Wen die Brücke ruft | #kursnord

Meer, Steg, Sonnenuntergang

Bloggen oder nicht bloggen, das ist hier die Frage. Ist es beim Reisen Mehrwert oder vergeudete Reise- und Lebenszeit? Oder die Pause, die es beim Yoga braucht, um den Effekt einer Übung zu vertiefen?

Nun denn, täglich blogge ich wohl nicht, aber die Lust ist tatsächlich wieder mehr da, Erlebtes via Blog zu verarbeiten und zu teilen. Mal schauen, was wird.

Nachdem wir gestern Vormittag den Birkensee-Camping Richtung Laatzen verlassen hatten, um einzukaufen und zu tanken, riet das kurz aufgerufene Navi auf dem Handy, Hamburg wegen Baustellenstaus weiträumig zu umfahren und schlug uns auch gleich eine Alternativstrecke über Celle vor. Gesagt getan.

Bundesstraßen. Genau mein Tempo!, sagte Irgendlink, der uns gestern durch den Tag gefahren hat. Tatsächlich kamen wir ziemlich gut voran. In Celle, das uns mit seinen Fachwerkhäusern zu einer Pause einlud, spazierten wir ein wenig herum. Fotografierten uns voran. Fast sommerlich warm war es um die Mittagszeit herum. Lüneburger Heide mag ich.

Staus gabs aber dann doch noch, als das Navi uns zurück auf die Autobahn fahren hieß. Nicht immer, nicht überall, aber die ursprüngliche Ankunftszeit in Puttgarden, dem Fährhafen nach Rødby in Dänemark, verschob sich immer weiter nach hinten.

Wir können ja in Dänemark zelten, überlegen wir. Auch nicht weiter schlimm. Wenn da bloß nicht dieser Zug DER Brücke wäre!, orakeln wir. Und schließlich sind wir auf einmal auf der Fähre MS Schleswig-Holstein rüber nach Dänemark. Schnappatmung. Stürmische Böen auf Steuerbord, die mir fast die Hörgeräte aus den Ohren reißen. Zum Glück sind die Batterien alle, so dass ich sie kurzerhand ausziehe.

Hach, dieser Wind! Dieses Meer! Wie kleine Kinder fotografieren wir und durch das Oberdeck und aaahen und ooohen und staunen und genießen. In Rødby müssen wir zwar keine Ausweise zeigen, doch die Grenze wird kontrolliert.

Dänemarks Straßen sind traumhaft leer. Die ganze Strecke von Rødby nach Kopenhagen bis zu DER Brücke fallen uns vielleicht vier oder fünf Raser negativ auf. Was heißt hier Raser? Vielleicht zehn Stundenkilometer überm Limit. Autofahren ist hier ein Genuß.

Wieder rechnen wir die Stecke durch. Wir könnten zwischen halb acht und acht auf dem Camping bei Malmö sein, den Irgendlink auf seiner AnsKap-Tour mit Ray genutzt hatte. Anfang Juli 2015.

Weiterfahren oder in Dänemark bleiben? Weil es so gut läuft auf der Straße und das dänische Wetter nicht so toll, beschließen wir, obwohl ich ziemlich müde bin, da ich sehr früh aufgewacht bin, weiterzufahren. Über DIE Brücke. Wieder Schnappatmung. Glücksgefühle. Wohliges Heimkehrgefühl.

Zuerst gehts aber unter die Erde mit uns. In den Öresundtunnel. Und auf einmal, mitten im Meer, tauchen wir auf. Spektakulär.

DIE Brücke macht etwas mit uns. Es ist dieses Staunen über menschliche Architekturkunst einerseits, aber andererseits ist es auch eine Art Demut. Sich selbst, das Auto, das ganze Unterwegssein – was sage ich: das ganze Leben! -, alles erscheint in einem anderen Licht. Ich fotografiere im Sekundentakt.

In Malmö verpassen wir zweimal die Abzweigung zum Camping, doch das macht nichts. So sieht man mehr vom Ort. Gerade das mag ich so sehr bei diesen Touren mit Irgendlink. Dieses halb zielgerichtete, halb planlose Drauflos, dieses Malschauenwaswird, dieses Langsamwerden auch, trotz der relativen Geschwindigkeit. Der Sog in die Gegenwart, weg von Waswar und Waswird. Hier. Jetzt. Sein.

Kaum ist das Zelt aufgebaut und eingerichtet, spazieren wir an den nahen Strand. Hach. Schweden kann einfach die schönsten Sonnenuntergänge.

Nachts wird es kühl. So kann ich mein kürzlich neu erstandenes Seideninlay einweihen. Mein Leichentuch, wie ich es scherzhaft nenne. Oder wahlweise meinen Kokon. Hauchdünn ist es, doch kaum bin ich drin, wird mir warm.

Heute? Mal schauen. Irgendlink ist grad zum Zahlen gegangen, weil der Rezeptionist gestern ein bisschen Stress gehabt und uns darum erst die Duschhauskarten ausgestellt hatte.

Äh, apropos Duschhauskarten. Die hatte ich gestern spät im Auto vergessen.

Macht ja nichts, sagte Irgenlink unterwegs zum Duschaus, ich lass dich mit meiner rein. Dass man auch für die Dusche selbst diese Karte braucht, merkte ich erst, als aus meiner nur kaltes Wasser kam. Wie ich dann doch noch zu einer heißen Dusche kam, ist eine andere Geschichte. Und nein, manche Geschichten müssen nicht erzählt werden.

Collage aus Bildern von der Fahrt über die Brücke

Eine kleine Reisegeschichte | #kursnord

Irgendlink auf Stuhl auf Wiese vor See und Birken

Fast ein kleines Wunder, dass wir jetzt hier sind. Am Birkensee. Dass wir auf diesem kleinen Steg sitzen. Den Wolken und der Spiegelung der Bäume beim Dunklerwerden zuschauend. Sogar Bier haben wir. 

Den Campingplatz, den wir nach knapp sieben Reisestunden gefunden haben, hat mir das Handy angezeigt. Nach einem Nickerchen hatte ich eigentlich nur kurz nachschauen wollen, wie weit uns Irgendlink während meiner kleinen Auszeit gefahren hat. Boah, schon fast Hannover! Dank Brückentag war der Verkehr auf Deutschlands fetter Südnordachse moderat gewesen. Sogar Frankfurt war staufrei, und jetzt, es war kurz vor sieben Uhr abends, fuhr es sich ziemlich locker.

Ich könnte glatt bis Trelleborg durchfahren!, meinte der Liebste. 

Doch diese Seen, die das Handy südlich von Hannover anzeigte …, hm, da muss es doch Zeltplätze geben? Gibt es. Birkensee zum Beispiel. Für eine Nacht. Eher groß für unsern Geschmack und ziemlich nahe bei der Autobahn, was man erst nachts, wenn die Vögel schweigen, merkt. 
Das Zelt ist schnell aufgebaut und eingerichtet, routinierte Handgriffe. Noch sind manche Dinge nicht am richtigen Ort im Auto. Das muss sich noch finden. Wird es. Packordnungen finden sich immer. Sie wachsen aus Bedürfnissen heraus, aus Gewohnheiten und aus Vorlieben. Sollte eigentlich für alle Regeln gelten. Und für Gesetze auch gleich. Sie sollten uns dienen nicht knechten. Eins der Themen, über die wir gestern sprachen.

Mit niemandem kann ich aber auch so gut schweigen wie mit Irgendlink. Ein harmonisches Schweigen stiller Übereinkunft. Und Musik. Autoreisen ist Musik. Gestern mit den Shout Out Louds, mal wieder die lauten Schweden. Zur Einstimmung. Ich summe mit. 

Bei Aua, in der Nähe von Machtlos, picknicken wir. In einem kleinen Dorf kaufen wir Brennsprit für die nächsten drei Wochen. Weil man den in Schweden nicht überall so leicht bekommt. 

Schweden? Sagte ich schon, dass wir unsere Route geändert haben? Noch am Donnerstag, als ich beim Liebsten anlagte, sahen unsere Reisepläne vor, uns über Belgien-Holland-Deutschland-Dänemark, der Nordseeküste entlang, nach Schweden zu schaffen. Doch am Donnerstagabend geisterte auf einmal die schwedische Ostsee durch unsere Köpfe. Sundsvall, sagt Irgendlink, nördlich von Stockholm. Aber selbst jetzt ist noch alles offen.

Das Auto machen wir noch am Donnerstag reisefertig. Sitze runter. Aussaugen. 

Ich mach vorne die Sommerreifen drauf. Ich habe zwei Passende gefunden, sagt Irgendlink, und werkelt an den Radmuttern, während ich den Kommpressor für die Druckluft bereitstelle, anschließe.

Bald ist das eine Sommerrad drauf, doch es braucht Luft, viel Luft. Die Pumpe für den Kompressor ist ausgerechnet jetzt kaputt. Oder verstopft. Geht nicht. Mit der Fußpumpe will es auch nicht klappen. Falsches Ventil. Also zurück auf Start. Sommerreifen wieder ab, Winterreifen wieder drauf. Ist halt so. 

Am Abend bekommt mein Handy endlich einen neuen Akku – danke, Liebster! -, was Menschen mit schwächeren Nerven nicht wirklich zum Selbermachen zu empfehlen ist. 

Fast ein Wunder, dass wir jetzt hier sind? Schon fünf Minuten, nachdem wir losgefahren sind, klappert das Auto. Oh nein, was kann das sein? Je weiter wir fahren, desto lauter klappert es. Da, eine Haltebucht!

Äh. Es waren zum Glück nur vier lockere Radmuttern, die wir im Eifer des Gefechtes – kaputte Pumpen und wieder zurückgewechselte Winterreifen – wieder anzuziehen vergessen hatten. Notabene natürlich beim ungewechselten linken Vorderrad.

Sagte ich schon, dass es ein kleines Wunder ist, hier zu sein? 

Heute dann weiter nach Malmö. Die Brücke ruft!

Die Bloggerei und die #DSGVO

Nun habe ich also meinen Tumblr-Account ins Datennirvana geschickt. Kein großer Verlust, da er eh nur eine Art Spiegelbild dieses Blogs hier war. Danke, EU-Datenschutz-Gesetzesrevision, danke!

Schlecht ist das Ganze ja grundsätzlich nicht, auch wenn das alles meiner Meinung nach überdimensioniert ist. Insbesondere die angedrohten Konsequenzen, die alle treffen können, aber vermutlich genau dort, wo es am meisten draufankäme, eh nicht greifen werden. Und ja, obwohl es mir gewaltig stinkt, mich mit einer Materie auseinanderzusetzen, die mir vorkommt wie eine Fremdsprache, die ich nur sehr rudimentär verstehe, habe ich in der letzten Zeit doch ein bisschen ausführlicher über Daten und unsere Leichtfertigkeit, mit ihnen umzugehen – »ich habe ja nichts zu verbergen!« –, nachgedacht.

Dennoch: Wozu der ganze Aufwand, wo ich doch einfach nur schreiben will?

Blogseidank habe ich schon seit Jahren ganz viele (unerwünschte) Daten am Bein. Daten, die ich weder nutze noch missbrauche. Aber sie sind da. Selbst dann, wenn ich alle Kommentare löschen würde, sind sie irgendwo. Gespeichert. Auf dem WP-Server. Von früheren Backups. Sogar, wenn auch verschlüsselt, auf meinem Rechner, von früheren, selbst heruntergeladenen Backups.

Ich nehme aber nicht nur, ich gebe auch, via Blog, persönliche Daten von mir preis. Laufend. Bigbrotheresk.

Mit https://webbkoll.dataskydd.net/en habe ich vorhin dieses Blog gecheckt und trotz relativer Sicherheit musste ich feststellen, dass Dinge an diesem Blog kleben, auf die ich als WordPress-Kostenlos-Userin keinen Einfluss habe. Wollte ich irgendwelche Sicherheitsplugins installieren, müsste ich zahlen.

Die Kommentarfunktion, so wie das aktuell überall empfohlen wird, habe ich ja eh längst ausgemacht, weil ich keine Energie für Diskussionen habe, doch, wie gesagt, die früheren Kommentare samt ihren Daten sind noch immer da. Und nun sind seit einer Weile  auch die Teilen-Buttons weg und meinen LeserInnen sollte – hoffe ich – der so nervige wie notwendige EU-Cookies-einverstanden?-Balken angezeigt werden.

Wie er installiert wird, siehst du hier:

Mir stellt sich die Frage, ob das alles reicht. Ob mein Blog damit aus Datenschutzsicht nun sicher genug ist. (Zum Selbsttest gehts wie gesagt hier lang → https://webbkoll.dataskydd.net/en) Wo bleibt eigentlich das von WordPress versprochene große Update und wird es die verbleibenden Lücken schließen?

Ach, noch was: Müssen eigentlich nichtkommerzielle Bloggende – zumal unter einer Flagge wie WordPress – eine Datenschutzerklärung auf ihren Blogs haben? Darauf hat mir bisher noch niemand Antwort geben können.

+++

Ist das hier nun der Blogtod für uns (nicht kommerzielle) WordPress-Kostenlos-UserInnen?

Und ich? Ob ich dieses Blog schließen und ein neues, rein auf HTML basierendes öffnen soll, wie ich schon früher eins gehabt habe? Oder würde so ein Neuanfang auch mit einem neuen WordPress-Blog funktionieren, das von Anfang an nur Texte und Bilder hat, ohne jegliche Kommentarmöglichkeit und so weiter?

Doch wozu der ganze Aufwand?

Wie wichtig ist mir die Bloggerei noch? Und wie wichtig sind mir all die vielen FollowerInnen, die dank Twitter und FB hier mitlesen? Lesen sie überhaupt (noch)? Lebt dieses Blog überhaupt noch? … sind wir, nein falsch, bin ich nicht irgendwie blogmüde geworden?

Ich könnte ja einfach nur, bei Bedarf, auf Ello Texte posten und die herkömmliche Bloggerei an den Nagel hängen. Oder so.


Nachfolgend einige Links, die anderen Betroffenen vielleicht weiterhelfen (ich übernehme wie immer keine Verantwortung für Links und deren Inhalte):

  • https://raidboxes.de/dsgvo-wordpress-technische-massnahmen/ <<< NACHTRAG: Gute Übersicht!
  • https://www.webtimiser.de/so-bereitest-du-wordpress-auf-die-dsgvo-vor/
  • https://www.nzz.ch/wirtschaft/folgen-der-neuen-datenschutz-grundverordnung-eu-datenschutzverordnung-tangiert-auch-die-schweiz-ld.1306009
  • https://datenschmutz.net/dsgvo-checkliste-fuer-blogs/?utm_source=twitter&utm_medium=Social&utm_campaign=dssocialwarfare
  • https://hermsen.info/2018/03/wordpress-com-dsgvo/
  • An Selbsthosterinnen richtet sich Irgendlink hier: http://irgendlink.de/2018/05/03/jetpackverzicht-wie-verwandele-ich-die-portfolioseiten-in-normale-seiten/
  • Auch Kai hat zum Thema gebloggt: https://kais-journal.de/blog/2018/04/30/datenschutz/
  • Ebenso Lakritze: https://lakritze.wordpress.com/2018/04/19/rumgeraeume/

 

Die kleine Wildnis

Meine erste Nacht unter freiem Sternenhimmel erlebte ich ziemlich spät. Ich muss bereits etwa siebzehn Jahre alt gewesen sein. In einem Pfingstlager war es; und ich erinnere mich kaum mehr an Details. Eigentlich nur noch daran, wie erstaunt ich gewesen war über die Feuchtigkeit des Frühsommermorgens im Wald.

Später hatte ich immer mal wieder mit Freundinnen und Freunden die eine oder andere Nacht in der freien Natur verbracht – von Zeltplätzen einmal abgesehen. Aber auch in der Wildnis häufiger mit Zelt drumrum als ohne. Und obschon ich Nächte im Zelt liebe, ist doch dieses Gefühl, unter dem freien Sternenhimmel zu schlafen, durch nichts zu übertreffen. (Natürlich spreche ich von warmen (Früh-)Sommernächten, denn ich friere schnell.)

Bereits vor vielen Jahren machte ich mir Gedanken darüber, wie es wohl wäre, einmal ganz allein in der Natur zu übernachten. Hätte ich eine Löffelliste – eine Liste also mit Dingen drauf, die ich tun will, bevor ich eines Tages den Löffel abgebe –, wäre ’allein unter freiem Himmel schlafen’ sicher einer der ersten Punkte. Gewesen. Denn jetzt kann ich diesen Punkt ja abhaken. Wobei … ich ahne, dass es nicht meine letzte Alleinnacht war.

Dass ich es endlich getan, gewagt, habe, verdanke ich der lieben M. (2), die mich gestern eigentlich hatte besuchen wollen. Zu Fuß startete sie am Samstagmorgen fünfzig Kilometer von mir entfernt und näherte sich meiner Wohngegend dem Lauf der Aare folgend, dem Fluss der unsere Wohnorte miteinander verbindet.

Ich selbst machte mich erst am späten Samstagnachmittag auf den Weg. Mein Fahrrad belud ich mit Schlafsack, Matte, Überlebensdecke, Buch, zweieinhalb Liter Wasser, Picknick, Zahnbürste und einem guten Buch. Klingt nach wenig, ist aber dann doch einiges an Material.

Auf mir wohlbekannten Wegen fuhr ich der Aare entlang und hielt immer mal wieder Ausschau nach einem schönen Platz, zumal ja nicht die Radtour im Vordergrund stand. Ich kenne hier viele schöne Plätze, denn ich bin nicht weit von hier aufgewachsen und habe als Jugendliche und auch später, als ich schon mal in der Gegend gewohnt hatte, viele schöne Sommerabende am einen oder anderen Kies- oder Sandstrand und auf dieser oder jener Halbinsel verbracht.

Dass diese noch immer heiß begehrt sind, musste ich schnell feststellen. Alle Lieblingsplätze, die ich beim Vorüberradeln sah, waren besetzt. Und beschallt. Womit wir beim Punkt wären, warum ich mich bisher vor so einer Nacht in der Natur gefürchtet hatte. Die Leute. Das Partyvolk. Menschen, die lärmen. Weniger also die Natur, obwohl auch diese natürlich meinen ganzen Respekt hat.

Ich ließ die lärmenden Menschen links liegen und fuhr weiter. Und auf einmal war er da, der Flow. Die Ruhe. Ich machte immer wieder Pausen, setzte mich auf sonnige und auf schattige Bänke; und auf Steinstufen, badete die Füße und genoss es einfach zu sein. Ich blieb immer genauso lange, wie ich mich an einem Ort wohl fühlte. Und immer nur dort, wo ich mich wohlfühlte. In mir drin das ruhige Wissen, dass ich jederzeit umkehren und nach Hause radeln könnte.

Selbst als ich bereits meinen Platz für die Nacht gefunden hatte, war diese Ruhe in mir, dass ich nichts muss, ich muss niemandem etwas beweisen. Da war einfach diese tiefe, innere Gewissheit, dass es gut ist, wie es ist. Zwischen einem Rapsfeld und einem Waldrand, auf einem Stück Wiese, fand ich schließlich meinen Platz. Eigentlich für einen Frischling in Sachen ’Schlafen unterm Sternenhimmel’ perfekt. Hier würde ich meine Ruhe haben, fernab vom Partyvolk. Vom Radweg nicht allzu weit entfernt, aber wegen des Rapsfeldes war ich hier praktisch unsichtbar.

Derweil hatte auch M. mit der Schwierigkeit zu kämpfen, dass überall an den Stränden und schönen Plätzen schon Menschen waren. Schließlich fand auch sie einen Nachtplatz. Und ja, auch für sie war es das erste Mal allein unterm Sternenhimmel. Wir schrieben hin und her und nach einem kleinen Anruf beim Liebsten legte ich mich um zehn bereits schlafen. Es war dunkel und das Beobachten der Nacht spannender als mein Buch. So blieb ich noch eine Weile wach und lauschte dem Glücksgefühl in mir nach. (Endorphine und so.) Der Halbmond leuchtete mir ins Gesicht und tauchte alles um mich in ein sanftes Licht.

Überhaupt: Dämmerung. Sie ist für mich die schönste Tageszeit, wenn ich draußen schlafe. Noch nicht dunkel, noch nicht wieder hell. Zwischenwelt.

Während ich vor mich hindöste und den Geräuschen der Nacht lauschte (auch die Autobahn gehört dazu, fern zwar, aber hörbar), erinnerte ich mich an frühere Nächte unterm Sternenhimmel. Im Wald, am Gerzensee mit anschließendem Morgenbad, in St. Lup, in Israel, an der Melezza, anderswo an der Aare, zwischen den Mauern einer Ruine, immer mehr Orte und Nächte fielen mir ein und ich dachte dabei an all die Menschen, neben denen ich schon unterm Sternenhimmel geschlafen hatte. Verbundenheit. Frieden. Dankbarkeit. Und irgendwann schlief ich tief und fest ein.

Als ich um halb fünf pinkeln musste, war es noch dunkel, dunkler als beim Einschlafen, da sich der Mond nun woanders aufhielt; und es war kalt. Neun Grad. Diesmal dauerte es eine ganze Weile, bis mir warm wurde und ich weiterschlafen konnte. Kurz nach dem ersten Vogelgesang – 5:45 sagte mein Handy – döste ich wieder ein und verpennte den Sonnenaufgang.

Erst um halb acht wurde ich wieder wach. Richtig erholt fühlte ich mich. Richtig wohl. Richtig geborgen. Auch M. hatte es so ähnlich erlebt, doch weil sie am Vortag über dreißig Kilometer gewandert war, fühlte sie sich zu erschöpft zum Weiterwandern und fuhr mit dem Zug nach Hause. Genau das meint Selbstfürsorge. Genau das ist Selbstmitgefühl. Wir klopften uns gegenseitig verbal auf die Schultern, wir Heldinnen.

Auf dem Heimweg fand ich einen Weg, den ich schon viel zu lange nicht mehr geradelt bin. Was für eine schöne Gegend eigentlich, in der ich lebe!

Und wie schön, dass ich ein Zuhause habe, eine warme Dusche, ein Bett. Dinge, die so selbstverständlich zu sein scheinen, wertschätze ich nach einer Nacht in der Wildnis definitiv mehr.

Unterwegs im Schwarzwald

Du könntest eigentlich das Zelt mitbringen, hatte ich vor einer Woche zum Liebsten gesagt. Wir könnten ja mal wieder. Den Liebsten muss man für solcherlei nicht erst groß überreden und so planten wir am letzten Donnerstagabend – er war ein paar Stunden vorher angekommen – einen kleinen Ausflug mit Zelt und schön und Natur und nicht zu weit und so. Innerschweiz? Hm. Joa. Oder Züri Oberland? Hm. Oder – wie wärs mit Schwarzwald? Wutachschlucht?

Der Zeltplatz, den wir aus dem Netz fischten, hatte sogar schon geöffnet und so haben wir am Samstagvormittag das Auto gepackt und sind losgefahren. Weit ist es ja nicht, aber weil die Grenze von all den Schweizer EinkaufstouristInnen verstopft war, fuhren wir einen kleinen Umweg und erreichten um eins den Camping Stühlingen.

Das Zelt hatten wir rasch aufgebaut – direkt beim gedeckten Pavillon mit drei Tischen darunter – und schon bald waren wir zu Fuß unterwegs. Ja, diese kleine Wanderung war genau das, was ich gebraucht hatte!

Nach einem kleinen Einkauf entfachten wir am Grillplatz am Ende des Campingplatzes ein Feuerchen und grillten unser Abendessen. Seelenwohltuend. Und ja, auch gut gegen die Kälte, ist so ein Feuer. Schließlich wurde es eine ziemlich kalte Nacht im Zelt, fünf Grad oder so, und es dauerte am Morgen eine ganze Weile, bis wir wieder warm hatten. Zumal die Sonne eine Weile brauchte, bis sie die Hügel überwunden und unsern Zeltplatz gefunden hatte. Zu allem Übel hatte ich Bauch- und Kopfweh und aus unerfindlichen Gründen meine Kopfwehtabletten nicht eingepackt. Mist aber auch.

Die nächste notfalldiensthabende Apotheke war in Neustadt bei Titisee und so planten wir kurzerhand um. Statt die Wutachschlucht zu erwandern, stand nun Tabletten kaufen auf dem Programm. Bis die Tabletten wirken würden, beschlossen wir es ruhig anzugehen. Überhaupt … es ruhig angehen ist eh genau richtig. Nach einem kleinen Spaziergang am Neustadter Stadtrand mit Sonnetanken fuhren wir an den nahen Titisee, das ich alsbald ’das Büsum, Helgoland und Interlaken des Schwarzwaldes’ nannte. So viele Touristen und Touristinnen auf einen Haufen! Von überall. Lange hielten wir es hier nicht aus. Uns zog es in die Natur und so fuhren wir doch noch in die Wutachschlucht, wie es uns die Zeltplatzbesitzerin am Vorabend ans Herz gelegt hatte.

Der Wegweiser in die Lotenbachklamm sprang uns beiden beim Wanderparkplatz bei der Schattenmühle sofort ins Auge. Da wir beide wegen der kalten Nacht wenig erholsam geschlafen hatten, beschlossen wir diese eher kurze Wanderung zu machen – knapp anderthalb Kilometer rauf und später wieder runter. Eine weise Entscheidung!

Zum einen war es ein wunderbares Stück Weg über felsiges Terrain, genau nach unserem Geschmack, zum anderen waren alle Leute unterwegs sehr freundlich und rücksichtvoll. Die Klamm? Einfach nur wunderschön! Sonnenlicht, das durch frühlingszartes Blätterdach fällt. Das Rauschen des Lotenbachs tat das seine. Meine Sinne waren weit offen und das Kopfweh endlich vergangen. Oben angelangt fanden wir eine Wiese, die geradezu zum Picknicken und zu einem Nickerchen einlud. Herz, was willst du mehr?

Später, zurück auf dem Zeltplatz, waren deutlich mehr CamperInnen auf dem Platz und ’unser’ Pavillon besetzt. Für die Nacht und den Montag war zudem Regen angesagt, sodass wir kurz überlegten, ob wir das Zelt abbauen und nach Hause fahren sollten. Nach einigem Hin und Her entschieden wir uns stattdessen, das Zelt hinten beim Grillplatz aufzubauen. Dass das erlaubt war, hatten wir erst am Samstagabend erfahren. Beim Grillplatz steht ein Schutzdach neben dem kleinen Bürohäuschen. Warum eigentlich nicht darunter das Zelt aufbauen?, fragte ich. Hey, super Idee, meinte der Liebste, das machen wir! Dann müssen wir am Morgen, wenn es regnet, nicht direkt aus dem Zelt in den Regen hineinklettern.

Wieder entfachten wir ein Feuer. Der Regen hielt sich brav zurück und wartete, in den Wolken hockend, die Nacht ab. Unser zweiter Abend in Stühlingen war deutlich wärmer. Was doch so ein paar Grade ausmachen! Auch die Nacht war weniger kalt als die vorherige und so schliefen wir beide tief und fest und wachten erholt und erfrischt auf. Das bisschen Regen, das nachts gefallen war, hatte uns nicht gestört. Am Morgen schien wieder die Sonne und so konnten wir gemütlich frühstücken und das Zelt abbauen.

Wir hatten uns entschieden, an die Rheinfälle zu fahren. Die größten Wasserfälle Europas. Und ja, ich bin tatsächlich – trotz der Nähe – noch nie dort gewesen, während Irgendlink, der ja ein paar hundert Kilometer weiter weg wohnt, schon einige Male – zuletzt auf der Flussnoten-Rheinradeltour – diese tosenden Wassermassen bestaunt hat.

Wenn schon, denn schon!, sagten wir uns und kauften Tickets für eine kleine Hafenrundfahrt. Uns hats gefallen.

Noch hielt das Wetter, obwohl die Sonne ab und zu Wolkenverstecken spielte, und so beschlossen wir, über Land zu fahren und irgendwo, an einem schönen Hügel, eine kleine Wanderung mit Picknick einzulegen, bevor wir wieder nach Hause fahren würden.

Unsere Pläne fielen buchstäblich ins Wasser. Der Regen hatte sich uns an die Fersen, an die Räder, geheftet und war immer genau dort, wo wir lang fuhren. Zuerst dem Lauf des Rheins folgend, später quer über Land. Und immer war der Regen auch schon da.

Okay, dann picknicken wir halt an meinem Esstisch!

+++

Nur schon zwei Tage reichen manchmal, um den Kopf wieder ein bisschen freier zu bekommen und all das, was uns im Alltag so selbstverständlich vorkommt, als wertvoll vor Augen zu führen. Ich sage ja nur: Badewanne.

