Ausgelesen #21 – Drei Worte von Sabine Wirsching

Liebesgeschichten sind ja nicht wirklich mein Lieblingsgenre, darum hätte ich ohne Sabine Wirschings Namen auf dem Buch Drei Worte wohl nicht gelesen. Doch weil mich die Autorin bereits mit ihrem Debütroman Druckstaueffekt überzeugt hat, bekam auch Drei Worte seine Chance.

Ich brauchte eine ganze Weile, um bei Milka und Till anzukommen, die in Ich-Form abwechselnd in tagebuchartigen Momentaufnahmen über ihre Erlebnisse erzählen – mal zeitversetzt im Rückblick, mal zeitgleich. Auf den ersten zwanzig Seiten des Buches kam ich mir gar wie eine Forscherin in einer fremden Welt vor, die eine ihr unbekannte, künstliche Kultur erforscht. Nun ja, die beiden könnten immerhin fast meine Kinder sein.

Auf einmal bin ich dann doch mittendrin. Ich tauche in das Berliner Großstadt- und Club-Universum ein mit all seinen Codes, mit denen sich jede Jugend von Neuem erfindet. Die beiden parallelen Geschichten entwickeln sich und ziehen mich mit und irgendwann kann ich das Buch kaum mehr zur Seite legen und stelle überrascht fest, dass mir das alles hier ja doch nicht so fremd ist. Wollen wir letztlich nicht alle dasselbe? Glücklich sein. Lieben. Geliebt werden. Nein, einfach war das noch nie.

Dass Ariane, eine von Milkas besten Freundinnen bei einem One-Night-Stand schwanger geworden ist und das Baby behalten will, gibt dem Roman seine Struktur und so begleite ich Milka und Till sechsunddreißig Wochen lang.

Nachdem sich Till und Milka gefunden haben, hängt ihr Himmel voller  Geigen Luftgitarren. Doch schon bald hängt auch die schon lange geplante Ferienreise Milkas über ihnen. Wie ein Damoklesschwert. Drei Wochen Trennung scheinen unvorstellbar. Dennoch fliegt Milka mit ihrer Freundin Lynn Richtung Süden und genießt die Tage in Tansania, obwohl es sie zuweilen vor Sehnsucht nach Till beinahe zerreißt.

Till verheddert sich derweil in seinem Leben. Er kommt immer schlechter mit seinem Alltag klar und als Milka zurückkommt, finden die beiden nicht mehr zur früheren Leichtigkeit zurück. Als dann auch noch Beck, Tills Freund aus Kindertagen, beschließt nach Hannover umzuziehen, um Verantwortung für das in Arianes Bauch heranwachsende Kind zu übernehmen, fällt Tills Welt wie das vielzitierte Kartenhaus in sich zusammen. Nichts geht mehr. Er lässt niemanden mehr an sich heran und verschanzt sich nach Becks Umzug in Milkas Wohnung. Ich möchte den beiden am liebsten sagen: »Redet doch endlich richtig miteinander, zeigt euch einander, sagt euch doch endlich, was ihr wirklich denkt und fühlt!«

Wenn man sich einander nicht wirklich öffnet, wie kann man sich denn da je richtig ’haben’, richtig lieben? Was gäbe es denn da zu verlieren? Vielleicht jene Illusion von Leichtigkeit aus den Anfangszeiten? Es nur schön, leicht und nett miteinander zu haben, kann doch nicht alles sein? Liebe ist mehr, geht tiefer.

»Depression kann man behandeln«, sagt Robbie, Milkas Tätowierer, dem sie ihr Herz ausschüttet. Stimmt. Depression lässt sich allerdings nur dann behandeln, wenn die Betroffenen erkennen, dass sie Unterstützung brauchen. Und wenn sie erkennen dass diese Phasen, so brutal und schmerzhaft sie auch sind, nicht alles sind. Nicht mehr nämlich als ein Ausschnitt vom Ganzen – ein brutaler Ausschnitt zwar, und einer, der ganz reale Auswirkungen hat, dennoch: Nicht alles. Das Leben ist mehr.

Till sperrt sich allerdings gegen diese Diagnose und erst recht gegen fachliche Hilfe. »Ich will sagen, dass ich ganz bestimmt keinen an der Latte habe …«, denkt er. Sagen kann er oft überhaupt nichts mehr. Als Milka ihn bittet, eine Therapie zu machen, schreibt er: »Wobei soll das helfen? Ich bin kein Psycho!« Vorurteile, Uneinsicht und Unkenntnis sind die Feinde, mit denen sich Milka vergeblich abmüht. Sie klärt sich selbst eingehend über die vielen Gesichter der Krankheit Depression auf und begreift erst allmählich, wie komplex das alles ist. Inzwischen ist der Graben zwischen Till und Milka tief geworden, unüberwindbar womöglich. Tristan und Isolde auf berlinerisch. Dieser Graben hier besteht nicht aus Wasser, dieser Graben hier heißt Depression. Milka kapituliert schließlich und Till verlässt eines schweren Tages ihre Wohnung und ihr Leben.

