Im Bus | #Schattenklänge

Er zuckt zusammen, schluckt schwer. Nein, niemals will er sich daran gewöhnen, dass Menschen über andere Menschen so reden. Zwar hat es diesmal nicht ihm gegolten, nicht wirklich jedenfalls, denn sie haben ihn nicht gesehen. Dennoch. Nein. Das geht einfach nicht.

Angefangen hatte es bei ihm mit dem Schielen. Ein Geburtsfehler. Ihn hatte es nicht allzu sehr gestört. Schwieriger war der Spott der Klassenkameraden gewesen. Weh hatte das getan. Für eine OP war es irgendwann, als er endlich sein eigenes Geld verdient hatte, zu spät gewesen. Zu unsicher, hatten die Ärzte gemeint, zu riskant. Ohne Erfolgsgarantie.

Vor vier Jahren dann der Unfall. Ein Raser hatte ihn übersehen. Sein Gesicht sieht heute einseitig aus, asymmetrisch, schräg, da es rechts gewissermaßen herunterhängt. Ein Kollateralschaden. Die kaputten Muskel hatte man zu spät bemerkt, andere Reparaturen waren wichtiger gewesen. Manches war eben nicht mehr reparierbar. Sein Gesicht zum Beispiel. Daran änderten auch Schadenersatzzahlungen nichts.

Als er nach Wochen endlich die Klinik verlassen konnte, hatte er sich an sein neues Gesicht bereits halbwegs gewöhnt. Daran, dass die Leute auf der Straße zusammenzuckten und wegschauten, wenn sie ihn anschauten, konnte er sich allerdings bis heute nicht gewöhnen. Bei Fremden versuchte er es einfach wegzustecken. Freunde und Freundinnen akzeptierten ihn nach wie vor als den, der er war. Schlimm war aber gewesen, als er das erste Mal wieder seinen Kolleginnen und Kollegen im Pausenraum begegnete. Außer der Lateinlehrerin, die seinem Blick tapfer aushielt, hatten alle peinlich berührt weggeschaut. Die Schülerinnen und Schüler hatten rote Köpfe bekommen. Hatten getuschelt, wenn er nicht hinschaute, und gekichert. Anfangs tat er so, als merke er es nicht, aber als irgendwann eine Zeichnung auf der Wandtafel in der Aula aufgetaucht war – das asymmetrische Gesicht sollte wohl eine Karikatur von ihm darstellen – wusste er, dass er etwas unternehmen musste.

Also hatte er sich an die Schulleiterin gewandt, mit der er sich bis zum Unfall immer bestens verstanden hatte. Einmal hatte sie ihn sogar eine ihrer engagiertesten Lehrpersonen genannt. Nun ja, Geschichte, Deutsch und Latein waren schon immer seine große Leidenschaft gewesen. Mit Herzblut und Begeisterung hatte er viele Jahre unterrichtet und auch sein Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern war immer gut gewesen. Bis zum Unfall.

Er selbst fühlte sich, von innen nach außen guckend, noch immer als der gleiche Mensch. Äußerlichkeiten hatten ihn nie groß interessiert. Seiner Frau ging es ähnlich. Sie hatte gesagt, dass sie sich natürlich, genau wie er selbst, an sein neues Gesicht gewöhnen müsse, doch das ändere nichts an ihrer Liebe.

Die Schulleiterin war seinem Blick ausgewichen. Weißt du, sagte sie, vielleicht ist es … Sie druckste herum, suchte nach Worten. Es gibt Eltern, sagte sie, Eltern, die finden … Nun ja, vielleicht ist es besser, wenn du nicht mehr unterrichtest. Etwas von Abfindung und bezahlter Umschulung sagte sie ebenfalls, während er aus allen Wolken fiel. Nie hätte er damit gerechnet, dass sogar seine Schulleiterin, diese kluge und gebildete Frau, ihn – nur weil er heute anders aussah als früher – nicht mehr als die Lehrperson sehen, ja, als diesen Menschen betrachten konnte, der er noch immer war. Dass sie derartige Eingeständnisse machen würde und sich den Unzumutbarkeitsbekundungen einzelner Eltern beugen. Ganz im Gegenteil. Er hatte fest damit gerechnet, dass sie sich mit ihm solidarisieren und Toleranzaktionen umsetzen würde.

