ich ansonsten so ganz ohne Kühlmöglichkeiten keine eiweißhaltigen Speisen dabei habe ? Spoiler: Sehr gut sättigt es, das Pfannenbrot-Frühstück mit Butter, Honig, Salatgurken. Und dazu schmeckt es einfach genial! (Eigenlob stinkt nicht immer.)

Bei der einen der beiden Feuerstellen in der Nähe unseres Lagers liegt ein Reserviert-Zettel für den Sonntag, was einen Mann, der eben diesen Platz lieber als den anderen, freien, für sein Gelage gehabt hätte, nervt. Das sei doch nicht zuläßig!, jammert er uns die Ohren voll. Das sei doch nicht rechtens. Er baut also auf dem zweiten Zeltplatz ein ganzes Lager aus Stühlen und Tischen auf und ist für mich in alledem die Verkörperung des typischen Schweizer Füdlibürgers (Spießbürgers).

Nun denn, uns kann es ja egal sein, denn inzwischen haben wir lecker gefrühstückt, das Zelt abgebaut und es an der Sonne trocknen lassen, das Geschirr gespült und alles wieder auf die Räder geladen. Es kan losgehen.

Einfach immer der Aare entlang. Wir haben Zeit. Den ganzen Tag. Es sind ja nur etwas über zwanzig Kilometer bis nach Hause. Die Radwege sind gut ausgelastet, aber noch nicht so, dass sie nicht mehr gut zu fahren wären. Man grüßt sich. Die wenigen Radelnden mit Mehrtagesgepäck wie wir grüßen sich besonders freundlich, dünkt es mich, und es fühlt sich richtig gut an, auch mal eine von jenen zu sein, die in ihren Radtaschen den halben Haushalt mit dabei haben.

An jeder schönen Stelle halten wir an und genießen Schatten und Aare, Waldgrün und Frischluft. Im Hinterkopf läuft immer die Suche nach einem Stück Wald mit, in welchen wir unsere Hängematten hängen könnten.

Bei Villigen wechseln wir die Flussseite und finden in einem Stück Wald unsere Hängeplätze. Hach. Seelengebaumel vom feinsten! Und da wir nicht direkt am Weg sind, ist es sogar ziemlich ruhig. Aber irgendwann dann auch ziemlich kühl, was angesichts des sonnigen Wetters fast unglaublich klingt. Aber der Waldschatten hat es in sich. Abgekühlt und so langsam ein bisschen hungrig geworden, radeln wir weiter.

In Stilli setzen wir uns auf eine schattige Bank und picknicken. Die zweitletzte Steigung, zum Glück keine große, wartet danach auf uns. Ausgerechnet mittendrin ist mein E-Bike-Akku leer. Ich habe mich zum Glück schon die ganze Zeit auf diesen Moment eingestellt.

Es ist, wie es ist. Dann schiebe ich halt. Wie ein Mantra sage ich es mir vor.  Es funktioniert. Ich muss tatsächlich schieben, da ich einfach nicht so viel Kraft und Ausdauer habe, mein etwa vierzig Kilo schweres Rad diese Steigung hochzukurbeln. Es ist, wie es ist. Diese Akzeptanz zu finden gelingt. Vielleicht auch, weil das letzte Wegstück bekannt ist und überschaubar.

Beim Picknick haben wir beschlossen, an unserer Lieblingsbadestelle – am Limmatspitz bei Vogelsang – unsere gelungene Tour zu feiern. Vermutlich würde es zwar viele Leute haben, die, wie wir, ein letztes Bad genießen wollten, aber was soll’s?

An unserer üblichen Liegestelle sind wir für uns allein, die meisten Leute haben sich an der Nasenspitze der Halbinsel hingelegt. Herrlich kühl ist sie, die Limmat. Wie gut es tut, die Hitze der letzten Stunden abzuspülen und das Wasser auf der heißen Haut zu fühlen. Ich lege mich im Wasser auf den Rücken, blicke in den blauen Himmel und bin einfach nur dankbar für diese letzten Altweibersommertage. Manchmal kann ich so die Welt um mich herum für eine Weile vergessen und einfach nur den Moment genießen.

Daheim angekommen zeigt der Tacho für die beiden Tage zusammen 66 Kilometer an und ich weiß: ohne Motor hätte ich das nicht geschafft. (Dass andere solche Strecken ohne Motor und an einem einzigen Tag machen, ist mir egal.)

Ich genieße das wunderbare Gefühl, mit meinem Lieblingsmenschen zusammen etwas Tolles erlebt zu haben.

Radelstrecke als Umap-Karte


Hier nun noch ein paar Bilder von Irgendlink und mir: