Wieso macht meine Orchidee, die früher weiße Blüten getragen und danach jahrelang nicht geblüht hat, dieses Mal violette Blüten?
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Manchmal würde er liebend gerne sein Leben mit jemandem tauschen, der im Sterben liegt, aber gerne leben will. Sagt er, seufzend. Er lächelt. Die Hoffnungen sterben wie die Fliegen und dieser Kaffee hier schmeckt bitter.
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Sie wollte ihn retten. Vielleicht wollte sie aber nur sich selbst in ihm retten?
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Wenn die Staatsformen die Betriebssystene einer Gesellschaft wären, wer wäre dann für die Updates und wer für die Erkennung der Bugs zuständig?
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Eigentlich ist Bloggen wie bauen. Ein Hochhaus. Es wird immer höher und höher und hat nach und nach immer mehr Fenster, durch die von außen hineingeschaut werden kann. Und von innen heraus.
Jedes menschliche Organ und jeder einzelne Körperteil macht von Natur aus genau das, was es am besten kann: Es sorgt dafür, dass die Dinge, die es am besten kann, getan werden: Blut von A nach B pumpen zum Beispiel oder Säfte produzieren, die Nahrung in ihre Einzelteile auflösen können. Von Natur aus.
Ein fester Halt
Jeder Teil für sich hat keine Ahnung des großen Zusammenhangs, kann einfach nur tun, was zu tun ist. Jeder Teil kümmert sich einfach nur um sich selbst – nicht aus egoistischen Gründen, sondern weil es ein Teil des Ganzen ist. Manche Teile sind von Natur aus schwach. Oder sie fallen aus, weil etwas fehlt, etwas zu viel da ist, etwas beschädigt wurde … Gründe gibt es viele. Fällt nun ein Teil aus, organisiert jemand (ich vermute mal ein paar Teilchen im Hirn, die das können) ein Notfallszenario. Nach einer bestimmten Zeit helfen alle anderen Teile des Organismus mit, dass jener Teil, der ausgefallen ist, kurz-, mittel- oder langfristig ersetzt oder zumindest entlastet wird. Vielleicht wird ja dieser Teil wieder heil, vielleicht auch nicht. Und nein, wie genau das wirklich geht, weiß ich nicht.
Was ich aber weiß: So ein Körper ist echt genial. Er kann bis zu einem gewissen Grad ausgefallene Organe und Körperteile kompensieren. Bei manchen Blindgewordenen wird zum Beispiel das Gehör viel besser als es vor der Erblindung war. Dennoch sind Ohren nicht besser als Augen und der Darm ist nicht besser als die Milz. Natürlich sind manche Organe im Gesamtkontext wichtiger als andere, überlebenswichtig, manchesind das nicht (meine Finger zum Beispiel, dank derer ich diese Zeilen hier tippen kann). Alles hat seinen Platz im Ganzen. Und auch wenn so ein Körper echt klasse ist: den perfekten Körper gibt es nicht. Weder den fürs Auge perfekten, noch was alle Funktionen betrifft. Jeder Körper, – was sage ich? – jeder Mensch, hat Schwachstellen, egal jetzt mehr physischer oder mehr psychischer Art. Das erfahren wir alle tagtäglich.
Und wir erfahren auch, dass in jedem lebendigen Körper eine Seele lebt, die ebenfalls von Mensch zu Mensch unterschiedlich funktioniert. Sie ist es, die letztendlich des Menschen Lebendigkeit ausmacht und dessen Taten motivieren kann.
Wie gesagt: wirklich genial, dieser Mensch! Trotz der Schwachstellen, die eben einfach zu seiner Natur gehören. Die Natur ist weder gut noch böse, in sich ganz, so gesehen vollkommen und doch kein perfekt funktionierendes Räderwerk. Sie ist einfach, wie sie ist. Und wir sind mit all unseren Schwächen und Stärken Teil von ihr, Natur.
Stichwort Vererbung. Stichwort Prägung. Kein Mensch hat das perfekte Umfeld und niemand von uns hat das perfekte Erbgut. Das ist gut so, auch wenn wir uns danach sehnen, dass es anders wäre. Gut ist es, weil wir nur so lernen können, sorgsam mit uns umzugehen. Mit uns und mit unseren Ressourcen. Denn das kann niemand besser als wir selbst – wie unsere Organe und Körperteile. In Bezug auf uns sind wir die besten. Und weil wir das – zumindest theoretisch – wissen (in meinem Utopia lernen wir das von klein auf und wir lernen auch von Anfang an, liebevoll mit uns umzugehen) dehnen wir diese Erkenntnis auch auf alle anderen Lebewesen aus. Wir wachsen (idealerweise) mit dem Verständnis dafür und der damit verbundenen Empathie auf, dass wir alle verbunden sind.
So verstehe ich die Gesellschaft als Ganzes oder auch eine regionale Gesellschaft oder Gruppe wie ein Körper. Auch in ihr hängt alles zusammen, ist alles verbunden, sind alle von allen abhängig. Und auch in ihr, in jeder Gesellschaft, gibt es Schwachstellen. Die sind nicht einfach schlecht. Die sind einfach. Es liegt in der Natur der Sache.
Daran musste ich denken, als ich neulich einen Blogartikel von Frau Rebis gelesen habe. Wegpunktzufälle heißt er. Darin erzählt sie von einer eintägigen Radtour, bei welcher sie nach einer bestimmten Anzahl Kilometern – inspiriert von Irgendlinks Kunststraßenkonzept – fotografiert hat, was dort war. Egal, wie sogenannt schön oder unschön dieser Punkt sich ihr gerade präsentiert hat. Anders als Irgendlink hat sie ihre Bilderbereits nach fünf Kilometern aufgenommen und zwar in alle vier Himmelsrichtungen.
»Was bedeutet das überhaupt: das Gute, das Ungute, das Schöne, das Lichte? Sind dies nicht selbsterschaffene Kategorien? Ist ein Bild per se wohltuend, oder mache ich es mir zu einem solchen? Kommt das Licht der Dinge von ihrem äußeren Anblick her? Oder kann ich es ein Stück weit selbst erschaffen?
Wenn ich doch versuchte, auch in einem jeden Unbedeutenden – und sogar im vemeintlich Hässlichen – etwas aufzuspüren, das mich stärken könnte?«
So fragt Frau Rebis. Fragen, die ich mir selbst auch so ähnlich – auch in Bezug auf das Menschsein und die Welt – gestellt habe. Warum ist schwach zu sein für die meisten Menschen etwas Schlimmes? Macht mich nicht meine Schwäche anderen gegenüber sensibel und menschlich?
Vielleicht ist es ja eine unserer Lebensaufgabe, uns mit unserer Schwäche – will heißen, mit jenem, das wir als schwach definieren – anzufreunden und das vermeintlich Starke mit anderen Augen zu betrachten? Die Dinge sind ja so oft nicht das, was wir im ersten Augenblick über sie denken.
»Sechs Minuten braucht es nur, um das Leben von Detective Ted Conkaffey vollständig zu ruinieren. Die Anklage gegen ihn wird zwar aus Mangel an Beweisen fallengelassen, doch alle Welt glaubt zu wissen, dass einzig und allein er es gewesen ist, der Claire entführt hat. Um der gesellschaftlichen Ächtung zu entgehen, zieht er nach Crimson Lake, eine Kleinstadt im Norden Australiens. Dort trifft er Amanda Pharrell, die ganz genau weiß, was es heißt, Staatsfeind Nr. 1 zu sein. Vor Jahren musste sie wegen angeblichen Mordes ins Gefängnis. Nun ist sie Privatdetektivin und braucht bei ihrem neuen Fall ausgerechten seine Hilfe …«. So viel zum Klappentext. Ich bin gespannt.
Auf der ersten Buchseite watschelt eine siebenköpfige Gänsefamilie durchs Bild. Eines Tages hält sie beim Ich-Erzähler Ted Einzug. Als er schon fast nicht mehr daran zu glauben gewagt hatte, dass sein Leben je wieder lebenswert sein könnte. Seine Frau glaubt nicht an seine Unschuld, seine Tochter darf er nicht mehr sehen und das baufällige Haus, das er gekauft hat, ist leer. So leer, wie er selbst sich fühlt. Bis die Gänse auftauchen. Einige Tage später lernt er die von Kopf bis Fuß tätowierte Amanda kennen, die wegen Mordes eine Haftstrafe abgesessen hat, sich nun als Privatermittlerin betätigt und ihn in ihr Ermittler-Boot holt. Diese Wende tut Ted zwar gut, doch immer wieder überfallen ihn heftige Panikattacken, die auch nicht davon besser werden, dass kurze Zeit später sein Inkognito auffliegt und der Mob ihn zu terrorisieren beginnt. Bürgerwehren wollen ihn, den vermeintlichen Kinderschänder, nicht in ihrer Stadt. Auch aus der Familie des Schriftstellers, die Amanda und ihm den Auftrag erteilt hat, den verschwundenen Ehemann respektive Vater – einen Bestseller-Schrifteller – zu finden, schlägt ihm unerwartet kalter Wind entgegen.