Wo, wenn nicht hier, an der Schule, sollten Kinder denn bitteschön Toleranz gegenüber Menschen lernen, die aus Gründen, die nicht relevant waren, anders aussahen als die Norm?, fragte er sich, während sie weiterplapperte. Dachte er ihre Haltung weiter, dürften Menschen mit sichtbaren Behinderungen, mit sogenannt entstellten Gesichtern oder Körpern keine öffentlichen Ämter mehr innehaben. Weil ihr Aussehen unzumutbar war. Sollten Menschen wie er aus der Öffentlichkeit verschwinden? War das wirklich das, was sie ihm da zu sagen versuchte? Wer sollte denn noch an Toleranz glauben wollen, wenn sie nirgendwo gelebt wurde?

Wie es den betroffenen Menschen dabei ging, war offenbar nicht der Rede wert. Was war denn mit seiner Leidenschaft, dem Unterricht? Wenn er die Aussagen seiner Schulleiterin konsequent und auf sich bezogen weiterdachte, dürfte er noch nicht mal an der Hochschule unterrichten, Studentinnen und Studenten das Rüstzeug für eine Laufbahn als Lehrperson mit auf den Weg geben. Weil sein Aussehen unzumutbar war.

Wo würden die Grenzen gezogen und wer würde bestimmen, welches Aussehen noch gerade so öffentlich vertretbar war um als Lehrperson, als Politikerin, als Arzt in Erscheinung treten zu dürfen? Wo war die Schmerzgrenze? Wessen Schmerzgrenze? Und warum galt diese nur in die eine Richtung? All jene Menschen mit Stigmata – war es ihnen denn zumutbar, in dieser Gesellschaft zu leben, wo Menschen wie er als Geächtete betrachtet wurden?

Und was wäre mit dem ganzen Potential, mit den Talenten all dieser Menschen, die – weil sie aus Gründen, die im Grunde niemanden etwas angingen, anders als die Norm aussahen – ihre Berufung nicht leben durften, weil ihr Aussehen der Öffentlichkeit nicht zu zumuten sei?

Die Schulleiterin brach ihren Redeschwall abrupt ab und sah ihn an. Sah, dass er nach Worten rang. Schließlich nicht mehr rang, da er keine fand. Und sprachlos aufstand.

Sie hatte über ihre Chefin gesprochen, die junge Frau im Bus zwei Reihen hinter ihm. Wie hässlich sie sei. Als würde sie ständig eine Grimasse reißen. Eine unendliche Grimmasse. Sie ist nun für immer so hässlich, weißt du, sie hatte einen Unfall. Sie sieht so gruslig aus, sage ich dir. Wenn ich so aussähe wie die, ich würde mir echt die Kugel geben.

An der nächsten Haltestelle steigt er aus. Das echte Gesicht der jungen Frau, die sich die Kugel geben würde, war hinter der Schminke schwer auszumachen. Mit viel Farbe hatte sie sich ein Gesicht aufgemalt, das in dieser Gesellschaft vermutlich als schön galt. Doch Schönheit war ja noch nie eine Frage des Aussehens gewesen.


Diese Geschichte ist ein Beitrag für die Blogaktion #Schattenklänge . Zu den Spielregeln geht es hier → lang.

Er spielte Klavier – von @Traumspruch | #Schattenklänge

Klaviertasten
Klaviertasten

… er spielte Klavier
sanft
sehr schöne
leise Töne
spielte ohne Noten
aus der Erinnerung

einfach so

Lebensfreude

Ton für Ton

er spielte Klavier
was kümmerten ihn schon
diese Bilder
diese Bilder …
er spielte Klavier
die Tasten bebten
diese Bilder

er spielte Klavier
letzte Woche
war er hier
er spielte Klavier
und
wir füllten zusammen diesen Antrag aus
für …
ein Schlupfloch

noch war es kein Zuhaus
und
er spielte Klavier
Noten
Lieder
seine Seele klang aus jedem Stück
und seine Seele blieb doch irgendwo
in Syrien und auf dem Meer

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Dieser Text ist erstmalig am 7. Mai 2016  von Frau Traumspruch hier veröffentlicht worden und erscheint nun mit ihrer freundlicher Erlaubnis im Rahmen der Blogaktion #Schattenklänge auf diesem Blog.

#Schattenklänge – Bisherige Beiträge (1)

Hier liste ich einmal die Woche alle erschienen Beiträge der Blogaktion. Diese Woche haben fünf Bloggerinnen und Blogger mitgemacht und folgende Texte publiziert:

+ Außenseiter von philosophyofthougths; Quelle: https://artphilosophysite.wordpress.com/2018/01/11/aussenseiter-schattenklaenge/

+ Schattenkleckse von Dergl; Quelle: https://alpinerot.wordpress.com/2017/09/14/472/

+ Friedensplatz von Ulli Gau; Quelle: https://cafeweltenall.wordpress.com/2018/01/15/schattenklaenge-01-2018/

+ Zwiegespräch von Amazonasknallerbse; Quelle: https://amazonasknallerbse1.wordpress.com/2018/01/15/zwiegespraech-schattenklaenge/

+ Die Sache mit der Zufriedenheit von Sofasophia; Quelle: https://sofasophia.wordpress.com/2015/11/11/die-sache-mit-der-zufriedenheit/

Es ist übrigens auch möglich – wie ich es gestern vorgemacht habe –, einen bereits früher gebloggten Text beizutragen.

Schreibt dazu einfach einen neuen kleinen Blogartikel mit dem Hashtag #Schattenklänge und fügt dort die ersten paar Zeilen des bereits früher von euch publizierten Textes sowie eine Weiterlesen-Link zu ebendiesem früher gebloggten Text ein. Bitte nicht vergessen, auf die Spielregeln hinzuweisen.

Ich bin gespannt auf eure Texte.

Danke!

Die Sache mit der Zufriedenheit | #Schattenklänge

Für das Projekt #Schattenklänge teile ich gerne die nachfolgende Geschichte, die ich vor nahezu zweieinhalb Jahren gebloggt habe, mit euch:

Süße neunzehn war sie, als sie heiraten musste. Jung war sie damals, jung und unschuldig. Und ohne die Möglichkeit mitzubestimmen. Wie das damals, Anfang der Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts, in Anatolien zumal, noch üblich war. Und, wer weiß, vielleicht heute noch praktiziert wird. Zwei Jahre später zog das Paar in die Schweiz. Und drei Jahre später kam der Sohn zur Welt. Während sie mir ihre Lebensgeschichte erzählt, ertappe ich mich beim Rechnen. Kann das sein? Sie sieht noch so jung aus. [Weiterlesen …]

Anderswo Aufgepicktes

Zweierlei habe ich heute für euch. Beim einen geht es um Hochsensibiliät, beim andern um den Stress mit dem Glück.

In der Tat habe ich hier schon lange nichts mehr über Hochsensibilität geschrieben, obwohl sie doch eins meiner Dauerthemen ist. Neulich habe ich einen bemerkenswerten Text darüber gelesen habe, den ich euch nicht vorenthalten will. Darum heute mal wieder etwas über Menschen wie mich, die zuweilen das Gras wachsen hören können und die Wörter hinter den Wörtern miteinander tuscheln.

Kennst du schon die 17 grusligsten Sätze, die du zu Hochsensiblen, Schüchternen und Introvertierten sagen kannst?

Ich liste hier eine kurze Zusammenfassung daraus auf:

1. »Komm, wir gehen durch den Raum und stellen uns vor.« (Reizüberflutung)
2. »Was hältst du von diesem Wetter?«
(Smalltalk)
3. »Es wird eine Menge Leute geben.«
(Menschenmassen)
4. »Ich ruf dich an!«
(Telefonieren? Oh, nein, da muss man immer so schnell reagieren)
5. »Erzähl mir von dir.«
(Zu schnell zu viel wollen, zu persönlich sein)
6. »Ich habe spontan unsere Freunde eingeladen.«
(Spontane Planänderungen ohne genug mentalen Vorlauf)
7. »Vergiss nicht, wir haben heute Abend Pläne.«
(Vergessene Termine sind schrecklich!)
8. »Finde einen Partner, wir machen ein Gruppenprojekt.«
(Gruppenarbeiten? Wozu soll das gut sein?)
9. »Nein, ich will noch nicht nach Hause gehen. Das hier macht Spaß!«
(Aus Rücksicht auf andere zu lange bleiben müssen)
10. »Nein, Sie haben keinen eigenen Schreibtisch – bei dieser Firma benutzen wir das offene Bürokonzept.«
(Große, offene Räume, Großraumbüros: zu viel, zu laut, zu nah)
11. »Das Internet ist aus.« (Damit fallen die erträglichen, dosierbaren Kommunikationsmöglichkeiten aus)
12. »Wir werden den ganzen Tag unterwegs sein.« (Hilfe, keine Ruheinseln und Rückzugsräume in Sicht!)
13. »Ihre Note in dieser Klasse basiert auf Ihrer aktiven Teilnahme.« (Niemand sieht, wie viel wir in aller Stille mitbekommen & lernen)
14. »Alle, die du kennst, rufen aus deinem Wohnzimmer: „ÜBERRASCHUNG!« (Der pure Horror! Dein Zuhause ist deine Höhle und du willst doch nur deine Ruhe!)
15. »Du kommst gerade rechtzeitig zum Karaoke!« (Ähm, ich frage mich ja eh, welche Menschen das nicht zum Davonlaufen finden 😉 …)
16. »Verschieben Sie alle Ihre Freitagstermine. Wir machen dann Teambildungsübungen!« (Gruppennackenmassage im Kreis und so)
17. *unerwartetesTürglockengebimmel* (Wir fliehen, als hätten wir ein Monster gesehen)


Quelle: https://introvertdear.com/
Einen Übersetzungsversuch von mir gibts hier.

+++

Beim zweiten Lesetipp geht es ums Glücklichsein und warum uns der Positivdenken-Hype nicht glücklicher macht:

Hört auf, euch einzureden, ihr müsstet immer positiv denken

Das Gefühl, immer alles positiv sehen zu müssen, belaste uns, sagt ein dänischer Psychologe. Dieser Wohlfühlkult mache Glücklichsein zur Pflicht. Das sei gefährlich. [Weiterlesen …]

Ich zitiere:

»Öfter mal negativ sein

Beim Arbeitsplatz würde mehr darauf geachtet, dass es ein ’positives Wachstum’ gebe, als Schwierigkeiten offen anzusprechen. Brinkmann bezeichnet das Beharren auf gut gelaunten Mitarbeiter*innen als ’fast schon totalitär’.

Für ihn habe das eher mit Gedankenkontrolle zu tun.
Im Arbeitsleben werde viel Wert auf gute Laune gelegt, weil man laut Brinkmann so teamfähiger und produktiver sei. Oder anders gesagt: Menschen und ihr emotionales Leben besser ausbeuten könnte, als wenn sie schlecht gelaunt wären. ’Das ist die dunkle Seite. Unsere Gefühle neigen dazu, Rohstoffe zu werden. Das bedeutet auch, dass wir uns von ihnen entfremden’, sagt er.«

Und ja, es gibt da diese kleine Ungenauigkeit im Diskurs: Wir werden ja nicht zum Glücklichsein gedrängt, sondern zum Schauspielern, wie Freundin A. mir auf FB dazu geschrieben hat.

Quelle: https://ze.tt/

Blogaktion #Schattenklänge – die Spielregeln

EDIT 11.1.18: Die Kommentarfunktion ist nun offen. Einiges, was an Fragen aufgetaucht ist, habe ich im folgenden Text bereits ergänzt.

EDIT 15.1.18: Siehe unten unter Vorgehen.

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Am 20. Dezember habe ich hier bereits über ein neues gemeinsames Schreibprojekt geschrieben.

Zu den bereits damals allfällig Interessierten – Der Emil, Herr irgendlink, Ulli, Frau papiertänzerin, Britta112 und die Amazonasknallerbse – sind inzwischen noch weitere gekommen. Ich freue mich auf Frau Lakritze, die Mützenfalterin, Gerda, Dergl, Planet Minerva, Stephanie Jäckel und Philosophyofthoughts in dieser illustren interessierten Runde. Weitere kommen laufend dazu. Macht einfach mit!

Bevor ich die konkreten Spielregeln nenne, nochmals eine kleine Zusammenfassung:

Idee und Inhalt:
Wer mitmachen will, bloggt im persönlichen Blog eine Geschichte. Euer Text kann fiktiv, biografisch und/oder selbst erlebt/beobachtet sein. (Nicht-Bloggende mailen mir ihre Geschichte zu, ich werde sie dann hier veröffentlichen.) Natürlich dürft ihr auch Pseudonyme verwenden. Es geht in unseren Geschichten um Menschen, die eher am Rand als in der Mitte der Gesellschaft stehen. Menschen, zum Beispiel wie Nadim aus der Geschichte Trümmermusik von Zoë Beck. Menschen, von dort, von hier, von überall. Frauen. Kinder. Ja, natürlich auch Männer. Arme. Eingeschränkte. Ausgegrenzte. Behinderte. Kranke. Besondere Menschen halt.

Ziel:
Der Verkaufserlös des auf diese Weise entstehende eBooks (oder Print?) fließt einem Projekt zu, das Menschen am Rand zugute kommt.

Vorgehen:
+ Publiziere deinen Text mit einem passenden Titel und dem Hashtag #Schattenklänge im Titel in deinem Blog.
+ Setze außerdem ein Pingback zu diesem Artikel, damit mir dein Text als Kommentar angezeigt wird und ich ihn überhaupt mitbekomme. Baue dazu vor oder nach der Geschichte eine kleine Information mit Bezug auf diese Blogaktion hier – inklusive einem Link auf diesen Artikel hier – mit ein.
(Vorschlag: Die folgende respektive die obige Geschichte ist Teil der Blogaktion #Schattenklänge.)
+ Ich sammle die Geschichten in einem Dokument.

EDIT 15. 1. 18: Es ist übrigens auch möglich, einen bereits früher gebloggten Text beizutragen. Schreibt dazu einfach einen neuen kleinen Blogartikel mit dem Hashtag #Schattenklänge und fügt dort die ersten paar Zeilen des bereits früher von euch publizierten Textes sowie eine Weiterlesen-Link zu ebendiesem früher gebloggten Text ein.

Zeitraum:
Ich stelle mir für die Aktion den Zeitrahmen von drei Monaten vor. Ab sofort bis Mitte April. Danach schauen wir mal. Ich hoffe, dass wir, als Schreiberlinge, uns gegenseitig dann dabei helfen werden, aus den Texten ein feines Buch zu machen, vorerst ein eBook. Doch falls jemand Lust hat, ein Crowdfunding anzuleiern, damit daraus vielleicht sogar ein Printbuch wird, darf das gerne tun. Ich sehe mich ausschließlich als Koordinatorin, die Arbeit am Buch würde ich aber gerne mit euch andern teilen.

Zusammenfassung:
Einmal die Woche liste ich alle inzwischen erschienenen Texte in diesem Blog.

1. PS:
Falls jemand spontan Lust hat, die eine oder andere Geschichte zu illustrieren, ist das natürlich auch erlaubt.

2. PS:
Weitersagen erwünscht: an Schreibende, Verlegende, Unterstützende … 👍🏻

Über die Null als Mitte

Über Kräfte und Gegenkräfte las ich heute Morgen bei Irgendlink, und wie uns Gedanken in Aufruhr bringen können, graue Gedanken, nie endenwollende.

Zwanzig Jahre ist es her, dass ich folgenden Text aus einem ähnlichen Gefühl heraus geschrieben habe.

Hier Fülle | da Leere
Extreme | Kontraste
Das eine nicht existent ohne das andere
Die Summe aller Zahlen ist Null*
Ist alles | ist nichts
Gegenwart der Punkt auf meiner unendlichen Gerade
Der Kreuzpunkt aller unendlichen Geraden ist
Jetzt

(Ausschnitt; siehe auch hier)

Tröstliches Wissen um dieses Jetzt aus dem ich Kraft schöpfe. Für das nächste Jetzt und für das Jetzt nach jenem Jetzt, so wir uns die Zeit als etwas Fassbares, Lineares, Chronologisches denken. Und ja, ich sehe die Baustellen auf diesem Weg, viele Baustellen.

Wie hat Kai doch neulich geschrieben? Dass Verhaltensänderungen eine sehr zähe Angelegenheit seien, die erst durch regelmäßiges Üben Einzug in unsere Lebensgewohnheiten schaffen? Stimmt. Wer je versucht hat, eine nicht mehr erwünschte, möglicherweise schädliche Gewohnheit abzulegen, weiß, wovon ich rede. Wer keine schlechte Gewohnheiten hat, muss hier nicht weiterlesen. [Und natürlich ist weiterzulesen auch für alle anderen freiwillig.]

Neue Gewohnheiten also. Nun ja, ich bin keine Psychologin, doch einiges habe ich in meinem Leben durch Beobachten und Erleben erfahren und erkannt. Und einige Schlüsse daraus gezogen habe ich auch. Und vielleicht sogar das eine oder andere dabei gelernt. Verhaltenstherapie, so weiß ich inzwischen, setzt beim Reflektieren von Gewohnheiten und Denkmustern an, bei der Erkenntnis, was gut tut und was nicht. Nicht allgemein, nicht in erster Linie jedenfalls, sondern ganz persönlich und selbstliebevoll. Ziel ist, diese Selbstbeobachtung  so weit auszubilden, dass krankmachenden Verhaltensweisen aller Art allmählich aus eigener Kraft und aus eigener Überzeugung gegengesteuert werden kann. Verhaltenstherapie ist somit nicht einfach nur ein Erlernen neuer Gewohnheiten durch das Überschreiben der alten Muster, sondern setzt bei der Selbstreflexion an. Und ja, das klingt natürlich – wie so oft – viel einfacher als es ist.

Sind selbst für sogenannt gesunde Menschen, Verhaltensveränderungen und Umdenkprozesse eine zähe Angelegenheit, oft ein anstrengender Kampf gegen die selbst in Bewegung gerufenen Kräfte und Gegenkräfte, wie ungleich schwerer sind solche Verhaltensveränderungen und Umdenkprozesse für Menschen, die psychisch verwundet sind. Insbesondere, weil es ja darum geht, krankmachende, oft lebenslang geglaubte Sätze über sich selbst zu identifizieren, zu entlarven, neu zu bewerten. Es ist nämlich nicht einfach damit getan, etwas verändern, etwas anders betrachten zu wollen. Der Wille ist wichtig, keine Frage, doch da sind noch viele andere Hürden, die es zu nehmen gilt. Homo homini lupus. Sinngemäß übersetzt oder auch nicht, war und ist der Mensch schon immer sein schlimmster Feind.

Mir hilft der Gedanke an jahrzehntealte, tiefe Ackerfurchen, die ich mit einer kleinen Harke ausebnen soll. Dass das nicht einfach so – *mirnichtsdirnichts*, *Hokuspokus*, *dumusstnurgenugwollen*, *ichbetefürdich* – geht, ist wohl allen klar. Dieses Bild hilft, mir vorzustellen, wie langwierig Veränderungsprozesse sein können.

Gute Vorsätze, ob nun zu Neujahr gefasst oder wann immer wir das Bedürfnis zu Veränderung verspüren, finde ich durchaus faszinierend, denn sie spiegeln ja meist, in welche Richtung wir uns bewegen wollen – so wir sie uns selbst gegenüber liebevoll motiviert gefasst haben.

Reflexion ist der Anfang aller Veränderung. Wichtig, sehr wichtig. Aber vor allem eben ein Anfang.

Schnitt.

Ich wäre ein Haus – mit Fassade, Dachstock und Keller, mit Fenstern, Kellerräumen, Terrasse, Balkon und allem Pipapo. Du auch. Es läge an uns, dieses Haus nach eigenem Gutdünken zu gestalten. Gedeih und Verderb des Hauses wäre in meiner kleinen Metapher quasi in unserer Hand. (Was natürlich so nicht ganz stimmt, da ja die Unwägbarkeiten des Lebens nicht wirklich in unserer Hand liegen.)

Sehen wir uns doch mal all die Baustellen unseres Hauses an. Im einen Kellerraum fängt es zu schimmeln an, weil wir zu wenig gelüftet haben. Kann ja mal vorkommen. Oh, das Dach hat Risse bekommen und einige Ziegel haben sich gelockert. Der Sturm, der Sturm war das! Doch uns fehlen Kraft und Ressourcen, alles in Schuss zu halten. Selbst wenn wir es wollten, wir schaffen es nicht, nicht immer. Viel. Zu viel. Und so bleibt der Schimmel bestehen und das Loch im Dach wird nicht kleiner. Wie lange es wohl noch dauern wird, bis der Regen ins Wohnzimmer tropfen wird?

Nun ja, wir können ja nicht alles, aber wir tun was wir können. Und so putzen wir immerhin die Scheiben regelmäßig. Das ist abschaubar, überschaubar, machbar. Und vermittelt nach außen einen guten Eindruck. Was ja soo wichtig ist.

Womit wir wieder bei den Kräften und Gegenkräften wären.

»Eigentlich dürfte man gar nicht erst anfangen, über etwas nachzudenken, denn sobald man dies tut, setzt man Kräfte in Gang, die miteinander ringen. Wie Krieg. So funktioniert alles. Dadurch, dass die Kräfte nie gleich groß sind, entsteht Bewegung und mit der Bewegung entsteht Chaos und mit dem Chaos kommt das Bedürfnis nach Ordnung, das auch wieder eine Kraft im Spiel ist. […]
Alles, was ich in diesem Artikel schreibe, ist falsch. Und richtig. Wenn ein Falsch auf ein Richtig trifft, neutralisiert es sich zu Nichts.
Vielleicht.« -Irgendlink in ’Das graue Band, das niemals endet

Die Summe aller Zahlen ist Null*


*Mathematisch habe ich diese Aussage nicht verifiziert, sie will philosophisch verstanden werden.

Ruine Falkenstein, du Schöne

Schon eine Weile war angedacht, endlich einmal mit der lieben Frau Lakritze in der Umgebung wandern zu gehen.

Dass es auf einmal Winter ist, war kein wirklicher Hindernisgrund. Zumal, wenn man so Wetterglück hat wie wir drei gestern. Irgendwo in der Mitte könnten wir uns treffen, hatte Irgendlink vorgeschlagen und er lieferte auch gleich die Idee, von Rockenhausen aus zur Ruine Falkenstein zu pilgern.

Wir trafen uns am Bahnhof Rockenhausen, wo wir pünktlich zur Einfahrt von Lakritzes Zug anlangten. Von einem Wanderparkplatz aus ging es schließlich bergan. Der Donnersberg – Mont Tonnerre –, so erfuhr ich unterwegs, gehörte einst zu Frankreich, ebenso wie Teile von Rheinland-Pfalz.

Schon unterwegs auf der Hinfahrt hatte die Sonne zaghaft durch die Wolken geschielt. Auf unserer Wanderung wurde sie schließlich ab und zu ein bisschen mutiger und schließlich hatten wir auch bald schön warm. Nun ja, wohl weniger wegen der Sonne. Eher war das der Steigung zuzuschreiben. Bergauf ging es, nun ja, hügelauf muss ich da als Schweizerin natürlich präzisieren, bis wir in der Nähe der Ruine einen wunderbaren Weitsichtplatz fanden. Ob das hier mal ein Kultplatz gewesen ist?, fragten wir uns. Der Ausblick erinnerte mich an die Pyrenäen, an französiche Gebirge. Möglicherweise auch darum, weil die kleinen Ortschaften und Weiler, die wir durchquerten nicht so typisch deutsch – will heißen nicht so typisch piccobello – aussahen, sondern eher den Eindruck von Verfall und Abwanderung vermittelten.

Nach der Ruinenerkundung picknickten wir erstmal, bevor es dann weiter ging. Durch die Falkenfeld-Schlucht. (Die kaltgefrorenen Hände, Arme, Beine und Popacken mussten dringend wieder durchblutet werden.)

Fast wie von selbst wanderten die Füße bergauf und bergab – nur unterbrochen von kurzen Staunpausen oder einem kleinen Schielen auf meine Wanderkarte-App oder auf die Papier-Karten, die Irgendlink ausgedruckt hatte, während wir uns über vergangenen Wandererfahrungen und das Leben an sich austauschten. Diese abwechslungsreiche, stets sich wandelnde Route mit ihren Aufs und Abs war eine einzige Wohltat nach den regnerischen und stürmischen Tagen. Nährend auch das inspirierende Zusammensein.

Und den letzten guten Zug des Tages von der Provinz in die Großstadt hat Lakritze auch gleich noch erwischt. Was für ein toller Tag!

Impressionen von unterwegs | Die folgenden Bilder können durch Klicken auf ein einzelnes Bild vergrößert werden (Galerie).

Unten habe ich versucht, die Tour zu skizzieren. Jedenfalls ungefähr … Den einen oder anderen gegangenen Schlenker kannte die Kartenmaschine leider nicht.

[googlemaps https://www.google.com/maps/embed?pb=!1m63!1m12!1m3!1d10265.73545896263!2d7.851469656446336!3d49.608779166937175!2m3!1f0!2f0!3f0!3m2!1i1024!2i768!4f13.1!4m48!3e2!4m3!3m2!1d49.61642!2d7.8475399999999995!4m3!3m2!1d49.620829699999994!2d7.8588742!4m3!3m2!1d49.6176829!2d7.870349!4m4!2s49.60233%2C+7.87177!3m2!1d49.602329999999995!2d7.87177!4m4!2s49.59887%2C+7.86379!3m2!1d49.59887!2d7.86379!4m4!2s49.59579%2C+7.85531!3m2!1d49.59579!2d7.855309999999999!4m4!2s49.59422%2C+7.85550!3m2!1d49.59422!2d7.855499999999999!4m4!2s49.59483%2C+7.85464!3m2!1d49.594829999999995!2d7.85464!4m4!2s49.60379%2C+7.84426!3m2!1d49.60379!2d7.844259999999999!4m4!2s49.61642%2C+7.84754!3m2!1d49.61642!2d7.8475399999999995!5e1!3m2!1sde!2sde!4v1514979529779&w=600&h=450]

Zu den Wegpunkten, die ich unterwegs im GPS-Kit markiert habe, bitte hier klicken.

