Ausgelesen #8 – Die Spuren meiner Mutter von Jodi Picoult

Buchcover von Die Spuren meiner Mutter»Die dreizehnjährige Jenna sucht ihre Mutter. Alice Metcalf verschwand zehn Jahre zuvor spurlos nach einem tragischen Vorfall im Elefantenreservat von New Hampshire, bei dem eine Tierpflegerin ums Leben kam. Nachdem Jenna schon alle Vermisstenportale im Internet durchsucht hat, wendet sie sich in ihrer Verzweiflung an die Wahrsagerin Serenity. Diese hat als Medium der Polizei beim Aufspüren von vermissten Personen geholfen, bis sie glaubte, ihre Gabe verloren zu haben. Zusammen machen sie den abgehalfterten Privatdetektiv Virgil ausfindig, der damals als Ermittler mit dem Fall der verschwundenen Elefantenforscherin Alice befasst war. Mit Hilfe von Alices Tagebuch, den damaligen Polizeiakten und Serenitys übersinnlichen Fähigkeiten begibt sich das kuriose Trio auf eine spannende und tief bewegende Spurensuche – mit verblüffender Auflösung.« Schön und gut, aber dieser Klappentext verschweigt, wie sehr mich das Buch erschüttern wird.

Ja, von der ersten bis zur letzten Seite hat es mich gefesselt, dieses Buch. Und begeistert. Und zu Tränen erschüttert. Nicht zuletzt wegen der gewählten Erzähltechnik: Die Autorin lässt kapitelweise immer wieder eine andere der Figuren in Ich-Form aus ihrer Gegenwart und Vergangenheit erzählen, was mir als Leserin nicht nur tiefen Einblick in die einzelnen Geschichten und deren Zusammenhang mit allen anderen gibt, sondern auch in die Welt der Elefanten. Schon als Kind haben mich diese Tiere fasziniert, doch darüber, dass sie so klug, so sozial und so sehr zu Trauer und Beziehungen fähig sind, wie das die Autorin – durch die Augen der Elefantenforscherin Alice – beschreibt, war mir nicht bewusst.

Trauer und Verluste sind im Grunde die roten Fäden dieses Romans – bei den Menschen ebenso wie bei Elefanten. So stehen Mutterkind-Beziehungen im Zentrum sowie immer wieder auch die Liebe zwischen Menschen und Menschen, Tieren und Tieren, Menschen und Tieren.

Alice‘ Tagebuch-Stimme erzählt immer wieder vom Elefantenalltag und den Beobachtungen desselben in der Wildnis Afrikas und im später im Reservat in den Staaten. Was ich über das Zusammenleben von Elefanten lese, lässt sich unmittelbar auf die Menschenwelt übersetzen. Jugendliche Elefantenbullen, zum Beispiel, die durch Wilderei ihre Mütter und Väter verloren haben, werden verhaltensauffällig und unverhältnismäßig aggressiv. Weil sie unnatürlich aufwachsen. Bei Elefantenherden ist es die ganze Herde, die das Elefantenkalb aufzieht. Und es sind die Matriarchinnen, die dem Rudel vorstehen. Ein intaktes Rudel, ein intaktes Matriarchat, lässt jedem Kalb genug Zeit und Raum, geborgen und beschützt heranzuwachsen. Ein Kalb wird, nach und nach, als Schwester oder Bruder, in die Aufzucht und Mitverantwortung für die anderen eingebunden, um eines Tages selbst in der Lage zu sein, ein Kalb aufzuziehen. Werden aber Matriarchinnen ihrer Größe und des begehrten Elfenbeins wegen abgeschlachtet, geht mit ihnen gleichsam die Geschichte der Herde verloren, die kollektive Erinnerung. Das Gleichgewicht des Rudels wird gestört und die jungen, zurückgelassenen Tiere wissen nicht oder noch zu wenig, wie das Rudelleben funktioniert. Das Wissen um die Wege zu den Wasserstellen geht zum Beispiel verloren ebenso wie das Wissen um die Zyklen, die Rhythmen des Überlebens in der Wildnis.

Ich schlucke immer wieder schwer beim Lesen und komme nicht umhin, Parallelen zu uns Menschen zu ziehen. Zu all den jungen Menschen, die ohne Leitplanken aufwachsen, zu all den älteren Menschen, die verlernt haben, Vorbilder zu sein.

Das Buch dreht sich aber weit mehr um Menschen als um Elefanten. Um Menschen, die etwas verloren haben, sich selbst, einen lieben Menschen, eine Gabe. Es geht um Menschen, die vermissen und die suchen.  Nicht zuletzt auch durch die feine spirituelle Note, die durch das sehr glaubwürdig dargestellte Medium Serenity eingebracht wird, hat mich dieser Roman tief berührt und erschüttert. Und auch wegen der letzten Seiten, dieser Auflösung, mit der ich so wirklich nicht gerechnet hatte, die aber schlussendlich alles Vorherige in einen Zusammenhang stellt und mich besser verstehen lässt.

Vorhin habe ich mich auf der Webseite des Elephant Sanctuary in Tennessee umgeschaut, welches im Buch vorkommt. Ein riesiges Reservat, ein Heiligtum für Elefanten, die in Zirkussen oder Zoos gelebt haben und aus unterschiedlichen Gründen schließlich ins Sanctuary übersiedelt wurden, wo sie nun endlich so artgerecht wie möglich leben können. Und ja, auf einmal sehe ich die Elefanten dort mit anderen Augen, sehe ihre Gesichter, ihre Gesten, ihre Haltung anders.

Das Buch ist ein großartiger Herz- und Augenöffner.

Herbstblattgold

Heute male ich das Blog bunt an.
Farbe fürs Gemüt.
Farbe fürs Herz und
Farbe für die Seele.

Am Sonntag wanderten wir auf den Linnerberg und gestern spazierten wir durch Laufenburg, wo Irgendlink das geflügelte Wort ’platanische Liebe’ erschuf

Das Flussnoten-Poster ist da

In den letzten Tagen haben wir unsere Flussnoten-Bilder gesichtet, Bilder, die im Sommer und Frühherbst auf unseren Reisen zu Fuß und auf dem Fahrradsattel am Rhein – von der Quelle bis zum Meer – entstanden sind.

Irgendlink hat aus den ausgewählten 96 Aufnahmen in bewährter Manier ein Poster gestaltet. Das Komponieren der Bildreihenfolge hat uns total Spaß gemacht.

Nein, die Bilder sind nicht chronologisch, aber immerhin zeigt das erste Bild oben links die Rheinquelle am Tomasee, in den Bündner Bergen. Und es gibt unsere vielen visuellen Eindrücke von der Reise wieder.

Halbtransparent darauf liegt das rot eingefasst gezeigte Flusssystem resp. Mündungsgebiet des Rheins, blau darin der Rhein vom Tomasee bis zur Rheinmündung bei Hoek van Holland.

poster-flussnoten-web1280Sichere dir dein Exemplar baldmöglichst.

Limitierte Auflage von 42 Exemplaren
Format: 40 x 60 cm, seidenmatt
Preis: Fr. 43.– resp. € 40.– (plus Versandspesen)
Nummeriert und signiert

Bestellungen bitte unter irgendlink(ät)t-online(punkt)de
(Adresse, Stückzahl, eventuell spezieller Signaturwunsch).

Beim Tod von Kindern sind wir erstmal sprachlos

Tod und Sprachlosigkeit sind ein bekanntes Gespann. Wenn Kinder sterben Kinder, kommt Hilflosigkeit dazu und macht die Situation schier unerträglich. Um dem Trauerschmerz Raum und Worte zu gehen, habe ich ein knappes Jahr nach dem Tod meines Sohnes, vor zwölf Jahren, mit anderen Menschen, die um ein Kind trauern, eine Webseite kreiert.

Screenshot der Trauerwebseite Girasol

Beim kürzlichen Relaunch der Seite haben wir neu ein Blog integriert. Heute morgen ist der erste Text einer geplanten Artikelreihe unter dem Sammelbegriff Trauern im Alltag, erschienen, einer Reihe, die wir dort in loser Folge publizieren werden (Interviews, Buchbesprechungen, Nachrufe, Erinnerungen, Trostgeschichten etc.).

Claudia vom „Meine Schwester tot und ich hier“-Blog hat mich, unter dem Pseudonym Jana, interviewt und das Interview heute Morgen aufgeschaltet. Hier lang geht es direkt ⇒ zu diesem Interview auf unserer Trauerwebseite. Gerne dürft ihr unsere Seite besuchen und weiterempfehlen.

Unser Ziel ist es, Menschen, die um ein Kind trauern, Raum für ihre Trauer zu geben, ihnen Trost anzubieten sowie Tipps und Links zur Verfügung zu stellen.
Ziel ist es auch, den Tod von Kindern zu thematisieren. Und über den Tod zu sprechen. Über den Tod, den Verlust, das Loch, die Trauer, den Schmerz.
Denn geteilter Schmerz und geteilte Trauer sind wirklich leichter zu ertragen.

Keine Regel ohne Ausnahme – Liebster-Award again

LIebsterBlog-AwardLang ist es her, dass ich hier herumgetönt habe, man möge mir doch bitte keine Stöckchen und Awards mehr zuwerfen. Nicht aus Arroganz schrieb ich das, denn ich fühlte mich immer sehr geehrt bei Nominierungen und Stöckchenwürfen in meinen Garten; eher bat ich wohl darum, weil ich nicht so gut darin bin, Regeln anderer einzuhalten. So irgendwie.

Dass ich jetzt, nach anderthalb Jahren, doch eine Ausnahme mache, hat zum einen mit den spannenden Fragen zu tun, die mir Zora Debrunner gestellt hat, die unter Demenz für Anfänger über das Leben als Enkelin einer demenzkranken Frau erzählt. Merci beaucoup, liebe Zora. Zum anderen, sagt selbst, was wäre eine Regel ohne Ausnahme? Eben!

Zoras 11 Fragen an mich:

1. Warum hast du angefangen, dieses Blog zu schreiben?
Dies hier ist bereits mein drittes Webtagebuch. Angefangen habe ich 2004, ein knappes Jahr nach dem Tod meines Sohnes, um den Verlust zu verarbeiten und meinen FreundInnen Einblick in meinen Prozess zu geben. Das Schreiben wurde immer mehr zu einer heilsamen Lebensnotwendigkeit und irgendwann wurde aus dem eher biografischen Schreiben auch ein Geschichtenschreiben. Ich habe inzwischen in einigen Büchern Geschichten veröffentlicht und schreibe regelmäßig journalistisch für eine Zeitschrift. Nach den handgestrickten Webseiten der frühen Jahre im Weweweh wechselte ich 2009 zu WordPress. An der Motivation – Alltagsbewältigung/Verarbeitung/Verdauung – hat sich nicht viel geändert, auch wenn noch andere Motive dazugekommen sind. Zum Beispiel so etwas wie ein Training für die Schreibmuskeln, zum Warmbleiben, besonders in weniger kreativen Phasen, ist das Bloggen auf jeden Fall für mich.

2. Wie kommst du zu deinen Texten? Was inspiriert dich?
Das Leben selbst füttert mich mit Schreibstoff, das Leben mit all den Ecken und Kanten, die es mir in den Weg stellt. Mein Leben ebenso wie das meiner Mitmenschen. Die stetige Veränderung meiner Umwelt bietet unendlich viel Denkfutter. Hinschauen, Denken und Schreiben sind für mich fast Synonyme Ich sehe mich als Beobachterin und als eine, die versucht, zu verstehen.

3. Würdest du gerne vom Schreiben leben? Oder, wenn dies bereits der Fall ist: was musstest du unternehmen, damit du vom Schreiben leben kannst?
Oh ja, gerne. Sehr gerne. (Hey, Fee, hast du das gehört!?)

4. Wie sähe dein perfekter Tag aus?
Oh. Äh. Perfekt? Die Perfektionistin-in-mir runzelt die Stirn, weil sie weiß, dass perfekt nicht wirklich geht. Und weil dem allzu Perfekten immer ein bisschen etwas Steriles anhaftet. Nennen wir es: beglückend, friedvoll, mich beschenkt fühlend, okay? Ein solcher Tag also ist es, wenn ich nicht (allzu sehr) ins Depressive abdrifte und am Abend zufrieden mit dem Leben und dem, was war und ist, ins Bett gehe. Dem Liebsten zuflüsternd: Danke, das war ein echt toller Tag an deiner Seite. Dieser Tag hatte genug Momente tiefster Konzentration, genug Pausen, genug Nahrung, genug Luft und Licht. Genug Lachen und Stille. Dieser Tag war wie ein Musikstück, das ich höre und mich dabei wohlfühle.
Ob Ferien-, Frei oder Arbeitstag: Ein guter Tag ist einer ohne Wecker. Ich erwache von selbst, habe gut, tief und genug geschlafen und erfreue mich am Liebsten neben mir. Nach einem gemütlichen Früh- oder Spätstück gehen wir an freien Tagen raus in die Natur (zu Fuß, mit dem Rad, mit dem Auto …) und genießen Bewegung und Ruhe. Ist es ein Arbeitstag, dann irgendwie so: am PC arbeiten, sprich am neuen Buchprojekt weiterschreiben oder ein bestehendes überarbeite, Bilder bearbeiten etc.. Mails schreiben. Kontakte pflegen. Soziale Medien besuchen. Den Gedanken Raum geben.
Am Feierabend mit einem gemütliche Abendessen – zusammen gekocht – den Tag abschließen und je nach Lust und Laune ab und zu mal ins Kino oder an ein Konzert gehen oder aber daheim gemütlich chillen, sprich lesen (!!!), einen Film schauen, Bilder appen, erzählen und zuhören, Besuch haben/machen etc. Und gerne dürfen an solchen Tagen auch andere Menschen mit dabei sein.

5. Wer hat dich in deinem Leben massgeblich geprägt?
Da muss ich im Plural antworten: Sicher die Eltern und meine Geschwister, dann aber auch nahe FreundInnen und Freunde. Und Ex-Partner. Mein Sohn, sehr. Und natürlich der Liebste. Und ja, auch Menschen wie Luisa mit ihren Büchern, Kursen, Mails und ihrem Internettagebuch.

6. An welches Erlebnis aus deiner Kindheit denkst du gerne zurück?
An meinen ersten Zelturlaub mit meinem zwölf Jahre älteren Lieblingsbruder und seiner heutigen Frau (die beiden sind seit über 40 Jahren glücklich miteinander). Mit dabei waren meine beiden fast gleich alten Geschwister. Wir haben bei Regen im Zelt Monopoly gespielt und unter den Giessbachwasserfällen Eisbecher gelöffelt. Und im Brienzersee gebadet und die Beatushöhlen besucht und … vermutlich habe ich damals den Campingvirus bekommen.

7. Dürrenmatt oder Frisch?
Wieso ‚oder‘? Ich bevorzuge ‚und‘. Würde ich aber ein Buch von Dürrenmatt oder Frisch auswählen müssen, nähme ich wohl eins von Frisch, weil ich von Dürrenmatt fast alle gelesen habe.

8. Welche Gegend magst du am liebsten und warum?
Oh, darf ich nur eine Gegend nennen? Ähm. Ich mag aber doch soo viele! Und eigentlich auch nicht wirklich nur bestimmte Gegenden, eher ganze Landstriche. Ich fange mal mit Südfrankreichs Meerstränden und Bergen an (ich sag nur Pyrenäen). Weiter geht’s in die Alpujarras in Südspanien. Und von da hüpfen wir nach Skandinavien. Sowohl den Süden Schwedens als auch Schwedisch-Lappland mit seiner Kargheit mag ich. Und auch die schwedischen Gegenden mittendrin. Und, ach, die norwegische Westküste, die natürlich auch. Sehr. Überhaupt: Norwegen! Und die Ostsee. Schleswig-Holsteins Küsten. Und die Alpen der Schweiz. Ja, die auch.
Ihr merkt es schon? Ich mag Natur, ich mag Meer, viel Himmel über mir und ich mag Berge, frische Luft, Weite, Aussicht, Weitsicht. Und Wälder, Felder und Wiesen. Und vor allem brauche ich keine Animation, ich brauche Ruhe. Und dann freu ich mich immer sehr auf mein Bett zuhause.

9. Wenn du nicht bloggen würdest (und es kein Internet gäbe), was würdest du dann tun?
Trotzdem schreiben, keine Frage. Habe ich ja auch vorher schon. Nur eben nicht öffentlich.

10. Glaubst du an das Gute im Menschen? Falls ja, warum? Falls nein, warum nicht?
Irgendwie schon. Aber. Das Gute ist ebenso vorhanden wie das Schlechte, Schlimme – so meine These. Vielleicht sind beide sogar aus dem gleichen Garn gehäkelt, denn wir sind alle alles, davon gehe ich aus. Darum sind wir auch in er Lage, Gutes und Schlimmes zu tun, oder – wie ich es lieber nenne – Lebensförderndes und Lebensfeindliches. Alles läuft auf die freie Wahl des Menschen hinaus. Sie unterscheidet uns unter anderem entscheidend vom Tier und darf nienie unterschätzt werden.
Ob wir von Natur aus gut oder schlecht sind, ist eine Frage, über die sich die PhilosophInnen aller Zeiten die Köpfe zerbrochen haben. Ich vermute eben: beides.
Wohl auch weil ich nicht wirklich an Altruismus glaube; ich denke, wir haben eher von Natur aus eine Art Überlebensaltruismus-Programm installiert. Wir Menschen wenden, um überleben zu können, gewisse Strategien an, genannt Sozialverhalten, und lernen, dass wir innerhalb tragender Beziehungen besser leben können, eben nicht nur überleben. So irgendwie ist dann irgendwie dieses Ding namens Liebe entstanden. 😉
Von Natur aus sind wir wohl aber weder gut noch böse, heißt also, wir verhalten uns sowohl lebensfördernd als auch lebensfeindlich, ich denke aber, dass wir von Natur aus, um des Überlebens willen, tendentiell lebensfördernd handeln. Was vermutlich gut ist.

11. Welchen Tipp würdest du jemandem geben, der bloggen möchte?
Nicht nach rechts und links gucken, während du schreibst. Danach aber, also nach dem Veröffentlichen, immer wieder den Kopf heben und mit denen da draußen, rechts und links, ein paar freundliche Worte wechseln – Kommentare genannt. Dient nicht nur dem Netzwerken, sondern auch der Inspiration.


Da ich nicht gut darin bin, Regeln einzuhalten, siehe oben, werfe ich – wie schon bei den früheren Awards – den Liebsten-Award wie einen Blumenstrauß aus der Hüfte in die Lüfte. Jede und jeder, der in meiner Blogrolle steht, fühle sich bitte angesprochen. Und, ähm ja, bitte auch alle, die ich noch eingefügt habe.

Ich hoffe, mein Strauß findet genau die Richtigen.

Meine Fragen/Themen an euch:

1. Welche Ausdrucksart(en) ist (sind) dir am liebsten und warum?
2. Würdest du auch ohne Internet schreiben und/oder dich selbst ausdrücken?
3. Was inspiriert dich? Was motiviert dich zum Selbstausdruck?
4. Würdest du gerne vom Schreiben/Kunsten leben? Oder, wenn dies bereits der Fall ist: was musstest du unternehmen, damit es so geworden ist?
5. Wie sähe ein Tag in deinem Leben aus, wenn es so wäre, wie du am liebsten leben würdest?
6. Erzähle bitte von jemandem, der in deinem Leben Spuren hinterlassen hat. Welche Spuren sind es und warum sind sie für dich wichtig?
7. Welche Kunstrichtungen sprechen dich als RezipientIn am meisten an (Bücher, Bilder, Theater … etc.) und warum?
8. Dürrenmatt oder Frisch? Hesse oder Brecht? Wenn ja, warum nicht?
9. Wo würdest du wohnen und leben wollen, wenn es weder sprachliche noch finanzielle Grenzen gäbe?
10. Welche Charaktereigenschaften sind dir an dir und/oder an anderen am wichtigsten?
11. Über welche Themen würdest du niemals bloggen und warum nicht?


Und zum Abschluss hier noch die Regeln für diejenigen unter euch, die den Strauß, den ich gleich in die Luft werfen werde. Sie lauten wie folgt:

1. Bedankt euch bei der Person, die euch nominiert hat, und verlinkt sie auf eurer Seite.
2. Kopiert das Award-Logo in diesem Artikel oder holt euch ein zu euch Passendes aus dem Netz und stellt es sichtbar in euren Award-Blogartikel.
3. Beantwortet die 11 Fragen, die euch gestellt wurden und veröffentlicht sie in eurem Award-Blogartikel.
4. Denkt euch 11 neue Fragen für die BloggerInnen aus, die ihr nominieren wollt und stellt die Fragen in euren Award-Blogartikel.
5. Kopiert die Regeln und stellt sie ebenfalls in euren Award-Blogartikel, damit die Nominierten wissen, was sie zu tun haben.
6. Nominiert zwischen 2 und 11 neue BloggerInnen, die ihr gerne weiter empfehlen wollt. Das sollten möglichst solche sein, die noch wenig bekannt sind, aber empfehlenswerte Inhalte bieten.
7. Stellt die neuen Nominierungen auf eurer Seite vor und gebt den jeweiligen BloggerInnen eure Nominierung persönlich bekannt.


Und jetzt! Seid ihr bereit?  Hier ist der Strauß. Ich werfe … 3-2-1-loooos!

Na, gefangen?

Schreibtagebuch #1

Vor etwas mehr als einer Woche habe ich mit meinem neuen Romanmanuskript angefangen. Aktuell bin ich bei etwa 11’000 Wörtern.

Ich habe gottgleich Figuren erschaffen, fiktive Figuren, Menschen, die ich so nicht kenne, die so und so aussehen, die so und so sprechen, die so und so fühlen. Natürlich schöpfe ich beim Schreiben auch – insbesondere da die abwesende Hauptfigur eine depressive Frau ist – aus meinen eigenen Erfahrungen.

Aber Lea ist nicht ich. Lea ist eine andere Frau mit einer anderen Geschichte als der meinen und mit anderen Erfahrungen. Ich fühle Lea sehr gut. Ich gebe ihr von mir erlittenes Leid und bürde ihr meine Schmerzen auf. So gut sich das anfühlt, so schwer fühlt es sich auch an.