Fast aussichtslos scheint es, diesen Fall zu lösen. Die Widerstände sind groß und unsere beiden Ermittler kämpfen nicht nur um die Lösung desselben, sie kämpfen auch gegen ihre eigenen Dämonen. Ted weiß um seine Unschuld, doch niemand will ihm glauben, bis eine unbestechliche Gerichtsmedizinerin schließlich einige Ungereimtheiten entdeckt und so eine junge Journalistin in neue Denkbahnen schubst. Parallel zu den Ermittlungen am Fall versucht Ted das Geheimnis um Amandas Mord an einer anderen jungen Frau zu verstehen. Amanda ermittelt ebenfalls parallel, sie versucht Licht in Teds Fall zu bringen.
Candice Fox zeichnet ihre Figuren sehr anschaulich. Sie wachsen mir sofort ans Herz. Ted mit seiner Sehnsucht nach seiner Tochter, die er nicht sehen darf, obwohl er aus Mangel an Beweisen freigesprochen wurde; Amanda mit ihrer schroffen, schrägen Art, die hinter dieser Fassade sehr zerbrechlich ist und nur ganz wenigen Einblick hinter ihren Vorhang gewährt. Beide mit einem ganz besonderen dunkelgrauen Humor und einer tiefen Sehnsucht danach, wieder ein halbwegs normales Leben führen zu können.
Fox erzählt nachvollziehbar, lebending, packend und öffnet immer wieder neue Türen, neue Abgründe und am Schluss ist alles anders. Schon jetzt bin ich gespannt, wie es mit den beiden weitergeht.
»Das Minimumgesetz, von Carl Sprengel 1828 veröffentlicht, besagt, dass das Wachstum von Pflanzen durch die im Verhältnis knappste Ressource (Nährstoffe, Wasser, Licht etc.) eingeschränkt wird. Diese Ressource wird auch als Minimumfaktor bezeichnet.« Sagt Wiki. Eine Lektion unseres Biologie-Lehrers, die ich bis heute nicht vergessen habe.
Besteht also Mangel an einer oder mehrerer Ressourcen, ist es ganz und gar wirkungslos, wenn eine der bereits reichlich vorhandenen Ressourcen aufgefüllt wird. Gut gemeint, sorry, aber wirkungslos.
Quelle: Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Minimum-Tonne.svg)
»Jeder Boden ist anders mit Nährstoffen versorgt und benötigt eine spezielle Behandlung. […] Ich will euch etwas für das Thema Düngen sensibilisieren und euch helfen, Düngefehler zu vermeiden. Falsche Düngung belastet die Umwelt und unsere Gesundheit. Das Thema ist komplex, ich habe jedoch versucht, mich kurz zu fassen. Warum düngen? Unser Gemüse verbraucht im Laufe des Jahres einen gewissen Teil der Nährstoffe im Boden. Wenn wir das Gemüse auf den Beeten verrotten lassen würden, wäre alles ok und wir müssen nicht düngen.* Aber wir essen es ja auf und entnehmen so dem Boden die Nährstoffe. Und genau diese entnommenen Nährstoffe müssen wir durch Düngung nachfüllen.« Diese weisen Zeilen lese ich auf parzelle94.de, einer Seite für Gartenspaßhabende.
Der Garten und das Gärtnern sind für mich ja schon immer gute Metaphern für das Leben gewesen. Setzen wir nämlich im zitierten Text für Boden das Wort Mensch ein und für Düngen das Wort Fürsorge oder Selbstfürsorge, liest sich der Text fast wie ein Artikel aus einer psychologischen Fachzeitschrift.
In obiger erlaubterweise auf Wiki abgekupferten Grafik habe ich zwei der Dauben meiner Selbstbeobachtung entsprechend beschriftet. Heute Morgen, unter der Dusche, hatte ich nämlich auf einmal die Erkenntnis, wie treffend doch das Gesetz des Minimums sich auch auf meine Psyche übersetzen lässt. Ich empfange zurzeit nämlich viel freundschaftliche Unterstützung und Ermutigung, kann sie aber kaum annehmen. Irgendwie logisch, denn solange jene Dauben – die mit der Selbstwertschätzung und mit der Selbstliebe – noch immer so kurz sind, kann ich alles andere gar nicht fassen. Folglich lecke ich, ich tropfe, ich laufe aus.
Mutmachendes tut natürlich trotzdem gut. Gestern habe ich zwei ermutigende Blogartikel gelesen, die ich gerne hier verlinke.
Den zweiten schrieb Nora Fieling. In ihrem Text »Depression: Denk doch mal (NICHT) positiv …« erzählt sie, wie uns Betroffene all das Gutgemeinte, was andere Menschen uns um die Ohren hauen an Tipps mit auf den Weg geben, erdrücken kann. Die wiederkehrende Floskel Denk halt positiv! in ihrem Text lässt sich gut mit Sätzen wie Du musst nur genug glauben!, Bete zu Gott (oder wem auch immer)! oder Meditiere halt mehr! einfügen. Kurz gesagt alles, was mit der inneren Haltung zu tun hat – mit unserer aktuell aus der Sicht der anderen falschen inneren Haltung, wohlverstanden –, setzt uns nur zusätzlich unter Druck, statt zu helfen. (Das Wort Depression kommt vom Wortstamm her aus dem Lateinischen. Deprimere bedeutet niederdrücken.)
Natürlich hat eine Depression mit einer bestimmten inneren Haltung zu tun und es ist auch nichts dagegen einzuwenden, dass wir an dieser Haltung arbeiten (bis sie uns nicht mehr von innen her auffressen kann), wenn es uns dazu gut genug geht. Und ja, ich finde Verhaltenstherapie eine gute Sache. Aber …
Wenn wir nämlich aus Gründen bereits in der Scheiße hocken, ist eben dieses Du musst nur genug an dich (wahlweise an die Positive Kraft, an Gott, an Whatever) glauben, dann geht es dir bestimmt bald wieder besser! nicht einfach nur wirkungslos, sondern auch immer mal wieder kontraproduktiv. Weil es, wie gesagt, noch mehr Druck aufbaut, Leistungsdruck, Heilwerdeleistungsdruck.
Vermutlich versteht man das wirklich nur, wenn man selbst schon (mehr als einmal) richtig schwer depressiv war. Übrigens: Etwas mehr als 11% aller Menschen sollen, so sagen die Statistiken, einmal im Leben einen leichten bis schweren depressiven Schub erlebt haben/erleben. Davon werden allerdings zum Glück nur etwa die Hälfte chronisch depressiv.
Wir alle sind eben wie Gartenböden, die je nach Pflanzen, die auf ihnen gewachsen sind (mit oder ohne unseren Einfluss), unterschiedlich ausgelaugt werden. Und nicht alle haben es von Natur aus so mit der Selbstfürsorge …
Von einmalig an Depressionen Erkrankten und Geheilten geht zuweilen der Anspruch aus, dass dieses Einfach-wieder-Heilwerden doch gar nicht soo schwierig ist. Für chronisch Depressive sind solche Erwartungshaltungen aber wie Ohrfeigen und setzten uns massiv unter Druck.
Ich will damit niemandem zu nahe treten, der gerne gute Erfahrungen teilt. Gewiss nicht. Denkt einfach daran, dass gute Erfahrungen nicht ungefragt ausgeteilt werden sollten. Bitte fragt vorher nach.
Was Betroffenen denn am meisten hilft? Eine Frage, die mir immer mal wieder gestellt wird. Und natürlich kann ich sie nur für mich selbst beantworten:
Alles, was mein Vertrauen in mich und in mein Leben – mein Handeln, meine getroffenen Entscheidungen, meine Gedanken – stärkt, hilft mir. Alles mit entgegengebrachte Vertrauen. Alles, was mir den eigenen Wert vermittelt. Alles mit folgendem Subtext: Ich höre dich, ich sehe dich, ich nehme dich ernst. Ich fühle mit (ohne dabei mitleidig, überheblich, besserwisserisch zu sein).
Statt Probier doch dies und das aus!, besser Ich glaube, du weißt selbst am besten, was du brauchst und was dir gut tut!
So kann die zu kurze Fassdaube aus der obigen Grafik vielleicht langsam ein bisschen länger und stärker werden.
»Mir fehlt Platz, leerer Raum im Kopf. Mein Hirn ist so voll bis zum Rand. Alle Lücken, die ich mir immer geschaffen hatte, sind nun aufgefüllt und ich bin jetzt wie alle anderen Menschen. Ich habe mein Natursein verloren.«
»Du meinst, so wie eine volle Festplatte, die man nicht mehr defragmentieren kann, weil es keinen Platz mehr hat, die Dinge hin und her zu schieben und so freien Platz zu schaffen? Oh, das kenne ich gut.
Diese Immer-mehr-leisten & konsumieren-Welt macht uns krank. Die einen früher, die anderen später.
Weißt du, ich glaube ja, dass so der menschliche Weltuntergang aussehen wird: Wir werden je voller wir werden desto kranker, verlieren immer mehr den Bezug zum eigentlich Gesunden, zum Natürlichen, zu den Buntbrachen unseres Seelenlandes; wir weichen immer mehr aus auf Ersatzhandlungen, Ersatzlebensmittel, Ersatzdinge und treiben so immer weiter weg vom natürlichen Menschsein.
Wir Menschen werden so krank, dass wir uns nicht mehr weiterverpflanzen wollen oder können und sterben eines Tages aus. Dann holt sich die Erde alles wieder zurück, was wir ihr weggenommen haben.«
Apropos Frauenkrimi: Vor einigen Wochen ist Eva Ashinzes zweiter Krimi erschienen, der, wie schon sein Vorgänger, in Winterthur spielt. Offenbar ist auch in dieser Zürcher Kleinstadt mit der angeblich höchsten Wohlfühlqualität aller Schweizer Städte nicht alles Gold was glänzt. Auch hier wird gemordet und auch hier werden auf offener Straße Menschen überfallen.
Am gleichen Tag wie Moira van der Meer, Rechtsanwältin und Ich-Erzählerin, den Auftrag bekommt, das Geheimnis dreier verlorener Eizellen in einer teuren Kinderwunsch-Klinik zu lüften, stirbt ihre erste große Liebe Jan, der mit seiner Frau Norah im Kunstgeschäft tätig war. Nun ja, Jan starb nicht nur, er wurde ermordet. Mit drei Schüssen. Von seiner Frau Norah, weiß Moira eigentlich nur, dass sie früher die beste Freundin ihrer seit vierundzwanzig Jahren verschollenen kleinen Schwester Maria war. Dennoch erklärt sie sich bereit, Norah moralisch und juristisch zu unterstützen. Während sie offiziell am Fall der verschwundenen Eizellen arbeitet, schaut sie aus persönlichem Interesse dem Ermittler Guido Béjart und der Staatsanwältin Kummer bei deren Ermittlungen über die Schultern. Sie will, dass Jans Mord unbedingt bald aufgeklärt wird.
Bald ist auch schon ein mutmaßlicher Täter gefunden, doch Moira zweifelt an seiner Schuld. Manches passt einfach nicht zusammen; oder zu gut. Jan und Norah seien ein Traumpaar gewesen, sagen alle der Befragten. Die Witwe trauert exzessiv und behauptet, ohne Jan nicht mehr leben zu wollen, doch warum sind denn beide Ehepartner ganz offensichtlich fremdgegangen? Und wie passen Jans Kompagnon Paul und Norahs beste Freundin Rebecca ins Bild?
Willy, Moiras rüstiger Nachbar und Vermieter, hilft beim Rätseln ebenso mit wie Moiras bester Kumpel Asim, der das asiatische Restaurant Alibaba führt. Und dass Moira im gleichen Aufwisch endlich auch das Rätsel um ihre verschollene Schwester Maria lösen will, interessiert natürlich nicht nur ihre Freunde, sondern auch Celina, Moiras alkoholkranke Mutter, und Moiras Vater, der schon vor vielen Jahren nach Nigeria zurückgekehrt ist. Besonders letzterer ermutigt seine Tochter in Telefongesprächen immer wieder nicht aufzugeben. Unsere Heldin durchlebt im Laufe der Geschichte ein Wechselbad der Gefühle, erleidet von jetzt auf gleich eine Panikattacke, spricht Alkohol und Nikotin mehr zu als gut für sie ist und stößt auch mal den einen oder anderen Menschen ziemlich vor den Kopf. Dennoch lässt sie sich nicht beirren und findet schließlich – nicht zuletzt dank eines Zufalls – für beide Fälle die entscheidenden Puzzleteile, die zur Aufklärung führen.
Ashinze zeichnet mit Moira eine sympathische junge Frau, die engagiert und gradlinig ihre Ziele verfolgt und ihrem Bauchgefühl traut. Sie ist alles andere als eine Superfrau, der alles in den Schoß fällt. Im Gegenteil. Beide Fälle gehen ihr sehr ans Eingemachte und wühlen sie auf. Dass das Verschwinden ihrer Schwester auf einmal wieder in den Vordergrund gerückt wird, überfordert sie fühlbar. Doch das und auch ein Überfall in der Winterthurer Innenstadt, bei dem sie verletzt wird, halten sie nicht auf. Zum Glück hat sie ein paar richtig gute Freunde, die ihr zur Seite stehen. Auch diese sind glaubwürdig gezeichnet.
Ashinzes Schreibstil überzeugt mit zumeist glaubwürdigen Szenen, Bildern und Dialogen. Sie verfolgt einen durchdachten Plot, der gut zum Umfeld und zu den gezeichneten Figuren passt. Dennoch stolpere ich über ein paar Kleinigkeiten. So frage ich mich zum Beispiel, warum Moira zur definitiven Aufklärung ihres Falles nicht ein seriöses Blatt hinzuzieht statt sich an die Boulevardpresse zu wenden. Und wieso muss es gegen Ende auf einmal so schnell gehen? Ein paar Zufälle, Ereignisketten und dramatische Lebensumstände weniger wären vielleicht fürs große Ganze glaubwürdiger gewerden. Ja, ich gestehe, dass manche Sequenzen und Umstände auf mich ein wenig konstruiert wirken. [Auch muss ich zugeben, dass die relativ vielen Fehler (Buchstabendreher & Co.) meinen Lesegenuß etwas getrübt haben. Da lässt meine Déformation professionelle als Korrektorin/Lektorin herzlich grüßen.]