Sabine Wirschings Innenschauen sind überzeugend und streckenweise äußerst schmerzhaft. So lässt sie Till auf sehr maskuline Weise vor seinen innern Monstern davonlaufen, er verstummt, trinkt noch mehr Bier als sonst und verweigert das Gespräch, derweil Milka verletzt und noch immer voller Liebe zu verstehen versucht. Wie viele andere weibliche Co-Betroffene gibt auch sie sich die Schuld für das schreckliche Ende ihrer Beziehung. Wie es wohl umgekehrt gewesen wäre – Milka als Depressive, Till als ihr Gegenüber?

Milka holt sich in ihrer Krise Hilfe bei Janina, Sascha und Ariane, mit denen sie tiefe Freundschaften verbindet. Diese andern lässt Wirsching zuweilen über Kurznachricht-Zitate zu Wort kommen. Ihren Freundinnen gegenüber kann Milka sich öffnen – mehr als sie es Till gegenüber je getan hat.

Meine Lieblinge in dieser Geschichte sind übrigens Ariane und Beck. Ich mag ihren unaufgeregten Pragmatismus. Und weil Beck eben ist, wie er ist, ist er auch da, als Till ihn braucht – Hannover-Berlin ist schließlich nicht die Welt – und einmal mehr hilft er seinem Freund auf die Beine.

Als Milka und Till sich Wochen später zufällig über den Weg laufen, wird ihnen klar, dass sie sich trotz des brutalen Endes eine zweite Chance geben wollen.

Sabine Wirsching gelingt eine dichte Aufnahme dieser Zeit, einer Großstadt und ihrer Sounds; und vor allem der Menschen, die diese Stadt bevölkern. Nah dran sind wir als Lesende, wenn wir Milka und Till beim Leben zuschauen, fast voyeuristisch nah. Nicht dass ich daran zweifle, dass es nicht wirklich genauso ist, doch für meinen Geschmack wird oft zu viel geredet, und zu wenig gesagt. Manches nervt und vieles schmerzt, doch ich zweifle nicht daran, dass Wirsching ein treffendes Abbild dieser Stadt und dieser Zeit gezeichnet hat.

Drei Worte steckt voller Leben, voller Tränen auch und voller Wenden und ist letztlich, trotz der Verortung im heutigen Berlin, eine universelle Geschichte. Eine, die unter die Haut geht.

Über die Schwelle gehen

Zwischen innen und außen gibt es diese Schwelle, die ich hier einfachheitshalber Mund nenne. Innen drin sind ganz klare Gedanken, oft wunderbar formuliert, gute Gedanken, viele Gedanken. Geschichten und Ideen. Wörter manchmal, Sätze oft.

Manche wollen heraus. Ich lasse sie gehen. Über die Lippen. Oder in die Finger. In den Stift. Auf die Tastatur. Dabei verändern sie sich. Manchmal erinnern sie mich an Asseln, die davonhuschen, wenn du den schweren Stein aufhebst, unter welchem sie hausten.

Gedanken sind, sobald ich sie aussprechen oder aufschreiben will, sobald sie ans Tageslicht kommen, flüchtig wie ein Duft. Wie ein Geräusch. Wie ein Hauch. Sie verpuffen. Sie verdampfen. Sie verflüchtigen sich. Ich verliere sie und ihre Ursprünglichkeit, ihre Originalität, in dem Moment, wo ich sie herauslasse. Oder vielleicht entgleiten sie mir sogar schon kurz vorher. Beim Absprung. Sobald sie die Grenze, die Schwelle, anpeilen und schließlich überschreiten, beginnt ihr Verfall.

Manchmal setzen sie sich hinterher wieder neu zusammen. In der Luft zwischen mir und meinem Gegenüber; auf dem Papier; auf dem Bildschirm. Nie genau so wie sie vorher gelegen haben, bestenfalls ähnlich, und nein, nicht unbedingt schlechter. Womöglich artiger, gefälliger. Aber anders.

Vielleicht geht es ja Ideen und Gedanken wie Kindern, wenn sie auf die Welt kommen. Innen pure mütterliche Geborgenheit, draußen Kälte, Lärm und all das, was eben draußen so abgeht.

Vielleicht bereuen sie es ja, meine Gedanken, dass sie nicht geblieben sind, wo sie waren. In mir drin. In der Geborgenheit meines Hirns.

Wer weiß das schon so genau?

Aufgeräumt

Nachdem wir unsere Freundin M. nach einem sehr feinen Besuch zum Bahnhof gefahren hatten, waren wir heute endlich im Aargauer Kunsthaus. Soo viele tolle Kunstwerke!

Nach den drei temporären Ausstellungen* waren wir dann sogar zu müde für die ständige Ausstellung im ersten Stock.

Darum haben wir uns in der sehr angenehmen, ruhigen Bibliothek im Untergeschoss ein wenig erholt. Während ich ein bisschen döste, hat sich der Liebste die Kunstboxen näher angeschaut hat. Dabei fand er heraus, dass sie nicht wirklich gut eingeräumt sind. Das musste er natürlich schleunigst ändern.

Hier nun das dabei entstandene GIF, das den ’Künstler in Motion’ zeigt.

Ein GIF, das zeigt, wie Irgendlink farbige Boxen in einem Bücherregal umstellt. Dabei wechseln die Farbkombinationen.


Aktuell:
Blinde Passagiere | Schweizer Malerei  1850 – 1950

Cédric Eisenring | Manor Kunstpreis 2018

Wild Thing

#Schattenklänge – Bisherige Beiträge (4)

Hier liste ich von Zeit zu Zeit alle neuerschienenen Beiträge der laufenden Blogaktion

#Schattenklänge – Texte vom Leben am Rand

Ich freue mich über weitere Geschichten von Menschen, die arm sind oder auf der Flucht, die anderes fühlen, denken, ticken, leben, sehen, aussehen, queer unterwegs sind. Ich bin gespannt auf weitere Beiträge, die das Leben vom Rand der Gesellschaft aus illustrieren.

Da das mit den Pingbacks offenbar nicht immer geklappt hat, bitte ich euch herzlich darum, euch zu melden, falls ich euren Text nicht erwähnt haben sollte.

Herzlichen Dank für alle seit der letzten Zusammenfassung publizierten Texte. Hier nur die Liste der Bloggerinnen und Blogger, die mitgemacht und die Links zu ihren Texten:

+ Was sich gehört von Lakritze; Quelle: https://lakritze.wordpress.com/2018/02/05/sich-gehoeren/

+ Metametastasen von Sofasophia; Quelle: https://sofasophia.wordpress.com/2018/02/09/metametastasen-schattenklaenge/

+ Ein deutsches Zigeunerleben von Zeilensturm; Quelle: http://www.zeilensturm.de/?p=2550

+ Schattenwand von Ella; Quelle: https://ellasschreibwelt.blog/2018/02/14/schattenklaenge/

Ich bin gespannt auf weitere Texte.  Die Spielregeln findet ihr hier.

Danke!

Metametastasen | #Schattenklänge

»Der Mord an meiner Tochter fühlt sich wie die Amputation meines rechten Beins an«, sagt sie. »Und das, was jetzt ist – die posttraumatischen Folgen, die Erinnerungen an den Knall, die Träume und die Angst vor ihnen – das ist so, als wäre seither mein linkes Bein immer lahmer geworden.« Sie streicht sich über das rechte, dann über das linke Bein. Ganz normale Beine. Von außen ist ihr nichts anzusehen.

Sie erzählt ihm, was mit ihr geschieht, wenn Menschen – wohlwollende Menschen, nette Menschen, tolerante Menschen sogar – von ihr forderten, sie solle sich zusammenreißen. Sie müsse eben bei Durststrecken auf die Zähne beißen. Es werde schon wieder besser. Sie dürfe die Hoffnung nicht aufgeben. Und solle positiv denken. Etwas komme immer. Etwas warte immer hinter der nächsten Kurve.

Nun ja, das mit der Hoffnung mochte stimmen. Andernfalls wäre sie ja nicht mehr hier. Auf einmal sind auf die Unterschiede zwischen körperlichen und mentalen Krankheiten gekommen. Er hat ihr von seinem Hodenkrebs erzählt und wie sich damals alle mit ihm solidarisiert und ihm Hilfe angeboten hatten. Zuerst hatte er damals nicht darüber sprechen wollen, doch irgendwann war es nicht mehr anders gegangen. Die Therapien hatten ihn gefordert, oft genug überfordert, und er war nicht nur körperlich, sondern auch oft seelisch erschöpft. Die Erkrankung hatte ihm – wie noch nie zuvor – deutlich gemacht, wie intensiv Körper und Seele voneinander abhingen, sich gegenseitig beeinflussten. Keine Frage, er hatte sich gefreut, wenn ihm die anderen Mut und Kraft gewünscht und ihn zum Kämpfen aufgefordert hatten, doch zugleich hatte es ihn auch gestresst. Vor allem am Anfang, als noch nicht klar war, wie die Heilungschancen standen. Diese Kampfparolen hatten ihn in eine Rolle gedrückt, die ihm nicht behagte. So viel Einmischung in sein Leben hatte ihm zusätzlich zur Krankheit unter Druck gesetzt. Sterben wäre, so verstand er seine Mitmenschen jedenfalls, sein ganz persönliches Versagen gewesen. Ein Zeichen dafür, dass er nicht genug gekämpft hätte. Alle schienen sowieso besser zu wissen, wie er mit seiner Krankheit richtig umgehen sollte. Ja, das war ihm oft zu viel Druck gewesen, zu viel gesellschaftliche Erwartung.

»Hast du gekämpft – und wenn ja, wie?«, fragt sie.
»Nun ja«, antwortet er. »Eher war es wohl ein Hoffen gewesen. Und irgendwann habe ich sogar akzeptiert, dass ich an diesem Krebs sterben könnte. Oder vielleicht einfach, dass ich sterblich bin. Weißt du, man hat die Metastasen bei mir eher zufällig und relativ spät gefunden.« Er seufzt. »Was ich damals aber begriffen habe: Körperliche Leiden und Wunden werden höher bewertet als seelische. Weil sie sichtbar sind. Weil die Schmerzen dadurch besser vorstellbar sind. Wusstest du übrigens, dass das Wort Metastasen von Wanderung kommt? Krebszellen, die auf Wanderschaft gehen sozusagen. Ich habe mir das immer ziemlich bildlich vorgestellt.« Nun lächelt er. »Und ja, ich war froh, als ich den Bescheid bekommen habe, dass die Krebszellen verschwunden sind. Natürlich können sie wiederkommen. Aber ich lebe noch. Ich habe überlebt. Und ich lebe gerne. Und wohl seither auch anders.« Er hebt seine Tasse wie zum Trinkspruch: »Wir zwei, wir sind zwei Überlebende.«

Jetzt ist es an ihr zu lächeln. »Ja, stimmt. Ich lebe seit dem Trauma auch anders. Nun ja, vielleicht nicht wirklich besser. Ich nage noch immer am Verlust an sich. Meine Tochter fehlt mir auch heute noch. Noch mehr leide ich aber an alledem, was daraus gewachsen ist. Diese Sehnsucht nach dem Leben, das ich nicht leben kann, zum Beispiel. Und obwohl ich schon seit Jahren in Therapien bin, kommen die depressiven Schübe wieder und wieder. Trotz der Medikamente. Seelenkrebs hat es einmal ein Freund genannt. Ich stelle mir auch das durchaus bildlich vor. Ich sehe die Metastasen, wie sie durch meine Seele wandern. Sich überall ausbreiten. Sich zwischen Denken und Fühlen drängen. Meta. Mittendrin. Metametastasen sozusagen. Da sind auch immer wieder diese irrationalen Ängste. Zum Beispiel davor, dass es nie mehr besser wird. Dass ich nie mehr auf eigenen Füßen werde stehen können, aber keine Hilfe bekomme. Dass die Versicherungen auf stur machen.«

»Wären deine Wunden körperlich sichtbar – das eine Bein ab, das andere lahm –, wäre dir weit mehr Hilfe sicher. Ja, das sehe ich auch so.«

»Danke, es tut gut, dass du mich verstehst. Ich wünschte mir, dass die Gesellschaft anders mit seelischen Krankheiten umgehen würde. Diese Ängste wären, würde ich sie auf den Körper übersetzen, vielleicht wie einer dieser Bandscheibenvorfälle, von denen du nicht weißt, ob er schlimmer wird. Oder besser. Oder ob es nun immer so bleibt.«

»Ein guter Vergleich. Ängste sind – von jenen, die das Überleben sichern – ja für andere meist nicht nachvollziehbar. Irrational. Dennoch wirken sie.«

»Genau. Und du weißt natürlich, dass du sie therapieren kannst – es gibt heute ja für fast alles eine Therapie – aber du schaffst es nicht, an allen Baustellen gleichzeitig zu arbeiten. Weil es so viele sind. Und sobald du an einer nicht mehr arbeitest, weil dir die Kraft dazu fehlt, wächst dort das Unkraut nach. Das stresst. Vor allem, weil deine Zwangsstörung dir kaum erlaubt, Hoffnung zu schöpfen. Wäre sie körperlich sichtbar, dann vielleicht als Ekzem, das deinen ganzen Körper überzieht und mal mehr mal weniger juckt. Und die ganzen Salben wirken nicht. Manche Medikamente werden überschätzt.«

»Das kannst du laut sagen. Bei mir haben auch die angeblich wirksamsten Medikamente überhaupt nicht angeschlagen. In dieser Phase war es, dass ich dachte ’jetzt werde ich sterben’. Was beim Einen wirkt, muss beim Anderen nicht automatisch auch wirken.« Er seufzt. »Dann fängst da an, an dir zu zweifeln. Ich gestehe, dass ich oft gehadert habe.«

»Ha! Wem sagst du das? Und natürlich weißt du die ganze Zeit, dass das alles nicht du bist. Dass es Krankheiten sind, die du hast. Aus Gründen, die du vielleicht verstehst. Oder auch nicht. Wie ein Bein, das bei einem Unfall gebrochen ist. Oder warum auch immer. Aber das bist nicht du, das alles ist etwas, das dir geschieht. Mit dir geschieht. Und du weißt – in meinem Fall – sogar, dass die Ursachen, die Auslöser im Kopf hocken und mit deinen Erlebnissen zu tun haben, mit deinen Erfahrungen. Mit Verletzungen, die du dir im Leben zugezogen hast. Manche Ursachen kannst du benennen, manche nicht. Und all das macht dich leiden. Psychosomatisch. Dein Körper bildet ab, was die Seele quält. Wenn dein Herz rast, ohne dass du ein reales Problem am Herzen hast. Und wenn du keine Luft bekommst, aber weder Asthma, noch eine Allergie noch sonst was auf der Lunge hast. Im Gegenteil. Rein organisch bist du vielleicht sogar richtig fit, obwohl natürlich auch dein Körper Abnutzungserscheinungen zeigt. Die Gelenke werden ja auch nicht jünger. Du bist verspannt. Du hast oft Schmerzen, weil du beim Sitzen in dich zusammensinkst, weil deine Körperhaltung deine innere Unruhe und Angst spiegelt. Und auch wenn du das alles weißt, ist dein Leiden nicht weniger real. Deine Schmerzen sind real.«

»Ich wage sogar zu behaupten, dass körperliche Schmerzen besser auszuhalten sind, weil sie sich erklären lassen. Eine Erklärung hilft oft beim Akzeptieren schwieriger Umstände …«.

»Ja, Erklärungen helfen zu verstehen. Es ist immer gut, wenn du die Zusammenhänge kennst«, sagt sie. »Manchmal denkst du: Es ist, wie es ist. Sag ja dazu! Doch manchmal zerreißt es dich beinahe in tausend Stücke. Was sage ich? In so viele, dass niemand es je wieder zusammensetzen könnte. Denn was du wahrnimmst, ist für dich wahr und wirkt. Selbst wenn es noch so falsche Glaubenssätze sind, die du dir schon als Kind hinter die Ohren und ins Herz hast tackern lassen. Und auch wenn du weißt, dass vieles davon falsch ist. Trotzdem wirkt es. Langzeitgift.« Sie seufzt.

»Es wird nie ein für alle anwendbares Rezept dagegen geben. Aber wem sag ich das?« Er trinkt den letzten Schluck seines Tees und schaut ihr in die Augen. »Ich wünsche uns – dir, mir, der Welt da draußen – vor allem eins: dass wir uns selbst wieder mehr zu vertrauen lernen. Und so herausfinden, was wir wirklich brauchen. Was uns genau jetzt wirklich gut tut. Sei es noch so unkonventionell.«


Diese Geschichte ist ein Beitrag für die Blogaktion #Schattenklänge . Zu den Spielregeln geht es hier → lang.

Wie schön du bist!

Wie schön du bist! Ich sage es ihm oft und ja, ich meine es auch immer genau so.

Was aber ist dieses Schön überhaupt, das ich hier meine? Denn es ist nicht dieses Schön aus der Werbung und hat weder mit makelloser, faltenfreier Haut mit oder ohne Schminkkleister drauf noch mit perfekten weißen Zähnen zu tun, noch weniger mit toller Kleidung und erst recht nicht mit der Topfigur. Und nein, mit dem Alter erst recht nicht.

Schön ist ein Platzhalter.

Ein sehr persönlicher sogar. Schön ist ein Synonym für. Schön ist ein Gefühl um.

Mit diesem Wort versuche ich etwas Unfassbares auszudrücken. Dieses Etwas hat mit Geborgenheit zu tun, mit Resonanz, mit dieser Wohltat für Herz und Augen und ja, auch mit Liebe. Was die Frage aufwirft, was man eigentlich liebt. Beim anderen. Bei sich selbst.

An meinem Liebsten liebe ich dieses Mehr-als-die-Summe-einzelner-Eigenschaften, sein Ganzsichsein. Wie schrieb die gute A. gestern? »Menschenschutzgebiet – Orte, an denen man einfach sein darf. Ich denke, das ist so auf dem einsamen Gehöft.« Recht hat sie.

Das ist es, was ich liebe: Wenn wir Menschen einander Raum geben fürs Seindürfen und -können wie man ist. Stichwort Selbstliebe. Denn sie ist ja nichts anderes als das: Mich so nehmen, wie ich bin. Mir erlauben, so zu sein, wie ich bin.

Warum das zuweilen so schwierig ist?
Umso schöner*, wenn es hin und wieder gelingt.

 

Für J., weil du so schön* bist

 


*… ja, genau, dieses Schön!

#Schattenklänge – Bisherige Beiträge (3)

Hier liste ich einmal die Woche alle erschienen Beiträge der laufenden Blogaktion

#Schattenklänge – Texte vom Leben am Rand

Gerne dürfen noch mehr Texte dazukommen. Ich freue mich über weitere Geschichten von Menschen, die arm sind, auf der Flucht, die anderes fühlen, denken, ticken, leben, sehen, aussehen, queer unterwegs sind. Ich bin gespannt auf weitere Beiträge, die das Leben vom Rand der Gesellschaft aus illustrieren.

Herzlichen Dank für alle seit der letzten Zusammenfassung publizierten Texte. Hier eine Liste der Bloggerinnen und Blogger, die mitgemacht und die Links zu ihren Texten:

+ Aus einem ehrlichen Leben von Der Emil; Quelle: https://deremil.wordpress.com/2016/05/19/einer-der-leeren-tage/

+ Nachbarins Gebet von Amazonasknallerbse; Quelle: https://amazonasknallerbse1.wordpress.com/2018/01/25/nachbarins-gebet-schatteklaenge/

+ Ein Leben von Piri Ulbrich; Quelle: http://voller-worte.de/ein-beitrag/

+ Morgennebel von Violaetcetera; Quelle: https://violaetcetera.wordpress.com/2018/01/28/morgennebel/

Die Spielregeln findet ihr hier.

Danke!

Depression zwischen Buchdeckeln #3 – Rattatatam, mein Herz von Franziska Seyboldt

Zwar steht nicht eigentlich die Krankheit Depression im Mittelpunkt dieses Buches, dennoch gehört es unbedingt in meine Rezensionsreihe über Bücher zu diesem Thema. In dieser autobiografischen Erzählung erfahren wir mehr über ein Leben mit Angststörung. Dass im Laufe der Zeit auch Depressionen in Franziska Seyboldts Leben auftauchten, verwundert nicht. Eine nicht unübliche Kombination. Ungeschönt und hautnah nachvollziehbar erzählt Franziska Seyboldt; ihr Augenzwinkern zwischen den Zeilen hilft die Schwere ihrer Erfahrungen zu ertragen. Cover des besprochenen Buches. Gelbe Wellen auf weißem Hintergrund, von oben nach unten, die die Herzwellen symbolisieren. Darauf folgender Text: Titel und Autorinname, Verlagsname. Von keinem Pseudonym geschützt redet sie über ihre ganz eigene, ganz persönliche Angst. Ich sitze mit ihr und ihrer Flugangst im Flieger und schaue ihr dabei zu, wie sie sich am nächsten Tag in Lanzarote notgedrungen nach vielen Jahren doch wieder hinter ein Autosteuer wagt.

Die Angst vor dem Fall, vor dem Sturz. Dazu die Scham.
Immer sind es Gratwanderungen.

»Jeder 6. Deutsche leidet im Laufe seines Lebens einmal unter einer Angststörung«, schreibt der KIWI-Verlag in seiner Buchvorstellung. »Angststörungen treten laut einer internationalen Studie häufiger auf als Depressionen. Und doch sind sie immer noch ein Tabuthema. Franziska Seyboldt will dies mit ’Rattatatam, mein Herz’ ändern.«
Quelle: www.kiwi-verlag.de

Die Angst sitzt Seyboldt im Nacken und oft genug am Tresen vis-à-vis. Angst vor öffentlichen Auftritten, Angst vor Wortmeldungen im Team, Angst vor U-Bahn-Fahrten, Angst vor Ärzten. Kaum einen Lebensbereich gibt es, den sie ohne Angst betreten kann, weshalb sie ihrer Angst in ihrer biografischen Erzählung gleichsam die Rolle einer Protagonistin erteilt. Und nein, die mag es natürlich überhaupt nicht, dass Seyboldt über sie spricht. »Verräterin!«, zischt sie.

Angst macht Stress, Stress macht Angst. Was aber ist Stress wirklich? Keine Währung kann ihn beschreiben oder fassen, letztlich ist er das, was wir aus dem machen, was uns tagtäglich über den Weg läuft. Stress ist eine mögliche Reaktion auf die Anforderungen des Lebens. Darauf mit Panikattacken zu reagieren ist typisch bei Angststörungen.

Die Angst kommt aus dem Hinterhalt, setzt den Verstand außer Gefecht. Dann heißt es abwarten »bis das Kribbeln aufhört und das Leben wieder einrastet. […] Nach einer halben Minute ist alles vorbei. In meinem Körper jedoch machen kleine, emsige Bauarbeiter Überstunden, um das Adrenalin und Noradrenalin abzubauen. Sie schuften lautlos und unbemerkt, arbeiten an der Wiederherstellung des Normalzustands.« Omnipräsent ist Seyboldts Angst vor der Ohnmacht. Zusammenbrechen mitten auf der Straße – eine »dystopische Zukunftsvision, sozusagen der Worst Case, der dann doch nie eintrifft. Gefühlt befinde ich mich jedoch ständig kurz vor dem Knock-out.«

Derart dünnes Eis lockt depressive Episoden an, diese temporäre flächendeckende Abwesenheit von Gefühlen, dieses Schwarz, diese Leere. Für einen Menschen wie Seyboldt, der immer über eine große Palette von Wahrnehmungen verfügt hat, ist diese Erfahrung, als sie das erste Mal kommt, schier unfassbar. Auf einmal ist da nichts mehr. »Als hätte jemand den Haupthahn zugedreht. Da kommt gar nichts mehr, kein warmes Wasser, kein kaltes Wasser. Ich bin innendrin null. Ein Scheißgefühl, aber ich fühle ja nichts. […] Dass ich mich irgendwann wieder besser fühlen werde? Ausgeschlossen.« Endlich begreift sie, dass der Satz ’Reiß dich zusammen!’, den sie sich und anderen zuweilen um die Ohren gehauen hat, niemandem hilft. Und sie begreift, dass sie selbst sich schon immer die schlimmste Kritikerin war.

»Auf eine merkwürdige Art war es befriedigend«, schreibt die Autorin, »immer wieder alle Eventualitäten durchzuspielen, um für jede Situation gewappnet zu sein. Als würde ich ein mentales Kampftraining absolvieren.« Und das ist es auch, sage ich als ebenfalls von einer Angststörung Betroffene. Es braucht unglaublich viel Energie, den eigenen irrationalen Ängsten immer wieder neu entgegenzuhalten, dass sie letztlich ’nur in unseren Köpfen’ sitzen. Dennoch sind sie sehr real in ihren Wirkungen und mischen sich in unsere Leben ein.

Im Laufe ihrer Auseinandersetzung mit ihrer Angststörung hat Seyboldt viel recherchiert und unterschiedliche Therapieformen kennengelernt. Als sie eines Tages erkennt, dass ihre Angststörung mit der ihr angeborenen Hochsensibilität korrespondiert, fängt sie an, mehr und mehr ihre Hochsensibilität ernst zu nehmen, in ihren Alltag zu integrieren und sich mehr persönliche Rückzugsräume zu öffnen. Über ihre Hochsensibilität schreibt sie: »Andere hatten Antennen, ich einen Fernsehturm, 368 Meter hoch und immer auf Empfang. […] Ich arbeitete unermüdlich und zwar hauptsächlich daran, andere aufzuheitern. […] Ich war Duftkerze, Raumspray und Wunderbaum in einem und versprühte gute Lauten wie Monsanto Glyphosat.«

Humor- und gehaltvoll zugleich schreibt sie, Franziska Seyboldt, und dass sie immer mal wieder über sich selbst und ihre Angst schmunzeln kann, hilft ihr sehr beim Heilerwerden. Irgendwann weiß sie, dass sie nur, indem sie sich outet, indem sie öffentlich über ihre Angst spricht, eine Chance hat, mit der Angst leben zu lernen. Sie schreibt von ihrer festen Überzeugung, dass man, um Macht über psychische Krankheiten erlangen zu können, sie so konkret wie möglich benennen muss. »Wenn jemand untenrum blutet, klebt man schließlich auch nicht einfach ein Pflaster drauf und wartet, bis es von allein weggeht. Man findet erst mal raus, was der Grund dafür ist. […] Nicht die korrekte Diagnose zu verwenden macht die Krankheit größer als sie ist.« Anonym über die Angst zu schreiben war für die Autorin keine Option gewesen. Es sei sinnlos darauf zu warten, bis die Gesellschaft soweit sei, Angst oder andere psychische Krankheiten als normal zu anerkennen. »Tatsachen werden dadurch geschaffen, dass sich sehr viele Menschen so zeigen, wie sie sind.