Ich versuche bei den Dialogen und Erzähltexten, zwischen den einzelnen Figuren zu unterscheiden. Ob es mir gelingt? Ich weiß es nicht.

Genial ist die Arbeit mit Scrivener, einem Autorenschreibprogramm, das es mir ermöglicht, einfach zuerst die einzelnen Teile des Buches zu schreiben, um später die richtige, stimmige Reihenfolge zu finden. Zumal die Geschichte ja eh aus einzelnen Stücken besteht. Die Chronologie ist für mich – zumindest jetzt noch – zweitrangig und austauschbar. Ich werde, denke ich, wenn ich alles geschrieben habe, merken, wie ich die Teile zusammenweben soll.

Ich gestehe, dass ich daran zweifle, einen ernstzunehmenden Roman schreiben zu können. Zum einen bin ich eine NoName und alles andere als eine Kämpferin, die Schaut-her! rufen mag und sich selbst gut vermarkten kann, zum anderen ist das Thema alles andere als mainstream (nicht dass ich über coole Mainstreamthemen schreiben möchte, aber es wäre eben sicher einfacher, ein Publikum zu finden …).

Ja, ich will einen ernstzunehmenden Roman schreiben, der gelesen wird, und so einen Beitrag dazu leisten, dass wir Depressiven besser verstanden werden und dass Suizid aus der Tabuzone geholt wird. Dass Suizid besser verstanden wird. Dass sich Menschen mit diesen zwei Themen auseinandersetzen. Mit der Gesellschaft, die sie hervorbringt und füttert, wenn auch eher indirekt.

Daumendrücken erlaubt.

Suppenkochereien

Eigentlich wollte ich hier ja mal wieder etwas Geistreiches schreiben, von meinem Buchprojekt erzählen und von der Schwierigkeit, sich auf eine Geschichte einzulassen ohne dabei den Kontakt zur Außenwelt zu verlieren. Doch weil ich dazu jetzt zu müde bin – ich habe heute bei meinem neuen Buchprojekt die 10’000 Wörter-Grenze geknackt – gibt’s heute eins der vielen Bildchen, die in der letzten Woche entstanden sind. Das hier habe ich gestern auf dem Handy gebastelt habe.

Zwei ziemlich ungewöhnlich geformte Karotten mit Armen und einmontierten Gesichtern reden miteinander: Lass uns baden gehen, sagt die eine, die andere: Du Suppenkoch du.

Und jetzt lese ich weiter im Buch des Norwegers Atle Naess: Die Riemannsche Vermutung. Nein, es geht dabei nur sekundär um Mathematik, primär geht es um einen Mathematiker, der versucht eine Biografie über Riemann zu schreiben und dabei zufällig über das Leben und die Liebe stolpert. Ein literarischer, mathematik-philosophischer Genuss.

Nichtstun oder nicht Nichtstun, das ist hier die Frage

Ich gestehe, dass mir Nichtstun nicht leicht fällt. Immer hockt da der leise Innere Zensor, der mich antreibt, etwas Sinnvolles zu tun. Jetzt, mit dem neuen Buchprojekt, würde ich allerdings und sowieso am liebsten immer nur an der Kiste hocken und schreiben. Geht natürlich nicht, weil ich ja auch noch anderes tun muss, soll, will. Oder eben auch mal nichts tun.

Gestern hat mir Irgendlink gezeigt, wie das geht. Und was tue ich, derweil er auf dem Nichtstu-Sofa nichts tut? Ich zeichne. Ihn. Beim Nichtstun.

Skizze. Jürgen mit unter den Kopf gelegten Armen. Gescannt und eingefärbt.
Irgendlink beim Nichtstun. Skizze gescannt, digital nachbearbeitet und eingefärbt.

Heute habe ich den Vorsatz gefasst, jeden Tag mindestens eine Stunde zu schreiben. Am Buch. (Inzwischen habe ich schon mehr als 2000 Wörter.) Oder etwas anderes Kreatives zu tun.

Wenn ich schon nicht Nichtstun kann, dann will ich wenigstens etwas tun, das mir Freude macht und mir ein gutes Gefühl gibt. Ich habe viel zu lange nichts Kreatives mehr getan – weder sinnlos noch absichtlich. Höchste Zeit also, wieder mit Farben und Buchstaben rumzuwerkeln.

[Aber nun gehen wir raus, ziehen dem Autochen die Winterschuhe an und genießen den sonnigen Tag.]