Dennoch: Eva Ashinze hat mir ein tolles, spannendes Leseerlebnis beschert und meinen Einblick in den Alltag einer Schweizer Rechtsanwältin geweitet. Und ja, natürlich bin ich schon jetzt gespannt, wie es mit Moira weitergeht!
Buchinformation
Eva Ashinze, Tod in Winterthur
Orte Krimi
2017; 115×180 mm; 256 Seiten ISBN 978-3-85830-222-9
CHF 26.00 Link zum Buch
Wir sind ein Netzwerk. So steht es in der Seitenleiste eines Blogs, dem ich nun schon eine ganze Weile folge. herlandnews.com heißt es und berichtet aus feministischer Sicht aus der Welt der Kriminalliteratur. (Wir sind) Frauen, die an unterschiedlichen Orten der kriminalliterarischen Buchproduktion wirken, heißt es weiter in der Seitenleisten. Wir verstehen uns als politisch, feministisch, gottlos, aufbrechend, gegen rechts, antikapitalistisch, antipatriarchal und erfolgreich.
Wer, wie ich, gerne Krimis liest, erkennt schnell, dass es auch in diesem Genre viel frischen Wind braucht. Frauen als Ermittlerinnen gibt es zwar schon eine Weile – in Filmen ebenso wie in Büchern –, doch sehr oft müssen Frauen auch dort doppelt so tough, doppelt so sportlich, doppelt so engagiert und mindestens dreimal so erfolgreich sein wie Männer um mithalten zu können. Männliche Ermittler dürfen gerne mal versoffene, unter versifften Bedinungen lebende, polygame und bindungsunfähige Zeitgenossen sein, doch Frauen mit den gleichen Eigenschaften haben einen schwierigeren Stand, werden nicht ernst genommen, belächelt. Unterschwellig ist also auch die Krimiwelt noch immer eine Männerdomäne, in der Frauen mehrheilich die Ausnahmen, die Eindringlinge sind.
Dabei lese ich wirklich sehr gerne Krimis, in welcher Frauen eigenständige Rollen spielen – egal ob auf der Seite der Gesetzesbrecherinnen oder der der Ermittlerinnen. Zoe Becks Lieferantin, das ich neulich gelesen habe, macht es vor und ja, es funktioniert.
»Unbedingt lesen! Fesselnd, unterhaltsam und sehr klug.«
Anja Goerz, Radio Bremen
Besprechungen gibt es zuhauf, weshalb ich es bei einem herzlichem Lesetipp belasse.
Natürlich ist es aber nun auch in der literarischen Frauenkrimiwelt nicht so, dass wir Frauen uns alle in den gleichen Topf werfen lassen. »Längst ist nachgewiesen, dass die Unterschiede in Fähigkeiten und Neigungen innerhalb eines Geschlechts wesentlich größer sind als zwischen den Geschlechtern«, schreibt Gudrun Lerchbaum in ihrem Artikel Ich bin halt eine Emanze auf herlandnews.com – sehr, sehr lesenswert auch dieser Artikel!
Vom Alten Land habe ich diesen Sommer zum ersten Mal gehört. Als Irgendlink ein wenig für unsere geplante Nordwärts-Ferienreise recherchierte, gerieten ihm Informationen zur Ausstellung von Wolfgang Herrndorf in Stade in die Hände (Ausstellung läuft noch bis 3.10.17). Mir Nordschweizerin waren bis dahin weder Niedersachsen noch Stade ein Begriff gewesen. Und ja, auch hierzulande (CH) gibt es viele Gegenden, die ich noch nicht kenne. Warum das Alte Land Altes Land heißt, erfuhren wir erst so richtig, als wir uns vom Zeltplatz an der Lühe, mitten im Alten Land, ein wenig in der Gegend umgeschaut hatten. Es sind nämlich nicht nur diese alten Häuser mit ihren oft noch erhaltenen Reetdächern, die der Gegend den Namen geben, vielmehr ist es das Land selbst. Früher Schwemmland gewesen, hatten die Menschen es schließlich mit einem ausgeklügelten Kanalsystem der Elbe abgetrotzt. Südlich der Elbe bis zum Meer die NiedersachsInnen, nördlich der Elbe bis zum Meer die Schleswig-HolsteinerInnen. »Der Name Altes Land weist auf die Besiedlungsgeschichte hin. Auf Plattdeutsch heißt das Gebiet Olland (hochd. „Altland“). Dieser Name geht auf die Kolonisierung durch niederländische Kolonisten zwischen 1130 und 1230 zurück.« Sagt Wikipedia.