Eben sehe ich, dass auch Frau Lakritze Feines über unsere Tour gebloggt hat. Herzlicher Lesetipp!

Bodens(ch)ätze und Buchstabenkrümeleien

Laut pfiff der Wind ums Haus. Kalt war es. Sie hatten kein Holz mehr. Er zeigte ihr, wie Bettdecken wärmen. Und Geschichten.
Als wäre meine Hand dazu gemacht, deine Haut zu berühren, sagte sie später.

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Subtexte. Aber mit Untertiteln.
Subtexte von Subtexten lesen lernen. So wichtig.

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Katze spielt mit Wolle - zwei Bilder als GIFAm Anfang müsste man anfangen. Bloß wie? Und wo genau? Und wie lässt sich der Anfang eines solch chaotischen Wollknäuelgewusels finden? Gordische Knoten gabs schon viel zu viele.

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Nicht aufhören, es für möglich zu halten, zumindest theoretisch, dass ein Mensch alles ist. Gut und böse. Opfer und Täter.

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Der Mensch schuf den PC zu seinem Bilde.

[Wäre der Mensch ein Computer, entspräche unserm Körper die Hardware. Alle wissen es: Betriebssysten und Software sind letztlich genauso wichtig für das Funktionieren des Rechners wie die Hardware.]

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Manche Wörter gibts nur bei Scrabble.
Im richtigen Leben einmal für kreativen Unfug die dreifache Punktzahl bekommen: Das nächste große Ding.

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Wenn auf die Frage »Warum tust du dir das an?«, die Antwort nicht »aus Liebe« oder »weil ich es will« lautet, wäre »es bleiben lassen« eine gute Option.

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Was wäre, wenn statt all der vielen Regeln nur eine einzige gälte, um die menschliche Natur zu bändigen?

Nämlich: Niemandem schaden, nichts beschädigen (mir fehlt grad keine umgekehrte, posivitve Formulierung ein)? (Religionen nennen das Nächstenliebe. Respekt. Empathie.)

Schwer umzusetzen, ich weiß. Ich merke es ja selbst. Wir beschädigen ja ständig. Uns. Andere. Die Natur.

Aber wenn wir noch nicht mal das schaffen, wie sollen wir denn alle anderen Gesetze und Regeln schaffen können?

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Es sind die wohltuend-nährend-köstlichen Momentaufnahmen, die, weil sie die grauen Momentaufnahmen überstrahlen, das Leben erträglich machen. Ohne die grauen wären die nährenden aber bald blass.
(Dazu lesen: Wege ohne Farben von Frau Rebis)

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Und noch ein Irgendlinksches Schmankerl zum Abschluss:

Wir Geschichtenerzählerinnen und -erzähler

Bereits haben Der Emil, Herr irgendlink, Ulli, Frau papiertänzerin, Britta112 und die Amazonasknallerbse zugesagt oder zumindest Interesse angemeldet, ab Januar an einem gemeinsamen Geschichtenprojekt mitzuspinnen.

Idee: Jede die und jeder der mitmachen will, erzählt bei sich im Blog (oder hier bei mir) eine Geschichte.

Inhalt: Es geht um Menschen, die eher am Rand als in der Mitte der Gesellschaft stehen. Menschen, zum Beispiel wie Nadim aus der Geschichte Trümmermusik von Zoë Beck. Menschen, von dort, von hier, von überall. Frauen. Kinder. Arme. Eingeschränkte. Ausgegrenzte.

Ziel: Wir arbeiten auf ein eBook (oder Print?) hin, dessen Erlös einem Projekt zufließen soll, das Menschen am Rand zugute kommt.

Gesucht: Mitschreiberinnen und Mitschreiber. Patinnen und Paten. Sponsorinnen und Sponsoren. Mitträgerinnen und Mitträger/Mitkoordinierende.

Bitte weitererzählen!

Die Kommentarfunktion ist immer noch offen.

Als Hashtag und/oder Buchtitel stehen zurzeit folgende Vorschläge zur Diskussion.

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