Ein paar Reiseimpressionen (Galerie):

 

Depression zwischen Buchdeckeln #4 – Super, und dir? von Kathrin Weßling

Eigentlich könnte alles so einfach, denkt Marlene Beckmann. Sie ist jung, klug, hübsch und beliebt. Und seit ein paar Jahren ist sie mit Jakob zusammen, der sie über alles liebt. Und sie ihn. Ja, wirklich, es geht ihr super. Jedenfalls könnte sie glücklich sein. Sollte sie sogar, denn vor einem knappen Jahr hat sie ihre Traumstelle gefunden. Schwarzweißaufnahme einer sommerlich gekleideten Frau, die erschöpft auf einer Holzbank liegt. In großen neonblauen Buchstaben steht der Titel im Schatten über der Bank. Unter der Bank steht der Name der Autorin in der gleichen Schrift. Unten rechts der Verlagsname Ullstein.In einem jungem Traditionsunternehmen arbeitet sie siebzig Stunden die Woche und hofft darauf, nach ihrem einjährigen Volontariat eine Feststelle angeboten zu bekommen. Sie hätte es verdient, denn sie gibt alles. Sie lächelt. Sie nickt. Sie schuftet. Und in ihrer knappen Freizeit geht sie ins Fitnesszentrum, das mit ihrer Firma kooperiert. Und Yoga macht sie auch. Sie optimiert sich selbst. Und sie lächelt immer und sie sagt allen, die es hören wollen, wie toll es doch ist in dieser Firma zu arbeiten. Ja, endlich hat sie es geschafft. Schließlich hat sie ja damals auch die traumatische Trennung ihrer Eltern überlebt. Und den anschließenden schlimmen Absturz ihrer Mutter in dem Alkoholismus.

Um dem wachsenden Druck standhalten zu können, ruft sie ab und zu ihren Kumpel Ronny an. Er hat das eine oder andere Mittel, das hilft. Speed zum Wachwerden zum Beispiel, Kokain und anderes. Nein, kein Heroin. Natürlich nicht, sie ist schließlich kein Junkie. Sie hat ja alles im Griff, hat die volle Kontrolle. Sie funktioniert ganz wunderbar und lächelt auch dann noch, als ihr Chef Stefan ihr auch nach zehn Monaten noch immer nicht sagen kann, ob ihre Firma, die im Grunde völlig sinnlose Produkte vermarktet, eher Marlene oder doch besser Maya übernehmen wird, wenn das Volontariatsjahr der beiden um ist. Nach dem Gespräch ist ihr zum Heulen, doch sie knipst ein lächelndes Selfie im Fahrstuhl und schreibt dazu einen klugen Spruch. Hauptsache deep.

Marlene lächelt sogar noch, als ihre gemeinsam geplanten Ferien ins Wasser fallen und ihr Freund Jakob schließlich allein nach Teneriffa fliegt. Marlene wird in der Firma gebraucht. Marlene kann jetzt nicht weg. Marlene ist gefangen im Hamsterrad von Arbeit und Leistungsdruck.

Das ist an sich nichts Neues. Eher neu sind aber wohl die Methoden, mit denen heute die Ressourcen junger Menschen auf dem Arbeitsmarkt auf Stromlinie gebracht werden. Anders als früher werden jetzt nicht mehr von außen Disziplin und Ordnung aufgedrückt; von außen wird heute nur noch die zu erreichende Form vorgegeben. Stichwort Selbstoptimierung. Den ganzen Rest erledigen die jungen Menschen heute selbst. Nein, auch Konkurrenzkampf ist nichts Neues. Und Ehrgeiz wird heute direkt aufs Handy geliefert. Du brauchst nur die richtige App, die dir täglich sagt, wie gut das Fitnesstraining und wie entspannend die Yogaübung wirkt. Also los! Bloß nicht schlappmachen, weiter, immer weiter, schließlich wolltest du es doch genau so.

Doch eines Morgens sagt Marlene einfach Nein. Zum Wecker. Zum Telefon. Bleibt im Bett liegen. Dröhnt sich zu. Genug. Erst einunddreißig Jahre alt hat sie sich bereits kaputtgeschuftet. Menschen wie Marlene erscheinen nicht auf Drogenstatistiken, Menschen wie Marlene bleiben kurz liegen, dann stehen sie wieder auf, dann machen sie weiter. Irgendwie. Als Marlenes Hausarzt, dem sie ihre Drogenabhängigkeit beichtet, ihr ein Rezept für ein Antidepressivum in die Hand drückt und ihre Krise mit banalen Worten kleinredet, weiß Marlene nicht, ob sie lachen oder weinen soll.

Kathrin Weßling schreibt in ihrem dritten Roman mit ihrer gnadenlosen Beobachtungsgabe und messerscharfen Sprache über eine Arbeitswelt, die durch fehlende Perspektiven glänzt, Menschen mit schönen Worten einlullt und jede, die rausfällt, sofort ersetzt. Weßling schreibt, wie dieser Zwang zur Arbeit ans sich selbst, diese sogenannten Selbstoptimierung, Druck auf eine ganze Generation junger Menschen ausübt und im Grunde weniger mit Selbstoptimierung als mit Manipulierbarkeit und Machbarkeit zu tun hat.

Weßling schreibt auch diesmal nicht über große Dramen, sondern darüber, wie jene Dinge, die die Menschen kaputt- und krankmachen, meist ganz klein und unscheinbar anfangen, fast unsichtbar sind und scheinbar banal. Ein Buch, das mich in seiner Alltäglichkeit fast umhaut und beim Lesen wehtut.


Das erste Buch von Kathrin Weßling habe ich damals hier vorgestellt: KLICK.