Nach einigen sehr schönen Tagen im Alten Land und bevor wir auf unserer Reise unsere Freunde in Itzehoe (Schleswig-Holstein) trafen, querten wir die Elbe mit der Fähre von Wischhafen (Niedersachsen) nach Glücksstadt. Was für ein hübscher Name für diese kleine Stadt an der Elbe! In einer kleinen Buchhandlung entdeckte ich schließlich das Buch von Dörte Hansen: Altes Land. Zwar kaufte ich es nicht, aber wie oft in Buchländen oder beim Lesen von Buch-Zeitschriften fotografierte ich den Titel, um ihn mir später auszuleihen zu können. Am liebsten in der heimischen Bibliothek oder bei Onleihe.
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Nun habe ich das Buch also genüsslich gelesen und bin richtig froh um ein paar rudimentäre Kenntnisse der Gegend, in welchem dieser wirklich lesenswerte Roman spielt. Wer beim Titel an einen Heimatroman denkt, könnte nicht falscher liegen. Im Gegenteil. Hier geht es eher um Heimatlosigkeit und Flucht. Dörte Hansen erzählt tiefgründig und doch nicht ohne Augenzwinkern von der Suche und Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Wurzeln und aber auch von der Angst vor genau diesen.
Wir treffen alte Menschen, die einst jung waren, junge Menschen, die ältern werden, Menschen mit und ohne Kindern, Menschen, die Paare sind oder einst Paare waren. Und ja, es geht auch um die Liebe. Vor ihr kann man nämlich nicht einfach davonlaufen. Auch um Misstrauen geht es und um Zweifel.
Anne flüchtet mit ihrem Sohn aus der Schickimickiwelt Hamburg-Ottensens. Sie läuft vor ihrem Partner davon, diesem erfolgreichen Krimiautoren, der sich in eine andere verliebt hat. Anne flüchtet ins Alte Land, zu Vera, ihrer Halbtante, die seinerseits, als kleines Mädchen ebenfalls Flüchling gewesen ist. Damals, als Polackenkind, als Preussenflüchling, ist sie mit ihrer Mutter in diesem alten Haus in diesem alten Land gestrandet. Von ihrem Adoptivvater, dem zweiten Mann ihrer Mutter, den sie bis zuletzt gepflegt hat, hat sie es schließlich geerbt.
So lernen wir nach und nach Stadtmenschen aus Hamburg kennen, den Tischlermeister etwa, der Anne, nachdem ihre Musikerin-Karriere in die Elbe gefallen war, das Tischlerhandwerk beigebracht hatte. Und wir treffen Leute vom Alten Land wie etwa die Kita-Erzieherinnen, die Leon, Annes Sohn, das Stadtkind, mit einiger Skepsis in ihrem Kreis aufnehmen. Da sind auch Britta, die unkonventionelle Bäuerin, die so gar nicht macht und tut, wie man es von ihr erwartet oder der aufs Land geflüchtete Journalist, der mit seiner Frau der Gummistiefelwelt huldigt und über die Eingeborenen Bildbände und Bücher publiziert.
Sein und Schein – so nahe nebeneinander stehen sie, dass sie kaum auseinanderzuhalten sind. Fließende Übergänge überall. Auch bei den Perspektivenwechseln. Eben noch haben wir Vera über die Schultern geschaut, nun sehen wir wie Brittas Mann Dirk, der notabene in den Stadt Agrarwissenschaften studiert hat, seine Apfelbäume düngt, und das, obwohl hier auf dem Land doch alles so schön öko sein sollte.
Schräg und schief sind nicht nur die Hausfassaden, auch die Menschen sind es. Und zwar nicht nur die auf dem Land. Auch die Stadtmenschen mit ihrem verklärten Bild vom Landleben werden von Dörte Hansen nicht geschont. Und ja, ein paar Klischees purzeln da und dort zwar durch die Buchseiten, doch das darf. Das bisschen Überzeichnung muss sogar.
Dabei ist die Natur doch einfach. Weder gut noch böse, weder sauber noch dreckig. Alles ist: Sturm oder Schnee, Sonne, Wind und Regen. Mit ihr und in ihr zu leben, formt die Menschen. Daran ist nichts Verklärenswertes, sagt Hagen zwischen den Zeilen. Sie reflektiert augenzwinkernd wie Menschen aneinandergeraten und spricht über unerfüllte und unerfüllbare Erwartungen von Kindern an ihre Eltern, von Eltern an ihre Kinder. Über scheinbar unüberwindbaren Wege von Mensch zu Mensch und last but noch least vom Zwergkaninchen Willy, das nicht für die Einzelhaltung gedacht ist und auf einmal weiblich ist und Junge bekommt.
Hansens Sprache ist leichtfüßig literarisch, was sich ganz offensichtlich nicht widersprechen muss. Heiter in der Schwere, drückend in ihrer Leichtigkeit. Und auf alle Fälle sehr lesenswert!