Und irgendwann guckt keiner mehr doof.«

Ein biografisches Sachbuch, eine literarische Biografie, ein Lebenshilfehandbuch gar? Egal. Lesen!


Kiepenheuer & Witsch
256 Seiten,
ISBN: 978-3-462-31684-1; eBook: 16,99 € (D)
ISBN: 978-3-462-05047-9; Buch: 18,00 € (D)

#Schattenklänge – Bisherige Beiträge (2)

Hier liste ich einmal die Woche alle erschienen Beiträge der laufenden Blogaktion

#Schattenklänge – Texte vom Leben am Rand

Wir haben nun bereits einige Beiträge über Menschen auf der Flucht, Arme und Obdachlose zusammen. Gerne dürfen noch mehr Texte dazukommen; gerne auch Geschichten von Menschen, die anderes fühlen, denken, ticken, leben, sehen, aussehen, queer unterwegs sind. Ich freue mich auf weitere Beiträge, die das Leben vom Rand der Gesellschaft aus illustrieren.

Seit der letzten Zusammenfassung haben die nachfolgend genannten Bloggerinnen und Blogger mitgemacht und folgende Texte publiziert:

+ Ruhe von Amazonasknallerbse; Quelle: https://amazonasknallerbse1.wordpress.com/2017/05/11/ruhe/

+Innenhofgeschichten von Amazonasknallerbse; Quelle: https://amazonasknallerbse1.wordpress.com/2017/12/18/innenhofgeschichten/

+ Er spielte Klavier von Traumspruch; Quelle: https://traumspruch.wordpress.com/2016/05/07/er-spielte-klavier/

+ Im Bus von Sofasophia; Quelle: https://sofasophia.wordpress.com/2018/01/21/im-bus-schattenklaenge/

+ Dieters Zettel von Dergl; Quelle: https://alpinerot.wordpress.com/2018/01/22/dieters-zettel-schattenklaenge/

+ Sunny fliegt von Irgendlink; Quelle: http://irgendlink.de/2017/05/28/sunny-fliegt/

Ich bin gespannt auf weitere Texte.  Die Spielregeln findet ihr hier.

Danke!

Doch noch …

Buchcover des Blogbuches 2017Ja, ich würde auch schreiben, wenn ich meine Gedanken nicht in diesem Blog mit euch teilen würde. Schreiben ist mir Grundbedürfnis – wie Essen, Trinken und der Gang aufs Klo.

Dank euch aber gibt es eine Art Austausch. Inspiration. Obwohl ich die Kommentarfunktion nach wie vor – außer bei Ausnahmen – ausgeschaltet habe, nehme ich euch wahr. Ihr seid da. Und ihr habt mir in eurem Leben eine kleine Nische freigeräumt, in welcher ich meine Gedanken ausbreiten kann. Mal kürzer, mal länger, die runden ebenso wie die kantigen. All meine halbgaren Ideen, meine Geschichten und all meine unmöglichen Fragen und all meine möglichen Antworten.

»Meinen Weg kann niemand gehen wie ich«. Das habe ich in diesem Blog schon oft geschrieben – wortwörtlich oder sinngemäß. Und ja, so wie ich hat niemand dieses letzte Jahr gelebt. Und so wie du auch nicht. Daraus ist nun ein Buch geworden, ein Blogbuch. Wie in den Jahren davor.

Was ich mir wünsche? Dass ich, obwohl es mir oft genug schwerfällt, dem Leben an sich wieder mehr vertrauen kann. Obwohl da so vieles im Ungleichgewicht ist. Außen in meinem Umfeld, auf der Welt, und ja, auch in mir.

Danke, dass ihr da seid und an meinem Leben – aus Distanz und doch nicht ohne Betroffenheit, sondern mit Mitgefühl – teilnehmt. Und ich freue mich natürlich ganz besonders, falls ihr hier den einen oder anderen Impuls für euer Leben gefunden habt.

Danke, dass ihr da seid.

Falls ihr Lust habt, meine sofasophischen Fallmaschenherzgespinste nochmals, in Buchform, zu lesen, könnt ihr sie hier downloaden. Nur zum Eigengebrauch versteht sich. Alle hübschen und weniger hübschen Tippfehler gibts gratis obendrauf.

Zu den Büchern der Vorjahre gehts ⇒ hier lang.