Schreibenmüssen

Wenn ich eine Weile nicht schreiben kann, geht es mir bald nicht mehr wirklich gut. Schreiben heißt für mich aber nicht Bewerbungen schreiben, heißt nicht Einkaufszettel, nicht Auftragsartikel, nicht Twitter schreiben, und heißt noch nicht mal Blog oder Tagebuch schreiben. Wobei die zwei letzten gerade noch so taugen, damit ich überleben kann. Schreiben im Reservetank-Modus sozusagen.

Schreiben, wirklich schreiben können-wollen-müssen, heißt bei mir, dass ich an einem längeren Text arbeiten kann-will-muss. An einer fortlaufenden fiktiven Geschichte, an einem zusammenhängenden Etwas. Das kann auch, wie vor zwei Jahren, ein biografischer, noch unvollendeter Text sein; damals ein etwa 200 Seiten umfassendes Essay mit dem Arbeitstitel „Weiterleben“.

Kurz: Ein längerfristiges Projekt ist es, das ich zum Leben brauche. Solche Schreibarbeit ist für mich gleichsam das Atmen der Seele, des Herzens, die Verdauung von Gedanken, von Lebenserfahrungen. Es ist das, was mich mich lebendig fühlen lässt. Seit Monaten – was sage ich da? –, seit einem Jahr ungefähr, habe ich nichts Zusammenhängendes mehr geschrieben. Vielleicht ist das also einer der Gründe, warum es mir nicht gut geht? War es der äußere Stress im Brotjob, der mich am kreativen Schreiben hinderte oder hörte ich mit Schreiben auf und löste damit erst ein stetig wachsendes Stressempfinden aus, das mich schließlich ausbremste? Teufelkreis und eigentlich egal. Fakt ist, dass ich unter Stress nicht kreativ arbeiten, nicht schreiben, nicht sprudeln, nicht aus dem Inneren schöpfen kann. Es ist, als wären dann die Schleusen geschlossen, durch welche ich bei Nicht-Stress zu den Quellen paddeln kann.

Seit zweieinhalb Monaten, also seit ich stellenlos bin, suchte ich immer wieder nach Nischen, um endlich wieder in diesen Schreibflow zurückzufinden, der dazu beiträgt, dass es mir gutgeht. Doch seit zweieinhalb Monaten habe ich ständig so viele Dinge in mein Leben gelassen, haben sich ständig so viele Dinge in mein Leben gedrängt, dass ich keine Kraft hatte, darin nach Nischen zu suchen. Noch ein Zu-Tun mehr – denn das Schreiben wäre ja ein Zu-Tun, auch wenn es eins ist, dass ich will – war einfach nicht zu schaffen. Und so blieben die Schleusen zu.

Was aber, wenn sich eine Romanidee, die unbedingt von mir geschrieben werden will, auf einmal, nachts, im Zustand zwischen Wachsein und Traum, in meine Gedanken schleicht und mich füttert? Eine Idee, die auch im Tageslicht bestehen bleibt und dazu eine Art Synthese all meiner auf Halde liegender Romanentwürfe darstellt? Ich heiße sie herzlich willkommen und bitte sie, mich an der Hand zu nehmen. Und ich verspreche ihr Nischen, ja, ich schaffe ihr sogar Nischen und ich höre ihr zu, wenn sie souffliert.

Ausgelesen #7 − Die hellen Tage von Zsuzsa Bánk

Dichtung ist immer eine Expedition nach der Wahrheit, sagte Franz Kafka.

Vielleicht ist das der Grund, warum ich Fiktion der sogenannten Realität vorziehe. Und nein, ich glaube nicht, dass dies eine Flucht vor der Wirklichkeit ist oder dass ich vor mir selbst weglaufe, wenn ich Bücher lese, eher ist es für mich so, dass ich zuweilen über die Fiktion näher an die Wirklichkeit herankomme als auf dem sachlichen Weg. Näher und besser. So wie sich Eisentabletten mit Orangensaft besser im Körper auflösen können, gelingt es mir vielleicht eher, die Wirklichkeit über Dichtung zu verstehen. Ein erfundener, gedichteter Text, aus der Phantasie heraus entstanden, ist ebenso wahr wie die Realität. Die Wirklichkeit, wie wir sie sehen, bildet außerdem niemals das Ganze, die ’ganze Wahrheit’ ab, ist immer nur ein Ausschnitt. So heißt ’wahr’ hier also nicht ’nicht erfunden’, wahr heißt hier ’dem Leben nachgebildet oder abgeschaut’. So ist Fiktion, so ist Dichtung also eine Parabel der Wirklichkeit, ein Gleichnis der Welt.

Lese ich ein gutes Buch, begebe ich mich gleichsam, wie Kafka sagt, auf eine Forschungsreise in ein neues Land. Ich tauche in die Erkenntnisse, Hirngespinste und Herzgewebe eines anderen Menschen ein und nähere mich so seiner Wahrheit.