Buchinformation
Dörte Hansen, Altes Land
Knaus Verlag
ISBN 978-3-8135-0647-1
Wie ich neulich bei einem abendlichen Waldspaziergang über dem einen Satz meditierte – das ’Jetzt’ ist schön –, fing eine kleine Erkenntnis in mir an zu reifen. Keine Neue, aber eine, die es bisher vom Kopf noch nicht wirklich bis ins Herz geschafft hatte: Die Dinge, die Ereignisse, die Erfahrungen wirken auf mich und in mir so, wie ich sie bewerte. Wenn ich sie grundsätzlich willkommen heiße, mit ihnen Frieden schließe, lässt es sich leichter mit ihnen leben. Natürlich ist es im schön besonnten Herbstabendwald einfacher, Schönheit zu sehen als auf der vollen Autobahn. Schönreden bringt nichts. Doch im Raum, den ich betrete, im Leben, das ich lebe, kann ich häufig selbst und bewusst entscheiden, wie die Dinge auf mich wirken dürfen. Nein, nicht immer, denn das Unbewusste ist oft stärker, die in mir abgespeicherten Muster sind nicht selten wirksamer als meine bewusste Entscheidung. Und Veränderungen geschehen langsam. Doch mein Bewusstsein schafft sich, nimmt sich Raum. Raum ermöglicht Bewusstseinsschritte.
Naturraum wirkt anders als gebauter Raum. Wald anders als Dach-überm-Kopf. Beides brauche ich dennoch, um mich wohlfühlen zu können.
Dazu diese kleine Galerie -> Bilder anklicken zum Vergrößern und weiterklicken <
Die eine Seite der 400 Polaroid-Smartphoneaufnahmen-Installation von Jürgen Rinck
Irgendlink klebt Wegweiser auf den Boden, damit alle wissen, wo Gibraltar liegt
Ein Wegweiser von nahe, nach Hintertraumingen, denn auch Träumen schafft Bewusstsein
Der ganze Wegweiserkreis
Die Köpfe einer großen Holzskulptur von Peter Padubrin-Thomys
Die gleiche Skulpur ganz
Nahaufnahme eines Porträts, gemalt von Serge Wittmann
Nahaufnahme eines Porträts, gemalt von Serge Wittmann, Mensch zieht sich Folie übers Gesicht oder zieht sie ab. Fällt die Maske?
Holzskulptur von Serge Wittmann: Männlicher Oberkörper mit Würfel als Kopf, darauf kleiner Elefant
Holzskulptur von Serge Wittmann: Mensch mit Würfel statt Kopf
Holzskulptur von Serge Wittmann: Kopfwürfel auf weiblichem Oberkörper mit kariertem Stoff umwickelt, darauf Blumentopf
Holzskulptur von Serge Wittmann: Figur vor dem Kopfstand
Holzskulptur von Serge Wittmann: Figur im Lotussitz mit Kreuz auf dem quadratischen Holzkopf
Radierung von Serge Wittmann: Mensch, schwarzweiß
Radierung von Serge Wittmann: Die letzte Birne der Saison in vier Teilbildern, sie fällt runter, bevor sie der Kletternde zu fassen bekommt
Gemälde von Serge Wittmann: Friedhofsszene, Mann sitzt auf Grabplatte
Gemälde von Serge Wittmann: Atelierszene
Holzskulptur von Serge Wittmann: Holzshundchen auf Würfel
Bild von Klaus Kadel-Magin
Georg, der Klarinettist, performt ein Stück
Das begeisterte Publikum von hinten I
Das begeisterte Publikum von hinten II
Das begeisterte Publikum von hinten III
Irgendlink erholt sich von all den Gesprächen mit den Gästen
Das Glas ist leer, Zeit zum Heimfahren
Und weil wir nicht immer nur in Häusern sein mögen, haben wir am Samstag und gestern die Wanderschuhe geschnürt und sind in die Wälder und durch die Felder gezogen. Ja, Raum weitet das Bewusstsein, keine Frage!
Ob Raum wirklich kann, was der Titel verspricht, lässt sich morgen Abend und in den nächsten zwei Wochen in Lemberg (Rheinland-Pfalz) herausfinden. Denn in den Räumen eines alten Fabrikgeländes stellen vier Künstler, darunter Irgendlink, ihre Werke aus, bevor die Fabrik in Lofts umgebaut wird.
Auch wenn die Fotografie auf dem Flyer fehlt: Sie wird natürlich auch vertreten sein. Denn Irgendlink zeigt dort unter dem Titel Sieben Jahre im Smartphone – eine digitale Odyssee einen breiten Querschnitt seines Schaffens.
Auch die anderen drei Künstler haben so einiges zu erzählen und ich hoffe, wir auch. Mit euch. Vielleicht kommt ja die eine oder der andere meiner Lesenden morgen Abend vorbei?
Das wäre schön.
Infos gibts hier oder wenn du auf die Grafik klickst.