Abschluss der Blogaktion #Schattenklänge

Vor zwei Wochen habe ich hier meinen letzten Beitrag für die Blogaktion #Schattenklänge eingestellt:
+ Von Seilen und Ankern; Quelle: https://sofasophia.wordpress.com/2018/03/28/von-seilen-und-ankern-schattenklaenge/
Andere Texte von anderen AutorInnen sind leider seit dem letzten Update nicht mehr publiziert worden (ich habe es jedenfalls nicht mitbekommen).

Ich danke herzlich all jenen*, die mitgemacht haben. Ihr habt auf euren Blogs Geschichten über Armut, Depressionen, Flucht, psychische Krankheiten, Anderssein, Andersaussehen, Angst, Verlust und das Altwerden geschrieben. Gemeinsam haben wir – vierzehn verschiedene Menschen – dreiundzwanzig Geschichten erzählt.

Ich gestehe, dass ich mehr erwartet habe. Dass ich gehofft habe, mehr Menschen, die Geschichten über Menschen am Rand zu erzählen wissen, mit diesem Projekt begeistern zu können. (Vermutlich wären mehr Geschichten eingereicht worden, wenn ich mit einem Preis gewinkt hätte. Oder wenn ich einflussreicher wäre, eine sogenannte Influencerin, wie das heute so schön auf Neudeutsch heißt. Vielleicht. Wer weiß das schon so genau.)

Fakt ist, dass die meisten Menschen für Einfach-So-Dinge zu wenig Zeit haben. Oder andere Prioritäten setzen. Oder ihre Zeit nur dann in etwas investieren, wenn es sich irgendwie lohnt.

Nun ja, all diese Menschen am Rand, um die es in unseren Texten geht, hatten schon immer kaum Unterhaltungswert. Armut, Anderssein und Flucht sind wenig dazu angetan, Leute vom Hocker zu reissen. Ja, ich sage das durchaus mit einem traurigen, ein bisschen resignierten Bauchgefühl. Wir wenden uns lieber dem Bunten, Heilen, Netten zu als dem Unauffälligen, am Boden Liegenden, Kaputten. Neulich las ich über ein Buch, in welchem ein erwachsener Mann über seinen frühen sexuellen Missbrauch erzählt und das sich sehr schlecht verkauft hatte, dass das Buch sicher ein Verkaufserfolg gewesen wäre, wenn es von einer jungen hübschen Frau geschrieben worden wäre.
Ooops! Ja, so habe ich auch geguckt.

Wie es nun mit #Schattenklänge weitergeht, mit unseren Geschichten und diesem Projekt?

Entweder Option A oder Option B:
A.) Ich mache aus den Texten ein kleines eBook (epub und PDF) und biete es allen, die es wollen, für 6,50 € resp. 7,70 Fr. zum Verkauf an.
Die vierzehn Autorinnen bekommen das Büchlein natürlich kostenlos (zum Eigengebrauch).
Der Verkaufserlös fließt einem Projekt zu, das Menschen am Rand zugute kommt.
B.)
Ich lasse die Buchherstellung bleiben und schenke den TeilnehmerInnen das bisher entstandene Dokument als PDF (zum Eigengebrauch).

Für Option A brauche ich allerdings konkrete Zusagen und Unterstützung:

  • Wer lektoriert ehrenamtlich die Texte nach der neuen deutschen Rechtschreibung?
  • Das Buch wird nur bei mindestens dreißig festen Kaufzusagen weiterproduziert.

Dazu bitte folgende Umfrage beantworten (Mehrfachauswahl ist möglich):
Menschen, deren Texte im Buch sind, bitte ich, nicht zu wählen, außer Option B respektive außer sie würden das Buch ausdrücklich kaufen wollen.

[polldaddy poll=9979688]

Die Kommentarfunktion ist für einmal wieder geöffnet.


TeilnehmerInnen:
Philosophyofthougths
Dergl (zwei Geschichten)
Ulli Gau
Amazonasknallerbse (vier Geschichten)
Sofasophia (vier Geschichten)
Traumspruch
Irgendlink
Der Emil (zwei Geschichten)
Piri Ulbrich
Violaetcetera
Lakritze
Zeilensturm
Ella
Minerva (zwei Geschichten)

Nachgereicht:
Schreibenwärmt (direkt zum Text)
Agnes Podczeck (1. Text | 2. Text)

Sollte ich eine Geschichte nicht erwähnt haben, weil sie nicht verlinkt wurde, gebt mir bitte Bescheid.

Von Seilen und Ankern | #Schattenklänge

Kinder sind die Anker im Leben einer Mutter*, sagt Sophokles. Als sie diesen Satz liest, zufällig, absichtslos, schnappt sie nach Luft. Heute hat ihr Boot keinen Anker mehr. Heute haben manche Sätze, denen sie lauscht, die Macht, sie in eine andere Gegenwart zu werfen. Eine längst vergangene.

Eine dieser Gegenwarten gab damals vor, ein Synonym für Ewigkeit zu sein. Es war eine Gegenwart, in der sie sich ganz und heil fühlte. Sie sah sich ganz, sie fühlte sich ganz, sie dachte ganz und das alles, was sie ist und je war und je sein wird, war auf einen einzigen Punkt verdichtet. Dieses Jetzt und sie selbst waren eins, das Jetzt und sie waren heil.

Es ist dieser seltene Blick hinter den Vorhang, der ihr hilft; dieses Einswerden mit dem, was auch noch hätte sein können, wenn. Dieses Verschmelzen mit dem Damals und dem Jetzt und dem Schmerz, der irgendwann aufhört schmerzhaft zu sein, weil er irgendwann Teil geworden ist von ihr, so sehr, dass nichts mehr vorsteht und bei einer zufälligen Berührung weh tun kann. Festhalten lassen sich solche geradezu heiligen Trostmomente nicht, doch ohne sie würde sie sinken.