Buchcover Die hellen TageDie hellen Tage von Zsuzsa Bánk ist genau eins dieser Bücher, eins dieser Forschungsreisen. Mein persönliches ’Buch des Jahres’ – jedenfalls bis jetzt.

Seri, die eigentlich Therese heißt, erzählt von den hellen Tagen ihrer Kindheit in der Nähe von Heidelberg, die sie im Garten ihrer Freundin Aja verbringt. Aja ist ein Zirkuskind, stammt aus einer ungarischen Artistenfamilie und lebt mit ihrer Mutter Évi in einem Gartenhaus am Rand der Kleinstadt. Bald gesellt sich Karl zu den beiden Freundinnen und fortan leben die drei Kinder ein glückliches Dreieck. Karl hat kürzlich seinen jüngeren Bruder Ben verloren. An einem Frühlingstag ist er – innert zweier Sekunden – in ein fremdes Auto eingestiegen und nie wiedergekommen ist. Zwei Sekunden werden von jetzt an die Zeiteinheit, in der Karl alles misst. Wenn er Elfen und Schatten fotografiert, wenn er durch die Wälder streift. Zwei Sekunden, in denen sich alles verändern kann.

Die Welt der späten Sechsziger, als die Kinder noch Kinder sind und über die Zsuzsa Bánk im ersten Buchteil schreibt, ist allerdings nur scheinbar heil. Nicht nur in Karls, auch in Seris und Ajas Leben gibt es eine Leerstelle. Seris Vater starb kurz nach ihrer Geburt und Ajas Vater Zigi, Trapezkünstler in einem Zirkus, besucht die Familie nur einmal im Jahr für ein paar Wochen und ist die restliche Zeit des Jahres nur durch seine Abwesenheit anwesend.

Évi sorgt mir ihrer Herzlichkeit und Beharrlichkeit dafür, dass es den drei Kindern trotz all der Leerstellen an nichts fehlt. Maria, Seris Mutter, bringt Évi das Lesen bei und sorgt dafür, dass sie im Städtchen Arbeit finden und Fuß fassen kann. Évi hilft mit der ihr typischen Geduld Karls Eltern – Ellen und dem vornamenlosen Vater – zurück ins Leben. Beide haben nach dem Verlust ihres kleinen Sohnes den Halt verloren.

Als die drei Kinder, inzwischen erwachsen geworden, ihre Studien in Rom fortsetzen, kommt nach und nach die eine und andere Lebenslüge ans Licht. Wahrheiten, die alle nicht aus Bosheit bis dahin verschwiegen worden sind. Niemand wird verschont. Zum Glück haben die Kinder von ihren Müttern gelernt, keine Angst vor dem Leben haben zu müssen und können so den Erschütterungen – nicht ohne Narben, aber mit neu gewonnener Kraft – trotzen.

Fast möchte ich die Geschichte ein Heldenepos nennen, oder nein: eigentlich werden hier gleich mehrere Heldenepen erzählt. Es sind Geschichten von Menschen, die alle ein wenig mehr wahrnehmen, ein bisschen deutlicher hinter den Vorhang blicken können als die meisten anderen Menschen. Hochsensible Kinder und hochsensible Mütter, die die Welt auf eine ganz persönliche, ganz eigene Art sehen und auf sie zugehen.

Bánks Sprache hat mich von der ersten Seite an begeistert. Sie leiht Seri eine Stimme, die leise und eindringlich beschreibt, wie die Dinge wirklich sind und wie sie von ihnen allen wahrgenommen werden. Ich rieche Évis Küche, in der sie ihre Kuchen bäckt, die dann Karls Vater zu den Kundinnen nach Hause fährt. Ich spüre die klamme Kälte im winterlichen Gartenhaus und ich spüre das Schaukeln der Hängematten zwischen den Linden in Evis Garten. Und ich höre auch das Klackern in Karls Kopf, das ihn noch immer an die Murmeln erinnert, mit denen sein Bruder Ben und er gespielt haben. Trotz Bánks sinnlicher, beinahe poetischer Sprache sehen wir auch die Dramen, denen die Menschen in dieser Geschichte ausgesetzt sind. Alle je getroffenen Entscheidungen haben Konsequenzen, mit denen neu gelebt werden will. Dass das gelingt, verdanken alle nicht zuletzt der Liebe, dem Vertrauen, der Freundschaft – gewoben und gewachsen in all den hellen Tage. Dank ihnen lassen sich auch dunkle Tage besser ertragen.

Herzliche Leseempfehlung!