Da hinein Sophokles’ Satz. Ein schöner Satz. Eigentlich. Doch auf einmal treibt sie ab. Treibt ohne Anker auf offener See. Ohne Ufer in Sicht und auch ohne Navigationshilfe.

Sie treibt im Nebel und weiß, dass ihr jetzt selbst ein Anker nichts helfen würde. Er würde bestenfalls ein Weiterabtreiben verhindern. Sie kann nur warten, bis der Nebel verschwinden würde, verschwunden wäre. (Bis jetzt war er noch jedes Mal verschwunden.)

Und als die Sonne wieder durchbricht, sieht sie Land. Einen Anker aber hat sie noch immer nicht. Sie lenkt ihr Schiff in den Hafen, in der Hoffnung dass da jemand sei, der ihr ein Seil zuwerfen würde. Und so ist es.

Immer war da bisher jemand, der den Seilwurf konnte. Ist dieses Seil vielleicht der Anker all jener Mütter, deren Kinder nicht mehr leben? Ist es so, dass Mütter wie sie – vielmehr noch als andere, da sie keinen Anker mehr haben –, immer darauf angewiesen sein werden, dass da jemand steht, der Seilwerfen kann?


*Quelle: Sophokles; Phädra, Fragment 612, eigentlich: Söhne sind die Anker im Leben einer Mutter/Sons are the anchors of a mother’s life.


Diese Geschichte ist ein Beitrag für die Blogaktion #Schattenklänge . Zu den Spielregeln geht es hier → lang.

#Schattenklänge – Bisherige Beiträge (5)

Hier liste ich von Zeit zu Zeit alle neuerschienenen Beiträge der laufenden Blogaktion

#Schattenklänge – Texte vom Leben am Rand

Noch einen Monat habt ihr Zeit, Texte beizutragen. Gesucht sind weitere Geschichten von Menschen, die arm sind oder auf der Flucht, die anderes fühlen, denken, ticken, leben, sehen, aussehen, queer unterwegs sind. Ich bin gespannt auf eure Texte, die das Leben vom Rand der Gesellschaft aus illustrieren.

Da das mit den Pingbacks offenbar nicht immer geklappt hat, bitte ich euch herzlich darum, euch zu melden, falls ich euren Text nicht erwähnt haben sollte.

Herzlichen Dank für alle seit der letzten Zusammenfassung publizierten Texte. Hier nur die Liste der Bloggerinnen und Blogger, die mitgemacht und die Links zu ihren Texten:

+ Auf einem Dorf in einer Scheune oder Zweimal 40 Watt von Der Emil; Quelle: https://deremil.wordpress.com/2018/02/14/auf-einem-dorf-in-einer-scheune-n-045/

+ Die geheime Welt der Fantasie – Von Gedanken, die keiner wissen durfte von Minerva; Quelle: https://planetminerva.wordpress.com/2018/02/17/die-geheime-welt-der-fantasie-von-gedanken-die-keiner-wissen-durfte/

+Verlorene Freundschaft? von Minerva; Quelle: https://planetminerva.wordpress.com/2018/03/13/verlorene-freundschaft/

Ich freue mich auf weitere Texte.  Die Spielregeln findet ihr hier.

Danke!

Ausgelesen #22 | Neues aus Schottland und Österreich

Gleich zwei Buchtipps habe ich heute für euch. So gegensätzlich sie sind, so lesenswert sind sie. Beide!

Wer andern eine Bombe baut von Christopher Brookmyre

Das Buchcover zeigt eine klassische runde Bombe mit Zündschnur. Darin eine schwarze menschliche Silhouette vor orangerotem kreisförmigem Hintergrund. Über diesem orangen Kreis steht in weißer Schrift im oberen Teil der Bombe der Buchtitel. Das Cover ist hinter der Bombe in gelbgrünstichigem Blau, worauf oberhalb der Bombe in schwarzer Schrift der Name des Autors steht.Ich gestehe, dass ich Christopher Brookmyre bisher nicht kannte. Bedauerlich, denn mir fällt spontan kein aktueller britischer Autor ein, der Spannung und den seiner Heimat eigenen Humor so geschickt kombinieren kann wie er. Doug Adams lässt grüßen.

Im gestern endlich auf deutsch erschienen Thriller aus dem Jahre 2001 werde ich mitten in eine Welt geworfen, in welcher der gewissenloser Auftragsterrorist Black Spirit ein Verbrechen im Vereinigten Königreich plant wie es die Welt noch nie gesehen hat. Über mögliche Ziele spekulieren selbst die Geheimdienste, doch niemand weiß etwas Genaueres über das Ziel. [ → Weiterlesen …]

+++

Dunkelgrün fast schwarz von Mareike Fallwickl

Buchcover des vorgestellten Buches: Grüne, schwarze Schatten werfende Farnblätter. Mittendrin auf weißem Hintergrund eine Tafel mit Titel und Namen.Eins dieser Bücher, die so wehtun, dass sie mich – so genial geschrieben sie auch sein mögen – zwischenzeitlich fast zum Aufhören zwingen. Zu heftig die beschriebenen Emotionen. Schier unerträglich. Dennoch konnte ich dieser Geschichte nicht widerstehen. Zu ergriffen war ich vom Schicksal der Figuren, zu berührt von der Geschichte jedes einzelnen. Von der ersten Seite an hat mich Fallwickls Sprache ergriffen, mich hineingezogen in das Fühlen, Denken und Erleben ihrer Figuren. Lesend reise ich mit ihr durch die Zeit und lerne den dreijährigen Moritz kennen. Später erlebe ich ihn als Vierzehn-, als Siebzehn-, als Achtzehnjährigen und noch später, im Heute, als jenen Mann, der er schließlich geworden ist. Abwechselnd folge ich auch seiner Mutter Marie, der einzigen Ich-Erzählerin, durch ihre Jahre auf dem Berg und schließlich auch seiner Moritz’ erster Liebe Johanna.
[ → Weiterlesen …]